Monetäre Entwicklungen in Russland seit 1990


Diplomarbeit, 2004
82 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

I. Inhaltsverzeichnis

II.Abkürzungsverzeichnis

III.Abbildungsverzeichnis

IV.Tabellenverzeichnis

1.Einleitung

2.Wichtige Stationen in der Entwicklung des russischen Geldwesens
2.1.Das sowjetische Geldwesen und der Einfluss der Perestroika auf ihn
2.2.Die Hyperinflation in Russland
2.2.1.Ursachen, Verlauf und Auswirkungen
2.2.2.Theoretische Hintergründe der russischen Hochinflation
2.3.Die Währungsunion der ehemaligen sowjetischen Republiken
2.4.Die Finanz-, Währungs- und Bankenkrise vom August 1998

3.Die Finanzintermediäre in Russland und ihre Rolle beim Übergang zur Marktwirtschaft
3.1.Geld- und Währungspolitik der CBR
3.2.Die Bankenreform
3.3.Struktur des russischen Geschäftsbankensektors
3.4.Die Praxis der Kreditvergabe in Russland
3.5.Zahlungssystem
3.6.Wertpapiermarkt

4.Wirtschaftsdelikte im russischen Finanzsektor
4.1.Korruptionsnetzwerke
4.2.Anlegerbetrug
4.3.Falschmünzerei
4.4.Geldwäsche und Kapitalexport

5.Die Schuldensituation Russlands

6.Ausländische Investitionen

7.Rechtliche Einflussfaktoren auf das russische Geldwesen
7.1.Die Konkursgesetzgebung
7.2.Recht an Grund und Boden
7.3.Das Steuersystem

8.Zusammenfassung

V.Anhang

Abbildungen

Tabellen

VI.Literaturverzeichnis

VII.Literaturverzeichnis in kyrillischer Schrift

II. Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

III. Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Änderung des CPI gegenüber dem Vorjahr in der RF seit 01.01.1992, in %

Abbildung 2 : Realer Wechselkurs Rubel zu US-Dollar, von 1992 bis heute

Abbildung 3 : Refinanzierungszins in Russland, real, jährlich, für den Zeitraum von 1993 bis heute

Abbildung 4: Jährliche Änderungsrate von M 2 und des CPI, Geldmarktzinssatz (Staatsanleihen), für den Zeitraum von 1996 bis heute.

Abbildung 5: Zusammensetzung des Wechselkurses US Dollar / Rubel 1991-1992

IV. Tabellenverzeichnis

Tabelle 1 : Entwicklung der Geldmenge und des Kreditsvolumens durch die sowjetische Staatsbank zwischen 1987 und 1990, Veränderungen gegenüber dem Vorjahr in %

Tabelle 2: Verteilungswirkung der russischen Inflation im Jahre

(in % des BIP)

Tabelle 3: Anteil der Auslandsbanken an den Bilanzindikatoren des Bankensystems 2002 (in %, Bankensystem insg. 100%)

Tabelle 4: Kredite der CBR an die nicht russischen NUS. Korrespondenzkontenbestände zum Jahresende 1992

Tabelle 5: Volumenindex des Inta-NUS-Handels 1990 - 1995

Tabelle 6: Neue Währungen der NUS

Tabelle 7 : Gesamtwirtschaftliche monetäre Indikatoren 1995 - 2002, Jahresendwerte

Tabelle 8: Quellen zur Finanzierung von Anlageinvestitionen

1. Einleitung

In der vorliegenden Arbeit wird die Entwicklung des russischen Geldwesens seit 1990, dem vorletzten Perestroika-Jahr, bis zu den Liquiditätsengpässen im Sommer 2004, nachvollzogen.

Zunächst werden die sozialistische Geldordnung und die Restrukturierung, die sie durch die Reformen und die Finanzkrise der Perestroika erfahren hat, erläutert. Anschließend, im zweiten Kapitel, stellt sich die Inflation in den Mittelpunkt der Betrachtung, die durch die Preisliberalisierung 1992 ausgelöst und erst drei Jahre später, mit der Einführung des Wechselkursankers unter Kontrolle gebracht wurde.

Nach dem politischen Zerfall der Sowjetunion bemühten sich ihre Nachfolgeländer die bestehenden ökonomischen Bindungen in eine Währungsunion, die so genannte „Rubelzone“ zu integrieren. Welche Probleme den Neuen Unabhängigen Staaten widerfahren sind und warum es nach nur drei Jahren zur vollständigen Desintegration kam, wird im Abschnitt 2.3. erläutert.

Nach diesen Ereignissen zeigten sich ab 1995 in Russland erstmals die Anzeichen einer monetären Stabilisierung. Dass diese Geld- und Fiskalpolitik Erfolge nur auf begrenztem Gebiet erzielte, erkannte man spätestens mit dem Ausbruch der Währungs- und Finanzkrise im August 1998. Ihre Spuren sind bis heute nicht verschwunden und bringen leicht das Bankensystem aus dem Gleichgewicht.

Den Ineffizienzen und dem Reformbedarf im russischen Finanzsektor ist Kapitel 3 gewidmet. Die wichtigste Instanz, die mit ihrer Geld- und Währungspolitik die wirtschaftliche Entwicklung beeinflusst, ist die russische Zentralbank, auch wenn ihr dazu nur wenige Steuerungsinstrumente zur Verfügung stehen. In der weiteren Betrachtung wird gezeigt, wie die Bankenreform vorangetrieben wird. Ihr Tempo ist trotz Bemühungen der staatlichen Führung noch zu langsam, weil sie gegen Interessen der Oligarchen und der Bürokraten ankämpfen muss. Diese haben Fuß im russischen Finanzsystem gefasst und ganze „Finanzimperien“ aufgebaut. Mittlerweile haben die Wirtschaftskonglomerate eine starke Stellung unter den übrigen Geldinstituten erlangt. Darum geht es im Abschnitt 3.3.

Wie das Kreditwesen in Russland funktioniert und welche Bedeutung es für das Inflationsniveau und für die Finanzdisziplin der Wirtschaftssubjekte hatte, verdeutlicht Abschnitt 3.4. Darin wird auch erklärt, dass die Kreditproduktion der Geschäftsbanken zu gering ist und das Wirtschaftswachstum sehr einschränkt. Auch das Zahlungssystem ist für eine funktionsfähige Ökonomie wichtig. Wie aus Punkt 3.5. ersichtlich wird, ist das Russische sehr verbesserungsbedürftig. Das gilt besonders für die Bargeldverwendung, die Tauschgeschäfte und die zwischenbetriebliche Verschuldung.

Im Abschnitt 3.6. geht es um den einheimischen Wertpapiermarkt, der eine vierzehnjährige Geschichte und schon jede Menge Fortschritte vorweisen kann.

Mit dem berüchtigten Teil des russischen Finanzsektors beschäftigt sich der vierte Kapitel. Anhand von Beispielen aus dem Mediengeschehen werden die kriminellen Machenschaften einiger Banken dargestellt. Da in Russland die Finanzinstitute sich nicht nach marktwirtschaftlichen Kriterien entfalten können, erfinden sie andere Einnahmequellen, wie Korruptionsnetzwerke, Anlegerbetrug, Geldwäsche usw.

Es folgt die Ausführung der Umstände der russischen Verschuldung im Kapitel 5. Zu den Schulden mit größtem Gewicht gehören die geerbten sowjetischen Verbindlichkeiten und die Kredite von internationalen Organisationen. Ihre Rückzahlung verzögerte sich bis 1999 wegen der schlechten Haushaltslage. Aber mit der makroökonomischen Stabilisierung der RF verbesserte sich der Schuldendienst.

In Kapitel 6 geht es um den Kapitaltransfer nach Russland und die Verhältnisse der ausländischen Investitionen. Obwohl sie für das schnelle Wirtschaftswachstum unentbehrlich sind, werden sie durch die institutionellen Mängel gehemmt. Nichtsdestotrotz arbeitet man intensiv an der Verbesserung des Investitionsklima und die ersten Erfolge bringen optimistische Stimmung. Das gleiche versprechen die gesetzlichen Änderungen zum Steuer- und Insolvenzrecht, sowie die neue Bodengesetzgebung, die in postsowjetischem Russland ihre ersten Schritte macht. Der aktuelle Stand der Gesetze und ihr Beitrag zum Wirtschaftswachstum sind Gegenstand des siebten Kapitels.

Diese Arbeit wird in Kapitel 8 mit einer Zusammenfassung der wichtigsten Ergebnisse abgeschlossen.

2. Wichtige Stationen in der Entwicklung des russischen Geldwesens

2.1. Das sowjetische Geldwesen und der Einfluss der Perestroika

Geld sollte im sozialistischen Wirtschaftssystem eine andere Rolle als in einer Marktwirtschaft spielen. In den Marx´schen Werken wurde sogar die Abschaffung des Geldes mit seinen traditionellen Funktionen angestrebt.[1] Denn in einer vollkommenen Planwirtschaft sind alle drei Geldfunktionen überflüssig. Das erklärt sich damit, dass alle Tauschgeschäfte und Transaktionen zentral zu planen sind. In der Sowjetunion diente Geld nicht als Tausch- und Wertaufbewahrungsmittel. Planwirtschaftliche Preise waren im Gegensatz zu den Marktwirtschaftlichen kein Ausdruck der Knappheitsverhältnisse, sondern nur vergleichbare Werte, mit deren Hilfe man sinnvolle Planungsentscheidungen treffen konnte.[2]

Dass man in der ehemaligen UdSSR überhaupt Geld benutzte, lag daran, dass die zentralen Planungsbehörden den privaten Haushalten freie Konsumgüterauswahl gestatteten, auch wenn dieser Spielraum aufgrund des mangelhaften Planungssystems sehr begrenzt war. Deswegen hatte das Geld keine frei verfügbare Kaufkraft.[3]

In der sowjetischen Wirtschaft existierten zwei voneinander getrennte Geldkreisläufe: der Bar- und der Buchgeldkreislauf. Diese Trennung entsprach der Aufteilung der sowjetischen Wirtschaft in den vollständig geplanten Staatssektor und den teilweise unabhängigen privaten Haushalten.[4] Das Bargeld diente der Verteilung von Konsumgütern und der Lohnzahlung.[5] Zwischen den Staatsunternehmen und den Institutionen wurde dagegen nur mit Giralgeld gezahlt. Dies erfolgte ausschließlich über Konten bei der Staatsbank, die auf diese Art und Weise die Wirtschaftssubjekte vollständig kontrollierte.

Für den Produktionsbereich bedeutete diese Wirtschaftsordnung aber auch, dass sie sich wegen finanzieller Engpässe nicht sorgen mussten. Für sie konnte Geld nicht knapp werden. Wenn das Geld für eine im Plan vorgesehene Transaktion fehlte, so gewährte der Staat den Betrieben umgehend Kredite. Umgekehrt konnten sie bei vorhandenen Mitteln nur dann einen Kauf tätigen, wenn es im Sinne der Zentralführung war.

Die letzten Jahre der Perestroika, waren durch die allgemeine Wirtschafts- und Systemkrise gekennzeichnet, in der sich die UdSSR bereits seit den frühen Achtzigern befand. Die Wirtschaft war nicht mehr in der Lage, der Bevölkerung einen ausreichend hohen Lebensstandard zu bieten. Das BIP ging kontinuierlich zurück, besonders in den Jahren 1985 – 1991. Das Haushaltsdefizit erhöhte sich im Trend, da die Regierung die Lohnzahlungen an die Bevölkerung weiter ausdehnte. Außerdem gingen die Steuerzahlungen der Staatsbetriebe und die Einnahmen aus dem Außenhandel zurück. Die Finanzierung der so entstandenen Differenz erfolgte, in den Jahren 1990 (zu 73%) und 1991 (zu 90%) aus Krediten der Staatsbank.[6] Die Verzinsung dieser Darlehen war äußerst niedrig, wie in den Haushaltsgesetzen vorgeschrieben war (Nominalzins i. H. v.10 %, Stand Februar 1993), und nicht an die Inflation angepasst.[7] Zwar vereinbarte die Regierung mit der Zentralbank Begrenzungen für die fiskalischen Kredite und die damit verbundene Geldschöpfung[8], diese Grenzen wurden jedoch systematisch überschritten. Es gab also eine Subventionierung von politisch bevorzugten Wirtschaftssubjekten, die als finanzielle Repression bezeichnet wird. Diese Kreditpolitik war der Hauptgrund für Erhöhung der Geldmenge in der ehemaligen Sowjetunion, besonders spürbar ab dem Jahr 1989. (Siehe Anhang, Tabelle 1, S. 73.)

Buchgeld- und Bargeldmenge wuchsen in dieser Periode schneller als Volkseinkommen und Konsumgüterangebot. Dabei behielt man weiterhin die administrative Preisbestimmung, was zur Unterzeichnung der faktischen Preisentwicklung führte. So entstand ein Geldüberhang (oder auch unterdrückte Inflation genannt). Die Wirtschaftssubjekte verfügten über Geld, das sie nicht ausgeben konnten. An diesen Erscheinungen erkennt man die seit längerer Zeit eingesetzte, aber kaschierte Finanzkrise des Staates, die nach Schrooten auf „die wachsenden Koordinations- und Informationsprobleme der Zentralbehörden“ zurückzuführen sind.[9]

Zusammenfassend kann man sagen, dass die Reformpolitik der Perestroika und der Verfall der staatlichen Autorität seit Ende der achtziger Jahre die monetäre Ordnung reorganisiert haben. Als Ergebnis der Wirtschaftspolitik der Perestroika wurde das sowjetische Geldwesen stark beeinträchtigt. Es verwischten sich die Grenzen zwischen Buch- und Bargeldkreislauf, die Staatsfinanzen wurden zerrüttet und die Staatsbank verlor die Kontrolle über die Geldmenge,[10] deren Expansion, zusammen mit der großzügigen Kreditvergabe an Staatsunternehmen und an die NUS zur großen Inflation in der RF ab dem Jahr 1992 führten.[11]

2.2. Die Hyperinflation in Russland

2.2.1. Ursachen, Verlauf und Auswirkungen

Um die gestaute Inflation aus den Zeiten der Perestroika freizugeben, beschloss die Regierung von Jegor Gaidar, die Preise zu liberalisieren (ca. 80 % der Großhandelspreise und 90 % der Verbraucherpreise[12]). Diese Strategie war auch Teil des Programms zur Transformation Russlands in eine Marktwirtschaft, die mit westlicher Hilfe ausgearbeitet wurde. Wirtschaftsfachleute wie der schwedische Ökonom Anders Aslund, Prof. Jeffrey Sachs aus Harvard, sowie Mitarbeiter des IWF standen dem Ministerpräsidenten Gaidar mit Rat und Tat zur Seite.

Um das Maß der Preissteigerung zu verdeutlichen, wird auf den Verlauf der jährlichen Wachstumsrate des CPI verwiesen. (siehe Anhang, Abbildung 1, S.68) Direkt nach der Preisfreigabe anfangs 1992 betrug die Inflationsrate 645 % gegenüber dem Vormonat[13], dabei blieb es aber nicht. Der Regierung gelang es nicht, die gesamtwirtschaftliche Entwicklung zu stabilisieren. Die niedrigen Refinanzierungszinsen erleichterten die Liquiditätsaufnahme durch die Geschäftsbanken, die diese Mittel zur Kreditvergabe an die verschuldeten Betriebe benutzten. Die Kreditexpansion war verantwortlich für den Geldmengenanstieg in der RF[14]. Deswegen kam es zu weiteren Preiswellen im Sommer und vor allem im Monat Dezember 1992.[15] Anfang des folgenden Jahres konnte man die Staatsausgaben auf 35 % des BIP begrenzen[16], was der leichte Abfall des CPI erklärt. (siehe Anhang, Abbildung 1, S.68) Die russische Zentralbank setzte aber ihre expansive Kreditpolitik fort, woraufhin in der zweiten Hälfte des Jahres 1993 die Änderungsrate des CPI noch einmal die 1000 % - Marke überstieg. Im Verlauf der weiteren Jahre legte sich die Inflation merklich, da die Zentralbank einen Kurs restriktiver Kreditvergabe an die Staatsunternehmen einschlug und ihn einhielt. Hinzu kommt die Senkung des Budgetdefizits, so dass die Regierung weniger finanzielle Mittel von der CBR beanspruchte. Im Jahr 1994 betrugen die Zentralbankkredite an die Regierung im Durchschnitt 7,8 %, im Jahr darauf 0,95 % des BIP.[17]

Die Preise der Energieträger wurden vorerst nur teilweise liberalisiert. Das Rohöl kostete in Russland in den ersten Monaten von 1992 2.200 Rubel (gegenüber 350 Rubel im Jahr 1991). Somit lag der Preis mit umgerechnet 20 US-Dollar deutlich unter dem Weltmarktniveau.[18] Endgültig wurde er ab 1994 freigegeben, aber man führte zeitgleich Quoten und Steuern ein, die die Erdölexporte begrenzten und den Preis für den inländischen Markt niedrig hielten.[19]

Als Zusatzeffekt bildeten sich regionale Preisunterschiede heraus, vor allem weil staatliche Preisfixierung auf lokaler Ebene immer noch bestand. Am teuersten waren die Waren im Fernosten der RF.

Die Löhne erhöhte man anschließend an der Preisliberalisierung ebenfalls und zwar um 1.130 % im Jahresdurchschnitt für 1992 gegenüber dem Vorjahr.[20] Die Anpassung erfolgte allerdings sehr ungleichmäßig. Auch hier entstanden Differenzen zwischen den Branchen und den Regionen. Die höchsten Monatseinkommen verzeichneten die Beschäftigten in der Erdöl-, Erdgasindustrie und in der Metallurgie. Am stärksten getroffen vom Anstieg der Verbraucherpreise waren die Bezieher von Transfereinkommen, da die Einkommenskompensation sehr schwach war. DIW schätzt den realen Einkommensrückgang am Sinken des Einzelhandelsumsatzes in konstanten Preisen für das Jahr 1992 auf ungefähr 39 %.[21]

Man hoffte, dass diese Preisgabe lediglich einen einmaligen, isolierten Preissprung auslösen würde, aber sie uferte in Hyperinflation aus. Darunter versteht man einen Prozess anhaltender allgemeiner Preissteigerungen, der in extrem hohem Tempo, nach Cagan bei monatlichen Raten von über 50 %[22], erfolgt.[23]

Der Preise wuchsen in Relation zum diagnostizierten Geldüberhang viel mehr als vorhergesehen. Dies wäre nur dann vermieden worden, wenn parallel dazu die Staatsausgaben gesenkt und die Zentralbankkredite beschränkt worden wären. Daneben haben die bestehenden Monopolmärkte und die administrativ verfügten Lohnerhöhungen den Verlauf der Inflation zugespitzt. Saisonalen Einfluss auf Preisentwicklung nahmen in den Jahren 1992 und 1993 einige wirtschaftspolitische Maßnahmen, die die Ausgaben des Staates erhöhten. Hierzu zählten die Energieversorgung der nördlichen Gebiete, die Bereitstellung landwirtschaftlicher Produktionsgüter oder der Getreideankauf, dessen einzige Abnehmer der russische Staat war.[24]

Die russische Regierung erklärte zwar die Senkung der Inflation auf 7 bis 10 % pro Monat durch Reduzierung der Ausgaben als ihr vorrangiges Ziel. Das Wachstum des Budgetdefizits konnte man aber nur während des ersten Quartals 1992, durch restriktive Kreditpolitik gegenüber den Betrieben aufhalten. Der angekündigte Kampf gegen die Geldentwertung hatte nach Wirtschaftsexperten kaum Chancen. Denn die Inflation führt zu einem Teufelskreis, der wie folgt aussieht: Wegen der hohen Preissteigerungsraten sinken die Steuereinnahmen real, so dass das Budgetdefizit wächst. Die Lücke im Haushalt ihrerseits bewirkt, dass die Regierung sich bei der Zentralbank finanzielle Mittel besorgt. Der Letzten bleibt in diesem Fall nichts anderes übrig, als Geld zu drucken. Die Inflation steigt, und so weiter. Außerdem macht die Geldentwertung es äußerst schwer, die künftige nominale Höhe der öffentlichen Ausgaben zu bestimmen.[25]

Hohe Inflationsraten in Kombination mit niedriger realen Verzinsung führen zu einer Vermögensnumverteilung zwischen Gläubigern und Schuldnern. Dies kam in der RF vor, weil die Nominalzinsen nicht korrekt an die Inflationssteigerung angepasst wurden. Als Folge davon erleiden die Gläubiger einen Realwertverlust, während die Schuldner den gleichen, aber schon entwerteten Betrag zurückzahlen, und so an Kaufkraft dazu gewinnen. Geldentwertung impliziert auf jeden Fall Gewinner und Verlierer. Tabelle 2 verdeutlicht die Verteilung der „Rollen“ in Russland: welche Gesellschaftsgruppen von der Inflation profitieren, und wer die Last der Inflationssteuer tragen muss. (Siehe Anhang, Tabelle 2, S.73) Größte Verluste gab es bei den privaten und öffentlichen Haushalten. Ein Teil der Unternehmen mit den an ihnen beteiligten Banken konnten daraus am meisten profitieren. Von der Inflationssteuer wurde die Industrie zwar auch getroffen, aber das galt nur für bestimmte Branchen, während die Privilegierten unter ihnen durch die günstigen Kredite alimentiert wurden. Gerade diese einzelnen Nutznießer würden, nach Aussage Buttings[26], den größten Widerstand einer Stabilitätspolitik entgegensetzen.

Zu den Wohlfahrtsverlusten zählen in erheblichem Umfang die Kosten für die Inflationsvorbeugung, –bekämpfung und Einleitung der Stabilisierung. Dazu ist eine längere Phase restriktiver Geldpolitik nötig. Für das postsowjetische Russland ist es noch kostspieliger, da es auf viele Widerstände stößt. Zusätzlich zu den Problemen einer Marktwirtschaft erschweren das schwache Rechtssystem und der falsch verstandene Geldbegriff bei den Wirtschaftssubjekten den Kampf gegen die Inflation.[27]

Theoretisch kann sich eine Inflation positiv auf die Geldnachfrage auswirken. Das belebt die Investitionstätigkeit und damit die gesamte Wirtschaft. Bei der Arbeitslosigkeit beobachtet man rückläufige Entwicklung. Dies gilt aber nur für den Fall einer unerwarteten und geringen Zunahme der Geldmenge.[28] In Russland entwickelte sich jedoch eine Hochinflation mit destruktiven Konsequenzen für die gesamte Volkswirtschaft. Der Rubel verlor seine Funktion als Wertaufbewahrungsmittel, Vermögen wurde bevorzugt in Immobilien oder Hartwährung angelegt und die relativen Preise wurden verzerrt.

Der realwirtschaftliche Sektor blieb auch nicht unverschont. Die Hyperinflation bedingte eine rückläufige Sparquote. Investoren verzichteten auf die Finanzierung langfristiger Vorhaben, und das Investitionspotential verringerte sich drastisch, so dass der Verschleiß und der technologische Rückstand der Produktion zugenommen haben.[29] Daher konnte keine Kapitalakkumulation stattfinden. Es ist verständlich, dass unter solchen Bedingungen die Wirtschaft nicht mehr imstande ist zu wachsen.

Die große Inflation beeinträchtigte auch die Entwicklung von Marktmechanismen. Der Allokationsmechanismus wurde durch die verzerrten Preise und durch die veränderten Spar- und Investitionsentscheidungen gestört, die auf Risikominimierung der Wirtschaftssubjekte ausgerichtet waren. Die Produktionsmittel wurden in weniger effiziente Bereiche umgeleitet, was die gesamtwirtschaftliche Produktivität verminderte.

2.2.2. Theoretische Hintergründe der russischen Hochinflation

Nach der Quantitätstheorie besteht ein langfristiger Zusammenhang zwischen Wachstum des Geldangebotes und der Inflationsrate.[30] Tatsächlich spricht im Falle der RF Einiges dafür. Für den Zeitraum Juli 1992 bis Juli 1993 wurde eine enge Korrelation zwischen dem Geldmengen- und Inflationswachstum mit einer Verzögerung von vier bis fünf Monaten nachgewiesen. Seit Mitte 1997 hat sie sich auf sieben Monate ausgedehnt.[31] Der Markt reagierte sehr schnell auf die Geldexpansion, weil die Transaktionen nur gering institutionalisiert und die abgeschlossenen Verträge kurzfristig waren. Der Finanzsektor funktionierte nicht nach marktwirtschaftlichen Kriterien. Dagegen treten in entwickelten Marktwirtschaften viel längere Verzögerungen zwischen geldpolitischen Impulsen und gesamtwirtschaftlicher Reaktion. Schrooten erklärt es damit, dass die Verträge laufzeitgeschützt sind und der Monetisierungsgrad höher als in Tranformationsländern ist.[32]

Einen weiteren Grund für die Zunahme der Inflationsrate sieht Hishow in der im Vergleich zur BRD relativ hohen Elastizität des Geldmengenaggregates M2 gegenüber Veränderungen der Zentralbankgeldmenge, da die Steuerungsinstrumente der CBR schlecht entwickelt sind.[33]

Was die Geldumlaufgeschwindigkeit betrifft, so hat sie in dieser Zeit wegen des schwachen Zahlungssystems nicht wie erwartet zugenommen.[34] Denn wegen der schwindenden Realkasse reduzieren die Wirtschaftssubjekte im Normalfall ihre Kassenhaltungsdauer zu.[35]

Was die Höhe der Kassenhaltung angeht, so bewegt sie sich in den Anfangsphasen einer Inflation wir das Preisniveau. Die Wirtschaftssubjekte reagieren auf vereinzelte Preis- und Lohnerhöhungen mit Ausweitung ihrer Geldhaltung. In diesem Fall erkennen sie den drohenden Kaufkraftverlust und die steigenden Opportunitätskosten der realen Kassenhaltung noch nicht.[36] In Russland deuten Daten des Russian European Centre for Economic Reform darauf hin, dass in den ersten Monaten nach der Preisliberalisierung die reale Geldmenge, im Gegensatz zur theoretischen Ausführung, abgenommen hat, da die monetäre Ausweitung zum Teil schon in den letzten Jahren der Sowjetunion stattgefunden hat. Dabei blieben die Preise administrativ fixiert, bis sie 1992 schockartig freigegeben wurden und somit die reale Geldmenge sank.[37] Das hat folgende Bedeutung: Die Wirtschaftssubjekte versuchen den Realwertverlust zu minimieren, indem sie weniger Geld bei sich halten und versuchen ihre Transaktionen unter Umgehung de inflationierenden Währung durchzuführen. Sie benutzen stabile Währungen oder nehmen Tauschgeschäfte vor. Dieses Verhalten, das sich aus dem Vertrauensverlusts gegenüber der heimischen Währung ableitet, drückt das Preisniveau noch mehr nach oben. Also wird die Inflation beschleunigt.

2.3. Die Währungsunion der ehemaligen sowjetischen Republiken

Bereits 1990 sicherte die UdSSR-Regierung den Republiken „größere wirtschaftliche Autonomie“ zu. Nach dem politischen Zusammenbruch der Sowjetunion, offiziell mit dem Parlamentbeschluss vom 26.12.1991, bildeten ihre fünfzehn Nachfolgestaaten die „Rubelzone“ als Währungsunion. Sie basierte auf die siebzig Jahre alte gemeinsame Geschichte. Produktion, Handelsbeziehungen und Infrastruktur waren intensiv miteinander verflochten.

Die institutionellen Vorbereitungen für die Errichtung der Rubelzone geschahen im Juli 1990, als die Zweigstellen der Gosbank in Zentralbanken der einzelnen Unionsrepubliken umgewandelt wurden. Das Kapital der ehemaligen Monobank teilten sie sich untereinander auf. Als Zentralbank der GUS-Republiken fungierte die Bank Rosii. Nach dem Regierungsprogramm des Übergangs zum Markt strukturierte man sie wie das Federal Reserve System.[38] Es erwies sich, dass es so auf die ehemalige Sowjetunion nicht übertragbar war, da in den USA andere wirtschaftspolitischen Bedingungen herrschten. Die Versuche vonseiten Russlands, einen koordinierenden Rat der Zentralbanken nach dem amerikanischen Beispiel zu organisieren, blieben erfolglos.[39] Die GUS-Länder verfolgten eigene politischen Interessen und lehnten sich gegen die Finanz- und Kreditpolitik Russlands auf, nicht zuletzt deswegen, weil alle Notenbanken, außer der CBR, von den Seigniorage-Gewinnen, also den Einnahmen des Staates durch das Drucken von Geld, ausgeschlossen blieben. Aber auch der Wunsch nach staatlicher Souveränität und Ablösung von der russischen Bevormundung bewirkten die Koordinationsprobleme.

Überall in der ehemaligen UdSSR behielt man zunächst den russischen Rubel als gemeinsame Währung. Daran hatten die nichtrussischen Republiken Interesse, da sie sich finanzielle Leistungen und Rohstoffzufuhr aus dem wirtschaftlich überlegenen Russland erhofften und negative politische Reaktionen im Fall des Verlassens der Rubelzone vermeiden wollten.[40]

Das Recht, Bargeld zu emittieren wurde Russland zugeteilt. Die restlichen Republiken durften nur Giralgeld nach Kreditlinien schöpfen, die von der CBR festgelegt wurden. Die Zahlungsbilanzensalden der Nachfolgestaaten wurden nicht wie früher automatisch von der Gosbank ausgeglichen, sondern man richtete dafür ein Korrespondenzkontensystem ein. Die Schulden der ehemaligen Teilrepubliken gegenüber Russland wurden in zwischenstaatliche Verbindlichkeiten (auf LIBOR-Basis in US-Dollar denominiert) umgewandelt.[41] Die Finanzierung der Nachfolgestaaten durch die Bank Rosii wurde nach der Auflösung der Sowjetunion nicht sofort eingestellt. Für 1992 schätzt man diese russischen Kredite an die NUS auf 11,7 % des BIP der RF. (Siehe Anhang Tabelle 4, S. 74)

Die nichtrussischen Republiken ihrerseits gaben Buchgeld aus, das nicht über entsprechende Guthaben bei der Zentralbank Russlands gedeckt war. Im Zeitraum Mai bis November 1992 überstieg das so geschaffene Kreditvolumen der neuen Staaten 196 Mal das zulässige Niveau. So schöpfte man in der Ukraine allein im Juni 1992 Giralgeld im Umfang von 3,7 Mrd. US-Dollar, gerechnet nach dem damaligen Wechselkurs.[42]

Entsprechend wurde das Buchgeld der nicht-russischen Banken nach dem Maß der Überschreitung der von der CBR erlassenen Richtlinien abgewertet. Deshalb wurden die Rubelguthaben der nichtrussischen Republiken nur noch zu einem Abschlag gehandelt. Untereinander waren sie somit nicht mehr konvertibel. Es kam zu einer Art Wechselkurs zwischen den jeweiligen Buchgeld-Rubeln und den von der CBR emittierten Bargeld-Rubeln. Dies bedeutete die Entstehung unterschiedlicher Währungen, obwohl der „Rubel“ nach außen immer noch als gemeinsame Währung fungierte.[43] Ab August 1992 gab die lettische Zentralbank Sekundärmarkt-Kurse für die nichtrussischen Rubelderivate bekannt, nach denen das Buchgeld von der Ukraine und Kasachstan am meisten an Wert einbüßte.[44]

Die Russische Föderation sah sich gezwungen, die Bargeldlieferungen und die zinsgünstigen Zentralbankkredite an die Nachfolgestaaten einzustellen, da sie unkontrolliert Kredite zur Finanzierung ihrer Budgetdefizite vergaben und die eigene Inflation auf die gesamte Währungsunion überwälzten. Dieses Trittbrettfahrerverhalten war möglich wegen der ineffizienten Kapitalmärkte und der staatlichen Regulierung von Zinsen und Preisen. Der Ausgleich dieser Parameter fand verzögert und mittels Güterarbitrage statt.

Seit Anfang 1993 war Russland dazu übergegangen, Kredite an die GUS-Staaten nur noch in Form von mittel- und langfristigen Krediten des Finanzministeriums zu Marktkonditionen zu vergeben.[45] Dahinter stand der Wunsch, sich vor importierter Inflation zu schützen. Die so eingeschränkte Kreditvergabe und die technischen Probleme verursachten akute Bargeldknappheit im gesamten NUS-Raum. Die Bargeldbestände der nichtrussischen Republiken reduzierten sich von 36 % zum Jahresende 1991 auf 16 % im Juni 1993.[46] Die Transaktionen innerhalb der Rubelzone wurden beeinträchtigt und das Verhältnis zwischen Verbraucher- und Produzentenpreisindices verzerrte sich, da die ersten auf Basis von Bargeld-, die zweiten von Giralgeldtransaktionen stattfanden.

Wegen der problematischen Organisation und der unterschiedlichen Wechselkurse zwischen den neu entstandenen Zentralbanken, sowie der mangelhaften Zahlungssysteme, verschlechterte sich der interrepublikanische Zahlungsverkehr. Aus diesem Grund gingen viele Unternehmen auf Bartergeschäfte oder Clearing-Arrangements über.

Um sich vor Inflationsimport und unerwünschten Güterbewegungen zu schützen, führten die NUS Handels- und Zahlungsbeschränkungen ein, die unüberschaubar und ineffizient waren. Viele Transaktionen wurden auf illegale Wege abgewickelt. Die Transaktionkosten schnellten in die Höhe. Als Ergebnis reduzierte sich das Handelsvolumen zwischen den Nachfolgerepubliken erheblich. In fünf Jahren (1990-1995) ging der Handelsvolumenindex um 85 % zurück. (Siehe Anhang, Tabelle 5, S.74)

Im Zuge der marktwirtschaftlichen Liberalisierung passten sich die Preise der Exportgüter im NUS-Handel an den Weltmarkt an. Dieser Prozess begann 1992 und wurde innerhalb von zwei Jahren abgeschlossen. Er traf besonders Länder wie Armenien, Moldova und Tadschikistan, die auf Energieimporte angewiesen waren, und so hohe Terms-of-Trade-Verluste hinnehmen mussten. Die Preissteigerungen verursachten Zahlungsrückstände und verminderten die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen in den neu gebildeten Staaten gegenüber den Russischen, die den Vorteil subventionierter Energielieferungen genossen.

Um aus der schlechten monetären Situation herauszukommen, begannen manche der nichtrussischen Mitglieder der Rubelzone eigene Rubelnoten, Währungssubstitute, Coupons oder gar eigenständige Währungen zu emittieren. (Siehe Anhang, Tabelle 6, S.75) Es vollzog sich ein Übergang von homogenem Währungsraum zu einem System multipler Währungen. Diese Alternative war für die NUS nicht optimal und war für die betroffenen Länder mit vielen Schwierigkeiten verbunden. So stieg die Inflation bis 1994. Besonders stark kletterte der Verbraucherpreisindex 1993 in der Ukraine (um 4.735 % gegenüber dem Vorjahr) und in Georgien (3.125 %).[47]

Die neuen Währungen waren schwach und konnten den russischen Rubel nicht verdrängen. So wurde er ab 1993 zu parallel zirkulierenden Hartwährung und damit auch Gegenstand einer Kapitalflucht nach Russland. Außerdem verfügten die meisten Zentralbanken nicht über das Know-how und die technischen Voraussetzungen, „um eine fälschungssichere neue Währung unter transparenten Bedingungen einführen zu können.“[48] Selbst das Produzieren von Banknoten konnte nicht in den entsprechenden Ländern stattfinden, so dass die Scheine aus westlichen Staaten importiert werden mussten. Die Emission von Coupons behinderte sehr die wirtschaftlichen Beziehungen innerhalb der Rubelzone. Für die auf den Außenhandel angewiesenen Unternehmen resultierten daraus enorme Verschlechterung der Produktions- und Vertriebsbedingungen.[49]

Aufgrund von politischen und ökonomischen Differenzen und von gravierenden institutionellen Defiziten war die monetäre Kooperation zwischen den Mitgliedsstaaten der Rubelzone nicht erfolgreich. Es fehlte an Instanzen zur Kontrolle der Geldschöpfung und an zentralisierter Geld- und Haushaltspolitik. Die Teilnehmer verfügten zwar über eine gemeinsame Währung, aber über keine einheitlichen Transformationsstrategien, die den Fortbestand der Union sichergestellt hätten.[50]

Der Prozess der Währungsdesintegration zog sich durch den Austritt einzelner Mitgliedsstaaten vom Frühjahr 1992 bis zum Herbst 1993. Nach DIW ist dies übrigens nur eine Fortsetzung der Entwicklung, die schon zu Sowjetzeiten einsetzte.[51] Als erstes der anfangs fünfzehn Länder löste sich Estland von der monetären Union ab, in dem es eigene, vom Rubel abgekoppelte Währung einführte. Nachdem in der zweiten Jahreshälfte fünf Staaten die Rubelzone verließen, folgten nach der überraschenden Währungsreform[52] durch die CBR weitere Republiken, so dass nur noch sechs Mitglieder übrig blieben. 1994 löste sich die Rubelzone dann endgültig auf.[53] Durch den Übergang zu einer marktmäßigen Allokation der Finanzmittel und die Beschränkung der Subventionszahlungen an andere Staaten der ehemaligen Sowjetunion, hat die RF im Interesse ihrer inländischen monetären Stabilisierung die Auflösung der Rubelzone herbeigeführt.

2.4. Die Finanz-, Währungs- und Bankenkrise vom August 1998

Offiziell brach sie mit der Freigabe des Rubelkurses am 17. August 1998 aus. Der Staat sah sich gezwungen, die Rückzahlung der GKO´s einzustellen. Der nominelle Wechselkursanker musste aufgegeben werden. Gleichzeitig verlor der Rubel massiv an Wert gegenüber dem US-Dollar. Am 19. August 1998 erklärte die CBR, eine Abwertung auf bis zu 9,5 Rubel pro US-Dollar zuzulassen, die aber zeitweise höher ausfiel. Daraus folgte ein deutlicher Anstieg der Schuldenquote gegenüber dem Ausland: von 25 % Ende 1997 auf 70 % des BIP Ende 1998.[54]

Die Geldmenge M 2 nahm bis August 1998 wegen rückläufiger Geldnachfrage ab. Kurz vor der Krise emittierte die CBR erneut Geld, jedoch wurde es vom Bankensektor in Devisen umgetauscht, so dass es keine Wirkung auf den Markt ausübte . (siehe Anhang, Abbildung 4, S. 71) Nach der Krise erhöhte man das Geldangebot, um die Lohnrückstände, die zwischenbetriebliche Verschuldung und die Verluste der Geschäftsbanken auf niedrigem Stand zu halten.[55] Ebenso ersichtlich in Abbildung 7 ist die stark gestiegene Verzinsung der Staatsanleihen im Sommer des gleichen Jahres. Sie hatte aber nicht die beabsichtigte Wirkung, nämlich den Abzug der ausländischen Akteure und ihres Kapitals aus dem russischen Finanzmarkt zu verhindern. Die Nettoreserven waren vollständig aufgezehrt durch den Devisenabfluss, der im August 1998 solche Dimensionen erreichte, dass die CBR sich gezwungen sah, den Rubelkurs freizugeben.

