Sterben und Rituale - Braucht die Gesellschaft Sterberituale?


Seminararbeit, 2004
26 Seiten, Note: 2.0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Was ist Sterben
2.1. Wissenschaftliche Definition
2.2. Verhaltensweisen gegenüber dem Sterben - fünf Phasen

3. Wissenschaftliche Definition von Ritual
3.1. Wozu dienen Rituale?
3.2. Wem dient das Ritual?
3.2.1. Interviews

4. Sterben in Deutschland
4.1. Rituale vor, während und nach dem Sterben

5. Umgang mit dem Sterben in anderen Kulturen bzw. Religionen
5.1. griechische Mythologie
5.2. Suruahà – Volk des Giftes
5.3. Mexiko (große Party)
5.4. Tod im Islam
5.5. Tod im Buddhismus

6. Fazit

7. Literaturverzeichnis

1. Einführung

Sterben ist ein Thema in unserer Gesellschaft geworden, was immer mehr an den Rand des Denkens und Handelns gedrängt wird. Durch die Verjugendlichung und dem Streben nach einer gewissen Unsterblichkeit, wird zu oft das eigene Sterben verleugnet und sich mit der eigenen Vergänglichkeit nicht auseinandergesetzt. Umso wichtiger ist es meiner Meinung, dieses Thema etwas näher zu betrachten und sich mit dem Sterben und dem Verabschieden zu beschäftigen. Abschied bedeutet für mich nicht nur, Abschied zu nehmen, wenn ein Freund, Verwandter, oder Bekannter stirbt. Abschied heißt auch, Vergangenes hinter sich zu lassen und in Gedenken und Gedanken sich zu erinnern, um Neues zu gestalten. Neue Wohnung, neue Arbeitsstelle, einen neuen Lebensabschnitt. Was kann dabei helfen, Vergangenes zu bewältigen um dem Neuen offen gegenüberzustehen? Für viele, ich würde fast behaupten, für alle, sind rituelle Handlungen ein Mittel, um Trauer, Schmerz und Abschied be- bzw. verarbeiten zu können. Es müssen aber nicht immer die großen Rituale diejenigen sein, die dabei helfen. Gerade durch meine Recherchen habe ich erfahren, dass es meist kleine Rituale sind, die weiterhelfen und von den Betroffenen nicht immer als Ritual angesehen werden.

Ich möchte in meiner Hausarbeit dem Gedanken nachgehen, wie ein Individuum von Mensch mit seiner Trauer und seinem Schmerz umgeht, welche Rituale er sich schafft, um mit dem Mysterium des Sterbens umgehen zu können. Dabei ist es mir wichtig, beide rituelle Formen zu beleuchten. Zum einen die Handlungen der Sterbenden selber und zum anderen die Formen der Hinterbliebenen sich mit dem Sterben eines Angehörigen auseinander zu setzen und deren Trauerbewältigung. Dass die Sehnsucht der Hinterbliebenen sich ein Ritual zu schaffen, um die Trauer zu bewältigen sehr groß ist, sieht man an den unterschiedlichsten Formen. Man braucht nur einmal die beiden Stichpunkte – Trauer & Ritual - bei einer Internetsuchmaschine einzugeben und man bekommt eine Fülle von Homepages, die alle, mal mehr und mal weniger, sich mit diesem Thema auseinandersetzen. So gibt es verschiedene Erinnerungsorte für Hinterbliebene, für Fans von „berühmten Persönlichkeiten“ oder auch für Frauchen & Herrchen der verstorbenen Tiere.

Auch andere Formen von symbolischen Handlungen begegnen einem unweigerlich. Ich denke da an eine Autofahrt über schöne Alleestrassen vorbei an den Kreuzen der verunfallten Verkehrsteilnehmer, die mit Blumen versehen aufmerksam machen sollen, welche Trauer an diesem Punkt in die Öffentlichkeit hineingetragen wird und die als Ort für die Hinterbliebenen der Verstorbenen dienen, eine Art Verbindung schaffen mit dem Toten. Durch das niederlegen von Blumen wird somit eine rituelle Handlung ausgeführt, die den Angehörigen und Freunden helfen, mit dem Ereignis eines so tragischen Unfalles fertig zu werden. Die Blumen sind in den meisten Fällen eine Art Ritual. Freude noch einmal denen bringen, die nicht mehr auf der Erde weilen. Blumen auch als Zeichen des Lebens. Wobei man als Toter nichts mehr von den Blumen hat. So fand ich daraufhin ein kleines Gedicht von Kristiane Allert-Wybranietz, was den Umgang mit Blumen recht eindrücklich beschreibt:

Auf dem Friedhof

sehe ich Gräber

schön gepflegt

mit Blumen und Sträuchern.

