Homonymie und Polysemie


Hausarbeit (Hauptseminar), 2004

24 Seiten, Note: 17 Punkte = 1


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.Einleitung

2. Semantizität / Definition der Polysemie und Homonymie
2.1. Polysemie = Mehrfachbedeutung
2.2 Erklärung des Begriffs Homonymie
2.3. Unterscheidung zwischen Homonymie und Polysemie

3. Stilistischer Nutzen von Homonymie und Polysemie im Witz und Wortspiel
3.1. Die Textsorte Witz und das Wortspiel
3.2. Die Bedeutung des Wortes Witz
3.3. Geschichte des Witzes

4. Die Ambiguität im Witz und im Wortspiel

5. Schlussbetrachtung

1.Einleitung

Diese Arbeit beschäftigt sich mit zwei Phänomenen der Semantik, der Polysemie und der Homonymie. Es handelt sich hier um zwei sehr eng verwandte Phänomene. Meistens werden die Polysemie und die Homonymie getrennt behandelt, und dennoch steht ihre Gemeinsamkeit im Vordergrund. Gerade diese Gemeinsamkeit führt dazu, dass diese beiden Formen lexikalischer Mehrdeutigkeit ähnliche Auswirkungen auf die Form – Inhaltsrelation des sprachlichen Zeichens haben. Die große Bedeutung des sprachlichen und schriftlichen Kontextes, in dem die Wörter stehen, ist wichtig, da Homonymie und Polysemie nicht zu Verständigungsproblemen führen sollen. Ob nun ein bestimmter Fall lexikalischer Mehrdeutigkeit dem Phänomen der Homonymie oder dem Vorkommen der Polysemie zuzuordnen ist, ist manchmal schwer zu entscheiden. So eignen sich beide Phänomene für Wortspiele, Witze und Sprichwörter, die mir auch zur Untersuchung der beiden Phänomene dienen sollen. Zunächst soll, angefangen bei dem Begriff der Polysemie, im ersten Kapitel anhand von Definitionen erläutert werden, was man unter den beiden Begriffen überhaupt versteht und inwiefern es unterschiedliche Ansätze insbesondere beim Homonymiebegriff gibt. Beginnen werde ich mit der lexikalischen Mehrdeutigkeit der Polysemie, um von verwandten Bedeutungen zu klar getrennten Bedeutungen überzugehen, wie sie bei der Homonymie vorliegen. An die Begriffserklärungen schließt sich eine kurze Analyse der gegenseitigen Beziehung zueinander an, wo insbesondere die Frage im Vordergrund steht, wann von Homonymie oder Polysemie zu sprechen ist. Es geht insbesondere darum, zu erkennen, wann ein Ausdruck mit zwei Bedeutungsvarianten als Homonymie oder Polysemie zu bezeichnen ist. Hierzu werden zwei wichtige Ansätze knapp erläutert. In einem dritten Teil der Arbeit werden die beiden Phänomene daraufhin untersucht, wie sie in der Sprache auftreten können. Anschließend geht es um die Rolle des sprachlichen Kontextes bei lexikalischer Mehrdeutigkeit. In einem praktisch-analytischen Teil wird dann untersucht, wie Sprachspiele und literarische Kleinformen (Witze, Sprüche und Wortspiel) von der Ambiguität (von der Polysemie und von der Homonymie) „leben“. Nun viel Spaß !– im wahrsten „Sinne des Wortes“!

2. Semantizität / Definition der Polysemie und Homonymie

Das zentrale Charakteristikum von Sprache liegt in der Bedeutsamkeit, daß Sprachzeichen Bedeutung haben und wir somit in der schriftlichen und mündlichen Kommunikation etwas sagen können. „[...] Unter diesem Aspekt [...] betrachten wir Sprache als ein System, das zwischen gedanklichen Konzepten und Lauten oder Schriftzeichen vermittelt [...].“[1]So beschäftigt sich die Semantik, als sprachwissenschaftliche Teildisziplin, mit der Bedeutsamkeit von Äußerungen, ihren Ordnungen und Gesetzmäßigkeiten, sprich mit bestimmen Aspekten der Inhalts-Seite von Sprachzeichen. In der Regel kommt einem sprachlichen Ausdruck genau eine Bedeutung zu. Aber Ausnahmen bestätigen die Regel. Dann entstehen vage Bedeutungen, die in ihrem Belang vom kontextuellen Gebrauch abhängig sind und somit unterschiedlich ausgelegt werden. So spricht man von Polysemie oder Mehrdeutigkeit, sprich Ambiguität. „Unter [ihr] (lat. ambiguitas = Zweideutigkeit, Doppelsinn, gr. = Amphibolie)’’[2]versteht man im allgemeinen die Mehrdeutigkeit (Zweideutigkeit) von Wörtern oder Sätzen, die aus den Lexemen (Wörtern) selber entstehen kann bzw. aus deren Anordnung in Phrasen oder Sätzen. So äußert sich Ambiguität auf zwei Weisen:

a) lexikalische Ambiguität: Mehrdeutigkeit eines Lexems
b) strukturelle Ambiguität; auch: syntaktische Ambiguität, (Polysyntaktizität): „Gestern traf die Mannschaft aus der Sowejetunion hier ein.“[3]

„Unfreiwillige Ambiguität wird in der Rhetorik und Stilistik als Fehler, beabsichtigte Ambiguität wegen ihres Effektes als rhetorische Figur gewertet, [...] die satirischen, ironischen und humoristischen [...] Stil [bewirkt].[4]Die Mehrdeutigkeit von Wörtern wird nun mit den Begriffen (Bedeutungseigenschaften) Polysemie und Homonymie unterschieden. Diese beiden unterscheiden sich, was oft ein schwieriges Unterfangen darstellt, nach einem historischen Kriterium. Polysemie liegt vor, wenn sich die Bedeutung eines Morphems im Laufe der Zeit aufgesplittet hat. Von Homonymie spricht man dann, wenn ursprünglich zwei ungleich lautende Morpheme im Laufe der Zeit zur Gleichform auf der Ausdrucksseite gekommen sind. Dabei kann es zu gleichlautenden, sogenannten Homophonen (z.B. Lid-Lied) oder zu Homographen (z.B. Kiefer) kommen. Polysem können einzelne Lexeme (im Sinn von Wort) sein, die sich in Verbindung mit komplexeren Ausdrücken auch polysem gestalten.[5]Ganze syntaktische Strukturen (Sätze) können polysem sein, wenn sie mehrere syntaktisch interpretierbare Strukturen aufweisen oder eine syntaktische Struktur haben, die mehrere semantische Auslegungen zulässt.[6](Bsp :Das Lob der Torheit)

