Der Ansatz, Filme anhand ihres jeweiligen Verfremdungspotentials zu analysieren, ist konstitutiv für den Neoformalismus. Dieser greift dabei weitgehend auf die theoretischen Arbeiten der russischen Formalisten und ihr Verständnis von Kunst zurück und übernimmt zentrale Thesen, Verfahren und Terminologien, von denen im Folgenden partikular die Wesentlichsten vorgestellt werden sollen.
Angelehnt an das formalistische Verständnis der Ostranenie soll in dieser Arbeit das Verfremdungskonzept in Bezug auf die Filmkunst im Fokus der Betrachtung stehen. Filmtheoretischen Kontext bildet dabei der neoformalistische Ansatz nach Kristin Thompson und David Bordwell, die die Kernthesen der russischen Formalisten auf die Filmkunst übertragen und diese weiter ausführen. Ziel der theoretischen Auseinandersetzung mit dem Neoformalismus ist dabei primär die Beantwortung der folgenden forschungsleitenden Fragen:
Welche Bedeutung hat das Konzept der Verfremdung im neoformalistischen Sinn für die Filmkunst?
Wie kann Kunst Wahrnehmungsprozesse beeinflussen?
Worin liegt das Verfremdungspotential von Filmen und wie lässt es sich analysieren?
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Theoretischer Kontext
2.1 Russischer Formalismus
2.2 Neoformalistischer Ansatz
3 Konzept der Verfremdung
3.1 Automatisierung und Zweck der Kunst
3.2 Verfremdungsverfahren im Film
4 Kritische Einschätzung
5 Fazit
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Diese Arbeit verfolgt das Ziel, das Konzept der Verfremdung (ostranenie) auf die Filmkunst zu übertragen und dessen theoretische Bedeutung innerhalb des neoformalistischen Ansatzes nach Kristin Thompson und David Bordwell zu untersuchen. Dabei wird analysiert, wie filmische Verfahren die automatisierte Wahrnehmung der Rezipienten aufbrechen und eine ästhetische Auseinandersetzung mit dem Medium ermöglichen.
- Grundlagen des russischen Formalismus und des Begriffs der Verfremdung.
- Einführung in den neoformalistischen Ansatz der Filmwissenschaft.
- Analyse der Funktion und Motivation filmischer Verfahren.
- Kritische Reflexion über die Möglichkeiten und Grenzen neoformalistischer Filmanalyse.
Auszug aus dem Buch
3.1 Automatisierung und Zweck der Kunst
Das Künstlerische eines Werkes ist nach Schklowski Ergebnis der Wahrnehmung. Es wird generiert durch besondere Verfahren, deren Zweck darin besteht, das Empfinden für einen Gegenstand zu intensivieren und ihn so als Kunst wahrnehmbar werden zu lassen. Bezogen auf die Literatur spiegeln sich solche Verfahren u.a. in der Verwendung von Sprachfiguren (z. B. Metapher, Hyperbel, Vergleich) oder irregulären Erzählperspektiven.
Wahrnehmungsprozesse können sich im Laufe der Zeit automatisieren. Betrachtet man einen Gegenstand Tag für Tag, wird sein Anblick bald zur Routine und die Wahrnehmung seiner verlagert sich in den Bereich des Unbewussten. „Mehrmals wahrgenommene Dinge nehmen wir allmählich nur noch wiedererkennend wahr: Wir stehen ihnen gegenüber, sehen sie aber nicht, sondern wissen nur davon.“ Damit macht der Automatisierungsprozess Gegenstände bedeutungslos oder wie Schklowski es ausdrückt: „Die Automatisierung verschlingt die Dinge, die Kleider, die Möbel, die Frau und den Schrecken des Krieges.“ Hier kommt nun die zentrale Rolle der Kunst ins Spiel: Sie rückt den – für sie konstitutiven – Wahrnehmungsprozess selbst in den Fokus und ermöglicht das bewusste Sehen der Dinge (entgegen der bloßen Wiedererkennung).
Die Kunst ist durch ihre Verfahren fähig, Gegenstände dem Wahrnehmungsautomatismus zu entziehen. Charakteristisch ist hierbei das Verfahren der erschwerten Form. Es verkompliziert – sowie verlängert dadurch – die Wahrnehmung eines Gegenstandes und lässt so Gewohntes in einem fremden Kontext erscheinen, wodurch das bloße, automatisierte Wiedererkennen unterbunden wird. Hierin spiegelt sich die wesentliche Funktion der Kunst: ihre Fähigkeit, Dinge zu verfremden.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung führt in die Relevanz des Verfremdungsbegriffs ein und definiert die forschungsleitenden Fragen hinsichtlich der Bedeutung von Ostranenie für die Filmkunst.
2 Theoretischer Kontext: Dieses Kapitel verortet den Neoformalismus in der Tradition des russischen Formalismus und erläutert zentrale Konzepte wie Fabula, Sujet und die Rolle des Zuschauers.
3 Konzept der Verfremdung: Hier werden die theoretischen Grundlagen der Verfremdung als Gegenmittel zur Automatisierung der Wahrnehmung sowie deren Anwendung als Verfahren im Film detailliert dargestellt.
4 Kritische Einschätzung: Dieser Teil reflektiert die Stärken des neoformalistischen Ansatzes bei der Analyse verschiedenster Filmgenres und diskutiert gleichzeitig die mangelnde Ausführlichkeit praktischer Analysemethoden.
5 Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und bewertet den Stellenwert des neoformalistischen Ansatzes als Standardverfahren in der gegenwärtigen Filmwissenschaft.
Schlüsselwörter
Neoformalismus, Russischer Formalismus, Verfremdung, Ostranenie, Filmanalyse, Automatisierung, Wahrnehmung, Kristin Thompson, David Bordwell, Viktor Schklowski, Verfahren, Dominante, Fabel, Sujet, Filmtheorie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht das Konzept der Verfremdung und dessen Bedeutung für die Analyse von Filmen aus der Perspektive des Neoformalismus.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zu den zentralen Themen gehören die Begriffsgeschichte der Ostranenie, die kognitive Filmtheorie sowie die Untersuchung von filmischen Verfahren zur Durchbrechung alltäglicher Wahrnehmungsmuster.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist die Beantwortung der Frage, welche Bedeutung das Konzept der Verfremdung im neoformalistischen Sinn für die Filmkunst hat und wie dieses zur Filmanalyse eingesetzt werden kann.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine theoretische Arbeit, die auf der Analyse und Exegese filmtheoretischer Schlüsseltexte von Viktor Schklowski und Kristin Thompson basiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden der theoretische Kontext des Formalismus, die Konzepte der Automatisierung und Verfremdung sowie spezifische Analyseverfahren wie die Ermittlung der Dominante behandelt.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Neoformalismus, Verfremdung, Ostranenie, Filmanalyse und Wahrnehmungsprozesse charakterisiert.
Was unterscheidet die "praktische" von der "ästhetischen" Wahrnehmung?
Die praktische Wahrnehmung ist automatisiert und routiniert, während die ästhetische Wahrnehmung durch Kunst bewusst erschwert und intensiviert wird.
Warum ist die Ermittlung der "Dominante" für die Filmanalyse wichtig?
Die Dominante bezeichnet das zentrale formale Prinzip eines Films, das alle anderen Verfahren ordnet und somit erst eine strukturierte Analyse ermöglicht.
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- Nadine Keller (Author), 2015, Der Neoformalismus und das Konzept der Verfremdung in der Filmkunst, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/300721