Entwürfe für eine Zukunft am Beispiel von Texten Anna Seghers' und Alfred Döblins


Bachelorarbeit, 2013
47 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung

2. Zur Biographie Anna Seghers'
2.1. Anna Seghers im Exil
2.2. Verrat aus den eigenen Reihen
2.3. Odyssee
2.4. Sieben Jahre Mexiko

3 Rückkehr nach Deutschland

4. Das Argonautenschiff
4.1. Entstehungsgeschichte
4.2. Seefahrer- und Hafenmilieu
4.3. Stationen der Veränderung
4.4. Die Philosophie in der Jason-Erzählung
4.5. Mythos und Seghers' Jason

5 Figurenbetrachtung
5.1.Jason
5.2. Die Nebenfiguren
5.3. Medea

6 Zur Biographie Alfred Döblins
6.1. Alfred Döblin im Exil
6.2. Paris
6.3. Amerika

7. Rückkehr nach Europa

8. Letzte Ehrungen

9. Hamlet oder Die lange Nacht nimmt ein Ende
9.1.Mythologie in Döblins Hamlet
9.2. Alice und Gordon als mythische Figuren
9.3. Mythen-Figur und Roma-Figur
9.4. Krieg und Familienkrieg im Hamlet-Roman

10. Hamlet und Jason im Vergleich

11. Fazit

12. Bibliographie

1. Einleitung

Viele deutsche Schriftsteller sahen sich gezwungen, nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 Deutschland zu verlassen und ins Exil zu gehen. Einige von ihnen kehrten nach Kriegsende in ihre Heimat zurück. Die Motive dafür waren vielschichtig, oftmals nicht nur persönlicher, sondern auch politischer Natur und ebenso oft mit dem Wunsch verbunden, aktiv beim kulturellen Aufbau eines „neuen“, anderen Deutschlands mitzuwirken. In dieser Arbeit soll um die Zukunftsentwürfe zweier dieser Rückkehrer gehen, die verschiedener nicht sein könnten und deren Zeit im Exil, so unterschiedlich sie individuell betrachtet auch sein mochte, dennoch exemplarisch ist und Parallelen und Schnittpunkte aufweist: Anna Seghers und Alfred Döblin.

Hierzu soll ein Vergleich der beiden Autoren angestrebt werden. Dabei wird zum einen ihre Exilzeit und zum anderen ihre Rückkehr nach Deutschland näher betrachtet, wobei besonderes Augenmerk auf das jeweilige politische und schriftstellerische Engagement gerichtet wird, wodurch sich erste Motive und Muster für eine Zukunftsvision ableiten lassen. Dabei werden auch die Veröffentlichungen und schriftstellerischen Tätigkeiten einbezogen, die vorerst noch unveröffentlicht blieben.

Besonders wichtig für die literarische Arbeit der Autoren nach dem Exil könnten aber auch persönliche, prägende Erfahrungen gewesen sein. So wird bei beiden der Fokus nicht nur auf deren Flucht und Verfolgung durch die Nationalsozialisten liegen. Bei Anna Seghers werden deren Dualität als Jüdin und Kommunistin und ihr Autounfall Beachtung finden, während bei Döblin auf seine Konversion und seine Isolation während der Exilzeit näher eingegangen wird.

Denn auch der Emigrationsverlauf der Autoren kann durchaus Aufschluss über persönliche Zukunftsvorstellungen geben.

Ebenso wichtig ist dabei die Betrachtung der Remigration. Hier sollen die jeweiligen Motive ermittelt werden. Auch der bewusst gewählte Ort ihrer Rückkehr wird dabei berücksichtigt, da er als Ausgangspunkt für ein ihr neues Leben gilt, was im unmittelbaren Nachkriegsdeutschland nicht losgelöst von der Besatzungszone betrachtet werden kann, in der es begann.

Dabei wird vor allem auf folgende Fragen eingegangen:

Wie wurden sie von den Deutschen aufgenommen?

Wie wurden ihrer Werke aufgenommen?

