Der Verfall des Britischen Empire. War der Erste Weltkrieg die Ursache?


Hausarbeit (Hauptseminar), 2011
27 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. England vor dem Ersten Weltkrieg
a) Innenpolitik
1. Herbert H. Asquith
2. Sir Edward Grey
b) Internationale Beziehungen
1. zu Deutschland
2. zu Frankreich
3. zu Russland
(1) Österreich-Ungarn
4. zu Belgien

III. Kriegsbeginn
a) Europa bezieht Stellung!
b) Englands Möglichkeiten – Englands Entscheidung

IV. Der Krieg
a) Kriegsziele
b) Kriegsverlauf

V. Kriegsende – Hatte der Niedergang des Empires bereits begonnen?

VI. Fazit

Quellen- und Literaturverzeichnis

I. Einleitung

„In diesem Augenblick gehen in ganz Europa die Lichter aus []“1, bemerkte Sir Edward Grey, der britische Außenminister von 1905 bis 1916, bei Kriegsausbruch 1914 so passend.

Das britische Empire war zu Kriegsbeginn die mächtigste Nation der Welt. Es bedeckte rund ein Viertel des Erdballs mit seinen zahlreichen Kolonien, Dominions und Protektoraten. Auch Irland war Teil des Empires. All das hat sich verändert. Die Vereinigten Staaten von Amerika sind heute die neue Weltmacht.

Doch weshalb schaffte es das Empire nicht, seine Stellung im 20. Jahrhundert zu halten? Es ging schließlich aus dem ersten und auch dem zweiten Weltkrieg als Sieger hervor. Welche Faktoren, Ereignisse, Entscheidungen und Staatsmänner führten das Empire in die Degradation zur “einfachen“ Großmacht?

Gegenstand dieser Arbeit werden die ersten Ereignisse, Entscheidungen und Staatsmänner sein, die das Empire zu seinem “Niedergang“ gesteuert haben.

Dabei werde ich zunächst auf die Vorkriegszeit eingehen, die wichtigsten Staatsmänner Englands präsentieren und aufzeigen in welcher Lage sich Europa und vor allem das Empire selbst befanden. Ebenfalls wird erörtert, welche Verträge und Bündnisse bestanden, welche Möglichkeiten England bei Kriegsbeginn offenstanden und welche Entscheidungen es letztendlich getroffen hat.

Im Laufenden werde ich die Kriegsziele, sowie den eigentlichen Kriegsverlauf skizzieren, bis ich mich mit diesen Informationen der Frage widmen werde, ob die Ereignisse des Ersten Weltkriegs das allmähliche Ende des Empires einläuteten.

II. England vor dem Ersten Weltkrieg

a) Innenpolitik

1910 wurden die letzten Vorkriegsunterhausabgeordneten, für die Dauer von fünf Jahren, ins Parlament gewählt.2 Infolge des Krieges verlängerte sich ihre Amtszeit allerdings auf acht Jahre.3

Die gewählten 670 Abgeordneten setzten sich dabei aus 272 Liberalen, 272 Konservativen, 84 irischen Nationalisten und 42 Männern der Arbeiterpartei zusammen.4 Anders ausgedrückt könnte man auch sagen, England schickte 465 überwiegend konservative, Irland (103), Schottland (72) und Wales (30) hingegen überwiegend liberale Abgeordnete.5

Anzumerken ist hierbei, dass sich die Konservativen überwiegend auf den Adel, Großgrundbesitzer und die Militärs stützten, die Liberalen wiederum überwiegend auf Kaufleute, Textilfabrikanten und Journalisten.6

Der Zusammenhalt der kleineren Parteien mit den Liberalen war deutlich sichtbar, sodass diese sich auf eine „solide Parlamentsmehrheit stützen konnte(n)“7. Auf der einen Seite hatte die Arbeiterpartei ähnliche innenpolitische Interessen wie die Liberalen und begrüßte etwa die 1908 verabschiedete Sozialgesetzgebung. So kam es, dass die Arbeiterpartei nur 12 Abgeordnete gegen die Liberalen, die restlichen 40 gegen die Konservativen antreten ließ8. Auf der anderen Seite sorgte die Tatsache, dass die Liberalen für die irische Selbstverwaltung eintraten dafür, dass eine noch größere Einigkeit mit den Iren bestand.9

Im Kabinett von Herbert H. Asquith, das seit 1908 bestand, widmeten sich die beiden Flügel der Liberalen, die sogenannten „Radikalen“ und „Imperialisten“, jeweils der Innenpolitik (Lloyd George als Finanzminister) bzw. der Außenpolitik (Sir Edward Grey als Außenminister).10

1. Herbert H. Asquith

Herbert Henry Asquith wurde im Jahre 1852 als Sohn eines Wollhändlers geboren.11

Als Asquith siebzehn Jahre alt wurde, gewann er ein Stipendium am Balliol College der University of Oxford, wo er schnell der sogenannten Oxford Union, einer Studentenverbindung, beitrat und über verschiedenste politische Ereignisse debattierte.12 Trotz des intensiven Engagements innerhalb der Studentenverbindung und der Tatsache, dass er überdies noch Vorsitzender eben dieser wurde, schloss er das College als Bester seines Jahrgangs ab.13

Während des anschließenden Jurastudiums traf er auf Richard Burdon Haldane, liberaler Politiker, späterer Lordkanzler bis 1915 und Kriegsminister bis 1912, als Haldane, aufgrund des Vorwurfs zu sehr mit dem Deutschen Reich zu sympathisieren, als Kriegsminister zurücktreten musste.14 Dieser riet Asquith für einen Unterhaussitz zu kandidieren, woraufhin dieser tatsächlich 1886 ins House of Commons gewählt wurde. Haldane selbst erzählte: „Wir kamen beide als Anwälte voran, aber für Asquith stellte eine Karriere als Anwalt zu keiner Zeit ein reizvolles Ziel dar. Er wollte von Anfang an Premierminister werden.“15

Der erste wichtige Posten stellte für ihn 1892 das Amt des Innenministers dar. Nachdem die Liberalen 1895 die Macht für ganze zehn Jahre an die Konservativen hatten abtreten müssen, wurde Asquith schließlich unter Campbell-Bannerman 1906 Finanzminister.16 Als Campbell aus gesundheitlichen Gründen zurücktreten musste, übernahm Asquith 1908 als sein Nachfolger das Amt des Premierministers, welches er bis Ende 1916 innehatte.17 Sein Nachfolger wurde wiederum Lloyd George.

2. Sir Edward Grey

Sir Edward Grey, 1. Viscount Grey of Fallodon,18 wurde 186219 geboren und ist vor allem durch seine Rolle als britischer Außenminister vor und in den ersten Jahren des Ersten Weltkriegs bekannt und umstritten. Grey wurde 1885 erstmals als Liberaler für den Bezirk Berwick-upon-Tweed ins Unterhaus gewählt, dem er nahezu 30 Jahre ununterbrochen angehören sollte.20 Zu diesem Zeitpunkt war er das jüngste Mitglied des Parlaments.21

Grey arbeitete von 1892 bis 1895 für den angesehenen Lord Rosebery als parlamentarischer Unterstaatssekretär, nachdem dieser im Kabinett Gladstone zum Außenminister ernannt worden war.22 Dieses Amt führte er auch noch unter dem kurzweilig existierenden Kabinett Rosebery von 1894-95 aus. Als die konservative Regierung mit Balfour 1905 von der liberalen unter Sir Henry Campbell-Bannerman abgelöst wurde, wurde Grey, auf Druck von Asquith, britischer Außenminister.23

Er durchbrach als Erster Außenminister die traditionelle Bündnisabstinenz Großbritanniens durch eine erste Allianz mit Japan.24 Weitere Bündnisse folgten. Damit bewahrte er das Empire vor der außenpolitischen Isolation.

In der Julikrise 1914 versuchte er den Frieden mit dem Vorschlag eines Treffens sämtlicher europäischer Außenminister in London zu retten, scheiterte allerdings.25

Im Krieg selbst spielte er eine wesentliche Rolle bei der Gewinnung von eigentlich neutralen Staaten zur Unterstützung der Entente-Mächte. Er behielt sein Amt bis 1916 und gehörte von da an, als Anhänger Asquiths, dem oppositionellen Flügel der Liberalen an. Edward Grey starb 1933 in Fallodon.

