In der Vergangenheit haben sich die verschiedenen wissenschaftlichen Zweige der Gerontologie vorwiegend mit dem geistigen und körperlichen Kompetenzabbau beschäftigt, der im Rahmen des menschlichen Alterungsprozesses stattfindet. Jedoch sehen zunehmend mehr ältere Menschen ihr Alter als positive und produktive Lebensphase, die sie sich möglichst lange in Autonomie erhalten möchten. Baltes und Carstensen (1996) betonen in ihrem Beitrag zum erfolgreichen Altern, dass Altern nicht nur Kompetenzverlust bedeuten kann, sondern auch Weiterentwicklung, Aufbau einer neuen, möglicherweise anders gearteten Vitalität und kreative Auseinandersetzung, so dass Altern auch mit Zufriedenheit erlebt werden kann.
Neben dem Wunsch nach langfristiger, selbstständiger Lebensführung wächst mit zunehmendem Alter aber auch das Bedürfnis nach persönlicher Sicherheit und Krisenvorsorge.
Das Betreute Wohnen hat sich in den letzten Jahren als Wohnform herauskristallisiert, die diesen beiden entgegengesetzten Bedürfnissen von Autonomie einerseits und Sicherheit andererseits gerecht werden kann. Die vorliegende Studie gibt neben aktuellen gerontologisch-theoretischen Grundlagen zur Person-Umwelt-Interaktion im Alter einen kurzen Abriss über das Konzept des Betreuten Wohnens für Senioren und untersucht auf Basis empirischer Daten, aus welchen Beweggründen ältere Menschen sich für diese relativ neue Wohnform entscheiden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Wohnen im Alter
2.1 Begriffserläuterung „Wohnen“
2.2 Begriffserläuterung „Alter“
2.3 Bedeutung des Wohnens im Alter
2.3.1 Kompetenz und Anpassung
2.3.2 Umwelt und Anpassung
2.3.3 Ökopsychologische Betrachtung des Wohnens
2.3.4 Gerontologische Betrachtung des Wohnens
2.3.5 Umzug
2.4 Wohnformen
3. Betreutes Wohnen
3.1 Begriffserläuterung
3.2 Formen des Betreuten Wohnens
3.3 Bedeutung und Grenzen des Betreuten Wohnens
3.4 Qualitätskriterien für das Betreute Wohnen
4. Theorien zum Wohnen im Alter
4.1 Das Umweltanforderungs-Kompetenzmodell von Lawton
4.2 Das Modell des erfolgreichen Alterns: Prozessorientiertes Metamodell (SOK Modell) von Baltes und Baltes
5. Empirische Erhebung zum Betreuten Wohnen
5.1 Beschreibung der Einrichtung „Mathilde-Vogt-Haus“ in Heidelberg
5.1.1 Beschreibung der Bewohnerstruktur
5.1.2 Beschreibung des Umfelds der Wohnanlage und der Stadtteil-Infrastruktur
5.2 Methode und Durchführung
5.2.1 Erhebungsinstrument
5.2.2 Beschreibung der Stichprobe
5.3 Ergebnisse
5.3.1 Vorheriger Wohnstandort
5.3.2 Entscheidungsgründe für die Einrichtung
5.3.2.1 Entscheidungsgründe der Priorität 1
5.3.2.2 Entscheidungsgründe der Priorität 2
5.3.3 Umzugsgründe
5.3.3.1 Umzugsgründe der Priorität 1
5.3.3.2 Umzugsgründe der Priorität 2
5.3.4 Bedeutung der unmittelbaren Wohnumwelt
6. Ergebnisdiskussion
6.1 Ergebnisdiskussion im Vergleich mit der Evaluationsstudie von Heeg und Seiler sowie der Augsburger Längsschnittstudie von Saup
6.2 Ergebnisdiskussion im Kontext der Theorien von Lawton sowie Baltes und Baltes
7. Schlussbetrachtung
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht die Beweggründe älterer Menschen für einen Umzug in eine Einrichtung des „Betreuten Wohnens“. Dabei stehen die Person-Umwelt-Interaktion und das Bedürfnis nach einer Balance zwischen Autonomie und Sicherheit im Zentrum der Analyse.
- Gerontologische Grundlagen der Person-Umwelt-Interaktion
- Konzept und Qualitätskriterien des Betreuten Wohnens
- Theoretische Modelle (Lawton, Baltes & Baltes) zum Wohnen im Alter
- Empirische Fallstudie des „Mathilde-Vogt-Hauses“ in Heidelberg
- Diskussion der Umzugsgründe und deren Priorisierung
Auszug aus dem Buch
Die Bedeutung des Wohnens im Alter
Die Bedeutung des Wohnens im Alter wird von den psychologischen Einzeldisziplinen unter verschieden Gesichtspunkten untersucht. Die Entwicklungspsychologie betrachtet Wohnen unter dem Aspekt der Aneignung räumlich-dinglicher Umwelten durch den Menschen und untersucht, welche Rolle unterschiedliche Umwelten im Lebenslauf von Menschen spielen. Die ökologische Psychologie analysiert die Bedeutung des Wohnens im Alter insbesondere unter funktions- und bedeutungsorientierten Gesichtspunkten.
Die funktionsorientierten Ansätze der ökologischen Psychologie betrachten die Wohnumwelt im Hinblick auf die kompetenzerhaltenden, -fördernden oder -behindernden Wirkungen auf den älteren Menschen (Oswald, 1996), insbesondere als dieser mit zunehmendem Alter wichtige, umweltrelevante Kompetenzen einbüßen kann (siehe auch Abschnitt 2.3.1). So betont Filipp unter Zuhilfenahme eines Zitats von Wohlwill - „the environment is not in the head“ (1976, in Filip, 1990, S.148) - dass die physische Beschaffenheit der Umwelt zugunsten einer rein bedeutungsorientierten Sichtweise nicht vernachlässigt werden darf. Diese letzteren Ansätze, im englischen Sprachraum auch unter dem Begriff „aging in place“ zusammengefasst, stellen den subjektiven Wert des Wohnens und die Bindung an das eigene Zuhause in den Mittelpunkt, d.h. „weniger die objektiv gegebenen ökologischen Bedingungen (…) als vielmehr die Art und Weise, wie (der ältere Mensch) sie erlebt, (und) was sie für ihn persönlich bedeuten“ (Lehr, 1977, in Oswald, 1994, S.357). So fand Lehr (1996) in ihrer Studie, dass die generelle Lebenszufriedenheit im Alter sehr stark mit der Zufriedenheit mit der Wohnsituation korreliert, diese Wohnzufriedenheit jedoch nur in geringem Maße von objektiven, funktionalen Umweltkriterien bestimmt wird, sondern eher auf subjektiven Bedeutungen wie biographische Verankertheit und Erinnerung basiert.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die gerontologische Thematik und die wachsende Bedeutung des Betreuten Wohnens als Verbindung von Autonomie und Sicherheit.
2. Wohnen im Alter: Analyse der theoretischen Grundlagen des Wohnens, der Bedeutung der räumlichen Umwelt sowie des Umzugs als kritisches Lebensereignis.
3. Betreutes Wohnen: Definition, Formen und Qualitätskriterien dieser Wohnform im Kontext der modernen Altenhilfe.
4. Theorien zum Wohnen im Alter: Darstellung zentraler Modelle wie Lawtons Umweltanforderungs-Kompetenzmodell und das SOK-Modell von Baltes und Baltes.
5. Empirische Erhebung zum Betreuten Wohnen: Dokumentation der Fallstudie im Mathilde-Vogt-Haus, inklusive Methodik, Bewohnerstruktur und Analyse der Umzugsgründe.
6. Ergebnisdiskussion: Vergleichende Einordnung der eigenen Studienergebnisse mit bestehenden Evaluationsstudien und den theoretischen Modellen.
7. Schlussbetrachtung: Fazit zur Relevanz der Studienergebnisse für die Gestaltung flexibler Wohnkonzepte im Alter.
Schlüsselwörter
Betreutes Wohnen, Altern, Person-Umwelt-Interaktion, Umzugsgründe, Lebenszufriedenheit, Gerontologie, Kompetenzmodell, Autonomie, Sicherheit, Wohnumfeld, Qualitätskriterien, Mathilde-Vogt-Haus, SOK-Modell, Wohnformen, Senioren.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Untersuchung der Gründe, warum ältere Menschen ihr angestammtes Zuhause verlassen und in eine Einrichtung des Betreuten Wohnens ziehen.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die zentralen Felder sind die gerontologische Wohnforschung, die Analyse der Person-Umwelt-Passung und die Bewertung von Betreuungsangeboten für Senioren.
Was ist das primäre Ziel der Studie?
Das primäre Ziel ist es, die spezifischen Motive – wie gesundheitliche Situation oder der Wunsch nach Sicherheit – zu identifizieren, die den Umzugsprozess in ein spezifisches Wohnprojekt (Mathilde-Vogt-Haus) auslösen.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Autorinnen führten eine empirische Befragung von Bewohnerinnen mittels eines standardisierten Fragebogens durch, um individuelle Daten in aggregierte Erkenntnisse zu überführen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in theoretische Grundlagen zu Wohnen im Alter, die Vorstellung der Wohnform „Betreutes Wohnen“, theoretische Modelle zur Umweltanforderung und die detaillierte Präsentation und Diskussion der empirischen Daten.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Betreutes Wohnen, Person-Umwelt-Interaktion, Umzugsgründe, Autonomie, Sicherheit und das SOK-Modell.
Warum spielt das „vertraute Umfeld“ eine so große Rolle für die Bewohner?
Die Studie zeigt, dass der Erhalt der Ortsidentität und die soziale Einbettung in das gewohnte Stadtviertel für ältere Menschen entscheidend sind, weshalb sie Angebote bevorzugen, die in ihrem bisherigen Umfeld liegen.
Inwiefern stützt die Studie die Theorien von Lawton sowie Baltes und Baltes?
Die Ergebnisse bestätigen, dass der Umzug als aktiver Selektionsprozess verstanden werden kann, bei dem die Bewohner versuchen, ihre schwindenden Kompetenzen durch eine passendere, unterstützende Umwelt (Umweltanpassung) zu kompensieren.
- Quote paper
- Christina Müller (Author), 2004, Wohnen im Alter. Umzugsgründe in das Betreute Wohnen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/30021