Der Begriff der Ansteckung. Eine begriffs- und kulturgeschichtliche Betrachtung in Medizin, Theater und Technik


Hausarbeit, 2014

19 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

0. EINLEITUNG

1. DER MEDIZINISCHE ANSTECKUNGSBEGRIFF
1.1 EINFÜHRUNG IN DIE WELT DER INFEKTION
1.2 ANSTECKUNGSKULTUR ANNO 1000-1600
1.3 DIE ENTSTEHUNG DER IMMUNOLOGIE UND DER MIKROBIOLOGIE (1600-1900)

2. ANSTECKUNG IM THEATER
2.1 ANSTECKUNGSTHEORIE IN DER THEATERWISSENSCHAFT KATHARSIS
2.2 ANSTECKUNSBEGRIFF BEI ARTHUR SCHNITZLER ALS ZEITGENOSSE VON KOCH UND PASTEUR
2.3 ANSTECKUNGSTHEORIE BEI FRIEDRICH SCHILLER

3. ANSTECKUNG IM TECHNISCHEN KONTEXT

4. ERGEBNIS

5. LITERATURVERZEICHNIS

0. Einleitung

Diese Arbeit behandelt den Begriff der Ansteckung in Medizin und Theater. Ansatzweise wird auch auf eine technische Variante dieses Begriffs eingegangen. Allerdings sei angemerkt, dass eine vollständige Betrachtung des Begriffes aus historischer Sicht im Rahmen dieser Arbeit ausgeschlossen ist. Dementsprechend wurde eine Auswahl getroffen, um die historische Verwicklung dieser beiden Disziplinen darzulegen. Diese Auswahl bezieht sich hauptsächlich auf eine Periode zwischen 1850 und 1920. Insbesondere das 19. Jahrhundert prägte die Mikrobiologie entscheidend, so dass die Entdeckungen und Entwicklungen dieser Zeit als bahnbrechend und kulturprägend angesehen werden können. Eben jene kulturelle Prägung soll im Anschluss durch eine Analyse von Arthur Schnitzler Werken „Anatol“ (1893), „Reigen“ (1903) sowie der „Traumnovelle“ (1925) exemplarisch belegt werden. Arthur Schnitzler wurde auch deshalb ausgewählt, weil er hauptberuflich als Arzt in Wien tätig war. Es lässt sich also in der Person Arthur Schnitzler bereits eine Integration von Medizin und Kunst feststellen. Diese Zeit und diese Verknüpfung soll als Hauptgegenstand dieser vorliegenden Arbeit betrachtet werden. Um den Rahmen und die Begründungen zu schaffen, wird historisch zum Teil etwas weiter ausgeholt, allerdings nur um die Gegebenheiten dieser Periode zu skizzieren. Zu guter Letzt wird auf ein modernes Phänomen der Ansteckung eingegangen. Inzwischen können sich nicht nur lebende Organismen infizieren, sondern auch technische, wie beispielsweise ein Computer sich mit Viren aus dem Internet infizieren kann. Die These dieser Hausarbeit ist also, dass anhand des Begriffes der Ansteckung ein historischer Bezug zur Gesellschaft zu erkennen ist. Die Autorin behauptet, dass dies während der angegeben Zeitspanne besonders eminent wird. Außerdem soll gezeigt werden, wie ein Begriff analog verwendet wird, um in nicht verwandten Forschungsbereichen ähnliche Prozesse zu beschreiben. Es soll sichtbar werden, dass die Forschungsergebnisse eines Robert Kochs beispielsweise einen direkten Bezug zu Kultur und Kunst haben, die stellvertretend für die damalige Gesellschaft stehen. Und da diese Hausarbeit in einem theaterhistorischen Kontext steht, soll nicht die Gegenwart im Vordergrund stehen, sondern in der Hauptsache das 19. Jahrhundert.

Zunächst wird also auf den medizinisch-historischen Hintergrund eingegangen, um dann auf parallele Verwendung in der Theatertheorie einzugehen. Ferner wird durch die Werkbeispiele Schnitzlers dies auch praktisch versucht darzulegen. Als weiteres Beispiel dann Friedrich Schiller. Schiller, der wie Schnitzler oder Georg Büchner von seiner Tätigkeit als Arzt in seinem dramatischen Schaffen deutlich beeinflusst wurde. Leider würde es den Rahmen dieser Hausarbeit sprengen diese durchaus interessanten Verknüpfungen theoretisch vollständig zu erarbeiten. Insofern kann und soll an dieser Stelle nur ein kurzer Verweis erfolgen.

Als weitere These, die sich aus dem Seminarkontext ergibt, lässt sich sagen, dass die analoge Verwendung des Ansteckungsbegriffes in Medizin, Kultur und Technik auf eine Form der Intermedialität hindeutet. Intermedial nicht im eigentlichen Sinne, aber sicherlich insofern als dass quasi Forschungsergebnisse aus der Medizin direkt auf den literarischen Duktus´ Schnitzlers verweist. Exemplarisch soll hier auf Schnitzlers Darstellung der Liebesakte und den Zusammenhang mit der Syphilis eingegangen werden. Vielleicht wäre es deshalb besser in diesem Fall von Transmedialität zu sprechen, da das Phänomen (Ansteckung) in verschiedenen Medien (Medizin, Theater, Technik) existiert. Diese theoretischen Überlegungen sollen die vorliegende Arbeit in den Kontext des Seminars stellen, als Teil einer transmedialen Entwicklung in Bezugnahme dramatischer Texte.

1. Der medizinische Ansteckungsbegriff

1.1 Einführung in die Welt der InfekWon

Zunächst soll der Begriff der Ansteckung grundsätzlich geklärt werden. Ansteckung bedeutet eine Übertragung von Schadstoffen oder Krankheitserregern durch die Umwelt. Von einem bereits infizierten Körper gelangt beispielsweise ein Virus in den Körper eines zuvor gesunden Menschen. Nun sind beide infiziert. Synonym verwendet wird der Begriff der Infektion. Nun muss man medizinisch bereits zwei verschiedene Varianten der Infektion unterscheiden. Zum einen gibt es die unwillkürliche Infektion, die nicht gewollt auftritt. Diese ist gekennzeichnet von ihrer Plötzlichkeit und Unmittelbarkeit. Zum anderen kann man sich aber auch gewollt mit einem Erreger infizieren. Die Medizin nennt dies Impfung oder Vakzination. 1

Durch eine gewollte Gabe mit dem Erreger, wird der Körper immunisiert. Die Impfung enthält Antikörper des Erregers in einer nicht lebensbedrohlichen Dosis. Dieses absichtliche Verabreichen des Krankheitserregers führt dazu, dass ein Körper bei einer Infektion mit demselben Erreger bereits vorbereitet ist. Das Immunsystem bildet sogenannte Gedächtniszellen, die bei Eintritt des Erregers die Proteinstruktur der Zellen erkennen und sie als fremde Antigene identifizieren. Aufgrund des Wiedererkennens, ist das Immunsystem in der Lage rasch und effizient zu reagieren. Die prompte Immunantwort kann nur erfolgen, da die Zellen die Erkrankung wieder erkennen. Eine Impfung ist also eine gewollte Ansteckung, die zu einer Immunisierung führt.

1.2 Ansteckungskultur anno 1000-1600

Bevor es Impfungen und Erklärungen gab, gab es Seuchen. Insbesondere die bereits erwähnte Plötzlichkeit und Unfreiwilligkeit bei der Ansteckung, führt zu einer gewissen Ängstlichkeit. 2 Das lateinische Wort „inficio“ bedeutet vergiften. 3 Bei der Infektion spielte insbesondere die Berührung eine wichtige Rolle. Es wurde geglaubt, dass durch die Berührung eines Kranken der Tod gebracht wurde. Als Mittel der Wahl bei Seuchen, wie beispielsweise der Lepra zwischen dem 10. und 13. Jahrhundert, war die gesellschaftliche Ausgrenzung. 4 Aufgrund des damals fehlenden Wissens zur Entstehung der Krankheiten, wurden Schuldige gesucht und Erkrankte in Quarantäne versetzt. Krankheit und Ansteckung hatten einen emotionalen Unterton. So wurden als Schuldige für die Pest Pandemie zwischen 1347 und 1352 die Juden verfolgt. 5 Um ein weiteres Beispiel für die kulturellen Folgen einer Seuche zu nennen, lässt sich die Syphilis anführen. Als Girolamo Francastoro in seinem Werk „De Contagione“ die Ansteckung durch Syphilis durch Tröpfeninfektionen oder durch Kleidung beschreibt und nicht durch astrologische oder magische Theorien, da verändert die Gesellschaft ihre Sicht. 6 Aufgrund Francastoros Erklärungen und seines Gedichts „Syphilis sive morbus gallicus, erschienen 1530, veränderten die Menschen ihre Gewohnheiten und versuchten eine gewisse Prophylaxe einzuhalten, indem sie nicht mehr der Badekultur frönten sowie durch eine grundlegende Änderung der Sexualmoral. 7

Erste medizinische Erklärungen lösen den Aberglauben ab, der jahrhundertelang eines der beliebtesten Mittel war, um übertragene Krankheiten zu erklären. Insbesondere die Forschungen zur Entstehung von Krankheiten durch die Entdeckung von Bakterien und Viren, sowie zu Impfungen als Prophylaxe. Insgesamt lässt sich sagen, dass die Phase vor Beginn der Immunologie-Forschung (diese datiere ich ab Mitte des 17. Jahrhunderts), gekennzeichnet ist durch Vermeidungsstrategien sowie aktiver Ausgrenzung von bereits Erkrankten. Denn Kontakt zum Erreger bedeutete den sicheren Tod im Fall der Lepra oder der Pest.