Die allgemeine Position Greys hatte Alexander Benckendorff, der russische Botschafter, 1914 wie folgt dargestellt: „Die drohende deutsche Hegemonie beschäftigt ihn andauernd, allem Anschein zum Trotze, er verfolgt deren Fortschritt mit Sorge.“26

b) Internationale Beziehungen

1. zu Deutschland

Bereits vor dem eigentlichen Kriegsausbruch war eine Rivalität zwischen Großbritannien und Deutschland erkennbar. Es gab mehrere Gründe, über die sich die beiden Nationen uneins waren: Das Flottenwettrüsten war einer der Hauptkonfliktpunkte. Das Deutsche Reich hatte mit dem Ausbau seiner Flotte England zwangsläufig herausgefordert, da deren „ two-power-standard “ (die britische Flotte sollte stets größer sein, wie die der nächsten zwei Großmächte zusammen)27 zunehmend bedroht wurde.

Mit dem von Grey verfassten Memorandum 1901 verlangte England, dass Deutschland die englische Vorherrschaft zur See anerkennen und sich dazu bereit erklären solle ihr eigenes Flottenprogramm nicht weiter auszuarbeiten.28 Im Gegenzug würde England die deutschen Kolonialinteressen unterstützen und keine Abkommen mit Parteien schließen, die dem Deutschen Reich feindlich gegenüber standen.29

Doch Kaiser Wilhelm II. hatte den Standpunkt, dass es kein Gesetz gebe, dass die deutsche Flotte auf ewig kleiner bleiben müsse als die britische, zumal eine große deutsche Kriegsflotte für die angestrebte politische Weltmachtstellung des Deutschen Reichs unerlässlich war. Offiziell argumentierte man selbstverständlich damit, dass man eine starke Flotte zum Schutz der deutschen Handelsinteressen benötige.30

Jegliche Versuche über eine Abstimmung der Flottenstärke scheiterten,31 wobei in der deutschen, wie in der englischen Propaganda, ein zunehmender Deutschen- bzw. Englandhass32 grassierte.

Als es 1904 zu der „ Entente cordiale “, zum britisch-französischen Bündnisabkommen kam,33 war das Deutsche Reich völlig überrascht worden, da man stets davon ausgegangen war, die Gegensätze zwischen dem Vereinigten Königreich und Frankreich bzw. auch Russland seien so stark, dass es hier nie zu einem Bündnis kommen würde.34

Durch dieses Bündnis stand Großbritannien ab sofort in allen Fragen, die Marokko betrafen, auf der Seite Frankreichs, was Grey im Dezember 190535 noch einmal nachdrücklich betonte. Auf die französische Anfrage, ob England auch bereit sei ihnen im Falle eines Krieges mit dem Deutschen Reich militärisch beizustehen, wich Grey allerdings bis Kriegsbeginn immer wieder aus.36

Zum Höhepunkt, der sogenannten Flottenpanik, kam es 1909, als Gerüchte kursierten, die Deutschen würden ihren Flottenbau beschleunigen und sich dabei an der Stärke der englischen Marine orientieren. Zudem war 1908 ein neues deutsches Flottengesetz verabschiedet worden, dass die britische Regierung höchst beunruhigt haben muss. Es wurde hierbei festgelegt, dass die Dienstzeit von Schlachtschiffen von 25 auf 20 Jahre herabgesetzt wird und nach Ablauf dieser Zeit je ein Neues gebaut werden würde, ferner, und dies dürfte weitaus alarmierender aufgefasst worden sein, dass in den folgenden vier Jahren ganze vier Großkampfschiffe gebaut werden sollten, danach würde jährlich wieder der Bau von zwei neuen Schiffen finanziert werden.37

Jegliche Versuche eine Absprache über die Flottenstärke oder Rüstungsbeschränkungen zu finden, scheiterten unwillkürlich am gegenseitigen Misstrauen,38 wobei es der Politik des deutschen Reichskanzlers, Bethmann Hollweg, der sehr an einer Annäherung an England interessiert war, gelang, den „deutsch-englischen Beziehungen ihre friedensbedrohliche Spannung“39 zu nehmen. Hilfreich war zudem auch, dass das Wettrüsten in den beiden letzten Vorkriegsjahren auch ohne ein Abkommen nahezu zum erliegen kam. Die Gemüter beruhigten sich langsam. Churchill betonte ausdrücklich: Man solle „die Atmosphäre nicht wieder dadurch verschlechtern, dass man auf Deutschland Druck zur Rüstungsbeschränkung ausübe“40.

Ein weiterer Punkt war der aufblühende Militarismus im Deutschen Reich, der seit Kaiser Wilhelm II. regelrecht gepflegt wurde. So wurde der Militärdienst zur “Schule der Nation“41 und kein Stand war so angesehen wie der des Soldaten. Doch dieser Punkt beunruhigte sicherlich nicht nur Großbritannien, sondern ganz Europa.

Die Frage der sogenannten Bagdadbahn führte zudem kurzweilig zu Spannungen zwischen dem Deutschen Reich und dem Empire, doch wurde dieser Konflikt noch friedlich beigelegt.42 Hierbei ging es um den Bau einer Eisenbahnlinie von Konstantinopel bis nach Bagdad, wobei die Briten und Russen ihre Interessen gefährdet sahen, da diese befürchteten das Deutsche Reich versuche die Schutzherrschaft über die dort lebenden Muslime zu beanspruchen, wodurch ein schneller Zugang zu einer fremden Großmacht bestanden hätte.43

Generell kam es im Herbst 1912 bis kurz vor Kriegausbruch zu einer Entspannung der deutsch-englischen Beziehungen. Da zum Einen das Wettrüsten, wie schon erwähnt, nahezu zum erliegen kam, und man sich zum Anderen auch in anderen Bereichen annäherte: So kam es, dass sich die Botschafter der fünf europäischen Großmächte auf der sog. Londoner Botschafterkonferenz von Dezember 1912 bis August 1913 trafen und unter der Leitung von Sir Edward Grey die Positionen ihrer jeweiligen Regierungen, vor allem in Bezug auf die Balkankriege, darlegten, um so den Frieden zwischen ihren Ländern zu wahren.

Asquith selbst erkannte, dass sich “eine Annäherung der Gruppen vollzogen“44 habe und er glaubte, dass die Zusammenarbeit mit dem Deutschen Reich zu „dauerhaftem Vertrauen zwischen den beiden großen Nationen geführt“45 habe. Und er hatte Recht. 1914 bestanden keine direkten Konflikte mehr zwischen dem Deutschen Reich und dem britischen Empire, die einen Krieg erwarten ließen.

2. zu Frankreich

Das bereits erwähnte Bündnisabkommen “Entente cordiale “ zwischen Großbritannien und Frankreich 1904 war das Resultat eines Prozesses, der bereits 1902 in Gang gesetzt worden war.

Damals brach Großbritannien mit seiner Tradition keinerlei Bündnisse einzugehen und schloss 1902 eine Allianz mit Japan.46 Der Hauptgrund lag in der Befürchtung einer außenpolitischen Isolierung Englands, allerdings spielte es auch eine Rolle, dass man die beiderseitigen Grenzen im Fernen Osten geschützt sehen wollte.47 Außerdem sicherte man sich Waffenhilfe zu, für den Fall, dass eines der beiden Länder in einen Krieg verwickelt werden würde. Aus Sicht Japans richtete sich diese Allianz vor allem gegen Russland, aus englischer Sicht gegen Frankreich, dem Bündnispartner Russlands.48

Als es 1904 tatsächlich zum Russisch-Japanischen Krieg kam und sich England in der Lage eines drohenden Krieges mit Russland und Frankreich wiederfand, bemühte man sich verstärkt um eine Annäherung an Frankreich. Der Kern der Streitigkeiten zwischen den beiden Nationen waren die afrikanischen Kolonien Ägypten und Marokko.49 Da Frankreich ebenfalls den Wunsch nach einem Bündnis mit dem Vereinigten Königreich hegte, entstand schließlich das Entente cordiale, das Ägypten dem Vereinigten Königreich und Marokko Frankreich zusprach.50 Durch dieses Abkommen konnten beiden Nationen im russisch-japanischen Krieg neutral bleiben.

3. zu Russland

Die „ Entente cordiale “ wurde 1907 mit dem Beitritt Russland zu der „Tripel Entente “ erweitert.51 Die Tripel-Entente bildete das Gegengewicht zum Dreibund, dem Bündnis zwischen dem Deutschen Reich, Österreich-Ungarn und Italien, das bereits 1882 geschlossen worden war.52

Da der russische Beitritt 1907 allerdings aus Gründen geschah, die das Deutsche Reich überhaupt nicht betrafen, gab es „keinen Anlass zur Absprache militärischer Eventualmaßnahmen“53. 1914 bemühte sich Russland schließlich um eine engere Beziehung zu Großbritannien, da man meinte eine gewisse „Entente-Müdigkeit“54 bei den Briten beobachten zu können, wo sie doch auf die Unterstützung Großbritanniens in dem Konflikt mit dem Deutschen Reich am Bosporus hofften.55 Dieser Wunsch Russlands wurde von Grey zwar mit dem Angebot, die Russen von den englisch-französischen Militärabsprachen zu unterrichten, beantwortet, doch versuchte er diesem Thema weitgehendst aus dem Weg zu gehen.56

Nachdem Frankreich Großbritannien ebenfalls nahelegte diesem Streben entgegenzukommen, genehmigte das Kabinett am 13. Mai 1914 die Bekanntgabe des „Grey-Cambon Briefwechsels an Russland sowie die Aufnahme von Flottenbesprechungen“57. Diese Verhandlungen kamen bis Kriegsbeginn allerdings zu keinem Abschluss.

(1) Österreich-Ungarn

Nach den Balkankriegen spitzte sich die Lage zwischen Österreich-Ungarn und Russland immer mehr zu.58 Beide Länder hatten Interesse ihre Grenzen Richtung Balkan zu erweitern. So ging bspw. gut die Hälfte des russischen Außenhandels über das Schwarze Meer (z.B. Getreide aus der Ukraine, Öl aus Baku etc.) und gelangte so durch die Dardanellen ins Mittelmeer.59 Aus diesem Grund sah sich Russland dazu gedrängt zu verhindern, dass eine andere Großmacht die Dardanellen beherrschte, indem sie Gebiete in den östlichen Balkanländern erwarb.

4. zu Belgien

Nachdem Belgien, nach der belgischen Revolution 1830, die Unabhängigkeit von den europäischen Großmächten zugesprochen worden war, wurde Leopold I. von Sachsen-Coburg-Gotha als neuer König eingesetzt, da er mit zahlreichen Herrschaftshäusern verwandt war, und so die Gefahr einer Übernahme Belgiens durch einen anderen Staat gemindert wurde.60 Zusätzlich legte man in Artikel 7 der Friedensverträge fest, dass Belgien einen „für immer neutralen Staat bilden“61 solle. Die Frage, ob sich hierbei jede einzelne der fünf Großmächte (England, Preußen, Frankreich, Österreich und Russland) dazu verpflichtet hatte, Belgiens Neutralität zu wahren, oder ob es sich dabei „nur“ um eine Kollektivgarantie gehandelt hatte,62 wurde im Juli 1914 der casus cnactus in der Kriegsentscheidung Englands.

III. Kriegsbeginn

a) Europa bezieht Stellung!

Das „Attentat von Sarajevo“ stellte den Ausbruch zahlreicher Spannungen dar. Es war zwar fast zur Regel geworden, dass in der damaligen Zeit Staatsmänner Anschlägen zum Opfer fielen, doch stellte der Mord am österreichischen Thronfolger, Erzherzog Franz Ferdinand, und seiner Frau, durch einen serbischen Freischärler am 18. Juni 1914, eine besondere Brisanz dar.63 Österreich hatte seinen Thronfolger verloren und das durch einen Mann, der einer slawischen Geheimorganisation angehörte und auf serbischen Boden geschult und ausgerüstet worden war.64 Jedem war klar, dass Kaiser Franz Josef würde handeln müssen. Die Frage lautete lediglich „wie“?!

Der Großteil der österreichischen Politiker war entschlossen Serbien anzugreifen,65 doch wenn Österreich Serbien tatsächlich angreifen würde, war es wahrscheinlich, dass auch Russland eingreifen würde, da sie ihre Handelswege am Schwarzen Meer geschützt sehen wollten. Ein österreichischer Angriff auf Serbien war dementsprechend nur mit Hilfe des Bündnispartners Deutschland möglich.

