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"Die Vorüberlaufenden" und "Die Abweisung". Interpretation von zwei Texten aus Franz Kafkas "Betrachtung"

Title: "Die Vorüberlaufenden" und "Die Abweisung". Interpretation von zwei Texten aus Franz Kafkas "Betrachtung"

Scientific Essay , 2015 , 46 Pages

Autor:in: Gerd Berner (Author)

German Studies - Modern German Literature
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"Die Vorüberlaufenden" und "Die Abweisung" stammen aus Kafkas Band "Betrachtung". Betrachten bedeutet in den 18 kurzen Prosatexten der ersten Buchveröffentlichung des jungen Kafkas ein Anschauen und zugleich ein Nachdenken über das Geschaute. Alle betrachtenden und danach das Gesehene reflektierenden Protagonisten sind in der "Betrachtung" exzentrische, weltfremde Junggesellen. Die jeweilige Sprecher-Instanz, die sich "ich", "wir" oder " man" nennt, ist fast immer ein einsames, unglückliches, verunsichertes Wesen, das sich über seine eigene Identität und sein Verhältnis zur Außenwelt noch nicht ganz klar ist.

Trotz der formalen Heterogenität der "Betrachtungs"-Texte (rein narrative, nur reflektierende und Prosastücke, in denen bei minimaler Narration der kontemplative, nachdenkliche Grundgestus überwiegt) lässt sich eine inhaltliche Homogenität feststellen: Die Gleichartigkeit besteht einerseits in dem spannungsvollen Verhältnis des jeweiligen Protagonisten zur Wirklichkeit und zu seinem sozialen Umfeld, andererseits lassen alle Betrachterfiguren eine deutliche Sehnsucht nach Integration in diese Gemeinschaft erkennen.

"Die Vorüberlaufenden" und "Die Abweisung" sind keine erzählenden Texte. Da sie nach R. Zymner lediglich aus einer "monologischen Gedankenrede" bestehen, habe ich beide Prosastücke als "Denkbilder" (Zymner) interpretiert.
In "Die Vorüberlaufenden" gestaltet Kafka nicht eine detaillierte, auf die zwei Vorüberlaufenden gerichtete Betrachtung mit darauf folgender Reflexion, sondern er thematisiert ein "Wegsehen" (v. Glinski) und die daraus folgende Frage nach der Verantwortung für die imaginierten Vorüberlaufenden.

"Die Abweisung" ist ein Selbstgespräch der Ich-Figur, umgewandelt in einen "fiktiven Dialog, der ein Schweigen, das Nichtzustandekommen einer menschlichen Begegnung entschlüsseln soll." (H. Richter) Das Ich spricht ein schönes Mädchen an, das aber stumm vorübergeht; diese Abweisung mündet in ein Selbstgespräch des Abgewiesenen, das wie eine echte Wechselrede zwischen Ich und Mädchen aussieht, sich aber nur im Kopf des Ich abspielt. Auf den durch die äußere Betrachtung des Mädchens erfolgten Versuch einer Gesprächsaufnahme mit demselben folgt eine innere Betrachtung über den fehlgeschlagenen Kontakt. Das Betrachter-Ich ist so in die Kontemplation, die innere Betrachtung seines Scheiterns, versunken, dass es das Mädchen alleine weiterlaufen lässt.

Excerpt


Inhaltsverzeichnis

1 Einordnung der Betrachtungs-Texte in Kafkas Gesamtwerk

2 Die beiden Bedeutungen des Begriffs ‚Betrachtung‘

3 Der Junggeselle als betrachtendes Ich

4 Die wissenschaftliche Vernachlässigung der Betrachtungs-Texte

5 Ich-Erzählform und personales Erzählverhalten

6 Inhaltliche und formale Analyse des Textes Die Vorüberlaufenden

7 Schlussbemerkung zu den wenigen Interpretationen

8 Inhaltliche und formale Analyse des Textes Die Abweisung

8.1 Notwendige Vorbemerkung

8.2 Inhaltliche und formale Analyse des Textes Die Abweisung

9 Wie Kafka die Abweisung instrumentalisiert hat

Zielsetzung und Themenfelder

Diese Arbeit widmet sich einer tiefgreifenden literaturwissenschaftlichen Interpretation zweier ausgewählter Prosastücke aus Franz Kafkas Sammlung Betrachtung. Ziel ist es, die komplexen erzähltechnischen Mittel sowie die psychologischen und existentiellen Dimensionen der Texte Die Vorüberlaufenden und Die Abweisung freizulegen.

  • Analyse der spezifischen Erzählformen und der monologischen Gedankenrede bei Kafka
  • Untersuchung der Motivik von Einsamkeit und sozialer Distanzierung
  • Deutung der ambivalenten Rolle des „betrachtenden Ichs“ in Kafkas Frühwerk
  • Erörterung der Thematik der (abgelehnten) Verantwortung in zwischenmenschlichen Begegnungen

Auszug aus dem Buch

Franz Kafka, Die Abweisung

Wenn ich einem schönen Mädchen begegne und sie bitte: „Sei so gut, komm mit mir“ und sie stumm vorübergeht, so meint sie damit:

„Du bist kein Herzog mit fliegendem Namen, kein breiter Amerikaner mit indianischem Wuchs, mit waagrecht ruhenden Augen, mit einer von der Luft der Rasen-plätze und der sie durchströmenden Flüsse massierten Haut, du hast keine Reisen gemacht zu den großen Seen und auf ihnen, die ich weiß nicht wo zu finden sind. Also ich bitte, warum soll ich, ein schönes Mädchen, mit dir gehn?“

„Du vergisst, dich trägt kein Automobil in langen Stößen schaukelnd durch die Gasse; ich sehe nicht die in ihre Kleider gepressten Herren deines Gefolges, die, Segenssprüche für dich murmelnd, in genauem Halbkreis hinter dir gehn; deine Brüste sind im Mieder gut geordnet, aber deine Schenkel und Hüften entschädigen sich für jene Enthaltsamkeit; du trägst ein Taffetkleid mit plissierten Falten, wie es im vorigen Herbste uns durchaus allen Freude machte, und doch lächelst du – diese Lebensgefahr auf dem Leibe – bisweilen.“

„Ja, wir haben beide recht, und, um uns dessen nicht unwiderleglich bewusst zu wer-den, wollen wir, nicht wahr, lieber jeder allein nach Hause gehn.“

Zusammenfassung der Kapitel

1 Einordnung der Betrachtungs-Texte in Kafkas Gesamtwerk: Dieses Kapitel verortet die 1912 publizierte Sammlung Betrachtung in Kafkas Biografie und analysiert die schwierige Gattungsbestimmung dieser frühen Prosastücke.

2 Die beiden Bedeutungen des Begriffs ‚Betrachtung‘: Hier wird der Titelbegriff sowohl als optischer Wahrnehmungsakt als auch als Akt kontemplativer Reflexion innerhalb der Texte beleuchtet.

3 Der Junggeselle als betrachtendes Ich: Es wird die These erörtert, dass die verschiedenen Ich-Figuren der Sammlung als funktionale Darstellungen eines exzentrischen Junggesellen-Typs zu lesen sind.

4 Die wissenschaftliche Vernachlässigung der Betrachtungs-Texte: Das Kapitel setzt sich kritisch mit der Forschungslücke und den voreingenommenen Urteilen über Kafkas frühe Arbeiten auseinander.

5 Ich-Erzählform und personales Erzählverhalten: Eine erzähltechnische Analyse, die klärt, warum hier weniger von traditioneller Erzählform als von monologischer Gedankenrede zu sprechen ist.

6 Inhaltliche und formale Analyse des Textes Die Vorüberlaufenden: Eine detaillierte Untersuchung der Syntax und der hypothetischen Handlungsweise in diesem spezifischen Text.

7 Schlussbemerkung zu den wenigen Interpretationen: Zusammenführung der bisherigen Deutungsansätze, insbesondere unter dem Aspekt der verleugneten Verantwortung.

8 Inhaltliche und formale Analyse des Textes Die Abweisung: Untersuchung der narrativen Konstruktion eines imaginierten Dialogs zwischen einem Ich und einem abweisenden Mädchen.

9 Wie Kafka die Abweisung instrumentalisiert hat: Dieses Kapitel verknüpft die Textanalyse mit biografischen Hintergründen, insbesondere Kafkas schwierigem Verhältnis zu Hedwig Weiler.

Schlüsselwörter

Franz Kafka, Betrachtung, Die Vorüberlaufenden, Die Abweisung, Erzähltechnik, monologische Gedankenrede, Junggesellen-Dasein, Identitätskrise, Verantwortung, Introversion, moderne Literatur, Deutungsansätze, Literaturwissenschaft, Kafka-Blick, Existenzsorgen.

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?

Die Publikation bietet eine tiefgehende literaturwissenschaftliche Interpretation von zwei repräsentativen Texten aus Franz Kafkas Frühwerk Betrachtung, mit dem Fokus auf deren erzähltechnische Struktur und psychologische Tiefe.

Was sind die zentralen Themenfelder?

Im Zentrum stehen die Konzepte des Betrachtens, die soziale Isolation des modernen Subjekts sowie die psychologische Verarbeitung von zwischenmenschlichem Scheitern und Verantwortung.

Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?

Ziel ist die Aufdeckung der diskursiven Strategien, mit denen Kafkas Protagonisten versuchen, sich der Wirklichkeit und ihrer eigenen Verantwortung durch Flucht in Gedankenkonstrukte zu entziehen.

Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?

Es werden methodische Ansätze der klassischen Erzähltheorie, der psychoanalytischen Literaturdeutung sowie der Textanalyse angewandt, um die formale und inhaltliche Komplexität der Texte zu erschließen.

Was wird im Hauptteil behandelt?

Der Hauptteil gliedert sich in eine systematische Analyse der Erzählformen (wie der monologischen Gedankenrede) sowie eine detaillierte Einzelinterpretation von Die Vorüberlaufenden und Die Abweisung.

Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?

Wichtige Begriffe sind insbesondere die „monologische Gedankenrede“, das „betrachtende Ich“, „Einsamkeit“, „Verantwortungsverweigerung“ und die „Introspektion“ der Kafka’schen Figuren.

Inwieweit spielt die Biografie Kafkas eine Rolle?

Die Biografie wird besonders im letzten Kapitel herangezogen, um zu verdeutlichen, wie Kafkas persönliche Kontaktangst und seine Beziehungserfahrungen, beispielsweise mit Hedwig Weiler, in die Gestaltung seiner Texte einfließen.

Wie unterscheidet sich Die Abweisung von Die Vorüberlaufenden?

Während Die Vorüberlaufenden eine eher diffuse, hypothetische Beobachtungssituation darstellt, inszeniert Die Abweisung einen konkreten, wenn auch imaginierten Dialog zwischen zwei Figuren, der das Scheitern einer Begegnung plastisch vor Augen führt.

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Details

Title
"Die Vorüberlaufenden" und "Die Abweisung". Interpretation von zwei Texten aus Franz Kafkas "Betrachtung"
Author
Gerd Berner (Author)
Publication Year
2015
Pages
46
Catalog Number
V301861
ISBN (eBook)
9783956875489
ISBN (Book)
9783668005471
Language
German
Tags
vorüberlaufenden abweisung interpretation texten franz kafkas betrachtung
Product Safety
GRIN Publishing GmbH
Quote paper
Gerd Berner (Author), 2015, "Die Vorüberlaufenden" und "Die Abweisung". Interpretation von zwei Texten aus Franz Kafkas "Betrachtung", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/301861
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