2.1. Polysemie = Mehrfachbedeutung

Der Terminus Polysemie bedeutet übersetzt „Mehrdeutigkeit“ und zwar insofern, als ein einziges sprachliches Zeichen, also ein Ausdruck, der zwei oder mehr Bedeutungen aufweist, welche etwas miteinander gemein haben und sich unter Umständen aus einer einzigen Grundbedeutung ableiten lassen.[7]Wenn man in einem Wörterbuch nachschlägt, wird man diese Inhalte (Grundbedeutungen) unter einem Oberbegriff finden. Etymologisch lassen sich die verschiedenen Bedeutungen auf eine gemeinsame Quelle zurückverfolgen – die Unterschiede sind durch metaphorische Ausdehnung entstanden.[8]Die Definition enthält zwei sehr wichtige Elemente. Zum einen ist es Tatsache, dass die unterschiedlichen Bedeutungen des sprachlichen Zeichens auf ihrer Inhaltsseite etwas miteinander zu tun haben müssen. Das zweite Element ist das sogenannte etymologische Kriterium: Man spricht von Polysemie, wenn die verschiedenen Bedeutungen des Lexems sich von einer Grundbedeutung her ableiten lassen. Es wird also nach der etymologischen Wurzel der Bedeutungsvarianten gesucht, meistens einem Ausdruck, nicht selten des Lateinischen, in dem alle unterschiedlichen Bedeutungen enthalten sind. In der umgekehrten Richtung geht man dann folglich davon aus, dass sich aus der einen Grundbedeutung mehrere Bedeutungsvarianten herausdifferenziert haben.[9]Polysemie hat zwei Bedeutungen für lediglich einen Ausdruck. Diese Sichtweise betont den synchronischen Standpunkt der Betrachtung. In der diachronischen Perspektive entsteht Polysemie, wenn ein Wort im Laufe der Sprachgeschichte eine oder gar mehrere neue Bedeutungen erhält, ohne seine ursprüngliche Bedeutung zu verlieren. Man muß auch von der Prämisse ausgehen, dass der sprachliche Kontext, in dem ein Ausdruck verwendet wird, von entscheidender Bedeutung für die gemeinte Bedeutung dieses Ausdrucks ist.[10]Je nachdem, in welcher Sprechsituation und in welchem Umfeld ein Wort verwendet wird, kennt es unterschiedliche Nuancen seiner Bedeutung. Außerdem ist zu beobachten, dass, je öfter ein bestimmter Ausdruck gebraucht wird, dieser Ausdruck tendenziell mehr Bedeutungsvarianten entwickeln kann, da er ja in vielen verschiedenen sprachlichen und situationellen Umfeldern vorkommt. Die Entstehung von Polysemie ist ein langsamer und gradueller Prozess, über den sich die Sprechergemeinschaft auch nicht unbedingt bewusst wird. Anders geht es dagegen bei einem metaphorischen Gebrauch eines sprachlichen Zeichens vonstatten. Ein bisher nur in einer bestimmten Bedeutung gebrauchter Ausdruck erhält eine übertragende Bedeutung, welche seine Einstufung als polysem rechtfertigt.[11]Man spricht dann von einem Erkennen eines semantischen Zusammenhangs zwischen zwei Phänomenen der außersprachlichen Welt. Damit ist gemeint, dass im synchronen Sprachverständnis der Sprechergemeinschaft zwischen zwei gleichen sprachlichen Zeichen mit unterschiedlicher Bedeutung ein Zusammenhang oder eine Analogie zwischen den Bedeutungen gesehen wird, sodass die beiden Wörter einander angenähert werden und am Ende im Bewusstsein der Sprechergemeinschaft schließlich ein einziges Wort entsteht, welches einfach zwei unterschiedliche Bedeutungen besitzt. Denn im diachronischen Sprachverständnis ist uns nicht bewusst, dass es sich einst um zwei unterschiedlich lautlich realisierte sprachliche Zeichen handelte, wie wir bei dem Beispiel „Kiefer“ sehen. Also wird das etymologische Kriterium und die diachronische Perspektive vernachlässigt. Eine große Erklärungskraft bei der Entstehung von Polysemie besitzen auch sprachliche Einflüsse von Fremdsprachen.[12]Viele Fälle von Polysemie sind letztendlich auf eine Art Bedeutungserweiterung zurückzuführen.[13]

2.2 Erklärung des Begriffs Homonymie

Dieser Ausdruck beinhaltet zwei Bedeutungseigenschaften: die Homophonie (Gleichklang) und die Homographie (gleiche Schreibweise). Homonyme sind also Ausdrücke gleicher Laut- und Schreibweise, die aber dennoch unterschiedliche Bedeutungen haben. Deshalb sind Lexeme mit solchen Eigenschaften auch getrennt in Wörterbüchern aufgeführt. Wenn man die Ursprünge dieser Wörter und deren Bedeutungen zurückverfolgt, wird man auf unterschiedliche Quellen stossen. Es wird eventuell eine Bedeutungsnähe erkennbar sein, Synonymie jedoch nie.[14]Bei Homonymie liegt ein Fall lexikalischer Mehrdeutigkeit vor, bei dem zwei Lexeme in ihrer Form übereinstimmen (Graphie und Lautung), sich aber in ihrer Bedeutung und in ihrer etymologischen Herkunft unterscheiden.[15]Im Unterschied zur Polysemie haben die verschiedenen Bedeutungen der homonymen Ausdrücke nichts miteinander zu tun, es fehlen die gemeinsamen Seme. Deshalb handelt es sich um unterschiedliche Wörter und nicht um ein Wort mit mehreren Bedeutungen. So grenzt man Homonymie von reiner Homophonie, einer Klangübereinstimmung, ab, da hier nur die Lautung von zwei oder mehr Ausdrücken identisch ist, nicht aber die Schreibung. Auch Homographie unterliegt nur dem Kriterium des gleichen Schriftbilds bei unterschiedlicher Aussprache und Bedeutung. Homonymie entsteht vorrangig dadurch, dass zwei Ausdrücke im Laufe der Sprachgeschichte zufällig eine gleiche lautliche Entwicklung nehmen, wie im Fall der beiden „Kiefer[n]“[16]angeführt, die homophon sind. Man stellt klar, dass Homonymie ein synchronisches Phänomen ist und immer zu einem bestimmten Zeitpunkt der Sprachgeschichte über Homonymie der Sprache entschieden werden muß. Es besteht nämlich häufig die Möglichkeit, dass sich ein Wort mit zwei unterschiedlichen, aber verwandten Bedeutungsvarianten, schließlich im Laufe der Zeit in zwei Wörter scheidet, zwischen denen die Sprechergemeinschaft keinen semantischen Zusammenhang mehr erkennt. Ein solches Beispiel ist etwa das Lexem Bank. So ist es der Fall, dass der Begriff Bank als Geldinstitut seinen Ursprung darin hat, da man im Mittelalter das Geld über eine Bank schob (eine Art Tisch vielmehr).[17]Klingt diese Entwicklung in diachronischer Sicht durchaus plausibel, so ist sie aber im synchronischen Sprachbewußtsein nicht mehr verankert, und deshalb gelten auch die Lexeme Bank/Bank als Homonyme, sogar reine Homonyme, da sie homophon und homograph sind. Der letzte Ausweg, um Homonymie zu begegnen, ist das Ersetzen eines Lexems durch ein Synonym, einem Ausdruck, der zwar semantisch eng verwandt, aber auf der Ausdrucksseite klar unterscheidbar ist. Es gibt mehrere Arten von Homonymie : Die „reinste“ Homonymie, wie schon erwähnt, in homophoner und graphischer Realisierung von Lexemen einer oder mehrerer Wortarten. Und die „reine Homonymie“ mancher Lexeme, die auf morphologischen Auswirkungen auf den Gleichklang beruht, wie wir sehen werden.[18]

