Enhancement. Verbesserung menschlicher Fähigkeiten mit pharmakologischen, chirurgischen oder biotechnischen Eingriffen


Essay, 2014

6 Seiten, Note: 1,7

Anonym


Leseprobe

Enhancement: Über die Verbesserung menschlicher Fähigkeiten mit pharmakologischen, chirurgischen oder biotechnischen Eingriffen.

Wir leben in einer Gesellschaft, die immer im Wandel ist, die zu jeder Zeit darauf bedacht ist, sich nicht nur zu verändern, nein, sie will sich immer wieder verbessern. Und so wollen auch die in dieser Gesellschaft lebenden Menschen besser werden. Besser als sie selbst. Besser als andere. So zieht sich Verbesserung auch durch die Geschichte der Menschheit – als ihre Entwicklung. Das macht sich in technischen Fortschritten fest, wie auch in gesellschaftlichen sowie insbesondere in der Entwicklung der Gattung Mensch selbst – der Evolution. So kann es durchaus eine allgemeine Eigenschaft des Menschen sein, zu jederzeit nach Verbesserung zu streben. Woran das aber genau liegt ist schwer zu sagen. Möglicherweise mag es nur ein epochenübergreifendes kulturelles Aufkommen sein. Manch einer mag diese Eigenschaft allerdings auch der menschlichen Natur zuordnen. In diesem Fall könnten wir vielleicht nicht mal etwas gegen diese Eigenschaft unternehmen. Aber wieso überhaupt sollten wir? Schließlich ist Verbesserung, wie das Wort selbst schon vermuten lässt, ein Schritt zu einem besseren Leben. Zudem stellt sich die Frage, ob überhaupt eines das andere ausschließt. So ist der Mensch doch ein Wesen, das gelernt hat zwischen Kultur und Natur zu leben. Vielmehr stellt sich mit diesem Zwang nach Verbesserung die Frage, wo eine solche Verbesserung ihre Grenzen hat. Dürfen wir mit allen Mitteln unseren Körper verändern und verbessern, ohne jegliche Bedenken? Sicher nicht. Auf dem Gebiet des Enhancement machen sich nicht nur gesundheitliche Bedenken bemerkbar, auch ethisch ist dies kein unproblematisches Feld. Um den ethischen Bedenken auf den Grund zu gehen bedarf es jedoch zunächst einer genaueren Begriffserklärung des Wortes Enhancement. Zudem sollte die Frage geklärt werden in welchen Fällen eine solche Verbesserung überhaupt erstrebenswert ist, angesichts offensichtlicher gesundheitlicher Bedenken und Nebenwirkungen.

Enhancement selbst bedeutet übersetzt erst einmal nichts anderes als genau das, worum es dabei geht: nämlich Verbesserung. Genauer gesagt um eine Verbesserung des menschlichen Körpers. Auf den ersten Blick scheint hier kein Problem ersichtlich. Schließlich ist an gesundheitlichen Verbesserungen kaum etwas auszusetzen. Bedenke man nur alle möglichen Krankheiten und Einschränkungen, unter denen ein Mensch leiden kann, und die wir heutzutage fähig sind zu behandeln oder sogar zu heilen.

Enhancement greift allerdings an anderer Stelle in das Leben eines Menschen ein. In diesem Sinn bedeutet Verbesserung an einer Stelle anzusetzen, an der es aus medizinischer Sicht nicht nötig ist etwas zu verbessern. Also jenseits von Therapie oder Prävention. Dieses Spektrum reicht von Schönheitschirurgie über Neuro-Enhancement bis zu Verbesserung der physischen Fähigkeiten wie z.B. Doping im Sport. Solche Maßnahmen sind durchaus verlockend, bringen allerdings nicht selten Nebenwirkungen sowie auch weitreichende gesundheitliche Schäden mit sich. Was also kann überhaupt dafür sprechen, eine Gefährdung der Gesundheit für eine eigentlich unnötige Verbesserung in Kauf zu nehmen? So scheint Enhancement ganz nach dem Motto „wer schön sein will muss leiden“ zu funktionieren. Kann es aber auch eine Ethik geben, in der Enhancement-Maßnahmen nicht nur moralisch unproblematisch sind, sondern sogar richtig oder gar notwendig?

