Kommunikationsstress - Eine explorative Fallstudie am Beispiel von E-Mail-Kommunikation


Examensarbeit, 1999
117 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 EINFÜHRUNG
1.1 Erkenntnisinteresse
1.2 Vorgehensweise

2 STANDORTBESTIMMUNG: DIE FRAGE NACH STREß IM KONTEXT VON E-MAIL-KOMMUNIKATION
2.1 Hinweise auf die Entstehung neuer medienspezifischer Konventionen
2.2 Die Dynamik sozialer Einflußprozesse als Problem der Kommunikationswissenschaften
2.3 Streß als Indikator für die Anpassungsfähigkeit an neue medienspezifische Konventionen

3 E-MAIL-KOMMUNIKATION ALS „REGELGELEITETES GESCHEHEN“
3.1 Erwartungen als Manifestationen von Kommunikationsregeln
3.1.1 Funktionen von Kommunikationsregeln
3.1.2 Typen von Kommunikationsregeln
3.1.2.1 Regulative und konstitutive Regeln
3.1.2.2 Implizite und explizite Kommunikationsregeln
3.1.2.3 Prozeduale Regeln
3.1.3 Klassifizierung der Kommunikationsregel „schnell zurück-schreiben“
3.2 Zur Konstitution neuer Kommunikationsregeln
3.2.1 E-Mail als „bedeutungsfreier Raum“
3.2.2 Medienbezogene Gebrauchsweisen als Grundlage der Aushandlung neuer Kommunikationsregeln
3.2.3 Zur Bedeutung gruppenspezifischer Aneignungsprozesse
3.2.4 Die „kommunikative Bedeutung von E-Mail“ als Hinweis für die Konstitution der Kommunikationsregel „schnell zurückschreiben“
3.3 Zur Aushandlung von Kommunikationsregeln unter veränderten Rahmenbedingungen
3.3.1 Die „präfigurative Kraft“ von Kommunikationsregeln
3.3.2 Erreichbarkeit und die Bewertung der Gebrauchsweise von E-Mail
3.3.3 Exkurs: „Verpflichtung“ als Erwartungsdimension
3.4 Resümee

4 STREß ALS KOGNITIV-TRANSAKTIONALER PROZEß
4.1 Standortbestimmung
4.1.1 Forschungsdisziplin: Streß als Gegenstand der Sozialpsychologie
4.1.2 Modellcharakter: Streß als Prozeß
4.2 Grundbegriffe und theoretische Einordnung
4.2.1 Stressoren
4.2.1.1 Die Erwartung „schnell zurückschreiben“ als chronischer Stressor
4.2.2 Kognitive Bewertung von Stressoren („Appraisals“)
4.2.2.1 Primäre Bewertung: Der Begriff der (kommunikativen) Anforderung
4.2.2.2 Bewertung von Bewältigungspotentialen
4.2.3 Kontextmerkmale („Moderators“)
4.2.3.1 Erreichbarkeit als streßförderndes, externes Kontextmerkmal
4.2.4 Streßbewältigung („Coping“)
4.2.4.1 Gebrauchsweisen von E-Mail als Streßbewältigungsmechanismen
4.2.5 Streßerfahrungen als Streßreaktionen
4.3 Resümee: Streß im Kontext von E-Mail-Kommunikation

5 ÜBERSICHT ÜBER ABGELEITETE HYPOTHESEN

6 METHODE
6.1 Design der Studie: Grundgesamtheit und Stichprobenziehung
6.2 Pretest
6.3 Hauptfeldphase
6.4 Inhaltliche Konzeption - Fragenbereiche
6.5 Zur Erhebung „subjektiver Streßerfahrungen“
6.6 Vorbereitung der Datenanalyse
6.7 Rekodierung

7 DARSTELLUNG DER ERGEBNISSE
7.1 Beschreibung der Untersuchungsteilnehmer
7.1.1 Quantitative Nutzungsmerkmale
7.1.2 Qualitative Nutzungsmerkmale
7.1.3 Wahrnehmung der Erwartung „schnell zurückschreiben“
7.1.4 Wahrgenommene Erreichbarkeit
7.1.5 Die Anforderung „schnell zurückschreiben“ (IndexKA)
7.1.6 Streßerleben
7.1.6.1 Häufigkeit von Streßerfahrungen
7.1.6.2 Intensität von Streßerfahrungen
7.1.6.3 Hinweise auf die „Bedeutung“ von Streßerfahrungen
7.2 Zusammenhang zwischen wahrgenommenen Erwartungshaltungen bezüglich einer hohen Antwortgeschwindigkeit und der kommunikativen Anforderung „schnell zurückschreiben“ (H1)
7.3 Zusammenhang zwischen wahrgenommener Erreichbarkeit und der kommunikativen Anforderung „schnell zurückschreiben“ (H3)
7.4 Zusammenhang zwischen kommunikativer Anforderung und Intensität von Streßerfahrungen (H2)
7.5 Plausibilitätskontrolle: Zusammenhang zwischen der Erwartung „schnell zurückschreiben“, dem Kriterium Erreichbarkeit und der Intensität von Streß
7.6 Zusammenhänge zwischen Streßerfahrungen und der Gebrauchsweise von E-Mail (H4)
7.6.1 Quantitatives Nutzungsverhalten
7.6.2 Qualitatives Nutzungsverhalten
7.6.2.1 Rechtschreibung
7.6.2.2 Schreibstil
7.6.2.3 Die Kurzmitteilung „schreibe später zurück“
7.7 Zusammenfassung der Ergebnisse

8 SCHLUßBETRACHTUNG

LITERATURVERZEICHNIS

ANHANG

Tabellen

Tabellenverzeichnis

Tab. 1: Beispiele für Funktionen von Kommunikationsregeln

Tab. 2: Altersgruppen in Jahren

Tab. 3: E-Mail-Nutzungsdauer in Monaten

Tab. 4: Nutzungshäufigkeit

Tab. 5: Anzahl empfangener und zu beantwortender E-Mails pro Woche (IndexF9F11)

Tab. 6: Anzahl versendeter E-Mails pro Woche (rc)

Tab. 7: Antwortgeschwindigkeit

Tab. 8: Verweigerung: E-Mails lesen

Tab. 9: Verweigerung: E-Mails beantworten

Tab.10: Rechtschreibung

Tab.11: Schreibstil

Tab.12: Kurzmessages: „Schreibe später zurück“

Tab.13: Wahrnehmung der Erwartung „schnell zurückschreiben“

Tab.14: Erreichbarkeit

Tab.15: Korrelation der Indikatorvariablen zur Messung der kommunikativen Anforderung „schnell zurückschreiben“

Tab.16: Zusammenhänge zwischen Intensität von Streßerfahrungen (V21) und intuitiv ausgewählten Affektvariablen (V40,V35,V37,V47,V42)

Tab.17: Hypothesentest 1 (Korrelation V43 & IndexKA)

Tab.18: Hypothesentest 3 (Korrelation V34 & IndexKA)

Tab.19: Hypothesentest 2 (Korrelation V21 & IndexKA)

Tab.20: Zusammenhänge zwischen dem Merkmal „Erreichbarkeit“ (V34), der wahrgenommenen Erwartung „schnell zurückschreiben“ (V43) und dem Merkmal „Intensität von Streß“ (V21)

Tab.21: Merkmale in Korrelationsmatrix 1 (intervallskalierte Items)

Tab.22: Merkmale in Korrelationsmatrix 2 (ordinalskalierte Items)

Tab.23: Kreuztabelle - Intensität von Streßerfahrungen und Qualität der Rechtschreibung (V21RC & V36RC)

Tab.24: Kreuztabelle - Intensität von Streßerfahrungen und Qualität des Schreibstils (V21RC & V38RC)

Tab.25: Kreuztabelle - Intensität von Streßerfahrungen und Qualität des Schreibstils (V21RC & V46RC)

Tab.26: Korrelationsmatrix 1 (intervallskalierte Merkmale)

Tab.27: Korrelationsmatrix 2 (ordinal skalierte Merkmale)

Tab.28: Rekodierungsschritte

Abbildungsverzeichnis

Abb. 1: Untersuchungsebenen

Abb. 2: Kommunikative Ebenen von E-Mail und deren Interpretationsbedarf

Abb. 3: E-Mail-Netiquette als Beispiel expliziter Kommunikationsregeln

Abb. 4: Event- versus chronische Stressoren

Abb. 5: Möglichkeiten der Streßbewältigung

Abb. 6: Streß als Prozeß

Abb. 7: Analyseplan

Abb. 8: Häufigkeitsverteilung der kommunikativen Anforderung „schnell zurückschreiben“ (Index)

Abb. 9: Häufigkeitsverteilung der Anzahl von Streßerfahrungen

Abb.10: Intensität von Streßerfahrungen

Einführung

„Druck übt E-Mail überhaupt gerne aus. So schnell die Nachricht da ist, so schnell wird auch eine Antwort erwartet. Die Schnelligkeit hat zur Folge, daß der Umgang mit der Sprache schlampiger wird und daß über Inhalte weniger reflek- tiert wird. [...] Es lag nicht an mir, die Sache so zu regeln. Das sind Zwänge mit unübersehbaren Langzeitwirkungen“ (Morley, David 1996).

Die Herstellung, Verbreitung und Archivierung von Texten über E-Mail stellt eine der populärsten Formen der Internetkommunikation1 dar. Längst hat das Medium2 die Pionierzeit überwunden, in der seine Nutzung akademischen Kreisen oder Informatikstudenten vorbehalten blieb. Als universelles und „netzgrenzenüberschreitendes“ Medium verbindet E-Mail im März 1999 welt- weit 158.5 Millionen Menschen3.

Im Hinblick auf mögliche Folgeabschätzungen ist festzustellen, daß E-Mail die Komplexität kommunikativer Handlungspotentiale erhöht: Nutzer überwinden herkömmliche Grenzen und sind in der Lage, mit relativ geringem zeitlichem, organisatorischem wie finanziellem Aufwand mit Kommunikationspartnern weltweit in Verbindung zu treten4. In diesem Zusammenhang konstatieren jüngere Forschungsansätze einen Abbau kommunikativer Barrieren sowohl in horizontaler (Raum/Zeit) als auch in vertikaler (sozialer) Perspektive (vgl. Sproull/Kiesler 1991; Weisband 1992).

Eine Steigerung der Komplexität kann positiv als Erweiterung von Handlungsoptionen betrachtet werden, sie läßt jedoch auch eine Erhöhung von Handlungs- und Entscheidungszwängen vermuten5.

Genau diese Vermutung wird durch Alltagsbeobachtungen des Verfassers bestätigt. Ihnen zufolge thematisieren einige E-Mail-Nutzer einen hohen Erwartungsdruck ihres kommunikativen Umfeldes bezüglich der Antwortgeschwindigkeit und klagen in diesem Zusammenhang über Streß. Wie lassen sich diese Beobachtungen erklären?

Können Messages6 in Sekundenschnelle global verbreitet werden, so steigen möglicherweise die Erwartungen der Kommunikationspartner hinsichtlich des Kommunikationsverhaltens wie z.B. der Antwortgeschwindigkeit. Zudem sind Nutzer zunehmend erreichbar und somit verstärkt den Erwartungen und Sanktionen ihrer Kommunikationspartner ausgesetzt.

Führt die Wahrnehmung der Erwartung „schnell zurückschreiben“ vor dem Hintergrund einer zunehmenden Erreichbarkeit zu dem Versuch, diese Er- wartung zu erfüllen, so kann die Nutzung bzw. die Möglichkeit der Nutzung von E-Mail als Streß7 erlebt werden: „... man fühlt sich durch etwas bean- sprucht oder überbeansprucht und ist sich nicht sicher, wie man damit umge- hen kann, d.h. ob man die Situation mittels eigener Kräfte optimal in den Griff bekommt ...“ (Schwarzer 1993: 11).

Aus kommunikationswissenschaftlichem Blickwinkel betrachtet erscheint eine mögliche Entstehung von Streß im Kontext von E-Mail-Kommunikation in zweierlei Hinsicht relevant: Zum einen kann Streß als eines der Probleme be- trachtet werden, welche sich Rammert zufolge aus der „sozialen Integration“ neuer Kommunikationsmedien ergeben können (Rammert 1990a: 34f.). Nicht die Eigenschaften des Computers, sondern die sozialen Bindungskräfte, die „Integration seines Einsatzes“, könnten, so der Autor, zu „Krisen für die Kom- munikation im Alltag“ werden8. Zum anderen ist denkbar, daß sich „gestreßte“ E-Mail-Nutzer in ihrer medienbezogenen Gebrauchsweise von „nicht gestreßten“ Nutzern unterscheiden. Derartige Unterschiede im Mediennut- zungsverhalten lassen sich in Bezug auf eine systemische Betrachtungsweise von Streß erklären, nach der medienbezogene Gebrauchsweisen auch als Streßbewältigungsmechanismen betrachtet werden können. In diesem Fall handelt es sich bei dem Untersuchungsgegenstand möglicherweise um ein Erklärungsmerkmal mit bislang ungeklärtem analytischem Potential.

1.1 Erkenntnisinteresse

Im Zentrum der vorliegenden Arbeit steht die Untersuchung der analytischen Dimension9 von Streß im Zusammenhang mit E-Mail-Kommunikation. Diese Dimension steht für die Frage: „Was verursacht Streß, und wie wird reagiert?“ (Fritzsche 1998: 12). Abb.1 verdeutlicht diesbezüglich zwei Ebenen, denen sich die folgenden forschungsleitenden Fragen zuordnen lassen.

Abb. 1: Untersuchungsebenen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Bezüglich möglicher Ursachen (Ebene 1) konzentriert sich die Arbeit auf die Untersuchung der Erwartung „schnell zurückschreiben“ und auf das Phäno- men der „ständigen Erreichbarkeit“. Dabei handelt es sich um zwei freiheits- beschränkende Aspekte von E-Mail, welche Gegenstand öffentlicher Diskus- sionen sind10. Gelingt es, ein Profil „gestreßter“ E-Mail-Nutzer zu erstellen, so können die gewonnenen Ergebnisse einer Folgeabschätzung der Einführung des Mediums in Organisationen dienen und bei der Erstellung von Verhaltensstandards hilfreich sein (vgl. hierzu Wiest/Holland 1992: 41).

Der Frage nach den Ursachen liegen die folgenden induktiv gewonnenen forschungsleitenden Fragen zugrunde:

- Führt die Nutzung von E-Mail bei einer bestimmten Gruppe von Anwen- dern zu Streß?
- Welcher Zusammenhang besteht zwischen der Wahrnehmung der Er- wartung „schnell zurückschreiben“ und Streß?
- Welcher Zusammenhang besteht zwischen dem Phänomen der „ständi- gen Erreichbarkeit“ und Streß?

Im Hinblick auf mögliche Reaktionen (Ebene 2) richtet sich im folgenden der Blick auf das Nutzungsverhalten „gestreßter“ E-Mail-Nutzer. Diese Untersu- chung gibt diesbezüglich Hinweise auf die Effizienz einer Berücksichtigung von Streß für die Beschreibung von E-Mail-Kommunikation. Damit kommt sie der häufig formulierten Forderung nach einer Identifikation von Kontextvari- ablen nach, deren Berücksichtigung im Rahmen der Entwicklung von Theo- rien technisch vermittelter Kommunikation unabdingbar ist (vgl. Höflich 1996: 26).

Bezüglich möglicher Reaktionen „gestreßter“ E-Mail-Nutzer unterliegt der Arbeit folgende Fragestellung:

- Welche quantitativen und qualitativen Gebrauchsweisen von E-Mail wer- den mobilisiert, um Streß zu bewältigen?

Die Erwartung „schnell zurückschreiben“ und „Erreichbarkeit“ stellen einen Ausschnitt aus einer Vielzahl von Faktoren dar, welche einer möglichen Ent- stehung von Streß im Rahmen von E-Mail-Kommunikation zugrunde liegen. Eine Rekonstruktion von Streß kann daher nicht Ziel dieser Arbeit sein11.

Vielmehr soll dem interdisziplinären Charakter des Streßbegriffs Rechnung getragen werden, indem Hinweise auf seine integrativen Potentiale für die Beschreibung von E-Mail-Kommunikation am Beispiel der beschriebenen Merkmale dargestellt und empirisch geprüft werden.

1.2 Vorgehensweise

Die Untersuchung von Streß im Kontext von E-Mail-Kommunikation erfordert einen interdisziplinären Ansatz. Nach einer kurzen Standortbestimmung wird in Kapitel 3 zunächst der Frage nachgegangen, inwieweit sich die Wahrneh- mung von Erwartungshaltungen bezüglich einer hohen Antwortgeschwindig- keit unter einer kommunikationswissenschaftlichen Perspektive erklären läßt. Einer „regelorientierten Perspektive“ folgend wird verdeutlicht, daß die Nut- zung von E-Mail mit einer Konstitution neuer sozialer Konventionen einher- geht, welche sich in den (wahrgenommenen) Erwartungen der Kommunikati- onspartner manifestieren. Gleichzeitig werden Nutzer im Kontext der E-Mail- Kommunikation mit einer Veränderung von Aufmerksamkeitsstrukturen (Er- reichbarkeit) konfrontiert, die einer Aushandlung dieser Konventionen zugrun- de liegen.

Die Entstehung neuer sozialer Konventionen einerseits und die ihren Aus- handlungsprozessen zugrunde liegende Aufmerksamkeitsstruktur anderer- seits werden in Kapitel 4 zur Erklärung der Frage herangezogen, warum es im Zuge der Aneignung von E-Mail zu Streßphänomenen kommen kann. Dabei erfolgt die Aufarbeitung des Streßbegriffs in enger Anlehnung an das kognitiv- transaktionale Modell, welches Streß als einen aktiven, reflexiven Prozeß ver- steht und somit Rückschlüsse auf einen Zusammenhang zwischen Streßerle- ben und medienspezifischen Gebrauchsweisen zuläßt. Im Verlaufe dieses Kapitels werden die Alltagsbeobachtungen des Verfassers theoretisch einge- ordnet und als Hypothesen formuliert.

Dem empirischen Teil der Arbeit liegt eine Befragung unter Mitarbeitern eines amerikanischen Colleges zugrunde. Dabei wurden die Merkmale bzw. Begriffe eigenständig operationalisiert, d.h. die Arbeit bedient sich nicht vorhandener oder bewährter Items aus anderen Studien. Die Notwendigkeit dieser Vorge- hensweise liegt darin begründet, daß es sich bei den Modellvariablen des kognitiv-transaktionalen Streßmodells um Konstrukte handelt, deren Messung vom jeweiligen Kontext abhängt, in welchem Streß auftritt. Gleichzeitig liegen bezüglich des Untersuchungsgegenstandes bislang weder Forschungsergeb- nisse noch bewährte Operationalisierungen vor.

Vor dem Hintergrund weist die Arbeit einen eher explorativen Charakter auf und verfolgt das Ziel, unter theoretischen wie empirischen Gesichtspunkten Hinweise auf relevante Einflußgrößen im Streßprozeß und ihre Verbindungen zu geben.

2 Standortbestimmung: Die Frage nach Streß im Kontext von E-Mail-Kommunikation

Eine Verdeutlichung der integrativen Potentiale von Streß für die Beschrei- bung von E-Mail-Kommunikation erfordert zunächst einen kurzen Proble- maufriß. Anhand einer Metabetrachtung werden im folgenden Indizien für die Konstitution einer e-mail-spezifischen Kommunikationskultur12 aufgezeigt, welche sich in einer Ausbildung medienspezifischer sozialer Konventionen manifestiert (vgl. Kap. 2.1). Eine Veränderung sozialer Einflußgrößen stellt zum einen ein Problem für die Kommunikationswissenschaften dar, führt sie doch dazu, daß geleistete Folgeabschätzungen „rechtzeitig zu spät kom- men“13 (vgl. Kap. 2.2). Zum anderen verlangt eine Konstitution medienbezo- gener sozialer Einflußgrößen Anpassungsleistungen14 der Nutzer. Diese sind gefordert, ihre Gebrauchsweise von E-Mail vor dem Hintergrund neuer Kon- ventionen zu gestalten.

Wenn Streß - was im Rahmen dieser Arbeit zu prüfen sein wird - als ein Indikator für die Fähigkeit betrachtet werden kann, sich neuen sozialen Konventionen anzupassen, so kann der Begriff möglicherweise zur Beschreibung von E-Mail-Kommunikation instrumentalisiert werden (vgl. Kap. 2.3).

2.1 Hinweise auf die Entstehung neuer medienspezifischer Konventi- onen

Ein Ausgangspunkt zur Folgeabschätzung der Einführung von E-Mail waren in den letzten Jahren die kommunikativen Rahmenbedingungen, unter welchen Kommunikation über das Internet stattfindet. Insbesondere die Abwesenheit audiovisueller Signale (Gestik, Stimmuntertöne) und der asynchrone Kommunikationsverlauf sind Grundlage einer Vielzahl von sogenannten Restriktionshypothesen, welche, ausgehend von kommunikativen Einschränkungen, auf kommunikatives Verhalten schließen.15 Eine Konzentration auf situative Rahmenbedingungen erscheint jedoch in Anlehnung an neuere Ansätze der Kommunikationswissenschaften als reduktionistisch:

Beschreibt Kommunikation einen aktiven Prozeß der Wirklichkeitskonstruktion, so erfordert die Beschreibung von E-Mail-Kommunikation die Berücksichtigung der Wahrnehmung und ihren externen wie internen Einflußbereich (vgl. Merten 1994b: 309ff.).

Wenngleich sich E-Mail-Kommunikation nicht allein auf der Grundlage situati- ver Rahmenbedingungen erklären läßt, so geben diese Hinweise für eine Veränderung von Wahrnehmungs- respektive Interpretationsprozessen: Findet E-Mail-Kommunikation vor dem Hintergrund neuer kommunikativer Rahmenbedingungen statt, so stellt das Ziel der intersubjektiven Verständi- gung16 die Nutzer vor die Aufgabe, kommunikativen Zeichen vor dem Hinter- grund eines sich verändernden symbolischen Universums „ähnliche“17 Be- deutung zuzuweisen.

Dies gilt für alle (meta-)kommunikativen18 Ebenen von E-Mail, so z.B. für die Interpretation von empfangenen Texten und elektronischen Parasprachen19, für die Deutung der Gebrauchsweise von E-Mail sowie der Medienwahl (vgl. Abb.2).

Abb. 2: Kommunikative Ebenen von E-Mail und deren Interpretationsbe- darf

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Eine bedingte Modifikation von Interpretationsprozessen deutet auf eine Veränderung von Wahrnehmungsprozessen hin und manifestiert sich u.a. in einer Ausbildung medienbezogener Konventionen20. Diese stehen nach Höflich für Erwartungshaltungen hinsichtlich des Gebrauchs von Kommunikationstechnologien und können als externe oder soziale Einflußgrößen auf Wahrnehmungsprozesse betrachtet werden (vgl. Höflich 1996: 81).

2.2 Die Dynamik sozialer Einflußprozesse als Problem der Kommunikationswissenschaften

Die Notwendigkeit einer Berücksichtigung sozialer Einflüsse, die der Kommu- nikation über E-Mail zugrunde liegen, erschwert die Leistung von Folgeab- schätzungen erheblich. Hierfür lassen sich zwei Gründe anführen: Erstens ist davon auszugehen, daß sich soziale Konventionen in Abhängigkeit des sozialen Umfeldes ausbilden. Vor diesem Hintergrund beschreibt die

Konzeption der semantischen Netzwerke (vgl. Höflich 1996: 296ff) die Ent- wicklung spezifischer Nutzerkreise, deren Mitglieder sich durch eigene Be- deutungswelten und ähnliche Gebrauchsweisen auszeichnen21.22

Zweitens wird die Beschreibung von E-Mail-Kommunikation, wie in Kapitel 2.1 dargestellt, mit dem Problem einer dynamischen Entwicklung sozialer Einflußgrößen konfrontiert: „Die Kommunikationskultur wandelt sich respekt- los schnell, sehr grundlegend, und keiner kennt das Ergebnis dieses Prozes- ses“ (Glotz 1995: 41).

Vor diesem Hintergrund überrascht es nicht, daß sich vorliegende Folgeabschätzungen zur Internetkommunikation zum Teil erheblich unterscheiden23. Gestaltet sich bereits die Rekonstruktion von Kommunikation über klassische Medien vor dem Hintergrund einer „Black-Box“24 - der Wahrnehmung und ihrem internen wie externen Einflußbereich - als schwieriges Unterfangen, so erscheint die Beschreibung von E-Mail-Kommunikation auf den ersten Blick als eine kaum zu bewältigende Herausforderung:

E-Mail-Kommunikation steigert vor dem Hintergrund nutzer- bzw. gruppen- spezifischer Bedeutungswelten Komplexität und konfrontiert die Wissenschaft mit einem sich verändernden Universum externer bzw. sozialer Einflußgrö- ßen.

2.3 Streß als Indikator für die Anpassungsfähigkeit an neue medien- spezifische Konventionen

Mit der Untersuchung der kontextuellen Bedeutung von Streß setzt die vorlie- gende Arbeit an der Dynamik der Kommunikationskultur an und macht damit - salopp ausgedrückt - den Bock zum Gärtner:

Manifestiert sich eine verändernde Kommunikationskultur u.a. in einer Konstitution neuer sozialer Konventionen im Hinblick auf eine „adäquate“ Gestal- tung der Gebrauchsweise von E-Mail, so verlangt dies Anpassungsleistungen der Nutzer. Letztere werden im Verlauf von Aneignungsprozessen aufgefor- dert, ihr Kommunikationsverhalten auf Basis dieser neuer Konventionen zu gestalten.

Gelingt es Nutzern im Zuge der Aneignung nicht, die Erwartungen ihres kommunikativen Umfeldes ihren Handlungspotentialen entsprechend zu ges- talten und kommt es zu einer Erschöpfung individueller Bewältigungsfähig- keiten, so liegt die Entstehung von Streßphänomenen nahe. Wird Streß, wie im folgenden Kapitel aufgezeigt wird, als reflexiver Prozeß verstanden, so kann mit Hilfe dieses Begriffes möglicherweise ein Beitrag zur Erklärung und Beschreibung von E-Mail-Kommunikation geleisten werden. Ist dies der Fall, bietet sich eine Bezugnahme auf Streß insofern an, als Aus- handlungsprozesse von Nutzern aller „semantischen Netzwerke“ geleistet werden müssen.

3 E-Mail-Kommunikation als „regelgeleitetes Geschehen“

„Wenn wir Stress als ein Anpassungs- und Kontrollproblem angesichts von Umweltveränderungen einer Person verstehen, dann können alle Veränderun- gen, die den Menschen zu einer Anpassungsleistung zwingen und denen er sich - zumindest zunächst - nicht gewachsen fühlt, zum Stressor werden“ (Fritzsche 1998: 17).

Werden Technologien zur Realisierung von kommunikativen Absichten und Bedürfnissen angeeignet, dann erfordert dies Luhmann zufolge (nach Höflich 1996: 15) individuelle wie kollektive Anpassungsleistungen, welche mit einer Veränderung der gesellschaftlichen Kommunikationsweise einhergehen.25 Ausgehend von einem Alltagsverständnis ist eine Vielzahl möglicher Anpas- sungsleistungen denkbar, welche Kommunikation über E-Mail erfordern und denen sich Menschen zumindest zeitweise nicht gewachsen fühlen könnten (vgl. ebd.)26. Die im Rahmen des Entdeckungszusammenhangs beschriebe- nen Beobachtungen weisen auf eine spezifische Form von Anpassungsleis- tungen hin:

Sie lassen vermuten, daß Menschen im Rahmen von E-Mail-Kommunikation mit veränderten Erwartungshaltungen bezüglich ihrer Gebrauchsweise von E- Mail konfrontiert werden und geben darüber hinaus Anlaß zu der Annahme, daß die Nutzer gefordert sind, sich neuen sozialen Konventionen anzupassen.

Ziel des folgenden Kapitels ist es zu prüfen, wie sich diese Annahme aus kommunikationswissenschaftlicher Perspektive erklären läßt und vor welchem theoretischen Hintergrund sich der Transfer des Streßbegriffes in die Kommunikationswissenschaften begründen läßt. Wie zu zeigen sein wird, bietet eine „regelorientierte Perspektive“ Hinweise auf folgende Fragen:

- wie sich wahrgenommene Erwartungen erklären lassen und welche Be- deutung sie für die Beschreibung von E-Mail-Kommunikation aufweisen (Kap. 3.1),
- warum der Kontext von E-Mail-Kommunikation zu einer Wahrnehmung neuer Erwartungshaltungen respektive zu einer Ausbildung neuer Kom- munikationsregeln führt (Kap. 3.2),
- weshalb sich Nutzer diesen Kommunikationsregeln möglicherweise nicht gewachsen fühlen (Kap. 3.3).

3.1 Erwartungen als Manifestationen von Kommunikationsregeln

Der Begriff der Erwartung beschreibt die auf Erfahrung und/oder auf Kenntnis geltender Normen gestützte Annahme, daß sich eine bestimmte Person A in einer bestimmten Situation in einer vorhersehbaren Weise verhalten wird (vgl. Friedrichs et al. 1988: 206).27

Für eine Untersuchung von Erwartungen im Kontext von E-Mail- Kommunikation sind die beiden Definitionsmerkmale relevant, nach denen Erwartungen situationsspezifisch entstehen (1) und auf geltenden Normen be- ruhen (2).

Im folgenden wird beiden Kriterien Rechnung getragen, indem eine Betrach- tung von Erwartungen unter einer regelorientierten Perspektive28 erfolgt: „Um einen Ausschnitt menschlichen Verhaltens adäquat erklären zu können, müs- sen wir manchmal voraussetzen, daß es in Übereinstimmung mit einer Regel geschieht, und zwar selbst dann, wenn der Handelnde selbst nicht in der Lage ist, die betreffende Regel anzugeben und sich vielleicht nicht einmal der Tat-

sache bewußt ist, daß er in Übereinstimmung mit einer Regel gehandelt hat“ (Searle nach Höflich 1996: 33).

Regeln werden nach Shimanoff (1980: 57) als Handlungsanweisungen (Präskriptionen) verstanden, welche die Möglichkeit zu deren Befolgung implizieren und anzeigen, welches Verhalten unter bestimmten, ähnlichen Umständen verbindlich, bevorzugt oder verboten ist (vgl. auch Wiest 1994: 47). Der Begriff „Kommunikationsregel“ impliziert, daß sich eine Regel auf die Gestaltung kommunikativer Handlungen bezieht.

Vor diesem Hintergrund kann die Nutzung von E-Mail als regelorientiertes Handeln verstanden werden. Unter Bezugnahme auf eine „regelorientierte Perspektive“ wird im folgenden davon ausgegangen, daß wahrgenommene Erwartungshaltungen bezüglich einer hohen Antwortgeschwindigkeit auf einer medienspezifischen Kommunikationsregel beruhen.

3.1.1 Funktionen von Kommunikationsregeln

Kommunikationsregeln ermöglichen unter funktionalen29 Gesichtspunkten die Regulation, Interpretation, Bewertung, Rechtfertigung, Erklärung und Vorhersage von Verhaltensweisen (vgl. Shimanoff nach Höflich 1996: 41). Diese Funktionen lassen sich am Beispiel der Kommunikationsregel „schnell zurückschreiben“ verdeutlichen:

Unter Funktionen von Kommunikation werden natürliche und unvermeidliche Konsequenzen kommunikativen Verhaltens verstanden, nicht der Zweck oder die Intention, obwohl diese beteiligt sein können (vgl. Wieman/Giles 1992: 213).

Tab. 1: Beispiele für Funktionen von Kommunikationsregeln

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten 30 31 32

* Person A und Person B unterstellen sich gegenseitig eine Bezugnahme auf die Kommunikationsregel „schnell zurückschreiben“.

Kommunikationsregeln dienen der Handlungs- und Bedeutungskoordination und können somit als intersubjektive Grundlage von Kommunikation betrachtet werden. Demnach ist der Bezug auf einen gemeinsamen Regelbestand die Grundlage für die Gestaltung von Inhalts- wie Beziehungsaspekten von Kommunikation: „[...] wenn zwei oder mehr wechselseitig kontingent interagierende Akteure im Rahmen zielgerichteter Verhaltenssequenzen einander Informationen durch verschiedenartige Zeichenkomplexe mit der Absicht übermitteln, der Interaktionspartner möge das Gemeinte verstehen und das Gewollte tun“ (Winterhoff-Spurk/Vitouch1989: 248).

3.1.2 Typen von Kommunikationsregeln

In der Literatur finden sich verschiedene Klassifizierungsvorschläge für (Kommunikations-)Regeln (vgl. Höflich 1996: 29ff.). Dieses Kapitel beschreibt eine Auswahl von Regeltypen, welche hinsichtlich ihrer Differenzierungsmerkmale Schlußfolgerungen bezüglich ihrer Entstehung zulassen.

3.1.2.1 Regulative und konstitutive Regeln

Im Hinblick auf die beiden Funktionen der Handlungs- und Bedeutungskoordination erweitern Cronen und Pearce den Regelbegriff und differenzieren zwischen regulativen und konstitutiven Regeln33.

Regulative Regeln erfüllen die Funktion der Handlungskoordination, indem sie der Erzielung positiver bzw. der Vermeidung negativer Sanktionen34 dienen. Konstitutive Regeln ermöglichen die Zuschreibung und Konstitution von Sinn. Sie können als ein Aspekt der Informationsverarbeitung verstanden werden, indem sie in der Form „X gilt als Y im Kontext C“ neue Verhaltensformen defi- nieren. Sie existieren nicht nur im klassischen Sinne als äußere soziale Phä- nomene, sondern können Höflich folgend auch als individuelles Regelreper- toire „in den Köpfen“ der Handelnden beschrieben werden (1996: 48). Han- deln auf Grundlage regulativer Regeln setzt dabei konstitutive Regeln voraus: „Regulative Regeln beziehen sich auf Handlungssequenzen und schreiben die aufeinanderfolgenden Handlungen der Person vor. Dies geschieht vor dem Hintergrund vorgängiger Bedeutungszuschreibungen (d.h. auf der Grundlage konstitutiver Regeln), so daß dementsprechend regulative Regeln als kogniti- ve Reorganisationen konstitutiver Regeln zu verstehen sind“ (Höflich 1996: 48).

3.1.2.2 Implizite und explizite Kommunikationsregeln

Unter impliziten Regeln versteht Shimanoff (nach Wiest 1994: 49) Verbind- lichkeiten, die den Akteuren nicht als solche bewußt sind. Sie sind nicht in der Lage diese als solche zu formulieren, sondern handeln auf Basis eines „intui- tiven“ Wissens um die Angemessenheit ihres Verhaltens: „Gerade im Fall all- täglicher Routinen werden uns die zugrundeliegenden Regeln meist erst be- wußt, wenn unsere Erwartungen einmal enttäuscht werden“ (Wiest 1994: 49). Diesen impliziten Regeln stehen explizite Regeln gegenüber, welche schrift- lich, in kodifizierter Form, z.B. in Etikettenbüchern, vorliegen. ‚Netiquetten‘ e- xistieren mittlerweile auch für die Kommunikation über E-Mail. Abb.3 stellt ein Beispiel aus einer Vielzahl vorliegender expliziter Kommunikationsregeln dar.

Abb. 3: E-Mail-Netiquette als Beispiel expliziter Kommunikationsregeln35

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

3.1.2.3 Prozeduale Regeln

Die Nutzung von E-Mail setzt als regelorientiertes Handeln den Bezug auf ei- nen gemeinsam als verbindlich unterstellten Regelsatz voraus (vgl. Höflich 1996: 41). Hierbei ist anzunehmen, daß sowohl explizite wie auch implizite Kommunikationsregeln eng mit den Spezifika des Mediums E-Mail verbunden sind. Im Hintergrund steht die Annahme, daß E-Mail als elektronisches Medi- um der Textkommunikation andere Verhaltensstandards voraussetzt als audi- tive oder visuelle Medien, und daß synchrone Kommunikation anders verläuft als asynchrone.

Prozeduale Regeln sind in diesem Zusammenhang als Kommunikationsregeln zu verstehen, die sich auf die formale Nutzung von Medien beziehen bzw. welche bestimmen, wie Inhalte medienadäquat kommuniziert werden. Höflich folgend (1996: 93) machen prozeduale Kommunikationsregeln technisch vermittelte Kommunikation unter semantischen und pragmatischen Gesichtspunkten überhaupt erst möglich.

3.1.3 Klassifizierung der Kommunikationsregel „schnell zurück- schreiben“

Die Wahrnehmung der Erwartung „schnell zurückschreiben“ beschreibt die Annahme eines Individuums A darüber, welche Verhaltensprognosen und Forderungen ein anderes Individuum im Rahmen der E-Mail-Kommunikation gegenüber A bereithält. Dieser Beschreibung folgend kann sie auch als eine „Erwartungserwartung“ begriffen werden36.

Den bisherigen Aufführungen zufolge beruht diese Erwartung auf einer Kommunikationsregel.

Welche Aussagen lassen sich bezugnehmend auf die beschriebenen „Regel- typen“ für diese Kommunikationsregel „schnell zurückschreiben“ treffen? Die Erwartung impliziert erstens eine verbindliche oder bevorzugte Gebrauchsweise von E-Mail. Wie das Beispiel in Kapitel 3.1.1 zeigt, ist davon auszugehen, daß eine Verletzung der Regel negativ bewertet und damit ne- gativ sanktioniert wird. Somit deutet die Wahrnehmung dieser Erwartungs- haltung auf einen sozialen Einflußprozeß in Form einer regulativen Kommunikationsregel hin37.

Im Hinblick auf den Formalisierungsgrad der zugrundeliegenden Kommunikationsregel lassen sich keine gesicherten Erkenntnisse gewinnen. Die Präskription „schnell zurückschreiben“ ist in keiner populären Netiquette38 schriftlich fixiert. Es erscheint daher wahrscheinlich, daß die Erwartung zweitens auf einer impliziten Regel beruht.

Drittens bezieht sich die Erwartung auf einen formalen Aspekt der Gebrauchsweise von E-Mail und resultiert folglich aus einer prozedualen Re- gel.

Bezugnehmend auf die beschriebenen Kategorien wird die Erwartung „schnell zurückschreiben“ im weiteren Verlauf der Arbeit als Manifestation einer regu- lativen, impliziten, und prozedualen Kommunikationsregel betrachtet, welche sich unter bestimmenden Voraussetzungen39 im Kontext von E-Mail- Kommunikation konstituiert. Auf diese Klassifizierung wird im weiteren Verlauf der Arbeit Bezug genommen, wenn untersucht wird, warum und wie diese Regel entsteht.

3.2 Zur Konstitution neuer Kommunikationsregeln

Im letzten Kapitel wurde gezeigt, daß E-Mail-Kommunikation - wie jede Form der Kommunikation - einer intersubjektiven Grundlage in Form von Kommuni- kationsregeln bedarf. Dies erklärt jedoch (noch) nicht, weshalb Nutzer im Kontext von E-Mail-Kommunikation mit neuen Erwartungshaltungen bezie- hungsweise neuen Kommunikationsregeln konfrontiert werden. Höflich illustriert am Beispiel der Einführung verschiedener Informationstech- nologien die Entstehung medienbezogener Regeln und konstatiert schlußfol- gernd, daß nicht davon ausgegangen werden könne, daß Innovationen un mittelbar in Sozialsysteme aufgenommen bzw. lückenlos in eine vorhandene Praxis (und deren Regeln) eingebaut werden (Höflich 1996: 85).

Vor diesem Hintergrund kann es in einer ersten Phase aufgrund unklarer Kommunikationsregeln zu Störungen kommen, welche sich in Unsicherheiten und Orientierungsproblemen manifestieren. In Anlehnung an Hiltz und Turoff (nach Höflich 1996: 84) führt die Konfrontation mit Neuen Medien gar zu einer Art „Kulturschock“, der eintritt, wenn vertraute Regeln nicht mehr greifen: „Es handelt sich gewissermaßen um einen (temporär) regelungsfreien Zustand: Man weiß nicht, wie man sich zu verhalten hat, weil man nicht weiß, was die (Medien-)Situation bedeutet“ (Höflich 1996: 84).

Regulierungsprobleme dieser Art werden auch im Hinblick auf die Internet- kommunikation beschrieben. So beobachteten Kiesler und Sproull (1992) in Situationen technisch vermittelter Kommunikation Schwierigkeiten der Unter- suchungspersonen, Gemeinsamkeiten zu erkennen und sich einander anzu- nähern. Des weiteren führen einige Autoren unkonformes Verhalten, verbale Aggression und offene Feindseligkeit bei Online-Kontakten („flaming“) auf re- sultierende Enthemmung zurück (vgl. Dubrovsky et al. 1991).

Die Forschungsergebnisse sprechen dafür, daß im Zuge der Aneignung von E-Mail-Kommunikation ein Aushandlungsbedarf von Kommunikationsregeln besteht. Um zu verstehen, warum dieser entsteht, richtet sich das Augenmerk auf die Kommunikationssituation E-Mail. So formuliert Salomon im Hinblick auf zu leistende Folgeabschätzungen die scheinbar simple, aber naheliegende Frage: „Was ist anders als bei herkömmlichen Technologien, und welche Faktoren machen den Unterschied?“ (1989: 251).

3.2.1 E-Mail als „bedeutungsfreier Raum“

Regelorientiertes Handeln bewährt sich besonders im Falle rekurrenter und standardisierter (Medien-)Situationen (vgl. Höflich 1996: 29). Dies ist darauf zurückzuführen, daß Regeln selbst Interpretationsprozessen unterliegen und diese situationsspezifisch angewendet werden.

E-Mail-Kommunikation findet jedoch in einem neuen situativen Kontext statt. Dieser ist durch die räumliche Separation der Interakteure und die einge- schränkte Möglichkeit der zeitlichen Synchronisierung von Kommunikations- abläufen gekennzeichnet. Neben strukturellen Eigenschaften gilt des weiteren die Einschränkung kommunikativer Zeichen40 als ein zentrales Merkmal von E-Mail-Kommunikation.

Vor dem Hintergrund neuer kommunikativer Rahmenbedingungen erschwert E-Mail in frühen Phasen der Aneignung eine situationsadäquate Interpretation von Kommunikationsregeln. Die Bezugnahme auf einen gemeinsamen Re- gelbestand erfordert vielmehr eine gemeinsame Definition der (Medien-) Situ- ation. Die Bedeutung des situativen Kontextes erschließt sich dabei über In- terpretationsleistungen auf verschiedenen, sich wechselseitig bedingenden, (meta-)kommunikativen Ebenen des Kommunikationszusammenhangs.41

Damit weisen die Ausführungen auf die zirkuläre Struktur einer Konstitution von Kommunikationsregeln hin, denn der Bezug auf einen gemeinsamen Bestand an Kommunikationsregeln sowie die Wahrscheinlichkeit gelingender Bedeutungskoordination bedingen sich gegenseitig:

Während Regeln einerseits als intersubjektive Grundlage für die Koordination von Bedeutung betrachtet werden können (vgl. Kap. 3.1.1), ist die Zuschrei- bung von Bedeutung andererseits Voraussetzung für eine Bezugnahme auf medienadäquate Regeln.42 Versuche, die Entstehung medienspezifischer Kommunikationsregeln theoretisch zu rekonstruieren, führen daher unweiger- lich in eine Pattsituation.

Im weiteren Verlauf der Arbeit werden mit der „Wahl des technischen Mediums“ und der „medienbezogenen Gebrauchsweise“ zwei metakommunikative Ebenen untersucht, welche symbolische Bedeutung aufweisen und die Ausbildung von Kommunikationsregeln mitbestimmen.

An dieser Stelle kann festgehalten werden:

E-Mail unterscheidet sich im Hinblick auf situative Spezifika von konventio- nellen Medien interpersonaler Kommunikation. Eine Veränderung kommuni- kativer Rahmenbedingungen läßt darauf schließen, daß es sich bei E-Mail zu- nächst um eine neue und damit „unwägbare“ Mediensituation handelt.43 Diese erfordert die Aushandlung medienspezifischer Kommunikationsregeln und bietet damit eine Antwort auf die Frage, warum es im Kontext von E-Mail- Kommunikation zu einer Entstehung neuer medienbezogener Erwartungshaltungen kommen muß. Gleichwohl ist damit noch nicht die Frage beantwortet, wie sich diese ausbilden (vgl. Kap. 3.2.2).

3.2.2 Medienbezogene Gebrauchsweisen als Grundlage der Aushandlung neuer Kommunikationsregeln

Die Konstitution von Kommunikationsregeln stellt einen dialektischen Prozeß dar, wobei vorherrschende Regelsysteme vor dem Hintergrund neuer techni- scher Möglichkeiten und Restriktionen verändert bzw. modifiziert werden (vgl. Burns und Flam nach Höflich 1996: 82). Implizite Kommunikationsregeln exis- tieren nicht an sich, sondern sie konstituieren sich durch die wechselseitige Bezugnahme auf andere: „Die Bedeutung von allem und jedem muß in einem Prozeß des Anzeigens geformt, erlernt und vermittelt werden - in einem Pro- zeß, der zwangsläufig ein sozialer Prozeß ist“ (Blumer 1981: 90/91).

Einem bedingten Aushandlungsbedarf zufolge müssen E-Mail-Nutzer sich ausbildende Kommunikationsregeln aus der Gebrauchsweise „anderer“ deu- ten und gleichzeitig hieraus resultierende Deutungsmuster ihrem kommunika- tiven Umfeld durch ihre eigene medienbezogene Gebrauchsweise „anzeigen“. Dieser Prozeß ist unabdingbar, möchten sich Nutzer in neuen Kommunika- tionssituationen verständlich machen bzw. kommunikative Handlungen ver- stehen (Informationsaspekt), und möchten sie ihre Kommunikationspartner zu Handlungen veranlassen bzw. begreifen, was zu tun ist (Beziehungsaspekt).44

Mit dieser Formulierung wird der reflexive Charakter von Aushand- lungsprozessen deutlich. So sind Nutzer keineswegs als „Opfer“ neuer Kom- munikationsregeln - etwa als passive, reagierende Akteure - zu betrachten.

Vielmehr kommt den Akteuren im Kontext der Nutzung von E-Mail eine aktive Rolle zu, da sie durch ihre Gebrauchsweise eigene Deutungsmuster „anzei- gen“ und damit die Konstitution medienbezogener Regeln aktiv (mit)gestalten.45 Ihr beständiger Wandel erfordert - folgen wir Burns und Flam (nach Höflich 1996: 82) - einen „kreativen Umgang“ mit Regeln, wonach Nut- zer aufgrund entstehender kommunikativer Möglichkeiten oder Restriktionen ständig gefordert werden, Kommunikationsregeln zu ändern und in ihrem so- zialen Umfeld zu testen.

Beruht die Wahrnehmung von Erwartungshaltungen bezüglich einer hohen Antwortgeschwindigkeit auf einer impliziten Kommunikationsregel und werden diese über die Gebrauchsweise von E-Mail ausgehandelt, so läßt sich für die vorliegende Untersuchung folgende Schlußfolgerung ziehen: E-Mail-Anwender nehmen durch ihren Umgang mit dem Medium Einfluß auf die Kommunikationsregel „schnell zurückschreiben“ und damit auch auf die Erwartungen, die ihnen ihre Kommunikationspartner entgegenbringen.

3.2.3 Zur Bedeutung gruppenspezifischer Aneignungsprozesse

Bedarf es in neuen Kommunikationssituationen wie E-Mail zunächst der Her- stellung einer intersubjektiven Grundlage in Form von Kommunikationsregeln, so ist davon auszugehen, daß sich diese in Abhängigkeit vom jeweiligen sozi- alen Umfeld ausbildet. Im Zusammenhang mit der Frage, warum Anwender im Kontext von E-Mail mit neuen Erwartungshaltungen konfrontiert werden, erscheint die Berücksichtigung des sozialen Umfeldes daher als eine logische Konsequenz.

Rammert (1990a: 24) plädiert für ein Konzept der „sozialen Dynamik“, nach dem nicht nur die Erzeugung und Verbreitung, sondern auch die Verwendung neuer Kommunikationstechnologien als soziale Prozesse zu verstehen sind. Der Autor versucht, einem technischen Determinismus vorzubeugen, indem er auf die Bedeutung der sozialen Kontexte verweist, welche unterschiedli- chen Stilen der Verwendung zugrunde liegen.46

Das Konzept der „semantischen Netzwerke“ deutet diesbezüglich auf eine Vielfalt möglicherweise entstehender Kommunikationsregeln durch das sozi- ale Umfeld hin: Der Begriff beschreibt spezifische Nutzerkreise, deren Mitglie- der sich durch ähnliche Gebrauchsweisen auszeichnen. Dabei ergibt sich durch den Mediengebrauch sowie durch Prozesse des „gegenseitigen Anzei- gens“ Konvergenz von Bedeutung (vgl. Kap. 3.2.2). Auf diese Weise entste- hen gruppenspezifische (medienbezogene) Bedeutungswelten, und es kommt zur Ausbildung sozialer Konventionen in Form von Kommunikationsregeln. Diese umrahmen gruppenspezifische, medienbezogene Gebrauchsweisen (vgl. Höflich 1996: 296ff.).

Neue Kommunikationsregeln entstehen demnach nicht nur einer kollektiven Perspektive folgend im Rahmen „kultureller Phasenverschiebungen“, d.h., wenn - wie Ogburn (1969: 134ff.) feststellt - die Ausbildung sozialer Konven- tionen den technischen Entwicklungen „hinterherläuft“. Vielmehr ergibt sich im Zusammenhang von E-Mail-Kommunikation ein zusätzlicher Aushandlungs- bedarf aus der Vielfalt gruppen- bzw. netzwerktypischer Regelbestände. So weisen „semantische Netzwerke“ unterschiedliche Konstitutionsmerkmale47 auf und erfordern insbesondere in solchen Fällen Anpassungs- respektive Aushandlungsprozesse, in denen Nutzer ihre Kommunikation um neue Netz- werke erweitern und somit mit neuen Konventionen konfrontiert werden.

Eine Wahrnehmung neuer medienbezogener Erwartungen rührt daher nicht allein aus einer Ergänzung des kollektiven Regelbestandes vor dem Hintergrund der Einführung von E-Mail. Zu berücksichtigen sind des weiteren unterschiedliche gruppenspezifische Kommunikationsregeln, mit denen Anwender vor dem Hintergrund einer zunehmenden Ausdifferenzierung „semantischer Netzwerke“ konfrontiert werden.

[...]


1 Der Begriff „Internet“ steht für ein globales System, das unter der Vorgabe bestimmter technischer Kriterien aus der Verbindung verschiedener Netzwerke besteht. Der Da- tenaustausch über dieses Netz wird als Internetkommunikation bezeichnet (vgl. De- cember 1996: 18).

2 Der Begriff „Medium“ bezieht sich zunächst auf das rein technische Vermittlungssys- tem („Medium 1. Ordnung“; vgl. Weischenberg 1998: 51).

3 Quelle: NUA Internet Surveys (1999): How many Online? Online im Internet: http://www.nua.ie/surveys/how_many_online/index.html [Stand 14.07.1999].

4 „Es gibt praktisch keine Grenzen, weder inhaltliche noch geographische [...] via Mo- dem und Bildschirm werden starre Regeln und Begrenzungen aufgehoben: daß Kom- munikation vor allem auf die eigene Region oder das eigene Land beschränkt ist, daß sie um so teurer ist, je größer die Entfernungen zwischen den Beteiligten werden [...]“ (Grüne/Urlings 1996: 494).

5 Anders ausgedrückt: Kommunikativem Handeln werden sowohl Freiräume eröffnet als auch Beschränkungen auferlegt (vgl. Wiest 1994: 3, Eckert/Winter 1987: 69ff.).

6 Mit diesem Ausdruck werden im folgenden Texte und Schriftzeichen bezeichnet, wel- che über das Internet verschickt werden.

7 Der Streßbegriff wird im Verlauf der Arbeit zu definieren sein und bezieht sich an die- ser Stelle auf seine Alltagsbedeutung.

8 Der Autor weist diesbezüglich auf die Notwendigkeit hin, den Gebrauch neuer Kom- munikationstechnologien mit widersprüchlichen und wechselnden Bedürfnissen des Gemeinschaftslebens abzustimmen (vgl. auch 1990a: 34f.; 1988: 194-195).

9 Von dieser deutlich zu unterscheiden sind die kritische und die konstruktive Dimension von Streß, welche nicht Gegenstand dieser Arbeit sind. Diese kennzeichnen Fragen nach den Schäden, die Streß verursacht (kritische Dimension) oder konzentrieren sich auf positive Aspekte von Streß (konstruktive Dimension) (vgl. Fritzsche 1998: 12).

10 Vgl. von Bredow 1999: 20f.

11 Insbesondere dann, wenn es sich bei Streß um einen detailliert physiologischen Vor- gang innerhalb eines mehrdimensionalen Phänomens handelt (vgl. Selye 1976).

12 Diese beschreibt Jaspers als eine durch Mitteilung erwirkte Gemeinschaft gegenseiti- ger bewußter Verständlichwerdung (nach Glotz 1995: 41).

13 Die Dynamik sozialer Einflußprozesse wird gegenwärtig verstärkt im Bereich der Inter- netkommunkation diskutiert. Gleichwohl tritt hier ein Problem zu Tage, welches gene- rell als Schwierigkeit der Beschreibung von Kommunikation verstanden werden kann (vgl. Höflich 1996: 81ff.).

14 Anpassung bezeichnet einen Prozeß, durch den zwischen den Fähigkeiten, Bedürfnis- sen, Erwartungen und Zielen des Individuums einerseits und den von der sozialen Umwelt an das Individuum gerichteten Anforderungen ebenso wie den ihm von der Umwelt gebotenen Möglichkeiten der Bedürfnisbefriedigung andererseits ein „Gleich- gewicht“ hergestellt wird (vgl. Klima 1988: 44).

15 Ein Beispiel hierfür stellt das Equalization-Modell dar: Nach diesem Ansatz erleichtern und erweitern die Abwesenheit audiovisueller Signale und der asynchrone Kommuni- kationsverlauf kommunikatives Handeln, indem die Individuen vor Macht und Einflüs- sen der Kommunikationspartner geschützt werden (vgl. Dubrovsky et al. 1991; Kies- ler/Sproull 1992; Rosenberg 1992; Weisband 1992).

16 Verständigung meint die gegenseitige Unterstellung der Kommunikationspartner, „sich zu verstehen“. Voraussetzung ist u.a. ein gemeinsamer Bezug auf Kommunikationsre- geln, auf deren Grundlage die Koordination von Bedeutung erfolgen kann (vgl. Höflich 1996: 31).

17 Freilich bleibt Verständigung nicht nur in neuen Kommunikationssituationen ungewiß: „Der Mensch konstruiert aktiv seine Wirklichkeit, ohne sich jemals der Wirklichkeits- konstruktion anderer endgültig sicher sein zu können“ (Höflich 1996: 30).

18 Metakommunikation meint Kommunikation über Kommunikation, die besagt, wie das eigene Verhalten zu interpretieren ist oder wie das Kommunikationsverhalten der Kommunikationspartner interpretiert wird. Vgl. hierzu Höflich 1996: S.110.

19 So beschreibt Wilkins (1991) die Entwicklung einer metakommunikativen Ebene in der Online-Sprache. In dieser können Gemütszustände, Ironie, Sarkasmus usw. in Form von „Emoticons“ ausgedrückt werden. Ein bekanntes Beispiel ist das „Smiley“. Es ent- steht, indem über eine Tastenkombination Gesichtszüge imitiert werden, die jeweils bestimmte Gefühlsregungen symbolisieren.

20 Um der Frage nach den sozialen Konventionen nachzugehen, beschäftigt sich die Ar- beit in Kapitel 3 mit Kommunikationsregeln. Diese weisen - wie zu zeigen sein wird - regulative wie interpretationsleitende Funktionen auf und lassen sich als intersubjekti- ve Grundlage von Kommunikation betrachten.

21 Schanze/Kammer (nach Höflich 1996: 297) weisen beispielsweise auf die Ausbildung von gruppenspezifischen Parasprachen hin, welche u.a. der Selbstbestätigung der Gruppenmitglieder und deren Abgrenzung gegenüber Außenstehenden dienen.

22 Erst vor dem Hintergrund der Art und Weise des Gebrauchs wird E-Mail zu einem Me- dium im Sinne einer „sozialen Bedeutungsproduktion und -vermittlung“ (vgl. Wei- schenberg 1998: 51). Die Bedeutung gruppenspezifischer Verwendungsweisen be- rücksichtigend wird E-Mail daher im weiteren Verlauf der Arbeit als „Medium 2. Ord- nung“ verstanden (vgl. ebd.).

23 Für einen Überblick über verschiedene Forschungsansätze im Bereich der Internet- kommunikation vgl. December 1996; Rössler 1998.

24 Der Begriff steht in der Psychologie für den Wahrnehmungapparat und verdeutlicht die Unzulänglichkeit, intrapsychische Vorgänge abzubilden (vgl. Watzlawick et al. 1990: 45).

25 Kaum ein anderes Phänomen wurde in den letzten Jahren so häufig als Indikator für gesellschaftliche Veränderungen herangezogen wie die Verbreitung der Internetkom- munikation. Einige Autoren sehen in der globalen Vernetzung elektronischer Medien revolutionäre soziale Umwälzungen (vgl. Sproull und Kiesler 1991) und prognostizieren eine Umstrukturierung des gesellschaftlichen Kommunikationsgefüges, vergleichbar mit anderen Entwicklungsschüben wie der Erfindung des Buchdrucks (vgl. Fieler und Weingarten 1988: 1ff.).

26 Der Umgang mit E-Mail erfordert beispielsweise technische Kompetenzen, die nicht nur ältere Nutzer zunächst ausbilden müssen.

27 Erwartungen zeugen von einer Orientierung an anderen bzw. von einer Erzeugung von Reflexivverhältnissen. Sie verstärken Selektivität und strukturieren Prozesse der Wirklichkeitskonstruktion (vgl. Merten 1994b: 310).

28 Wenn auch bislang keine „einheitliche Regeltheorie“ existiert, so nimmt die Beschäftigung mit Kommunikationsregeln nach Höflich (1996: 33) doch mittlerweile einen festen Platz in der Kommunikationsforschung ein. Für einen Überblick über vorliegende Ansätze vgl. ebd. 1996: 29ff., Wiest 1994: 40ff.

29 Unter Funktionen von Kommunikation werden natürliche und unvermeidliche Konsequenzen kommunikativen Verhaltens verstanden, nicht der Zweck oder die Intention, obwohl diese beteiligt sein können (vgl. Wieman/Giles 1992: 213).

30 Der Umgang mit Regeln weist metakommunikativen Charakter auf: Man verletzt Re- geln, um anzuzeigen, wie das eigene Handeln zu interpretieren ist (man muß sie ken- nen, um sie zu brechen). Zum anderen stellen Regelverletzungen „Testfälle“ dar, die der Ermittlung der Bedeutung regelbezogenen kommunikativen Handelns dienen (vgl. Höflich 1996: 83).

31 Es ist davon auszugehen, daß die Bewertung des Verhaltens davon abhängig ist, ob A glaubt, daß B die E-Mail erhalten hat. Zur Bedeutung der Interpretierbarkeit vgl. Kapitel

32 Erst die Beobachtung des Verhaltens über einen längeren Zeitraum läßt erkennen, ob eine Regel a) nicht existiert, oder ob sie b) existiert, aber gebrochen wird. Antwortet Person B häufiger erst nach einer Woche, so kündigt er die Regel auf bzw. zeigt an, daß er sie nicht als verbindlich betrachtet. Zur Aushandlung von Kommunikationsre- geln vgl. Kapitel 3.2.2.

33 In ihrer Theorie der Bedeutungskoordination betrachten die Autoren die Koordination von Bedeutung vor dem Hintergrund wechselseitiger Interpretationsprozesse als die primäre Leistung von Kommunikation (vgl. Cronen/Pearce nach Höflich 1996: 46; Cro- nen et al. 1982: 61ff.).

34 Zu negativen Sanktionen zählen nach Höflich (1991: 75) auch die Bewertung von Handlungen und Bewertungen der Person.

35 Quelle: Houten-Kemp, Mary (1999): Netiquette, in: Everything E-Mail. Online im Inter- net: http://everythingemail.net/email_help_tips.html#netiquette [Stand 14.07.1999].

36 Nach Luhmann muß man nicht nur das Verhalten, sondern auch die Erwartungen des anderen erwarten können, um adäquat reagieren zu können (Luhmann, nach Lautmann 1988: 207).

37 Sie gibt des weiteren Hinweise auf die Vornahme von Interpretationsleistungen, wel- che auf einen hier unbestimmbaren Bestand konstitutiver Regeln verweisen.

38 Mit „populären Netiquetten" sind schriftliche Verhaltensstandards gemeint, die in den beiden Suchmaschinen Yahoo und Altavista aufgeführt werden.

39 Kommunikationsregeln konstituieren sich u.a. im Zusammenhang mit der Kommuni- kationssituation, dem Kommunikationszweck, der Nutzergruppe sowie der Art der Be- ziehung zwischen den Kommunikationspartnern (vgl. Höflich 1996: 93ff.).

40 Vgl. hierzu Ansätze zur Media-Richness-Theorie (vgl. ebd.: 61ff.).

41 Die Bedeutung des „technischen“ Mediums E-Mail stellt eine solche metakommunika- tive Ebene dar, welche der Interpretation der Mediensituation und somit der Ausbil- dung von Regeln zugrundeliegt. Vgl. hierzu das folgende Kapitel.

42 Da sich Regeln und Bedeutungszuschreibungen somit wechselseitig bedingen, wird deutlich, warum es in neuen Kommunikationssituationen zunächst zu Orientierungs- und Regulierungsproblemen kommen kann (vgl. Kap. 3.2.1).

43 „Weniger die Technik selbst als vielmehr ihr - vom sozialen Kontext der Nutzung abhängiger - Gebrauch bestimmt die Beziehung zwischen Nutzer und Medium“ (Wiest und Holland 1992: 42). Entscheidend für die Frage, warum es im Rahmen von E-Mail- Kommunikation zu einer Konstitution neuer Kommunikationsregeln kommt ist dem- nach die schlichte Feststellung, nach der E-Mail in einem neuen situativen Kontext stattfindet. Aus diesem Grund wird auf eine Darstellung der technischen Spezifika von E-Mail-Systemen verzichtet. Zu wesentlichen Funktionen vgl. Sproull/Kiesler 1991: 181.

44 Vgl. hierzu Höflich 1996: 41f.

45 Wie Rössler in einer Metabetrachtung zur „Diffusion und Nutzung von Online-Medien“ feststellt, wird als zentrales Kennzeichen der Online-Kommunikation immer wieder betont, daß hier keine passiven Rezipienten, sondern (inter-)aktive Anwender durch ih- ren Umgang mit der Online-Kommunikation deren Gestalt bestimmen (Rössler 1998: 24).

46 Auch Dutton et al. (1987: 244ff.) fordern nach einer Metaanalyse verschiedener empi- rischer Arbeiten zur Diffusion und Wirkung von Heimcomputern die Berücksichtigung sozialer Merkmale der Nutzer.

47 Schanze/Kammer (1990: 269) weisen beispielsweise auf die Ausbildung gruppenspe- zifischer Parasprachen hin, welche u.a. der Selbstbestätigung der Gruppenmitglieder und ihrer Abgrenzung gegenüber Außenstehenden dienen.

Ende der Leseprobe aus 117 Seiten

Details

Titel
Kommunikationsstress - Eine explorative Fallstudie am Beispiel von E-Mail-Kommunikation
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster  (Institut für Kommunikationswissenschaften)
Note
1,7
Autor
Jahr
1999
Seiten
117
Katalognummer
V29539
ISBN (eBook)
9783638310222
ISBN (Buch)
9783638703031
Dateigröße
1318 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kommunikationsstress, Eine, Fallstudie, Beispiel, E-Mail-Kommunikation
Arbeit zitieren
Markus Joepgen (Autor), 1999, Kommunikationsstress - Eine explorative Fallstudie am Beispiel von E-Mail-Kommunikation, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/29539

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