Lasst mein Grab

verwildern

und gebt mir zu

Lebzeiten die Blumen.[1]

2. Was ist Sterben?

Ca. 850.000 Menschen sterben jährlich in Deutschland, davon 220.000 allein an Krebs.[2]

In den Industriestaaten wird häufig der soziale vor dem physischen Tod aus Einsamkeit und Isolierung gestorben. Denn das soziale Umfeld verkleinert sich oft durch z. B. Wegzug der Angehörigen und damit lässt die soziale Versorgung nach. Das Singleleben wird neu angepriesen und die Ein-Personen-Haushalte nehmen laut dem Statistischen Jahrbuch immer weiter zu. Das Begleiten der sterbenden Menschen, und hier meine ich nicht allein die Alten, ist daher umso wichtiger und damit auch die verbundenen Sterberituale. Die Sterbenden wollen demnach nicht um ihren eigenen Tod betrogen werden.[3] Sie wollen ihn gestalten und damit umgehen lernen. Leider lässt es zu oft die Situation nicht zu. Denn der Betrug des Sterbens erfolgt für fast die Hälfte der Bundesbürger in Krankenhäuser, also nicht das von ihnen erwünschte „Zu Hause sterben“. Sterbeort der menschlichen Anonymität?! Das Sterben wird aus dem Blickfeld verdrängt und als Schwäche in der Leistungsgesellschaft, wo Kraft und Gesundheit im Vordergrund stehen, abgehandelt. Der Jugendwahn steht in Vordergrund und wird uns in Anti-Aging Kampagnen nahe gelegt. Sterben beinhaltet also nicht den Tod allein, sondern drückt sich auch im Älterwerden aus. „Jeder Augenblick des Lebens“, so Pierre Corneille, „ist ein Schritt dem Sterben entgegen“.

2.1. Wissenschaftliche Definition von Sterben

Sterben ist kein Ereignis so wie der Tod, sondern ein Vorgang, der fortschreitend den ganzen Menschen ergreift. Es umfasst die Zeitspanne vor dem Einsetzen des Todes. Somit ist der Sterbende ein Lebender und wie jeder Mensch in seiner Würde zu achten und zu behandeln. (Art.1 (1) GG)

Daraus folgt, dass er nicht gegen seinen Willen von den Lebenden abgesondert werden darf.

Ich habe immer wieder in Büchern gelesen, dass es sich nicht festlegen lasst, wann Sterben beginnt. Eine Definition laut dem Wörterbuch möchte ich dennoch einfügen: „Sterben ist die letzte Phase des Lebens, in der dieses verlischt; der Tod stellt den Endpunkt des Sterbens und Zustand des Nichtmehrlebens eines Organismus dar, der dann als Leiche bezeichnet wird…“[4]

Was immer wieder in der Literatur vorkommt, sind verschiedene Zeitpunkte, abhängig aber auch hier von den verschiedenen Sichtweisen. Diese Zeitpunkte sind unter anderem: Geburt, natürlicher Alterungsprozess, Beginn einer Krankheit, Wissen um eine schwere Erkrankung usw. Alles führt aber zu einem existenzbedrohenden Ereignis: Das Ende des jetzigen irdischen Lebens. Der Tod als Ende des Daseins. Der Begriff Tod wird von Wissenschaftlern recht unterschiedlich definiert und in verschiedene „Todesarten“ unterschieden. Es gibt den sozialen Tod (Herausgenommen aus der gewohnten Umgebung), den psychischen Tod (Verlust des Bewusstseins), den klinischen Tod (Fehlen der Lebensfunktionen Atmung und Kreislauf), den juristischen Tod (Hirntod; Ausfall der Großhirnfunktion) und den biologischen Tod (Absterben der Zellen – Einsetzten der Verwesung).[5]

2.2. Verhaltensweisen gegenüber dem Sterben – fünf Phasen

Ich möchte nun übergehen und die fünf Phasen kurz schildern, die ein Sterbender durchlebt, wenn er unvermittelt mit dem Sterben konfrontiert wird. Das bedeutet aber nicht und darauf möchte ich einen großen Wert legen, dass jeder Patient – Sterbender – jede Phase in der Reihenfolge durchlebt, wie ich sie aufzeigen werde. Vielmehr gibt es häufig Überschneidungen, oder es werden Phasen übersprungen, bzw. wiederholt. Elisabeth Kübler-Ross beschreibt in ihrem Buch „Interviews mit Sterbenden“ diese Phasen sehr ausführlich.

Die erste Phase: Nichtwahrhaben wollen und Isolierung.

In dieser Phase geht es vor allem darum, das Sterben, durch Krankheit, zu leugnen. Hierbei werden alle Möglichkeiten heran gezogen, die von „Röntgenaufnahmen vertauscht“, oder versehentlich der eigene Name auf den Befund geraten bis zu der Einschätzung der Unfähigkeit der Ärzte. Ein Patient der Autorin wird in diesem Buch so zitiert: “Wir können nicht lange in die Sonne blicken, und wir können dem Tod nicht immer ins Auge sehen.“[6] Diese Situation wird von den meisten Patienten von einer nächsten Phase, die des Zorns schnell überdeckt. Bei Einzelnen jedoch bleibt diese erste Phase bis zu ihrem Tod bestehen und die Patienten dekonstruieren ihren körperlichen Verfall mit einer grotesken Maskerade von bunten Anziehsachen bis hin zu einer übertriebenen Schminke. Oft wissen aber auch die Angehörigen auf diesen lebensumwerfenden neuen Befund nicht zu reagieren und ziehen sich von dem Patienten zurück in der Angst etwas falsch zu machen. Dabei entsteht bei dem Alleingelassenen eine Art Isolierung, da für sein Umfeld das Leben weiter geht.

Die zweite Phase: Zorn.

Nach der ersten Reaktion von „Der Befund ist bestimmt nicht von mir“, gewinnt ein anderes Gefühl die Oberhand. Wir begreifen, dass das, was wir erfahren haben doch mit uns selber zu tun hat und es entsteht eine Art von Wut, Zorn, Groll und Neid. Neid auf die, denen das Schicksal nicht so „übel“ mitspielt. Zorn auf die Krankheit, auf das nun zu Erleidende. Hinter allem steht die Frage: „Warum gerade ich?“ Es geht aber auch um das eigene Gerechtigkeitsgefühl, was wir in unserer individuellen Sozialisation aufbauen und das sich gerade in schwereren Lebenszeiten bemerkbar macht. Zorn gegen alles, was um einen herum passiert. Sei es die Krankenschwester die nichts richtig macht, oder die Behandlung, die nicht anschlägt.

Die dritte Phase: Verhandeln.

Wenn die beiden ersten Phasen nichts bewirkt haben, kommt nun oft das Besinnen und das damit verbundene Verhandeln. So schreibt Elisabeth Kübler-Ross weiter, „Wenn Gott beschlossen hat, uns Menschen von der Erde zu nehmen und all mein zorniges Flehen ihn nicht umstimmen kann – vielleicht gewährt er mir eine freundliche Bitte.“[7] Es erinnert an kleine Kinder, die nach einem Nein auf ihre Bitte zuerst wütend werden und sich dann nach einer bestimmten Zeit auf ein anderes Mittel besinnen und es mit einer Verhandlung versuchen, um doch noch an das bewusste Ziel zu gelangen. Die Taktik wird in der Hoffnung angewandt, für das Wohlverhalten belohnt zu werden. Diese Verhandlungsphase kann oft intuitiv ablaufen, ohne dass der Patient sich dessen bewusst ist.

[...]


[1] Trotz alledem; Erschienen bei:KÖRNER, FELLBACH 1997, Kristiane Allert-Wybranietz

[2] http://www.welt-in-zahlen.de

[3] Kommunikation mit Sterbenden und ihren Angehörigen; Urban & Fischer Verlag, August 2002, Jean Lugton

[4] Wörterbuch der Medizin; Verlag Volk und Welt, Berlin 1984 unter dem Stichwort „Sterben“, Seite 1693

[5] http://www.altenpflege-tod-und-sterben.de

[6] Interviews mit Sterbenden; Kreuz-Verlag, Stuttgart, Elisabeth Kübler-Ross, Seite 41

[7] Interviews mit Sterbenden; Kreuz-Verlag, Stuttgart, Elisabeth Kübler-Ross, Seite 77

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Sterben und Rituale - Braucht die Gesellschaft Sterberituale?
Hochschule
Fachhochschule Potsdam  (FB Sozialpädagogik)
Veranstaltung
Ethik und Ästhetik
Note
2.0
Autor
Jahr
2004
Seiten
26
Katalognummer
V30546
ISBN (eBook)
9783638317870
Dateigröße
892 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sterben, Rituale, Braucht, Gesellschaft, Sterberituale, Ethik
Arbeit zitieren
Neef Gerd (Autor), 2004, Sterben und Rituale - Braucht die Gesellschaft Sterberituale?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/30546

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