Die sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts waren eine Aufbruchszeit. Neben der politischen Fragestellung der Gesellschaft rebellierten die Frauen gegen die patriarchalische Gesellschaftsordnung. Führte diese Rebellion der Frauen gegen das Männerestablishment zu einer Emanzipation der Frauen? Ist die Unterdrückung der Frau heute noch genauso aktuell wie in der Romantik?
Methodisch gehe ich von der Situation der Frauen in der Romantik aus. Wie und als was sind die Frauen bei Heinrich von Kleist gestaltet? Ich schließe diese Betrachtung damit ab, dass ich anhand der Rezeption des "Prinz Friedrich von Homburg" die Situation der Frau in unserer Zeit betrachte.
Im 19. Jahrhundert etablierte sich in Europa der Kapitalismus bürgerlicher Herkunft. In Preußen führten die ökonomischen Reformen zur wirtschaftlichen Ablösung des feudalen Lehnsstaates durch das produktionsmittelbesitzende Bürgertum. Die neue politische und juristische Ordnung wurde 1849 in den Grundrechten in der Verfassung der Paulskirche verwirklicht. Vor diesem Grundrecht waren alle Menschen gleich. Das galt für die Männer. Die Frauen wurden demgegenüber aus dem öffentlichen Leben beseitigt, sie wurden entmündigt. Das war juridisch im Vormundschafts- und Eherecht verankert. Das wurde damit begründet, dass die Frauen wie Debile von Natur aus unfähig zu selbständigem Handeln und Denken seien.
Der Erbfolger der feudalistischen Macht, das kapitalistische System, hat einen glorreichen Siegeszug um die ganze Welt angetreten. Von seinen finanziellen Machtinteressen her ist das System kosmopolitisch. Seiner psychischen Konstellation nach ist es nationalistisch und rassistisch. Bürgerkriege, Vernichtung rassischer Minoritäten, ein tödlicher Kampf verschiedener rassischer und religiöser Gruppen, Terroraktionen und Menschenopfer sind notwendig.
Der ideologische Machtkampf und die Ambivalenz der kapitalistischen Gesellschaft, die sich ausdrücken in dem Komplementäraffekt von Hass und Angst: Rassenhass/Rassenangst, Klassenhass/Klassenangst, Fremdenhass/Fremdenangst, Frauenhass/Frauenangst, das alles findet sich schon bei Kleist.
In einer Welt jedoch, die von der nationalen privat-kapitalistischen Welt in eine global international-kapitalistischen Welt transformiert wurde, ist die Unterdrückung der Frau als reine Gebärmaschine eine globale Gefahr. Dies gilt für alle Gesellschaften, gleichgültig welcher Herkunft, Rasse oder Religion. Dieses Kapitel muss erst noch geschrieben werden.
Inhaltsverzeichnis
Vorwort
Frauenproblematik der Romantik
Heinrich von Kleist
Die Wirkungsgeschichte des "Prinz Friedrich von Homburg"
Die Interpretation des "Prinz Friedrich von Homburg"
Die Handlung
Die Dramenstruktur
Die thematischen Schichten
Die machtpolitischen Interessen
Der Konflikt
Die moralische Entwicklung des Prinzen
Die politische Entwicklung des Kurfürsten
Der politische Erkenntnisprozess und die definitive Entscheidung des Prinzen
Die Schuld des Kurfürsten und des Prinzen von Homburg
Die Umwandlung des personell bezogenen Feudalstaates in einen institutionell gesicherten Rechtsstaat
Die Beseitigung der Frauen aus dem öffentlichen Leben
Der Schwanengesang des feudalistischen Systems auf dem politischen Sektor
Der Schwanengesang des feudalistischen Systems auf dem militärischen Sektor
Die Abdankung der feudalistischen Jurisdiktion
Die Institutionalisierung der neuen Verfassung
I. Die neue politische Ordnung
II. Die neue soziale Ordnung
III. Der missionarische Auftrag, mit diesen und für diese neuen sittlichen Normen die Welt zu erobern
Ideologiebildung
I. Das Vorurteil
II. Die Struktur des Dramas
III. Die Sprachanalyse
Die weiblichen Metaphern
Die männlichen Metaphern
Die Wassermetaphern
Der gescheiterte Konfliktlösungsprozess
Der Dichter und sein Werk
Die zeitliche Struktur des "Prinz Friedrich von Homburg"
Das Versmaß des "Prinz Friedrich von Homburg"
Der ideologische Machtkampf im Zeichen von Hass und Angst
Ausblicke: Betrachtungen zur Rezeptionsgeschichte des "Prinz Friedrich von Homburg"
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Frauenproblematik in der Romantik anhand von Heinrich von Kleists Drama "Prinz Friedrich von Homburg". Ziel ist es, aufzuzeigen, wie das Frauenbild in Kleists Werk gestaltet ist und welche gesellschaftliche Funktion dem Weiblichen im Kontext des preußischen Militärstaates und der Entstehung bürgerlicher Normen zugeschrieben wird.
- Analyse des Frauenbildes im Werk von Heinrich von Kleist.
- Untersuchung der Machtstrukturen im "Prinz Friedrich von Homburg".
- Rezeptionsgeschichte und ideologische Deutung des Dramas.
- Analyse sprachlicher Metaphorik (weibliche, männliche und Wassermetaphern).
- Zusammenhang zwischen Geschlechterrollen und gesellschaftlicher Ordnung.
Auszug aus dem Buch
DIE WEIBLICHEN METAPHERN
"Und frei, auf mütterlichem Grund, behaupte Der Brandenburger sich; denn sein ist er, Und seiner Fluren Pracht nur ihm erbaut!" (1760-1762)
wird in nuce der symbolische Bedeutungsradius von diesem "Weiblichen" umrissen: hier ist es der "mütterliche Grund" also das Land oder die Erde ganz allgemein. Werden nun alle Ausdrücke, die diesem Bedeutungsradius zugehören zusammengestellt, so ergibt sich 122):
"Den Acker vor dem Tor zerstampft" (20) "Wenn wir im Feld ihn treffen" (37) "In dem Gefild der Schlacht" (75) "Von dem Kriegsplatz" (212) "Und macht den Schoß der Erde bersten! Der Riss soll eurer Leichen Grabmal sein." (461f.) "Der Graben wird, der Erdwall, der sie deckt, Im Anlauf überflogen, die Besetzung Geworfen, auf das Feld zerstreut, vernichtet" (554-556) "Ihn, im Gefild des Todes, aufzusuchen" (575) "Der unter mir den Grund zerreißt" (590) "O stürzt mich zweimal nicht zum Abgrund nieder!" (621) "Das Leben nennt der Derwisch eine Reise, Und eine kurze. Freilich! Von zwei Spannen Diesseits der Erde nach zwei Spannen drunter." (1286-1288) "O Erde, nimm in deinen Schoss mich auf!" (1808) "Saht Ihr die Gruft nicht schon im Münster, Mit offnem Rachen, Euch entgegengähn'n?" (1325f.)
Alle Erdmetaphern stehen in einem unmittelbaren Zusammenhang mit Krieg, Tod, Sterben, aber auch "Abgrund", der "Grund", der "zerreißt" oder "Schoss der Erde" mit einer verschlingenden Macht. Sieht man sich die spezielle Todessymbolik an, so stößt man hier auf die gleichen Phänomene:
"Dass mich die Nacht verschläng!" (115) "Will man mit Nacht umschatten" (985) "Saht Ihr die Gruft nicht schon im Münster,"
Zusammenfassung der Kapitel
Vorwort: Einleitende Reflexion über Emanzipation und das Frauenbild in der Philosophie und Literatur der Zeit.
Frauenproblematik der Romantik: Analyse der gesellschaftlichen Stellung und Emanzipationsversuche von Frauen im ausgehenden 18. und beginnenden 19. Jahrhundert.
Heinrich von Kleist: Biografische Skizze, die Kleists Leben als von Konflikten geprägt darstellt.
Die Wirkungsgeschichte des "Prinz Friedrich von Homburg": Überblick über die wechselhafte Aufnahme des Stücks von der Uraufführung bis zur politischen Interpretation des 20. Jahrhunderts.
Die Interpretation des "Prinz Friedrich von Homburg": Grundlegende Analyse von Handlung, Dramenstruktur und zentralen Themenkomplexen.
Schlüsselwörter
Heinrich von Kleist, Prinz Friedrich von Homburg, Frauenproblematik, Romantik, Feudalstaat, Rechtsstaat, Geschlechterrollen, Metaphorik, Patriachat, Machtstrukturen, Gesellschaftskritik, Literaturanalyse, Ideologie, Geschlecht, Subjektivität.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die spezifische Frauenproblematik in der Romantik, illustriert anhand von Heinrich von Kleists Drama "Prinz Friedrich von Homburg".
Welche Themenfelder stehen im Fokus der Untersuchung?
Zentrale Themen sind die Geschlechterrollen in der feudalen und bürgerlichen Gesellschaft, die Darstellung von Macht und Unterordnung sowie die symbolische Sprache im Drama.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Kleist durch Metaphorik und dramatische Struktur ein patriarchales Weltbild festigt, in dem Frauen als notwendigerweise untergeordnetes Element behandelt werden.
Welche wissenschaftliche Methode wird angewendet?
Die Arbeit nutzt eine literaturwissenschaftliche Analyse unter Einbeziehung psychoanalytischer Aspekte und historisch-politischer Kontexte.
Was wird im Hauptteil der Untersuchung behandelt?
Der Hauptteil befasst sich detailliert mit der Handlungsstruktur, der moralischen und politischen Entwicklung der Protagonisten sowie der Analyse von Sprachbildern (Metaphern).
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit am besten charakterisieren?
Begriffe wie Preußischer Militärstaat, Patriarchat, Subjektivität, Metaphorik, Kleist-Rezeption und Geschlechterdiskurs definieren den Inhalt.
Welche Rolle spielt die Figur Natalie im Drama aus Sicht der Autorin?
Natalie wird als Repräsentantin des weiblichen Elements analysiert, das im Verlauf des Dramas zunehmend entmündigt und aus dem öffentlichen Raum verdrängt wird.
Wie interpretiert die Arbeit den Schluss des Dramas?
Der Schluss wird nicht als harmonische Lösung, sondern als gewaltsame Affirmation der männlich-patriarchalen Ordnung verstanden, bei der das Weibliche vollständig "in Staub" sinkt.
- Arbeit zitieren
- Dr. phil. MA Heide Marie Herstad (Autor:in), 1997, Frauenproblematik der Romantik dargestellt am "Prinz Friedrich von Homburg" von Heinrich von Kleist, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/304377