1.3 Die Entstehung der Immunologie und der Mikrobiologie (1600-1900)

Vor der Impfung steht das Verständnis wie eine Krankheit übertragen wird und wie eine Krankheit entsteht. Erste Schritte zum biochemischen Verständnis dieses Prozesses wurden durch die Verwendung von Mikroskopen eingeleitet. Bereits im 17. Jahrhundert gelang es Anton van Leeuwenhoek durch selbst gebaute Mikroskope einzellige Organismen zu entdecken. Im gelang es bereits 1683 Bakterien unter dem Mikroskop zu entdecken. Er mikroskopierte hierfür seinen Mundbelag. Da van Leeuwenhoek aber, aus Angst seine Technik könnte kopiert werden, seine Mikroskopbautechnik unter Verschluss hielt, wurden erst ca. ein Jahrhundert später erneut verbesserte Mikroskope gebaut. Die ersten Impfversuche wurden im 18. Jahrhundert unternommen. 8 Bis zu diesem Zeitpunkt war die Gesellschaft den zahlreichen Seuchen nahezu schutzlos ausgeliefert. Insbesondere das Pockenvirus stellte eine medizinische Herausforderung dar. Ursprünglich aus Asien, entwickelte es sich im 18. Jahrhundert zu einer Plage in Europa. Insgesamt starben 10-15% der Bevölkerung an dem Virus, davon waren ca. 80% Kinder. Hatte man einmal eine Pockenerkrankung überlebt, so war man von nun an immun gegen die Viren. Diese Erkenntnis führte zu ersten Versuchen einer Impfung, um die Bevölkerung vor einer eigentlichen Erkrankung zu schützen. Erste künstliche Übertragungen dieser Krankheit nennt man Inokulation, diese wurden von Edward Jenner bereits 1796 durchgeführt. 9 Er verwendete Kuhpockenviren, die für den Menschen weniger gefährlich sind. Vom lateinischen Wort „vacca“ leitet sich der Begriff der englische Begriff „Vaccination“ ab, zu Deutsch Vakzination. Dieses recht frühe Experiment der Impfung entwickelte sich zu einer medizinischen Erfolgsgeschichte. 1979 erklärte die WHO die Pocken für weltweit ausgerottet. 10 Allerdings waren zu diesem Zeitpunkt die Erreger der Pocken noch unbekannt.

Erst Louis Pasteurs und Robert Kochs Entdeckungen zeigten die Entstehung einer Krankheit. 1876 gelang es Koch nachzuweisen, dass der Erreger des Milzbrands ein Bakterium ist und später stellte er fest, dass auch die bis dahin als vielfältige Krankheiten angesehenen Tuberkulose-Varianten allesamt denselben Auslöser besaßen. Diese Entdeckungen führten zur Gründung der Bakteriologie.

[...]


1 Gerabek, Werner E.: Enzyklopädie Medizingeschichte, 2007, S. 660.

2 Schaub, Mirjam: Ansteckung. S, 9.

3 Ebd. S, 13.

4 Winau, Rolf: Ansteckung - medizinhistorisch“ in: Ansteckung Hrsg: Schaub, Mirjam, München, 2005, S. 62f.

5 Ebd. S. 62.

6 Ebd. S, 64. sowie De contagione et contagiosis morbid, 1546

7 Ebd. S. 65.

8 Schaub, Mirjam: Ansteckung, München 2005, S. 14f.

9 Ebd., S. 17.

10 Gerabek, Werner E.: Enzyklopädie Medizingeschichte, 2007, S. 660.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Der Begriff der Ansteckung. Eine begriffs- und kulturgeschichtliche Betrachtung in Medizin, Theater und Technik
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Theaterwissenschaft)
Veranstaltung
Avantgarde(n). Elemente einer intermediären Spurensicherung: Partizipation - Interaktion - Spiel
Note
2,0
Autor
Jahr
2014
Seiten
19
Katalognummer
V304038
ISBN (eBook)
9783668025684
ISBN (Buch)
9783668025691
Dateigröße
550 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
begriff, ansteckung, eine, betrachtung, medizin, theater, technik
Arbeit zitieren
Celine Staigies (Autor:in), 2014, Der Begriff der Ansteckung. Eine begriffs- und kulturgeschichtliche Betrachtung in Medizin, Theater und Technik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/304038

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Der Begriff der Ansteckung. Eine begriffs- und kulturgeschichtliche Betrachtung in Medizin, Theater und Technik



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden