Ernst Jünger und die (Post-) Moderne. Betrachtung des Essays "Der Arbeiter. Herrschaft und Gestalt" und des Romans "Eumeswil"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2014
24 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Ausgangspunkte der Werkbetrachtung
1. Moderne und Modernismus
2. Der Erste Weltkrieg als Signum der Moderne
3. Der „schillernde“ Begriff der Postmoderne

III. Werkbetrachtung
1. Der Arbeiter. Herrschaft und Gestalt – Die entgrenzte Moderne
2. Eumeswil – „Die Welt ist farblos“

III. Fazit

IV. Literaturverzeichnis

I. Einleitung

Ernst Jünger war Beobachter und Chronist gigantischer Katastrophen, Umbrüche und Vernichtungen und er war auch immer wieder unmittelbar in sie involviert. Er hat sie mit glasklarer Schärfe wahrgenommen und mit unerreichter sprachlicher Präzision beschrieben.1

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit dem Verhältnis Ernst Jüngers (1895-1998) zu den Erscheinungen der Moderne und Postmoderne. Anhand seines Werkes soll sich dem vielschichtigen, streitbaren Themenkomplex um Moderne, Modernismus und Postmoderne genähert werden.

Dass auch der Autor selbst einen gewissen Streitwert besitzt, ist bekannt. Wir tun uns oft schwer mit seinem Werk, das auch mehr als zehn Jahre nach seinem Tod noch Faszination und Bestürzung auslöst und noch immer Anlass zur Auseinandersetzung bietet.2 In der langjährigen Debatte über die Frage, wie sein Werk – vor allem mit Bezug auf seine oft „apologetische[...] oder gar verherrlichende[...] Darstellung des Krieges, wegen antipazifistische[r] und antidemokratische[r] Implikationen“ und „seiner extremistischen Rhetorik“ – ideologisch einzuordnen sei, divergieren die Positionen in hohem Maße.3 (Kiesel 1994: 95; Herzinger 1994: 76) Unumstritten ist jedoch, dass „die erfahrungsgesättigte Reflexion der [...] Moderne“ einen Hauptaspekt des Jüngerschen Werkes bildet. (Kiesel 1994: 81) Im Hinblick auf sein Frühwerk wurde ihm die Eigenschaft des unangefochtenen „Chronist[en] der Moderne“ zugeschrieben.4 (Koslowski 1991: 166) Gleichzeitig taucht sein Name auch vermehrt in der Diskussion um postmoderne Themen und Darstellungsformen auf.5

Die Bestrebungen dieser Arbeit liegen somit nicht in der Entwicklung oder Bestätigung eines bestimmten Jünger-Bildes vor dem Hintergrund der Rechts-Links-Dichtomie, sondern richten das Hauptaugenmerk auf die für das Verhältnis von Moderne und Postmoderne charakteristischen Thematiken, die zu Beginn dieser Arbeit herausgestellt werden. 6

Die vorliegende Auseinandersetzung mit dem Jüngerschen Werk nimmt den Hinweis Krons auf, dass das Werk Ernst Jüngers nur zu verstehen sei, wenn man es als ein Werk im Übergang von der Moderne zur Postmoderne begreift. Umgekehrt gilt: Die Problematik von Moderne und Postmoderne lässt sich durch den Blick auf Jüngers Werk [...] präziser erfassen und reflektieren. (Kron 1998: 15f.)

Hieraus leitet sich das Erkenntnisinteresse der Arbeit ab: Zum einen soll untersucht werden, wie Ernst Jünger die Moderne reflektiert, wie die Problematiken der Moderne hier zutage treten, welche Vision der Moderne er entwickelt und auf welche Weise er sich später den für die – oft als „leere Worthülse“7 bezeichnete – Postmoderne charakteristischen Themen nähert. (Zima 1997: 1) Zum anderen soll anhand dieser Untersuchung eine Annäherung an das Verhältnis von Moderne und Postmoderne erfolgen. Wo liegen die thematischen Kontinuitäten, gibt es sichtbare Brüche? Die Analyse ist primär auf die inhaltliche, thematische Auseinandersetzung Jüngers mit seiner Zeit fokussiert. Seine stilistische Herangehensweise kann hier nicht ausschöpfend behandelt werden.8

Aufgrund der ausschweifenden Schaffenswut Ernst Jüngers ist es unmöglich hier eine umfassende Analyse seines Gesamtwerkes vorzulegen, so dass die Analyse anhand zweier charakteristischer Werke erfolgt: Untersucht wird das 1932 veröffentlichte Großessay Der Arbeiter. Herrschaft und Gestalt, welches unbestritten als „Schlüsseltext der Moderne“ gilt und der 1977 erschienen Roman Eumeswil, der als Fortführung der zeitkritischen Reflexionen Jüngers angesehen werden kann und in die Diskussion um postmoderne Fragestellungen aufgenommen wurde (Weitin 2003: 125; vgl. Schirnding: 23). Beide Texte zeigen exemplarisch, wie sehr Jüngers Schreiben von seinen präzisen Wahrnehmungen seiner Zeit geprägt ist.

Im Vorfeld der Werkbetrachtungen soll ein Überblick über jene Aspekte gegeben werden, die für das Verständnis des Werkes Jüngers sowie für die Analyse des selbigen grundlegenden Charakter besitzen. Da die Diskussionen um Moderne und Postmoderne nicht selten von einer gewissen Unbestimmtheit geprägt sind, werden zunächst die Begrifflichkeiten konkretisiert und deren zentrale thematische Charakteristika herausgearbeitet. Die Annäherung an eine begriffliche Bestimmung ist im Hinblick auf eine klare Analyse bedeutsam. In diesem Rahmen wird zudem der Erste Weltkrieg als „Signatur des technisch-industriellen Zeitalters“ näher beleuchtet, da die Kriegserfahrungen im gesamten Jüngerschen Werk eine grundlegende Bedeutung erfahren und stellvertretend für seine Modernewahrnehmung gelten müssen. (Segeberg 1991: 338) Anhand der vorangestellten Themenkomplexe erfolgt anschließend die Betrachtung der beiden Werke, deren Erkenntnisse in einem abschließenden Fazit ausgewertet werden.

II. Ausgangspunkte der Werkbetrachtung

Das Deutsche Architekturmuseum Frankfurt zeigt aktuell die Ausstellung MISSION: POSTMODERN – Heinrich Klotz und die Wunderkammer DAM, Peter Sloterdijk schreibt über die „Selbstauflösung der Moderne, die alle Kontinuitäten verweigert“ (Schmidt 2014); zudem ist vermehrt die Rede von einer „postmodernen Außenpolitik“ (Lobenstein 2014; vgl. Rapp/ Spörl 2014). Die Begrifflichkeiten sind gegenwärtig und scheinen dennoch weiterhin von einer gewissen Diffusität begleitet zu werden, deren Gefahr in der Beliebigkeit der Verwendung liegt. Für die Betrachtung des Werkes Ernst Jüngers wird somit eine Konkretisierung der Begriffe angestrebt.

Die Arbeit folgt der von Fechner (1990: 20 zit. n. Zima 1997: 3) formulierten Notwendigkeit, „den Begriff von Moderne, der der jeweiligen Rede von Postmoderne zugrunde liegt, aufzuhellen.“ Davon ausgehend werden zunächst die Charakteristika der klassischen Moderne und deren Aufweichungsprozess, primär in Anlehnung an John King (2003), erläutert.9 Anschließend wird darauf aufbauend der „schillernde[...] und umstrittene[...] Begriff der Postmoderne“ umrissen. (Welsch 1991: 193) Dabei stützt sich die Arbeit hauptsächlich auf die Postmoderne-Konzeption von Wolfgang Welsch, der sich wiederum auf postmoderne Klassiker wie Jean-François Lyotard und Jean Baudrillard beziehen.

1. Moderne und Modernismus

Dem Phänomen der Moderne wird sich anhand der Hervorhebung dreier charakteristischer Hauptaspekte genähert: der „Privilegierung des Selbst“, des autonomen Subjekts; des Vorherrschens von instrumenteller Vernunft und wissenschaftlicher Erkenntnisansprüche sowie der Schaffung „totalisierender Metaerzählungen“ (King 2003: 7).

Im Zentrum der (klassischen) Moderne steht „das autonome Subjekt der philosophischen Aufklärung“ (van Reijen 1992: 7 z. n. Bruder 1995). Bereits der Renaissance-Humanismus strebte nach dem Recht des Individuums auf rationale Autonomie, die ihn befähigt, „sich als mit Geschichte und Natur verbunden zu sehen.“ (Abbagnano 1967: 70 zit. n. King 2003: 48). Zudem rückte die Aufklärung den Subjekt-Status erneut ins Zentrum. Das Denken der Moderne wird somit grundlegende von der „aufklärerischen Subjektautonomie“ bestimmt. (Welsch 1991: 210)

Eng mit der Fokussierung auf das „starke Subjekt“ verknüpft ist die Vorrangstellung „einer spezifischen instrumentellen Rationalität“ (Welsch 1991: 210; King 2003: 49). Mittels (natur-) wissenschaftlicher Forschung und Gesetzgebung soll die Welt erklärbar und berechenbar werden: Diese Vorrangstellung mag durchaus der moderne Zug schlechthin sein, denn er schließt das Zentrieren des Menschen als des höchsten Subjekts in sich, das nach Erkenntnis der Natur und Macht über sie strebt und sich so mittels Vernunft, wissenschaftlicher Forschung und Systematisierung von der Natur befreit. (ebd: 49)

In den modernen philosophischen Entwürfen wurde das Subjekt somit „als Beobachter der Welt“ bestimmt. (Landgraf 1999) Damit einher geht auch die Annahme der Veränderbarkeit der Welt: „Wandel konnte geplant werden.“10 (Technische) Innovation wird positiv gewertet. (von Beyme 1996: 39) Man glaubt „an die Machbarkeit von Welt und Geschichte. [...] Modernes Denken kreiste um Handeln [...].“ (ebd.: 176) Die gesellschaftliche Entwicklung wird in diesem Sinne „mit Comte und Hegel als lineare oder dialektische [...] Entfaltung zu immer höheren Stadien“ gedacht. (Zima 1997: 116)

Kennzeichnend ist darüber hinaus die Konstruktion von Universalismen, von kohärenten Weltbildern, die die Lücke ausfüllen sollten, die das Gefühl der verloren gegangenen Religion im Sinne der Feststellung Nietzsches, dass „Gott todt ist.“11, hinterließ. Gott hatte bis dato als „Garant [...] des Sinnes der menschlichen Existenz“ gedient. (King 2003: 50) Diese göttliche Ordnung wird nun von der Moderne ersetzt: Es werden absolute Erklärungsmodelle entworfen, um neue Legitimationsgrundlagen für ethisches und politisches Handeln zu erhalten. (vgl. ebd.)

Der Prozess der Modernisierung, der durch die theoretischen Errungenschaften der klassischen Moderne möglich wurde und in dessen Zentrum die Industrielle Revolution steht,12 wirkt sich auf die drei beschriebenen Annahmen der Moderne aus.

Die ungekannte beschleunigte Abfolge von tiefgreifenden Veränderungen in der Welt, verursacht durch die rasanten Entwicklungen in Technik und Wissenschaft,13 geht mit einem wachsenden Gefühl von Unsicherheit einher: Zwar strebt die Moderne, wie dargelegt, Universalismus an, ruft jedoch paradoxerweise ein „radikale[s] Gefühl der Zersplitterung“, der Sinnlosigkeit, hervor, das sich auf die Formel Max Webers von der „Entzauberung der Welt“ verdichten lässt: Der Mensch ist „den instrumentalisierten und rationalisierten Kräften“ unterworfen, die der Moderne immanent sind.14 (King 2003: 55) Diese Ambivalenz zeigt sich auch bezüglich des Umgangs mit technischen Neuerungen: Grundsätzlich werden diese euphorisch begrüßt; gleichzeitig schwingt – unter dem Eindruck der Mechanisierung sämtlicher Lebensbereiche – immer auch eine gewisse Furcht vor einer technischen Ausuferung mit. (vgl. Weitin 2003: 20ff.)

Dieses „Unbehangen in der Moderne“ wirkt sich auch auf die intellektuelle Elite aus, so dass die Annahmen der klassischen Moderne von den zeitgenössischen Wissenschaftlern und Philosophen nach und nach in Frage gestellt werden: Das einheitliche, vernunftgeleitete Subjekt wird durch die Wirkung Nietzsches und Freuds, durch die Entdeckung der Macht des Unbewussten, angezweifelt. (vgl. King 2003: 56) Die mathematischen Naturwissenschaften erlebten zudem eine Krise: Die Theorien Einsteins, Heisenbergs und Gödels stellen das vertraute, festgefügte Weltbild in Frage und schaffen Zweifel an den totalisierenden Erklärungsmodellen. (Welsch 1991: 199) Verstärkt wird dieser Angriff durch den Historismus, der „alle Erscheinungen des menschlichen Lebens wesentlich als Geschichte und damit als zeitbedingt und veränderlich“ betrachtet und somit ebenfalls die Gültigkeit universaler Konzeptionen anzweifelt. (Reill 1975: 274 z. n. Demant 2008: 26)

Die Moderne dekonstruiert sich also durch ihre inneren Unvereinbarkeiten selbst und lässt die durch einen Konsens legitimierten kulturellen und ethischen Normen ungewiss werden. (vgl. King 2003: 7) Die verschiedenen künstlerischen, literarischen und philosophischen Reaktionen auf die neuen Unsicherheiten lassen sich mit Sheppard’s Begriff des Modernismus beschreiben (Sheppard 1993: 7f. z. n. King 2003: 59): Der Modernismus kann bezeichnet werden als

[...] eine heterogene Menge verschiedener Antworten auf einen globalen Modernisierungsprozess seitens einer Generation, die eine Reihe von Annahmen verinnerlicht hatte, die mit den diesem Prozess innewohnenden Werten in Konflikt standen und die daher die Modernisierung als eine kulturelle Umwälzung erlebten [...]. Aber der Modernismus war mehr als nur ein Reflex, er brachte auch den aktiven Versuch mit sich, die Komplexitäten jenes Prozesses zu verstehen [...].

Als „spätmoderne Selbstkritik der Moderne“ (Zima 1997: XI) ist der Modernismus – wie in Kapitel II. 3 deutlich werden wird – fließend mit einem postmodernes Denken verknüpft, dem diese Kritik nicht mehr weit genug geht. Zunächst wird jedoch auf einen bedeutsamen Aspekt der heterogenen Reaktionen des Modernismus eingegangen: auf die Sehnsucht nach dem Krieg.

2. Der Erste Weltkrieg als Signum der Moderne

Für eine Betrachtung des Werkes Ernst Jüngers, dessen Stahlgewitter15 zu den bekanntesten und umstrittensten Kriegstagebüchern gehören, ist es bedeutsam, die Moderne auch im Lichte des Ersten Weltkrieges zu betrachten.

Viele Zeitgenossen empfinden den Ausbruch des Ersten Weltkrieges als heroische Befreiung aus „der positivistischen und rationalistischen Moderne, die sich der Richtigkeit ihres Weltbildes und ihrer immerzu besser werdenden Zukunft gewiss war.“ Man erhofft sich eine „Entfesselung von Seelen- und Lebenskräften, die durch den Positivismus und Utilitarismus der Vorkriegszeit unterdrückt wurden.“ (Kiesel 1994: 85; 91) Dem Krieg wird ein kathartischer Moment zugedacht, der zu einem Leben führen soll, das authentischer als jenes in der wilhelminischen Gesellschaft ist:16

Gerade darum wirkt der Krieg wie ein Vergrößerungsglas. Er reißt alles ab, was überflüssig und unecht ist, und bringt das Wahre und Wesentliche zum Vorschein. (van Crefeld 2013)

So meldet sich auch Ernst Jünger, der bereits als Schüler zur Fremdenlegion aufbrach, um dem bürgerlichen Leben zu entfliehen, als Kriegsfreiwilliger. (vgl. Rohkrämer 1999: 302) Das Ausmaß der Zerstörung des Krieges übersteigt jedoch jegliche Vorstellungskraft und offenbart die begrenzte Erklärungskraft des rationalen Nützlichkeitsdenkens ebenso wie die Fragwürdigkeit des unbedingten Glaubens an den humanitären Fortschritt. Im Krieg enthüllt sich der „der Technik innewohnenden Machtcharakter“ (Jünger 1932: 158) und „der für das technische Zeitalter insgesamt charakteristische ‚Auflösungsprozess am Individuum’.“ (Weitin 2003: 127) Die maschinelle Zerstörungskraft, die in der Materialschlacht gipfelt, lässt somit die destruktive Seite der Moderne und die Herrschaft der Technik über den Menschen sichtbar werden. Diese nachhaltige Schockerfahrung wird zur prägenden Moderneerfahrung, die auch das Jüngersche Werk wesentlich bestimmt. (vgl. ebd.: 14)

