Das Maßgeblichkeitsprinzip stellt im deutschen Bilanzrecht die Bindung der Steuerbilanz an die Handelsbilanz her. Den Begriff der Steuerbilanz kennt das Steuerrecht nicht. Wenn von dieser Bilanz die Rede ist, ist damit die um steuerliche Vorschriften korrigierte Handelsbilanz gemeint, die der Steuerbemessungsgrundlage dient. Prinzipiell liegt die Idee des Maßgeblichkeitsprinzips in einer sog. Einheitsbilanz, die sowohl handels- als auch steuerrechtlich verwendbar ist.
So schlagen sich die Grundsätze ordnungsmäßiger Buchführung auf die steuerliche Gewinnermittlung nieder. Die Grundsätze ordnungsmäßiger Buchführung (GoB) sind Regeln zur Rechnungslegung, die bei der Buchführung und der Erstellung von Jahresabschlüssen berücksichtigt werden müssen. Dabei sollen die formellen Grundsätze einer besseren Information gegenüber den Adressaten dienen sowie die Vergleichbarkeit der einzelnen Jahresabschlüsse ermöglichen. Die materiellen Grundsätze sorgen für eine vollständige und richtige Buchführung.
Durch eine steigende Bedeutung der Informationsfunktion der Handelsbilanz auf der einen Seite und einer Vielzahl steuerlicher Wahlrechte auf der anderen Seite, haben sich im Laufe der letzten Jahrzehnte immer größere Abweichungen zwischen der Handelsbilanz und der Bilanz zur steuerlichen Gewinnermittlung (im Folgenden: Steuerbilanz) ergeben. Die Bilanzierung latenter Steuern hat dadurch in großem Umfang zugenommen. Darüber hinaus hat sich das Erstellen einer Einheitsbilanz als immer schwieriger erwiesen, was für die Unternehmen zu einem nicht unerheblichen Mehraufwand geführt hat. Auch die Bedeutung internationaler Rechnungslegungsstandards haben Handels- und Steuerbilanz weiter voneinander getrennt. Dennoch wird bei der handelsrechtlichen Gewinnermittlung weiterhin viel Wert auf die Einhaltung der GoB gelegt, die aber steuerrechtlich unterlaufen werden können.
Diese Seminararbeit zeigt zunächst die für das Maßgeblichkeitsprinzip zugrundeliegende Rechtsnorm des § 5 Abs. 1 EStG und seine praktische Bedeutung auf. In einer Bestandsaufnahme werden Ziele und Wirkung des Maßgeblichkeitsprinzips sowie die verschiedenen Formen und Ausnahmen näher betrachtet. Anschließend werden wesentliche Veränderungen im Rahmen des BilMoG aufgeführt. In der Betrachtung einer Zukunft des Maßgeblichkeitsprinzips wird eine mögliche Entwicklung dargestellt, die schwerpunktmäßig den Einfluss internationaler Rechnungslegungsstandards berücksichtigt.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Die Rechtsnorm § 5 Abs. 1 EStG und dessen praktische Bedeutung im Unternehmen
2.1 Ziele und Wirkung des Maßgeblichkeitsprinzips
2.2 Formen und Ausnahmen des Maßgeblichkeitsprinzips
2.2.1 Materielle Maßgeblichkeit
2.2.2 Formelle Maßgeblichkeit und dessen Ausnahmen
2.2.3 Umgekehrte Maßgeblichkeit
2.3 Einfluss des BilMoG auf das Maßgeblichkeitsprinzip und deren Auswirkungen in der Praxis
3 Zukünftige Entwicklung der Bedeutung des Maßgeblichkeitsprinzips
3.1 Einfluss internationaler Rechnungslegungsstandards (IFRS)
3.2 Aufgabe der Einheitsbilanz
3.3 Zunehmende Globalisierung als Antreiber
4 Schlusswort
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit analysiert die Bedeutung des Maßgeblichkeitsprinzips nach § 5 Abs. 1 EStG im deutschen Bilanzrecht sowie die Auswirkungen des Bilanzrechtsmodernisierungsgesetzes (BilMoG). Ziel ist es, die historische Entwicklung der Einheitsbilanz sowie die zunehmende Trennung von Handels- und Steuerbilanz im Kontext internationaler Rechnungslegungsstandards zu untersuchen.
- Rechtliche Grundlagen des Maßgeblichkeitsprinzips
- Formen der Maßgeblichkeit (materiell, formell, umgekehrt)
- Auswirkungen des BilMoG auf die Steuerbilanz
- Einfluss internationaler Standards (IFRS) auf die nationale Rechnungslegung
- Zukunftsperspektiven der Einheitsbilanz
Auszug aus dem Buch
2.2.1 Materielle Maßgeblichkeit
Bei der Maßgeblichkeit wird nach zwei Formen unterschieden. Die materielle Maßgeblichkeit beschreibt, dass die Vorgaben aus dem Handels(bilanz)recht auch für die Ermittlung des Gewinns für die Steuerbilanz Anwendung finden müssen – sowohl dem Grunde nach als auch der Höhe nach. Konkret bedeutet dies, dass die Grundsätze ordnungsmäßiger Buchführung auch bei der steuerlichen Gewinnermittlung berücksichtigt werden müssen. Daraus ergibt sich für den Steuerpflichtigen, dass alles, was nach Handelsrecht zu aktivieren ist, auch steuerrechtlich aktiviert werden muss (Aktivierungsgebot); was nach Handelsrecht zu passivieren ist, muss auch steuerrechtlich passiviert werden (Passivierungsgebot). Ebenso müssen die nach Handelsrecht vorgeschriebenen Aktivierungs- und Passivierungsverbote auch auf die steuerliche Gewinnermittlung übertragen werden.
Für handelsrechtliche Aktivierungs- und Passivierungswahlrechte hat der Große Senat des BFH im Beschluss vom 03.02.1969 entschieden, dass diese nicht maßgebend für die Steuerbilanz sind. Hier ergibt sich aus einem handelsrechtlichen Aktivierungswahlrecht (z. B. § 250 Abs. 3 HGB) ein steuerrechtliches Aktivierungsgebot; ein handelsrechtliches Passivierungswahlrecht (z. B. § 249 HGB a. F.) führt hingegen zu einem steuerrechtlichen Passivierungsverbot. Begründet wurde dies vom BFH damit, dass bei der steuerlichen Gewinnermittlung der volle Gewinn ausgewiesen werden soll und es nicht im Ermessen des Unternehmens liegen darf, die Ertragslage durch Nichtaktivierung/-passivierung in der Steuerbilanz anders darzustellen, als handelsrechtlich möglich.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Einführung in das Maßgeblichkeitsprinzip und die Problematik der Bindung der Steuerbilanz an die Handelsbilanz.
2 Die Rechtsnorm § 5 Abs. 1 EStG und dessen praktische Bedeutung im Unternehmen: Erläuterung der gesetzlichen Grundlagen, der verschiedenen Formen der Maßgeblichkeit und der Praxisänderungen durch das BilMoG.
3 Zukünftige Entwicklung der Bedeutung des Maßgeblichkeitsprinzips: Analyse des Einflusses internationaler Standards, der potenziellen Aufgabe der Einheitsbilanz und globaler Treiber der Rechnungslegung.
4 Schlusswort: Zusammenfassende Bewertung der zunehmenden Entkoppelung von Handels- und Steuerbilanz sowie der kritischen Sichtweise für kleine Unternehmen.
Schlüsselwörter
Maßgeblichkeitsprinzip, Steuerbilanz, Handelsbilanz, BilMoG, GoB, Einheitsbilanz, Bilanzrecht, IFRS, Steuerrecht, Gewinnermittlung, Wahlrechte, Latente Steuern, Rechnungslegung, Globalisierung, Kapitalmarkt
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit behandelt die Entwicklung und rechtliche Einordnung des Maßgeblichkeitsprinzips im deutschen Steuerrecht, welches die steuerliche Gewinnermittlung an handelsrechtliche Vorgaben bindet.
Welche zentralen Themenfelder werden abgedeckt?
Zentrale Themen sind die verschiedenen Ausprägungen der Maßgeblichkeit (materielle und formelle), die Auswirkungen der Bilanzrechtsreform (BilMoG) sowie die Interaktion mit internationalen Standards wie IFRS.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist die Analyse der schwindenden Bedeutung der Einheitsbilanz und die Untersuchung, wie Gesetzesänderungen das Auseinanderfallen von Handels- und Steuerbilanz forcieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine rechtswissenschaftliche und betriebswirtschaftliche Analyse der aktuellen Gesetzgebung sowie der Rechtsprechung, insbesondere unter Einbeziehung des BilMoG.
Was wird im Hauptteil detailliert behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Darstellung der Rechtsnormen, die Aufschlüsselung der Maßgeblichkeitsarten und die Untersuchung des Einflusses des BilMoG auf die Praxis der Bilanzierung.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Maßgeblichkeitsprinzip, BilMoG, Steuerbilanz und Einheitsbilanz definiert.
Warum wurde die "umgekehrte Maßgeblichkeit" abgeschafft?
Sie wurde abgeschafft, um Verzerrungen der Informationsfunktion in der Handelsbilanz zu vermeiden und eine realitätsnähere Darstellung der wirtschaftlichen Lage zu ermöglichen.
Welche Rolle spielen IFRS für kleine Unternehmen?
Der Trend zur IFRS-Bilanzierung wird für kleine Unternehmen als kritisch angesehen, da internationale Finanzmärkte für sie oft keine direkte Relevanz haben, der administrative Aufwand jedoch steigt.
Was bedeutet das BilMoG für die praktische Unternehmensführung?
Unternehmen müssen verstärkt separate Verzeichnisse führen und bei Abweichungen zwischen Handels- und Steuerbilanz latente Steuern bilanzieren, was den administrativen Mehraufwand erhöht.
Wie beeinflusst die Globalisierung die Rechnungslegung?
Die Globalisierung treibt die Harmonisierung der Rechnungslegungssysteme voran, um Unternehmensinformationen international vergleichbar und transparent zu gestalten.
- Arbeit zitieren
- Timo Hagedorn (Autor:in), 2014, Maßgeblichkeitsprinzip nach § 5 Abs. 1 EStG. Bestandsaufnahme und Ausblick, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/294931