Was haben sie veröffentlicht?

Haben sie sich politisch oder anderweitig engagiert?

Die Betrachtung des Exils und der Rückkehr wird also einen Einstieg und erste Möglichkeiten für einen Zukunftsentwurf bieten.

Nach der biographischen Betrachtung wird eine Werkbetrachtung folgen. Da dies nur exemplarisch geschehen kann, wurde für diesen Teil der Arbeit jeweils ein Werk gewählt. Bei Anna Seghers handelt es sich um die Erzählung Das Argonautenschiff, bei Alfred Döblin ist es der Roman Hamlet oder Eine lange Nacht geht zu ende. Beide Werke wurden aufgrund ihrer Produktionszeit und ihres Erscheinungsjahres gewählt. Sie fallen beide unter die Literatur der Nachkriegszeit und befassen sich, wenn auch inhaltlich auf sehr unterschiedliche Weise mit dem Motiv der Heimkehr nach einer lang andauernden Reise.

Eine weitere Vergleichsmöglichkeit bietet sich anhand der Verarbeitung eines Mythen­Stoffes.

Dies soll dann auch im Zuge einer Werkanalyse näher betrachtet werden, welche jedoch im Rahmen dieser Arbeit recht punktuell ausfallen muss. Dennoch sollen Art und Darstellungsweise des Mythos ebenso ermittelt werden, wie dessen Position und Funktion innerhalb des Werkes und dessen Wirkung und Rezeption.

Weiter wird untersucht werden, ob die Figuren aus der Mythologie stammen oder die Mythos-Figuren nur als Hilfsmittel zur Verdeutlichung benutzt werden.

Ebenso ist zu klären, welche Bedeutung der jeweils gewählte Mythos für die Geschichte hat, wie der Mythos verwendet wird und ob eventuelle Veränderungen beziehungsweise Modifizierungen vorliegen.

Besonderes Hauptaugenmerk wird dabei auf die Analyse und Interpretation der Figuren der Texte gelegt, deren Entwicklung beleuchtet und ihre Beziehungen zueinander aufgedeckt und bewertet wird.

Des weiteren wird es darum gehen, warum sich die Autoren möglicherweise für die Bearbeitung jenes Mythen-Stoffes entschieden haben und welche Aspekte, wie Krieg und Verfolgung dabei nicht zu vernachlässigen sind.

Am Ende sollen Beantwortung dieser Fragen, Analysepunkte und vor allem der Vergleich der Autoren und ihrer Werke zeigen, welcher Zukunftsentwurf für die Figuren bereitgehalten wurde und ob sich dies auch auf die Autoren und ihr Leben beziehen ließe. Hier könnte vor allem der Bereich der persönlichen Erfahrungen eine Rolle spielen.

2. Zur Biographie Anna Seghers'

2.1. Anna Seghers im Exil

Da in dieser Arbeit davon ausgegangen wird, dass besonders Exil- und Heimkehrersituation das Werk der Schriftstellerin nach Kriegsende maßgeblich geprägt haben könnte, sollen hier kurz einige Stationen dieser Zeit näher betrachtet werden.

Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 ist Anna Seghers als Jüdin und engagierte Kommunistin gleich doppelt bedroht und so werden dann auch ihre Bücher schon kurz nach der Machtübernahme Hitlers auf die sogenannten 'Schwarzen Listen' gesetzt. Nach einer Hausdurchsuchung durch die Gestapo wurde die Schriftstellerin verhaftet, konnte jedoch trotzt Überwachung über die Schweiz nach Frankreich fliehen.[1] Ebenso wie Döblin, ging Seghers zunächst allein ins Exil, ihr Ehemann László Radványi folgte ihr mit den gemeinsamen Kindern jedoch kurz darauf. Ihre Eltern jedoch sollte Anna Seghers nie wiedersehen. Der Vater starb 1940, die Mutter wurde 1943 in Auschwitz ermordet.

Bis 1947 lebte Anna Seghers im Exil. Sie war eine von vielen hundert deutschen Schriftstellern, deren Werke die Kontinuität und Bedeutung der deutschen Literatur während der Hitlerzeit im Ausland aufrechterhalten haben. Wie [...] viele andere Autoren war sie unermüdlich in ihrer Anklage gegen die Greultaten der Hitler­Diktatur. Anna Seghers (begriff) das Exil als politische und menschliche Herausforderung, die erstaunliche Energienfreisetzte.[2]

Zur produktivsten Schaffenszeit Anna Seghers gehören deshalb auch die Jahre in Paris. Hier lebte sie bis 1940 in einer kleinen Wohnung im Stadtteil Bellevue. Von dort aus reiste sie unter anderem nach Österreich, um für ihren dokumentarischen Roman Weg durch den Februar (1935) zu recherchieren und später für ihren Roman Die Rettung (1937) nach Belgien.[3]

Doch auch die Ereignisse in Deutschland verfolgte sie mit großem Interesse. Bedrohung, Verfolgung, Vertreibung und Absprache des Heimatrechts durch die Nationalsozialisten konnten nicht dafür sorgen, sich von ihrem Land abzuwenden. Vielmehr wurde ihre Vaterlandsliebe verstärkt und dies tat sie dann auch in einer gleichnamigen Rede im Mai 1935 kund.[4]

Auf die massive Infragestellung ihrer Identität als deutsch-jüdische Schriftstellerin reagierte Seghers mit einer Reihe von Deutschlandromanen, geschrieben im Exil, in denen sie sich ihres Heimatbezugs vergewisserte. Seghers modifizierte und intensivierte die Grundintension ihres Schreibens aus der Zeit der Weimarer Republik, sie erweiterte ihr Arsenal an Formen, Stilmitteln und Schreibweisen, was eher untypischfür die deutschsprachige Exilliteratur war.[5]

Sie engagierte sich stark und war beispielsweise an der Neugründung des in Deutschland verbotenen „Schutzbundes deutscher Schriftsteller“ beteiligt und rief Autoren zum antifaschistischen Widerstand auf. So unter anderem auch 1935, '37 und '38 während Ansprachen auf den „Internationalen Schriftstellerkongressen zur Verteidigung der Kultur“ in Paris und Spanien.[6]

Des Weiteren war sie politisch aktiv, verfasste Artikel für die Freilassung Ernst Thälmanns und schrieb den Nachruf auf den Reichstagsabgeordneten der KPD Hans Beimler, welcher im Spanienkrieg erschossen wurde. Das, was sie an Literarischem schrieb, wurde in den Exilzeitschriften, der antifaschistischen Exilpresse oder Exilverlagen veröffentlicht.[7]

Finanziell jedoch blieb sie trotz dieser honorierten Veröffentlichungen wie viele Exilanten auf die Hilfe anderer angewiesen. In ihrem Fall waren es Familie und die KPD.[8]

2.2. Verrat aus den eigenen Reihen

Ein wichtiger Einschnitt für die Schriftstellerin Anna Seghers war der Nichtangriffsvertrag zwischen Hitler und Stalin 1939, der zu großen Irritationen in den kommunistischen Reihen führte. Aus Gründen des Schutzes und der Unterstützung verließ Seghers jedoch verständlicherweise nicht die Partei. Für sie bedeutete der Pakt jedoch Verrat und führte zu einer existentiellen Krise, die sie verschleiert in ihrem Roman Transit verarbeitete, wie auch SONJA HILZIGER bemerkt.