Als im Juli 1914 noch immer keine Entscheidung der Österreicher getroffen worden war, erteilte das Deutsche Reich ihnen quasi einen “Blankoscheck“ für ein offensives Vorgehen gegen Serbien und drängte zudem zu einer raschen Entscheidung.66 Es wird vermutet, dass das Deutsche Reich davon ausging, dass Russland durch diese intensive deutsche Unterstützung Österreichs keinen größeren Krieg vom Zaun brechen würde bzw., wenn Russland, entgegen der Erwartungen der Deutschen, dennoch dazu bereit wäre Serbien zu unterstützen, England und Frankreich versuchen würden Russland „im Zaum zu halten“67. In jedem Fall ging das Deutsche Reich das Risiko eines Kontinentalkrieges gegen Russland und seinem Bündnispartner Frankreich bewusst ein, doch sah sich das Deutsche Reich mit dem sogenannten Schlieffenplan auf der sicheren Seite.68 Dieser begründete sich vor allem auf den schnellen Angriff auf Frankreich, sodass der Westen „gesichert“ wäre und man sich gen Osten richten könnte.

Der einzig unsichere Faktor stellte für die Deutschen England dar, da man darauf hoffen musste, dass England lange Zeit neutral bliebe. Ein Indiz dafür meinte man im letzten Deutsch-Französischen Krieg finden zu können, da England hier stets neutral geblieben war. Man unterschätzte wohl den Aspekt, dass Frankreich damals von Preußen und einer Allianz kleinerer deutscher Fürstentümer und Königreiche besiegt worden war.69 Das neue deutsche Reich musste nun allerdings wesentlich „gefährlicher“ wirken.

[...]


1 Beichelt, Timm: Europa-Studien: eine Einführung, Wiesbaden 2006, S. 56.

2 Schröder, Karsten: Parlament und Außenpolitik in England 1911-1914, Göttingen 1974, S. 16.

3 Ebd.

4 Schröder, Karsten: Parlament und Außenpolitik in England 1911-1914, Göttingen 1974, S. 16.

5 Ebd. S. 16f.

6 Ebd. S. 17.

7 Ebd. S. 20.

8 Ebd. S. 19.

9 Ebd.

10 Ebd. S. 21.

11 Massie, Robert: Die Schalen des Zorns, Frankfurt am Main 1993, S. 466.

12 Ebd. S. 466.

13 Massie, Robert: Die Schalen des Zorns, Frankfurt am Main 1993, S. 466.

14 Noack, Ulrich: Richard Burdon Haldane: An Autobiography, in: HZ Bd. 144, 1931, S. 381.

15 Massie, Robert: Die Schalen des Zorns, Frankfurt am Main 1993, S. 467.

16 Ebd. S. 473.

17 Ebd. S. 473f.

18 Lutz, Hermann: Lord Grey und der Weltkrieg, Berlin 1927, S. IX.

19 Ebd. S. 3.

20 Ebd.

21 Ebd.

22 Politicus, Viscount Grey Of Fallodon, London 1935, S. 80.

23 Lutz, Hermann: Lord Grey und der Weltkrieg, Berlin 1927, S. 5.

24 Schröder, Karsten: Parlament und Außenpolitik in England 1911-1914, Göttingen 1974, S. 24.

25 Bihl, Wolfdieter: Der Erste Weltkrieg 1914 – 1918, Weimar 2010, S. 48.

26 Übersberger, Hans: Österreich zwischen Russland und Serbien, Köln 1958, S. 221.

27 Wormer, Klaus: Grossbritannien, Russland und Deutschland: Studien zur britischen Weltreichpolitik am Vorabend des 1. Weltkriegs, München 1980, S. 38.

28 http://wwi.lib.byu.edu/index.php/The_Genesis_of_the_%22A.B.C.%22_Memorandum_of_1901 (16. Juli 2011).

29 Ebd. (16. Juli 2011).

30 Müller, Helmut: Schlaglichter der deutschen Geschichte, Mannheim 2004, S. 207.

31 Ebd.

32 Ebd.

33 Wormer, Klaus: Grossbritannien, Russland und Deutschland: Studien zur britischen Weltreichpolitik am Vorabend des 1. Weltkriegs, München 1980, S. 90.

