„Souverän ist, wer über den Ausnahmezustand entscheidet“, schrieb Carl Schmitt als Einleitungssatz in seine „Politische Theologie“. Und für Giorgio Agamben ist der Ausnahmezustand das Paradigma der Moderne. Doch was meinen diese Autoren mit dem Begriff des Ausnahmezustandes? Wie und zu welchem Zweck nutzen Schmitt und Agamben den Ausnahmezustand, welche Erkenntnis lässt sich aus dem Denken von der Ausnahme statt dem Normalen her ziehen?
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Carl Schmitt – Souveränität als Letztentscheidung
2.1 Das Politische
2.2 Der Staat
2.3 Die Souveränität
3 Giorgio Agamben – Das Lager als Paradigma
3.1 Ökonomie und Herrschaft
3.2 Das nackte Leben
4 Der Ausnahmezustand – Paradigma der Moderne?
5 Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht, wie Carl Schmitt und Giorgio Agamben den Begriff des Ausnahmezustands in ihr jeweiliges politisches Denken integrieren, welche erkenntnistheoretische Funktion er erfüllt und welche Schlussfolgerungen für die moderne politische Praxis daraus gezogen werden können.
- Analyse der Souveränitätslehre und des Dezisionismus bei Carl Schmitt
- Untersuchung von Herrschaft und Regierung (oikonomia) bei Giorgio Agamben
- Die biopolitische Bedeutung des "nackten Lebens" (homo sacer)
- Kritische Gegenüberstellung beider Konzeptionen im Hinblick auf die moderne Politik
Auszug aus dem Buch
2.3 Die Souveränität
„Souverän ist, wer über den Ausnahmezustand entscheidet. […] Souveränität ist höchste, nicht abgeleitete Herrschaftsmacht“ (Schmitt 1990: 11f.)
Der einleitende Satz von Schmitts Werk „Politische Theologie“ ist eine stark verknappte Darstellung seines Souveränitäts-Denkens, welches im Folgenden näher erläutert werden soll.
Carl Schmitt hat den Ausnahmezustand als einen „Grenzbegriff“ (ebd.) bestimmt, der nicht durch eine Rechtsnorm beschreibbar ist. Da es der Rechtsnorm nicht möglich ist, den Ausnahmefall inhaltlich zu definieren, sind die Kompetenzen des Souveräns, der über ihn entscheidet, „notwendig unbegrenzt“ (ebd.: 12). Mit dem Zusatz, dass es sich bei Souveränität um „nicht abgeleitete Herrschaftsmacht“ handelt, betont Schmitt zudem, dass auch der Souverän selbst außerhalb der Verfassung steht und folglich keinen anderen Instanzen unterworfen ist. Gleichzeitig gehört der Souverän für Schmitt aber zur Verfassung hinzu, da er über ihre Suspendierung entscheidet. Dieses Paradox des gleichzeitigen Außerhalb und Innerhalb des Souveräns entsteht durch dessen Definition über den Ausnahmezustand.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Diese Einleitung führt in die zentrale Fragestellung ein, wie Carl Schmitt und Giorgio Agamben den Ausnahmezustand definieren und für ihre politische Theorie instrumentalisieren.
2 Carl Schmitt – Souveränität als Letztentscheidung: In diesem Kapitel wird das Denken Schmitts anhand seiner Konzepte des Politischen, des Staates und der Souveränität dargestellt, wobei die Rolle der Entscheidung im Ausnahmezustand hervorgehoben wird.
2.1 Das Politische: Hier wird Schmitts Bestimmung des Politischen durch die Unterscheidung von Freund und Feind erläutert, welche als notwendige Voraussetzung für die Staatsbildung dient.
2.2 Der Staat: Das Kapitel analysiert den Staat bei Schmitt als maßgebliche politische Einheit, die durch das Recht auf Entscheidung über Leben und Tod sowie durch eine theologische Rückbindung legitimiert wird.
2.3 Die Souveränität: Dieser Abschnitt erläutert das Souveränitätsverständnis Schmitts als höchste Macht, die sich gerade im Ausnahmezustand durch die Suspendierung der Rechtsordnung konstituiert.
3 Giorgio Agamben – Das Lager als Paradigma: Das Kapitel beleuchtet Agambens kritische Weiterentwicklung des Ausnahmezustandsbegriffs, in der das Lager als zentrales biopolitisches Paradigma der Moderne verstanden wird.
3.1 Ökonomie und Herrschaft: Hier wird Agambens Unterscheidung zwischen politischer Theologie (Herrschaft) und ökonomischer Theologie (Regierung) analysiert, die maßgeblich für das Verständnis moderner Machtstrukturen ist.
3.2 Das nackte Leben: Das Kapitel untersucht das Konzept des "nackten Lebens" (zoé) als zentrales Element der Biopolitik, dessen Ausschluss aus der politischen Sphäre (bíos) die moderne Herrschaft konstituiert.
4 Der Ausnahmezustand – Paradigma der Moderne?: Dieses Kapitel führt beide Denker zusammen und prüft, ob Agambens Diagnose des Lagers als moderne Normalität als hilfreiches Instrument zur Analyse aktueller politischer Krisen dienen kann.
5 Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und kommt zu dem Schluss, dass trotz der Überspitzung der Thesen beider Autoren ihr Denken am "Rand" wertvolle Anhaltspunkte für die Problemanalyse liberaler Staaten bietet.
Schlüsselwörter
Ausnahmezustand, Souveränität, Carl Schmitt, Giorgio Agamben, Politische Theologie, Biopolitik, Nacktes Leben, Homo Sacer, Freund-Feind-Unterscheidung, Herrschaft, Regierung, Oikonomia, Dezisionismus, Paradigma, Moderne
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die theoretischen Konzepte des Ausnahmezustands bei Carl Schmitt und Giorgio Agamben und analysiert, wie diese Denker das Verhältnis zwischen Recht, Politik und Macht bestimmen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder sind die politische Souveränität, die Unterscheidung von Herrschaft und Regierung, die Biopolitik sowie das Verhältnis zwischen theologischen und politischen Begriffen.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es zu klären, wie Schmitt und Agamben den Ausnahmezustand verwenden und welche Erkenntnisse ihr Denken für das Verständnis der modernen politischen Lage bereithält.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine theoretische Analyse und philologische Begriffsarbeit, basierend auf der Primärliteratur der beiden Autoren und relevanter sekundärwissenschaftlicher Kommentare.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine Darstellung von Schmitts Dezisionismus und eine Analyse von Agambens Theorie der "homo-sacer"-Reihe, inklusive der Unterscheidung von Herrschaft und Regierung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den prägenden Begriffen zählen Ausnahmezustand, Souveränität, Biopolitik, nacktes Leben und Politische Theologie.
Wie unterscheidet sich Agambens Ansatz von dem Schmitts?
Während Schmitt den Ausnahmezustand als Moment der souveränen Letztentscheidung begreift, sieht Agamben in ihm ein kontinuierliches biopolitisches Regierungsparadigma der Moderne.
Welche Bedeutung hat das "nackte Leben" bei Agamben?
Das nackte Leben (zoé) stellt für Agamben dasjenige dar, das aus dem politischen Leben (bíos) ausgeschlossen und zugleich der souveränen Gewalt unterworfen wird, wodurch das Lager als moderne Struktur entsteht.
- Arbeit zitieren
- Bachelor of Arts Julia Müller (Autor:in), 2012, Die Ausnahme als Regel. Vergleichende Analyse von Carl Schmitts und Giorgio Agambens Begriff des Ausnahmezustandes, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/294500