Friedensbewegung in der Bundesrepublik Deutschland. Ein Vergleich ihrer Hochphasen in den 1950er/1960er und 1970er/1980er Jahren


Hausarbeit (Hauptseminar), 2014
35 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Fragestellung
1.2 Aufbau und Methodik
1.3 Forschungsstand und Quellenlage

2 Friedensbewegung(en) – Begriff / Historische Entwicklung

3 Die „alte“ Friedensbewegung der 1950er/1960er Jahre
3.1 Hintergründe und Ziele
3.2 Akteure
3.3 Aktionsformen

4 Die „neue“ Friedensbewegung der 1970er/1980er Jahre
4.1 Hintergründe und Ziele
4.2 Akteure
4.3 Aktionsformen

5 Vergleich
5.1 Die Unterschiede überwiegen
5.2 Die „neue“ Friedensbewegung als „Neue Soziale Bewegung“
5.3 Kontinuitätslinie Ostermarschbewegung
5.4 Umstritten: Wie groß war der Einfluss der Sowjetunion?

6 Schlussbetrachtung
6.1 Fazit
6.2 Ausblick

7 Bibliographie

1 Einleitung

1.1 Fragestellung

Frieden – auf den ersten Blick ein simpler, für manch Zeitgenossen regelrecht profan wirkender Begriff, welcher dem aufgeklärten Menschen dennoch so viel bedeutet. Immanuel Kant war es, der im „ewige[n] Friede[n] (...) keine leere Idee, sondern eine Aufgabe [sah], die, nach und nach aufgelöst, ihrem Ziele (weil die Zeiten, in denen gleiche Fortschritte geschehen, hoffentlich immer kürzer werden) beständig näher kommt“[1]. Die Idealisierung einer universellen Friedensordnung ließ im 19. Jahrhundert erstmals entsprechend ausgerichtete (Massen-)Bewegungen entstehen, die in der Hauptsache von liberalen, später auch sozialistischen Kräften getragen wurden.

Wie wir im Nachhinein wissen, erfüllte sich Kants optimistische Hoffnung nicht – und schlimmer noch: Innerhalb im historischen Maßstab kürzester Zeit zog mit dem Ersten Weltkrieg eine Auseinandersetzung herauf, die hinsichtlich ihrer Ausmaße alle bisherigen internationalen Konflikte weit in den Schatten stellte; der bald darauf folgende Zweite Weltkrieg potenzierte Zerstörung, Gräuel, Tod und Leid abermals ins Unermessliche und hat sich tief ins kollektive Gedächtnis unserer Gesellschaft eingebrannt.

Es ist kein Zufall, dass es gerade in Deutschland, nicht zuletzt aufgrund der Erfahrungen von zwei mit- bzw. allein verschuldeten Weltkriegen sowie deren schrecklichen Folgen, spätestens nach 1945 zu einer besonderen Sensibilisierung kam, die einen seither latent verbreiteten Pazifismus mit sich brachte. Zweimal in der Geschichte der Bundesrepublik schöpfte die Friedensbewegung daraus in bedeutsamer Weise Potential: Während sie sich in den 1950er bzw. 1960er Jahren gegen die im Zuge der Westintegration forcierte Wiederbewaffnung wandte, stand ab Mitte der 1970er Jahre der organisierte Widerstand gegen die Nach- und atomare Aufrüstung auf ihrer Agenda. Diesbezüglich wird heute gemeinhin von einer „alten“ und einer „neuen“ Friedensbewegung gesprochen.

Den Gegenstand dieser Arbeit bildet deren vergleichende Betrachtung, wobei der Fokus vornehmlich auf der Fragestellung liegt, was überhaupt das spezifisch Neue an der „neuen“ Friedensbewegung war. Immerhin wird hier eine Abgrenzung vorgenommen, die darauf schließen lässt, dass die Unterschiede zwischen den beiden Hochphasen der bundesdeutschen Friedensaktivitäten deren Gemeinsamkeiten überwiegen. Die entsprechenden Charakteristika gilt es herauszuarbeiten.

1.2 Aufbau und Methodik

Im Anschluss an die kurze Darstellung des Forschungsstandes bzw. der Quellenlage widmet sich Kapitel 2 zunächst überblicksmäßig der Geschichte der deutschen Friedensbewegung von ihren Anfängen vor mehr als 140 Jahren bis in die Zeit des Nationalsozialismus und zeichnet dabei eine Traditionslinie, in welche sich auch die Nachkriegs-Friedensbewegungen einfügen.

Die Kapitel 3 und 4 dienen der systematischen Darstellung der „alten“ und „neuen“ Friedensbewegung in der Bundesrepublik, wobei als Kriterien jeweils „Ziele“, „Akteure“ und „Aktionsformen“ gewählt wurden. Die Verwendung analoger Kategorien eröffnet dem Leser eine erste Vergleichsperspektive.

Diese wird im darauffolgenden Kapitel 5 weiter gefasst und inhaltlich vertieft. Nach der Benennung und näheren Beleuchtung von Parallelen (z.B. hinsichtlich der Akteure) zu ihrer „Vorgängerin“ treten die speziellen Wesensmerkmale der „neuen“ Friedensbewegung stärker in den Vordergrund, so etwa ihre Einordnung als „Neue Soziale Bewegung“.

Die Schlussbetrachtung (Kapitel 6) fasst die Ergebnisse dieser Arbeit – mit Bezug auf die Ausgangsfrage – noch einmal in kompakter Form zusammen und endet mit einem Ausblick auf offene bzw. weiterführende Fragestellungen, die im Rahmen künftiger Abhandlungen aufgegriffen werden könnten.

1.3 Forschungsstand und Quellenlage

Zum Thema Friedensbewegungen sind im Laufe der letzten Jahrzehnte unzählige Publikationen erschienen, wenngleich deren quantitativer Schwerpunkt eindeutig auf der „neuen“ Friedensbewegung der 1970er/1980er Jahre liegt. Hinsichtlich der zu bearbeitenden Fragestellung stellt dies indes kein Hindernis dar – eher ist das Gegenteil der Fall. Allerdings sind in diesem Bereich – von wenigen Ausnahmen abgesehen – kaum neuere Veröffentlichungen verfügbar, und nicht selten waren die damaligen Akteure als Autoren in eigener Sache aktiv.[2] Einen objektiv(er)en Blick auf die Geschehnisse und Positionen erlauben hingegen die zahlreichen Dokumentesammlungen[3] – und der 2012 erschienene Sammelband von Becker-Schaum u.a. beleuchtet zahlreiche Teilaspekte aus einer aktuellen Perspektive.[4]

Die Geschichte der „alten“ Friedensbewegung wird überwiegend innerhalb historischer Gesamtschauen, beispielsweise von Lorenz Knorr[5], thematisiert. Theodor Michaltscheff, wie Knorr auch selbst in der Friedensbewegung verankert, porträtierte ergänzend dazu eine Vielzahl von Initiativen und Vereinigungen, die in den 1950er bzw. 1960er Jahren aktiv waren.[6]

Den wohl ausführlichsten Beitrag zur Historie der deutschen Vorkriegs-Friedensbewegung mitsamt einem Rückblick auf deren Genese und Werdegang steuerte Dieter Riesenberger anno 1985 bei.[7] Dieser bildet die Grundlage für die nun folgende thematische Einführung.

2 Friedensbewegung(en) – Begriff / Historische Entwicklung

Die (internationale) Friedensbewegung als solche kann seit ihren Anfängen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts als ein nahezu zeitloses Phänomen bezeichnet werden, welches hinsichtlich innerer Organisation und nach außen sichtbarer Wirkmacht in unterschiedlichen Epochen verschieden starke Ausprägungen erfuhr, welche maßgeblich von den jeweiligen politischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen bestimmt waren. Nach Riesenberger werden als Friedensbewegung grundsätzlich „jene Organisationen verstanden, die – von der Verwerflichkeit und Sinnlosigkeit des Krieges ausgehend – Konzeptionen entwickeln, Methoden erarbeiten und konkrete Vorschläge unterbreiten, die den Krieg verhindern und schließlich unnötig machen sollen“[8]. Diese weitgefasste Definition impliziert bereits eine gewisse Heterogenität und verdeutlicht zugleich, dass es um eine konstruktive Opposition gegen (angedrohte) Waffengewalt geht, die von den Herrschenden – freilich in unterschiedlichen Nuancen – als legitimes Mittel der Politik verstanden wird.

Älter noch als die ersten Friedensbewegungen der Moderne sind die Vorstellungen vom und die Aufrufe zum Frieden, welche mitunter bis in die Antike zurückreichen. Dabei ist zu beachten, dass es „von Echnaton über Mo Tse und Erasmus bis Kant und Gandhi zu keiner Zeit um die Abschaffung des Konfliktes, dessen gestaltende Kraft schon von Heraklit erkannt worden war, [ging], sondern um den friedlichen, gewaltfreien Austrag und Ausgleich konfliktträchtiger Interessengegensätze“[9]. Mit Fug und Recht lässt sich also behaupten, dass es sich um „eine Zielsetzung [handelt], die über alles Scheitern hinweg die Generationen miteinander verbindet“[10].

Doch was sorgte dafür, dass der Friedensgedanke aus der Sphäre der Philosophen gelöst und breiteren Bevölkerungsschichten zugänglich gemacht wurde? Die Historiker nennen die Aufklärung als entscheidenden Katalysator. In ihr verband sich die „Idee des ‚ewigen Friedens’ mit einem auf den Vernunftglauben gegründeten Fortschrittsoptimismus, einer säkularisierten Moral und einer kosmopolitischen Grundhaltung“[11]. Der ehemals unmündige Mensch, nun zum Staatsbürger ausgewachsen, interessierte sich „plötzlich“ für Kriegs- sowie eben auch Friedensfragen – und die parallel verlaufende Fortentwicklung des Völkerrechts trug ihren Teil dazu bei.

Die Institutionalisierung der Friedensbewegung setzte um 1815/16 mit der Gründung erster Friedensgesellschaften in Großbritannien und den USA ein. Vorwiegend Angehörige des bürgerlichen Mittelstandes emanzipierten und engagierten sich zunächst auf lokaler oder regionaler Ebene – einerseits als Reaktion auf die europäischen Kriege sowie die Auseinandersetzung zwischen den beiden Ländern, andererseits aber auch als Teil einer Reformbewegung mit christlichem Hintergrund.[12] Bis Mitte des 19. Jahrhunderts traten weitere, sowohl ökonomische als auch soziale Motivlagen hinzu, sodass es zu engen Verknüpfungen bzw. Überschneidungen mit der Anti-Sklaverei- und der Freihandelsbewegung kam; Frieden wurde zunehmend als vorteilhaft für die Wirtschaft betrachtet und internationale Kongresse (z.B. in London, Paris, Frankfurt) sollten dieses Credo in die Welt tragen.[13]

Wenngleich es auch im noch ungeeinten Deutschland erste Lebenszeichen einer aufstrebenden Friedensbewegung gab, darf dies nicht darüber hinwegtäuschen, dass der weit verbreitete Patriotismus, gepaart mit einem regelrechten Hass auf den Erzfeind Frankreich, viele Bemühungen um Verständigung und Ausgleich erschwerte, wenn nicht sogar zunichte machte.[14] Die Reichsgründung 1871 und die darauf aufbauende Machtpolitik leisteten nationalistischen Kräften zusätzlichen Vorschub. Dies hatte zur Folge, dass „sich zwischen 1860 und 1890 außerhalb Deutschlands die organisierte Friedensbewegung auf nationaler und internationaler Ebene weiterentwickelte und feste Formen annahm, [...] [während] es in Deutschland selbst – außer der Gründung des Frankfurter Friedensvereins am 23. Oktober 1886 – bis zur Gründung der ‚Deutschen Friedensgesellschaft’ [DFG, Anm. d. Verf.] im Jahre 1892 keine nennenswerten pazifistischen Aktivitäten [gab]“[15].

Die DFG als älteste Friedensorganisation im deutschsprachigen Raum kann heute auf eine mehr als 120-jährige Geschichte zurückblicken und wurde von Bertha von Suttner und Alfred H. Fried[16] ins Leben gerufen. Interessanterweise „wandte sich [...] die DFG [anfangs, d.h. bis zum Ende des Ersten Weltkriegs] nicht allein gegen die Kriegsdienstverweigerung, sondern auch gegen eine einseitige Abrüstung“[17], agierte damit relativ zurückhaltend und begründete dies mit den außenpolitischen Rahmenbedingungen, die eine Wehrbereitschaft zu Schutzzwecken nach wie vor erforderlich machten. Der Friedensbewegung im Deutschen Kaiserreich ermöglichte dies einerseits eine Art gesellschaftlicher „Einbettung“, verhinderte andererseits aber deren stärkere Profilierung; allein der Glaube an den Fortschritt und die menschliche Entwicklungsfähigkeit begründeten die optimistische Grundhaltung der auf Appelle und Überzeugungskraft setzenden Protagonisten.[18] So kam der Ausbruch des Ersten Weltkriegs auch für die Friedensbewegung „völlig überraschend“[19] und „stürzte die DFG in eine tiefe Orientierungskrise. Viele Gruppen stellten ihre Arbeit faktisch ein, andere hielten interne Versammlungen ab oder widmeten sich humanitären Tätigkeiten“[20] – begleitet von staatlichen Überwachungsmaßnahmen und Repressalien.

In den ersten Jahren nach Kriegsende erlebte die Friedensbewegung fast „naturgemäß“ einen Aufschwung[21] und die Weimarer Demokratie gestattete – zumindest formal – das offene Bekenntnis zu pazifistischen Positionen bzw. das Werben für ebensolche. Eine ganze Reihe von Neugründungen friedenspolitischer Gruppierungen (z.B. Friedensbund Deutscher Katholiken [1918], Friedensbund der Kriegsteilnehmer, Bund der Kriegsdienstgegner, Bund religiöser Sozialisten [jeweils 1919] und Deutscher Pazifistischer Studentenbund [1920]) trug wesentlich zur gesellschaftlichen Verbreit(er)ung und Heterogenisierung bei.[22] Prominente Köpfe wie Carl von Ossietzky oder Kurt Tucholsky engagierten sich leidenschaftlich für die Sache, sowohl publizistisch als auch rhetorisch oder gar auf Funktionärsebene. Letzterer trat mehrfach als Redner auf, so zum Beispiel bei der „Nie-wieder-Krieg“-Kundgebung, an welcher sich anno 1922 in Berlin rund 100.000 Menschen beteiligten.[23]

Bald schon sollte jedoch nicht nur der Kampf um den Frieden, sondern jener um die Republik selbst beginnen. Verschiedene Landesverratsprozesse bildeten dabei nur den Auftakt zu einer Reihe von feindseligen Aktivitäten, die unter anderem mithilfe einer von alten Eliten durchsetzten Justiz gegen Linke allgemein und Pazifisten im Besonderen angestrengt wurden. Der Aufstieg der NSDAP fügte sich beängstigend „gut“ in dieses zunehmend bedrohliche Klima ein. Wie viele andere damalige Zeitgenossen unterschätzte die DFG-Führung die nationalsozialistische Gefahr zunächst, doch war dem Vorstand spätestens im Mai 1932 klar, dass die Diktatur im Inneren sowie ein neuer Krieg nach außen – mit der neuerlichen Niederlage Deutschlands – drohen würde.[24] Diese Weitsicht hätte man sicherlich der Masse des deutschen Volkes gewünscht – doch wie bekannt ist, kam es anders: Die nächste große Katastrophe für den (Welt-)Frieden ließ sich mit Hitlers Machtübernahme kaum mehr abwenden.

