"Es gibt keinen für alle Kontinente und Ländergruppen mit verschiedenen Strukturproblemen passenden entwicklungstheoretischen Universalschlüssel. Unterentwicklung ist ein vielschichtiger Zustand und Prozess, der nicht mit griffigen Formeln erfasst werden kann“ - so der Politikwissenschaftler Franz Nuscheler.
Mit diesem Zitat bringt er eine Problematik zu Tage, mit der sich die Entwicklungstheorie seit einiger Zeit beschäftigen muss; denn Entwicklungstheorien den Charakter von Großtheorien zuzuschreiben, bringt seine Schwierigkeiten mit sich, da Großtheorien für sich den Anspruch besitzen, mithilfe eines Maximums an empirisch fundiertem Wissen universell gültig Lösungsansätze zu finden. Dieser allgemeingültige Anspruch kann jedoch, aufgrund der Vielzahl von unterschiedlichen Bedingungen der unterentwickelten Länder von Entwicklungstheorien, nicht erfüllt werden.
Und auch wenn sich die Modernisierungstheorie unter allen Erklärungsansätzen bis heute durchgesetzt hat, so muss dies keinesfalls heißen, dass sie universell gültig und die einzig wahre Entwicklungstheorie ist. Es könnte auch lediglich bedeuten, dass diese Theorie in einem Gebiet, das nur wenig erfolgreiche Ansätze hervorgebracht hat, sich als am erklärungsstärksten erwiesen hat.
Genau aus diesem Grund soll die folgende Arbeit die Modernisierungstheorie nicht nur ausführlich darstellen und erläutern, sondern diese auch kritisch beleuchten und durch Ansätze der Dependenztheorie, welche als Gegenparadigma zur Modernisierungstheorie betrachtet werden kann, erweitert werden.
Als Reaktion auf die Aussagen und Meinungen zahlreicher Forscher und Politiker, welche die Zeit der Großtheorien im Bereich der Entwicklungstheorie und so auch die der Modernisierungstheorie als beendet betrachten, soll hier die Frage geklärt werden, ob Entwicklungstheorien und insbesondere die Modernisierungstheorie als deren bekanntester Vertreter den heutigen Ansprüchen gerecht werden.
Haben die Entwicklungstheorien in einer Welt, die noch immer stark von Entwicklung, Unterentwicklung und ungleicher Ressourcenverteilung geprägt ist, allgemein versagt oder scheint nur die Modernisierungstheorie als bisher erklärungskräftigste Theorie nicht mehr als Grundlage für zahlreiche entwicklungspolitische Handlungen und Operationen zu dienen?
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1 Definition
1.1 Entwicklung
1.2 Entwicklungstheorie
2 Großtheorien
2.1 Dependenztheorie
2.2 Modernisierungstheorie
2.2.1 Definition
2.2.2 Modernisierungstheorie nach Walt Whitman Rostow
2.2.3 Diskussion und Kritik der Modernisierungstheorie
2.3 Kritik der Großtheorien
Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Erklärungskraft der Modernisierungstheorie innerhalb der Entwicklungstheorien. Ziel ist es, diese Theorie nicht nur darzustellen, sondern kritisch unter Einbeziehung der Dependenztheorie zu beleuchten, um zu klären, ob solche Großtheorien den heutigen Anforderungen an die Analyse von Entwicklung und Unterentwicklung noch gerecht werden.
- Grundlagen und Definitionen von Entwicklung und Entwicklungstheorie
- Die Modernisierungstheorie und das Stufenmodell von W. W. Rostow
- Kritische Auseinandersetzung mit den Grundannahmen der Modernisierungstheorie
- Gegenüberstellung von Modernisierungs- und Dependenztheorie
- Grenzen von Großtheorien im aktuellen globalen Kontext
Auszug aus dem Buch
2.2.2 Modernisierungstheorie nach Walt Whitman Rostow
Der amerikanische Ökonom und Wirtschaftshistoriker Walt Whitman Rostow entwickelte unter dem Titel „The Stages of Economic Growth“ in den 1960er Jahren eine Stufentheorie, welche bis heute zu den anerkanntesten Modernisierungstheorien zählt. Trotz seiner durch den Untertitel „A Non-Communist Manifesto“ erkennbaren Bekenntnis zur Strömung des Kapitalismus, lassen sich in seiner Theorie einige Parallelen zu Karl Marx‘ Thesen herstellen (vgl. Fischer 2008, S.39).
Obwohl seine Theorie starken wirtschaftlichen Charakter besitzt, macht Rostow deutlich, dass Gesellschaften interagierende Organismen seien, und wirtschaftliche Entwicklung auf sozialen und politischen Veränderungen basiere (vgl. Rostow 1971, S. 2f).
Rostows fünf Stufen sind universell, d.h. sie bauen aufeinander auf und werden von jedem Land, deren Gesellschaft sich von einer traditionellen zu einer modernen Gesellschaft entwickelt, in derselben Reihenfolge durchlaufen; es kann also keine Stufe wiederholt oder übersprungen werden (vgl. Hauck 2003, S. 84).
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die Problematik des Anspruchs von Großtheorien auf universelle Gültigkeit angesichts heterogener Bedingungen in unterentwickelten Ländern und führt in die Fragestellung der Arbeit ein.
1 Definition: Dieses Kapitel liefert eine theoretische Grundlage, indem es die Begriffe "Entwicklung" sowie "Entwicklungstheorie" definiert und in den wissenschaftlichen Kontext einordnet.
2 Großtheorien: Das Hauptkapitel diskutiert die Dependenztheorie und die Modernisierungstheorie, erläutert letztere detailliert anhand von Rostows Stufenmodell und reflektiert deren Kritikpunkte sowie die generelle Kritik an Großtheorien.
Schlussbetrachtung: Das Fazit resümiert, dass Großtheorien aufgrund ihrer Unfähigkeit, alle externen Faktoren und internationalen Verflechtungen einzubeziehen, als Instrumente zur Analyse der komplexen Realität von Unterentwicklung heute nur bedingt geeignet sind.
Schlüsselwörter
Entwicklungstheorie, Modernisierungstheorie, Dependenztheorie, Großtheorien, Unterentwicklung, W.W. Rostow, Stufentheorie, Strukturprobleme, Zentrum-Peripherie-Modell, Eurozentrismus, Weltwirtschaft, Industrialisierung, Transformationsprozess, Institutionen, ökonomisches Wachstum
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der Erklärungskraft der Modernisierungstheorie als einer zentralen Großtheorie innerhalb der politikwissenschaftlichen Entwicklungstheorie.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die zentralen Felder sind die Definition von Entwicklung, die Erläuterung der Modernisierungstheorie, insbesondere nach Rostow, sowie die kritische Auseinandersetzung damit durch die Dependenztheorie.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist die kritische Beleuchtung der Modernisierungstheorie und die Klärung der Frage, ob diese Theorie den heutigen Ansprüchen in einer von ungleicher Ressourcenverteilung geprägten Welt gerecht wird.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Es handelt sich um eine theoretisch-analytische Arbeit, die auf einer umfassenden Literaturanalyse und kritischen Reflexion bestehender entwicklungstheoretischer Paradigmen basiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Darstellung der Dependenztheorie als Gegenentwurf, die detaillierte Analyse der Modernisierungstheorie anhand des Stufenmodells von Rostow und die Diskussion ihrer Kritikpunkte.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich am besten mit Begriffen wie Entwicklungstheorie, Modernisierungstheorie, Dependenztheorie, Unterentwicklung und Strukturprobleme beschreiben.
Wie unterscheidet sich die Modernisierungstheorie laut Text von der Dependenztheorie?
Während die Modernisierungstheorie Unterentwicklung primär auf interne Faktoren und fehlende Modernisierungsschritte zurückführt, sieht die Dependenztheorie die Ursachen in externen Faktoren, wie dem Imperialismus und dem Ausbeutungsmechanismus des Weltsystems.
Was kritisiert der Autor konkret an der Modernisierungstheorie?
Hauptkritikpunkte sind die eurozentrische Sichtweise, die ideologische Gebundenheit und die Vernachlässigung externer Einflussfaktoren, da der Nationalstaat als zu eng gefasste Analyseeinheit betrachtet wird.
- Arbeit zitieren
- Anonym (Autor:in), 2015, Entwicklungstheorien. Darstellung und kritische Beleuchtung der Modernisierungstheorie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/301457