DerRoman 'Transit'ist durchzogenvonerzählerischen VariationenzumThema Treue und Verrat, Bleiben und Im-Stich-Lassen - ein Thema, das Seghers von da an immer wieder beschäftigen und ihr erzählerisches Grundmuster auf spezifische Weise modifizieren wird.[9]

Wie ein roter Faden, durchziehen gescheiterte Kämpfe das Werk Anna Seghers', wobei die Ursache des unausweichlichen Scheiterns vor dem Hitler-Stalin-Pakt die Übermacht des Gegners war. Laut Hilziger verändert Seghers danach ihr Erzählmuster und so wird der Verrat aus den eigenen Reihen zur Ursache des Scheiterns.[10]

2.3. Odyssee

Nach der Kapitulation Frankreichs im Sommer 1940 begann für Seghers wie für viele Exilanten eine Odyssee. Zunächst floh sie mit ihren Kindern, jedoch ohne ihren Mann[11], in den unbesetzten Süden Frankreichs, wo sie nach einem Aufenthalt in Pamier in Marseille landete.[12]

Am Morgen steht plötzlich die Wehrmacht mit ihren Lastwagen im Dorf, deutsche Soldaten durchsuchen die Häuser. Anna Seghers schärft ihren Kindern ein, ausschließlich französisch zu sprechen. Nur dadurch kann sie als französische Mutter mit ihren beiden Kindern gelten.[13]

Die fast akzentfreie Beherrschung der französischen Sprache rettet Anna Seghers und ihren Kindern wahrscheinlich das Leben.

Mit der Unterstützung des amerikanischen Joint Antifascist Refugee Committees erhielt die Schriftstellerin für sich und ihre Familie Visa für Mexiko. Ein Visum für die Vereinigten Staaten wurde ihnen jedoch aufgrund des politischen Hintergrundes der Schriftstellerin verwehrt.[14]

Über die Karibischen Inseln und die New Yorker Einreiseinsel Ellis Island, wo sie jeweils wochenlang festgehalten wurden und vom FBI als »most dangerous agents« und »Stalinist leaders« eingestuft wurden, kamen sie schließlich im Herbst 1941 nach[15]

2.4. Sieben Jahre Mexiko

Die Schriftstellerin lebte dann in Mexiko City und traf dort nicht nur auf alte Bekannte, sondern konnte auch neue Kontakte knüpfen. In den nächsten sieben Jahren arbeitete sie an ihrem umfangreichsten Roman Die Toten bleiben jung und an der Erzählung Ausflug der toten Mädchen sowie an zahlreichen Essays.[16]

Die aus Deutschland und Österreich stammenden kommunistischen Emigranten schlossen sich in Mexiko zu einer kleinen Kolonie zusammen, auch wenn dies nach den Kominternregeln verboten war und organisierten Zusammenschlüsse und Veranstaltungen politischer und kultureller Natur, wie beispielsweise den Heinrich Heine-Klub, zu dessen Präsidentin man Anna Seghers ernannte.

Außerdem wurde die Zeitschrift Freies Deutschland gegründet und unter der Leitung Walter Jankas entstand der Exilverlag El libro libre. Um den Menschen ihres Gastlandes die deutsche Kultur näher zu bringen, wurden Diskussionsabende, Theateraufführungen und Lesungen organisiert. Andererseits bewahrten sich die Exilanten so eine eigene, deutschsprachige Kultur. Dies war besonders wichtig unter dem Aspekt, dass sich das Leben der Emigranten im Hinblick auf Enge und Isolation nach Frankreich verschärft hatte.[17]

Seit der Überfahrt nach Ellis Island und auch während der gesamten Exilzeit in Mexiko wurde Anna Seghers vom FBI überwacht, das seit den 40er-Jahren eine rund Tausendblatt starke Akte über sie anlegte.[18]

Im bereits erwähnten Exilverlag wurde dann auch ihr bereits in Amerika erschienener Roman Das siebte Kreuz erstmals in deutscher Sprache veröffentlicht. Der Roman wurde ein Erfolg. So war er Bestseller in Amerika, ein Book of the Month Club - Titel und als Comic-Strip-Version in Zwanzig-Millionen-Auflage auch Pflichtlektüre für amerikanische Soldaten.[19] Dies führte zur Entspannung der finanziellen Situation für Seghers und ihre Familie. Dennoch gilt das Jahr 1943 eines der schwersten für die Schriftstellerin. Ihre Heimatstadt Mainz wurde zerbombt und die Nachricht über die Ermordung ihrer Mutter erreichte sie.[20]

Im Juni 1943 wurde sie dann auf dem sehr belebten Boulevard Paseo de la Reforma angefahren. Der Unfallfahrer flüchtete, was zu Anschlagsvermutungen führte. Die Schriftstellerin lag wochenlang im Koma, ihr Erinnerungsvermögen kehrte erst nach Monaten zurück und sie erlitt eine Verletzung der Augennerven.[21] UTE BRANDES sieht deshalb in der Erzählung Ausflug der toten Mädchen »ein Dokument ihrer Genesung und gleichzeitig ein Bekenntnis zu ihrer Kindheit und der deutschen Heimat.[22]

Das Ende des Krieges und damit die Rückkehr in die Heimat wurde immer wahrscheinlicher, nachdem Hitler in Stalingrad unterlag. Nun wurde diskutiert, welche politischen Programme in Deutschland realisiert werden sollten und dabei kam es auch zu Meinungsverschiedenheiten.[23]

Welches Ziel für Anna Seghers zu diesem Zeitpunkt bestand, wird in ihrem Brief an Kurt Kesten im Januar 1945 deutlich: "Ich glaube, man muß zuerst alles, aber auch alles tun, um Hitler zu erledigen und nachher kann man sich balgen um die neue Weltordnung"[24]

Zur Aufgabe der Entfaschisierung bekannte sich Anna Seghers, so HILZINGER, auch in ihrem Aufsatz Deutschland und wir.

Sie begriff sich als Deutsche, und dies nicht nur, weil sie als Schriftstellerin vor allem in der deutschsprachigen Kultur verwurzelt war, sondern weil sie dieses Land, das ihre Heimat war, liebte und aus dieser Vaterlandsliebe heraus eine Verantwortung für seine Zukunft empfand.[25]

Nachdem ihre Kinder Mexiko für ein Studium in Paris bereits in den Jahren '45 und '46 verlassen hatte, führte nun auch Anna Seghers' Weg zurück nach Europa. Ihr Ehemann Laszlo Radványi blieb vorerst in Mexiko und folgte ihr dann 1952 nach Ost-Berlin.[26]

3. Rückkehr nach Deutschland

Wie bereits erwähnt, trat Anna Seghers im Januar 1947 den Rückweg nach Deutschland ohne Radványi an. »Er kann sich ein Leben im Land der Täter nicht vorstellen, ein Wiederanknüpfen an die Existenz vor 1933, so als wäre nichts geschehen. « schreibt MONIKA MELCHERT in Heimkehr in ein kaltes Land}[27]

Ihr Weg nach Deutschland führte über Texas und New York, Schweden und Paris, bevor sie in ihrer zerstörten Heimatstadt Mainz ankam. Am 22. April 1947 erreichte sie schließlich Berlin Tegel mit einem französischen Militärzug. Laut Melchert war sie erschrocken über das Ausmaß der Zerstörung und »wie entsetzlich der Faschismus das Land verwüstet hat, innen und außen, vor allem innen. «[28]

Ein Motiv scheint ausschlaggebend für die Rückkehr der Seghers gewesen zu sein, denn sie erwähnt es auch in ihrem ersten publizistischen Beitrag mit einem Gruß an die Bevölkerung Berlins: »Ich habe mich in der Emigration nach der deutschen Sprache gesehnt. «[29]

Während sie nun in der Folgezeit die Stadt besichtigt und die von ihr schon in Mexiko ersonnene Verwüstung erkennt, ist sie über die Menschen wahrlich erstaunt. Denn, so MELCHERT Seghers zitierend, »was sie wirklich erschüttert, ist das Ausmaß der Verwüstung in den Köpfen ihrer Landsleute: Menschen, die im Innern so zertrümmert sind wie ihre Städte von außen. « [30]

Anna Seghers muss im Inneren einen Kampf ausgefochten haben, denn nun prallen zwei Empfindungen zusammen. Zum einen ist da die Sehnsucht nach ihrem Heimatland und zum anderen das Gefühl des Vergessenseins in eben diesem. Auch werden sie Gedanken an ein sicheres Leben in Mexiko und der unbedingte Wille zur Teilhabe am deutschen Wiederaufbau zwiegespalten haben. Anna Seghers will sich beteiligen und einbringen: »Zeile um Zeile, Seemeile um Seemeile, dem einzigen Ziel entgegen, das allen Menschen gemeinsam ist: der Wahrheit! «[31]

Anna Seghers erkannte jedoch schnell, dass der Neuentwurf nicht nur für die Städte, sondern auch für die Menschen gilt. Auch wenn die Erinnerung und die Phantasie die Heimat von der Ferne aus bunt und verlockend aussehen haben lassen, so war doch das Gegenteil der Fall. Nicht nur die Zerstörung durch den Krieg, sondern auch die Teilung der Stadt in die Sektoren der Alliierten wird einen Anteil an der Kälte die Seghers empfand gehabt haben.

Immer wieder wird sie in jenen Wochen gefragt, warum sie zurückgekehrt sei [...] und [Seghers] erklärt es, so einfach und so anschaulich wie nur möglich: "Der Dichter Tugenjew hatte einmal, im Zeichen des schwärzesten Zarismus, von seiner Sprache gesagt: In Zeiten der Dunkelheit, der Verfolgung bist du allein mir Trost und Hilfe, meine alte Sprache. So hat auch uns, in welche Länder wir auch verschlagen wurden, die deutsche Sprache Trost und Hilfe gegeben." [...] Und diese Sprache ist ihr Instrument, mit dem sie formen und erreichen kann, was ihr wichtig ist, die Sprache ihrer Literatur.[32]

Diese Aussage Anna Seghers über das Motiv ihrer Heimkehr scheint alles zu überragen und zeigt, wie wichtig ihr das Schreiben und dessen Wirkung auf das Denken und Handeln der Menschen war.

Ebenfalls im Jahr 1947 wurde Anna Seghers für ihren Roman Das siebte Kreuz der Darmstädter Büchner-Preis verliehen. Hier hatte sie ihren ersten und letzten Auftritt im Westen Deutschlands nach ihrer Rückkehr. Der Kalte Krieg sorgte nun für die erneute Trennung von einem großen Teil ihrer Leserschaft und wieder einmal blieb ihr aufgrund ihres kommunistischen Engagements der Zutritt in ein Land versagt, dieses Mal handelte es sich um den Zutritt in den Westen Deutschlands.[33] Aber die Seghers engagierte sich weiter, zum Beispiel in der Weltfriedensbewegung oder 1950 für ein Atomwaffenverbot, indem sie am Stockholmer Appell mitwirkte. Ebenso unternahm sie viele Reisen, die sie unter anderem nach Frankreich, China, Polen, Schweden und in die Sowjetunion zu den Kongressen des Weltfriedensrates führten.[34]

Ihr Mann Laszlo Radványi folgte Seghers dann 1952 nach Ostberlin. Im Jahr 1955 wurde sie dann dort zur Vorsitzenden des Schriftstellerverbandes ernannt, was sie bis 1978 blieb.[35]

Sie publizierte weitere Romane und Erzählungen, die sehr unterschiedliche Resonanz in derNachkriegsliteraturfanden, darunter "Die Entscheidung" (1959), "Die Kraft der Schwachen” (1965), "Das Vertrauen” (1968), Das wirkliche Blau” (1967), "Überfahrt"(1971), "Steinzeit, Wiederbegegnung"(1977).[36]

Ihre erste in der DDR veröffentlichte Erzählung war 1953 Das Argonautenschiff, auf die in Kürze näher eingegangen wird.

Anna Seghers zog sich immer mehr aus der Öffentlichkeit zurück, was dem Druck, den die Staatsführung ausübte zugeschrieben wird.[37] Sie äußerte sich auch nicht mehr zu politisch-kontroversen Vorkommnissen, wie beispielsweise die Ausbürgerung des Schriftstellers Wolfgang Biermann 1976 und legte 1978 ihr Amt als Präsidentin des Schriftstellerverbandes nieder. Am 1. Juni 1983 starb die Schriftstellerin in Berlin.

4. Das Argonautenschiff

4.1. Entstehungsgeschichte

SONJA HILZINGER beschreibt die Erzählung Das Argonautenschiff als »poetische und rätselhafte Geschichte, in der sich Mythos, zeitgenössische Realität und Innenwelt vermischen«[38] Genau wie Seghers ist auch die Figur Jason ein Rückkehrer und diese autobiographische Dimension, lässt erahnen, in welcher Einsamkeit und Depression die remigrierte Schriftstellerin gelebt hatte.[39]

Nachdem Anna Seghers 1947 aus dem mexikanischen Exil heimgekehrt war, befand sie sich für circa zwei Jahre in einer sehr produktiven Phase des Schreibens. In dieser Zeit entstanden beispielsweise die sogenannten Antillen-Geschichten, Die Hochzeit von Haiti und Wiedereinführung der Sklaverei in Guadeloupe und eben Das Argonautenschiff. Zunächst fanden diese keine große Beachtung, erst als sie 1953 im ersten Band des Bienenstocks erneut erschienen, kam es zu ratlosen bis zurückhaltenden Reaktionen.[40]

1948 griff Anna Seghers die Geschichte von Jason und Medea in ihrer Erzählung Das Argonautenschiff auf, diejedoch erst 1953 veröffentlicht wurde.[41]

[...]


[1] Siehe: Brandes, Ute; Anna Seghers; S. 19. (Brandes, Ute (1992): Anna Seghers.; in: Köpfe des 20. Jahrhunderts. Bd. 117.; Berlin: Colloquium Verlag. Im Folgenden: Brandes).

[2] Ebenda.

[3] Vgl. Brandes; S. 20.

[4] Vgl. Hilzinger, Sonja; AnnaSeghers; S. 48 ff. (Hilzinger, Sonja (2000): AnnaSeghers.; Stuttgart: Reclam Verlag. Im Folgenden: Hilziger).

[5] Ebenda S. 49.

[6] Vgl. Brandes; S. 20.

[7] Vgl. Ebenda; S. 50. »[...] wie in den Neuen deutschen Blättern (Prag), deren Mitherausgeberin sie war, oder in den in Moskau erscheinenden deutschsprachigen Zeitschrift Das Wort und Internationale Literatur. Ihre Romane erschienen in deutscher Sprache in Exilverlagen wie Querido (Amsterdam) oder Editions du carrefour (Paris).«

[8] Vgl. Ebenda; S. 52.

[9] Vgl. Ebenda; S. 54.

[10] Vgl. Ebenda;S.55.

[11] »Ihr Mann wurde, wie alle 'feindlichen Ausländer', im Süden Frankreichs interniert; von Januar 1940 bis Ende des Jahres war er in dem Internierungslager Le Vernet, bis Frühjahr 1941 in Les Milles.« (Hilzinger; S. 55)

[12] Vgl. Ebenda; S. 55 ff.

[13] Melchert, Monika; Heimkehr in ein kaltes Land; S. 16. (Melchert, Monika (2011): Heimkehr in ein kaltes Land. Anna Seghers in Berlin 1947 bis 1952.; Berlin: Verlag für Berlin-Brandenburg. Im Folgenden: Melchert)

[14] »Seghers, wie auch andere kommunistische Emigranten, wurde in den Unterlagen der amerikanischen Behörden als ''camouflaged Communist'' geführt und galt als ''a Stalinist writer [...]. « (Hilzinger; S.56).

[15] Brandes; S.21.

[16] Vgl. Schrade, Andreas; Anna Seghers-, S.70. (Schrade, Andreas (1993): Anna Seghers. ; Stuttgart, Weimar: Verlag J. B. Metzler. Im Folgenden: Schrade).

[17] Vgl. Hilzinger; S. 58.