34 Ebd.

35 Schröder, Karsten: Parlament und Außenpolitik in England 1911-1914, Göttingen 1974, S. 25.

36 Schröder, Karsten: Parlament und Außenpolitik in England 1911-1914, Göttingen 1974, S. 25.

37 Massie, Robert: Die Schalen des Zorns, Frankfurt am Main 1993, S. 573.

38 Ebd. S. 506ff.

39 Schröder, Karsten: Parlament und Außenpolitik in England 1911-1914, Göttingen 1974, S. 30.

40 Ebd. S. 118.

41 Müller, Helmut: Schlaglichter der deutschen Geschichte, Mannheim 2004, S. 206.

42 Müller, Helmut: Schlaglichter der deutschen Geschichte, Mannheim 2004, S. 208.

43 Wormer, Klaus: Grossbritannien, Russland und Deutschland: Studien zur britischen Weltreichpolitik am Vorabend des 1. Weltkriegs, München 1980, S. 214ff.

44 Schröder, Karsten: Parlament und Außenpolitik in England 1911-1914, Göttingen 1974, S. 116.

45 Ebd.

46 Wilson, Keith: British Foreign Secretaries and Foreign Policy: From Crimean War to First World War, Sydney 1987, S. 160.

47 Schröder, Karsten: Parlament und Außenpolitik in England 1911-1914, Göttingen 1974, S. 131.

48 Schröder, Karsten: Parlament und Außenpolitik in England 1911-1914, Göttingen 1974, S. 24.

49 Lutz, Hermann: Lord Grey und der Weltkrieg, Berlin 1927, S. 96.

50 Ebd.

51 Wormer, Klaus: Grossbritannien, Russland und Deutschland: Studien zur britischen Weltreichpolitik am Vorabend des 1. Weltkriegs, München 1980, S. 74.

52 Haffner, Sebastian: Von Bismarck zu Hitler, München 1989, S. 77.

53 Schröder, Karsten: Parlament und Außenpolitik in England 1911-1914, Göttingen 1974, S. 27.

54 Ebd. S. 131.

55 Ebd.

56 Schröder, Karsten: Parlament und Außenpolitik in England 1911-1914, Göttingen 1974, S. 132.

57 Ebd. S. 134.

58 Wormer, Klaus: Grossbritannien, Russland und Deutschland: Studien zur britischen Weltreichpolitik am Vorabend des 1. Weltkriegs, München 1980, S. 183.

59 Ebd. S. 183f.

60 Schröder, Karsten: Parlament und Außenpolitik in England 1911-1914, Göttingen 1974, S. 23.

61 Ebd.

62 Schröder, Karsten: Parlament und Außenpolitik in England 1911-1914, Göttingen 1974, S. 23.

63 Müller, Helmut: Schlaglichter der deutschen Geschichte, Mannheim 2004, S. 212.

64 Bihl, Wolfdieter: Der Erste Weltkrieg 1914 – 1918, Weimar 2010, S. 43.

65 Kruse, Wolfgang: Der Erste Weltkrieg, Darmstadt 2009, S. 10.

66 Ebd.

67 Müller, Helmut: Schlaglichter der deutschen Geschichte, Mannheim 2004, S. 212.

68 Kruse, Wolfgang: Der Erste Weltkrieg, Darmstadt 2009, S. 10.

69 Ebd.

Ende der Leseprobe aus 27 Seiten

Details

Titel
Der Verfall des Britischen Empire. War der Erste Weltkrieg die Ursache?
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main  (Historisches Seminar)
Veranstaltung
Vom Britischen Empire zum Commonwealth of Nations – Aufstieg und Niedergang einer Großmacht
Note
1,3
Autor
Jahr
2011
Seiten
27
Katalognummer
V308292
ISBN (eBook)
9783668067189
ISBN (Buch)
9783668067196
Dateigröße
453 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
British Empire, Erster Weltkrieg, 1. Weltkrieg, Edward Grey, Asquith, Herbert Asquith
Arbeit zitieren
Vanessa Olszowski (Autor), 2011, Der Verfall des Britischen Empire. War der Erste Weltkrieg die Ursache?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/308292

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Der Verfall des Britischen Empire. War der Erste Weltkrieg die Ursache?


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden