Die soziale Frage bei Gerhart Hauptmann

Eine kulturwissenschaftliche und literaturwissenschaftliche Studie anhand ausgewählter Werke


Masterarbeit, 2015

71 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Industrialisierung, ,soziale Frage‘ und Naturalismus - zur Kultur der Industriegesellschaft im 19. Jahrhundert
1.1 Zur Industrialisierung
1.1.1 Zu den sozialen Folgen vor dem Hintergrund technischer und sozioökonomischer Entwicklungslinien in Deutschland: Zur ,sozialen Frage‘
1.1.2 Auswirkungen der Industrialisierung auf die Kultur
1.2 Der Naturalismus: Theorie und Verflechtungen
1.3 Naturalismus und technischer Fortschritt: Zur Rolle des Naturalismus und des Einzugs der ,sozialen Frage‘ in Kunst und Literatur

2. Die ,soziale Frage‘ in der deutschen Literatur des 19. Jahrhunderts -analysiert am Beispiel des Dramas Die Weber von Gerhart Hauptmann
2.1. Soziales Drama? Motive der Industrialisierung im naturalistischen Drama
2.2. Aspekte zum methodischen Vorgehen und der Analyse des Textes hinsichtlich der Thematisierung der ,sozialen Frage‘
2.2.1. Entstehungszeit und dargestellte Zeit: Die Weber im Spiegel der Wirklichkeit
2.2.2. Zur Gesellschaftsstruktur
2.2.3 Die Bedeutung der ,sozialen Frage‘ im Frühwerk Gerhart Hauptmanns
2.3. Zwischenfazit

3. Zum Motiv der Technik in der novellistischen Studie Bahnwärter Thiel von Gerhart Hauptmann
3.1. Abgrenzung: Novelle versus novellistische Studie
3.2. Zum Technikmotiv im Bahnwärter Thiel
3.2.1. Korrelation Naturalismus und Symbolismus
3.2.2. Die Psyche Thiels: Spiegelbild einer Entfremdung von der Natur durch Technik?
3.2.3. Das Individuum als Opfer der ,Umstände‘
3.3. Zwischenfazit

4. Fazit und Ausblick

5. Literaturverzeichnis

1. Industrialisierung, ,soziale Frage‘ und Naturalismus - zur Kultur der Industriegesellschaft im 19. Jahrhundert

Der Naturalismus sorgte im späten 19. Jahrhundert für eine außerordentliche Erweiterung des Betrachtungshorizontes in Kunst und Literatur. In Abgrenzung zum Bürgerlichen Realismus forderte die naturalistische Bewegung die objektive Darstellung sozialer Missstände.[1] Die naturalistische Kunst widmete sich zuvor tabuisierten Gesellschaftszuständen, die geprägt waren von den negativen Begleitphänomenen der Industrialisierung. Unter der Formel ,soziale Frage‘ wurden diese Phänomene in der Öffentlichkeit diskutiert und fanden erstmalig mit der naturalistischen Bewegung Eingang in die Literatur. Aufgrund eines neuen Anspruchs soziale (nackte) Wahrheit, radikal zu illustrieren, schufen naturalistischen Autoren eindrucksvolle Dokumentationen von Zu- und Umständen rund um die Themen der ,sozialen Frage‘. Insbesondere Gerhart Hauptmann sticht mit seiner Arbeit hervor, war sein Name durch Werke wie Bahnwärter Thiel, Vor Sonnenaufgang (1888) oder Die Weber (1892) zur „Losung gegen soziale Bedrückung, Vorurteile und Moralverkrüppelung“[2] für viele Menschen geworden, wie der schlesische Redakteur des Proletariers aus dem Eulengebirge Max Baginski 1905 feststellt.

Ziel dieser Arbeit ist es, sich den Motiven der Industrialisierung unter dem Aspekt der ,sozialen Frage‘ in Gerhart Hauptmanns frühem literarischem Werk zu nähern. Dabei gilt es, die Frage zu beantworten, in welchem Ausmaß der Autor selbst als sozialpolitisch interessiert und motiviert gesehen werden kann. In diesem Zusammenhang ist überdies die Darstellung der Technisierung der Lebenswelt in seinen Werken zu analysieren. Die vorzunehmende Untersuchung wird exemplarisch durchgeführt an der Novelle Bahnwärter Thiel und dem Drama Die Weber. Beide Werke stehen beispielhaft für Werke des Naturalismus und haben eine umfangreiche und kontroverse Rezeptionsgeschichte erfahren. Im Rahmen der Analyse ist es zunächst notwendig, auf die verschiedenen sozio- kulturellen Kontexte der Werke einzugehen: Bei dem Drama Die Weber ergibt sich insofern eine Besonderheit, als dass hier ein historischer Stoff bearbeitet wurde. Daher sind hier zum einen die Kontexte, die 1844, also zu der erzählten Zeit im Drama Die Weber vorherrschend waren, zu reflektieren und andererseits diejenigen, welche 1891 während der Entstehungszeit des Textes die Gesellschaft prägten. Es wird im Zuge dessen versucht, Parallelen aufzuzeigen, welche Einfluss auf die Rezeption des Stückes gehabt haben. Wie im Folgenden noch aufzuzeigen ist, sind die Armut und die sozialen Nöte nicht monokausal als Folge der Industrialisierung erklärbar, jedoch scheint dem technischen Fortschritt eine Schlüsselfunktion zuzukommen.[3] Daher ist es meines Erachtens notwendig zu betrachten, wie Hauptmann die Technik behandelt und inwieweit er diese als Verursacher der ,sozialen Frage‘ darstellt, in den Kontext der Fragestellung mit einzubeziehen. Ziel dieser Arbeit ist es demnach ebenso, die Darstellung der Technik in Zusammenhang mit der ,sozialen Frage‘ in Hauptmanns Frühwerk zu beleuchten. Hierzu wird eine exemplarische Analyse an der novellistischen Studie Bahnwärter Thiel (1889) von Gerhart Hauptmann durchgeführt. Zuvor wird eingangs sowohl die .soziale Frage‘ im Zeichen der technischen und öko­nomischen Entwicklungslinien des 19. Jahrhunderts skizziert, als auch in die Theorie des Naturalismus eingeführt, seine Verflechtungen dargelegt sowie seine Entstehung umrissen. In diesem Kontext wird zudem die Rolle Gerhart Hauptmanns für den deutschen Naturalismus bestimmt. Im Weiteren erfolgt dann die Analyse der beiden Texte. Im Hinblick auf das Drama wird zunächst eine Einordnung als soziales Drama versucht. Neben der Untersuchung der historischen Parallelen wird daraufhin eine Analyse der Gesellschaftsstruktur durchgeführt. Anhand der Ergebnisse erfolgt nach einer ersten Bestimmung der Rolle der ,sozialen Frage‘ bei Gerhart Hauptmann ein Zwischenfazit. Der Text Bahnwärter Thiel wird ebenfalls einen Kategorisierungsversuch erfahren. Daran anschließend werden im Hinblick auf den Umgang mit der Darstellung des Technikmotivs über den Naturalismus hinausweisende Aspekte untersucht. Im Mittelpunkt stehen hier zunächst Verbindungen zum Symbolismus. Darüber hinaus soll zwei weiteren Aspekten Beachtung geschenkt werden. Einerseits scheint die Frage nach einer Entfremdung von der Natur durch Technik ergiebig. Andererseits steht die Determinierung des Protagonisten im Fokus. Auch in diesem Bezug sollen Funktion und Darstellung des Technikmotivs untersucht werden. Darauf folgt erneut ein Zwischenfazit zu den gewonnenen Ergebnissen. Im Anschluss daran soll in einer Synopse beider Analyseteile die Gewichtung sozialer Themen und deren Umsetzung im Frühwerk Gerhart Hauptmanns dargelegt werden. Hier fließen neben den Analyseergebnissen von beiden vorliegenden Texten auch Aspekte anderer Werke aus seiner ersten Schaffensperiode ein. Ergänzend sollen Aspekte seiner Biografie und einige relevante Aussagen Hauptmanns zu dieser Thematik das Bild abrunden. Abschließend wird der Beitrag, den Gerhart Hauptmann durch sein Frühwerk in der sozialpolitischen Diskussion geleistet hat, dargestellt.

1.1 Zur Industrialisierung

Die Industrialisierung ging um 1800 von England aus und setzte in Deutschland ab 1850 ein.[4] Zuvor waren durch technische Innovationen wie zum einen der Dampfmaschine im maschinellen Bereich und zum anderen der Eisenbahn und der Kanalbauten hinsichtlich der Infrastruktur entscheidende Grundlagen gelegt worden. Mit der Telegraphie sowie der durch die Rotationspresse aufkommenden Massenpresse waren auch hinsichtlich der Kommunikation durchgreifende Veränderungen absehbar. Alle Lebensbereiche der Menschen wurden vom technischen Fortschritt durchdrungen. Er manifestierte sich besonders eindringlich im Arbeitsalltag. Durch technische wie maschinelle Weiter­entwicklungen entstanden neue Produktionsweisen, wodurch innerhalb von wenigen Jahrzehnten zahlreiche Menschen der Landbevölkerung arbeitslos wurden. Vor dem Nichts stehend suchten viele in der Stadt nach Arbeit. Dort, in den neu entstehenden Industriefabriken der Großstadt, regierte unerbittlich die Taktung der effizienzorientierten Maschinen. Die Arbeiterschaft wurde mit dem Rücken zur Wand durch die Lohnarbeit in ein fatales Abhängigkeitsverhältnis gezwungen und hatte in den häufigsten Fällen unter miserabler Bezahlung bei elendigen Arbeitsbedingungen zu leiden. Dazu kam noch der Umstand, dass die Ballungszentren schnell mit dem Ansturm der Landbevölkerung überlastet waren und es nicht genug Wohnraum gab. Nur durch die Errungenschaften der

Arbeiterbewegung, einer Organisation der Masse, entstand mit der Zeit ein relatives Gleichgewicht.

1.1.1 Zu den sozialen Folgen vor dem Hintergrund technischer und sozioökonomischer Entwicklungslinien in Deutschland: Zur ,sozialen Frage‘.

Das 19. Jahrhundert ist somit zusammengefasst geprägt von Technisierung, Industrialisierung und Urbanisierung. Der Übergang von einer durch Handwerk und Landwirtschaft geprägten Gesellschaft zur Industriegesellschaft brachte wie skizziert eine Reihe von negativen Effekten mit sich: Massenarbeitslosigkeit, existenziell bedrohliche Hungersnöte, Leben am Existenzminimum und knapper Wohnraum. So vielseitig die Folgen waren, so uneindeutig waren auch die Ursachen.

Den technischen Fortschritt als alleinigen Verursacher hinzustellen, greift zu kurz. Eine entscheidende Einflussgröße ist die europäische Wirtschaftspolitik. Napoleon hatte 1806 Preußen geschlagen und das französische Einflussgebiet erstreckte sich von der Atlantikküste bis nach Schlesien. Im selben Jahr erließ er ein Handelsembargo gegen Großbritannien, die sogenannte Kontinentalsperre, ein Im- und Exportverbot für alle Güter. Das Ziel war, die Briten auf diese Weise wirtschaftlich zu schwächen. So waren die deutschen Gewerbe, insbesondere die Textilbranche, durch den staatlichen Protektionismus vor dem Innovationsdruck, welcher durch die technisch weiterentwickelte Konkurrenz von England ausging, weitestgehend geschützt. Daher blieb in der ohnehin bereits rückständigen Textilbranche in Deutschland technischer Fortschritt in Form von innovativen Maschinen wie der ersten Baumwollspinnmaschine, der ,Spinning Jenny‘, oder der ,Waterframe-Spinnmaschine‘, weitestgehend aus oder setzte stark zeitverzögert ein.[5] Als 1814 die Kontinentalsperre aufgehoben wurde und maschinell gefertigte Produkte vor allem aus England zu Dumpingpreisen auf den deutschen Markt kamen, konnten weite Teile der Heimgewerbe und der Manufakturen sowohl qualitativ wie auch quantitativ nicht mehr konkurrenzfähig produzieren. Dies führte zu massiven Umsatzeinbrüchen.[6] Durch die Eisenbahn - ein für technischen

Fortschritt wie kein zweites stehendes, öffentliches Symbol[7] - war zugleich eine verlässliche und regelmäßige Lieferung großer Stückzahlen über weite Distanzen möglich geworden. Das drückte zum einen die Verkaufspreise aufgrund niedriger Transportkosten weiter nach unten, zum anderen wurden sukzessive immer mehr Regionen an den internationalen Markt angeschlossen und waren somit relativ plötzlich einer technologisch überlegenen Konkurrenz ausgeliefert. Diese Umstände trugen dazu bei, dass sich die alten gewerblichen Strukturen viel schneller auflösten, als sich die neuen entwickeln konnten. Letzteres war nicht nur der Fortschrittsverzögerung durch den staatlichen Protektionismus geschuldet, auch war mit Gründung des deutschen Bundes zwar eine erste politische Einheit entstanden, diese war jedoch lediglich auf die militärische Sicherheit und keines­wegs auf volkswirtschaftliche Vorteile ausgerichtet. Die 42 Einzelstaaten behielten ihre Souveränität und erhoben weiterhin Ein-und Ausfuhrzölle. Erst durch die Gründung des Zollvereins im Jahr 1834 entstand in Ansätzen ein nationaler Wirtschaftsmarkt.[8]

Zweiter maßgeblicher Faktor war ein starkes Bevölkerungswachstum. Die Ursachen hierfür sind zunächst in der Mitte des 18. Jahrhunderts zu suchen. Im Zuge der sogenannten ,Landwirtschaftlichen Revolution‘ sorgten technische Verbesserungen und neu eingeführte Pflanzen und großflächige Kultivierung, besonders im Nordosten Deutschlands, nicht nur für eine Steigerung des Nahrungsmittelangebotes, ebenso entstanden neue Arbeitsplätze in der Landwirtschaft. Darüber hinaus war durch die Ausbreitung des Heimgewerbes ein weiterer nachwuchsförderlicher Umstand gegeben: In der Heimarbeit war die ganze Familie am Arbeitsprozess beteiligt, auch Kinder waren eingespannt und konnten im Gegensatz zu landwirtschaftlichen Tätigkeiten relativ früh mitwirken. Ferner war die Aufhebung restriktiver Ehegesetze und damit einhergehend steigende Heiratsquoten und entsprechende Geburtenraten ein weiterer Faktor.[9] Allein in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts stieg die Bevölkerungszahl im Deutschen Bund von 23 (1816) auf 32,7 Millionen (1845) Menschen an. Somit wuchs das Arbeitskräftepotenzial etwa ab den 1830er Jahren fataler Weise signifikant schneller als das Arbeitsplatzangebot, ab den 1840ern etwa in einem Verhältnis von 2:1, um 1835 fehlten Schätzungen zufolge bereits 800.000 Arbeitsplätze.[10] Die Folgen waren für einen Großteil der Arbeitskräfte katastrophal, viele waren von Erwerbslosigkeit, daraus resultierend Armut und Hunger betroffen. Dies führte wiederum dazu, dass allmählich eine Landflucht einsetzte. Die Entstehung von industrieller Produktion rund um größere Ballungszentren wie dem Ruhrgebiet oder Berlin suggerierte zumindest für diese Orte bessere Erwerbsmöglichkeiten. Diese waren auf den plötzlich einsetzenden Ansturm der Landbevölkerung nicht vorbereitet und konnten nicht ausreichend Wohnraum bereitstellen. So erwartete viele derjenigen, welche in der Großstadt Beschäftigung suchten, eine weitere Verschlechterung ihrer Position. Durch das Überangebot an Arbeitskräften und den Preisverfall wurde das Lohnniveau auch in den Standorten industrieller Produktion stetig gedrückt,[11] zudem war durch die Lohnarbeit ein Abhängigkeitsverhältnis zu Ungunsten der Arbeiterschaft entstanden, auch das Handwerk und gerade das Heimgewerbe waren davon nicht unberührt geblieben.

Um die 1840er Jahre herum kam es zu der schwerwiegendsten Konsequenz der Bevölkerungsexpansion: Die Bevölkerungszahl überstieg die Produktions­kapazitäten der Nahrungsmittel, eine Hungerkrise war die Folge. Nach und nach waren ganze Landstriche von existenziell bedrohlicher Armut, Hunger und dauerhafter Arbeitslosigkeit betroffen. Zu allem Überfluss traten 1846 Missernten als verstärkende Effekte auf.[12] Zeitgenössisch wurde diese Massenarmut in der vorindustriellen Zeit als „Pauperismus“ bezeichnet. Interessanter Weise definiert der Brockhaus von 1846 den „Pauperismus“ als „ein[en] neu erfundene[n] Ausdruck für eine höchstbedeutsame und unheilvolle Erscheinung“ bei der es sich nicht um „die natürliche Armut“ handele, sondern eine, die dort zu finden sei, wo „eine zahlreiche Volksklasse sich durch die angestrengteste Arbeit höchstens das notdürftigste Auskommen verdienen kann, auch dessen sich nicht sicher ist“, „keine Aussicht auf Änderung hat, darüber in Stumpfsinn versinkt“ und den „Armen-, Arbeits- und Zuchthäusern fortwährend eine immer steigende Zahl von

Rekruten“ bringe.[13] Anhand der Tatsache, dass sich in dieser Krise eine neue Bezeichnung für Armut etabliert hatte, sind die Eindringlichkeit und die Einmaligkeit erkennbar, mit der die Öffentlichkeit die beispiellosen Ausmaße des Elends wahrgenommen hatte. Ein weiterer Beleg für diese Vermutung ist in der Abgrenzung des Begriffs zu einer „natürlichen Armut“ zu sehen: Es scheint demnach, als wäre die Krise um 1840, die Armut der Weber, das zunehmende Elend in den Städten, als unnatürlich, als besonders wahrgenommen worden. Ursächlich war in erster Linie nicht das Ausmaß der Krise, es hatte früher bereits ähnlich schlimme Notlagen gegeben. Vielmehr ist ein gesteigertes öffentliches Interesse bei politisch-sozialen Fragen vor dem Hintergrund längerer Friedenszeit und insgesamt leicht steigendem Wohlstand als maßgeblich zu sehen. Ein Grund hierfür ist nach Wolfram Fischer in den Folgen des Neuhumanismus und der Aufklärung zu sehen.[14] Durch die von Wilhelm von Humboldt angestoßenen Reformen im Bildungswesen sank stetig die Zahl an Analphabeten, was zu einem steigenden Interesse an aktuellen Informationen aus Politik und Gesellschaft führte, gegen Ende des 19. Jahrhunderts lasen drei Fünftel der deutschen Bevölkerung eine Zeitung.[15] Dieses Interesse wiederum konnte durch - dank technischer Innovationen auch auf diesem Gebiet erstmalig in Massen produzierte - Zeitungen und Zeitschriften der im Entstehen begriffenen Massenpresse[16] befriedigt werden. Ferner führt Eckart Pankoke eine zunehmende Abkehr vom Verständnis der gesellschaftlichen Ordnung als „Gottes Fügung“ bedingt durch vernunftorientierte Einflüsse der Aufklärung sowie des durchaus bürgerlich­liberalen Neuhumanismus an.[17] Darüber hinaus prophezeite das zarte Pflänzchen der aufkeimenden Industrialisierung, dass der gesellschaftliche Wohlstand durch Umstellung der Produktionsverfahren und durch technischen Fortschritt gemehrt werden könnte. Einige Bürger und Facharbeiter waren schon zu einem gewissen Maß an Wohlstand gekommen, welcher als kontrastscharfe Folie - insbesondere in der überfüllten Großstadt war dies nicht zu übersehen - auf das Elend verstärkend wirkte.

Die grundsätzliche Möglichkeit, den gesamtgesellschaftlichen Wohlstand durch Innovationen zu steigern, hatte sich bereits gegen Ende des 18. Jahrhunderts in der bereits erwähnten landwirtschaftlichen Revolution gezeigt und nach den ersten Zeitungsberichten 1843/1844 über die stetige Notlage in Ostpreußen bestätigte eine nicht unbeträchtliche Zahl an Hilfsmaßnahmen für die schlesischen Weber diese Haltung. Sogar die preußische Regierung wurde aktiv - wenn es auch nur bei dem Bemühen und nur halb umgesetzten Reformen blieb.[18] Somit vollzog sich sukzessive eine Abkehr von der ehemals pessimistischen Betrachtungsweise des Wirtschaftskreislaufes, dass der gesellschaftliche Wohlstand begrenzt sei und sich in Anbetracht einer wachsenden Bevölkerungszahl daher Armut nur als logische Konsequenz vollzöge, wie sie beispielsweise der einflussreiche britische Ökonom Robert Malthus vertrat.[19] Zugleich wurden andererseits durch philosophische Standpunkte, insbesondere marxistischer Theorie, gesellschaftliche Soll-Zustände postuliert, welche einen kritisch distanzierten Blick auf den Ist-Zustand der Gesellschaft ermöglichten. So konnte Armut aus dem theologischen Verständnis einer ,religiösen Prüfung‘ herausgelöst und das Individuum und seine Notlage als systembedingt betrachtet werden.[20] In der Folge setzte sich in der öffentlichen Diskussion über die vielschichtigen negativen Folgen der Industrialisierung wie Wohnraumknappheit, Arbeitslosigkeit und das damit verbundene Leid oder die Bedingungen der Lohnarbeit et cetera die Formel ,soziale Frage‘ durch. Der Begriff tauchte erstmals 1840 in Heinrich Heines Korrespondenz aus Paris mit einer Augsburger Zeitung auf[21] und 1848 fand der Terminus erstmals in gesellschaftskritischen Schriften mit Bezug auf die hiesigen Verhältnisse Verwendung.[22] Die Diskussion gewann ab 1873 durch die sogenannte ,Gründerkrise‘ an Aktualität und durch die weiterhin größtenteils ungelösten sozialen Folgeerscheinungen des Strukturwandels zudem an Intensität.[23]

Zu konstatieren bleibt, dass aufgrund der aufgezählten Einflüsse der ,Armut‘ mit der strukturell-gesellschaftlichen, objektiven Betrachtungsweise eine Künstlichkeit zugeschrieben werden konnte, welche zugleich einen Imperativ ihrer Beseitigung implizierte.[24] Politisch aufgegriffen wurde diese Thematik widerwillig von Bismarck, der im Rahmen der Sozialgesetzgebung in den 1880er Jahren zunächst die Krankenversicherung, dann die Unfallversicherung und die Alters­und Invalidenversicherung einführte. Ziel dabei war jedoch, „den kommunistischen Ameisenhaufen [...] austreten“[25] zu wollen und die Arbeiterschaft zu entpolitisieren. Das Gegenteil war freilich der Fall, waren diese Sozialleistungen doch zunächst zu niedrig um der Notlage realistisch begegnen zu können. Immerhin bildet dieser - zeitgenössisch durchaus innovative - politische Paradigmenwechsel den Grundpfeiler des heutigen Sozialsystems. Die Arbeiter­schaft ließ sich davon jedoch nicht beirren, die Sozialdemokratische Partei Deutschlands, welche 1875 gegründet wurde, war nur eine von vielen Organi­sationen, in denen sich Arbeiter politisch engagierten und zusammenschlossen.

1.1.2 Auswirkungen der Industrialisierung auf die Kultur

Gesellschaftliche Umbrüche bewirken immer auch neue kulturelle Ausdrucks­formen, mit der die Kunst auf die neue Situation reagiert und diese zu interpretieren versucht. Vor diesem Hintergrund müssen die Auswirkungen der Industrialisierung gesehen werden. So mannigfaltig wie sich die Welt im Laufe des 19. Jahrhunderts veränderte, so vielfältige Ausprägungen und teils fruchtbare Wechselwirkungen traten in Kunst und Literatur zutage. Die Kunst musste ihr Selbstverständnis überdenken und sich gegenüber der Technik neu positionieren. Um die kontextuellen Umstände zu verdeutlichen, wird zunächst ein Abbild der Gesellschaft um 1880 gezeichnet.

Diese Zeit war eine erste Gründerepoche, insbesondere der Dienst­leistungssektor profitierte vom Ausbau des Verkehrswesens, was den An- und Verkauf von Waren vereinfachte. Zudem prosperierte das Baugewerbe, etwa 60.000 Neubauten entstanden bis zur Reichsgründung 1871, viele davon mit einem repräsentativen Prestige.[26]

Das Kleinbürgertum mit seinen niederen Beamten, Einzelhändlern und Beschäftigten erwies sich nunmehr zusammen mit einer neuen Dimension der Bürokratie samt eines gewaltigen Polizeiapparates als Rückgrat des Staates. Geprägt von seinen Eigenschaften wie Sparsamkeit, Ernst und Gehorsam stützte das Kleinbürgertum die Bourgeoisie und half so bei der Durchsetzung eines sowohl reaktionären als auch restaurativen Weltbildes, ohne selbst dabei konkret gefragt zu werden, geschweige denn politisch partizipieren zu können.[27] Scheinbar unreflektiert wurde diese hierarchische Wertevorstellung übernommen, deckte sie sich doch mit denen vergangener Generationen, wo Tugenden wie Einfachheit, Prüderie und Frömmigkeit, Zurückhaltung und Anpassung, Ordentlichkeit und Sparsamkeit des Kleinbürgers Rechtfertigung für die Abneigung gegen den verschwenderischen Adel war.[28] Ferner wussten die Kleinbürger aus ihrer Not eine Tugend zu machen: Ihre finanziellen Möglichkeiten ließen größtenteils keine anders gearteten Wertesysteme zu. Diese Lebensart der Bürger in den Städten wurde gesamtgesellschaftliche Norm. Aufgrund der Nachahmung des Lebensstils der Oberschicht als erstrebenswertes Ideal bekamen Statussymbole eine bedeutende gesellschaftliche Funktion, auch in der Mitte der Gesellschaft. Die Arbeiterschaft sollte nach Ansicht der Bourgeoisie ganz bewusst auch in diese Richtung gelenkt werden, um sie davon abzuhalten, sich in politischen oder gewerkschaftlichen Verbänden zu organisieren.

Waren es aber hauptsächlich die Angehörigen des Bürgertums, welche ihre gesellschaftliche Position in den ersten Jahrzehnten der Industrialisierung dank des Aufschwungs aufwerten oder stabilisieren konnten, so hatten die meisten Arbeiter hingegen nur wenig von den Phasen des Aufschwungs profitiert, oft vollzog sich ein gesellschaftlicher Abstieg. Zwar hatten sich mittlerweile viele Arbeitsplätze in die Industrie und damit in die Stadt verlagert und zog es große Teile der Landbevölkerung in die Großstadt. Doch waren auch in der Fabrik aufgrund des Überangebots an Arbeitskräften die Löhne oftmals nicht ausreichend, um über das Existenzminimum hinauszukommen und die ganze Familie ernähren zu können. Auch die Arbeitsbedingungen waren in der Regel miserabel. Maschinen erforderten Pünktlichkeit und gleichmäßiges, wenn man so will eintöniges Arbeiten. Im Gegensatz zur Heimarbeit erlaubten sie keine Pausen nach Belieben oder Notwendigkeit, der Mensch war in der Fabrikarbeit dem Takt der Maschine unterworfen. Dazu kamen zusätzlich belastende Emissionen wie Maschinenlärm, giftige Abgase und Gestank bei einem Arbeitstag, der durchaus zwölf bis sechzehn Stunden dauerte.

In dieser Zeit waren in der öffentlichen Wahrnehmung die ausgeführten Tugenden des Bürgertums Maßstab und stilbildend. Es war eine Zeit des Behütens, der Verheimlichung von persönlichem oder familiärem Leid nach außen hin, Veränderungsfeindlichkeit, der Bigotterie im Sinne von Wegschauen vor Armut gegenüber dem blindem Preisen ausschließlich der Vorzüge des Fortschritts sowie einer klaren Abgrenzung nach unten zwecks stets wiederholender Selbstversicherung der Richtigkeit des eigenen Habitusses. Vor diesem Hintergrund ist es kaum verwunderlich, dass diese Epoche vor lauter Standesdünkel aus kultureller Sicht keinen eigenen, charakteristischen Stil entfaltete. Sie wies hingegen einen epigonenhaften Stilpluralismus auf, der aus neutraler Perspektive mit dem Verständnis Walter Benjamins als Historismus[29] im Sinne eines historischen Materialismus bezeichnet werden kann, kritischer gesehen als naiver Eklektizismus beschrieben werden muss. Das Fehlen eines Stils offenbarte sich in überladenen Inneneinrichtungen, Zusammenhäufen von oberflächlichem Protz und historischen Idealen aus der Antike, der Klassik oder der Romantik.

Die Literatur in Deutschland folgte ab den 1870er Jahren in Form des bürgerlichen Realismus in weiten Teilen den aus dieser Haltung erwachsenden Ansprüchen an Kunst: Dem auf Harmonie, Bewahren und Selbstdarstellung ausgerichtetem Anspruch der geldgebenden Kleinbürger, eine retuschierte, repräsentative Kopie der Realität darzustellen. Die Literatur war jedoch rasch in Form und Gegenstand dergestalt eingeengt, dass es nur eine Frage der Zeit war, bis sie sich zusehends selbst erschöpfte. Demgegenüber stand eine wachsende Realität, die nicht einbezogen und dargestellt werden konnte, wie die Entstehung der neuen proletarisierten Arbeiterklasse, die Begleitphänomene der Technisierung des Alltags überhaupt: Neue Verkehrs- und Kommunikationsmittel prägten nach und nach das Bild des Alltags, der Tagesablauf vieler Menschen wurde durch die Technik bestimmt. Und gerade in den Großstädten wie Berlin,

Hamburg oder München traten die immer offensichtlicher werdende soziale Schieflage und damit verbunden ungekannte Ausmaße an Kriminalität oder Suchtkrankheiten wie Alkoholismus als spezifische Phänomene der Moderne zutage. Gegen die ignorante Verklärung der Wirklichkeit formierte sich politischer (Sozialdemokratie) wie auch philosophischer (Marx, Engels) Widerstand gegen das Bürgertum und die herrschende Klasse; in Kunst und Literatur übernahm diese Rolle die naturalistische Bewegung.

1.2 Der Naturalismus: Theorie und Verflechtungen

Der Diskrepanz zwischen Realität und literarischer Rezeption nahm sich ab etwa 1880 der Naturalismus in Deutschland an. Die naturalistische Bewegung hatte ihren theoretisch-programmatischen Ursprung im bürgerlichen Realismus, dessen künstlerisch-theoretische Konzepte weiterentwickelt wurden. Im Wesentlichen verstand man sich jedoch als Gegenbewegung und bediente sich des bürgerlichen Realismus' als Feindbild zur klaren Abgrenzung.[30] Ab 1848/1849 wollte man sich von der Bewegung des Vormärz distanzieren, wodurch im bürgerlichen Realismus zunächst jeglicher politische, gesellschaftskritische Stoff einer verklärten Darstellung der ,schönen Wirklichkeit“ weichen musste, was alsbald zu einer restaurativ-konservativen Haltung und epigonenhaften Erscheinungsformen führte, der sogenannten Gründerzeitliteratur. Diese war geprägt von längst überwunden geglaubten ästhetischen Prinzipien der Romantik und Klassik, welche unbeirrt - rückwärtsgewandt und übertrieben - nationalistisch-idealisiert als Blütezeit deutscher Kultur gefeiert wurden.

Der Naturalismus entwickelte sich in der Folge ab den späten 1870er Jahren als Gegenbewegung zum bürgerlichen Realismus und der Gründerzeitliteratur,[31] er erreicht in den späten 1880er Jahren seinen Höhepunkt.[32] Zeitlich lässt sich die Epoche des deutschen Naturalismus jedoch nur vage eingrenzen. Die erste naturalistische Publikation wird mit dem Essay Die Entwicklung der Künste von Heinrich Hart auf 1877 datiert.[33] Er gab gemeinsam mit seinem Bruder Julius schon früh verschiedene Zeitschriften heraus (Deutsche Dichtung 1877, Deutsche Monatsblätter 1878/1879); generell erfuhren programmatische Zeitschriften Beliebtheit, sie wurden zur subtilen oder ganz offenen Propaganda der jeweiligen Ideologie genutzt, aber auch zur (seichten) Unterhaltung. Die in Berlin publizierte Zeitschrift Kritische Waffengänge (1882-1884) war jedoch sicherlich die für die naturalistische Bewegung einflussreichste der Brüder Hart. In München gab Michael Georg Conrad seit Januar 1885 die Zeitschrift Die Gesellschaft, heraus, das ,Zentralorgan‘[34] der Naturalisten. Im Mai desselben Jahres erschien die Lyrik-Sammlung Moderne Dichter-Charaktere und Heinrich Hart veröffentlichte ab April seine Berliner Monatshefte für Litteratur, Kunst und Theater. Nach einer Findungsphase drängte die naturalistische Bewegung mit diesen Veröffentlichungen massiv in das Bewusstsein der literarischen Öffentlichkeit, das Jahr 1885 ist von Dieter Borchmeyer folgerichtig als das „eigentliche Stichjahr des Naturalismus“[35] bezeichnet worden.

Die naturalistische Formation wendete sich politisch-sozial gegen die liberal­konservative, bürgerliche Gesellschaft und kritisierte den kapitalistisch-unsozialen Lebensstil der Bourgeoisie, was oftmals dazu führte, dass Werke der staatlichen Zensur zum Opfer fielen.[36] Darüber hinaus distanzierten sie sich literarisch von wesentlichen, tradierten künstlerischen Prinzipien, vor allem von dem der Verklärung, wie sie im bürgerlichen und poetischen Realismus unumstritten war und verschrieben sich einer ,ungeschminkte^, objektiven Realitätsdarstellung. Theodor Fontane äußert bereits 1853, das dem bürgerlichen Realismus zugrunde liegende poetologische Axiom fordere eben nicht die bloße Abbildung des Alltages und „am wenigsten [die] seines Elends und seiner Schattenseiten“.[37] In der Aussage Fontanes zeigt sich neben dem aus naturalistischer Perspektive inkonsequenten Verhältnis von für legitim erklärter Erhöhung und Verklärung zum Anspruch der Realitätsabbildung auch, wie oben bereits angerissen, ein weiterer, fundamentaler Unterschied zwischen Naturalisten und Vertretern des bürgerlichen Realismus: Diese betonten neben der Verklärung die Wichtigkeit der Selektion in der Themenwahl. Dagegen war dem Naturalismus, um mit dem zeitgenössischen Literaturkritiker Leo Berg zu sprechen, der „Ausdruck der modernen Weltanschauung, insbesondere der sozialen Bewegung“,[38] immanent. Es war der ungeschönte Blick auf alle gesellschaftlichen Teilbereiche wichtig, so zielten naturalistisch-ästhetische Vorstellungen auf „speziell die Darstellung des Wirklichen, ja fast nur des Modernwirklichen“[39] - und somit wurden folgerichtig Figuren der unteren Schichten, Motive der ,sozialen Frage‘ und auch die Technisierung des Alltags samt deren Nachteilen in ihren Werken aufgegriffen.[40]

Nicht zuletzt trugen neueste Erkenntnisse aus den Naturwissenschaften zu der objektiven Betrachtungsweise bei und fanden entsprechend Beachtung. Von den naturwissenschaftlichen Denkkonzepten ist insbesondere die Ansicht hervorzuheben, das menschliche Individuum innerhalb der gesellschaftlichen Strukturen als historisch wie auch biologisch determiniert zu betrachten. Hier hatten vor allem die Evidenzorientierung durch den von Auguste Comte entwickelten Positivismus sowie Hippolyte Taines' daran anknüpfende Ausführungen zur Milieutheorie[41] maßgeblich inspiriert. Auch die Interpretation von Charles Darwins Evolutionstheorie durch Ernst Haeckell im deutschsprachigen Raum als monistisches Entwicklungsmodell hatte großen Einfluss auf die Theoriebildung der Naturalisten; „als Zeichen der ,Zeit der Naturwissenschaft“'[42] beschrieb Leo Berg treffend diesen Aspekt der naturalistischen Position. Somit schenkte die naturalistische Bewegung als erste literarische Diskursformation aus einem naturwissenschaftlich geprägten Blickwinkel der technisch-realen Welt der Moderne Aufmerksamkeit.

Überhaupt wird die Wissenschaft als Einflussgröße immer stärker, war sie doch vermittels technischer Innovationen wie Fotografie und Tonaufzeichnung in der Lage, der Kunst in ihrer tradierten Aufgabe, Abbilder der Realität festzuhalten, Konkurrenz zu bieten. Während bürgerliche und poetische Realisten eine eher verweigernde, ablehnende Haltung einnahmen, widmeten sich einige Naturalisten wie Wilhelm Bölsche verstärkt der Wissenschaft, die als Vorbild für die Ästhetik wie für das künstlerische Schaffen fungieren sollte, denn, so Bölsche, „[d]ie Basis unseres gesamten modernen Denkens bilden die Naturwissenschaften.“[43] Daher sei das „poetische Experiment“ der Ort, an dem sich „Naturwissenschaft und Poetik verknoten“,[44] der Autor fungierte nach dem Verständnis Bölsches als „Experimentator, wie der Chemiker, der allerlei Stoffe mischt, [...] und den Erfolg beobachtet“.[45] Konsequent wurde dieser Gedanke jedoch nicht zu Ende geführt, eine in Anlehnung an die klassisch-romantische Geniekonzeption „geniale Anlage“ verbleibt beim Autor. Auch den führenden Theoretiker der naturalistischen Bewegung, Arno Holz, trieb dieses Spannungsfeld um, auf der Suche nach der wissenschaftlich exakten Kunst brachte er die Erkenntnis, dass die Natur wider die Kunst sei in seinem Essay Über die Kunst. Ihr Wesen. Ihre Gesetze (1891) mit seiner so berühmten wie populären Gleichung auf den Punkt:

,Kunst = Natur - X‘. In dieser Gleichung wird erstens erneut deutlich, dass sich Kunst mit der Darstellung der Natur beschäftigt. Zweitens ist diese Darstellung nur vermittels einer subjektiven Handhabung von in unterschiedlicher Quantität und Qualität gegebenen Reproduktionsmitteln, dem X, möglich.

Gerhart Hauptmann hingegen war, was Programmatik und theoretische Einlassungen betrifft, nicht an vorderster Front zu finden. Er positionierte sich in der Diskussion um die Bestimmung der Kunst und ihres Verhältnisses zur Wissenschaft etwas abweichend von Holz und andere Naturalisten, in Abgrenzung erkennt er die absolut-realistische Abbildung von Natur nicht als zweckmäßig für die Kunst an, da, falls dies gelänge, sich die Kunst obsolet machen würde. „Zweck der Kunst ist vielmehr der Ausdruck der innersten, zum Typus erhobenen Wesenheit des dargestellten Gegenstandes.“[46] Diese Aussage macht Hauptmanns Verständnis von Kunst deutlich: Er verstand die Entdeckung des Allgemeinen, des universell Gültigen im konkreten Einzelnen als die wahre Aufgabe von Kunst. Es ist dieses „innere Wesen“,,[47] der Grundkonflikt zwischen Sehnsucht und Gefangenschaft, die Antinomie des Weltseins überhaupt, was immer wieder Gegenstand der Hauptmannschen Protagonisten sein sollte.[48]

[...]


[1] Vgl. Meyer, Theo (Hrsg.): Theorie des Naturalismus. Stuttgart: Reclam 1973, S. 3.

[2] Baginski, Max: „Gerhart Hauptmann unter den schlesischen Webern." [1905]. In: Gerhart Hauptmann: Die Weber. Schauspiel. Vollständiger Text des Schauspiels. Dokumentation. Dichtung und Wirklichkeit. 14. Auflage. Hrsg. von Hans Schwab-Felisch und Wolf Jobst Siedler. Frankfurt a.M./Berlin: Ullstein 2014, S. 73.

[3] Vgl. Hahn, Hans-Werner: Die industrielle Revolution in Deutschland. Enzyklopädie deutscher Geschichte. München: Oldenbourg 1998, S. 14.

[4] Vgl. Osterhammel, Jürgen: Die Verwandlung der Welt. Eine Geschichte des 19. Jahrhunderts. München: Beck 2009, S. 923.

[5] Vgl. Ziegler, Dieter: Die industrielle Revolution. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 2009, S. 1f., 13.

[6] Vgl. Hahn 1998, S.15.

[7] Vgl. Sieferle, Rolf Peter: Fortschrittsfeinde? Opposition gegen Technik und Industrie von der Romantik bis zur Gegenwart. München: Beck 1984, S. 99.

[8] Vgl. Hahn 1998, S. 23.

[9] Vgl. Ziegler, Dieter: Die industrielle Revolution. Darmstadt: WBG (Wissenschaftliche Buchgesellschaft) 2009, S. 41f.

[10] Vgl. Hahn 1998, S.15.

[11] Vgl. Hahn 1998, S. 15.

[12] Vgl. Bass, Hans-Heinrich: „Natürliche und sozioökonomische Ursachen der Subsistenzkrise Mitte des 19. Jahrhunderts - eine Diskussion am Beispiel Preußens." In: Beiträge zum Göttinger Umwelthistorischen Kolloquium 2009 - 2010. Hrsg. von Bernd Herrmann. Göttingen: Universitätsverl. Göttingen 2010, S. 159.

[13] Brockhaus 1846: „Pauperismus". Zitiert nach: Fischer, Wolfram: Armut in der Geschichte. Göttingen: Vandenhoeck und Ruprecht 1982, S.62.

[14] Vgl. Fischer, Wolfram: Armut in der Geschichte. Göttingen: Vandenhoeck und Ruprecht 1982, S.62.

[15] Vgl. Sprengel, Peter: Gerhart Hauptmann. Epoche - Werk-Wirkung. München: Beck 1984, S. 18.

[16] Vgl. Osterhammel 2009, S. 1118.

[17] Pankoke, Eckardt: Sociale Bewegung - Soziale Frage - Sociale Politik. Grundfragen der deutschen „Socialwissenschaft"im 19. Jahrhundert. Stuttgart: Ernst Klett Verlag 1970, S. 50.

[18] Schwab-Felisch/Siedler 2014, S. 76.

[19] Vgl. Malthus, Robert: Das Bevölkerungsgesetz. Hrsg. u. übers. von Christian M. Barth. München: Deutscher

Taschenbuch-Verlag 1977.

[20] Vgl. Pankoke 1970, S. 50f.

[21] Vgl. Geck, Ludwig H. A.: Über das Eindringen des Wortes sozial in die deutsche Sprache. Göttingen: O. Schwartz 1963, S. 35f.

[22] Vgl. Pankoke 1970, S. 49.

[23] Vgl. Hahn 1998, S. 40.

[24] Vgl. Lieber, Hans-Joachim/Furth, Peter: Karl Marx. Frühe Schriften; Band 1. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1962, S. 504.

[25] Wehler, Hans-Ulrich: Das deutsche Kaiserreich 1871-1914. 4. Auflage. Göttingen: Vandenhoek 1980, S. 87.

[26] Vgl. Haberkorn, Heinz: Anfänge der Fotografie. Entstehungsbedingungen eines neuen Mediums. Reinbeck: Rowohlt 1981, S. 129 und Hahn 1998, S. 34.

[27] Vgl. Haberkorn 1981, S.131f.

[28] Vgl. Haberkorn 1981, S. 132.

[29] Honold, Alexander: Walter Benjamin. Erzählen: Schriften zur Theorie der Narration und literarischen Prosa. Über den Begriff der Geschichte. Berlin: Suhrkamp Verlag 2007, S. 130f.

[30] Vgl. Bunzel, Wolfgang: Einführung in die Literatur des Naturalismus. Darmsatdt: WBG 2008, S. 8f.

[31] Ebd.

[32] Plumpe, Gerhard: „Einleitung.“ In: Bürgerlicher Realismus und Gründerzeit 1848-1890. Hrsg. von Edward McInnes und Gerhard Plumpe. München: dtv 1996, S. 17.

[33] Vgl. Brauneck, Manfred/Müller, Christine: Naturalismus. Manifeste und Dokumente zur deutschen Literatur 1880 -1900. Stuttgart: Metzler 1987, Vorwort, XVI.

[34] Vgl. Meyer 1973, S.4.

[35] Borchmeyer, Dieter: „Der Naturalismus und seine Ausläufer." In: Geschichte der deutschen Literatur vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart. Hrsg. von Viktor Zmegac. Band 2. Königsstein i. T: Athenäum 1980, S. 158.

[36] So beispielsweise auch das Drama Die Weber.

[37] Fontane, Theodor: Sämtliche Werke. Hrsg. von Walter Keitel. Band 1. Aufsätze und Aufzeichnungen. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1969, S. 240.

[38] Berg, Leo: „Der Naturalismus. Zur Psychologie der modernen Kunst." [1892]. In: Brauneck/Müller 1987, S. 190.

[39] Christaller, Erdmann Gottreich: „Gedanken über die schöne Kunst" [1885]. In: Meyer 1973, S. 113.

[40] Vgl. meyer 1973, S. 3.

[41] Vgl. Taine, Hippolyte: „Philosophie der Kunst." [1902]. In: Brauneck/Müller 1987, S. 78ff.

[42] Berg [1892]. In: Brauneck/Müller 1987, S. 190.

[43] Bölsche, Wilhelm: „Die naturwissenschaftlichen Grundlagen der Poesie. Prolegomena einer realistischen Ästhetik." [1887]. In: Brauneck/Müller: 1987, S. 99.

[44] Ebd., S. 101.

[45] Ebd., S. 101.

[46] Hauptmann, Gerhart: „Gedanken über das Bemalen der Statuen." [1877]. In: Meyer 1973, S. 49.

[47] Ebd.

[48] Vgl. Martini, Fritz: Das Wagnis der Sprache..., S. 64 und 65.

Ende der Leseprobe aus 71 Seiten

Details

Titel
Die soziale Frage bei Gerhart Hauptmann
Untertitel
Eine kulturwissenschaftliche und literaturwissenschaftliche Studie anhand ausgewählter Werke
Hochschule
Technische Universität Dortmund  (Institut für die deutsche Sprache und Literatur)
Note
2,0
Autor
Jahr
2015
Seiten
71
Katalognummer
V295113
ISBN (eBook)
9783656929406
ISBN (Buch)
9783656929413
Dateigröße
760 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
frage, gerhart, hauptmann, eine, studie, werke
Arbeit zitieren
Bachelor (BfP-BK) Matias Esser (Autor), 2015, Die soziale Frage bei Gerhart Hauptmann, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/295113

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