Nach der Aussage von W. v. Humboldt sind Sprachen die Geister der Völker und identitätserzeugende Gruppensymbole. Hinsichtlich dessen, wird es dem jamaikanischen Volk nicht gerade leicht gemacht. Einerseits verwendet die Oberschicht Standard-Englisch, die Amtssprache Jamaikas, andererseits spricht das einfache Volk die Sprache ihrer Vorfahren, Jamaikanisch-Kreolisch, wobei in der vorliegenden Arbeit der Terminus Patwa dafür verwendet wird.
Obwohl Patwa von dem Großteil der Bevölkerung gesprochen wird und ihnen als Muttersprache dient, wird in der Schule Standard-Englisch gelehrt. Das führt schließlich dazu, dass die Kinder der einfachen Leute bilingual aufwachsen. Eine Besonderheit dabei ist, dass Patwa ausschließlich gesprochen und begründet mit der fehlenden Schriftlichkeit nicht einheitlich geschrieben werden kann. Hinzu kommt, dass die jeweiligen Sprecher beider Sprachen dem jeweils anderen Sprachsystem überwiegend ablehnend gegenüber stehen.
Die ambivalente Sprach- und Bevölkerungssituation gab Anlass dazu, in der vorliegenden Arbeit die Bedeutung des Patwa für seine Sprecher zu untersuchen und als konstitutives Element jamaikanischer Identität zu prüfen.
Zunächst wird die Entstehung von Kreolsprachen allgemein erläutert, um die darauf folgende Entwicklungsgeschichte von Patwa verständlicher zu gestalten. Anschließend soll mit Hilfe ausgewählter Beispiele die Bedeutung von Patwa für seine Sprecher aufgezeigt werden. Hinsichtlich dessen wird die Wirkung von Patwa als musikalisches Stilmittel in der jamaikanischen Volksmusik untersucht und der Einfluss der Poetin Louise Bennett näher beleuchtet.
Letztlich werden ausgewählte Resultate des Fragebogens, der im Rahmen dieser Arbeit angefertigt wurde, vorgestellt und analysiert. Mit Hilfe der Umfrage konnte die Möglichkeit genutzt werden, Jamaikaner selbst nach ihrer Meinung zu fragen.
Der Sprachgebrauch und die Einstellung dazu sind jedoch sehr individuell, sodass sich in dieser Arbeit eher Tendenzen aufzeigen lassen.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Kreolsprachen
2.1 Was sind Kreolsprachen und wie sind sie entstanden?
2.2 Die Entstehungsgeschichte des Patwa
3 Die soziale Eingliederung des Patwa
4 Patwa als konstitutives Element jamaikanischer Identität
4.1 Patwa und Reggae
4.2 Der Einfluss von Louise Bennett
4.3 Fragebogen: How do you feel about Patois and „proper English“?
4.3.1 Vorgehensweise
4.3.2 Auswertung
5 Fazit
6 Bibliographie
7 Anhang
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht die Bedeutung des jamaikanisch-kreolischen Patwa als konstitutives Element jamaikanischer Identität. Im Zentrum steht die Forschungsfrage, wie die einfache Bevölkerungsschicht durch ihre Sprache eine Form der sprachlichen Rebellion gegen die sozioökonomische Unterdrückung ausübt und wie sich dieses identitätsstiftende Merkmal trotz der hegemonialen Stellung des Standard-Englischen behauptet.
- Die Entstehungsgeschichte und soziolinguistische Einordnung des Patwa
- Die Rolle des Patwa in der jamaikanischen Musik (Reggae) als Ausdruck sozialen Widerstands
- Der kulturelle Einfluss von Louise Bennett auf das Selbstbewusstsein jamaikanischer Sprecher
- Die Analyse der individuellen Einstellung gegenüber Patwa und Standard-Englisch durch eine empirische Umfrage
Auszug aus dem Buch
4.1 Patwa und Reggae
Befindet man sich auf Jamaika, kann man überall auf den Straßen der Insel, im Bus oder im Supermarkt dem Klang jamaikanischer Musik lauschen. Die Wurzeln des Reggae befinden sich zweifellos in Jamaika, wo er vor allem in den Ghettos und sozial benachteiligten Regionen geprägt wurde. Obwohl es meist die Stimmen der Armen sind, die in der Musik laut werden, wird Reggae in jeder sozialen Schicht gehört und akzeptiert, auch wenn der Beliebtheitsgrad nach oben abschwächende Tendenzen aufzeigt. Die Ausweichmöglichkeiten sind gering, da Reggae, wie der Schlager in Deutschland, die Volksmusik Jamaikas ist. Schon Kinder werden mit der Musik konfrontiert und schnell wird deutlich, dass das Hören, Singen, und Tanzen, vor allem in einfachen Bevölkerungskreisen, soziale Missstände kurzzeitig vergessen lässt und die Hoffnungen auf baldige Verbesserung weckt. Musik hören ist auf Jamaika ein soziales Erlebnis, wobei von Jung bis Alt jeder die Texte der alten und aktuellen Lieder mitsingen kann und dadurch das Gefühl von Gruppenzugehörigkeit gefördert wird.
