Darstellung der Großstadt in naturalistischen Gedichten


Hausarbeit, 2015

30 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1. Die Großstadt Mitte/Ende des 19. Jahrhunderts

2. Darstellung der Großstadt in naturalistischen Gedichten
2.1 Das äußere Erscheinungsbild der Großstadt
2.2 Die Menschen in der Großstadt
2.3 Möglichkeiten der Realitätsflucht in der Großstadt

4. Fazit

5. Literatur

6. Anhang

Einleitung

Das 19. Jahrhundert war geprägt von Industrialisierung, Technisierung, aber auch von Urbanisierung. Immer mehr industrielle Großbetriebe wurden geschaffen, wodurch ein erheblicher Zuwachs an ArbeiterInnen zu verzeichnen war, die größtenteils vom Land kamen. Vor allem in Berlin waren die Auswirkungen des Modernisierungsschubs und die daraus resultierenden lebensweltlichen Veränderungen sichtbar. Es bildete sich eine immer größer werdende soziale Differenzierung zwischen Bildungsbürgertum und Arbeitern, die in Mietskasernen in Vorstädten im Elend lebten, heraus.[1]

Natürlich ist auch die Literatur dieser Zeit, auch die des Naturalismus, von dem Wandel geprägt. In naturalistischer Lyrik wird erstmals die Großstadt in den Blick genommen. Auf Grund dessen kann das Genre der Großstadtlyrik, die im Expressionismus weitergeführt wird[2], als „Errungenschaft des Naturalismus“[3] bezeichnet werden. Außerdem gilt sie als „soziale Dichtung“, da sie besonders die gesellschaftliche Unterschicht und ihre Daseinsproblematik in den Blick nimmt.[4] Schriftsteller wie Johannes Schlaf, die Brüder Hart usw., waren zwar bürgerlicher Herkunft, ergriffen jedoch Partei für das Proletariat und sein Schicksal.[5] Sie stellten dessen menschenunwürdiges Dasein in ihren Gedichten dar und wurden somit auch als “Mitleidsdichter“[6] bezeichnet.

Und genau diese Behandlung „hässlicher“, die Menschen in der Großstadt bewegende Themen wie das Leben der Bewohner des Hinterhofmilieus, Prostitution, Alkoholismus soziales Elend, Krankheit, Tod usw. werden in naturalistischen Gedichten, entgegen der vorherigen Ästhetikauffassung, nur das Schöne und Harmonische in Kunstwerken abzubilden, behandelt. Muranga bringt dieses naturalistische Kunstkonzept folgendermaßen auf den Punkt:

Naturalistische Kunst sucht nicht zu verklären oder zu idealisieren, sondern die harte, hässliche erlösungsbedürftige Realität ungeschminkt darzustellen; durch sie wird weder Künstler noch Publikum erhoben oder erbaut, sondern vielmehr deprimiert.[7]

Doch wie sieht diese (ungeschminkte) Darstellung der Großstadt in naturalistischen Gedichten aus? Dazu werden im Folgenden fünf Gedichte drei verschiedener Dichter unter Betrachtung dieser Fragestellung analysiert. Der Fokus wird bewusst nicht nur auf die Gedichte eines Autors gelegt, um ein größeres Spektrum abzudecken. Zunächst werden das äußere Erscheinungsbild der Großstadt, welches in den Gedichten gezeichnet wird, betrachtet sowie Unterschiede und Gemeinsamkeiten herausgestellt. Im Anschluss daran rückt die Illustration der Menschen, die in dieser Großstadt leben, in den Mittelpunkt. Außerdem soll darauf eingegangen werden, welche Möglichkeiten in den Gedichten aufgezeigt werden, um (zumindest für kurze Zeit) gedanklich aus diesem tristen Leben in der Großstadt auszubrechen.

Da für die Analyse der historische Hintergrund der Urbanisierung von Bedeutung ist, wird dieser zu Beginn kurz erläutert.

1. Die Großstadt Mitte/Ende des 19. Jahrhunderts

Nachdem sich die Industrialisierung in England, Nord-Frankreich und Belgien schon Jahrzehnte früher durchgesetzt hatte, hielt sie während der 1840er Jahre auch in Deutschland Einzug. Die Landwirtschaft, die bis dahin dominierend gewesen war, wurde durch technologische Innovationen, aufgrund derer der Produktionssektor in den Städten wuchs, zurückgedrängt. Die neuen Fabrikstädte zeichneten sich durch Handel, Verkehr, Verwaltung und Industrie aus. Nach Ende des Krieges 1870/71 dehnten sich ehemalige Residenzstädte, so auch Berlin, in Folge des Industrialisierungsprozesses immer weiter aus. Das 19. Jahrhundert, vor allem in der zweiten Hälfte, kann also als eine Phase der „industriellen Verstädterung“ bezeichnet werden.[8] Immer mehr Menschen zogen vom Land in die Stadt, sodass sich eine gewaltige Bevölkerungsumschichtung zugunsten der Städte ergab.[9] Die Landflucht war zum einen in den Grenzen des Nahrungsspielraums auf dem Land begründet, zum anderen aber wurde die Landbevölkerung vor allem durch die Hoffnung in die Städte getrieben, sie könnten in den sich neu bildenden Industriestädten ihren Lebensstandard verbessern und die familiäre Existenz durch die besser bezahlte Arbeit in den Fabriken sichern. Ein sozialer Aufstieg der unqualifizierten Neuzuwanderer zählte jedoch eher zu den Ausnahmen.[10] Mitte des 19. Jahrhunderts gab es eine verstärkte Abwanderung der Oberschicht in bestimmte Wohnorte. Da die unteren Schichten diese großen und teuren Wohnungen jedoch nicht bezahlen konnten, wurden die Wohnungen umgebaut, sodass mehrere kleine Wohnungen für verschiedene Familien entstanden. Diese Wohnungen, in denen die „Arbeiterschaft“ mit ihren Familien überwiegend in den Randbereichen der Stadt lebte, und die in Haupt-, Quer- und Seitengebäude gegliedert waren, werden als Mietskasernenvierteln bezeichnet, in denen vier oder mehrere Personen in einem oder maximal zwei kleinen Räumen lebten.[11] Sie mussten sich mit anderen Familien Abtritt, Wasserstelle, Flur und manchmal auch die Küche teilen.[12] Außerdem gab es dort weder Gas noch elektrisches Licht, sondern nur Petroleum.[13] Ende des 19. Jahrhunderts wohnten neun Zehntel aller Berliner in solchen fünfgeschossigen Hinterhäusern.[14] In diesen Wohngegenden waren zahlreiche Industrieanlagen angesiedelt.[15] Die Hässlichkeit und der Gestank, die die Menschen tagtäglich ertragen mussten, stellten einen starken Kontrast zu ihrem früheren Leben auf dem Land dar. Die Zuwanderer aus kleineren ländlichen Provinzen empfanden dieses Leben in der Großstadt nicht nur neu oder anders, sondern oft auch unbefriedigend, da sie nicht mehr in ihrem stabilen sozialen Beziehungsnetz eingebunden waren und ökonomisches Leid ertragen mussten.[16] Das Leben der Arbeiterschaft, die von einer strahlenden Zukunft geträumt hatte, war bestimmt durch niedrige Löhne, Arbeitslosigkeit, Krankheiten wegen mangelhafter sanitärer Zustände und schlechter ärztlicher Versorgung.[17] Da die Menschen in den Mietskasernen so dicht zusammenleben mussten und oft auch noch Untermieter beherbergten, um sich etwas dazuzuverdienen, war ein Familienleben in einem in sich geschlossenen familiären Innenraum kaum möglich.[18] Die Außenwelt, die äußeren Umstände, beeinflussten also massiv auch das Innenleben der Menschen, was Heinrich Zille wie folgt ausdrückt: „Man kann einen Menschen mit einer Wohnung genauso gut totschlagen wie mit einer Axt, es dauert nur etwas länger“[19].

2. Darstellung der Großstadt in naturalistischen Gedichten

2.1 Das äußere Erscheinungsbild der Großstadt

Bei erster Betrachtung fällt auf, dass einige Aspekte der Großstadt in mehreren der untersuchten Gedichte aufgegriffen werden und somit sehr typisch für die damalige Großstadt sind.

In dem Gedicht „Entzauberung“[20] von Bruno Wille sowie in seinem Gedicht „Straße“[21] werden die Mietskasernen als „Häuserwall“ bezeichnet. Durch diesen Neologismus, der eine Verbindung zu den Wallanlagen, die früher zur Befestigung von Städten dienten, herstellt, erscheinen die Häuser als eine Art Aneinanderreihung von Mauern. Dazu passt auch die Bezeichnung der „steinerne[n] Schlucht“[22], die die Enge, die durch die Häuser entsteht, verstärkt. Man kann sich genau vorstellen, wie man durch die Straße geht, die links und rechts von Häusern begrenzt ist. Dieses entstandene Bild wird durch weitere Beschreibungen in „Entzauberung“ komplettiert. Mit Hilfe der Alliteration „fünfgezeilte(…) Fenster(…)“[23] wird das Augenmerk auf den Aspekt gelegt, der die Mietskasernen auszeichnet: der fünfstöckige Bau. Dieser wird auch in „Phantasus“[24] von Arno Holz erwähnt[25]. Die Höhe der Häuser fällt wohl bei der Betrachtung der Großstadt Mitte/Ende des 19. Jahrhunderts besonders ins Auge, da sie sowohl in „Entzauberung“ als auch in „Phantasus“ gleich zu Anfang erwähnt und mit Hilfe des Stilmittels der Hyperbel hervorgehoben wird. So stößt das Dach der in „Phantasus“ beschriebenen Mietskaserne „fast bis an Sterne“[26]. Bruno Wille nutzt als Hyperbel den Neologismus[27] „riesenbreit“[28], der sich als Kompositum aus zwei Adjektiven zusammensetzt, wobei das erste das zweite näher beschreibt. Während sich die Hyperbel in „Phantasus“ auf die Höhe bezieht, weißt der Vergleich mit einem Riesen auf die unglaubliche, unüberblickbare Größe der Stadt, im Sinne der räumlichen Ausdehnung hin. Auch in „Entzauberung“ wird die Höhe mit einbezogen, da die Stadt „vielgezackt zum Wolkengrau gereckt“[29] ist. Das Adjektiv vielgezackt umschreibt hier die Dächer, die in „Phantasus“ explizit benannt sind. In beiden Gedichten ist ein Element des Himmels gewählt, dem sich die Häuser entgegenrecken[30] bzw. daran stoßen[31], wobei Sterne positiver konnotiert sind als das Wolkengrau, bei dem durch das Farbadjektiv grau eine getrübte Stimmung mitschwingt. Diese negative Atmosphäre dominiert in der Darstellung der Großstadt in allen fünf Gedichten und wird vor allem anhand vieler Adjektive spürbar. Auffällig ist dabei, dass nicht verschiedene Adjektive mit negativer Konnotation eingesetzt werden, sondern mehrere Überschneidungen auftauchen. Das Bild der Großstadt stellt sich also so ähnlich dar. Das Adjektiv düster, welches man in „Entzauberung“[32] gleich dreimal findet, wird auch in „Straße“[33] und „Auf der Fahrt nach Berlin“[34] gewählt. Mit einer Klimax von düster über trüb bis hin zum Komparativ trüber[35] in „Auf der Fahrt nach Berlin“ wird die vorherrschende Atmosphäre noch verstärkt. Weitere Adjektive, die das Erscheinungsbild der Stadt unterstreichen sind z.B. stumpf[36] [37], bleiern[38] [39], fahl[40], rußig[41], dunstig[42], matt[43], dumpf[44], bleich[45]. Als Farben dominieren Grau[46] [47] und Schwarz[48] [49], die den finsteren Eindruck unterstreichen. Diesem wird in „Entzauberung“ durch eine ans Ende gestellte asyndetisch gebaute Klimax Nachdruck verliehen: „Schwarz und kalt und tot“[50].

Neben den bereits erwähnten Mietskasernen prägen vor allem die vielen Fabriken, die im Zuge der Industrialisierung entstanden sind, das Bild der Großstadt. In „Phantasus“ werden die Geräusche der Fabrik mit einbezogen. Durch die Onomatopoesie „stampfte“[51] wird vernehmbar, von welcher Geräuschkulisse die Stadt umgeben ist. Sowohl in „Straße“ als auch in „Entzauberung“ wird für die großen Schornsteine der Fabriken das Wort Schlot verwendet,[52] wobei der aus den Schornsteinen hervorgebrachte rußig bleierne Dunst[53] in „Entzauberung“ als „Ausgeburt“[54] bezeichnet wird. Im wörtlichen Sinne bedeutet das Substantiv Ausgeburt lediglich Produziertes oder Hervorgebrachtes. Setzt man es jedoch in Bezug zum Ausspruch „Ausgeburt der Hölle“[55] aus dem „Zauberlehrling“ von Goethe, erhält es einen negativ besetzten Charakter. In den anderen Gedichten werden Worte wie „schwarze[r] Rauch“[56], „rauchgeschwärzt“[57] „Dampf“, „Qualm“[58], gewählt, um explizit das zu bezeichnen, was die Fabriken erzeugen. Anhand der Verben emporstoßen[59] und emporwallen[60], die eine gewisse Kraft ausstrahlen, wird eine Eigendynamik spürbar, die von den Fabriken ausgeht. Ihr Rauch ist überall in der Stadt zu sehen, da er in Richtung Himmel gestoßen wird.

In „Entzauberung“ wird durch die Hyperbel der „hunderttausend Tagwerke“[61] auf die große Fülle an Fabriken aufmerksam gemacht. Im weiteren Verlauf werden zwei dieser Fabriken näher in den Blick genommen. Sie besitzen schmutzigrot[e] (…) Mauern“[62]. Auch in „Großstadtmorgen“[63] wird auf den Schmutz in der Stadt hingewiesen.[64] Die Personifikation der Fabriken in „Entzauberung“, die „kauern“[65] drückt die Enge aus, die in der Stadt herrscht. Die Fabriken stehen nicht stolz dort, sondern sind sehr dicht aneinander gedrückt. Doch nicht nur hier herrscht die Enge vor, sondern auch innerhalb der Mietskaserne, die in „Phantasus“ beschrieben wird. Deren „Stübchen“ besteht nur aus einem „Tischchen“ und einem „schmale[n] Bett“[66]. Durch die Deminutive wird die Enge und Kleinheit des Raumes und des Mobiliars noch einmal unterstrichen.

2.2 Die Menschen in der Großstadt

So wie das Bild der Stadt in den Gedichten gezeichnet wird, ist es kaum vorstellbar, dass sich Menschen dort wohlfühlen können. Im Folgenden sollen nun deswegen die Menschen und deren Gefühle näher in den Blick genommen werden.

Auffällig ist, dass die Stadt und die darin lebenden Menschen in den Gedichten „Entzauberung“ und „Straße“, beide von Bruno Wille, aus der Ferne beobachtet werden und somit ein Gesamtbild gezeichnet wird. Um diese Wirkung zu erzielen, bedient er sich des Demonstrativadverbiums „dort“[67] als lokale Deixis. In beiden Gedichten steht außerdem nicht die Charakterisierung einzelner Individuen, sondern die Darstellung des Kollektivs, vor allem der Arbeiterschicht, im Mittelpunkt, um so das Elend der unteren Schicht hervorzuheben. Die große Masse an Arbeitern, die täglich in den Fabriken bis zur Erschöpfung arbeiten muss, wird in „Straße“ anhand des vorangestellten Adjektivs „viel“[68] deutlich. Für die Arbeiter wird hier der Neologismus „Blusenmänner“[69] verwendet, der auf die Uniformität hinweist, während sie in „Entzauberung“ explizit als „Arbeitsvolk“[70] bezeichnet werden. Anhand des Kompositums „arbeitsmatte“[71] wird die Ermüdung, Kraftlosigkeit und Zerschlagenheit der Arbeiter spürbar. Auch in „Entzauberung“ bewegt sich der „lange(…) Zug“ der Arbeiter nur stetig fort, worauf das Verb rinnen[72] hindeutet.[73] Die Menschen bewegen sich in großer Menge fließend zur Stadt, auf die zunächst wieder nur mit einem deiktischen Zeichen („dahin“) referiert wird.

Außer der Betrachtung der Arbeiter rückt in diesem Gedicht, vor allem zum Ende hin, das Elend der unteren Schicht, für die das pars pro toto „arme Menschenseelen“[74] steht, in den Mittelpunkt. Ihr Leiden wird sehr drastisch durch den Gebrauch des Verbs „foltern“[75] dargestellt, da diese Misshandlung, Peinigung usw. impliziert. Durch eine syndetische Aneinanderreihung von Qualen, Entbehrungen und Beschwerden, die die Menschen tangieren, wie „Dürsten und Fasten“[76] oder „unmenschliche Lasten“[77], wird ihrer erbärmlichen Lage Nachdruck verliehen. Den einzelnen Arten des Leidens wird jedoch immer die Präposition „mit“ vorangestellt, sodass zu einem Leiden, welches alleine schon schlimm genug wäre, immer noch ein Neues hinzugefügt wird und das Ausmaß an Elend so noch größer erscheinen lässt. Die Armut, die auf faulem Stroh kauert[78], wird personifiziert und steht als Metapher für die Menschen in Not, die aufgrund der Lebensverhältnisse auch noch von Krankheit heimgesucht werden.[79] Die Menschen, für die ein weiteres pars pro toto, nämlich das Auge angeführt wird[80], sind hilflos und suchen nach Orientierung. Diese Orientierungslosigkeit aufgrund dieser schlechten Verhältnisse strahlt das Verb irren[81] aus. Die Hände suchen bildlich gesehen mit aller Kraft irgendwo nach Halt.[82] Die Sorge der Menschen wird durch den Neologismus „fledermausig“ charakterisiert, wodurch zum Ausdruck gebracht wird, dass es keinen Ausweg aus ihrer Situation gibt, da die Sorge sich wie eine Fledermaus immer im Kreis bewegt, also immer präsent ist.

Ebenso sind in dem Gedicht „Straße“ von Bruno Wille die Menschen von Sorgen und Nöten geplagt. Um ihr Schicksal darzustellen, wird hier das Bild des Meeres und des Schiffes genutzt, welches sich allegorisch wie ein roter Faden durch die ersten drei Strophen zieht. Menschen werden hier mit Wellen verglichen, die an die Klippen in einer Meeresbucht „branden“[83], wobei die Onomatopoesie „klippige"[84] ein Bild von glitschigen Steinen wachruft. Im übertragenen Sinne sind die Menschen also durch die Großstadt Getriebene, von ihr mit einer derartigen Wucht mitgerissen, sodass sie keinen Halt mehr finden können.

Außer der Orientierungslosigkeit der Menschen, die auch in „Entzauberung“ Erwähnung findet, wird in diesem Gedicht noch einmal ein anderer Aspekt beleuchtet. Hier steht der Egoismus der Menschen in der Großstadt im Mittelpunkt. Jeden „kümmert nur seine Not“[85], wie es in dem Gedicht heißt. Um diese Rücksichtslosigkeit zu verdeutlichen, wird der Vergleich mit einem sinkenden Schiff gewählt, bei dem auch jeder nur noch um sein eigenes Überleben kämpft.[86] Diese Metapher des Schiffes wird weitergeführt, indem ein Bettler, der am „Bürgersteig(…) kauert“[87], mit einem „Wrack“ „am Felsenriff“[88] verglichen wird, also deutlich sichtbare Zeichen des Verfalls zu erkennen sind. Genau wie die personifizierte Armut oder die Fabriken in „Entzauberung“ kauert auch er, wodurch seine niedergeschlagene, elende Stimmung vernehmbar ist. Dieser Traurigkeit und Resignation wird weiterhin dadurch, dass sein Kopf „vorgesunken“[89] ist, Nachdruck verliehen. Der Bürgersteig, auf dem der Obdachlose kauert, wird mit dem vorangestellten Adjektiv „glatt(…)“[90], beschrieben. Der glatte Bürgersteig kann als Oberfläche gesehen werden, die dem Mann keinen Halt gibt, so wie er in seinen Mitmenschen keinen Halt finden kann.

Obwohl hier nur das Schicksal eines einzelnen Bettlers betrachtet wird, lässt seine Situation auf viele andere Obdachlose in der damaligen Großstadt schließen. Durch die Fokussierung auf eine Person wird es jedoch möglich, sich in seine Lage zu versetzen und Mitgefühl zu entwickeln.

Die soziale Differenz zwischen Bildungsbürgertum und den unteren Schichten wie Arbeitern, Obdachlosen usw. wird in diesem Gedicht besonders sichtbar. Während im Leben des Bettlers, ausgedrückt durch das Verb „kauert“[91], ein Stillstand erreicht ist, herrscht um ihn herum eine Dynamik, ein „Treiben“[92]. Durch die Synästhesie „blicken kalt“[93], in der die Wahrnehmungsbereiche Sehen und Fühlen verknüpft sind, wird die Reaktion der Menschen deutlich. Sie bemerken den Bettler auf dem Bürgersteig zwar, entwickeln jedoch kein Mitgefühl für ihn. Das wohlhabende Bildungsbürgertum wird auch durch die Beschreibung des Handelshauses, dessen „Fensterrreihe (…) noch vom Gaslicht grell erhellt“[94] ist dargestellt. Diese äußere Schilderung sagt etwas über die Menschen aus, die in diesem Haus leben, da sich untere Schichten nur Petroliumlampen leisten konnten, wohingegen es in diesem Haus Gaslicht gibt. Die Kluft zwischen den Schichten in der Bevölkerung wird auch anhand der kontrastreichen Wortwahl zum Ausdruck gebracht. So werden die Menschen als „Leute“[95] oder sogar „würdige Bürger“[96] bezeichnet, während für den Bettler Begriffe wie „Wrack“[97], „Gestalt“[98] oder „Lump“[99] genutzt werden. Auch die Verben, die die Handlungen der Menschen beschreiben, könnten gegensätzlicher nicht sein: Der schreitende würdige Bürger[100] gegenüber dem kauernden Bettler[101]. Diese Differenzen zwischen den Menschen in der Großstadt werden so schnell nicht aufgehoben werden, worauf das Ende des Gedichts hinweist. Der Bürger, der den Bettler am Straßenrand zwar wahrnimmt, unternimmt nichts, um etwas gegen das Elend zu tun, sondern geht zu „Bier und Politik“[102] über.

[...]


[1] Vgl. Stöckmann 2011, S.24 f.

[2] Die Expressionisten griffen das Sujet der Großstadt ebenfalls in ihrer Lyrik auf. Die Großstadt war für die Expressionisten jedoch „kein Gegenstand sozialen Interesses mehr“(Lamping 1998, S.161). Vielmehr verlagerten sie ihre Konzentration von der Darstellung des Großstadtlebens als Empörung über das Elend und das Erregen von Mitleid auf eine metaphysische Ebene, um ihre (Welt-)Untergansvisionen auszudrücken (vgl. Lamping 1998, S.161 f.).

[3] Sprengel 1998, S.24.

[4] Vgl. Rothe 1973, S.6.

[5] Vgl. Rothe 1973, S.9

[6] Rothe 1973, S.9.

[7] Muranga 1987, S.106.

[8] Vgl. Laux 1983, S.65.

[9] Vgl. Reulecke 1985, S.68.

[10] Vgl. ebd. S.71.

[11] Vgl. Reulecke 1985, S.94 ff.

[12] Ebd. S.105.

[13] Vgl. Orb 1957, S.3.

[14] Vgl. ebd. S.5.

[15] Vgl. Orb 1957, S.5 f.

[16] Vgl. Rothe 1973, S.5.

[17] Vgl. ebd. S.9.

[18] Vgl. Reulecke. 1985. S.105.

[19] Orb 1957, S.6.

[20] siehe Anhang, Anlage 1: Entzauberung von Bruno Wille.

[21] siehe Anhang, Anlage 2: Straße von Bruno Wille.

[22] Ebd. V.2.

[23] Vgl. ebd. V.10.

[24] siehe Anlage 3: Phantasus von Arno Holz.

[25] Vgl. ebd. V. 7.

[26] Phantasus. V.1.

[27] Viele Neologismen deuten darauf hin, dass wegen der neuen Umstände, die die Industrialisierung mit sich bringt, neue Ausdrucksformen notwendig sind (vgl. Stöckmann 2011, S.83.).

[28] Entzauberung. V.1.

[29] Ebd. V.2.

[30] Vgl. ebd. V.2.

[31] Vgl. Phantasus. V.1.

[32] Vgl. Entzauberung. V. 8, 39, 63.

[33] Vgl. Straße. V.1.

[34] Vgl. siehe Anhang, Anlage 4. Auf der Fahrt nach Berlin von Julius Hart. V.36.

[35] Vgl. ebd.

[36] Vgl. Entzauberung. V.10.

[37] Vgl. Großstadtmorgen. V.7.

[38] Vgl. Auf der Fahrt nach Berlin. V.28.

[39] Vgl. Entzauberung. V.5.

[40] Vgl. ebd. V.3.

[41] Vgl. ebd. V.5.

[42] Vgl. Straße. V.23.

[43] Vgl. Großstadtmorgen. V.1.

[44] Vgl. ebd. V.9.

[45] Vgl. Auf der Fahrt nach Berlin. V.28.

[46] Vgl. Entzauberung. V.2.

[47] siehe Anhang, Anlage 4: Auf der Fahrt nach Berlin von Julius Hart. V.18.

[48] Vgl. ebd. V.26, 35.

[49] Vgl. Straße. V.35.

[50] Entzauberung. V.66.

[51] Phantasus. V.2.

[52] Vgl. Straße. V.34, Entzauberung. V.6.

[53] Vgl. Entzauberung. V.5.

[54] Ebd. V.6.

[55] Goethe. 2012.

[56] Straße. V.35.

[57] Auf der Fahrt nach Berlin. V.35.

[58] Ebd. V.26.

[59] Vgl. Straße. V.34.

[60] Vgl. Auf der Fahrt nach Berlin. V.26.

[61] Entzauberung. V.3 f.

[62] Ebd. V.12.

[63] siehe Anhang, Anlage 5: Großstadtmorgen von Arno Holz.

[64] Vgl. ebd. V.4.

[65] Entzauberung. V.13.

[66] Phantasus. V.13 f.

[67] Entzauberung. V.1, 9; Straße. V.21.

[68] Straße. V.33.

[69] Ebd. V.33.

[70] Entzauberung. V.16.

[71] Straße. V.33.

[72] Vgl. Entzauberung. V.15.

[73] Auch in einem von Wilhelm Bölsche „Die Mittagsgöttin“ von 1891 wird, wie es Christoph Forderer in seiner Analyse darlegt, dieser endlose Zug der Arbeiter beschrieben (vgl. Forderer 1992, S.43 f.).

[74] Ebd. V.42.

[75] Ebd.

[76] Ebd. V.43.

[77] Ebd. V.44.

[78] Vgl. ebd. V.45.

[79] Vgl. ebd. V.46.

[80] Vgl. ebd. V.67,

[81] Vgl. Entzauberung. V.47.

[82] Vgl. ebd. V.48.

[83] Straße. V.3.

[84] Ebd. V.4.

[85] Ebd. V.7.

[86] Vgl. ebd. V.8 f.

[87] Ebd. V.11.

[88] Ebd. V.11 f.

[89] Ebd. V.13.

[90] Ebd. V.11.

[91] Straße. V.11.

[92] Ebd. V.17.

[93] Ebd.

[94] Straße. V.26 f.

[95] Ebd. V.16.

[96] Ebd. V.36.

[97] Ebd. V.12.

[98] Ebd. V.19.

[99] Ebd. V.37.

[100] Vgl. ebd. V.36.

[101] Vgl. ebd. V.11.

[102] Ebd. V.39.

Ende der Leseprobe aus 30 Seiten

Details

Titel
Darstellung der Großstadt in naturalistischen Gedichten
Hochschule
Universität Koblenz-Landau  (Germanistik)
Veranstaltung
Naturalismus
Note
2,0
Autor
Jahr
2015
Seiten
30
Katalognummer
V305328
ISBN (eBook)
9783668033009
ISBN (Buch)
9783668033016
Dateigröße
532 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Naturalismus, Großstadt, Großstadtlyrik
Arbeit zitieren
Melissa Staudt (Autor), 2015, Darstellung der Großstadt in naturalistischen Gedichten, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/305328

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