[...]


[1]Angelika Linke/Markus Nussbaumer/Paul R. Portmann: Studienbuch Linguistik. Max Niemeyer Verlag, Tübingen (31996), S.135.

[2]http://culturizalia.uibk.ac.at/hispanoteca/Lexikon.de.

[3]Linke, Angelika/Nussbaumer, Markus/Portmann, Paul R. (31996), S.141.

[4]Schweikle,Günther und Irmgard (Hrg.) :Metzler Literaturlexikon.Begriffe und Definitionen,J.B. Metzler, Stuttgart ²1990, S.11.

[5]Linke/Nussbaumer/ Portmann (31996), S.141.

[6]Ebd.

[7]Ebd.

[8]http://santana.uni-muenster.de/Linguistik/user/steiner/semindex/words.html.

[9]Linke/Nussbaumer/Portmann (31996), S.167.

[10]Linke/Nussbaumer/Portmann (31996), S.167, Kap.4: Hier wird die referentielle Ausdeutung am Wort „Schrift“ erklärt.

[11]Lakoff, Georg/Johnson, Mark: Leben in Metaphern. Konstruktion und Gebrauch von Sprachbildern. Carl Auer Verlag 1998, S. 131. Sie bezeichnen die Polysemie als schwache Homonymie.

[12]Macha, Jürgen: Sprache und Witz. Die kosmische Kraft der Wörter. Ferd. Dümmlers Verlag, Bonn 1992, S.43.

[13]Ebd., S.26: das Wort Toilette, ursprünglich für Kleidung benutzt, ist auf die Bedeutung „Öffentliche Bedürfnisanstalt“ erweitert worden.

[14]http://santana.uni-muenster.de/Linguistik/user/steiner/semindex/words.html.

[15]Linke/Nussbaumer/Portmann ( 31996), S.141.

[16]Ebd., S.141.

[17]Seminardiskussion

[18]Macha, Jürgen (1992), S.35.

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Homonymie und Polysemie
Hochschule
Université Sorbonne Nouvelle Paris III  (Institut d'allemand Asnières)
Note
17 Punkte = 1
Autor
Jahr
2004
Seiten
24
Katalognummer
V30286
ISBN (eBook)
9783638315753
ISBN (Buch)
9783656223795
Dateigröße
538 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Phänomen der Ambiguität am Beispiel der Textsorte Witz. Vollständige Zitierung über Fußnoten, daher kein extra ausgewiesenes Literaturverzeichnis.
Schlagworte
Homonymie, Polysemie
Arbeit zitieren
Steffi Thalwitzer (Autor), 2004, Homonymie und Polysemie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/30286

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