Der Erste Weltkrieg führt die charakteristischen Annahmen der Moderne erneut ad absurdum. Auf diese Unterminierung reagieren viele Intellektuelle, indem sie verschiedene Strategien anwenden, um mit unterschiedlichem Erfolg das Individuum zu rezentrieren und neue totalisierende Metaerzählungen zu entwerfen.17 18

3. Der „schillernde“ Begriff der Postmoderne

Der Begriff der Postmoderne19, der dieser Arbeit – vornehmlich in Anlehnung an Wolfgang Welsch – zugrunde liegt, fasst die Postmoderne als Erscheinung auf, die die Moderne und den Modernismus nicht gänzlich hinter sich lässt, sondern vieles davon aufnimmt. Sie „nimmt allerdings auch eine Umschichtung vor“. 20 (Welsch 1991: 195) Zentrale Motive der Postmoderne sind also in der Moderne und im Modernismus längst vorhanden: „So gesehen, bedeutet der Postmodernismus nicht das Ende des Modernismus, sondern dessen Geburt, dessen permanente Geburt.“ (Lyotard 1990: 45)

Die bereits im Modernismus aufleuchtenden Motive werden jedoch in der Postmoderne dominanter. Die „Symptome einer Zeitenwende“ sind somit durchaus sichtbar (Zima 1997: 1):

Den Postmodernisten geht die (spät-) moderne Selbstkritik nicht weit genug, weil sie Schlüsselbegriffe der Moderne wie Individuum, Subjekt, Wahrheit und Utopie [...] nicht mehr ohne weiteres akzeptieren können. (ebd.: XII)

Das Phänomen der Postmoderne wird also von der im vorangegangenen Kapitel beschriebenen Krise des modernen Wertesystems geprägt. Vier Themenkomplexe, die für das postmoderne Denken besonders wesenhaft sind, sollen – trotz des Wissens um die schwierige Greifbarkeit des Phänomens – im Hinblick auf die Werkanalyse herausgestellt werden: das Postulieren des Endes der großen erkenntnisleitenden Erzählungen, die Auflösung des Subjekts, die Pluralisierung der Welt sowie das neue Geschichts- und Zeitempfindens.

Lyotard konstatiert ein Ende der großen narrativen Projekt: Weltbeschreibungen, die universale Erklärungsansprüche für sich geltend machen, haben ihre Glaubwürdigkeit verloren.21 Somit greift er den modernistischen Zweifel an einheitlichen Erklärungsmodellen auf und erteilt nicht nur dem Projekt der Aufklärung eine Absage, sondern bezieht beispielsweise auch den Marxismus mit ein in seine Kritik an den „métarécits“, den großen Erzählungen. (Lyotard 1979: 7 z. n. Zima 1997: 16) Diese seien fehlgeschlagen in ihrem Versuch, eine plurale Wirklichkeit aus einer einzigen Perspektive zu betrachten.

Nicht nur wird ein Ende der großen Erzählungen konstatiert. Auch von einem Ende der (Ideen-) Geschichte ist die Rede. Diese Feststellung drückte Arnold Gehlen bereits 1952 angesichts der Situation des Kalten Krieges mit dem Begriff „Posthistoire“ aus: „Ich exponiere mich also mit der Voraussage, daß die Ideengeschichte abgeschlossen ist und daß wir im Posthistoire angekommen sind [...]. (Gehlen 1988: 141) Zwar sollen Postmoderne und Posthistoire hier nicht vermischt werden, jedoch geht die vorliegende Arbeit in Anlehnung an Zima davon aus, dass die Zeitdiagnose des Posthistoire, an die auch später Baudrillard anschließt, die Theorie der Postmoderne Lyotards ergänzt und gar vorwegnimmt. Beide Begriffe heben die Unglaubwürdigkeit der großen Ideologien hervor. (vgl. Zima 1997: 16)

Mit der Kritik an den Einheitskonzeptionen der Moderne geht die Betonung der Koexistenz des Verschiedenen, der Pluralität, einher:22 Aufgrund der Heterogenität der Welt und der Autonomisierung der Lebens- und Wertsphären ist die Wirklichkeit nur mit pluralen Modellen und situationsspezifischen Konzeptionen zu erfassen. Es gibt keine eine Wahrheit, keine Autorität, vielmehr existiert eine Vielzahl an Wahrheiten gleichzeitig.23 Was die Moderne als Rationalität versteht, wird somit von der Postmoderne als Einschränkung des Blickfeldes erlebt (van Reijen 1992: 283 z. n. Bruder 1995). In diesem Zuge setzt sich Nietzsches Einsicht durch [...], „wie wenig Vernunft, wie sehr der Zufall unter den Menschen herrscht.“24 (Nietzsche z. n. Zima 1997: 116).

[...]


1 So der ehemalige Kulturstaatsminister Bernd Neumann in seiner Rede zur Ausstellungseröffnung Ernst Jünger. Arbeiter am Abgrund, 2010.

2 So versucht beispielsweise Pschera (2008) eine neue Herangehensweise an das Jüngersche Werk.

3 So wird er als „Theoretiker des Nationalsozialismus“, seine Texte als Anleitung zur Machtergreifung bezeichnet. Andere betonen, dass er „dem Nationalismus nach dessen Machtergreifung die Mitarbeit“ verweigerte. (siehe dazu Koslowski 1991: 66; Herzinger 1994: 76) Wiederum andere sehen in seinen Schriften eine Hinwendung zum Bolschewismus (siehe dazu Weitin 2003: 372). Die vorliegende Arbeit kann auf die Bewertung der ideologischen Bezüge seiner Texte nicht umfassend eingehen. Kiesel (1994) gibt diesbezüglich einen Überblick: 128. Zur Einordnung Jüngers in die Gruppe der Konservativen Revolutionäre siehe Rohkrämer 2004: 214. Zu Gemeinsamkeiten zwischen Ernst Jünger und Heiner Müller: siehe Weitin (2003). Parallelen zwischen Jünger und Brecht zeigt Roberts (1986) auf.

4 Auch Jünger selbst verstand seine Texte als seismographische Zeitdiagnosen. (Vgl. Jünger 1950: 9)

5 So beispielsweise bei Renner (1995), Kröll (1997), Bergsdorf (1995) und Kron (1998).

6 Die Arbeit schließt sich hier Segeberg und Kiesel an, die konstatieren, dass Jüngers „Entwicklung nicht als allmähliche Entfaltung einer in sich konsistenten Ideologie interpretiert“ und die Links-Rechts-Dichotomie diesbezüglich als „zu vereinfacht“ gelten muss. (Segeberg 1991: 338; Kiesel 1994: 134). Diese Feststellung soll Jünger jedoch in keinem Fall von der Verantwortung freisprechen, dass seine Arbeiten bis 1933 „ein geistiges Klima und eine Stimmungslage förderten, die vom Nationalsozialismus benutzt werden konnten.“ (Koslowski 1991: 66)

7 Zu den prominentesten Kritikern der Postmoderne zählt Jürgen Habermas, der fragt, ob Postmoderne nicht nur ein Phrase sei, unter der sich antimoderne Strömungen wiederfinden: Siehe Habermas (1990).

8 Zum Schreibstil Jüngers siehe Kron (1998: 95): Er bewertet seine Texte „als eigenständige[n] Beitrag innerhalb der Avantgarde“. Für Kiesel (1994: 109) hingegen wirken sie „traditionell“. Auch hier wird deutlich, wie divergierend die Interpretationen um das Jüngersche Werk ausfallen können.

