Die neue sowjetische Frau der 1920er Jahre. Dargestellt an Dasa Cumalova


Hausarbeit (Hauptseminar), 2008
22 Seiten, Note: 2

Leseprobe

INHALT:

1. EINLEITUNG

2. LITERARISCHE FRAUENGESTALTEN DER SOWJETISCHEN LITERATUR DER 1920er JAHRE

3. DAŠA ČUMALOVA: DIE NEUE SOWJETISCHE FRAU
3.1 INNERE WANDLUNG
3.2 ÄUSSERE WANDLUNG

4. SCHLUSSBETRACHTUNG
4.1 ZUSAMMENFASSUNG
4.2 RESÜMEE

5. LITERATURVERZEICHNIS

1. EINLEITUNG

Die vorliegende Arbeit widmet sich der Untersuchung der Gestalt der neuen sowjetischen Frau in der Literatur der 1920er Jahre am Beispiel der Protagonistin Daša Čumalova aus dem Roman “Cement” von Fjodor Gladkov (1883-1958). Bevor im Hauptteil eine ausführliche Analyse dieser Romanfigur folgt, sollte an dieser Stelle zunächst der allgemeine geschichtliche Hintergrund des Begriffes “der neue sowjetische Mensch” angesprochen werden.

Im Oktober 1917 fand in Russland ein Ereignis statt, das die Geschichte dieses großen Landes für lange Zeit geprägt hat: die Revolution. Der neuen Regierung wurde die enorme Aufgabe zugeteilt, eines der wohl rückständigsten Länder Europas in den ersten sozialistischen Staat der Welt zu verwandeln. Dies war jedoch nur mithilfe eines Menschen, der die Grundsätze der Kommunistischen Partei befolgt, möglich. Auf diese Weise wurde der Mythos vom neuen sowjetischen Menschen, auch als “Homo Sowjeticus”1 bezeichnet, ins Leben gerufen, der bis zum heutigen Tage in der Fachliteratur fortlebt. Dieser neue sowjetische Mensch sollte, gemäß den Vorstellungen der Partei, die Interessen der Gesellschaft über seine eigenen persönlichen Wünsche stellen und bedingungslos der Partei gehorchen.

Der neue sowjetische Mensch kam sowohl in maskuliner als auch in femininer Gestalt vor, wobei die neue sowjetische Frau ein größeres Problem darstellte als ihr männliches Gegenbild, da sie, im Gegensatz zum Mann, vor allem wegen ihres Geschlechts, aber auch wegen ihres Standes in der Gesellschaft kaum Vertrauen genoss und politisch deutlich benachteiligt war. So sah die Realität aus. Die Wunschrealität, sprich die Realität in literarischen Werken dieser Zeit, zeigt jedoch ein ganz anderes Bild bzw. ganz andere Bilder der neuen sowjetischen Frau. Wenn die literarische Frauengestalt des 19. Jahrhunderts selten als Heldin eines Werkes und meistens in der Rolle einer auf den männlichen Protagonisten bezogenen Gestalt auftritt, so scheint die Frauengestalt der nachrevolutionären Periode, zu der auch Daša Čumalova aus dem Roman “Cement” zählt und die zum Gegenstand dieser Arbeit gewählt wurde, vielfältig, facettenreich und vor allem emanzipierter2 zu sein als die Frau in der russischen Literatur des 19. Jahrhunderts. In zeitgenossischen Untersuchungen, die unter anderem die Rolle der Frau in der postrevolutionären Literatur der 20er Jahre zum Gegenstand haben, werden folgende vier Typen von Frauen unterschieden: Frauen außerhalb des ideologischen Koordinatensystems, Frauen der Dorfprosa3, Frauen der “Fünfjahresplanromane” und Frauen Kollontaj’scher Prägung.4 Hierbei wäre es interessant zu wissen, aufgrund welcher Merkmale diese Kategorien konstituiert werden und inwieweit die Romanfigur Daša Čumalova sich einer dieser Kategorien zuordnen lässt. Des Weiteren stellt sich die Frage, auf welche Art und Weise die Romanfigur Daša Čumalova der Gestalt der neuen sowjetischen Frau entspricht, wobei an dieser Stellte darauf hingewiesen werden sollte, dass im Roman “Cement” noch andere Protagonistinnen auftreten, die zum Teil ebenfalls der Gestalt der neuen sowjetischen Frau entsprechen, deren Analyse jedoch den Rahmen dieser Arbeit sprengen würde.

Im nun folgenden, d. h. dem zweiten, Kapitel der vorliegenden Arbeit wird auf die vier oben angeführten Frauentypen der sowjetischen Literatur der 1920er Jahre eingegangen, um anschließend im Kapitel 3 die Protagonistin Daša Čumalova einer dieser Kategorien zuordnen zu In ihrem Buch “Die Frau in der sowjetischen Literatur 1917-1977” vertritt Elsbeth Wolffheim die Meinung, dass das Bild der russischen Frau zu dieser Zeit gar “revolutionär”, “progressiv” und “vorurteilsfrei” sei. Siehe: Wolffheim, Elsbeth. Die Frau in der sowjetischen Literatur 1917-1977. Stuttgart 1979. S. 19.

können. Weiterhin wird versucht, anhand der genannten Informationen die Romanfigur Daša Čumalova, die neue sowjetische Frau, zu rekonstruieren. Zum Schluss sollen die Ergebnisse der Untersuchung zusammengefasst und ein Resümee gezogen werden.

2.LITERARISCHE FRAUENGESTALTEN DER SOWJETISCHEN …LITERATUR DER 1920er JAHRE

Wie bereits erwähnt, können die literarischen Frauengestalten der sowjetischen Literatur der 1920er Jahre in vier unterschiedliche Typen - Frauen außerhalb des ideologischen Koordinatensystems, Frauen der Dorfprosa, Frauen der “Fünfjahresplanromane” und Frauen Kollontaj’scher Prägung - unterteilt werden. Im Folgenden wird auf die vier Kategorien näher eingegangen.

Der erste zu untersuchende Frauentypus ist der Typus der Frau außerhalb des ideologischen Koordinatensystems. Die literarischen Frauenfiguren, die außerhalb des ideologischen Koordinatensystems auftreten, werden in den Werken der 20er Jahre des letzten Jahrhunderts meistens den männlichen Protagonisten untergeordnet. Aus diesem Grund tauchen die Frauen dieses Typus oft in der Rolle einer Nebenfigur auf, die zuweilen negative Charakterzüge aufweist und konservative, vorrevolutionäre Zeit repräsentiert.5

Die Figur der Frau der Dorfprosa tritt, im Gegensatz zu dem oben genannten Frauentypus, der außerhalb des ideologischen Koordinatensystems steht, bereits in der russischen Literatur des 19. Jahrhunderts auf, doch da kommt die Frau weder als Hauptfigur zum Vorschein noch stellt sie ein Individuum dar. In der sowjetischen Literatur der 1920er Jahre ändert sich dies jedoch. Die Frau der Dorfprosa tritt nun tatkräftig und selbstbewusst auf, wobei dieser literarische Frauentypus in zwei weitere Kategorien unterteilt wird: Vorkämpferin und konservative Frau6. Der literarische Frauentypus der Vorkämpferin strebt stets nach Fortschritt und stellt in einem Werk selten bloß eine Nebenfigur dar. Die Vorkämpferin ist ein Prototyp der emanzipierten Bäuerin, die in den späteren Kollektivierungsromanen sehr oft die Hauptrolle spielt. Im Gegensatz zu ihr ist der Typus der konservativen Frau negativ geprägt und ähnelt dem Typus der Frau außerhalb des ideologischen Koordinatensystems. Die konservative Frau stellt, wie der Name bereits verrät, alles Alte und Vorrevolutionäre dar und behindert somit den Fortschritt. Dagegen entspricht der Typus der Frau aus den “Fünfjahresplanromane”, in denen insbesondere der technische Fortschritt, Kohlegruben, Dammbauten und Großbaustellen angepriesen werden, vor allem den Anforderungen der sowjetischen Regierung nach Industrialisierung und Kollektivierung, da die Frau in ihrer Rolle als Arbeiterin zu einem unentbehrlichen Bestandteil bei der Ausführung des Plansolls wurde.7 Liebe und Sexualität spielen dabei nur eine zweitrangige Rolle. Die Frau der “Fünfjahresplanromane” wird zusehends zur Kameradin bzw. Mitkämpferin des Mannes und die Beziehung zwischen den beiden wird somit beinahe ausschließlich durch die Arbeit bestimmt.8 Der von Kollontajs Ideen und Grundsätzen geprägte Frauentypus, das heißt der letzte in dieser Reihe von Frauenbildern der 1920er Jahre, ist sehr umstritten und wurde von der Kommunistischen Partei stets kritisiert und abgelehnt. In ihren Aufsätzen propagiert Kollontaj vor allem freie Liebe und neue Sexualmoral, wobei sie die Beziehung zwischen Mann und Frau sogar neu definieren möchte. Nach Kollontaj soll ein Verhältnis unter Ehepartnern eher einer kameradschaftlichen Beziehung ähneln, “die auf der Harmonie zwischen Leidenschaft und Seelennähe, der Vereinbarung der Liebe mit der Freiheit, die Kameradschaft mit beiderseitiger Unabhängigkeit beruht”9. Die literarischen Frauenfiguren dieses Typus wollen demnach in einer Partnerschaft akzeptiert und sie wollen als Kamerad anerkannt werden. Zu diesem Frauentypus kann auch Daša Čumalova, weibliche Protagonistin des Romans “Cement”, gezählt werden. Im folgenden Kapitel soll näher auf diese Romanfigur Kollontaj’scher Prägung eingegangen werden.

[...]


1 Novak, Joseph. Homo Sowjeticus. Der Mensch unter Hammer und Sichel. Bern 1962. S. 197 ff.

2 In ihrem Buch “Die Frau in der sowjetischen Literatur 1917-1977” vertritt Elsbeth Wolffheim die Meinung, dass das Bild der russischen Frau zu dieser Zeit gar “revolutionär”, “progressiv” und “vorurteilsfrei” sei. Siehe: Wolffheim, Elsbeth. Die Frau in der sowjetischen Literatur 1917-1977. Stuttgart 1979. S. 19.

3 Heidemarie Hinz-Karadeniz bezeichnet diesen Frauentypus “Frauengestalten in der ‘sel’skaja’ proza”, doch aus Verständnisgründen wäre es besser diesen Frauentypus als “Frauen der Dorfprosa” zu bezeichnen. Siehe: Hinz-Karadeniz, Heidemarie. Frauenbilder und Frauenproblematik in der neueren sowjetischen Literatur. Frankfurt/M. 1996. S. 58.

4 Vgl. dazu Hinz-Karadeniz, Heidemarie. Frauenbilder und Frauenproblematik in der neueren sowjetischen Literatur. Frankfurt/M. 1996. S. 55-67.

5 Vgl. dazu Hinz-Karadeniz, Heidemarie. Frauenbilder und Frauenproblematik in der neueren sowjetischen Literatur. Frankfurt/M. 1996. S. 55 ff.

6 Vgl. dazu Hinz-Karadeniz, Heidemarie. Frauenbilder und Frauenproblematik in der neueren sowjetischen Literatur. Frankfurt/M. 1996. S. 59.

7 Vgl. dazu Hinz-Karadeniz, Heidemarie. Frauenbilder und Frauenproblematik in der neueren sowjetischen Literatur. Frankfurt/M. 1996. S. 66.

8 Vgl. dazu Hinz-Karadeniz, Heidemarie. Frauenbilder und Frauenproblematik in der neueren sowjetischen Literatur. Frankfurt/M. 1996. S. 67.

9 Kollontaj, Alexandra. Die neue Moral und die Arbeiterklasse. Münster 1978. S. 32.

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Die neue sowjetische Frau der 1920er Jahre. Dargestellt an Dasa Cumalova
Hochschule
Universität Konstanz
Note
2
Autor
Jahr
2008
Seiten
22
Katalognummer
V303241
ISBN (eBook)
9783668017726
ISBN (Buch)
9783668017733
Dateigröße
480 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
frau, jahre, dargestellt, dasa, cumalova
Arbeit zitieren
Irina Frey (Autor), 2008, Die neue sowjetische Frau der 1920er Jahre. Dargestellt an Dasa Cumalova, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/303241

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