Lautwandelerscheinungen vom Mittelhochdeutschen und Neuhochdeutschen im Nibelungenleid

Ein Vergleich anhand der Handschrift B


Hausarbeit (Hauptseminar), 2013

19 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Lautwandelerscheinungen im Konsonantismus
2.1 Mittelhochdeutsche Auslautverhärtung
2.2 Kontraktion

3. Lautwandelerscheinungen im Vokalismus
3.1 Neuhochdeutsche Diphthongierung
3.2 Neuhochdeutsche Monophthongierung
3.3 Dehnung offener Tonsilben
3.4 Dehnung geschlossener Tonsilben
3.5 Apokope
3.6 Synkope

4. Weitere Lautwandelerscheinungen
4.1 Proklise
4.2 Enklise

5. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Das Mittelhochdeutsche (Mhd.), sowie das Neuhochdeutsche (Nhd.) bezeichnen verschiedene Sprachstufen der deutschen Sprache. Um den Begriff Mittelhochdeutsch genauer zu definieren, teilt man ihn zunächst in die drei Bestandteile „mittel“, „hoch“, und „Deutsch“ auf. Die Bezeichnung „mittel“ zeigt an, „dass sich der betreffende Zeitabschnitt in der Mitte zwischen zwei anderen sprachhistorischen Perioden befindet“[1]. Die mhd. Periode vollzog sich von 1050-1350, folgte demnach auf die althochdeutsche Sprachperiode und wurde schließlich vom Nhd. abgelöst. Die zweite Bezeichnung „hoch“ ist „als eine rein geographische Bezeichnung zu verstehen“[2] und ist ein Indikator für den Entwicklungsraum der deutschen Standardsprache, wobei die „Grenzlinie zwischen dem hoch- und dem niederdeutschen Sprachraum […] als ‚ Benrather Linie’ bezeichnet“[3] wird. Der Begriff „Deutsch“ zeigt zuletzt die Einordnung in die jeweilige Sprachgruppe an. Da Belege dieser Sprachstufe ausschließlich durch schriftliche Zeugnisse vorliegen, kann man nur durch diese auf die mittelhochdeutsche Phonologie schließen.[4]

Dem Mittelhochdeutschen folgend, begann die neuhochdeutsche Sprachperiode etwa 1650 und reicht bis in die Gegenwart. Entgegen dem Mittelhochdeutschen, das bis Ende des 12. Jh. aus einer Vereinigung unterschiedlicher Schreibdialekte bestand„eine Vielzahl unterschiedlicher Schreibdialekte in sich vereint[e]“[5], folgte im Neuhochdeutschen die Entwicklung einer genormten Schriftsprache.

Da Sprache nach T. Hennings ein System ist, welches sich im Laufe der Zeit verändert[6], ist es nicht verwunderlich, dass man bei einem direkten Vergleich von neuhochdeutschen und mittelhochdeutschen Texten, wie der Handschrift B des Nibelungenliedes (um 1250), diverse Veränderungen innerhalb der Graphie erkennt. Diese Veränderungen in Schreibung, und dementsprechend auch in der Lautung, kann man unter anderem dem Lautwandel zuschreiben. Als Lautwandel versteht man in der Sprachgeschichte eine Art des Sprachwandels, welche Veränderungen in der Aussprache verschiedener Wörter bewirkt.

Lautwandelerscheinungen, die den Übergang vom Mhd. zum Nhd. kennzeichnen, betreffen zum einen den Vokalismus, zum anderen den Konsonantismus. Des Weiteren traten bei der Entwicklung vom Mhd. zum Nhd. Lautwandelerscheinungen auf, die sich aufgrund ihrer komplexen Form weder dem Vokalismus, noch dem Konsonantismus unterordnen lassen. Diese werden im Folgen unter „weitere Lautwandelerscheinungen“ aufgeführt.

Um zu klären welchen Einfluss die Lautwandelerscheinungen vom Mhd. zum Nhd. auf die heutige deutsche Sprache hatten und ob jede dieser Erscheinungen gänzlich in den heutigen Sprachgebrauch übernommen wurde, werden die einzelnen Lautwandelerscheinungen im Folgenden auf ihr Auftreten und ihren Gebrauch im Mhd. und auch im Nhd. untersucht. Dabei wird vor allem die graphische und die phonologische Ebene näher beleuchtet und anhand des Nibelungenliedes (Handschrift B) und seiner nhd. Übersetzung belegt.

Das Nibelungenlied (Handschrift B) ist eine der drei Handschriften, die von den insgesamt 37 Handschriften vollständig überliefert wurde. Sie entstand etwa im zweiten Viertel des 13. Jh. und ist weiterhin bekannt als das Nibelungenlied nach der St. Galler Handschrift. Der genaue Entstehungsort dieser Handschrift ist nicht bekannt, repräsentiert jedoch anhand ihrer Schreibsprache die höfische Literatur, welche nicht normiert war.[7]

2. Lautwandelerscheinungen im Konsonantismus

2.1 Mittelhochdeutsche Auslautverhärtung

Das Phänomen der mhd. Auslautverhärtung lässt sich dadurch beschreiben, dass „die stimmhaften Verschlußlaute /b/, /d/ und /g/ ihre Stimmhaftigkeit“[8] verlieren, wenn sie sich im Wort- oder Silbenauslaut befinden. Dadurch vollzieht sich sowohl in der Aussprache des Mittelhochdeutschen und Neuhochdeutschen, als auch in der Graphie des Mittelhochdeutschen ein Wechsel der Konsonanten.

Beispiele für die Auslautverhärtung im Mittelhochdeutschen auf graphematischer Ebene sind innerhalb der Handschrift B des Nibelungenliedes zahlreich zu finden, wenn man verschiedene Flexionsformen desselben Wortes vergleicht. So wird auf Seite 18, Strophe 43 von „Gunthers lant“ gesprochen, auf Seite 6, Strophe 1 jedoch davon, dass „in allen landen“ kein schöneres Fräulein als Kriemhild aus dem Burgundenland heranwuchs. Als Beispiel für den Wechsel vom stimmhaften Phonem /g/ zum stimmlosen /c/ ist das Wort „tac“ (nhd. „der Tag“) anzuführen. Während auf Seite 400, Strophe 1376 angegeben wird, dass die Dienerschaft unter der Herrschaft Kriemhilds „vil manigen vrœlichen tac “ erlebten, zeigt sich auf Seite 306, Strophe 1051 die Flexionsform im Genitiv Singular „des tages“. Aufgrund dieser Flexion befindet sich der stimmlose Verschlusslaut /c/ im Nominativ Singular des Substantivs „tac“ nicht mehr im Silbenauslaut und erhält somit auf graphematischer und auf phonologischer Ebene den stimmhaften Verschlusslaut /g/. Auch ist ein Beispiel für den Wechsel vom stimmhaften Plosiv /b/ zum stimmlosen Plosiv /p/ im Nibelungenlied zu finden. Auf Seite 100, Strophe 332 erklärt Gunther, er wolle Siegfried seine Schwester „ze wîbe“ geben, wohingegen auf Seite 100, Strophe 335 von der Frau als „daz vil hêrliche wîp“ im Nominativ Singular gesprochen wird.

Im Neuhochdeutschen wird die Auslautverhärtung weiterhin gesprochen. Auch hier tritt der Wechsel von einem stimmhaften Verschlusslaut zu einem stimmlosen Verschlusslaut ein, wenn „ein stimmhafter Obstruent aufgrund morphologischer Bedingungen vom Anfangsrand in den Endrand übergeht“[9]. Demnach rückt z.B. der stimmhafte Verschlusslaut /d/ im Genitiv Singular (des [landәs]) an das Silbenende wenn das Wort „Land“ im Nominativ Singular steht und wechselt so zum stimmlosen Plosiv /t/ (das [lant]).

Der markante Unterschied in der Anwendung der Auslautverhärtung im mhd. und nhd. Sprachgebrauchs ist jedoch, dass die Auslautverhärtung im Neuhochdeutschen nur noch auf phonologischer, aber nicht mehr auf graphischer Ebene stattfindet[10]. So wird die Auslautverhärtung im Neuhochdeutschen orthographisch nicht abgebildet „um die morphologische Zusammengehörigkeit der verschiedenen Formen innerhalb eines Wortes zu kennzeichnen“[11], wodurch der Wortstamm in jeder Form beibehalten wird, z.B. in der nhd. Fassung des Nibelungenlieds „eines Tag es“ (S. 19/ Strophe 42) und „der Tag “ (S.25/ Strophe 65).

2.2 Kontraktion

Zusammenziehungen, so genannte Kontraktionen, bezeichnen im Mittelhochdeutschen ein Phänomen, das vor allem bei Verben zu finden ist. Neben einer unkontrahierten Wortform existiert immer auch eine zusammengezogene Form. Dies geschieht durch den „einsetzende[n] Schwund von Konsonanten in intervokalischer Stellung und [der] damit verbundenen Kontrakion […] der Vokale.“[12] So werden die Lautgruppen -ige-, -ibe- und -ide- zu (/i:/, <î>; -ege-, sowie -age- zu <ei> und -abe- zu /a:/ <â> zusammengezogen.

Ebenfalls kann der Hauchlaut /h/ ausfallen, wenn er in intervokalischer Stellung steht und bewirkt somit eine weitere Kontraktion.

Die Form des Konsonantenschwunds, bei dem die Lautgruppe -age- zu <ei> kontrahiert, ist bspw. in der ersten Strophe des Nibelungenliedes zu finden. Hier erscheint die kontrahierte Form „geseit“ des schwachen Verbs „sagen“ im Partizip Präteritum. Ebenso ist die unkontrahierte Form des Verbs in Strophe 6 zu finden: „… als ich gesaget hân“. Auch diese Verbform steht im Partizip Präteritum und verdeutlicht den Fakt, dass im Mittelhochdeutschen sowohl die kontrahierte als auch die unkontrahierte Form gleichermaßen verwendet wurde.

Ein Beispiel für das Nebeneinanderbestehen beider Formen ist in Strophe 113 zu finden. Hier steht die kontrahierte Form des Verbs „haben“ in der ersten Zeile: „Wir hân des niht gedingen“ als Hilfsverb des Perfekts der unkontrahierten Form in der dritten Zeile derselben Strophe: „wir haben rîchiu lant“ (Präsens Indikativ) direkt gegenüber.

Weiterhin ist die kontrahierte und unkontrahierte Form des Verbs „geben“ zu finden, was die Kontraktion der Lautgruppe -ige-, -ibe- und -ide- beispielhaft abdeckt. In Strophe 404 wird zunächst die unkontrahierte Form „geben“ als Infinitiv dargestellt. Die unkontrahierte Form wird später in Strophe 962 als Präsens Indikativ dargestellt: „gît so manigen rât“.

Auch wird die kontrahierte Form des mhd. Wortes „anevahen“ (nhd. „beginnen“) in Strophe 596 gezeigt. Durch den Ausfall des Hauchlautes /h/ kommt es hier zur Verwendung des kontrahierten Infinitivs „anevân“.

Da Kontraktionen starker und schwacher Verben ein typisches Merkmal des Mittelhochdeutschen während des Übergangs vom 11. zum 12. Jh. waren[13], tritt diese Erscheinung im Neuhochdeutschen nur noch bedingt auf. Vor allem sind Kontraktionen im umgangssprachlichen Gebrauch zu finden. So wäre ein Beispiel für die Kontraktion des Verbs „haben“ im berlinerischen Sprachraum in der fünften Strophe des Berliner Gassenhauers „Necklied der Berliner auf Tempelhof“ zu finden, siehe „Wat ham wa denn for’n Küsta bei uns in Tempelhof?“[14]. In der Literatur des Nhd. enthalten Fachbücher aufgrund der normierten Orthographie keine Kontraktionen. In der nhd. Fassung des Nibelungenliedes wird durchgehend die unkontrahierte Form von Verben genutzt.

3. Lautwandelerscheinungen im Vokalismus

3.1 Neuhochdeutsche Diphthongierung

Bei der nhd. Diphthongierung, welche sich im 12. Jh. im süddeutschen Sprachraum ausbreitete, wurden die mhd. Langvokale <î>, <iu> und <û> zu den nhd. Diphthongen <ei>, <eu> und <au>.[15] So bildet sich aus der Diphthongierung der bekannte Merksatz:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Trotz der frühen Entwicklung dieser Erscheinung im 12. Jh. lassen sich in normalisierten Texten der mhd. Literatur weiterhin ausschließlich die Langvokale <î>, <iu> und <û> finden, da „[d]as Niederdeutsche und Teile des alemannischen Sprachraums [nicht] von dieser Lautwandelerscheinung […] erfaßt“[16] wurden. So erscheint in der Handschrift B des Nibelungenliedes stets die mhd., nicht diphthongierte Form direkt gegenüber der nhd., diphthongierten Form. Ein Beispiel für das Bestehen des mhd. Langvokals <î> findet sich in Strophe 263 in Form des Verbs „r î ten“. Gegenüberliegend wird auf Seite 81 die nhd. diphthongierte Form „r ei ten“ verwendet. Der nicht diphthongierte Langvokal <iu> wird z.B. in den Wörtern „ iu ch“ (Strophe 1445, S. 420) und „h iu te“ (Strophe 964, S. 282) repräsentiert und steht direkt gegenüber ihren mhd. diphthongierten Pendants „[ e ] u ch“ (Strophe 1445, S. 421) und „h eu te“ (Strophe 964, S. 283). Auch der nicht diphthongierte Langvokal <û> ist abgedruckt. Man findet ihn z.B. in Strophe 565 „ û z den kisten“. In der nhd. Fassung wird diese Textstelle in „ au s den Truhen“[17] übersetzt. Dadurch wird deutlich, dass der Ursprung der nhd. Diphthongierung zwar laut Sprachforschungen im 12. Jh. liegen, durch ihre minimale Verbreitung, beschränkt auf den süddeutschen Sprachraum, jedoch nicht in normalisierter mhd. Literatur vertreten ist. Die nhd. Diphthongierung gehört erst in späteren Sprachstufen zum festen Sprachgebrauch und kann infolgedessen zu einem wichtigen Unterscheidungsmerkmal zwischen dem Mhd. und dem Nhd. erklärt werden.

[...]


[1] Hennings, Thordis: Einführung in das Mittelhochdeutsche, S. 11

[2] Ders., S. 18

[3] Ders., S. 18

[4] Ders., S. 5

[5] Ders., S. 16

[6] Ders., S. 4

[7] Das Nibelungenlied. Mittelhochdeutsch / Neuhochdeutsch. Nach der Handschrift B, S. 905 ff.

[8] Bergmann, R., Moulin, C. & Pauly, P. Alt- und Mittelhochdeutsch, S. 114

[9] DUDEN: Die Grammatik, S. 44

[10] Bergmann, R., Moulin, C. & Pauly, P. Alt- und Mittelhochdeutsch, S. 114

[11] Bergmann, R., Moulin, C. & Pauly, P. Alt- und Mittelhochdeutsch, S. 114

[12] Hennings, Thordis: Einführung in das Mittelhochdeutsche, S. 64

[13] Hennings, Thordis: Einführung in das Mittelhochdeutsche, S. 64

[14] Richter, L. Der Berliner Gassenhauer, S. 415

[15] Weddige, H. Mittelhochdeutsch: Eine Einführung, S. 31

[16] Hennings, Thordis: Einführung in das Mittelhochdeutsche, S. 39

[17] Das Nibelungenlied. Mittelhochdeutsch / Neuhochdeutsch. Nach der Handschrift B, S. 167

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Lautwandelerscheinungen vom Mittelhochdeutschen und Neuhochdeutschen im Nibelungenleid
Untertitel
Ein Vergleich anhand der Handschrift B
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Institut für deutsche und niederländische Philologie)
Veranstaltung
1000 Jahre deutsche Sprache
Note
1,7
Autor
Jahr
2013
Seiten
19
Katalognummer
V302887
ISBN (eBook)
9783668011892
ISBN (Buch)
9783668011908
Dateigröße
512 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Nibelungenlied, Lautwandel
Arbeit zitieren
Agnetha Hinz (Autor:in), 2013, Lautwandelerscheinungen vom Mittelhochdeutschen und Neuhochdeutschen im Nibelungenleid, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/302887

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