9 John King beruft sich wiederum auf den Soziologen Zygmunt Baumann.

10 Prämoderne Theoretiker beschrieben Wandel als Gott gegeben oder als umweltbedingt. Die Möglichkeit des menschlichen Einflusses wurde noch nicht mitgedacht. (von Beyme 1996: 39)

11 Beispielsweise in: Also sprach Zarathustra, KSA (Bd. 4), S. 14. Während des 20. Jahrhunderts ist Nietzsche ein bedeutsamer Orientierungspunkt für Künstler und Philosophen unterschiedlichster Denkrichtungen gewesen. So auch im besonderen Maße für Jünger. Siehe dazu bspw.: Meyer (1993).

12 Auf diesen Prozess kann hier nicht im Detail eingegangen werden. Wichtig sind in unserem Zusammenhang die Auswirkungen auf die drei herausgestellten charakteristischen Aspekte der Moderne.

13 Einen Überblick darüber gibt Segeberg (1997).

14 „Weber erwartete von der rationalistischen Moderne vornehmlich drei Dinge: die Zunahme der Rationalisierungszwänge, das Hervortreten eines radikalen Fachmenschentums und einen immer schärfer werdenden Antagonismus konkurrierender Wertsphären.“ (Kiesel 1994: 81)

15 Jünger, Ernst (1922): In Stahlgewittern. Aus dem Tagebuch eines Stoßtruppführers. Berlin: Verlag von E. S. Mittler & Sohn. Abrufbar unter: http://www.gutenberg.org/files/34099/34099-h/34099-h.htm.

16 Zur Katastrophenerfahrung in der Moderne siehe: Heinrichs, Hans-Jürgen (1987): Die katastrophale Moderne. Von der Endzeitstimmung zur Alltagsmagie. Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag.

17 Siehe dazu: King 2003: 74ff.

18 Welsch 1991: 193.

19 Zur Genealogie des Ausdrucks Postmoderne siehe Welsch (1988): 12ff.

20 Auch gegenwärtig wirken vormoderne, moderne, modernistische sowie postmoderne Tendenzen in zusammen, so dass es nicht sinnvoll sein kann, den Beginn einer rein postmodernen Zeit auf ein bestimmtes Jahrzehnt festzulegen. Diese Arbeit wendet sich also gegen die Auffassung der Moderne als abgeschlossene Epoche wie sie Koslowsky (1991: 13) beschreibt: „Wir können die Epoche der Moderne als eine Einheit sehen, [...] als etwas, das einen gewissen Abschluß erreicht hat.“

21 Lyotards Werk « La condition postmoderne. Rapport sur le savoir » (Paris 1979: Editions de Minuit) gilt als grundlegend für die Diskussion um das Phänomen der Postmoderne.

22 Kritiker werfen dem postmodernen Denken im Hinblick auf die Betonung der Pluralität bzw. des Partikularen Beliebigkeit, Indifferenz oder „Spielerei einer übersättigten Zeit“ vor, die zur willkürlichen Austauschbarkeit von Werten und somit zur Verantwortungslosigkeit führe. (vgl. Bruder 1995)

23 Die Welt wird also nicht mehr vornehmlich nach dem Bild der Wissenschaft konstruiert.

24 Wie in Anmerkung 12 erwähnt ist der Einfluss Nietzsches während des 20. Jahrhunderts unübersehbar. Dies gilt auch für die Vertreter der Postmoderne: „Nahezu alle wichtigen Themen der [...] postmodernen Philosophien werden von Friedrich Nietzsches Werk antizipiert.“ (Zima 1997: 114f.)

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Ernst Jünger und die (Post-) Moderne. Betrachtung des Essays "Der Arbeiter. Herrschaft und Gestalt" und des Romans "Eumeswil"
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Otto-Suhr-Institut)
Note
1,0
Autor
Jahr
2014
Seiten
24
Katalognummer
V294765
ISBN (eBook)
9783656925507
ISBN (Buch)
9783656925514
Dateigröße
459 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Ernst Jünger, Postmoderne, Moderne, Politische Philosophie, Politische Theorie, Eumeswil, Der Arbeiter, Herrschaft und Gestalt, Konservative Revolution, In Stahlgewittern
Arbeit zitieren
Anne-Sophie Schmidt (Autor), 2014, Ernst Jünger und die (Post-) Moderne. Betrachtung des Essays "Der Arbeiter. Herrschaft und Gestalt" und des Romans "Eumeswil", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/294765

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