Warum werden Kinder zu Pflegekindern? Die Gründe für das elterliche Versagen bei der Erziehung


Forschungsarbeit, 2014
25 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Projektfindung und Forschungsstand
2.1 Pflegekinder in Sachsen
2.2 Vorstellung des Forschungsprojektes

3 Methodisches Vorgehen
3.1 Auswertungsmethode
3.2 Forschungsverlauf
3.3 ursprüngliche Vorgehensweise

4 Auswertung und Ergebnisse des Forschungsprojektes
4.1 Der Ansatz
4.1.1 Die Leitfragen
4.2 Das Pflegekind
4.2.1 Das Transkript
4.2.2 Das Interview mit Hanna Blum
4.3 Die Herkunftseltern
4.3.1 Das Transkript
4.3.2 Familie Müller/Lohse
4.3.3 Frau Grigat
4.3.4 Familie Liebl/Kaiser
4.4 zentrale Ergebnisse
4.5 Eindrücke des Forschungsprojektes

5 Literatur

1 Einleitung

Die Zahl der Pflegekinder in Deutschland steigt seit Jahren kontinuierlich an. Zum einen werden die betroffenen Kinder aus ihren gewohnten familiären Strukturen he- rausgerissen und zum anderen bedeuten die steigenden Zahlen der Inobhutnahmen eine enorm hohe finanzielle Mehrbelastung für den Staat. Doch auch weitere wesent- liche Faktoren spielen bei dem Thema Pflegschaft eine große Rolle, denn nicht jedes Pflegekind findet eine liebevolle Pflegefamilie. Nur wenn auch die Zahl der Pflegefa- milien steigt, kann eine familiäre Unterbringung für die betroffenen Pflegekinder, oder auch Mündel genannt, gewährleistet werden. Dazu kommt eine Vielzahl an Proble- men, die berücksichtigt werden müssen, da „Kinder und Jugendliche […] ein Recht auf Förderung und auf Erziehung zu einer eigenverantwortlichen und gemeinschafts- fähigen Persönlichkeit [haben].“ (§ 1 SGB VIII) Somit wird immer versucht zugunsten des Kindes zu handeln und dabei sollen unnötige „Übergangsunterbringungsmög- lichkeiten“ vermieden werden. Im günstigsten Fall soll das Kind nach der Perspektiv- klärung seine endgültige Unterbringung erhalten. Pflege und Erziehung sind das na- türliche Recht der Eltern und die zuvörderst obliegende Pflicht gemäß Artikel 6 GG i.V. mit § 1 SGB VIII. Über ihre Betätigung wacht die staatliche Gemeinschaft. Die Aufgabe des Jugendamtes ist es, den Schutz eines jeden Kindes sicherzustellen. Überdies muss es in diesem Zusammenhang seiner Kontrollfunktion nachgehen, denn nicht alle Eltern sind in der Lage ihren Kindern ein harmonisches und ange- messenes Leben sowie eine altersentsprechende Entwicklung und Förderung zu er- möglichen (vgl. Art. 6 GG). Bereits im Laufe der Menschheit kam es gelegentlich zu Vorkommnissen und Begebenheiten, in denen Kinder ihrer Selbstständigkeit und Le- bensbedingungen, in welche sie hineingeboren wurden, beraubten und ein Leben in der Herkunftsfamilie schier unmöglich machte (vgl. Blandow, 2004, S. 19). Und seit- dem Inobhutnahmen und die daraus entstandenen Fremdunterbringungen als staat- liche Maßnahmen und Aufgaben angesehen und durchgeführt werden, wird die Be- treuung und Erziehung der Pflegekinder, in den seltensten Fällen von anderen Fami- lienangehörigen oder Verwandten übernommen. Falls das zuständige Jugendamt eine Fremdunterbringung nach § 33 SGB VIII als notwendig erachtet, wird einer Vermittlung in eine Pflegefamilie nachgegangen. Dies geschieht sobald die leiblichen Eltern nicht mehr in der Lage sind ihre Kinder angemessen zu erziehen und zu ver- sorgen (vgl. Stadt Chemnitz Amt für Jugend und Familie, 2011, S.4).

Aus welchen Gründen versagen Eltern bei der Erziehung und machen aus ihren Kindern Pflegekinder?

Doch wer sich mit den Entstehungsbedingungen von Kindeswohlgefährdung bzw. - vernachlässigung und der damit verbundenen Inobhutnahmen der Kinder durch das Jugendamt gründlich und effektiv auseinandersetzen will, muss sich ebenso mit der Lebenssituation der Herkunftsfamilien auseinandersetzen. Nur wer sich mit der Ursa- che eines Problems beschäftigt, findet auf lange Dauer eine passende und aus- sichtsreiche Lösung.

In dem vorliegenden Forschungsprojekt werden verschiedene Gründe aufgezeigt, weshalb Eltern bei der Erziehung ihrer Kinder versagen und diese somit zu Pflege- kindern machen. Um die Ursachen herauszufinden und zu belegen, wurden Inter- views mit Herkunftseltern, Pflegekindern sowie Mitarbeitern des Pflegekinderdienstes geführt. Alle geführten Gespräche fanden im Rahmen des Forschungsprojektes des Studienschwerpunktes Allgemeine Erziehungswissenschaften an der Technischen Universität Chemnitz statt.

2 Projektfindung und Forschungsstand

Durch ein bereits absolviertes Pflichtpraktikum im Amt für Jugend und Soziales im Bereich des Pflegekinderdienstes und der Adoptionsvermittlung lag der Entschluss nahe, dass sich die erworbenen Kenntnisse sowie Erfahrungen und vor allem die bestehenden Kontakte als eine fundierte Grundlage für ein realisierbares Forschungsprojekt erweisen.

Die zuständigen Sozialarbeiter des Pflegekinderdienstes haben den wesentlichen Arbeitsauftrag, geeignete Pflegefamilien für die, meist vom Kinderschutzdienst, in Obhut genommenen Mündel zu gewinnen. Diese interessierten Pflegefamilien werden nach eingehender Prüfung in Form von Lehrgängen qualifiziert und mittels Hilfeplangesprächen begleitet.

Um den Anforderungen der Jugendhilfe der heutigen Zeit gerecht zu werden und sämtliche Gefährdungen von Kindern, Jugendlichen und deren Herkunftsfamilien zu verhindern, ist es zwingend erforderlich den sich immer weiter wandelnden Lebens- bedingungen oder auch -verhältnissen der Gesellschaft zu begegnen und auf diese entsprechend zu reagieren. Im Vergleich zum vorherigen Jahrhundert stellt das Zu- sammenleben verschiedener Generationen derweil eine Seltenheit dar, während das Leben in Patchworkfamilien, als Single oder auch allein erziehenden Elternteilen in der heutigen Gesellschaft vermehrt anzutreffen ist. Diesen Veränderungen gilt es zu begegnen um neben den Vorstellungen der Menschheit auch den staatlichen Funk- Aus welchen Gründen versagen Eltern bei der Erziehung und machen aus ihren Kindern Pflegekinder? tionen gerecht zu werden. Damit Familien, die in erschwerten, problematischen oder gar umstrittenen Lebenssituationen aufgewachsen sind, einen geeigneten Weg fin- den gemeinsam mit ihren Kindern leben zu dürfen, ist es dringend notwendig diesen Menschen Ratschläge, Hilfeleistungen sowie Unterstützung zu bieten und zu gewäh- ren. Dabei ist das Prinzip der Subsidiarität stets zu beachten, die Familie in ihrer Ei- genständigkeit zu stärken und lediglich so viel wie nötig, zugleich aber so wenig wie möglich institutionell zu beeinflussen (vgl. Stadt Chemnitz Amt für Jugend und Fami- lie, 2011, S. 4ff.).

Aufgrund der steigenden Zahl an Pflegekinder, die beispielsweise in der Stadt Chemnitz zu verzeichnen ist, ist trotz einer Vielzahl an Interessenten und Bewerbern, ein notweniges Gleichgewicht momentan nicht zu erreichen. (Die Stadt Chemnitz betreute im vergangenen Jahr 164 Pflegekinder, 142 Pflegefamilien und 7 Familien, die für Bereitschaftssituationen zur Verfügung standen (Stand 15.07.2013) Vergleich zum Jahr 2005, in dem 98 Pflegefamilien 109 Pflegekinder betreut wurden) Da jedes Kind das Recht auf ein harmonisches Familienleben hat, sollten zwangsläufig die Ursachen der Inobhutnahme erforscht werden. Auf dieser Grundlage wäre eine Zusammenarbeit aller beteiligten Personen sinnvoll.

2.1 Pflegekinder in Sachsen

Die Entstehung des Pflegekinderwesens in Sachsen ereignete sich bereits vor 23 Jahren und wurde voller Hoffnung und Euphorie ersehnt. Alle Beteiligten waren da- von überzeugt, dass jedes Kind die Chance haben soll in einer Familie aufzuwach- sen. Aus diesem Grund schlossen sich, aufgrund mangelnder Erfahrungen, sowohl die Pflegeeltern als auch die Sozialarbeiter bzw. Fachkräfte der Jugendämter part- nerschaftlich zusammen um voneinander zu lernen. Auch erste Schwierigkeiten, die durch die verschiedenen Sichtweisen und Aufgaben entstanden, wurden mit dem Zusammenschluss von Vereinen, Gruppen und gar dem Landesverband entgegen- gewirkt. Dabei stellten sich erste Rückschritte heraus, die sich in Form von Klagen, Forderungen und Protesten seitens der Pflegefamilien äußerten. Aus der Zusam- menarbeit wurde über die Jahre hinweg eine zweigeteilte Vorgehensweise. Bereits in einigen Teilen des Freistaates kam es zu drastischen Wandlungen der Rahmenbe- dingungen, in denen die Fachkräfte des Pflegekinderwesens sich gegen das Werben neuer Pflegeeltern aussprechen. Doch Einigkeit aller Fachkräfte herrscht dahinge- Aus welchen Gründen versagen Eltern bei der Erziehung und machen aus ihren Kindern Pflegekinder? gen, dass jedes Kind das Recht hat in einer Familie sowie in einem geschützten Umfeld aufzuwachsen (vgl. Pflegefamilien in Sachsen, 2010, S 4f.).

Aus diesem Grund setzen wir uns in diesem Forschungsprojekt mit dem ursprüngli- chen Problem einer Fremdunterbringung nach § 33 SGB VIII auseinander. Nur wenn die Ursachen für Inobhutnahmen gefunden werden, können Lösungen entwickelt werden, die sowohl die finanziellen Staatsausgaben als auch das Werben der Pfle- geeltern minimieren soll. Dabei liegt das Augenmerk darauf, dass die Kinder weiter- hin bei ihren Herkunftsfamilien leben und aufwachsen dürfen, um somit die Abhän- gigkeit der Pflegeeltern seitens der Jugendämter auf ein Mindestmaß zu beschrän- ken.

2.2 Vorstellung des Forschungsprojektes

Aufgrund der steigenden Zahl an Pflegekindern in Deutschland, sollen die Gründe für das Versagen der elterlichen Erziehung beleuchtet und somit die Ursachen einer Fremdunterbringung des Kindes seitens des Jugendamtes aufgezeigt werden. „Personensorgeberechtigte haben einen Anspruch auf Hilfe zur Erziehung, wenn sie innerhalb ihrer Familie die Erziehung und Betreuung des Kindes nicht gewährleisten können und die Hilfe geeignet und notwendig ist.“ (Stadt Chemnitz Amt für Jugend und Familie, 2011, S.4)

Es soll Aufgabe der Sozialarbeiter sein ein besonderes Augenmerk auf Familien in Brennpunkten zu legen, um eine kindgemäße Erziehung und Förderung eines jeden Individuums sicherzustellen. Dabei ist eine unterstützende Beratung und Betreuung der Problemfamilien unausweichlich. Um aus Fehler lernen zu können, sollte ge- meinhin gefordert werden, dass den Eltern ihre unpassenden erzieherischen Fähig- keiten vor Augen geführt werden und zudem sollen sie gemeinsam mit den Fachkräf- ten des Jugendamtes darauf hinarbeiten ausreichend und selbstständig für ihre Kin- der zu sorgen (vgl. ebd. S. 4f.).

Doch welche Fehler von Seiten der Eltern führen überhaupt dazu, dass es zu Inob- hutnahmen der Kinder kommt? Es bedarf daher einer entsprechenden Zuarbeit in Form von Familienhelfern oder richterlich bestellten Betreuern. Diese Sozialarbeiter sollten in der Lage sein, Probleme und erste Anzeichen von Fehlverhalten zu erken- nen, das gewünschte Verhalten und gegebenenfalls Handlungsalternativen aufzu- zeigen und pädagogisch sinnvoll damit umzugehen. Denn erfahrungsgemäß sind Eltern aus sozial schwachen Milieus nicht in der Lage fehlerhaftes Verhalten zu er- Aus welchen Gründen versagen Eltern bei der Erziehung und machen aus ihren Kindern Pflegekinder?

kennen, da sie meist selbst aus sozialschwachen Familien stammen und die Erziehung und Förderung an ihre Kinder in der Art weitergeben, wie sie es vorgelebt bekommen haben. In der Regel haben die betroffenen Personen, in diesem Fall die leiblichen Eltern, eine komplett andere Sicht, was das Kindeswohl ausmacht, da dieses Verhalten auch die eigene Kindheit prägte.

Das vorliegende Forschungsprojekt soll Gründe für das Versagen der elterlichen Erziehung beleuchten und darauf eingehen inwieweit zugunsten des Wohles der Kinder gehandelt wird. Überdies werden die Zusammenarbeit der Herkunftseltern mit den Sozialarbeitern sowie mögliche Hilfestellungen seitens des Jugendamtes in den Blick genommen. Dabei soll in Betracht gezogen werden, inwieweit die Eltern bereit sind aus ihren Fehlern zu lernen und vor allem ob sie den Willen haben ihre Kinder wieder in den Haushalt aufnehmen zu dürfen.

3 Methodisches Vorgehen

Bei dem methodischen Vorgehen beziehen wir uns im Folgenden auf die Auswertungsmethode, der sogenannten qualitativen Inhaltsanalyse, dem Forschungsverlauf und den aufgetretenen Problemen. Zudem gehen wir auf die ursprüngliche Vorgehensweise des Forschungsprojektes ein.

3.1 Auswertungsmethode

Die ausgewählte qualitative Inhaltsanalyse ist eine Auswertungstechnik, welche die Form der Datenanalyse und Textinterpretation einschließt. In diesem Forschungspro- jekt ist das Ziel der Inhaltsanalyse, die Gesprächsinhalte der Interviews im Hinblick auf die wesentlichsten Aussagen, die zur Klärung der Forschungsfrage dienen, zu untersuchen. Eine eindeutige Definition der Inhaltsanalyse ist aufgrund der verschie- denen Ansätze nicht möglich. Außerdem setzt sich die Inhaltsanalyse nicht mehr vor- rangig mit der Analyse von Kommunikationsinhalten auseinander. Auch der Mitbeg- ründer der qualitativen Inhaltsanalyse, Philipp Mayring, stellt in seinem Buch „Quali- tative Inhaltsanalyse“ sieben verschiedenartige Begriffsdefinitionen zur Inhaltsanaly- se dar, was eine eindeutige Begriffserklärung nicht einfach macht (vgl. Mayring, 2000, S. 3ff.).

Da bei der Inhaltsanalyse Merkmale wie beispielsweise Sprache oder Musik übertra- gen werden, ist die Kommunikation von großer Bedeutung. Dabei wird die Kommuni-

Aus welchen Gründen versagen Eltern bei der Erziehung und machen aus ihren Kindern Pflegekinder? kation aufgezeichnet und protokolliert bzw. transkribiert und somit fixiert. Außerdem ist es zwingend erforderlich strukturiert und systematisch bei der Analyse vorzugehen und sich gleichzeitig an explizite Regeln zu halten. Zusätzlich werden bei der Inhaltsanalyse Beziehungen oder aber auch Rückschlüsse auf gewisse Aspekte sowie Zusammenhänge gezogen (vgl. Mayring/Brunner, 2009, S. 671).

Die qualitative Inhaltsanalyse, die in diesem Forschungsprojekt Anwendung fand, zieht das Individuelle in Betracht und schließt somit vom Einzelnen zum Allgemeinen, welche die Vielschichtigkeit des Untersuchungsgegenstandes berücksichtigt. Bei die- ser Form der Analyse werden Folgen sowie Ergebnisse aus Einzelfallstudien be- trachtet. Die qualitative Inhaltsanalyse macht es möglich, die für das Forschungspro- jekt relevanten und erforderlichen Einzelfaktoren aufzuzeigen und zu belegen, so- dass Annahmen überprüft und bestätigt werden konnten (vgl. Ramsenthaler, 2013, S.23ff.).

3.2 Forschungsverlauf

Aufgrund des absolvierten Praktikums im Amt für Jugend und Soziales fand das ers- te Treffen, bei welchem wir unsere ersten Ideen und Vorstellungen den Mitarbeiterin- nen des Pflegekinderdienstes bekannt gaben, ohne große Aufwände statt. Während einer Diskussionsrunde mit den Sozialarbeitern des Pflegekinderwesens und des Allgemeinen Sozialdienstes weckten wir bei allen Teilnehmern großes Interesse, da es verhältnismäßig wenig Untersuchungen oder Projekte zu Herkunftsfamilien im Allgemeinen gibt. Meist werden Forschungen oder Recherchen zu Pflegefamilien unternommen, um das Wohl des Kindes zu verbessern. Aus diesem Grund stimmten alle Mitarbeiter der Befragung von Herkunftseltern zu, weil in der Vergangenheit oft- mals die Herkunftseltern nicht ausreichend in das Pflegeverhältnis mit einbezogen wurden (vgl. Faltermeier, 2001, S. 21).

Dabei entstand die Idee vor allem jene Familien zu kontaktieren, bei denen die Kin- der aufgrund eingehaltener Veränderungsvorschriften wieder im eigenen Haushalt leben. Denn das Problem, welches jeder Teilnehmer vermutete, war, dass Her- kunftseltern, deren Kinder in Pflegefamilien leben, Fremden gegenüber gewaltige Schuldgefühle und Bedenken haben. Wie bereits Josef Faltermeier in seiner empiri- schen Studie über die verwirkte Elternschaft berichtet, ist die offene Gesprächsbe- reitschaft der Eltern aus gewöhnlich sozial-ökonomisch schwachen und marginali- Aus welchen Gründen versagen Eltern bei der Erziehung und machen aus ihren Kindern Pflegekinder? sierten Milieu für ein Forschungsprojekt dieser Art von großer Bedeutung (vgl. ebd. S. 11).

Zudem wurden uns sechs geeignete Familien genannt, bei denen seitens der Sozialarbeiter angenommen wurde, dass diese kooperativ und vor allem kommunikativ mit uns zusammenarbeiten würden. Außerdem wurde uns von einem Fragebogen abgeraten, da dieser im Hinblick auf die bereits erwähnte sozialschwache Position durch folgende Nachteile als ungeeignet erscheint.

- Die Rücklaufquote der Fragebögen ist gering. Dies ist der Vermutung ge- schuldet, dass die leiblichen Eltern bereits gelegentlich die Umgänge mit ihren Kindern nicht ordnungsgemäß einhalten und somit ihre Zuverlässigkeit hin- sichtlich der ausgefüllten Fragenbögen in Frage gestellt wird.
- Außerdem kann nicht flexibel auf die befragten Personen eingegangen wer- den, da die Fragen vorher festgelegt werden und für alle gleich sind.  Aufgrund der geringen Anzahl an geeigneten Herkunftsfamilien, die uns bei der Ausarbeitung unterstützend zur Seiten stehen, ist ein Interview sinnvoll, da somit individuell auf die Situation und das mögliche Fehlverhalten besser ein- gegangen werden kann (vgl. Rippl/Seipel, 2008, S.97ff.).

3.3 ursprüngliche Vorgehensweise

Um ein repräsentatives Forschungsprojekt innerhalb eines Semesters zu entwickeln, haben wir anfangs das Augenmerk auf die Fragebögen gelegt, damit es uns in der Kürze der Zeit möglich ist, Informationen und Auskünfte von einer großen Personen- anzahl oder auch „Breite“ zu erhalten. Ein weiterer Vorteil, der uns bei der Planung in den Blick fiel, ist die Tatsache, dass Fragebögen in der Regel anonymisiert bearbei- tet werden und wir somit tendenziell ehrlichere Antworten erhalten. Denn wir sind davon ausgegangen, dass diejenigen Personen, die sich für unser Forschungspro- jekt eignen, aufgrund ihres sozialschwachen Status unter Versagensängsten und Schamgefühlen oder Befangenheiten leiden und somit nicht bereit sind in einer ande- ren Form der Befragung offene und ehrliche sowie aufschlussreiche Antworten und Informationen kundtun. Zudem liegt das daran, dass wir, als Interviewende, keinen Bezug zu den Befragten haben und wir uns als „Fremde“ gegenübersitzen würden. Aufgrund dieser beiden, für uns eindeutigen Nachteile, haben wir die Überlegung des Fragenbogens in Betracht gezogen.

Aus welchen Gründen versagen Eltern bei der Erziehung und machen aus ihren Kindern Pflegekinder?

4 Auswertung und Ergebnisse des Forschungsprojektes

Nachdem die Mitarbeiterin des Pflegekinderdienstes den Kontakt mit den leiblichen Eltern herstellte, konnten wir im Amt für Jugend und Soziales erste Projektheranführungen wagen. Wir schilderten mit Hilfe der Sozialarbeiter kurz und prägnant unser Vorhaben und gaben den Eltern Bedenkzeit. Dabei waren wir über die Reaktionen positiv überrascht. Das lag jedoch vor allem daran, dass uns jene Familien empfohlen wurden, die auch während der Fremdunterbringungen ihrer Kinder hervorragend mit dem Jugendamt zusammengearbeitet haben. Wie bereits beschrieben, entschieden wir uns von Anfang an Herkunftsfamilien zu interviewen, bei denen die Kinder in den elterlichen Haushalt zurückgeführt wurden.

Nach einwöchiger Bedenkzeit gaben drei Herkunftseltern an, nicht für ein Interview zur Verfügung zu stehen, weil sie zu einer erneuten Auseinandersetzung des The- mas nicht bereit waren. Da wir im Vorhinein mit Absagen rechneten, haben wir die Möglichkeit in Betracht gezogen auch Pflegefamilien und Pflegekinder zu befragen. Für dieses Forschungsprojekt standen uns insgesamt drei leibliche Eltern(-paare) sowie ein Pflegekind aus verschiedenen Städten in Sachsen zur Verfügung. Insge- samt wurden vier Fallstudien erhoben. Auf die Anonymität sowohl der Familien als auch der Jugendämter wurden wir eindringlich hingewiesen, sodass wir alle perso- nenbezogenen Angaben im Einverständnis aller beteiligten Personen geändert ha- ben.

4.1 Der Ansatz

Die Interviewfragen oder auch Leitfragen wurden zuvor mit den zuständigen Sozial- arbeitern abgesprochen und präzisiert, um optimale Ergebnisse zu erzielen. Hierbei haben wir außerdem die Fragen auf die beteiligten Personengruppen abgestimmt. Zudem machte die gewählte Forschungsmethode eine flexible Anpassungsfähigkeit während der Interviews möglich. Uns, als Interviewer, war es möglich Hintergründe und Zusammenhänge zu hinterfragen sowie Unklarheiten in Form von Verständnis- fragen zu beseitigen. Aber auch konnte die persönliche Interaktion dazu beitragen, bislang unbekannte Gründe der Fremdunterbringung festzustellen. Positiv zu ver- merken war auch, dass die offene und aufgeschlossene Durchführung der Befragung die Kommunikation förderte und intensivierte.

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Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Warum werden Kinder zu Pflegekindern? Die Gründe für das elterliche Versagen bei der Erziehung
Hochschule
Technische Universität Chemnitz  (Institut für Pädagogik)
Note
2,0
Autoren
Jahr
2014
Seiten
25
Katalognummer
V305396
ISBN (eBook)
9783668035027
ISBN (Buch)
9783668035034
Dateigröße
643 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
warum, kinder, pflegekindern, gründe, versagen, erziehung
Arbeit zitieren
Julia Zander (Autor)Josy Theile (Autor), 2014, Warum werden Kinder zu Pflegekindern? Die Gründe für das elterliche Versagen bei der Erziehung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/305396

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