Resilienz und Vulnerabilität. Grundlagen und Forschung

Exkurs: Fracking


Masterarbeit, 2014
66 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Theoretische Grundlagen
2.1 Risiko und Unsicherheit: von der Antike zur Risikogesellschaft
2.2 Der Risikobegriff
2.2.1 Frank Hyneman Knight: Risk, Uncertainty and Profit
2.2.2 Niklas Luhmann: Soziologie des Risikos
2.2.3 Ulrich Beck: Die Risikogesellschaft
2.3 Von Risiko zu Unsicherheit, Resilienz und Vulnerabilität

3. Einführung in die Resilienzforschung
3.1 Definitorische Herausforderungen des Resilienz- und Vulnerabilitätsbegriffs
3.1.1 Resilienz
3.1.2 Vulnerabilität
3.2 Forschungsstand und Entwicklungsperspektiven
3.2.1 Resilienz und Vulnerabilität aus divergenten Perspektiven
3.2.2 Resilienz und Vulnerabilität aus soziologischer Perspektive

4. Exkurs: „Hydraulic Fracturing“ („Fracking“)
4.1 Technische Basis und Stand der Forschung
4.2 Fracking: Konträre Standpunkte
4.3 Fracking, Risiko, Krise und Katastrophe?
4.4 Vom Fracking zu Resilienz und Vulnerabilität

5. Forschungslücken und Erkenntnisdefizite

6. Fazit

7. Literaturverzeichnis

„Aus der Kriegsschule des Lebens. –

Was mich nicht umbringt, macht mich stärker“

(Friedrich Nietzsche, 1889).

1. Einleitung

Politische, wissenschaftliche und wirtschaftliche Diskurse über gesellschaftliche Tendenzen und Entwicklungen der Gegenwart werden seit einigen Jahren vermehrt von den Begriffen „Risiko“ und „Unsicherheit“ sowie „Resilienz“ und „Vulnerabilität“ begleitet (vgl. Bürkner 2010, S. 5). Während die Begriffe Unsicherheit und Risiko inzwischen in den Alltagsgebrauch eingegangen sind, sind Letztgenannte bisher weniger bekannt und verbreitet. Dennoch haben sich Resilienz und Vulnerabilität in den letzten Jahrzehnten zu wichtigen Konzepten der Analyse und Bewältigung verschiedener Störeinflüsse der Gesellschaft und des menschlichen Lebens entwickelt. Dabei ist, grob umrissen, unter dem Phänomen der Resilienz eine „widerständige, strukturstabilisierende, regenerative Reaktion auf Gefährdungen oder Schädigungen“ (ebenda, S. 6) zu verstehen. Der Begriff der Vulnerabilität kann dagegen beispielsweise als Komplement von Resilienz und als „Verletzlichkeit von Menschen und Gegenständen angesichts von Gefährdungen“ (ebenda) beschrieben werden.

Sucht man nach historischen Hinweisen für die Herkunft und Entstehung der Begriffe Resilienz und Vulnerabilität, stößt man womöglich auf das eingangs angeführte Zitat des deutschen Philosophen Friedrich Nietzsche aus dem späten 19. Jahrhundert, findet aber auch Hinweise in anderen Kulturen – und kann in der Weltgeschichte noch weiter zurückgehen. Eine buddhistische Weisheit besagt: „Sei wie der Bambus, beuge und biege dich anmutig, wie der Wind es will und du wirst niemals brechen“ (Quelle unbekannt). Diese alte fernöstliche Erkenntnis lässt sich jedoch nicht nur zu buddhistischem Glauben, fernen Ländern oder längst vergangenen Zeiten in Verbindung setzen – Risiken, Gefahren und Katastrophen gehören zu allen Gesellschaften, zu jeder Epoche der Weltgeschichte.

Über Jahrtausende hinweg bestanden für die Menschheit vor allem Gefahren natürlichen Ursprungs: Seuchen, Epidemien, Überschwemmungen, Erdbeben, Brände, Hungersnöte, etc. Zwar erkannte schon Aristoteles, dass der Mensch bei jeglichen Entscheidungen alternativen Möglichkeiten und damit verbundenen persönlichen Risiken gegenübersteht (vgl. Flashar/Aristoteles 2008, Kap. 8, S. 13), doch erst mit Beginn der Industrialisierung im 18. Jahrhundert und insbesondere seit dem 19. Jahrhundert, stehen moderne Gesellschaften zusätzlich diversen, vor allem durch technischen Fortschritt bedingten, Ungewissheiten, Bedrohungen und Risiken gegenüber. Daraufhin hat sich nicht nur das Bewusstsein der Menschen gegenüber Gefährdungen geschärft, sondern darüber hinaus auch die Einsicht, dass diesen vorgebeugt werden kann (vgl. Christmann et al. 2011, S. 1). Der Grundstein für die Entstehung der Resilienz- und Vulnerabilitätsforschung wurde gelegt.

Die vorliegende Arbeit ist ein Versuch, die Begriffe Resilienz und Vulnerabilität grundlegend zu erfassen und aus soziologischer und sozialwissenschaftlicher Sichtweise zu betrachten. In den ersten Kapiteln werden zunächst für die Thematik relevante Grundlagen aufgeführt, wobei den Risiko- und Unsicherheitskonzepten von Frank Hyneman Knight, Niklas Luhmann und Ulrich Beck besondere Beachtung geschenkt wird. Diese werden als Pioniere der sozialwissenschaftlichen Risikoforschung gehandelt und stellen durch ihre Erkenntnisse wichtige Grundlagen für die Resilienz- und Vulnerabilitätsforschung bereit. Anschließend wird in die Resilienz- und Vulnerabilitäts-Thematik eingeführt: Neben definitorischen Herausforderungen der Begriffe werden verschiedene konzeptionelle Ansätze vorgestellt und ein kurzer Überblick über den aktuellen Forschungsstand in verschiedenen Bereichen und wissenschaftlichen Disziplinen gegeben. An dieser Stelle kann bereits veranschaulicht werden, welche Bedeutung die aufgeführten Theorien und Konzepte von Risiko, Unsicherheit, Resilienz und Vulnerabilität in verschiedenen wissenschaftlichen Kontexten und im Besonderen auch für die Soziologie und die Sozialwissenschaften haben können.

