Offene und geheime religiöse Netzwerke - am Beispiel der Tablighi jama'at


Essay, 2002

5 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Offene und geheime religiöse Netzwerke – am Beispiel der Tablighi jama’at

Die Tablighi jama’at sind eine 1926 von Maulana Muhammad Ilyas gegründete bewusst unpolitische, friedliche Missionsgruppe aus Indien. Um die Entstehungsgeschichte der Gruppe zu verdeutlichen, werde ich zunächst eine historische Einordnung (I.) vornehmen und die Gründungsmotive (II.) von Maulana Muhammad Ilyas darlegen. Danach werde ich das Vorgehen bei der Missionsarbeit (III.) der Tablighi jama’at schildern und die sechs Grundregeln (IV.) der Gruppe erläutern. Abschließend möchte ich die Ausbreitung (V.) der Bewegung beschreiben und versuchen ihre heutige Bedeutung (VI.) einzuschätzen.

I. Seit etwa 700 n.Chr. breitete sich in Indien der Hinduismus aus. Durch die Eroberung großer Teile Indiens durch den muslimischen Mongolenherrscher Timur-Lang im Jahr 1398 und die Gründung des mongolischen Reichs der Großmogule im Jahr 1526 wurde die Islamisierung des Landes gefördert und durchgesetzt. Die Landbevölkerung Indiens konvertierte unter dieser muslimischen Herrschaft zum Islam, behielt aber ihre hinduistischen Bräuche bei. Es entstand ein Glaubensgemisch.

Die britische Vorherrschaft in Indien seit Mitte des 18. Jh. bedeutete für die indischen Muslime einen Machtverlust. Die britischen Kolonialherren bevorzugten Angehörige des hinduistischen Glaubens, weil sie für friedlicher und ergo für weniger gefährlich bezüglich etwaiger politischer Umsturzversuche gehalten wurden. Seit etwa Mitte des 19. Jh. gab es sowohl auf hinduistischer als auch auf muslimischer Seite geistige Strömungen, sich von der jeweiligen anderen Glaubensgruppe abzugrenzen, um das jeweilige kulturelle und religiöse Erbe zu erhalten und zu verteidigen. Hauptaugenmerk waren dabei die sogenannten „borderline“-Muslime, also jene, die unter der Mogulherrschaft zum Islam konvertiert waren, aber die meisten hinduistischen Praktiken und sozialen Gewohnheiten beibehalten hatten. Auf hinduistischer Seite entstanden zu dieser Zeit aggressiv vorgehende Bewegungen (v.a. Shuddi – dt. Reinigung, und Sangathan – dt. Festigung), die das Ziel verfolgten, diese „fallen-away“ Hindus zurückzugewinnen. Die Entstehung der Tablighi jama’at kann als direkte Antwort auf diese Bewegungen verstanden werden.

II. Maulana Muhammad Ilyas, der Begründer der Tablighi jama’at, ist Schüler im Deobandi-Seminar gewesen; die Sufi-Lehren von Shaykh Ahmad Sirhind, Shad Wali Allah und Sayyid Ahmad Shaid (Gründer der Mujahedin-Bewegung) beeinflussten ihn und bestimmten seinen geistigen Hintergrund. Vor der Gründung der Tablighi jama’at etablierte Ilyas mehr als 100 Schulen (madrasah) in der Region Mewat (südwestlich von Delhi), er wollte dadurch die Landbevölkerung in dieser Region zum ‚rechten’ islamischen Glauben erziehen. Er bemerkte jedoch, dass seine Schulen „religious functionaries“ (Masud, 1995) heranzüchteten, die zwar die Glaubensgrundsätze abspulen konnten, aber von denen keiner bereit war selbst zu predigen, von Tür zu Tür zu ziehen und die Menschen an ihre religiösen Pflichten zu erinnern. Um dieses Ziel zu erreichen gründete Ilyas 1926 die Tablighi jama’at (tablighi – dt. Mission, Übermittlung; jama’at – dt. Gruppe). Er wollte eine „Graswurzel“-Organisation schaffen, die tief in sämtlichen Schichten der Bevölkerung verankert sein würde, mit der Intention, die „borderline“-Muslime von ihrem hinduistischen Hintergrund zu reinigen und sie so vor Missionierung durch Shuddi und Sangathan zu schützen.

III. Maulana Ilyas’ Vorgehen war dabei recht simpel. Als er mit der Missionsarbeit anfing, bildete er Gruppen von etwa 10 Personen, sogenannte tablighi units. Diese gingen dann auf Missionsreise (chilla); sie zogen von Dorf zu Dorf und luden in den jeweiligen Dörfern die dort ansässigen Muslime in die örtliche Moschee ein. Dort wurde ein gemeinsames Gebet gesprochen, nach diesem erhob sich ein Mann aus der tablighi unit, um ihr Anliegen zu erklären. Dabei wurden die sechs Grundregeln der Tablighi jama’at erläutert und die anwesenden Muslime dazu aufgefordert, ihr religiöses Wissen (so gering es auch sein mochte) anderen mitzuteilen und sich den Tablighi jama’at anzuschließen. Maulana Ilyas selbst soll kein besonders guter oder charismatischer Redner gewesen sein, aber durch sein engagiertes Vorgehen und die Vorgabe von einfachen, aber festen Glaubensgrundsätzen viele Menschen missioniert haben.

IV. Jene Glaubensgrundsätze manifestierten sich in sechs Grundregeln für die Tablighi jama’at:

1. Korrektes Rezitieren des shadaha („Es gibt keinen Gott außer Allah, und Muhammad ist sein Prophet“) und Wissen um dessen Bedeutung (Einzigartigkeit von Gott, keine andere Gottheiten, Wahrheitsanspruch von Muhammads Äußerungen)
2. Korrektes Sprechen des salat (obligatorisches Gebet) und korrekte Ausführung der damit verbundenen Rituale
3. Ein „wahrer Gläubiger“ muss fundamentale Glaubensgrundsätze kennen und die Rituale kennen (für Tablighi jama’at-Anhänger bedeutet das vor allem das Lesen von zwei Kompendien, geschrieben von Muhammad Zakariya al-Kandhiri (Neffe von Ilyas & Leiter der Schwesterschule des Deobandi-Seminars Mazahir `Illum); vgl. Folie ‚Ausbreitung der Tablighi jama’at’), außerdem Ausführen des dhikr (Ritual zur Erinnerung an Gott). Jedes Mitglied wurde darüber hinaus noch ermutigt, den Koran auf Arabisch lesen zu lernen.
4. Respekt und Höflichkeit gegenüber anderen Muslimen. Diese Regel ist wichtig für die Missionsreisen, aber gerade auch für das tägliche Leben der Mitglieder, denn diese Regel schließt folgendes mit ein:

- Recht der Alten, mit Respekt behandelt zu werden
- Recht der Jungen, mit Liebe & Fürsorge behandelt zu werden
- Recht der Armen auf Hilfe
- Recht der Nachbarn auf gegenseitige Rücksichtnahme
- Genereller Respekt gegenüber Jedermann bei Streitfragen

5. Jeder Muslim muss Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit gegenüber anderen zeigen

6. Bildung kleiner Freiwilligengruppen, die von Ort zu Ort ziehen um Gottes Wort zu verbreiten (chilla). Jedes Mitglied soll mindestens vier Monate seiner Lebenszeit der Missionsarbeit nachgehen. Normalerweise soll jede chilla 40 Tage dauern. Es ist den Anhängern aber auch erlaubt kürzere Zeitabschnitte Missionsarbeit zu leisten, wenn sie z.B. aus finanziellen Gründen, oder aus solchen der Unentbehrlichkeit, nicht 40 Tage am Stück von zu Hause weggehen können.

Diese Regeln stellen die Eckpfosten der Tablighi jama’at dar; Maulana Ilyas fügte später noch hinzu, dass Mitglieder ihre Zeit nicht für sinnloses Geschwätz verschwenden sollten und dass sie sich selbst vor sündigen und verbotenen Taten schützen sollten.

V. Die sechste dieser Grundregeln stellt die Essenz der Tablighi jama’at dar. Durch sie kommt es – wie im Schneeballsystem – zur Ausbreitung der Bewegung. Es sind vor allem zwei Arten von präexistierenden Netzwerken, die für die Ausbreitung über die Landesgrenzen Indiens hinaus benutzt werden konnten:

1. Händler-Netzwerke: Missionierte indische Händler trugen jene Idee durch Handelskontakte in andere Länder. Dort wurden zunächst andere indische Händlerfamilien missioniert, danach erst breitete sich die Bewegung auch auf dort einheimische Muslime aus. Dies ist vor allem in Süd-Ost-Asien (Malaysia, Indonesien) und Ost- und Südafrika der Fall gewesen.
2. Gelehrten-Netzwerke: Die Deobandi-Schule, in der Ilyas selbst Schüler gewesen war, verfügte durch Reisen und Verbindungen zur anderen Sufi-Netzen über internationale Kontakte, die von Tablighi jama’at-Anhänger zur Missionierung genutzt werden konnten und förderte so die Ausbreitung der Tablighi jama’at.

Darüber hinaus stellte auch der Nadwat al-`Ulama, der Rat der Gelehrten, direkte und indirekte Kontakte vor allem in Marokko, Tunesien und der arabischen Welt für Tablighi jama’at-Mitglieder her und unterstützten so die Ausbreitung der Gruppe.

Auch indische (und ab 1948 auch pakistanische) Auswanderer trugen ferner zur Verbreitung der Bewegung bei. Dies ist weltweit, vor allem aber in Großbritannien der Fall gewesen. Dort existiert eine sehr enge Verflechtung zwischen den Tablighi jama’at und dem Netzwerk der Deobandi (vgl. Faust, 2000). Interessant ist, dass es auch in Frankreich, Spanien und den Benelux-Staaten zu einer starken Ausbreitung der Tablighi jama’at gekommen ist. In diesen Ländern fand dieses allerdings durch eingewanderte Marokkaner und Tunesier statt, welche wiederum durch die Kontakte der Tablighi jama’at zum Rat der Gelehrten missioniert werden konnten.

Auch in Deutschland existiert eine Tablighi jama’at Bewegung. Gegründet durch Pakistanis führen sie Aktivitäten in ca. 20 bis 25 deutschen Städten durch, mittlerweile koordiniert durch einen 1990 gegründeten Verein in Frankfurt (Anjuman-e Islah ul-Muslimin) und durch einen 1996 gegründeten Verein in Köln (Dawat-ul-Haq). Zahlenmäßig sind die Tablighi jama’at in Deutschland jedoch eine kleine Gruppe geblieben. Sie konnte bei den mehrheitlich türkischen Muslimen nicht Fuß fassen. Das lässt den Schluss zu, dass die Mobilisierung neuer Aktivisten eher über nationale, regionale oder ethnische Bindungen verläuft.

V. Die Tablighi jama’at ist heutzutage eine weltweit existierende und agierende Gruppe. Die einzelnen Anhänger sind Mitglied der sogenannten „imagined community“ (Faust, 2000). Über die Ausmaße der Mitgliederschaft gibt es keine gesicherten Erkenntnisse, vor allem auch deswegen, weil es keine festen (Vereins-)Strukturen wie z.B. Mitgliederlisten gibt. Als Indikator für die große Bedeutung der Tablighi jama’at kann aber eine jährlich stattfindende Konferenz in der Nähe von Lahore, Pakistan dienen. An dieser Konferenz nahmen 1993 über 1 Millionen Muslime aus 94 Ländern teil. Damit stellt diese Konferenz das zweitgrößte Treffen in der ‚islamischen Welt’ nach der hajj (der jährlichen Pilgerfahrt nach Mekka) dar.

Daraus ableitend kann man durchaus begründet von einem globalen Netzwerk sprechen und den Tablighi jama’at eine große Bedeutung für die muslimische Welt zusprechen.

Hinweise: Bitte zum Punkt V. die Folie ‚Ausbreitung der Tablighi jama’at’ beachten.

Literaturangaben:

Masud, Muhammad Khalid: Tabligh. In: Esposito, John L. (Hrsg.): The Oxford Encyclopedia of the Modern Islamic World. New York, Oxford 1995. Vol. IV. S. 165 ff.

Faust, Elke: Islamische Bewegungen und Netzwerke. Das Beispiel der Tablighi Jama’at, In: Loimeier, 2000 S. 431-444

„Indien“ In: Duden-Lexikon A-Z. Red. Bearb. d. 6.Aufl.: Helga Weck. Hrsg. u. bearb. v. Meyers Lexikonredaktion. 6., aktualisierte Aufl. Mannheim u.a. 2000

www.stanford.edu/group/SHR/5-1/text/metcalf.html (vom 07.06.02)

www.kas.de/publikationen/2001/laenderberichte/indien01-11.html (vom 07.06.02)

www.suedasien.net/laender/pakistan/bevoelkerung/islam-schulen.htm (vom 20.06.02)

www.cibeo.de/cibindex.htm (vom 25.06.02)

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Details

Titel
Offene und geheime religiöse Netzwerke - am Beispiel der Tablighi jama'at
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster  (Institut für Politikwissenschaft)
Veranstaltung
Politik & Kultur in Netzwerken: am Beispiel der 'islamischen Welt'
Note
1,3
Autor
Jahr
2002
Seiten
5
Katalognummer
V30343
ISBN (eBook)
9783638316248
Dateigröße
464 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Offene, Netzwerke, Beispiel, Tablighi, Politik, Kultur, Netzwerken, Welt’
Arbeit zitieren
Janina Ueschner (Autor), 2002, Offene und geheime religiöse Netzwerke - am Beispiel der Tablighi jama'at, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/30343

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