Bei Enhancement-Maßnahmen geht es in erster Linie um das Individuum. Jeder Einzelne erhofft sich Chancen auf ein höheres individuelles Lebensglück und größeres Wohlbefinden. Wir alle wollen besser werden, schöner aussehen, mehr leisten können. Das Streben nach Verbesserung lässt sich durchaus zur menschlichen Natur anrechnen. Warum sollten wir also gegen unsere eigene Natur ankämpfen? Manch ein Ethiker geht noch weiter und sieht die Selbstverbesserung des Menschen als den Versuch des Menschen „sein biologisches Schicksal selbst in die Hand“ zu nehmen an. Als eine neue Phase der Evolution, die vom Menschen bewusst in Gang gesetzt wird. In diesem Argument liest sich schnell ein Widerspruch: Wir würden somit natürlich bleiben, indem wir unsere eigene Natur verändern. Ist das aber wirklich ein Widerspruch? Tatsache ist, Veränderung ist natürlich. Wäre es nicht eher unnatürlich, sich einen Fortschritt nicht zu Nutze zu machen? Wir könnten es also selbst in der Hand haben, eine weiter entwickelte, bessere Spezies Mensch zu schaffen. Dies würde es doch unweigerlich unmöglich machen, Enhancement-Behandlungen abzulehnen. Die Frage, die hier offen bleibt, ist allerdings ob eine Veränderung durch Enhancement diese moderne Evolution den Menschen wirklich verbessern würde. Inwiefern würde sich das Wesen des Menschen dadurch verändern und würde mit einer Verbesserung des Menschen auch implizit eine bessere Gesellschaft geschaffen werden?

Aber die Gesellschaft selbst verlangt diesen Fortschritt. Das liegt nicht zuletzt daran, dass innerhalb dieser der Druck, immer mehr zu leisten stetig wächst. Es wird immer schwieriger für den einzelnen mitzuhalten und die eigene Leistung an das System anzupassen. Unter Druck greift jeder schließlich zu bestimmten Mitteln, die einem helfen diesem Druck stand zu halten. Ein Beispiel soll nun erläutern, dass dennoch nicht alle Methoden zu Verbesserung der eigenen Leistungen gesellschaftlich akzeptiert sind: Zwei Schüler leiden unter dem starkem Leistungsdruck, dem sie täglich ausgesetzt sind. Beide haben Angst, dass die Leistungen, die sie bringen nicht ausreichen, um im späteren Leben einen gesellschaftlich angesehenen Beruf ausüben zu können. Schüler A versucht seine Leistungen zu verbessern, indem er sich vor jeder Prüfung Beethovens Neunte Sinfonie anhört und meditiert, um so seine Konzentration zu steigen und beruhigt in eine Prüfung zu gehen. Auch Schüler B findet ein Mittel: Vor jeder Prüfung nimmt er ein konzentrationssteigerndes Mittel in Tablettenform zu sich. Beide Maßnahmen führen zum Erfolg, jedoch sind nicht beide gleich akzeptiert. Während Schüler A für seine verbesserte Leistung und seinem Umgang mit dem Problem Anerkennung erfahren würde, müsste sich Schüler B für seine Art des Umgehens rechtfertigen.

Die Problematik und der Grund für eine Rechtfertigung von Schüler B haben ihren Ursprung in der Unnatürlichkeit der Lösung. Während pflanzliche Mittel zur Steigerung der Konzentration oder Leistungsfähigkeit in der Gesellschaft allgemein anerkannt sind, hängt pharmakologischen Mitteln oftmals ein Hauch von Betrug und Unfairness an. Der Begriff der Fairness bzw. Unfairness scheint hier ein zentraler Punkt zu sein. Womöglich greift diese Unfairness bereits sehr viel früher, und zwar bei der natürlichen Verteilung genetischer Veranlagungen sowie sozialer Prägungen. Von diesen hängen die im Leben relevanten Fähigkeiten und möglichen Leistungen schließlich ab. Somit könnten Enhancement-Eingriffe durchaus als Ausgleich dieser unfairen Verteilung gelten. Warum also sollten diese weniger erlaubt oder akzeptiert sein als andere? Es ist also schwer eine Abgrenzung zwischen Enhancement und sozial akzeptierten Maßnahmen der Leistungssteigerung zu ziehen. Der einzige Kritikpunkt solcher Mittel besteht hier im gesundheitlichen Aspekt. Dieser ist moralisch allerdings nicht relevant. Zumal es tatsächlich vielmehr in unserem eigenen Ermessen liegt zu entscheiden welchen gesundheitlichen Risiken wir uns und unserem Körper aussetzen? Gehört dies nicht sogar zur persönlichen Freiheit eines Individuums bzw. zum Anrecht des Einzelnen auf Selbstbestimmung?

Diesem Argument gegenüber steht die medizinische Anlasslosigkeit von Enhancement. In einer Gesellschaft, die immer mehr Leistung verlangt gibt es für viele zwar durchaus den Anlass größerer sozialer Leistungsfähigkeit, medizinisch sind diese Eingriffe jedoch schlichtweg unnötig. Fällt ein medizinisch unnötiger Eingriff deshalb aber gleich in den Bereich des ethisch problematischen? Bei diesem Argument spielt vielmehr erneut die Überwindung natürlicher Grenzen eine Rolle. Es ist das „Gott-spielen“ was manch einer für ethisch bedenklich halten mag. Dieses Argument ist allerdings nicht weit gedacht, zumal der Mensch auch in natürliche Vorkommen wie Krankheiten und Naturkatastrophen eingreift und gegen diese so gut er kann ankämpft. Um diesem Argument seine religiöse Behaftung zu nehmen, berufen sich Kritiker auch auf eine Verletzung von psychischer oder körperlicher Authentizität. Hier birgt sich zudem das Risiko, Menschen in ihrem Verhalten ganz gezielt zu manipulieren. So fallen beispielsweise Definitionen von einigen psychische Störungen nicht unter ein medizinisch festgestelltes gesundheitliches Leiden, sondern tatsächlich unter ein von der Norm abweichendes Verhalten. Ein Beispiel hierfür stellt die Behandlung von lebhaften Kindern und solchen mit Konzentrationsschwierigkeiten dar. Im August 2012 starb der amerikanische Psychiater Leon Eisenberg, der als Erfinder des psychiatrischen Krankheitsbildes Aufmerksamkeitsdefizit/Hyperaktivitätssyndrom (ADHS) gilt. Kurz vor seinem Tod gestand dieser, dass ADHS das Paradebeispiel für eine solche vermeintliche Krankheit darstellt. Eine Behandlung betroffener Kinder würde demnach nicht unter den Begriff Therapie fallen, sondern vielmehr eine Enhancement-Maßnahme darstellen. Insbesondere bei der Behandlung von Kindern mit Enhancement-Medikamenten sind die ethischen Bedenken besonders groß. So könnten Kinder wie im Fall von ADHS mit den dafür vorgesehenen Medikamenten nicht nur manipuliert werden, sie werden auch als nicht autonome Patienten stark in ihrer Freiheit und Persönlichkeitsentwicklung eingeschränkt.

So könnte sich auch das Menschenbild innerhalb der Gesellschaft langfristig dahin gehend verändern, dass es normal ist überdurchschnittlich viel zu leisten. Schon heute ist es schwer für Menschen, die nicht ganz der Norm entsprechen, im alltäglichen Leben wie jeder andere akzeptiert zu werden. Die Einstellung und Akzeptanz der Menschen würde sich unweigerlich der dann bestehenden Norm anpassen. Das würde bedeuten, dass immer mehr Leistung gefordert werden würde. Wenn man in dieser Gesellschaft noch mithalten möchte, bleibt schließlich keine andere Wahl, als sich ebenfalls bestimmter Enhancement-Maßnahmen zu unterziehen. Eine Freiwilligkeit wäre dann nicht mehr gegeben. Natürlich kann sich jeder auf seinen freien Willen berufen. Wie frei ist dieser aber noch, wenn man mit einer Ablehnung von Enhancement starke soziale Rückschläge in Kauf nehmen müsste? Das Argument der persönlichen Freiheit stößt hier an seine Grenzen.

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Ende der Leseprobe aus 6 Seiten

Details

Titel
Enhancement. Verbesserung menschlicher Fähigkeiten mit pharmakologischen, chirurgischen oder biotechnischen Eingriffen
Hochschule
Universität Duisburg-Essen  (Institut für Philosophie)
Veranstaltung
Medizinethik
Note
1,7
Jahr
2014
Seiten
6
Katalognummer
V302643
ISBN (eBook)
9783668009639
Dateigröße
362 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
enhancement, verbesserung, fähigkeiten, eingriffen
Arbeit zitieren
Anonym, 2014, Enhancement. Verbesserung menschlicher Fähigkeiten mit pharmakologischen, chirurgischen oder biotechnischen Eingriffen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/302643

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