Nach dem Reichstagsbrand im Februar 1933 „hatte auch für die PazifistInnen die Stunde der Unterdrückung und Verfolgung geschlagen“[25], ihre Organisationen wurden systematisch kaputt gemacht, Geschäftsräume durchsucht, Akten beschlagnahmt, Auflösungsverfahren eröffnet, Haftbefehle erlassen, Berufsverbote ausgesprochen und sonstige persönliche Schikanen in die Wege geleitet; das Mittel der Wahl zur individuellen Sicherung der Existenz war – soweit dies überhaupt noch gelingen konnte – ein Exilaufenthalt im Ausland[26], doch nicht wenige Friedensanhänger bezahlten für ihre Überzeugung mit dem eigenen Leben.

Letztlich ist es den Nazis „nicht nur gelungen, die Friedensbewegung zu zerschlagen, sondern sie auch aus dem Bewußtsein der Deutschen zu verdrängen“[27], was zur Folge hatte, dass es zu einem Kontinuitätsbruch kam, der trotz des epochenübergreifenden Engagements von DFG und anderen Vereinigungen zu einer gewissen A-Historizität der Nachkriegs-Friedensbewegung führte.[28]

3 Die „alte“ Friedensbewegung der 1950er/1960er Jahre

3.1 Hintergründe und Ziele

Der Kontinuitätsbruch der Friedensbewegung ging mit einem Zivilisationsbruch in der Gesellschaft einher. Zwölf Jahre, davon sechs im Krieg, sollte die Nazi-Diktatur andauern, die über ganz Europa – und darüber hinaus – Angst und Schrecken, Tod und Verwüstung sowie Vertreibung und unsagbares Leid brachte. Die „Stunde Null“, der Moment der vollständigen militärischen und moralischen Niederlage im Mai 1945, bildete eine notwendige, von außen herbeigeführte Zäsur in der deutschen Geschichte. Krieg, so schien die Lehre, sollte fortan der Vergangenheit angehören und das Credo der zuvor diskeditierten Friedensbewegung wurde unter dem Stichwort „Nie wieder Krieg!“ jäh zum sozialen Konsens.

Dass sich nur wenige Jahre später erneut eine nicht unerhebliche Zahl von Menschen veranlasst sah, energisch für den Frieden einzutreten, war im Wesentlichen der außenpolitischen Konzeption von Bundeskanzler Konrad Adenauer (CDU) zu verdanken, welche wiederum vor dem keineswegs unproblematischen Hintergrund des immer deutlicher zutage tretenden Kalten Krieges zu sehen ist. Die Gründung eines deutschen Weststaates – und unmittelbar darauf der DDR – holte den Frontverlauf des sich alsbald zur Block-Konfrontation auswachsenden ideologischen Konfliktes zwischen den Großmächten Sowjetunion und USA in die Mitte Deutschlands und forcierte damit dessen Teilung. Die Integration beider Teilstaaten in das jeweilige Bündnissystem zementierte sie schließlich. Dabei war es Adenauer, der auf westlicher Seite eine Politik vorantrieb, die eine enge, zunächst wirtschaftliche Bindung an die Nachbarstaaten zum Ziel hatte, um über die damit einhergehende Vertrauensbildung eine europäische Friedensordnung zu schaffen und mittelfristig die staatliche Souveränität zurückzuerlangen. Um den Preis der Einheit Deutschlands erfolgte damit zugleich eine Entscheidung gegen die außenpolitische Neutralität. Und die politische Forderung nach einem „Wehrbeitrag“ war die beinah logische Konsequenz aus dieser Konstellation.

Hier wiederum hatte die Friedensbewegung der 1950er Jahre ihren Ansatzpunkt, wobei grundsätzlich zwei Komplexe unterschieden werden: zum einen die Wiederbewaffnungsdebatte, in der es darum ging, ob die Bundesrepublik überhaupt wieder Truppen aufbauen und Militärgerät beschaffen kann bzw. soll, zum anderen die – nach der politischen Entscheidung zugunsten der Wiederbewaffnung geführte – Atomdebatte, welche die mögliche Ausrüstung der neu geschaffenen Bundeswehr mit Nuklearwaffen thematisierte und an deren Ende die Ausstattung ebenjener mit entsprechenden Trägersystemen stand.[29]

Mit Blick auf die Frage der Wiederbewaffnung im Rahmen der Westbindung ist in der Literatur von insgesamt drei außerparlamentarischen Protestwellen die Rede, die „den Widerspruch gegen die beabsichtigte Aufstellung eines westdeutschen Wehrbeitrags in unterschiedlichen Formen und in unterschiedlicher Stärke artikulierten“[30]: Die Ohne-mich-Bewegung brachte gegenüber der geplanten Remilitarisierung eine (angedrohte) Verweigerungshaltung – beispielsweise hinsichtlich des Kriegsdienstes – zum Ausdruck, die sich aus ganz unterschiedlichen Motiven speiste. Neben „echtem“ Antimilitarismus oder Pazifismus waren dies zum Beispiel auch gekränkter Nationalstolz oder die prinzipielle Ablehnung einer Zusammenarbeit mit den Siegermächten.[31] Die Volksbefragungsbewegung hatte die argumentative Unterfütterung der anfangs noch diffusen Widerstandsbekundungen zum Ziel und wollte deren demokratische Legitimation – auch und gerade außerhalb der Parlamente – organisieren.[32] Das vorerst letzte größere Aufbegehren erfolgte im Zusammenhang mit der Paulskirchen-Bewegung, die sich Anfang 1955 explizit, aber sehr kurzfristig (und erfolglos) „gegen die Ratifizierung der Pariser Verträge“[33] sowie den damit verbundenen NATO-Beitritt der Bundesrepublik richtete.

[...]


[1] Kant, Immanuel: Zum ewigen Frieden. Zitiert nach: Koppe, Karlheinz: Der vergessene Frieden. Friedensvorstellungen von der Antike bis zur Gegenwart, Opladen 2001, S. 168.

[2] Vgl. z.B. Bastian, Gert (Hrsg.): Atomtod oder europäische Sicherheitsgemeinschaft. Abrüstung statt Abschreckung. Reden und Schriften zur Kritik der „Nachrüstung“ und zur Friedensbewegung, Köln 1982. Bastian war einer der herausragenden Protagonisten der „neuen“ Friedensbewegung.

[3] Vgl. z.B. Mechtersheimer, Alfred (Hrsg.): Nachrüsten? Dokumente und Positionen zum NATO-Doppelbeschluß, Reinbek bei Hamburg 1981.

[4] Vgl. Becker-Schaum, Christoph u.a.: „Entrüstet Euch“. Nuklearkrise, NATO-Doppelbeschluss und Friedensbewegung, Paderborn 2012.

[5] Vgl. Knorr, Lorenz: Geschichte der Friedensbewegung in der Bundesrepublik Deutschland. Zweite, durchgesehene und erweiterte Auflage, Köln 1984.

[6] Vgl. Michaltscheff, Theodor: Die unverwüstliche Opposition. Geschichte der bundesdeutschen Friedensbewegung 1945-1960. Aus dem Nachlaß herausgegeben und bearbeitet von Stefan Appelius, Oldenburg 1994.

[7] Vgl. Riesenberger, Dieter: Geschichte der Friedensbewegung in Deutschland. Von den Anfängen bis 1933, Göttingen 1985.

[8] Riesenberger (1985), S. 7.

[9] Koppe (2001), S. 15.

[10] von Raumer, Kurt: Ewiger Friede. Friedensrufe und Friedenspläne seit der Renaissance, Freiburg im Breisgau 1953, S. V (Vorrede).

[11] Riesenberger (1985), S. 15.

[12] Vgl. ebd., S. 17f.

[13] Vgl. Riesenberger (1985), S. 18ff.

[14] Vgl. ebd., S. 30ff.

[15] Ebd., S. 33.

[16] Hier gilt in beispielhafter Weise „Nomen est omen“.

[17] Michaltscheff (1994), S. 503.

[18] Vgl. Riesenberger (1985), S. 46ff.

[19] Riesenberger (1985), S. 98.

[20] Grünewald, Guido (Hrsg.): Nieder die Waffen! Hundert Jahre Deutsche Friedensgesellschaft 1892-1992, Bremen 1992, S. 53.

[21] Allein die Deutsche Friedensgesellschaft verzeichnete zwischen 1919 und 1926 eine Vervielfachung der Zahl ihrer Ortsgruppen von 73 auf 300. Im selben Zeitraum stieg die Mitgliederzahl von ca. 6.000 auf etwa 30.000. Vgl. ebd., S. 72.

[22] Vgl. Riesenberger (1985), S. 151.

[23] Vgl. von Soldenhoff, Richard (Hrsg.): Kurt Tucholsky 1890-1935. Ein Lebensbild. „Erlebnis und Schreiben waren ja – wie immer – zweierlei“, neu ausgestattete Ausgabe, Weinheim und Basel 1994, S. 92.

[24] Vgl. Grünewald (Hrsg.) (1992), S. 86f.

[25] Grünewald (Hrsg.) (1992), S. 128.

[26] Vgl. ebd., S. 129.

[27] Riesenberger (1985), S. 251.

[28] Vgl. ebd. Gemeint sind damit offensichtlich die fehlenden Anknüpfungsmöglichkeiten an organisatorische Strukturen oder auch „klassische“ Argumentationslinien.

[29] Vgl. Zander, Helmut: Die Christen und die Friedensbewegungen in beiden deutschen Staaten. Beiträge zu einem Vergleich für die Jahre 1978-1987, Berlin 1989, S. 39f.

[30] Legrand, Hans-Josef: Friedensbewegungen in der Bundesrepublik Deutschland. Ein Überblick zur Entwicklung bis Ende der siebziger Jahre. In: Janning, Josef u.a. (Hrsg.): Friedensbewegungen. Entwicklung und Folgen in der Bundesrepublik Deutschland, Europa und den USA, Köln 1987, S. 20.

[31] Vgl. Legrand (1987), S. 20f.

[32] Vgl. ebd., S. 21.

[33] Ebd., S. 22.

Ende der Leseprobe aus 35 Seiten

Details

Titel
Friedensbewegung in der Bundesrepublik Deutschland. Ein Vergleich ihrer Hochphasen in den 1950er/1960er und 1970er/1980er Jahren
Hochschule
Technische Universität Chemnitz  (Politikwissenschaft)
Note
1,3
Autor
Jahr
2014
Seiten
35
Katalognummer
V304019
ISBN (eBook)
9783668024441
ISBN (Buch)
9783668024458
Dateigröße
480 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
friedensbewegung, bundesrepublik, deutschland, vergleich, hochphasen, jahren
Arbeit zitieren
B.A. Frank Bodenschatz (Autor), 2014, Friedensbewegung in der Bundesrepublik Deutschland. Ein Vergleich ihrer Hochphasen in den 1950er/1960er und 1970er/1980er Jahren, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/304019

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