Im Reggae werden vor allem gegenwärtige politische und soziale Missstände thematisiert, aber auch aktuelle Geschehnisse auf ironische und humorvolle Art und Weise, sowie ganz alltägliche Anekdoten und Liebesgeschichten besungen. Dabei bedienen sich die Musiker der Sprache und der Worte des einfachen Volkes, wodurch die Geschichten und Anliegen sehr authentisch übermittelt werden können, was zudem dazu beiträgt, dass sich ein Jeder mit der Musik identifizieren kann. Denn viele der Texte entstehen nach dem Grundsatz: „[...] this man here is saying something, this man over there is saying something else and you might here it and work it into your lyrics [...]“.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung führt in die sprachliche Ambivalenz Jamaikas ein und definiert das Patwa als identitätsstiftendes Element der einfachen Bevölkerung im Gegensatz zur Amtssprache Standard-Englisch.
2 Kreolsprachen: Dieses Kapitel erläutert die allgemeine Entstehung von Kreolsprachen aus historischen Zwangsgemeinschaften und skizziert die spezifische Entwicklung des Patwa während der britischen Kolonialzeit.
3 Die soziale Eingliederung des Patwa: Es wird die soziale Schichtung Jamaikas beleuchtet, in der das Patwa zwar die Muttersprache der Mehrheit ist, jedoch aufgrund mangelnden Sozialprestiges der Oberschicht als minderwertig gilt.
4 Patwa als konstitutives Element jamaikanischer Identität: Dieses Hauptkapitel analysiert die identitätsbildende Funktion des Patwa durch Musik, Literatur und eine Umfrage zur Einstellung der Bevölkerung.
5 Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und plädiert für eine Aufwertung des Patwa, beispielsweise durch Standardisierung, um die soziale Kluft zwischen den Bevölkerungsschichten zu verringern.
6 Bibliographie: Das Verzeichnis der verwendeten wissenschaftlichen Quellen und Literatur.
7 Anhang: Enthält ergänzende Materialien wie Zitate und Gedichte von Louise Bennett sowie das Design des verwendeten Fragebogens.
Schlüsselwörter
Patwa, Jamaika, Kreolsprache, Identität, Reggae, Louise Bennett, Standard-Englisch, Soziolinguistik, Pidginsprachen, Kolonialismus, Wir-Identität, Sprachgebrauch, soziale Schichtung, Muttersprache, kulturelle Symbole
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das jamaikanisch-kreolische Patwa als Identitätsmerkmal der jamaikanischen Bevölkerung und analysiert die soziolinguistische Spannung zwischen dieser Sprache und dem Standard-Englisch.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind die historische Entstehung von Kreolsprachen, die soziokulturelle Bedeutung des Patwa in Musik und Literatur sowie die Einstellung der Bevölkerung zu ihrer Muttersprache.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, die Bedeutung des Patwa für seine Sprecher als konstitutives Element jamaikanischer Identität zu belegen und die Auswirkungen der sozialen Stigmatisierung der Sprache zu untersuchen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer theoretischen Literaturanalyse sowie einer eigenen empirischen Erhebung in Form eines standardisierten Fragebogens zur Einstellung von Jamaikanern zu Patwa und „proper English“.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die historische Einordnung der Sprache, die Analyse des Patwa als Ausdrucksmittel in Reggae-Musik und Literatur sowie die Auswertung der Umfrageergebnisse.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den wichtigsten Begriffen gehören Patwa, Identität, Jamaika, Soziolinguistik, Kolonialismus und Sprachstigma.
Welche Rolle spielt die Musik für das Patwa?
Reggae dient als authentisches Sprachrohr für soziale Anliegen und Missstände, wodurch das Patwa als identitätsstiftendes Gruppensymbol gestärkt wird.
Warum wird im Fazit eine Standardisierung des Patwa gefordert?
Der Autor argumentiert, dass eine einheitliche Schriftform und Anerkennung notwendig sind, um die Sprecher bei ihrer bilingualen Identität zu unterstützen und die soziale Diskriminierung abzubauen.
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- Christin Franke (Author), 2012, Patwa und die jamaikanische Identität. Sprache als identitätsbildendes Element, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/308416