Epikureismus. Die Interessenverschiebung in der hellenistischen Philosophie

Vom Gemeinwesen zum Individualismus


Essay, 2015

10 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Vom Gemeinwesen zum Individualismus - Die Interessenverschiebung in der hellenistischen Philosophie am Beispiel des Epikureismus

Karl Marx ist der Verfasser des Satzes „Es ist nicht das Bewusstsein der Menschen, das ihr Sein, sondern umgekehrt ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewusstsein bestimmt[1] Der Philosoph wollte damit sagen, dass materielle Umstande einen so groBen Einfluss auf die Menschen einer Gesellschaft hatten, dass sie deren Denkweise entscheidend beeinflussen wurden. Doch ist man dazu berechtigt diese Verknupfung in ahnlicher Weise auch in der Philosophie herzustellen - also die Entstehung neuer Denkweisen auf auBere Veranderungen zuruckzufuhren? Von zahlreichen Wandlungen war besonders die Zeit des Hellenismus gepragt. Nach den Eroberungen Alexanders und dessen Tod 323 v. Chr. weitete sich die griechische Kultur mit dem Entstehen von Diadochenstaaten auf weite Teile des Mittelmeerraums aus. Parallel dazu verlagerte sich in der Philosophie der Fokus von der Gemeinschaft auf das Individuum. Mit dem Stoizismus, Skeptizismus und Epikureismus entstanden gleich drei neue Schulen, die diesen Aspekt betonten und die folgenden drei Jahrhunderte dominieren sollten. Es stellt sich also die Frage, ob eine Verbindung zwischen den durch Alexander angestoBenen Veranderungen und den neuen Vorstellungen in der Philosophie geknupft werden kann. Da die drei neuen Richtungen hinsichtlich des genannten Gesichtspunktes viele Gemeinsamkeiten aufweisen, soll im Rahmen dieses Essays exemplarisch nur der Epikureismus genauer betrachtet werden. Um das Neue an dieser Lehre aber uberhaupt als solches erkennen zu konnen, bedarf es zunachst eines Blickes auf die Besonderheiten der vorherigen Zeit.

Karl-Wilhelm Welwei erlautert, dass das antike Griechenland durch die Institution der Polis gepragt war, welche sich zuvor in einem langen Prozess von etwa 800/750 bis 500 v. Chr. entwickelt hatte. Grundlage dieser Gemeinwesen, von denen im griechischen Raum mehrere hundert existierten, war nicht etwa ein abgegrenztes Territorium, sondern vielmehr die jeweilige Burgergemeinschaft.[2] Da diese also als tragendes Glied fungierte, bestand, wie Wilfried Nippel erganzt, die groBte Gefahr fur die Konstruktion der Polis in einer Spaltung ebendieser Burgerschaft. Dies konnte nur verhindert werden, indem die Einwohner sowohl in Geschlossenheit miteinander lebten als auch selbst Verantwortung ubernahmen. Daherzeichnete sich die Polis also insgesamt besonders durch eine Selbstregierung der Burger aus, wohingegen sie nach auBen Autonomie verkorperte.[3]

Es stellt sich nun die Frage, inwiefern sich die damalige Philosophie auf die Polis bezogen hat. Dass durchaus eine enge Verbindung zwischen Weisheitssuchenden und dem griechischen Gemeinwesen bestand, wird besonders an zwei der bekanntesten antiken Philosophen deutlich. Wie Christoph Horn zusammenfasst, vertreten sowohl Platon als auch Aristoteles in ihren Schriften zur politischen Ethik die Meinung, dass das Gluck[4], welches fur beide ein erfulltes Leben ausmacht, nur in einem Staat[5] verwirklicht werden kann.[6] Platon erlautert in der Politeia, warum sich Staaten uberhaupt entwickelt haben; er fuhrt dies auf den Umstand zuruck, dass „keiner von uns auf sich allein gestellt sein kann, sondern vieler anderer Bedarf“[7] Da der Mensch bei vielen Tatigkeiten die Hilfe anderer benotigt, ist niemand ganzlich eigenstandig. Vielmehr besitzt jeder sogar eine Vielzahl von Bedurfnissen, die die speziellen Fahigkeiten von Mitmenschen erfordern. Wenn diese Art von gegenseitiger Unterstutzung nun unter vielen entsteht, kann man die entstandene Siedlungsgemeinschaft als Staat bezeichnen.[8] Dass Staat und Mensch notwendigerweise miteinander verbunden sind, tritt noch deutlicher in der Politik des Aristoteles hervor. Sprechen wir heute von der Natur eines Menschen, meinen wir haufig seine ihm eigentumlichen Besonderheiten. Wie Hellmuth Flashar erklart, versteht Aristoteles den Begriff aber in teleologischer Weise. So bezeichnet er die Natur allgemein als denjenigen Zustand einer Sache, in dem ihre Entwicklung vollendet ist. Speziell fur den Menschen stellt Aristoteles fest, dass dieser „von Natur aus ein staatsbezogenes Lebewesen“[9] ist. Hieraus leitet Flashar ab, dass die Polis bei Aristoteles den naturlichen Lebensbereich eines Menschen darstellt, in welchem er sich voll entfalten kann.[10] Aus beiden vorgestellten Ansatzen geht hervor, dass der Staat bzw. die Polis essenziell fur den Menschen ist. Sei es nun, weil der Mensch die Polis um seiner Bedurfnisse willen braucht oder weil sie in seiner Natur selbst steckt, letztlich steht fur Aristoteles und Platon fest, dass er nur hier ein vollkommenes Leben fuhren kann. Es lasst sich also feststellen, dass beide Philosophen in der Polis nicht nur einen bloBen Baustein, sondern vielmehr das Fundament ihres politischen Konzepts sahen. Naturlich muss beachtet werden, dass weder Platon noch Aristoteles die Philosophie ihrer Zeit pragten. Doch auch wenn ihre Lehren erst in der Spatantike bzw. dem Hochmittelalter breite Beachtung fanden, so sind sie doch hilfreich, um das klassische, in den Rahmen der Polis eingepasste Denken zu veranschaulichen.

Mit Alexander dem GroBen trat nun aber ein allumfassender Wandel ein. Der Eroberer wurde 356 v. Chr. geboren und schuf in den 13 Jahren seiner Herrschaft das groBte Reich der Antike. Laut Heinz Heinen sicherte sich der Makedonier nicht nur die Hegemonie uber Griechenland, sondern eroberte das gesamte Perserreich und wollte mit einem Indienfeldzug bis an die Grenzen der Erde vorstoBen. Auch nach Alexanders fruhem Tod 323 v. Chr. beruhigte sich die Situation nicht. Es folgten jahrzehntelange, blutige Auseinandersetzungen zwischen seinen Nachfolgern, den sogenannten Diadochen. Dadurch wurde das GroBreich zwar letztlich in monarchisch regierte Gebiete geteilt, doch Alexander hatte einen so tiefgreifenden und allumfassenden Wandel erzeugt, dass wir diesen heute mit dem Begriff „Hellemsmus“ als eine eigene Epoche auffassen.[11]

Fur den Kontext der Fragestellung sind nun vor allem die Umbruche im politischen und gesellschaftlichen Bereich von Bedeutung. Was geschah in einer Zeit nie dagewesener Expansion mit der Polis? Vielfach finden sich Aussagen, die davon sprechen, dass „die Institution der griechischen Polis zerstort“[12] gewesen ware. Leicht kann durch die Allgemeinheit dieser Behauptung das Missverstandnis entstehen, dass die Polis als Organisationsform ganzlich aufgehort hatte zu existieren. Doch Hans Joachim Gehrke prazisiert, dass die Polis auch nach Alexander weiterhin der typische Ort griechischen Zusammenlebens war und sich daruber hinaus in den eroberten Gebieten stark ausbreitete. Deutlich wird aber auch, dass sich die Zahl der souveranen Poleis verringerte und viele nun in Abhangigkeit zum jeweiligen Herrscher standen.[13] Richtet man seinen Blick direkt auf Griechenland, so fallt nach Heinz Heinen auf, dass viele Stadte dort ihre Entscheidungshoheit auf einen ubergeordneten Bund ubertrugen und die Bedeutung ehemals machtiger Poleis wie Athen deutlich schwand. Auch die Demokratie nahm nur noch den Status einer Formalie ein, da die Polis nun von einer kleinen Fuhrungsschicht gelenkt wurde.[14]

[...]


[1] Marx, Okonomie, S.15.

[2] Vgl. Welwei, Polis, S.9f.

[3] Vgl. Nippel, Polis, S.1032.

[4] Anm.: Hiermit ist eine dauerhafte Form des Glucks gemeint und nicht die heute gebrauchlichere Bedeutung des Wortes „Gluck“, die bei zufalligen Ereignissen, wie etwa einem Lottogewinn in Erscheinung tritt. Fur erstere Bedeutung wird im griechischen das Wort „Eudaimonie“ verwendet. Vgl. Forschner, Uber das Gluck, S.29.

[5] Anm.: „Staat“ meint hier und im Folgenden keineswegs einen solchen nach heutiger Vorstellung, sondern die Form des Zusammenlebens in einer Polis. Das begriffliche Problem ruhrt daher, dass das altgriechische Wort „rcoA<;“ mehrere Ubersetzungen bietet. In der Literatur zu Platon und Aristoteles finden sich am haufigsten „Staat“ oder „Polis“ selbst, weshalb beide Begriffe in diesem Fall synonym verwendet werden konnen.

[6] Vgl. Horn, Politische Philosophie, S.22.

[7] Platon, Staat, 369 b.

[8] Vgl. Ebenda, 369 b-c.

[9] Aristoteles, Politik, 1253a.

[10] Vgl. Flashar, Aristoteles, S.108f.

[11] Vgl. Heinen, Alexander bis Kleopatra, S.15-31 sowie S.32f.

[12] Forschner, Ethik, S.29.

[13] Vgl. Gehrke, Hellenismus, S.64 sowie S.70.

[14] Vgl. Heinen, Alexander bis Kleopatra, S.59-62.

Ende der Leseprobe aus 10 Seiten

Details

Titel
Epikureismus. Die Interessenverschiebung in der hellenistischen Philosophie
Untertitel
Vom Gemeinwesen zum Individualismus
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena  (Philosophisches Institut)
Veranstaltung
Praktische Philosophie
Note
1,0
Autor
Jahr
2015
Seiten
10
Katalognummer
V304458
ISBN (eBook)
9783668027602
ISBN (Buch)
9783668027619
Dateigröße
592 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Hellenismus, Epikureismus, Individualismus
Arbeit zitieren
Lukas Görgens (Autor), 2015, Epikureismus. Die Interessenverschiebung in der hellenistischen Philosophie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/304458

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Epikureismus. Die Interessenverschiebung in der hellenistischen Philosophie



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden