Der Fußball als Quellsphäre für Metaphern in der politischen Kommunikation


Bachelorarbeit, 2015

34 Seiten, Note: 1,5


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Grundlagen
2.1 Begriffsklärung
2.1.1 Metaphern
2.1.2 Diskurstypen und Kollektivsymbolik
2.2 Der Nutzen sprachlicher Bilder für die Politische Kommunikation

3. Die Stellung des Fußballs in unserer Gesellschaft - Geschichte, Gemeinschaft, Identifikation
3.1 Wahrnehmungen des Fußballs in Deutschland: Von der „englischen Krankheit“ zum „König Fußball“
3.2 Der Fußball als gemeinschaftsbildender Prozess
3.3 Mediale Inszenierung des Fußballs

4. Poltische Verflechtungen mit dem Fußball
4.1 Politikvermittlung und Selbstinszenierung durch den Fußball
4.2 Fußball als Ort der Integration und Gemeinschaftsbildung
4.3 Politische Dimensionen der medialen Inszenierung des Fußballs

5. Der Fußball als Abbild der Gesellschaft

6. Fußballmetaphorik in der politischen Praxis
6.1 Das Analogieverhältnis zwischen Fußball und Politik
6.2 Fußballmetaphern als bagatellisierendes und banalisierendes Instrument
6.3 Weitere Effekte von Fußballmetaphern in der politischen Kommunikation
6.4 Fußballmetaphorik als „Eigentor“ für politische Akteure

7. Fazit

8. Bibliographie

1. Einleitung

Der Fußball ist in unserer heutigen Gesellschaft allgegenwärtig. Kaum ein Tag vergeht, an dem uns die Medien nicht von den aktuellsten Ereignissen aus der Welt des Ballsports berichten. Ob Spielergebnisse, Trainerentlassungen oder Spielertransfers - umgehend wird man von TV, Hörfunk, Zeitung oder Internet darüber in Kenntnis gesetzt. Diese „Rundumversorgung“ hat zur Folge, dass der Fußball, ähnlich wie das Wetter, als Universalthema in Konversationen fungieren kann (vgl. Burkhardt 2012: 142). Denn wie beim Wetter ist ein Großteil der Bevölkerung jederzeit dazu in der Lage, über das Thema Fußball zu sprechen. Es gehört zum sogenannten Allgemeinwissen.

Es überrascht daher nicht, dass sich die Prominenz des Fußballs auch in unserer Alltagssprache niederschlägt. Dies geschieht auf sprachlicher Ebene am häufigsten durch den Einsatz von Metaphern, mit denen Analogien zwischen dem Fußball und fremden Zielbereichen hergestellt werden können. So gibt es

[…] kaum ein Feuilleton, in dem ein erfolgsversprechender junger Romancier nicht als ‚starker Aufsteiger‘ markiert wird; kaum ein[en] Politikteil, in dem nicht von ‚Fouls‘, dem ‚Auswechseln‘ eines Politikers oder dem mangelnden ‚Mannschaftsspiel‘ im Kabinett die Rede ist; kaum eine Ökoseite im Internet, die nicht ankündigt, daß jetzt ‚die letzte Minute‘ laufe, ja, wir uns in Sachen Umwelt eigentlich schon in der ‚Nachspielzeit‘ befänden; selbst Kunst und Fußball zeigen - wie im Falle des Malers Markus Lüpertz - hohe wechselseitige Affinitäten“. (Adelmann, Parr und Schwarz 2003: 7, zitiert nach Ziem 2010: 307)

Wie dieses Zitat verdeutlicht, scheint für die metaphorische Verwendung fußballsprachlicher Ausdrücke kein gesellschaftlicher Teilbereich verschlossen. In dieser Arbeit soll diesbezüglich mit der Politik eine Domäne im Fokus stehen, die sich in zuverlässiger Regelmäßigkeit des Fußballs als Deutungsinstrument bedient. Politische Parteien sind hier gut aufgestellt und kämpfen im Wahlkampf bis zur letzten Minute, um die Partie für sich zu entscheiden. Der auffällig häufige Bezug auf den Fußball, der sich über das sprachliche hinaus auch in symbolischen Gesten, beispielsweise in Form eines Stadionbesuchs, äußert, wird in dieser Arbeit auf seine Ursachen hin geprüft. Weshalb bezieht sich die Politik immer häufiger auf den Fußball? In welchem Verhältnis stehen die beiden Domänen zueinander? Darüber hinaus sollen die Äußerungen politischer Akteure auf ihre Wirkung hin untersucht werden, um nachvollziehen zu können, inwieweit sie der Strategiebildung im politischen Diskurs dienen.

Dazu erläutere ich in Kapitel 2 zunächst wesentliche Begriffe und Theorien, die für das Verständnis der vorliegenden Abhandlung notwendig sind. Darunter fallen Diskursarten und metaphorische Konzepte, anhand derer sich die im politischen Kontext auftretende Fußballsprache sinnhaft strukturieren lässt. Die Funktionalität von Metaphern bzw. metaphorischen Konzepten soll anschließend am Beispiel der Politik kurz veranschaulicht werden, um aufzuzeigen, dass sprachliche Bilder ein äußerst wirkungsvolles Instrument der politischen Kommunikation sein können.

Im Anschluss daran beleuchte ich in Kapitel 3 die grundlegenden Zusammenhänge von Fußball und Gesellschaft, durch die ich die Stellung des Fußballs in der Öffentlichkeit dokumentiere. Diese bildet den Hauptgrund für das politische Interesse am Fußball und ist somit auch für dessen sprachliche Verankerung in der politischen Kommunikation verantwortlich. Neben der Betrachtung der Entwicklung des Fußballs zum Massensport sollen auch die Themen Vergemeinschaftung und mediale Inszenierung einen Eindruck davon vermitteln, wie der Fußball unsere Gesellschaft auf zahlreichen Ebenen durchdringt.

Eng damit verbunden nehme ich in Kapitel 4 Bezug auf die politische Dimension der zuvor beschriebenen gesellschaftlichen Entwicklungen. Auf welche Weise vereinnahmt die Politik den Fußball für ihre Zwecke? Wie groß ist die gesellschaftspolitische Bedeutung des Fußballs? Und in welchem Verhältnis stehen Politik und mediale Inszenierung des Sports zueinander? Dieser Abschnitt soll die hohe Relevanz des Fußballs für die Politik untermauern und auf Methoden eingehen, mit denen sich die Politik den Fußball zunutze macht.

Nachdem ich die Zusammenhänge von Fußball, Politik und Gesellschaft dargelegt habe, analysiere ich in Kapitel 5, inwieweit der Fußball als ein Abbild der Gesellschaft betrachtet werden kann. So bezeichnet Theweleit (2006) den Fußball in seinem gleichnamigen Buch als „Tor zur Welt“: Ein Ordnungssystem, das sich auf andere Bereiche unseres Lebens übertragen lässt. Anhand dieser Überlegungen soll aufgezeigt werden, dass der Fußball in unserer Kultur als Realitätsmodell dient und daher die Rolle eines Leitdiskurses einnimmt.

In Kapitel 6 wird schlussendlich die Fußballmetaphorik in ihrer Funktionsweise im Feld der politischen Kommunikation genauer ergründet. Wie macht der Fußball das Politikwissen für die breite Masse verfügbar? Welche Wirkung entfalten die metaphorisch verwendeten Ausdrücke aus der Fußballsprache im Zielbereich Politik? Und inwiefern können sich Politiker diese zunutze machen? Um diese Fragen zu beantworten, veranschauliche ich vorerst die vielfältigen Möglichkeiten zur Analogiebildung zwischen Ballsport und Politik. Danach soll anhand der Analyse ausgewählter Beispiele dargestellt werden, wie Fußballmetaphorik in der politischen Kommunikation funktioniert und eingesetzt wird.

Ziel dieser Abhandlung ist es demnach ein umfassendes Bild der Quellsphäre Fußball und ihrer Bedeutung für Gesellschaft und Politik zu vermitteln. Weiterführend gilt es die Wirkungsweise der Fußballsprache im politischen Kontext zu untersuchen und letztendlich die diskurstragende Rolle des Rasensports für die politische Kommunikation herauszustellen.

2. Grundlagen

2.1 Begriffsklärung

2.1.1 Metaphern

An dieser Stelle erkläre ich zunächst den Ausdruck Metapher, bevor ich, anhand der kognitiven Metapherntheorie von Lakoff/Johnson (2007), die Struktur von Metaphern und ihren Einfluss auf unser Denken und Handeln beleuchte. Der Begriff Metapher wird bereits seit der Antike im wissenschaftlichen Kontext verwendet, wobei über seine präzise Bedeutung noch bis heute diskutiert wird (Küster 2009: 60). Er stammt aus dem Griechischen (μεταφορά, metaphorá) und bedeutet so viel wie ‚Übertragung‘. Denn bei einer Metapher handelt es sich im Wesentlichen um ein Wort, dessen Bedeutung auf ein anderes Wort übertragen wird (z.B. Flaschenhals). Der Bereich, aus dem das Wort ursprünglich stammt, kann als Quellsphäre bezeichnet werden, während der Bereich, in dem der Ausdruck eine neue Bedeutung erlangt, die Zielsphäre darstellt.

Die Funktionen von Metaphern und Kollektivsymbolen sind vielfältig. In erster Linie gelten sie als ein Stilmittel der „poetischen Imagination“ und „rhetorischen Geste“ (Lakoff / Johnson 2007: 11). Sie dienen dazu, komplexe Inhalte vereinfacht und bildhaft wiederzugeben. Doch für Lakoff/Johnson geht die Funktion und Bedeutung der Metaphern weit über das Sprachliche hinaus. Ihrer kognitiven Metapherntheorie zufolge finden unsere gesamten Denkprozesse überwiegend metaphorisch statt:

[W]ir haben […] festgestellt, daß die Metapher unser Alltagsleben durchdringt, und zwar nicht nur unsere Sprache, sondern auch unser Denken und Handeln. Unser alltägliches Konzeptsystem, nach dem wir sowohl denken als auch handeln, ist im Kern und grundsätzlich metaphorisch. (ebd.)

Als Beispiel für solch ein alltägliches metaphorisches Konzept, also eine Metapher, nach der in unserer Kultur gelebt wird, nennen sie ‚Argumentieren ist Krieg‘ (ebd.: 12). Ein derartiges Konzept geht gleichzeitig einher mit einem System von sprachlichen Ausdrücken, die wir in diesem Zusammenhang verwenden, wie z.B. seine Kritik traf ins Schwarze. Die metaphorischen Konzepte beeinflussen folglich unser komplettes Denken und Handeln. So wird der Gegenüber in einer Argumentation in unserer Kultur weniger als Partner wahrgenommen, der uns seine Zeit schenkt, sondern viel mehr als Gegner betrachtet, dessen Argumente abgeschmettert werden müssen (Lakoff / Johnson 2007: 18). Metaphern geben somit den Blickwinkel vor, aus dem wir bestimmte Sachverhalte betrachten - andere Perspektiven bleiben verborgen (ebd.). Diese Sichtweise soll im Verlauf der Arbeit vor allem bedeutsam werden, wenn im politischen Kontext die Funktionsweise sprachlicher Bilder im Allgemeinen (Kap. 2.2) und jene der Metapher ‚Politik ist ein Fußballspiel‘ im Speziellen (Kap. 6) betrachtet wird. Vorweg sollen jedoch weitere Begrifflichkeiten geklärt werden.

2.1.2 Diskurstypen und Kollektivsymbolik

Da der Ausdruck Diskurs fachübergreifend in vielfältiger Bedeutung auftritt, ist sein Sinngehalt für die vorliegende Abhandlung genauer festzulegen. Diskurse stellen die sprachlichen Aspekte einer speziellen Wissensproduktion dar, die von Foucault als „diskursive Praxis“ (1981: 171) bezeichnet wird. Sie geben vor, in welcher Form feststehende Redeweisen gesellschaftlich behandelt werden, eröffnen spezielle „Sagbarkeits- und Wissensräume“ (Link 2013: 10) und stecken deren Grenzen ab. Darüber hinaus bilden sie Subjekte (Sprecherpositionen und -rollen) und Objekte (Themen, Begriffe, Klassifikationen und Argumente) (vgl. ebd.). Die Subjekte sind an die Regeln und Teilnahmebedingungen des Diskurses gebunden. Wer sich den Regeln widersetzt1 oder die Teilnahmebedingungen nicht erfüllt, wird aus dem Diskurs ausgeschlossen. Auch die Objekte unterliegen bestimmten Regeln, die festlegen, wem es offen steht, sie zu thematisieren und wann und wie man sie ansprechen darf (Foucault 1991: 11). Durch diese Begrenzungen sowie die Bildung von Subjekten und Objekten kommt es zu Machteffekten. Für Jäger/Jäger (2007: 39) sind Diskurse daher institutionalisierte und verfestigte gesellschaftliche Redeweisen[, die] Machtwirkungen [entfalten]. Sie bestimmen das Wissen und die sich darauf stützenden Handlungsstrategien von Personen und Institutionen und produzieren dadurch nicht nur gesellschaftliche Wirklichkeiten, sondern formieren darüber hinaus Subjekte.

Diese Konstruktion von Macht sowie die Suggestion spezieller Denk- und Handlungsweisen kann durch den Einsatz von Metaphern und Kollektivsymbolen gesteuert und verstärkt werden.

Link (2013: 11f.) erweitert den Diskursbegriff um den Spezialdiskurs und den Interdiskurs. Spezialdiskurse bilden sich aus wissenschaftlich strukturierten Gesellschaftsbereichen und sind Folge einer fortschreitenden Neigung zur „Wissens- Spezialisierung“ (ebd.). Diese verfolgt u.a. das Ziel, durch präzise Definitionen, die Eindeutigkeit der in bestimmten Subkulturen verwendeten Begriffe zu gewährleisten (ebd.). Allgemeinen Ausdrücken werden neue Bedeutungen zugeordnet und auch neue Begriffe können konstruiert werden. Nach Fleischer (1996: 30) realisiert der Spezialdiskurs zudem „die Gesamtausrichtung, die Werte- und Normen-Hierarchie »seines« Diskurses in Anwendung auf einen spezielleren Bereich oder Systemaspekt (- Bestandteil)“ Als Spezialdiskurse können demnach u.a. die Politik, die Wirtschaft oder die Medien angesehen werden.

Der Interdiskurs hingegen zeichnet sich durch seine „nicht-Spezialität“ (ebd.) und seine „vermittelnde, integrative [und] kommunikationssichernde“ (ebd.: 31) Wirkung aus. Er vernetzt verschiedene Spezialdiskurse miteinander und macht deren ausdifferenziertes Wissen wieder verfügbar, indem Analogien zwischen Quell- und Zielsphäre hergestellt werden (Ziem 2010: 307). Nimmt der Interdiskurs eine Position ein, in der er als die sprachliche Referenz in öffentlichen Debatten anderer Domänen genutzt wird, so bezeichnet man ihn auch als Leitdiskurs (vgl. u.a. Ziem 2010, Hermann 2012). Ein Ziel der vorliegenden Arbeit soll es sein, zu klären, weshalb dem Fußball die Rolle eines solchen Inter- bzw. Leitdiskurses zugeschrieben werden kann.

Interdiskurse werden von sogenannten Kollektivsymbolen gestützt. Dabei handelt es sich um metaphorische Modelle, die allen Zugehörigen einer Gesellschaft sofort plausibel erscheinen. Durch ihre Bekanntheit lassen sie sich mit zahlreichen Zielbereichen in Verbindung bringen und zur selbsterklärenden Darstellung komplexer Inhalte verwenden (Knobloch 2009: 4). Da sie den Quellbereich mit verschiedensten Domänen verknüpfen, stabilisieren sie den Interdiskurs, der wiederrum zur Orientierung in der gesellschaftlichen Wirklichkeit dient.

2.2 Der Nutzen sprachlicher Bilder für die politische Kommunikation

In diesem Kapitel möchte ich die Brücke von der reinen Theorie zum Feld der politischen Kommunikation schlagen. Besonders die Funktionsweise von Metaphern ist hier von großer Relevanz. So ermöglichen es uns sprachliche Bilder, wie oben erläutert, komplexe Inhalte vereinfacht darzustellen, während die dahinterstehenden Konzepte gar unser gesamtes Denken und Handeln strukturieren.

Die eben genannten Eigenschaften sind für die politische Kommunikation unabdinglich. Schließlich behandelt die Politik teils schwer zugängliche Inhalte, für deren verständliche Darstellung Metaphern benötigt werden. Folglich ist beispielsweise im Kontext der Finanzkrise von Rettungspaketen, Finanzspritzen, Schutzschirmen oder einer finanziellen Abwärtsspirale die Rede. Ohne derartige sprachliche Bilder wären viele politische Gegenstände für den Normalbürger nur schwer greifbar.

Gerade diese hohe Diskrepanz zwischen Vertrautheit der Quellsphäre und Fremdheit der Zielsphäre weist den Metaphern im politischen Diskurs eine enorme Macht zu. Denn die Macht politisch erfolgreicher Metaphern liegt in der Bündelung und Verstärkung von Erfahrungen und Modellen, die über die ganze Gesellschaft verbreitet sind und ein nahezu unbegrenztes, offenes Zielfeld haben, das an sich völlig unverständlich ist (wie z.B. die wirtschaftlichen Konjunkturzyklen), das aber mit Hilfe einfacher Bilder gleichfalls plausibel gemacht werden kann, weil in der bildspendenden Sphäre einfache, ad nauseam plausible Verhältnisse herrschen. (Knobloch 2009: 3)

Wenn sprachliche Bilder eine solche Macht ausüben können, liegt es nahe, dass sich die Politik eben diese Eigenschaft zunutze macht. Letztendlich geht es auch hier stets um Machtverteilung und Wege, diese zu beeinflussen. Dazu muss wiederum das Denken der Wähler möglichst im Sinne der eigenen Politik manipuliert werden. Es ist also davon auszugehen, dass Metaphern im politischen Feld bewusst dafür eingesetzt werden, spezielle Ansichten zu prägen. Schließlich lassen uns sprachliche Bilder komplexe Sachverhalte zwar in einem neuen Licht betrachten und so leichter verstehen, doch können sie uns auch zu jener Betrachtungsweise zwingen (ebd.). Durch die Hervorhebung eines bestimmten Blickwinkels bleiben andere wiederum verborgen (Lakoff / Johnson 2007: 18).

3. Die Stellung des Fußballs in der Gesellschaft - Geschichte, Gemeinschaft und Identifikation

Im folgenden Abschnitt betrachte ich die grundlegenden Zusammenhänge von Fußball und Gesellschaft. Ziel ist es aufzuzeigen, dass der Fußball tief in unserer Kultur verankert ist, wodurch letztendlich auch seine Präsenz in unserer Alltagssprache stark begünstigt wird. Denn je durchlässiger und vertrauter ein Bereich ist, desto besser eignet er sich als Quellsphäre für Metaphern (vgl. Kap. 2). Demnach lässt sich annehmen, dass ein höheres öffentliches Interesse am Ballsport in Bezug zum vermehrten Aufkommen fußballbezogener Metaphern in der Alltagssprache steht.

Zuerst liegt der Fokus auf der allgemeinen Entwicklung des Fußballs von einer unbedeutenden Randnotiz zu einem festen Bestandteil unserer Gesellschaft. Daraufhin soll seine Funktion als gemeinschaftsstiftender Mannschaftssport genauer betrachtet werden, die dafür sorgt, dass der Fußball ein Teil unserer sozialen Wirklichkeit wird2 und so noch intensiver in unseren Alltag eindringt. In einem letzten Abschnitt wird schließlich die mediale Inszenierung des Fußballs als popularisierendes und identitätsstiftendes Instrument thematisiert. Durch seine mediale Präsenz nimmt der Bekanntheitsgrad des Ballsports weiter zu und bindet die Rezipienten durch die Art und Weise der Berichterstattung stark in das Geschehen ein. An dieser Stelle werden politische Zusammenhänge bewusst ausgelassen oder nur kurz beschrieben, um sie in Kapitel 4 gesondert als Folge der gesellschaftlichen Stellung des Fußballs zu betrachten.

3.1 Wahrnehmung des Fußballs in Deutschland: Von der „englischen Krankheit“ zum „König Fußball“

Anders als in England, wo der Fußball auf eine lange Tradition als Volkssport zurückblicken kann, wurde er in Deutschland als eine Art Import angeboten (Bremer 2003: 18). Seine Entwicklung und Wahrnehmung in der deutschen Öffentlichkeit lässt sich ab dem ersten Fußballspiel auf deutschem Boden im Jahr 1874 nachvollziehen, welches von Gymnasialprofessor Konrad Koch geleitet und von dessen Schülern in Braunschweig ausgeübt wurde (Burkhardt 2006: 57). Von dort an gewann der Fußball, vor allem durch seine Einführung in den Schulbetrieb (Bremer 2003: 19), stetig an Popularität, wobei er anfangs an der nationalistisch geprägten deutschen Turnbewegung aneckte, die den Sport als undeutsch herabsetzte (Burkhardt 2006: 58). In Prof. Karl Planck veröffentlichte einer der Führer der Turnbewegung gar eine diffamierende Schrift mit dem Titel „Fußlümmelei. Über Stauchballspiel und englische Krankheit“, in der es u.a. lautet:

Zunächst ist jene Bewegung ja schon, auf die bloße Form hin angesehen, häßlich. Das Einsinken des Standbeins ins Knie, die Wölbung des Schnitzbuckels, das tierische Vorstrecken des Kinns erniedrigt den Menschen zum Affen [...]. (Planck 1898, zit. nach: Gehrmann 1988: 10f.)

Der aggressive Grundton von Seiten der Turner ist wohl nicht nur auf deren nationalistische Grundhaltung zurückzuführen, sondern vielmehr auf die fortschreitende Popularität des Fußballs, welcher spätestens mit der Gründung des Deutschen Fußballbundes im Jahr 1900 eine große Konkurrenz zum Turnen darstellte (vgl. Bremer 2003: 18ff.).

Dennoch gelang es Konrad Koch, der noch immer als einer der Vorreiter der Fußballbewegung galt, den englischen Sport trotz des nationalen Widerstandes in Deutschland zu etablieren (vgl. ebd.: 23ff.). Ein wichtiger Aspekt dafür war die Masse an Angestellten, die den Fußball dazu nutzten, sich gleichauf mit dem Bürgertum zu positionieren, wobei letztendlich erst mit der Akzeptanz des Fußballs durch die Aristokratie3 eine breite Zustimmung in der Bevölkerung erreicht wurde (ebd.). Spätestens ab diesem Zeitpunkt entwickelte sich der Fußball schnell zum Volkssport. Zahlreiche Vereine wurden gegründet, die teilweise von tausenden Fans in den Stadien angefeuert wurden. Dem DFB gehörten im Jahr 1920 schon über eine Million Mitglieder an (Ziem 2010: 230).

Einen weiteren Schub erhielt der Fußball durch das vielzitierte Wunder von Bern. Der überraschende Titelgewinn der deutschen Nationalmannschaft bei der Fußball- Weltmeisterschaft 1954 in der Schweiz sorgte für ein neues Wir-Gefühl in der von den Folgen des Krieges gezeichneten deutschen Bevölkerung und gilt bis heute als ein Gründungsmythos der BRD (Fischer 2007: 83). Hieran lässt sich die identitätsstiftende Wirkung des Fußballs ablesen, die zum einen ein Grund für dessen hohen Stellenwert in unserer Gesellschaft ist und zum anderen sein Potenzial als gesellschaftliches Handlungsfeld offenbart. Politik und Wirtschaft sollten jedoch erst Jahrzehnte später den vollen Nutzen des in der Bevölkerung so beliebten Rasensports für sich entdecken.

[...]


1 z.B. wenn man sich öffentlich gegen etwas ausspricht, das öffentlich nicht zu verneinen ist (z.B. Globalisierung, Sicherheit, Reform), s. Knobloch (2009: 6)

2 Der Fußball steht in Wechselwirkung mit einer Realität abseits des reinen Spiels. 9

3 So spendete Kronprinz Wilhelm beispielsweise 1909 einen Wanderpokal für die Ländermannschaften (Bremer 2003: 25).

Ende der Leseprobe aus 34 Seiten

Details

Titel
Der Fußball als Quellsphäre für Metaphern in der politischen Kommunikation
Hochschule
Universität Siegen
Note
1,5
Autor
Jahr
2015
Seiten
34
Katalognummer
V304657
ISBN (eBook)
9783668028944
ISBN (Buch)
9783668028951
Dateigröße
630 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Fußball, Linguistik, Sprachwissenschaften, Diskursanalyse, Sprache, Politik, Merkel, Kommunikation, Diskurs, Metaphern, Analogien, politische Kommunikation, PR, Public Relations, Kollektivsymbolik, Gesellschaft, Medien, Meinungsmacht, Selbstinszenierung, Politikvermittlung, Massensport, Massenmedien
Arbeit zitieren
Jonas Brasse (Autor), 2015, Der Fußball als Quellsphäre für Metaphern in der politischen Kommunikation, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/304657

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