Es folgt ein Exkurs: „Hydraulic Fracturing“, besser bekannt unter der Abkürzung „Fracking“. Dies stellt eine komplizierte und oftmals kritisierte, hochtechnisierte Bohrmethode des späten 20. und 21. Jahrhunderts dar, mit deren Hilfe fossile Rohstoffe wie Erdgas und Erdöl, auch aus schwer erreichbaren, tief in der Erde liegenden Quellen, gewonnen werden kann. Bisher hat sich dieses Verfahren der Rohstoffgewinnung jedoch noch nicht flächendeckend durchsetzen können.

In besagtem Exkurs werden zunächst Technik und Vorgehensweisen des „Fracking“ kurz erläutert sowie dessen Bedeutung für Wirtschaft, Politik und Gesellschaft, in Bezug auf die Energiegewinnung der Zukunft und Risiken für Umwelt und Gesellschaft, dargestellt. Im Anschluss geht es um Argumente von Befürwortern und Gegnern der Bohrmethode, bevor schließlich der Versuch unternommen wird, eine Verbindung zwischen dem Fallbeispiel, den zuvor aufgeführten Konzepten der Risikosoziologie sowie verschiedenen Konzepten der Resilienzforschung herzustellen. Welche Vulnerabilitäten, Risiken und Ungewissheiten stehen in Zusammenhang mit „Fracking“ und könnten Krisen oder gar Katastrophen für Umwelt und Gesellschaft aufgrund des Bohrverfahrens entstehen? Welche Rolle kann das Resilienz-Konzept dabei spielen? Das Fallbeispiel „Hydraulic Fracturing“ wurde gewählt, weil es eine aktuell im öffentlichen, politischen und medialen Diskurs umstrittene Thematik aufgreift, die sich auch aus einem sozialwissenschaftlichen bzw. nicht technischen Verständnis heraus nachvollziehen lässt.

Darüber hinaus ist, soweit bekannt, in der einschlägigen Literatur bisher noch keine direkte Verbindung des technischen Verfahrens mit den Theoriediskursen aus Risikosoziologie oder Resilienz- und Vulnerabilitätsforschung hergestellt worden. Außerdem können die Ursprünge der Resilienz- und Vulnerabilitätsforschung, wie nachfolgend zu erläutern ist, unter anderem in der Ökologie verortet werden. „Fracking“, von Kritikern für eine ökologisch und gesellschaftlich bedenkliche Technologie befunden, scheint daher ein naheliegendes Beispiel aus der Praxis darzustellen.

Schließlich werden Kritik und Forschungslücken an den wissenschaftlichen Konstrukten Resilienz und Vulnerabilität aufgeführt, bevor in einem abschließenden Fazit die Erträge der Arbeit resümiert und ein Ausblick gegeben wird.

Es geht nicht darum, eine exakte empirische Analyse zu erstellen oder den Versuch zu unternehmen, Maßnahmen herzuleiten um „Fracking“ resilient zu gestalten, bzw. generell Möglichkeiten zu eruieren, um das theoretische Konstrukt Resilienz in der Praxis zu verankern. Vielmehr soll auf theoretischer Basis ein Bezug zwischen dem Forschungsfeld der Soziologie und der Sozialwissenschaften sowie der Thematik von Resilienz und Vulnerabilität hergestellt werden und anhand des aufgeführten Beispiels aufgezeigt werden, welche Bedeutung und Rolle Resilienz-Konzeptionen in einer reflexiven, technisierten und zukunftsorientierten Gesellschaft des 21. Jahrhundert zukommen kann.

Ferner ist der Rahmen dieser Arbeit zu stark eingeschränkt, um ausführlich auf die diversen interessanten und relevanten Debatten zur Risiko-, Krisen- und Katastrophen- Forschung sowie Resilienz- und Vulnerabilitäts-Thematiken einzugehen. Daher können ausschließlich Auszüge und Ansätze vorgestellt sowie ein Überblick und eine Einführung in die vorliegende Thematik gegeben werden.

2. Theoretische Grundlagen

Bevor die Begriffe Resilienz und Vulnerabilität näher erläutert werden, soll an dieser Stelle zunächst der Grundstein gelegt und ein Bezug zur Soziologie und den Sozial-wissenschaften hergestellt werden.

Genuin sozialwissenschaftliche Ansätze der Resilienz- und Vulnerabilitätsforschung sind bisher nur in Nischendiskursen zu finden. Sowohl Ursachen als auch Folgen von Resilienz und Vulnerabilität werden, je nach Perspektive und wissenschaftlicher Disziplin, unterschiedlich hergeleitet und definiert (vgl. Bürkner 2010, S. 6). Konsens ist jedoch in Psychologie, Ökologie und vielen weiteren Forschungskontexten, in denen man sich mit der Thematik auseinandersetzt, dass Resilienz und Vulnerabilität als Umgangsweisen mit Störeinflüssen und Gefährdungen beschrieben werden können (vgl. Christmann et al. 2011, S. 1). Gemeinsame Basis ist außerdem die These, dass „Vulnerabilität und Resilienz nicht per se existieren, sondern das Ergebnis sozialer Prozesse und sozialer Konstruktionen der Wirklichkeit sind, die wiederum mit Machtverteilungen und dem Zugriff von Individuen und Gruppen auf ungleich verteilte Ressourcen in Zusammenhang stehen“ (Bürkner 2010, S. 6), wie in Kapitel 5 näher erläutert wird.[1]

Wie im einleitenden Kapitel beschrieben, konnte sich in modernen Gesellschaften ein geschärftes Bewusstsein für Gefahren und Risiken und dementsprechend auch für vorbeugende Maßnahmen und Schutzvorkehrungen ausbilden, weshalb sich eine gewisse Verbindung zwischen Resilienz bzw. Vulnerabilität und der sozialwissenschaftlichen Risikoforschung vermuten lässt. Das bedeutet jedoch nicht, dass eine völlige Übereinstimmung der Begriffe oder Konzepte vorliegt.

Im Folgenden soll deshalb verdeutlicht werden, wie sich Risiko- und Unsicherheitskonzepte zu den Begriffen Resilienz und Vulnerabilität verhalten. Gibt es Übereinstimmungen, sind Abgrenzungen nötig?

Unsicherheit und Risiko zählen zu den fest etablierten Begriffen des soziologischen Vokabulars, aber auch des alltäglichen politischen und medialen Diskurses und können daher zur Verankerung von Resilienz und Vulnerabilität in den Sozialwissenschaften diesen Konzepten vorangestellt werden.

2.1 Risiko und Unsicherheit: von der Antike zur Risikogesellschaft

Das Wort Risiko lässt sich aus dem italienischen „risicare“ herleiten, was sich als „etwas wagen“ übersetzen lässt und dem Begriff „Risiko“ eher die Bedeutung einer aktiven Entscheidung als eines unausweichlichen Schicksals zuschreibt (vgl. Bernstein 1996/1998, S. 18). An anderer Stelle heißt es in der Literatur, dass der Begriff auf das altgriechische Wort für Klippe, „rico“, zurückzuführen ist und für das „Umschiffen der Klippe“ steht. Vermutlich hat sich das heutige Verständnis des Begriffs aber im vierzehnten Jahrhundert in den norditalienischen Stadtstaaten entwickelt und hat in der Kaufmannssprache des Mittelalters die Gefahren bei ungewissen Handelsgeschäften beschrieben (vgl. Lesitschnig 2010, S. 11).

Laut dem amerikanischen Historiker und Ökonomen Peter Bernstein liegt in der aktiven Entscheidung das Revolutionäre, was unsere Gegenwart, die Neuzeit, von der historischen Vergangenheit der Menschheit differenziert: Die Annahme, ein Risiko bewusst steuern oder beeinflussen zu können. Demnach stellt die Vorstellung von einer ungewissen Zukunft im heutigen Verständnis weniger eine Laune der Götter dar, auf welche die Menschheit keinerlei Einfluss hat. Vielmehr hat die Vorstellung der Risikosteuerung im Lauf der Zeit und vor allem mit dem technischen Fortschritt an Bedeutung gewonnen (vgl. Bernstein 1996/1998, S. 9).

Zeichnet man die Entstehung des modernen Risikoverständnisses weiter nach, so finden sich erste Anzeichen dafür in der Entwicklung des hindu-arabischen Zahlensystems, welches seit ungefähr achthundert Jahren die westliche Welt beeinflusst und die Grundlage für einen rationalen Umgang mit Risiko überhaupt erst ermöglicht hat. Darauf aufbauend rühren „alle verfügbaren Hilfsmittel zur Risikosteuerung und für die analytische Vorbereitung von Wahl und Entscheidung – von der strikt rationalen Spieltheorie bis hin zu den Herausforderungen der Chaostheorie – .. von Erkenntnissen her, die zwischen 1654 und 1760 gemacht wurden“ (ebenda, S. 15).

In der Renaissance, mit der Loslösung des Menschen „von den Fesseln der Vergangenheit“ (ebenda, S. 11) und dem Infrage stellen tradierter Meinungen, wurde dann ein weiterer Grundstein für die heutige Risikoforschung gelegt: Der Bruch mit religiösen Doktrinen, den Anfängen des Kapitalismus und der Hinwendung zu den Naturwissenschaften (vgl. ebenda).

Bis in die 1960er Jahre hinein spielte der Begriff des Risikos letztlich vor allem in der Ökonomie, der Mathematik und dem Versicherungswesen eine Rolle. Die Sozial- und Geisteswissenschaften dagegen beschäftigten sich bis dato überwiegend mit dem Begriff der Unsicherheit als menschliche Grundbefindlichkeit. Erst durch die gesellschaftlichen Auseinandersetzungen um Kernenergie und Kernkraftwerke, im Zusammenhang mit dem technischen Fortschritt in den 60er und 70er Jahren des 19. Jahrhunderts, erlangten die Themen Risiko und Unsicherheit schließlich gesellschaftliche Relevanz und Brisanz und das heutige Forschungsfeld der Risikoforschung, das inzwischen über eine breite Basis in diversen wissenschaftlichen Disziplinen verfügt, konnte entstehen (vgl. Buergin 1999, S. 2).

In Deutschland wurden Risiken, die schwerwiegende ökologische Probleme zur Folge haben können, erstmals um das Jahr 1986 gesellschaftstheoretisch reflektiert und in Politik und Soziologie aufgegriffen. Damals wurde die Bedeutung der Folgen des antarktischen Ozonlochs in den Massenmedien verbreitet, der Kernreaktor des Atomkraftwerks in Tschernobyl explodierte, ein Chemieunfall in der Schweiz führte zu einer Umweltkatastrophe und einem schwerwiegenden Fischsterben im Rhein – um nur einige Beispiele zu nennen. Außerdem wurde das Umweltministerium gegründet und zwei der Vorreiter der soziologischen Risikoforschung, Ulrich Beck und Niklas Luhmann, veröffentlichten die Werke „Risikogesellschaft“, bzw. „Ökologische Kommunikation“ (vgl. Grundmann 1999, S. 44).

Wie im späteren Verlauf der Arbeit gezeigt wird, sind Resilienz, Vulnerabilität sowie Risiko und Unsicherheit, aber auch Krise und Katastrophe, auf gewisse Weise thematisch verwandt und stehen in einem Abhängigkeitsverhältnis zueinander. Das Themenfeld und die Diskussionslage sind jedoch als sehr umfangreich und unübersichtlich einzuschätzen. Daher wird hauptsächlich Bezug auf den Begriff des Risikos genommen und in nachfolgenden Kapiteln nur in Ansätzen auf angrenzende und naheliegende Begrifflichkeiten und Konzeptualisierungen näher eingegangen.

Demgemäß wird nun der Risikobegriff näher erläutert, bzw. anhand von drei expliziten sozialwissenschaftlichen Ansätzen vorgestellt und definiert, bevor dessen Bedeutung in Bezug auf die Resilienz-Thematik erörtert wird.

2.2 Der Risikobegriff

„Die Natur hat Muster eingerichtet, die für die Wiederkehr von Ereignissen sorgen, aber nur für den größten Teil“ (Leibniz in einem Brief an Bernoulli um 1703, zitiert nach Bernstein 1996/1998, S. 421). Diese Einschränkung beschreibt eine Grundvoraussetzung für die Existenz von Risiko, denn ohne diese gäbe es keine Veränderungen und sämtliches Geschehen wäre kalkulierbar.

Anders formuliert: Risiko – das ist die „Kennzeichnung der Eventualität, dass mit einer (ggf. niedrigen, ggf. auch unbekannten) Wahrscheinlichkeit ein (ggf. hoher, ggf. in seinem Ausmaß unbekannter) Schaden bei einer (wirtschaftlichen) Entscheidung eintreten oder ein erwarteter Vorteil ausbleiben kann“ (Roberts/Mosena/Winter 1956/2010, S. 2610).

So lautet die Risikodefinition eines einschlägigen Wirtschaftslexikons. Eine allgemeingültige, inter- oder intradisziplinär gültige oder prinzipiell trennscharfe Definitionen liegen nicht vor. Stattdessen existieren viele verschiedene Begriffe wie Risiko, Unsicherheit, Ungewissheit, Unkenntnis, Schwarze Schwäne, Known Unknowns, Unknown Unknows, etc., die allesamt zukünftige Ereignisse beschreiben oder umschreiben, über die kein oder kein ausreichendes Wissen vorhanden ist (vgl. Boeckelmann/Mildner 2011, S. 1).

Deutlich abzugrenzen ist der Risiko- jedoch vom Gefahrenbegriff, wie in Kapitel 2.2.2 zu Niklas Luhmanns Risikoverständnis näher erläutert wird. Trotz einiger Berührungspunkte in der Umgangssprache sind Gefahren als Ursachenkonstellationen zu betrachten, „die beim ungehinderten Fortschreiten des Geschehensablaufes mit hoher Wahrscheinlichkeit zum Eintreten eines Schadens führen“ (Lesitschnig 2010, S. 14). Bei einer Gefahr handelt es sich demnach um ein ausstehendes, negativ konnotiertes Ereignis mit ungewissem und nicht verhinderbarem Eintrittszeitpunkt, wobei durch eine direkte Bedrohung die konkrete Form einer Gefahr dargestellt wird (vgl. Giebel 2012, S. 30f.). Beim Risikobegriff dagegen findet ein Abwägen zwischen der „Häufigkeit des Eintretens von Gefahrensituationen gegenüber möglichem Gewinn“ (Lesitschnig 2010, S. 14) statt, wodurch herausgestellt wird, dass Risiken handlungs- und entscheidungsbezogene Attribute besitzen, also steuer- und beeinflussbar sind (vgl. Giebel 2012, S. 34). Dieser Aspekt wird in Kapitel 2.3 als entscheidend für die Verbindung zur Resilienz- und Vulnerabilitäts-Thematik dargestellt.

In den nachfolgenden drei Kapiteln der Arbeit werden verschiedene Ansätze der Risikoforschung vorgestellt - begonnen mit Frank Hyneman Knight’s Risiko-Verständnis, wobei der Fokus mit den Ansichten Niklas Luhmanns und Ulrich Becks schließlich auf die soziologische Risikoforschung hin ausgerichtet wird.

2.2.1 Frank Hyneman Knight: Risk, Uncertainty and Profit

„It is a world of change in which we live, and a world of uncertainty. We live only by knowing something about the future; while the problems of life, or of conduct at least, arise from the fact that we know so little” (Knight 1921/1971, S. 199).

Frank Hyneman Knight wurde 1885 als ältestes von elf Kindern auf einem Bauernhof in Illinois geboren, studierte Philosophie, wandte sich letztendlich den Wirtschaftswissenschaften zu und unterrichtete bis zu seinem Tod 1972 an der Universität Chicago (vgl. Bernstein 1996/1998, S. 275f.).

Obschon seine Arbeiten nicht direkt der Soziologie zuzuordnen sind und vor allem für die Wirtschaftswissenschaften und auf den Finanzmärkten Relevanz besitzen, wo Entscheidungen Zukunftsprognosen reflektieren und Überraschungen zum Alltag gehören, spielen sie für die Betrachtung des soziologischen Risikobegriffs doch eine bedeutende Rolle: Knight‘s „Risk, Uncertainty and Profit“ stellt das erste maßgebliche und alle Disziplinen übergreifende Werk dar, das sich mit der Thematik von Risiko, Ungewissheit und Entscheidungsfindung befasst (vgl. ebenda, S. 277ff.).

In der besagten Dissertation, die 1921 veröffentlicht wurde, unterscheidet Knight zwischen Unsicherheiten („uncertainties“) und Risiken („risks“) und definiert drei Arten von Wahrscheinlichkeitssituationen. Diese sind logisch gewonnene, empirisch erhobene und geschätzte Wahrscheinlichkeit, wobei die beiden Erstgenannten von Knight unter dem Begriff des Risikos zusammengefasst werden und sich aus zweckrationalen Wahrscheinlichkeitsberechnungen bestimmen lassen. Letztgenannte beschreibt er als echte Unsicherheit oder auch Ungewissheit und kann aufgrund fehlenden Wissens oder fehlender Erfahrungen nicht kalkuliert werden (vgl. Boeckelmann/Stormy 2011, S. 2). Demnach stellt Unsicherheit im Knight’schen Verständnis den Gegenbegriff zum Risiko dar (vgl. Christmann et al. 2011, S. 7).

Der Wirtschaftswissenschaftler hat damit Kritik an der damals vorherrschenden und teilweise bis heute nachwirkenden Wirtschaftstheorie geübt, bei der die „Entscheidungsfindung unter Bedingungen vollkommener Gewißheit bzw. im Rahmen ‚kalkulierbarer Risiken‘“ (Buergin 1999, S. 5) stattfindet. Seinen Hauptkritikpunkt an der klassischen Wirtschaftstheorie stellt die vereinfachende Annahme des homo oeconomicus, des Allwissens auf Seiten jeglicher Teilnehmer des Wettbewerbssystems dar: Jeder Käufer, Verkäufer, Arbeiter, Kapitalist, etc. besitzt demnach alle erdenklichen und notwendigen Informationen. Falls Zukünftiges widererwartend doch ungewiss erscheint, treten die Gesetze der Mathematik und der Wahrscheinlichkeit in Kraft (vgl. Bernstein 1996/1998, S. 278).

Knight versuchte zu begründen, warum sich Profit und Fortschritt eben nicht durch die Kategorie kalkulierbares Risiko, sondern nur durch Unsicherheit fassen lassen.

Auch wenn er sich mit dieser Kritik der ökonomischen Theorie nicht durchsetzen konnte, wurde seine Auffassung vom Risikobegriff doch zum Ausgangspunkt für die in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts entstehende, fächerübergreifende Risikoforschung. Ferner wird seither auch in der ökonomischen Theorie der Versuch unternommen, Aspekte der Unsicherheit im Sinne Kinghts zu eliminieren und den Fokus auf das Konzept des Risikos zu legen (vgl. Buergin 1999, S. 5f.).

Bezogen auf die Konstrukte Resilienz und Vulnerabilität spielt Knights Risikobegriff eine vielleicht nicht offensichtliche, aber dennoch bedeutende Rolle, da er die erste Person war, die sich wissenschaftlich mit dem Risikobegriff beschäftigt hat und aufzeigen konnte, dass Zukünftiges nicht zuverlässig vorhergesehen oder berechnet werden kann. Ein Ansatz, der Hinweise darauf liefern kann, inwiefern das Konzept der Resilienz eine Rolle in der Gesellschaft des 21. Jahrhunderts spielen kann, was im späteren Verlauf der Arbeit verdeutlicht werden soll.

2.2.2 Niklas Luhmann: Soziologie des Risikos

Ausgehend von den Ausführungen Frank Hyneman Knights als Grundlage für die Etablierung des Risikobegriffs in den Sozialwissenschaften, kann an dieser Stelle der Sprung zur Soziologie und den strukturell-systemtheoretischen Ansätzen Niklas Luhmanns gemacht werden. Dieser gehört zu den ersten Autoren, die der Risiko-Thematik aus Sicht der Soziologie und den Sozialwissenschaften monographische Aufmerksamkeit zukommen ließen (vgl. Lesitschnig 2010, S. 27).

Im Gegensatz zu Frank Hyneman Knight, der Unsicherheit als Komplement von Risiko beschreibt, geht der 1927 in Lüneburg geborene Soziologe und Gesellschaftstheoretiker Niklas Luhmann, der bis zu seiner Emeritierung 1988 an der Universität Bielefeld lehrte, von einer Begriffsdichotomie von Risiko und Gefahr aus (vgl. ebenda).

Luhmanns Auffassungen vom Risiko und die Unterscheidung zwischen Risiko und Gefahr können knapp zusammengefasst und beispielhaft veranschaulicht werden:

„Jede Entscheidung und jedes Verhalten kann sich als riskant erweisen – und umgekehrt: Es gibt kein sicheres (da risikofreies) Verhalten“ (vgl. Baraldi/Corsi/Esposito 1997, S. 161). Seit der Erfindung des Regenschirms hat sich die Gefahr, durch Regen nass zu werden, in das Risiko verwandelt, das durch die Entscheidung, seinen Schirm zu Hause zu lassen, entsteht. Trägt man den Schirm mit sich, existiert aber zum Beispiel das Risiko, diesen zu verlieren. Somit stellt laut Luhmann jede Vorstellung von Sicherheit einen Irrglauben dar: man ist niemals sicher vor zukünftigen Schäden. Der Versuch, Risiken zu entgehen, ist ebenfalls riskant: Versucht man auf kurvigen Straßen sein Auto vorsichtig und langsam zu steuern und nicht zu überholen, so geht man womöglich das Risiko ein, zu spät zu kommen (vgl. ebenda).

Gegenwärtige Entscheidungen sind laut Niklas Luhmann immer mit einem Risiko verbunden und auch das Nichtentscheiden stellt somit eine bewusst getroffene Entscheidung dar (vgl. Luhmann 1991, S. 37). Schäden können eine Folge des eigenen Verhaltens sein, würden ohne dieses womöglich nicht entstehen. Nichtsdestotrotz kann es aber sinnvoll oder vorteilhaft sein, ein Risiko einzugehen und eine Entscheidung zu treffen (vgl. ebenda, S. 160).

Im systemanalytischen Risiko-Ansatz nach Luhmann wird darüber hinaus Risiko als fester „Bestandteil eines umfassenden sozialen Kommunikations- und Handlungssystems“ (Renn et al. 2007, S. 53) aufgefasst. Seines Erachtens können externe Bedrohungen zunächst nur als Gefahren definiert werden. Erst durch die Kommunikation von Ursachen und Wirkungen und das Vordringen der Gefahren in das Bewusstsein des Menschen kann von Risiken gesprochen werden. Diese sind folglich Konstruktionen sozialer Systeme, die die Reduktion von Komplexität ermöglichen (vgl. ebenda) und eine Wissensbasis voraussetzen (vgl. Lesitschnig 2010, S. 81).

Wie in Kapitel 2.1 beschrieben, ist der Übergang von externen Gefahren, denen gegenüber der Mensch passiv ausgesetzt war, hin zu erkenn- und regelbaren Risiken, auch laut Luhmann dem Zeitalter der Moderne zuzuschreiben. Da sich Gefahr und Risiko seiner Auffassung nach anhand des „Grades der wahrgenommenen Steuerungsfähigkeit“ unterscheiden (Renn et al. 2007, S. 14), bezieht sich der Begriff des Risikos folglich:

„auf die Möglichkeit des Eintretens künftiger Schäden als Folge eigener (gegenwärtiger) Entscheidungen. Die gegenwärtigen Entscheidungen bedingen das, was in der Zukunft passieren wird, ohne daß man genau weiß, auf welche Weise sie dies tun werden. Die Entscheidungen müssen daher ohne hinreichende Kenntnis des Zukünftigen getroffen werden“ (Baraldi/Corsi/Esposito 1997, S. 160).

Entscheidend ist dabei die Zuschreibung der unerwünschten Folgen einer Handlung: Betreffen diese nur das entscheidende System selbst, also zum Beispiel die Person, die eine Entscheidung trifft, so ist der Begriff des Risikos angemessen. Lassen sich die Folgen jedoch auf die Umwelt des Systems beziehen, so kann von Gefahren gesprochen werden. Somit produziert ein System unentwegt Risiken für sich selbst und Gefahren für seine Umwelt (vgl. Christmann et al. 2011, S. 7). Wie im späteren Verlauf der Arbeit erläutert wird, ist dieser Aspekt bei der Überleitung vom Risikobegriff zur Resilienz-Thematik und dem betrachteten Fallbeispiel des „Hydraulic Fracturing“ von besonderer Relevanz:

Die Bewertung von Risiken und die Akzeptanz möglicher Schäden sind abhängig davon, ob sie aus der Perspektive des Entscheiders (Risiko), oder aus der Perspektive der Betroffenen (Gefahr), betrachtet werden (vgl. Baraldi/Corsi/Esposito 1997, S. 162). Demnach stellen auch „Entscheidungen (die die Bereitschaft der Entscheidenden, die damit verbundenen Risiken einzugehen, voraussetzen) für alle anderen Gefahren“ (ebenda) dar.

Luhmann steht in seinem Werk „Soziologie des Risikos“ aus dem Jahr 1991 schließlich vor folgender Frage:

„Wie begreifen wir unsere Gesellschaft, wenn wir aus dem Risiko, das einst nur Seefahrer, Pilzsammler oder sonstige, sich selbst einem Wagnis aussetzende Gruppen betraf, ein universelles Problem machen, das weder zu vermeiden noch zu umgehen ist? […] Wie kommt die Gesellschaft im Normalvollzug ihrer Operationen mit einer Zukunft zurecht, über die sich nichts Gewisses, sondern nur noch mehr oder weniger Wahrscheinliches bzw. Unwahrscheinliches ausmachen läßt“ (Luhmann 1991, S. 3)?

Er hält außerdem fest, dass es keine garantiert risikofreien Entscheidungen gibt und ein Akteur daher nicht darauf hoffen kann, dass durch Forschung oder Wissen ein gegebenes Risiko zu Sicherheit umgewandelt werden könne. Vielmehr führt der Erwerb von Informationen zu einem höheren Bewusstsein über mögliche Risiken (vgl. ebenda, S. 37). In riskanten Situationen ist es dementsprechend weder sinnvoll noch möglich, in der Gegenwart Entscheidungen darüber zu treffen, wie andere sich in Zukunft verhalten müssen.

Gerade in ökologischen Fragen ist im öffentlichen Diskurs vermehrt von der Notwendigkeit die Rede, den nachfolgenden Generationen verschiedene Optionen offen zu halten, da diese vermutlich aufgrund gänzlich anderer Motivlagen Entscheidungen treffen, die heute noch nicht bekannt sind (vgl. Baraldi/Corsi/Esposito 1997, S. 161). Niklas Luhmann sieht dennoch die Möglichkeit, dass die moderne Gesellschaft die Grundvoraussetzungen ihrer eigenen zukünftigen Existenz untergräbt und sich durch das Eingehen von nicht abschätzbaren Risiken selbst gefährdet und somit negative gesamtgesellschaftliche Folgen verursacht[2] (vgl. Grundmann 1999, S. 46).

Wie nachfolgend gezeigt wird, stellen Luhmanns Gedanken und Ideen wichtige theoretische Grundlagen für die Betrachtung von Resilienz- und Vulnerabilitäts-Konzepten dar und lassen sich darüber hinaus auch auf die Thematik „Hydraulic Fracturing“ übertragen.

2.2.3 Ulrich Beck: Die Risikogesellschaft

Ulrich Beck wurde 1944 in Polen geboren, habilitierte an der Universität München und hatte Professuren in Münster und Bamberg inne. Heute ist er im Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Soziologie und gehört, ebenso wie Niklas Luhmann, zu den ersten Autoren, die sich dem Thema Risiko aus soziologischer Perspektive widmeten. Dabei vertritt Ulrich Beck einen individualistisch–handlungstheoretischen Zugang zur Risiko-Debatte (vgl. Lesitschnig 2010, S. 27).

In seinem Werk „Risikogesellschaft“, welches 1986 veröffentlicht wurde, analysiert er ökologische Risiken und betrachtet diese als Indikator für einen Epochenbruch (vgl. Grundmann 1999, S. 45). Darüber hinaus diagnostiziert er einen theoretischen Perspektivenwechsel der modernen Gesellschaft, von einer Sicherheits- hin zu einer Unsicherheitsperspektive (vgl. Christmann et al. 2011, S. 7).

Beck hält zunächst fest, dass „die gesellschaftliche Produktion von Reichtum .. systematisch mit der gesellschaftlichen Produktion von Risiken“ (Beck 1986, S. 25) in der fortgeschrittenen Moderne einhergeht. Folglich existieren in unserer Gesellschaft, aufgrund des Modernisierungsprozesses, nicht ausschließlich Verteilungsprobleme und Verteilungskonflikte wie in einer klassischen Industriegesellschaft im Sinne Karl Marx‘ oder Max Webers[3]. Im Paradigma der Risikogesellschaft herrschen darüber hinaus vor allem Risiken vor, die sich auf wissenschaftlich-technisch bedingte Probleme und Konflikte sowie diverse Selbstbedrohungspotentiale zurückführen lassen. Demnach fand laut Beck ein Wechsel von der Logik der Reichtumsverteilung zur Logik der Risikoverteilung statt (vgl. ebenda).

Ähnlich wie Luhmann sieht auch Beck eine Verbindung zwischen den neu gewonnenen Gestaltungsmöglichkeiten der Lebensbedingungen und der Entstehung moderner Risiken. Er verweist ebenfalls darauf, dass „die Quellen der Gefahren .. nicht länger Nichtwissen, sondern Wissen, nicht fehlende, sondern perfektionierte Naturbeherrschung“ (ebenda, S. 300) sind.

Durch die Entwicklung von Technik und Industrie, die in den Jahrzehnten vor der Herausgabe des Werkes „Risikogesellschaft“ ihren Anfang fand und bis heute kontinuierlich fortschreitet, kam es zu einer enormen Vervielfältigung der Risiken, die die gesamte Gesellschaft betreffen (vgl. Grundmann 1999, S. 45). Paradoxerweise sinken die Risiken nach Beck also nicht mit dem Fortschritt, sondern wachsen durch diesen weiter an (vgl. Jarvis 2007 S. 30ff.).

Darüber hinaus weist Beck zwar darauf hin, dass das Thema Risiko keine neuzeitliche Erfindung darstellt und dass persönliche Risiken oder unvermeidbare Schicksalsschläge, wie zum Beispiel Hungersnöte oder Erdbeben, bereits seit jeher existieren. Jedoch versteht er unter dem Begriff Risiko insbesondere durch den Menschen verursachte, globale Gefährdungslagen, die zwar offen für soziale Definitionsprozesse sind, aber dennoch ausnahmslos alle gesellschaftliche Gruppierungen betreffen. Als Beispiele führt er die Gefahren der Kernspaltung, Waldsterben als Konsequenz der Industrialisierung, Schadstoffe in Nahrungsmitteln oder Belastungen durch Atommüll an, die zumeist weder sicht- und spürbar sind, noch der verursachenden Generation, sondern vielmehr der nachfolgenden, Schaden zufügen können (vgl. Beck 1986, S. 28ff.).

Diese Gefährdungslagen und Risiken sind nicht gleichzusetzen mit Katastrophen, sondern vielmehr mit der Antizipation von Katastrophen, weshalb sie laut Beck zum prägenden Merkmal unserer (Risiko-)Gesellschaft werden und ein Bedürfnis nach Sicherheit wecken.

Eine Kernfrage dieser postulierten Risikogesellschaft lautet:

„Wie können die im fortgeschrittenen Modernisierungsprozeß systematisch mitproduzierten Risiken und Gefährdungen verhindert, verharmlost, dramatisiert, kanalisiert und dort, wo sie nun einmal in Gestalt ‚latenter Nebenwirkungen‘ das Licht der Welt erblickt haben, so eingegrenzt und wegverteilt werden, daß sie weder den Modernisierungsprozeß behindern noch die Grenzen des (ökologisch, medizinisch, psychologisch, sozial) ‚Zumutbaren‘ überschreiten“ (ebenda, S. 26)?

Wie in den nachfolgenden Kapiteln zu Resilienz und Vulnerabilität weiter veranschaulicht wird, hat Ulrich Beck mit dieser Frage und seiner Auffassung vom Risiko bereits dargestellt, dass es in der modernen Gesellschaft nicht mehr ausschließlich um die Nutzung und Ausbeutung von Natur und natürlichen Ressourcen sowie der „Herauslösung des Menschen aus traditionalen Zwängen“ (ebenda) gehen darf, sondern vielmehr auch um die Folgeprobleme dieser Entwicklung hin zu einer reflexiven Moderne und der Frage, wie diese zu lösen sind. Das Konzept der Resilienz kann dabei vermutlich eine bedeutende Rolle einnehmen.

Obschon seine Ausführungen zur Risikogesellschaft im wissenschaftlichen Diskurs vielfach kritisiert wurden[4], so stellen sie doch eine maßgebliche theoretische Grundlage für die Entstehung und Bedeutung der Resilienz-Thematik in verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen dar, da Resilienz als eine Art Antwort auf die durch die Risikogesellschaft entstandenen Probleme aufgefasst werden kann.

Da sich Risiken und globale Gefährdungslagen, in denen sich die moderne Gesellschaft laut Beck befindet, nicht durch funktionelle Differenzierung, Technisierung oder weitere fortschrittliche Mittel und Maßnahmen der Gegenwart bewältigen lassen, setzt Beck auf die Politik und die Verzahnung dieser mit Moral, Wirtschaft, Recht und Wissen (vgl. Grundmann 1999, S. 45). Auf diesen Aspekt der „good governance“ im Sinne von guter, sinnvoller politischer Steuerung, Führung und Handlung wird an späterer Stelle und in Bezug auf das Fallbeispiel „Hydraulic Fracturing“ noch näher eingegangen.

2.3 Von Risiko zu Unsicherheit, Resilienz und Vulnerabilität

Trotz unterschiedlicher Sinnzuschreibungen des Risikobegriffs bei Knight, Luhmann und Beck weisen ihre Arbeiten einige Gemeinsamkeiten auf, die sich als maßgebend für die anknüpfenden Kapitel erweisen. So zum Beispiel das Voraussetzen einer grundlegenden Ungewissheit über die Folgen von Entscheidungen (vgl. Bonß 2011, S. 7), die, wie nachfolgend gezeigt wird, in Verbindung mit den Konzepten der Resilienz und Vulnerabilität gebracht werden kann. Der Rahmen für die sozialwissenschaftliche Erforschung von Resilienz und Vulnerabilität kann dementsprechend im gesellschaftlichen Umgang mit Risiken, Unsicherheit und Ungewissheit angesiedelt werden. „Although risk is not wholly or strictly resilience, the authors‘ do see it as contained within the resilience scope“ (Bhamra/Dani/Burnard 2011, S. 5388).

Knight hat erstmalig Risiko von Unsicherheit differenziert. Beck entwirft ein pessimistisches Bild von Gesellschaft und Umwelt und baut gleichzeitig auf den Ausbau von notwendigen Institutionen auf dem Weg in eine andere Moderne und eine bessere Zukunft. Dagegen hält Luhmann fest, dass dies aufgrund der Struktur der Gesellschaft überhaupt nicht möglich sein wird (vgl. Grundmann 1999, S. 47). Darüber hinaus existieren viele weitere soziologische und sozialwissenschaftliche Auseinandersetzungen mit dem Risikobegriff, deren Darstellung jedoch zu umfangreich für den vorliegenden Rahmen ist und deren zusätzlicher Erkenntnisgewinn hier wohl nur gering ausfallen würde. Daher wird an dieser Stelle keine vergleichend detaillierte Erörterung der Diskurse erfolgen.[5]

Grundsätzlich bleibt jedoch festzuhalten, dass den wissenschaftlichen Auseinandersetzungen mit dem Risikobegriff folgender Gedanke gemeinsam ist: „Gefährdungswachstum und Gewissheitsschwund schlagen sich in veränderten Konnotationen und Semantiken von Risiko nieder“ (König 2010, S. 209), wobei der Begriff des Risikos heute weniger die Bedeutung der Chance eines Gewinns oder alternativ die Gefahr eines Verlusts bedeutet, sondern vor allem als möglicher Verlust interpretiert wird (vgl. ebenda).

Insgesamt vermittelt die Risikosoziologie deshalb ein eher negatives Bild der modernen Gesellschaft, so wie zum Beispiel auch durch die Ausführungen Ulrich Becks deutlich geworden ist. Dieses lässt sich laut des Soziologen Helmut Wiesenthal in wenigen Punkten grob umreißen:

Erstens hält dieser fest, dass die Aktualität des Themas Risiko weniger konkreten Risiken für Umwelt und Gesellschaft zugeschrieben werden kann, sondern vielmehr der unüberschaubaren Vielzahl der Folgen interdependenter, anonymer, wissenschaftlicher, politischer sowie ökonomischer Entscheidungen (vgl. Wiesenthal 1994, S. 137). Darüber hinaus erweist sich die „Externalisierung von Entscheidungsfolgen“ (ebenda) als problematisch, wonach negative Folgen eines vom „Entscheider“ einkalkulierten Risikos, im Sinne Luhmanns, für Betroffene zur unkontrollierbaren Gefahr werden können. Außerdem findet laut Wiesenthal, aufgrund der Fülle der entscheidungsbedingten Gefährdungen in der Moderne, eine Auswahl bzw. Gewichtung dieser Gefährdungen durch Systeme und Akteure statt, durch die „differentielle Risikobewertungen, etwa von Verkehrsunfällen und AKW-Katastrophen, ihren Bezug zu sachlichen Bestimmungen [verlieren; Anm. d. Verf.] und .. als mehr oder weniger zufällige Ergebnisse sozialer Wahrnehmung“ (ebenda, S. 138) erscheinen.

Letztlich hält er im Sinne Luhmanns an dem Paradox fest, dass das Unterdrücken riskanter Entscheidungen zwar weniger entscheidungsbedingte Risiken produziert, dafür aber unberechenbare Gefahren entstehen lässt. Dies wiederum versperrt unserer Gesellschaft nicht nur „die Rückkehr zu risikofreien Verhältnissen .., sondern alle Eingriffe in die gesellschaftliche Risikoproduktion bringen notwendigerweise, da sich die Menge der Entscheidungen vermehrt, auch mehr Risiken hervor“ (ebenda).

Wie bereits in der Einleitung der Arbeit erwähnt, war die Menschheit zunächst über viele Jahrhunderte hinweg vor allem durch die Natur und natürliche Katastrophen gefährdet, was sich erst seit Beginn des 19. Jahrhunderts, durch das Aufkommen objektiver Gefährdungen und den enormen technischen Fortschritt, verändert hat (vgl. König 2010, S. 207). Das Leben bietet mehr Auswahl- und Entscheidungsmöglichkeiten und ist damit auch riskanter geworden – die Gesellschaft steht als denkendes und rationales Konstrukt einer Selbstgefährdung durch die Folgen ihrer Strukturprinzipien gegenüber (vgl. Bechmann 1993, S. 250). Demnach hat sich Unsicherheit also zur Standardsituation dieser Gesellschaft entwickelt und Sicherheit in Entscheidungssituationen existiert per se nicht (vgl. Christmann et al. 2011, S. 8). Daran anschließend hat sich die Bewältigung von Unsicherheit zum Normalzustand menschlichen Handelns ausgebildet (vgl. Giebel 2012, S. 51). „Je höher das Sicherheitsniveau und die Sicherheitsansprüche, desto mehr […] ‚neue‘ Unsicherheiten werden entdeckt, die ihrerseits nach mehr Anstrengungen bei der Herstellung von Sicherheit verlangen“ (Bonß 2011, S. 47).

Hierin liegt ein Verbindungspunkt zwischen Risikoforschung und Resilienz und Vulnerabilität: Das Konzept der Resilienz wurde in den verschiedenen wissenschaftlichen Forschungsbereichen ausgearbeitet, um eine Umgangsform für die typischerweise vorherrschende Unsicherheit und Ungewissheit in der modernen Gesellschaft zu erforschen, die sich in Vulnerabilität, also sozusagen einer Verwundbarkeit von Systemen und Akteuren[6], niederschlagen kann.

Für diese Arbeit, bezüglich des Fallbeispiels „Hydraulic Fracturing“ sowie allgemein zu den Konzepten von Resilienz und Vulnerabilität, sind dementsprechend vor allem sogenannte „evolutionäre“ oder „systemische“ Risiken von Interesse: Damit sind Risiken im Sinne Luhmanns gemeint, die in einem gegebenen Kontext auftreten und diesen auch verändern. Im Gegensatz zu „traditionellen“ Risiken, bei denen Kontextveränderungen theoretisch vernachlässigt werden können, haben systemische oder evolutionäre Risiken schwerwiegende und umfangreiche Auswirkungen, die von enormer Komplexität geprägt sind. Um beim Beispiel des Regenschirmes zu bleiben, beeinflusst das Vergessen eines Schirmes, das man als traditionelles Risiko einstufen könnte, das Klima nicht. Das „Abregnen lassen“ von Wolken durch Chemie und technische Raffinesse, das dementgegen ein systemisches oder evolutionäres Risiko darstellt, eventuell aber schon (vgl. Krohn/Krücken 1993, S. 21 und Renn et al. 2007, S. 21).

[...]


[1] Siehe hierzu auch Bohle/Glade 2008, S. 99ff.

[2] Siehe zur vertieften Darstellung der Thematik auch Luhmann 2008

[3] Grob umrissen lautet hier die Frage: Wie kann der gesellschaftlich produzierte Mehrwert in einer Gesellschaft sozial ungleich verteilt und diese ungleiche Verteilung dennoch von der Gesellschaft als legitim aufgefasst werden?

[4] Vgl. hierzu zum Beispiel Görg 2004, S. 99 oder Grundmann 1999, S. 45

[5] Für eine differenzierte Darstellung bzw. einen guten Überblick, vgl. bspw. Giebel 2012 oder Renn 2007.

[6] In dieser Arbeit wird weder von einer grundsätzlichen Festlegung auf eine systemtheoretische, noch auf eine handlungstheoretische Perspektive ausgegangen.

Ende der Leseprobe aus 66 Seiten

Details

Titel
Resilienz und Vulnerabilität. Grundlagen und Forschung
Untertitel
Exkurs: Fracking
Note
1,0
Autor
Jahr
2014
Seiten
66
Katalognummer
V305655
ISBN (eBook)
9783668036444
ISBN (Buch)
9783668036451
Dateigröße
751 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
resilienz, vulnerabilität, grundlagen, forschung, exkurs, fracking
Arbeit zitieren
Simon Busch (Autor), 2014, Resilienz und Vulnerabilität. Grundlagen und Forschung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/305655

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