Schon den Zeitgenossen der Mitte des 19. Jahrhunderts war bewusst, dass sie in einer Epoche beispielloser Auswanderung aus Deutschland lebten. Es ist daher wenig überraschend, dass dieses Jahrhundert oft als „Jahrhundert der Massenauswanderung“ bezeichnet wird. Obgleich die zahlreichen Emigranten teilweise vollkommen unterschiedliche Motive hatten, ihr Heimatland zu verlassen, so ist es ein Phänomen, das in ganz Europa anzutreffen war. Es zog sich durch sämtliche gesellschaftliche Schichten und Berufsgruppen; es ergriff sowohl die ärmliche Unterschicht als auch wohlhabende Aristokraten. Diese Breite ist unter anderem zurückzuführen auf die gute Informationslage über das jeweilige Zielland, sodass man sich schon in der Heimat mit den Gegebenheiten in der „neuen Welt“ vertraut machen konnte.
Angesichts des Gewichts dieser Thematik kann sich die vorliegende Arbeit nicht in aller Breite auf die europäische Auswanderungsbewegung konzentrieren, und ist daher vornehmlich auf die Auswanderung aus Deutschland in die Vereinigten Staaten von Nordamerika im 19. Jahrhundert fokussiert. Ausgangspunkt meiner Untersuchung ist ein Handbuch von Gustav Struve aus dem Jahr 1867, anhand dessen ich zum Einen die erhältlichen Informationen für potenzielle Emigranten beleuchten möchte, zum Anderen untersuche ich den Standpunkt Struves bezüglich der Vereinigten Staaten näher. Er selbst gehörte den German Forty-Eighters an, jener Gruppe von Auswanderern, die Deutschland nach der gescheiterten Revolution von 1848/49 desillusioniert verließen bzw. verlassen mussten. Die Kernfragen der Arbeit konzentrieren sich deshalb auch auf die Person Struves: Wie sieht er die Vereinigten Staaten als Zielland? Worauf baut sich dieses Wissen auf und was haben eigene Erlebnisse dazu beigetragen? Ebenso werde ich untersuchen, ob sein Werk ausreichende Objektivität besitzt und wie fundiert sein Wissen überhaupt sein kann. Warum Struve gerade die Staaten als Ziel empfiehlt, wo er doch selbst nach einigen Jahren Aufenthalt wieder nach Deutschland zurückkehrte, wird ebenfalls Gegenstand nachfolgender Untersuchung sein. Die übergeordnete These, dass die Berichterstattung und Informationen über das Zielland selten objektiv waren, wird sich deshalb anhand der gestellten Leitfragen klären und im Schlussteil beantwortet werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Auswandererbewegung aus Deutschland in die USA
2.1 Überblick über die Auswanderung im 19. Jahrhundert
2.2 Zusammenhang zwischen Auswanderung und Revolution (1848/49)
3. Informationsmöglichkeiten über das Zielland
4. Gustav Struve: biographischer Hintergrund
5. Wegweiser für Auswanderer (1867): Das Leben in Amerika
6. Quellenbewertung: Beurteilung von Struves Einschätzungen
7. Schluss
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Rolle der Vereinigten Staaten von Nordamerika als Zufluchtsort für deutsche Auswanderer im 19. Jahrhundert, mit einem besonderen Fokus auf das Handbuch von Gustav Struve aus dem Jahr 1867. Ziel ist es zu analysieren, wie objektiv die damaligen Informationsquellen für Emigranten waren und inwieweit Struves eigene politische Haltung als Forty-Eighter sein Bild von Amerika beeinflusste.
- Die Auswandererbewegung aus Deutschland im 19. Jahrhundert
- Die Bedeutung der Revolution von 1848/49 für die Emigration
- Struves biographischer Hintergrund und seine politische Einstellung
- Kritische Analyse des "Wegweiser für Auswanderer"
Auszug aus dem Buch
4. Gustav Struve: biographischer Hintergrund
Gustav Struve wurde 1805 in eine der oberen gesellschaftlichen Schicht angehörende Familie geboren. Sein Vater, Johann Gustav von Struve war Diplomat in München im russischen Dienst. Er selbst legte den Adelszusatz jedoch 1847 ab. Nach seinem abgeschlossenen Jurastudium an verschiedenen deutschen Universitäten trat er in den Staatsdienst ein und wurde Attaché der oldenburgischen Bundestagsgesandtschaft in Frankfurt. Wegen seiner radikalen Ansichten und seiner Sympathie gegenüber einer republikanisch-demokratischen Staatsordnung sowie seiner Mitgliedschaft in einer verbotenen Burschenschaft in Heidelberg musste er diesen mehr oder minder freiwillig bald wieder verlassen. Zahlreiche Anklagen und Prozesse folgten.
Versuch, eine akademische Laufbahn einzuschlagen ebenfalls scheiterte, markierte dies einen beruflichen Tiefpunkt für Struve. 1833 nahm er aus Geldmangel erneut eine Tätigkeit als Anwalt am Oberhofgericht an, gleichzeitig begann er auch zu publizieren. Zehn Jahre später gründete er eine Studentenzeitung und den Studentenverein Alemannia. Als Redakteur war er inzwischen ins Auge der Zensurbehörden gerückt und führte einen zähen Kampf mit diesen. Seine weitere Radikalisierung ist auch als Reaktion auf diesen Spießroutenlauf zu sehen. Während dieser Zeit freundet er sich mit dem bedeutend jüngeren 21-jährigen Friedrich Hecker – ebenfalls Anwalt - an, der ihn in zahlreichen Prozessen verteidigte.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die Thematik der Massenauswanderung im 19. Jahrhundert und Vorstellung der Forschungsfrage sowie der zentralen Person Gustav Struve.
2. Die Auswandererbewegung aus Deutschland in die USA: Überblick über die Ursachen der Auswanderung und den direkten Einfluss der gescheiterten Revolution von 1848/49.
3. Informationsmöglichkeiten über das Zielland: Analyse der Informationslage für Auswanderer, inklusive der Rolle von Agenturen und schriftlichen Ratgebern.
4. Gustav Struve: biographischer Hintergrund: Darstellung des Lebenslaufs und der politischen Entwicklung von Gustav Struve bis zu seinem Exil in Amerika.
5. Wegweiser für Auswanderer (1867): Das Leben in Amerika: Inhaltliche Untersuchung von Struves Ratgeber hinsichtlich seiner Empfehlungen und Beschreibungen des Lebens in den USA.
6. Quellenbewertung: Beurteilung von Struves Einschätzungen: Kritische Reflexion der Objektivität und Intention von Struves Werk im Kontext seiner persönlichen Erfahrungen.
7. Schluss: Zusammenfassende Beantwortung der Leitfragen und Fazit zur Glaubwürdigkeit der damaligen Auswanderungsinformationen.
Schlüsselwörter
Gustav Struve, Massenauswanderung, 1848/49, Forty-Eighters, Nordamerika, Auswanderer, Ratgeber, Revolution, politische Flüchtlinge, Emigration, USA, Gesellschaft, Quellenbewertung, Geschichte, Deutschland.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit im Kern?
Die Arbeit befasst sich mit der Rolle der Vereinigten Staaten als Zufluchtsort für deutsche Auswanderer im 19. Jahrhundert, basierend auf dem "Wegweiser für Auswanderer" von Gustav Struve.
Welche zentralen Themenfelder werden abgedeckt?
Zu den Themen gehören die Migrationsgründe (push/pull factors), die Auswirkungen der 1848/49-Revolution, die Informationsbeschaffung für Auswanderer und die politische Biographie Gustav Struves.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die Arbeit untersucht, wie objektiv die Informationen für potenzielle Auswanderer waren und ob Struves subjektive Sichtweise als politischer Flüchtling sein Bild von Amerika verzerrte.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Es handelt sich um eine historische Quellenanalyse, die Struves Handbuch und seine persönlichen Aufzeichnungen mit zeitgenössischen Berichten und historischer Sekundärliteratur abgleicht.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert die historischen Bedingungen der Auswanderung, Struves Biographie, den Inhalt seines Ratgebers von 1867 und bewertet diese kritisch.
Welche Schlagworte charakterisieren diese Arbeit?
Die Arbeit ist gekennzeichnet durch Begriffe wie Forty-Eighters, Auswanderungsindustrie, politische Radikalisierung und nordamerikanische Zielland-Perspektive.
Warum spielt die Person Gustav Struve eine so wichtige Rolle?
Struve war ein bekannter Akteur der badischen Revolution und seine Schrift fungierte als Leitfaden, der durch seine eigene, durchaus ambivalente Exilerfahrung geprägt ist.
Inwieweit war Struves Bild von Amerika objektiv?
Die Analyse zeigt, dass Struves Darstellung stark subjektiv und pauschalisierend war, da er die USA als "Paradies für Freigeister" stilisierte, um die europäischen Zustände zu kritisieren.
Was unterscheidet die "Forty-Eighters" von früheren Auswanderergenerationen?
Im Gegensatz zu den meist bäuerlich-handwerklichen Migranten früherer Zeiten waren die Forty-Eighters oft politisch motivierte Akademiker und Intellektuelle.
Wie bewertet die Autorin die Rückkehr Struves nach Deutschland?
Die Rückkehr wird als untypisch für politisch exilierte Deutsche betrachtet und unterstreicht die schwierige Etablierung Struves sowie sein streitsüchtiges Wesen in Amerika.
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- Marlene Weber (Author), 2015, Ausweg Amerika. Die Vereinigten Staaten als Zuflucht deutscher Auswanderer aus der Sicht von Gustav Struve, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/296216