[18] Vgl. Ebenda. »Wie Alexander Stephan recherchiert hat, haben die Geheimdienste der Exilländer, allen voran das FBI, die Exilierten überwacht. Den Akten ist zu entnehmen, dass das FBI eine Bedrohung der Demokratie durch die "Communiazis" befürchtete. [...] Mit den üblichen Mitteln wie Postzensur, Überwachung von Wohnungen und Personen, Auswertung der Exilpublikationen usw. legten die Geheimdienstagenten eine Materialsammlung an, der wir nicht nur wichtige Informationen verdanken, sondern auch z.T. Erste englische Übersetzungen von Seghers-Erzählungen.«

[19] Vgl. Brandes; S.22.

[20] Vgl. Ebenda.

[21] Vgl. Ebenda; S. 23, sowie: Hilzinger; S. 60.

[22] Vgl. Ebenda.

[23] Vgl. Ebenda.

[24] Siehe: Brandes; S.23.

[25] Hilzinger; S.61.

[26] Vgl. Brandes; S. 23.

[27] Melchert; S. 15.

[28] Ebenda; S. 7.

[29] Vgl. Ebenda;S.8.

[30] Ebenda; S.9.

[31] Melchert; S. 10.

[32] Ebenda; S. 16.

[33] Vgl. Hilzinger; S. 63 ff.

[34] Vgl. Ebenda;S.64.

[35] Ebenda.

[36] Ndiaye, Seynabou; ,, Wer schreibt, handelt.“; S. 35. (Ndiaye, Seynabou (2009): ,, Wer schreibt, handelt.“ Exilliteratur und politisches Engagement bei Anna Seghers und Mongo Beti. ; in: Europäische Hochschulschriften. Reihe 1. Deutsche Sprache und Literatur. ; Frankfurt am Main, Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Wien: Peter Lang internationaler Verlag der Wissenschaft. Im Folgenden: Ndiaye).

[37] Vgl. Ebenda;S.36.

[38] Hilzinger; S. 66.

[39] Vgl. Ebenda.

[40] Vgl. Diersen, Inge; Jason 1948 -ProblematischeHeimkehr; S. 107. (Diersen, Inge (1992): Jason 1948 - Problematische Heimkehr. ; in: Anna-Seghers-Gesellschaft Berlin und Mainz e. V. (Hrsg.): Argonautenschiff. Jahrbuch der Anna-Seghers-GesellschaftBerlin undMainz e. V; 1-1992.; Berlin und Weimar: Aufbau-Verlag. Im Folgenden: Diersen).

[41] Vgl. Bartel, Heike; Der Blick auf Medea; S. 60. (Bartel, Heike (2007): Der Blick auf Medea: Erzählperspektive und Mythenkritik in Anna Seghers' Erzählung »Das Argonautenschiff«. ; in: Anna- Seghers-Gesellschaft Berlin und Mainz e. V. (Hrsg.): Argonautenschiff. Jahrbuch der Anna-Seghers- Gesellschaft Berlin und Mainz e.V.16-2007. Märchen, Sagen, Mythen und Legenden im Werk von Anna Seghers.; Berlin: Aufbau-Verlag. Im Folgenden: Bartel).

Ende der Leseprobe aus 47 Seiten

Details

Titel
Entwürfe für eine Zukunft am Beispiel von Texten Anna Seghers' und Alfred Döblins
Hochschule
Universität Potsdam  (Institut für Germanistik)
Note
2,0
Autor
Jahr
2013
Seiten
47
Katalognummer
V294703
ISBN (eBook)
9783656930228
ISBN (Buch)
9783656930235
Dateigröße
604 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Exilliteratur, Anna Seghers, Alfred Döblin, Exil, deutsche Schriftsteller, Das Argonautenschiff, Hamlet oder Die lange Nacht nimmt ein Ende, Mythos, Medea, Hamlet, Jason, NS
Arbeit zitieren
Anja Schweppe (Autor), 2013, Entwürfe für eine Zukunft am Beispiel von Texten Anna Seghers' und Alfred Döblins, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/294703

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