Im Juni des Krisenjahres lag das Niveau des CPI nur noch um 5, 6 % über dem des Vorjahresmonats - und damit niedriger als in anderen Transformationsländern, die eine langsamere Absenkung der Inflationsraten akzeptierten.[56] Wegen der Krise kam es dann zu starken Preissteigerungen. (siehe Anhang, Abbildung 4, S. 71) Überraschend ist die vorzeitige Reaktion des CPI (Änderungsrate) auf die Geldemission. Das bedeutet, dass das Preisniveau schneller und eher in die Höhe kletterte als die Geldmenge sich ausweitete. Im klassischen Fall steigen die Preise in zeitlicher Verzögerung nach der Erhöhung der Geldmenge. Die Erklärung liefert das Modell der rationalen Erwartungshaltung der Wirtschaftssubjekte. Demnach schätzen sie die künftige Inflationsrate durch Bobachtung von vergangenen und gegenwärtigen Indikatoren, wie z.B. Budgetdefizit oder Geldemission. In Russland ist die Bevölkerung durch die Hyperinflation Anfang der Neunziger für die Vorzeichen einer solchen Entwicklung sehr stark sensibilisiert worden, und so antizipierte sie Preissteigerungen schneller.[57]

Der durch den Kursabsturz ausgelöste Inflationsschub legte sich Anfang 1999, als sich herausstellte, dass die Geldemission der CBR geringer als angenommen ausgefallen ist, und man Maßnahmen der Devisenbewirtschaftung, wie z.B. Beschränkungen der Konvertibilität von Bankeinlagen, einführte.[58]

Zu den externen Auslösern der Währungskrise zählt man den Verfall der Rohölpreise auf dem Weltmarkt und die instabile Lage auf den internationalen Kapitalmärkten. Die eigentlichen Ursachen sind jedoch in Russland selbst zu suchen.[59] Die Kombination von einem relativ fixen Wechselkurs, internationaler Kreditaufnahme, Hochzinspolitik und binnenwirtschaftlicher Demonetisierung wird als verantwortlich für den Zusammenbruch des Finanzsektors im August 1998 angesehen.[60] Das fehlende Vertrauen in die heimische Währung und die unzureichenden institutionellen Reformen, die berechtigterweise Skepsis bei den russischen Bürgern und den ausländischen Beobachtern auslöste, haben ebenso zur Entstehung der Krise beigetragen. Man war nicht bereit, Rubel zu halten, obwohl der reale Zinssatz auf privaten Einlagen gestiegen war. Die Abwertungs- und Inflationserwartungen waren überhöht.

Nicht weniger schuld an dieser Entwicklung ist der Bankensektor in der RF, der seine Funktion als „Schnittstelle zwischen internationalem und nationalem Kreditgeschäft“[61] nicht erfüllen konnte. Die russischen Bankenmanager gingen zu große Risiken ein, indem sie sich beim Ausland in zu hohem Maße verschuldeten und diese Schulden nicht ausreichend absicherten. Mitte 1998 überstiegen die Verbindlichkeiten der Banken gegenüber dem Ausland deren Forderungen um 5 % ihrer Bilanzsumme. So erlitten die Kreditinstitute mit der Währungskrise Wechselkursverluste, die auch in den notleidenden Krediten, den Aktien und den Staatsanleihen, mit denen sie in hohem Umfang Geschäfte machten, enthalten waren. Nicht zu vergessen ist die verbreitete Unterkapitalisierung der russischen Geschäftsbanken, weswegen sie nach Ausbruch der Finanzkrise reihenweise insolvent wurden.

Warum mündete die Politik des Crawling Peg in eine Währungs- und Finanzkrise? Nach DIW, IfW und IWH hat die CBR ein viel zu hoch gestecktes Wechselkursziel verfolgt, das nicht an den Fundamentals der russischen Makroökonomie orientiert war.[62] Die Preis-, die Produktivitätsentwicklung und die Defizithöhe der öffentlichen Haushalte standen im Widerspruch zum gewählten Währungsregime. Und obwohl die Inflation vor den Ereignissen in 1998 rückläufige Wachstumsraten aufwies (siehe Anhang, Abbildung 4, S. 71), wertete der Rubel über einen längeren Zeitraum real gegenüber dem US-Dollar auf, was zu den klassischen Voraussetzungen für das Entstehen einer Währungskrise zählt.[63]

[...]


[1] Schrooten, Mechthild: Geld, Banken und Staat in Sozialismus und Transformation. DIW, Sonderheft 170, S. 20 f

[2] Butting, Johann: Die Stabilisierung des Rubels und die Transformation des russischen Geldwesens. Studien zu Finanzen, Geld und Kapital. Band 12, Duncker und Humblot, Berlin 2000, S.77

[3] Butting, Johann: a.a.O. , S.113

[4] Butting, Johann: a.a.O. S.81

[5], die in der Sowjetunion nur in bar durchgeführt wurde.

[6] Daten aus den Achtziger Jahren, die die gleiche Vermutung bestätigen würden, liegen laut Butting nicht vor. Nach: Butting, Johann: a.a.O., S.107

[7] Schrooten, Mechthild: a.a.O. S.133

[8] Im Regierungsprogramm vom 11.02.1993 wurde das Ziel einer monatlichen Geldmengenexpan- sion von 7 bis 10 % angekündigt. Nach: DIW, IfW und IWH: Die wirtschaftliche Lage Rußlands. Systemtransformation auf dem Rückzug? 2. Bericht, Kieler Diskussionsbeiträge 208/209, S.9

[9] Schrooten, Mechthild: a.a.O. S.99

[10] Butting, Johann: a.a.O. S.109

[11] Elborgh-Woytek, Katrin: Optimale Währungsräume in der Transformation. Die Desintegration der Rubelzone 1992 bis 1995. Campus Verlag, Frankfurt/M. 1998, S. 125

[12] Elborgh-Woytek, Katrin: a.a.O. S. 150

[13] DIW, IfW und IWH: Die wirtschaftliche Lage Rußlands und Weißrußlands. Systemtransformation am Scheideweg. Erster Bericht, Kieler Diskussionsbeiträge 193/194, Kiel 1992, S. 13

[14] im Unterschied zu anderen historischen Hochinflationen, bei denen die Ursache für die Ausweitung der Geldmenge hauptsächlich der Monetisierung des Haushaltes zuzuschreiben ist.

[15] Nach Angaben des DIW, IfW und IWH (2. Bericht, S.6 )beliefen sich die Preissteigerungsraten in Russland im Monat Dezember 1992 auf folgende Spitzenwerte: Nahrungsmittel 2.500 %; übrige Konsumgüter 2.600 %, Dienstleistungen 3.300 %

[16] Butting, Johann: a.a.O. S.122

[17] Butting, Johann: a.a.O. S.126

[18] Elborgh-Woytek, Katrin: a.a.O. S. 150 f.

[19] DIW, IfW und IWH: Die wirtschaftliche Lage Rußlands. Rußland in der Weltwirtschaft: Noch nicht mehr als ein Exporteur von Rohstoffen. Siebenter Bericht, Kieler Diskussionsbeiträge 265, IfW Kiel 1996, S. 14

[20] DIW, IfW und IWH:2. Bericht. a.a.O. 208/209, S.6

[21] DIW, IfW und IWH:2. Bericht. a.a.O. 208/209, S.7

[22] Cagan, P.: The Monetary Dynamics of Hyperinflation. Chicago 1956. Nach: Schrooten, Mechthild: a.a.O. S.135

[23] Gabler Bank Lexikon.12. Auflage Betriebswirtsch. Verlag Gabler, Wiesbaden 2000, S. 166

[24] Elborgh-Woytek, Katrin: a.a.O. S. 152

[25] DIW, IfW und IWH:2. Bericht. a.a.O, S.9

[26] Butting, Johann: a.a.O. S.153

[27] Butting, Johann: a.a.O. S.136

[28] Obst; Hintner: a.a.O. S. 52

[29] Hishow, Ognian: Inflation, Wechselkurs und Zins in Rußland a.a.O. S. 18

[30] Nach der umformulierten Quantitätsgleichung gilt: prozent. .Änderung der Geldmenge + prozent. Änderung der Umlaufgeschwindigkeit = prozent. Änderung des Preisniveaus + prozent. Änderung der Produktion. Dabei wird aus Vereinfachungsgründen die Konstanz der Umlaufgeschwindigkeit und des Produktionsniveaus angenommen. Vgl. Mankiw, Nicholas Gr.: Makroökonomik. 3. Aufl., Stuttgart 1998, S. 176

[31] Butting, Johann: a.a.O. S.130

[32] Schrooten, Mechthild: a.a.O. S.136

[33] Hishow, Ognian: Inflation, Wechselkurs und Zins in Rußland. Berichte des BIOst, 17-1996, Köln 1996, S. 12 f.

[34] Vieiera de Cunha, P.: Russian Economic Reform, crossing the threshold of structural change. World Bank, Washington 1992. Nach: Elborgh-Woytek, Katrin: a.a.O. S. 152

[35] Vgl. Hishow, Ognian: Inflation, Wechselkurs und Zins in Rußland a.a.O. S. 14

[36] Obst, Hintner: Geld, Bank- und Börsenwesen. Handbuch. von Hagen, Jürgen (Hrsg.) 40. Aufl., Stuttgart 2000, S. 121 f.

[37] Butting, Johann: a.a.O. S.153 f.

[38] Khandruew, Alexander u. Morozow, Juri: Die Reform des GUS-Bankensystems: ernst, aber nicht hoffnungslos.a.a.O. S.279

[39] Es wurde zwar ein “Inter-Banken-Koordinationsrat“ gegründet. Er kam aber zu keine Ergebnissen. Nach: Elborgh-Woytek, Katrin: a.a.O. S. 132

[40] Hardy/Lahiri: Cash Shortage in the Former Soviet Union. 1996. Nach: Elborgh-Woytek, Katrin: a.a.O. S. 136

[41] Elborgh-Woytek, Katrin: a.a.O. S. 124

[42] Elborgh-Woytek, Katrin: a.a.O. S. 125

[43] Siebert, Horst (Hrsg.): Währungsreformen im Vergleich. Monetäre Strategien in Russland, Weißrussland, Estland und der Ukraine. Kieler Studien Nr. 270. Institut für Weltwirtschaft an der Universität Kiel, Tübingen 1995, S. 3

[44] Elborgh-Woytek, Katrin: a.a.O. S. 126

[45] DIW, IfW und IWH: Die wirtschaftliche Lage Rußlands. Fortsetzung des Niedergangs ohne hinreichenden Strukturwandel. Fünfter Bericht, Kieler Diskussionsbeiträge 240/241, Kiel 1994, S. 20

[46] Elborgh-Woytek, Katrin: a.a.O. S. 128

[47] Elborgh-Woytek, Katrin: a.a.O. S. 126, Tabelle 11

[48] Elborgh-Woytek, Katrin: a.a.O. S. 130

[49] Elborgh-Woytek, Katrin: a.a.O. S. 144

[50] DIW, IfW und IWH: Erster Bericht. a.a.O. , S. 18

[51] DIW, IfW und IWH: Erster Bericht. a.a.O. S. 18

[52] Man spricht auch von einer Bargeld-Umtauschaktion, eine Währungsreform im engeren Sinne war sie nicht. Die CBR erklärte alle Rubel-Banknoten von vor 1993 für ungültig. Russische Bürger konnten innerhalb von 5 Wochen maximal 100 000 alte gegen neue Banknoten umtauschen. Größere Summen mussten zunächst auf Konten bei der Sberbank für mindestens 6 Monate deponiert werden. Nach: Siebert, Horst (Hrsg.): a.a.O. , S. 42

[53] Lemmingson, Olaf A.: Die Entwicklung von Bankensystem und Finanzmarkt in Russland. Untersuchungen des FKKS 16/ 1997, Universität Mannheim, S. 29

[54] Schrooten, Mechthild: a.a.O. S.176

[55] DIW, IfW und IWH: Die wirtschaftliche Lage Rußlands. Krise offenbart Fehler der Wirtschaftspolitik. 13. Bericht, Kieler Diskussionsbeiträge 330/331, IfW Kiel 1998, S. 36

[56] DIW, IfW und IWH: 13. Bericht. a.a.O. , S. 3

[57] Im Gegensatz zu Ländern mit stabiler Marktwirtschaft, deren Bürger eine adaptive Erwartungsbildung haben, d.h. sie passen ihre Kassenhaltung erst eine gewisse Zeit nach dem Anstieg des Preisniveaus an, weil sie die inflationäre Entwicklung nicht rechtzeitig erkennen. Nach: Butting, Johann: a.a.O. S.30 f

[58] DIW, IfW und IWH: Dreizehnter Bericht a.a.O. , S.35 f

[59] DIW, IfW und IWH: Dreizehnter Bericht a.a.O. , S. 33

[60] Schrooten, Mechthild: a.a.O. S.174

[61] Schrooten, Mechthild: a.a.O. , S.175

[62] DIW, IfW und IWH: Dreizehnter Bericht. a.a.O. S. 33

[63] Schrooten, Mechthild: a.a.O. , S.174

Ende der Leseprobe aus 82 Seiten

Details

Titel
Monetäre Entwicklungen in Russland seit 1990
Hochschule
Universität des Saarlandes
Note
2,0
Autor
Jahr
2004
Seiten
82
Katalognummer
V30310
ISBN (eBook)
9783638315944
ISBN (Buch)
9783640864935
Dateigröße
877 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Es wird die Entwicklung des russischen Geldwesens seit 1990, dem vorletzten Perestroika-Jahr, bis zu den Liquiditätsengpässen im Sommer 2004, nachvollzogen. Dabei gehe ich auf folgende Felder und Ereignisse genauer ein: das sowjetische Bankensystem und seine Wandlung nach der Auflösung der UdSSR, die Entwicklung der Inflation, die Währungskrise von 1998, Schuldenpolitik, Stand der ausländischen Investitionen und die rechtlichen Einflussfaktoren auf das russische Geldwesen.
Schlagworte
Monetäre, Entwicklungen, Russland
Arbeit zitieren
Petya Mancheva (Autor), 2004, Monetäre Entwicklungen in Russland seit 1990, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/30310

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