Eichendorffs „Das Marmorbild“. Zur Funktion und Bedeutung der Frauenfiguren


Hausarbeit, 2014

16 Seiten, Note: 1,7

Kim Do (Autor)


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Charakteristische Eigenschaften und das Erscheinungsbild der Frauenfiguren
2.1 Venus
2.2 Bianka

3. Vergleich der Inszenierung der Frauenfiguren
3.1 Zum Wiederholungsstil im Marmorbild

4. Die Wirkung der Frauenfiguren auf Florio

5. Zusammenfassung

Literaturverzeichnis
Primärliteratur
Sekundärliteratur

1. Einleitung

„[...] da sagte er leise aus tiefstem Grunde der Seele: Herr Gott, laß mich nicht verloren gehen in der Welt!“[1]

Florio wird während seines Aufenthalts in Lucca auf die Probe gestellt, sowohl in religiöser, als auch moralischer Sicht.[2] Auf der einen Seite stehen die zurückhaltende, unschuldige Bianka und der Sänger Fortunato und „sein frisches keckes Wesen“ (SE, S. 25), welche das Helle, Klare, Christliche und vor allem die Wirklichkeit widerspiegeln. Auf der anderen Seite wird er von der heidnischen Verführerin Venus, die als wunderschönes Marmorbild dargestellt wird, welches in Florios Vorstellung lebendig wird und ihn in ihren Bann zieht, und dem dunklen, mysteriösen Ritter Donati in eine Traumwelt gelockt, sodass er sich immer weiter von der realen Welt entfernt und fast verloren geht.

In Joseph von Eichendorffs Novelle „Das Marmorbild“ durchlebt der Protagonist Florio die für die Literaturepoche der Romantik kennzeichnende Verwirrung, Täuschung und heftige Gefühlsbewegung, welche insbesondere in Verbindung mit dem andauernden Zwist zwischen Christentum und Heidentum stehen. Diese Kollision der Mythen und die Symbolik sind die wichtigsten Merkmale, die in Eichendorffs Werken verwendet werden. Die Symbolik, die Eichendorff nutzt, um den Kontrast zwischen heidnisch-christlich, unmoralisch-moralisch, Sexualität-Keuschheit und auch Traum und Wirklichkeit herauszustellen, beginnt schon bei der Namensgebung der Protagonisten, hinzu kommen noch charakteristische und äußerliche Merkmale, sowie die Inszenierung der jeweiligen Figuren durch ihre Umgebung. Bei Alewyn und Seidlin heißt es:

Der neueren Forschung verdanken wir durch ihre intensive Textanalyse wertvolle Einsichten in die Eichendorffsche Dichtung, deren Haupteigenschaften […] Magie und Symbolik, deren Bilder Hieroglyphen, deren Landschaften sichtbare Theologie sind.[3]

Bei der Analyse wird insbesondere auf die Funktion und Bedeutung der zwei völlig unterschiedlichen Frauenfiguren eingegangen. Dazu liegt zu Anfang der Analyse der Fokus auf dem Charakter, dem Erscheinungsbild und der Inszenierung von Venus und Bianka. Der herausstechende Wiederholungsstil ist Teil dieses Analyseschrittes. Im späteren Verlauf wird auf die Wirkung der Frauen auf Florio eingegangen, um die Funktion der Frauenfiguren in der Novelle herauszuarbeiten. Am Ende folgt eine Zusammenfassung der Hauptaussagen, die nach der Analyse zu Funktion und Bedeutung der Frauenfiguren getroffen werden können.

2. Charakteristische Eigenschaften und das Erscheinungsbild der Frauenfiguren

Den Charakter und das Erscheinungsbild der Frauen stellt Eichendorff mit sehr kontrastreichen Motiven dar. Nicht nur das Äußerliche, die Charaktereigenschaften und die Umgebung, in der sich die Frauen aufhalten, sondern auch die Namensgebung verweist auf die Persönlichkeit, die sie letztendlich verkörpern.

Bianka kann - passend zur Szenerie Lucca in Italien - aus dem Italienischen abgeleitet werden (ital.: bianco) und bedeutet „die Weiße“, „die Glänzende“, „die Reine“. Sinngebend steht es für Biankas Unschuld und Keuschheit. Sie verkörpert eine marienhafte Gestalt und somit das Christentum. Erkennbar ist dies an den Attributen Mariens, die Bianka in sich trägt.

Die Venus ist allgemein bekannt als Göttin der Liebe, des erotischen Verlangens und der Schönheit. Sie repräsentiert das Heidentum. Im Marmorbild gibt es einen engen Zusammenhang zur Sage vom Venusberg.[4] Aufschluss darüber bietet der Sänger Fortunato am Ende der Novelle:

Jene Ruine, sagte endlich Pietro, wäre also ein ehemaliger Tempel der Venus, wenn ich Euch sonst recht verstanden? Allerdings, erwiderte Fortunato, so viel man an der Anordnung des Ganzen und den noch übriggebliebenen Verzierungen abnehmen kann. Auch sagt man, der Geist der schönen Heidengöttin habe keine Ruhe gefunden. Aus der erschrecklichen Stille des Grabes heißt sie das Andenken an die irdische Lust jeden Frühling immer wieder in die grüne Einsamkeit ihres verfallenen Hauses heraufsteigen und durch teuflisches Blendwerk die alte Verführung üben an jungen sorglosen Gemütern, die dann vom Leben abgeschieden, und doch auch noch nicht aufgenommen in den Frieden der Toten, zwischen wilder Lust und schrecklicher Reue, an Leid und Seele verloren, umherirren, und in der entsetzlichsten Täuschung sich selber verzehren.

(SE, S. 67)

Man kann trotz verwirrender Schreibstrategie, die besonders in der Szene auf dem Maskenball zu erwähnen ist, die Frauen deutlich voneinander unterscheiden, da sie komplett anders auftreten (SE, S. 47-51). Dies unterstützen auch wissenschaftliche Arbeiten, wie die von Theresia Sauter-Bailliet.[5] Die Seins und Verhaltensweise der Frauenfiguren entscheidet, welchen mythischen Bereichen sie zuzuordnen sind.[6] Darüber hinaus repräsentieren die Frauen die Formen von Liebe, wie sie laut Christentum und Heidentum ausgelebt werden sollten. Die christliche, keusche Liebe, die Bianka vertritt, und die heidnische, leidenschaftliche Liebe der Venus:

„De[n] Widerstreit zwischen Weltlichkeit und Glauben, zwischen heidnischer und christlicher Existenz, drückt sich im Werk Eichendorffs oft in der Gegenüberstellung erdgebundener und transzendierender Liebe aus. In den heidnischen und christlichen Frauengestalten finden wir beide Formen von Liebe versinnbildlicht.“[7]

2.1 Venus

Im Zentrum des Marmorbildes sind zwei Motive verschmolzen, das der aus dem Grabe wiederkehrenden verführerischen Frau Venus und das der lebendig werdenden Marmorstatue.[8]

Wie bereits erwähnt ist Venus die Göttin der Liebe, des erotischen Verlangens und der Schönheit. Sie repräsentiert das Heidentum und die heidnische Form der Liebe. Insbesondere der mit ihrer Figur zusammenhängende Venus-Mythos ist wichtig für die Novelle:

Das Marmorbild ist die bekannte Sage einer zu gewissen Zeiten und Stunden lebendig werdenden Statue der Venus, die Jünglinge mit Sinnenzauber bestrickt, und sie zeitlich und ewig verdirbt. [...][9]

Der erste Auftritt der Venus sagt viel aus über ihre Seinsweise. Sie steht als marmornes Venusbild bei Mondlicht auf einem steinernen Sockel am Rande eines Weihers, der von Bäumen umgeben ist, und betrachtet scheinbar ihr Spiegelbild im Wassers (vgl. SE, S. 37). Es ist ein nahezu poetischer und auch malerischer erster Auftritt, den Eichendorff hier ausgewählt hat, um diese Frauenfigur einzuführen. In der Venus sieht Florio sein Idealbild einer Frau:

Florio stand wie eingewurzelt im Schauen, denn ihm kam jenes Bild wie eine lang gesuchte, nun plötzlich erkannte Geliebte vor, wie eine Wunderblume aus der Frühlingsdämmerung und träumerischen Stille seiner frühesten Jugend heraufgewachsen. (SE, S. 37)

Jedoch wird sie von Anfang an mit negativen Eigenschaften beschrieben. Ihre „narzißhafte Selbstbespiegelung“[10] zeigt Parallelen zum Narziß-Mythos, hinzu kommen ihre „todbringende Schönheit“[11] und ihre „dämonische Verführungskunst“[12]. Des Weiteren wird sie beschrieben als „so fürchterlich weiß und regungslos [und dabei] sah [sie] ihn fast schreckhaft mit den steinernen Augenhöhlen aus der grenzenlosen Stille an“ (SE, S. 38). Sie erscheint seelenlos und kalt. Die Veränderung der Venus wird durch die Veränderung der Natur verdeutlicht, was sich in starkem Wind und seltsamer Beleuchtung durch den Mond äußert (SE, S. 38). Deshalb erfasst Florio auch „ein nie gefühltes Grausen“ (SE, S.38) und er flieht. In der Nacht schläft Florio „unter den seltsamsten Träumen ein“ (SE, S.38). Da er von der Begegnung mit Bianka am selben Abend noch romantisch erregt war, war er ein leichtes Ziel:

Ein tiefes, unbestimmtes Verlangen war von den Erscheinungen der Nacht in seiner Seele zurückgeblieben. […] Er wusste selbst nicht mehr, was er wollte, gleich einem Nachtwandler, der plötzlich bei seinem Namen gerufen wird. (SE, S. 40)

Aus dem marmornen Venusbild wird in Florios Vorstellung eine lebendige „hohe schlanke Dame von wundersamer Schönheit“ (SE, S.42). Von nun an wird die Venus mit vielen positiven Zügen geschmückt. Sie hat langes goldenes Haar, eine anziehende Blässe, trägt ein himmelblaues Gewand mit Blumen gestickt, dessen Ärmel von einer goldenen Spange gehalten werden (vgl, SE, S. 42). Florios Idealbild scheint lebendig geworden zu sein.

Der „Widerspruch von Faszination und Kälte, der ihren Körper anziehend und abstoßend zu gleich macht“[13], wechselt, bis Florio am Ende dank Fortunatos Lied aus dem Bann der Venus gelöst ist.

Besonders hervorzuheben ist auch der Maskenball, bei dem Venus und Bianka zeitweise bis zur Verwechslung ineinander übergehen.[14] Masken verhüllen das wahre Gesicht und tragen zur perfekten Täuschung immens bei. Der Gesang der Venus lockt Florio zu ihr. Die Szenerie erinnert stark an deren ersten Begegnung am Weiher, denn Venus saß als Griechin verkleidet auf dem Becken eines Springbrunnen und spielt im Mondlicht mit einer Rose im Wasser (SE, S. 50). Der Vergleich der Venus mit einer „Najade“ ist hier sehr passend gewählt, denn diese sind laut griechischer Mythologie Nymphen, die über Gewässer herrschen und sterben, falls das Gewässer austrocknen sollte. Die Venus befindet sich meist in der Nähe von Weihern oder Springbrunnen, als wären diese auch für sie eine Art Lebenselixir. Während des Maskenballs verdeckt die Venus ihr Gesicht mit dem Schleier, erst am Ende schlägt sie diesen zurück:

„Es war die wunderbare Schöne, deren Gesang er in jenem mittagschwülen Garten belauscht. - Aber ihr Gesicht, dass der Mond hell beschien, kam ihm bleich und regungslos vor, fast wie damals das Marmorbild am Weiher“ (SE, S. 52).

Das widersprüchliche Erscheinungsbild ist ein Indikator für Traum und Wirklichkeit, den Florio bis hierhin nicht erkennt, da er verblendet ist. Die bleiche Haut kann hier nicht als edle Blässe gewertet werden, sondern eher als Leichenblässe.

Venus zeigt ihre Verführungskünste insbesondere durch ihre ständig wechselnde Erscheinung. Zu Anfang ist sie ein wunderschönes Marmorbild, dann eine hohe schlanke Dame, eine Griechin, eine Jägerin und zuletzt die verführerische Schlossherrin. „In Eichendorffs Werken lassen sich viele Gestalten entweder auf den Venus- oder Dianatyp zurückführen, manchmal vereinen sich […] die Eigenschaften beider.“[15] Venus zeigt sich oft im Jagdkleid (vgl. SE, S. 57). Dabei wird sie als Jägerin auf einem weißen Pferd, mit einem Falken auf der Hand, der mit einer goldenen Schnur an ihrem Gürtel befestigt war, beschrieben (SE, S. 56). Venus kann auch als eine Art Jägerin verstanden werden. Sie ist auf der Jagd nach Jünglingen. Zudem ist der Wochentag, an dem Florio sie besuchen darf, ausschlaggebend. Denn das Schloss der Heidengöttin ist am Sonntag, dem Tag des Christentums, nicht zu besuchen, sondern am Montag, dem Tag der Diana. In ihrem marmornen Schloss kann sich die Venus perfekt inszenieren:

[...]


[1] Schultz, Hartwig (Hg.): Joseph von Eichendorff. Sämtliche Erzählungen. Stuttgart: Reclam 2012 (= RUB 2352), S. 61. Die Primärliteratur wird von nun an folgendermaßen kenntlich gemacht: (SE, Seite).

[2] Pikulik, Lothar: Die Mythisierung des Geschlechtstriebes in Eichendorffs „Marmorbild“. In: Mythos und Mythologie des 19. Jahrhundert, hg. von Helmut Koopmann. Band 36. Frankfurt a. M.: Klostermann 1979 (= Studien zur Philosophie und Literatur des neunzehnten Jahrhunderts), S. 172.

[3] Sauter-Bailliet, Theresia (Hg.): Die Frauen im Werk Eichendorffs. Verkörperungen heidnischen und christlichen Geistes. Band 118. Bonn: Bouvier 1972 (= Abhandlungen zur Kunst-, Musik- und Literaturwissenschaft), S. 1.

[4] Woesler, Winfried: Frau Venus und das schöne Mädchen mit dem Blumenkranze. Zu Eichendorffs „Marmorbild“. In: Aurora 45 (1985), S. 41.

[5] Sauter-Bailliet, Theresia (Hg.): Die Frauen im Werk Eichendorffs. Verkörperungen heidnischen und christlichen Geistes, S. 214

[6] Vgl. ebenda, S. 2.

[7] Vgl. ebenda, S.1.

[8] Woesler, Winfried: Frau Venus und das schöne Mädchen mit dem Blumenkranze. Zu Eichendorffs „Marmorbild“, S. 34.

[9] Breuer, Dieter: Zum Venus-Mythos bei Eichendorff und Heinse. In: Aurora 41 (1981), S. 183.

[10] Woesler, Winfried: Frau Venus und das schöne Mädchen mit dem Blumenkranze. Zu Eichendorffs „Marmorbild“, S. 41.

[11] Vgl. ebenda, S. 47.

[12] Vgl. ebenda, S. 47.

[13] Sauter-Bailliert, Theresia (Hg.): Die Frauen im Werk Eichendorffs. Verkörperungen heidnischen und christlichen Geistes, S. 91.

[14] Vgl. ebenda, S. 214.

[15] Woesler, Winfried: Frau Venus und das schöne Mädchen mit dem Blumenkranze. Zu Eichendorffs „Marmorbild“, S. 37.

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Details

Titel
Eichendorffs „Das Marmorbild“. Zur Funktion und Bedeutung der Frauenfiguren
Hochschule
Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen  (Allgemeine und germanistische Literaturwissenschaft)
Veranstaltung
Einführungsseminar: Joseph von Eichendorff: Gedichte und Erzählungen
Note
1,7
Autor
Jahr
2014
Seiten
16
Katalognummer
V298319
ISBN (eBook)
9783656952152
ISBN (Buch)
9783656952169
Dateigröße
434 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schlagworte
Eichendorff, Frauenbilder, Frauenfiguren, Marmorbild, Venus, Mythologie, Funktion, Bedeutung, Heidentum, Christentum, Verführung, Glaube, Wiederholungsstil
Arbeit zitieren
Kim Do (Autor), 2014, Eichendorffs „Das Marmorbild“. Zur Funktion und Bedeutung der Frauenfiguren, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/298319

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