Grundzüge Schopenhauers Mitleidsethik und ihre metaphysischen Einflüsse. Beurteilung der Kritik an Kant


Hausarbeit, 2013

22 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Schopenhauers Mitleidsethik
2.1. Was ist Mitleid?
2.2. Handlungen von moralischem Wert
2.3. Moralische Triebfeder

3. Kritik an Kant
3.1. Kants Moralethik
3.2. Schopenhauers Kritik

4. Schwachstellen in Schopenhauers Moraltheorie

5. Fazit

Literaturverzeichnis

Schopenhauers Mitleidsethik - Kritik an Kant und eigene Schwachstellen

1. Einleitung

Moralisches Handeln ist von zentraler Bedeutung für ein geordnetes Zusammenleben der Menschen und scheint die Menschen zu beschäftigen seitdem sie sich in sozialen Gruppen bewegen. Viele Philosophen vor Schopenhauer, so auch Kant, haben sich zu diesem Thema geäußert, Regeln und Maximen aufgestellt, Gesetze entworfen und Gebote gepredigt. Schopenhauers Annäherung an dieses Thema stellt jedoch andere Ansprüche. Schopenhauer will keine neuen ethischen Imperative entwerfen, sondern sein Anliegen ist es, die Grundlage, die nach seiner Sicht bereits im Menschen angelegt ist, aufzuspüren und zu erklären. In seiner Preisschriftüber die Grundlage der Moral erörtert er, dass das Mitleid die moralische Instanz im Menschen ist. Basis dieser Gedanken sind Schopenhauers metaphysische Überlegungen, die er in seiner Schrift Die Welt als Wille und Vorstellung beschreibt, in der der Mensch als Vorstellung in unserer Erfahrungswelt vorkommt und sein eigentliches Wesen zu Schopenhauers alles umfassenden Willen gehört. Im Mitleid könne die Brücke zwischen dem Ich und dem Leidenden überwunden werden, da im Mitfühlen die Wesensidentität deutlich wird, was im Folgenden ausführlicher dargestellt werden soll.

Doch in Schopenhauers Moralphilosophie reicht es nicht aus, dass Menschen Mitleid miteinander empfinden um eine moralisch wertvolle Handlung auszuüben. Das Mitleid konkurriert laut Schopenhauer mit noch zwei weiteren Handlungstriebfedern, der Bosheit und dem Egoismus, wobei das allgemeine Weltbild Schopenhauers vom Egoismus durchzogen ist. Um eine Handlung als moralisch wertvoll bewerten zu können, stellt Schopenhauer also das Kriterium auf, das eine moralische Handlung nur aus Mitleid geschehen kann und völlig frei von Egoismus sein muss.

Schopenhauers Überlegungen bauen stark auf seinem Vorgänger Kant auf, auch wenn diese sich später von diesen abgrenzen, sind sowohl Kants Metaphysik als auch seine Ethik von großer Relevanz für Schopenhauer, der es sich in Folge seiner eigenen Moralphilosophie nicht nehmen ließ, seinen Vorgänger, trotz seiner Bewunderung für ihn, ausführlich zu kritisieren.

Ziel dieser Arbeit soll es sein, Schopenhauers Mitleidsethik in ihren Grundzügen darzustellen und seine Mitleidsethik auch in Hinblick auf Schopenhauers metaphysischen Einflüsse zu beleuchten. Kants Ethik und Schopenhauers Ethik, die sich in ihren Grundansprüchen, in ihrer Normativität bzw. Schopenhauers deskriptiver Herangehensweise unterscheiden, sollen, mit dem Fokus auf Schopenhauers Kritik an Kants kategorischen Imperativ, gegenüber gestellt werden.

Als finaler Schritt soll herausgearbeitet werden, ob Schopenhauers Kritik an Kants Ethik berechtigt ist, inwieweit er seinem Anspruch einer rein deskriptiven Ethik treu geblieben ist und ob er nicht vielleicht sogar als Kritiker im Glashaus angesehen werden könnte.

2. Schopenhauers Mitleidsethik

Arthur Schopenhauer hat in seiner Preisschriftüber die Grundlage der Moral versucht, die Basis für das menschliche Moralverhalten aufzudecken. Ziel dieser Arbeit war nicht, wie man vielleicht annehmen könnte, eine neue normative Ethik zu entwickeln, sondern er wollte das Fundament des menschlichen moralischen Handelns nachweisen. Schopenhauer sieht hier auch die Grenze der Ethik, denn das Fundament selbst, das Mitleid, sei ein Problem der Metaphysik.1

Mit seiner Mitleidsethik will Schopenhauer keinen neuen moralischen Imperativ aufstellen - etwa den, Mitleid zu entwickeln oder zu stärken -, vielmehr setzt er die Emotion des Mitleids als psychologisches Datum, von dem aus sich das tatsächliche moralische Verhalten der Menschen erklären lassen soll.2

Der sonst für seinen Pessimismus bekannte Philosoph räumt also ein, dass es eine moralische Instanz zwischen den Menschen gibt, die nicht auf egoistischen Motiven zu beruhen scheint. In der Empirie erkennt er die Bereitschaft der Menschen anderen zu helfen und Unrecht zu vermeiden. Er behauptet, dass es Leute gibt, die frei von egoistischem Handeln sind: "Dies sind die wahrhaft ehrlichen Leute, die wenigen Aequi [Gerechten] unter der Unzahl der Iniqui [Ungerechten]. Aber solche Leute giebt es."3 Und er muss diese Annahme auch haben um seiner Moraltheorie überhaupt ein empirisches Fundament zu geben, denn um seinen Zweiflern vorzubeugen nimmt er moralisches Handeln als gegeben an und richtet sich direkt an vermeintliche Kritiker: "Sollte aber dennoch Jemand darauf bestehn, mir das Vorkommen aller solcher Handlungen abzuleugnen; dann würde, ihm zufolge, die Moral eine Wissenschaft ohne reales Objekt seyn."4

Schopenhauer belässt der Ethik damit im Wesentlichen nicht mehr als zwei Aufgaben: einerseits die Aufgabe, die Motive und Charaktereigenschaften, aus denen der Verzicht auf Unrechttun und die Bereitschaft zu Hilfeleistung fließen, zu identifizieren, andererseits die Aufgabe, zu erklären, wie es möglich ist, dass die überwiegend unter der Herrschaft von Egoismus und Boshaftigkeit stehenden Menschen sich zumindest gelegentlich von jenen positiven Motiven bestimmen lassen.5

Vor allem die Charaktereigenschaften spielen bei Schopenhauer eine besondere Rolle. Als Ergebnis seiner metaphysischen Arbeiten, aus denen sich der Wille ergibt, dem hier nur eine Nebenrolle eingeräumt werden kann, schließt Schopenhauer, dass der Mensch einen angeborenen und unveränderlichen Charakter hat.6 Der Charakter legt also schon fest, wie moralisch wir uns verhalten können und werden. Denn für unser Verhalten brauchen wir ein Motiv, was er in seiner Beweisführung für das Mitleid als Triebfeder der Moral als erste Bedingung anbringt.7 Dieses Motiv, so führt er fort, muss den Widerstreit mit einem Gegenmotiv gewinnen, welche einzig und allein vom „Wohl und Wehe“ geleiteten Willen bestimmt werden und sich entweder auf mich selbst beziehen kann, was eine egoistische und damit nicht moralische Handlung wäre, oder es bezieht sich auf das Wohl und Wehe eines anderen.8 „Egoismus und moralischer Werth einer Handlung [schließen] einander schlechthin aus.“9

Nun stellt sich natürlich die Frage, wieso das Wohl und Wehe zu meinem Motiv werden sollte. Offenbar nur dadurch, daß jener Andere der letzte Zweck meines Willens wird, ganz so wie ich selbst es bin: also dadurch, daß ich ganz unmittelbar sein Wohl will und sein Wehe nicht will, so unmittelbar, wie sonst nur das meinige. Dies aber setzt nothwendig voraus, daß ich bei seinem Wehe als solchem geradezu mit leide, sein Wehe fühle, wie sonst nur meines. Dies erfordert aber, daß ich auf irgend eine Weise mit ihm identificirt sei.10

In der Identifikation mit dem anderen fühle ich mich zum moralischen Handeln getrieben, Dies „ist das alltägliche Phänomen des Mitleids.“11

2.1. Was ist Mitleid?

Nachdem Schopenhauer zu dem Ergebnis gekommen ist, dass das Mitleid die Triebfeder der menschlichen Moral ist, scheint ein großer Klärungsbedarf zu bestehen, was Mitleid denn eigentlich ist. In der Empirie scheint es bei jedem Menschen vorzukommen, jedoch ist dessen Zweck oder Herkunft recht unbestimmt und doch scheint es eine Tatsache zu sein, dass dieses Gefühl jedem Menschen bekannt ist. Schopenhauer behauptet sogar, dass es in der Natur des Menschen liegt und jeder Mensch bereits die Fähigkeit des Mitleids inne hat und nicht erst erlernt werden müsse.

Dieses Mitleid selbst ist aber eine unleugbare Thatsache des menschlichen Bewußtseyns, ist diesem wesentlich eigen, beruht nicht auf Voraussetzungen, Begriffen, Religionen, Dogmen, Mythen, Erziehung und Bildung; sondern ist ursprünglich und unmittelbar, liegt in der menschlichen Natur selbst, hält eben deshalb unter allen Verhältnissen Stich, und zeigt sich in allen Ländern und Zeiten.12

Um die Definition Schopenhauers des unmittelbaren Mitleids zu verstehen, ist es ratsam einen Blick auf seine Metaphysik zu werfen. In Schopenhauers Werk Die Welt als Wille und Vorstellung entwickelt Schopenhauer, aufbauend auf Kants Ding an sich eine Theorie nach der wir die Welt und uns selbst bzw. unseren Leib, wie sie uns erscheinen nur in unserer Vorstellung wahrnehmen, nicht jedoch ihren wahren Kern erkennen können. Der Mensch kennt also

keine Sonne und keine Erde; sondern immer nur ein Auge, das eine Sonne sieht, eine Hand, die eine Erde fühlt; daß die Welt welche ihn umgiebt, nur als Vorstellung da ist, d.h. durchweg nur in Beziehung auf ein Anderes, das Vorstellende, welches er selbst ist13.

Der wahre Kern allen Lebens und der Welt ist nach Schopenhauer ein sich immer nach Ausprägung strebender und Leid erzeugender Wille. „Diesen Willen nun versteht Schopenhauer als eine einheitliche Urkraft, die sich in ihrer Selbstverwirklichung in die vielen Willen aufspaltet.“14 Der Wille also verwirklicht sich selbst in den Kräften der Natur, also allen unseren Vorstellungen und in uns selbst, da wir an uns und in unserer Natur immer Veränderungen wahrnehmen, die laut Schopenhauer auf den Willen zurückzuführen sind. Erst durch die Identität mit seinem Leib erkennt sich der Mensch selbst als Individuum. Diese Selbsterkenntnis ist für Schopenhauer nur durch den Willen möglich, denn:

dem als Individuum erscheinenden Subjekt des Erkennens [ist] das Wort des Räthsels allein gegeben: und dieses Wort heißt Wille. Dieses, und dieses allein, giebt ihm den Schlüssel zu seiner eigenen Erscheinung.15

Durch den Blick auf sich selbst als unmittelbares Objekt, also auf seinen Leib, erkennt der Mensch sich selbst als Individuum. Dies ist die Voraussetzung um den Willen zu erkennen, welcher gleichzeitig Aufschluss über das eigene Wesen gibt. Der Mensch muss sich also zunächst selbst als Menschen erkennen können, um den Willen erkennen zu können. Um Mitleid empfinden zu können, muss er aber auch andere Menschen zunächst als einen leidenden Menschen erkennen, um sich dann in einem weiteren Schritt wieder auf die Wesensidentität mit ihm einlassen zu können, die im Mitleid sichtbar wird.

Der Mensch erkennt also sich selbst im anderen, weshalb es ihm möglich ist mitzuleiden.„Metaphysisch betrachtet ist Mitleid die Erkenntnis der Wesensidentität alles Seienden.“16 Durch die Erkenntnis der Wesensidentität wird es mein eigenes Anliegen das Wehe des Anderen zu mindern und sein Wohl zu fördern und es wird somit mein Wille dies zu tun. Denn wer „unmittelbar Kenntnis hat von seiner Identität mit den Anderen, kann nicht anders handeln als so, dass er, nach dem Wohl der Anderen strebend, deren Leiden zu verhindern sucht. In ihm offenbart sich der gute Charakter.“17 Die Erkenntnis des gemeinsamen Wesens mit dem anderen läuft jedoch nicht rational ab, sondern intuitiv. Wir erkennen in dem Leidenden ein anderes Individuum, dass uns zwar ähnlich ist, aber dies passiert innerhalb unserer Vorstellung voneinander, also der empirischen Welt, und trotzdem spüren wir durch das Mitleid eine Verbundenheit. „Der Mitleidige steht gleichsam mit einem Bein im Diesseits empirischer Diversität, mit dem Anderen aber bereits im Jenseits metaphysischer Identität, freilich ohne sich seines Spagats bewußt zu sein.“18 Er erkennt im Leidenden ein von ihm unabhängiges Individuum, jedoch in dem er mit ihm leidet, erfährt er seine Wesensidentität. Der Mitleidige kann jedoch die Wesensidentität mit dem Leidenden nicht völlig rational wahrnehmen, da es sonst keinen anderen mehr, sondern nur noch etwas gleiches geben könnte, also höchstens einen Organismus indem alles gleich ist, denn, „wenn alles ein ist, ist nichts irgendwas.“19 Somit kann der Mitleidende den Ausdruck der Wesensidentität nur in Form des Mitleids wahrnehmen, muss sich ihrer aber nicht bewusst sein. Es stellt sich aber immer noch die Frage, wie Mitleid auch universal wirken kann, denn „fremdes Leiden, von dem ich nichts weiß oder das ich nicht als solches erkenne, kann mich nicht zu einer mitleidigen Handlung bewegen, ganz unabhängig davon, inwieweit ich meinem Charakter nach zum Mitleiden fähig bin.“20 Dies liegt an der besonderen Stellung des Mitleids in Schopenhauers Ethik. Mitleid ist für ihn, neben dem Egoismus und der Bosheit, eine von den drei Triebfedern des menschlichen Handelns, und „das Mitleid ganz allein ist die wirkliche Basis aller freien Gerechtigkeit und aller ächten Menschenliebe. Nur sofern sie aus ihm entsprungen ist, hat sie moralischen Werth.“21

Anders als 'Mitleid' im Alltagssinn ist das Mitleid, auf das sich seine Mitleidsethik bezieht, nicht notwendig an die anschauliche Gegebenheit fremden Leidens ge- bunden. Mitleid richtet sich bei Schopenhauer nicht nur auf Zustände, mit denen ein Akteur akut und anschaulich konfrontiert ist, sondern auch auf Zustände, von denen er weiß, ohne dass sie ihm 'vor Augen liegen', etwa auf räumlich und zeit- lich Entferntes. Mitleid richtet sich vor allem auch auf die noch nicht eingetrete- nen, aber erwarteten Schadensfolgen gegenwärtigen Handelns und Unterlassens.22

[...]


1 Vgl. Fleischer, Margot (2003): Schopenhauer als Kritiker der kantischen Ethik, S. 49.

2 Birnbacher, Dieter (2009): Schopenhauer, S. 129.

3 Schopenhauer, S. 101.

4 Ebd.

5 Birnbacher, S. 117.

6 Vgl. Schopenhauer S. 101.

7 Vgl. Ebd.

8 Vgl. Ebd.

9 Ebd.

10 Ebd., S. 106.

11 Ebd.

12 Ebd., S. 110.

13 Schopenhauer, Arthur (2009) Die Welt als Wille und Vorstellung, S. 25.

14 Weischedel, S. 226.

15 Schopenhauer, Die Welt als Wille und Vorstellung , S. 105.

16 Hauskeller, Michael (1998): Einführung in Schopenhauers Ethik, S. 54.

17 Son, Giok (2000): Schopenhauers Ethik des Mitleids und die indische Philosophie: Parallelität und Differenz, S. 67.

18 Hauskeller, S. 60.

19 Ebd., S. 88.

20 Ebd., S. 55.

21 Schopenhauer, S. 106.

22 Birnbacher, S. 118.

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Grundzüge Schopenhauers Mitleidsethik und ihre metaphysischen Einflüsse. Beurteilung der Kritik an Kant
Hochschule
Universität Kassel  (Philosophie)
Veranstaltung
Mitleidsethik
Note
2,0
Autor
Jahr
2013
Seiten
22
Katalognummer
V300769
ISBN (eBook)
9783656970668
ISBN (Buch)
9783656970675
Dateigröße
543 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Schopenhauer, Kant, Mitleid, Ethik, Moral, Leid
Arbeit zitieren
Jana Schmidt (Autor), 2013, Grundzüge Schopenhauers Mitleidsethik und ihre metaphysischen Einflüsse. Beurteilung der Kritik an Kant, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/300769

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