Vor- und Nachteile der Notengebung an Schulen. Ein Beitrag zur aktuellen Diskussion


Hausarbeit, 2015
17 Seiten, Note: 2,5

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1 Definition des pädagogischen Leistungsbegriffs in der Schule

2 Definition des Begriffs Zensurengebung

3 Die Vorteile der Notengebung
3.1 Berichts-, Kontroll-, Orientierungs- und Anreizfunktion
3.2 Rolle der Noten in der Gesellschaft
3.3 Positive Effekte für das pädagogische Lehrpersonal
3.4 Vorteile von Kopfnoten

4 Die Nachteile der Notengebung
4.1 Die Messmethodische Fragwürdigkeit der Notengebung
4.2 Der falsche Anspruch an Objektivität, Validität, Reliabilität
4.3 Zensuren sind mit Funktionen überfrachtet
4.4 Das Problem der fachspezifischen Zensierung
4.5 Das Problem der sozial- und geschlechtsspezifischen Zensierung
4.6 Negative Auswirkungen der Noten auf die Schüler
4.7 Die Problematik des klasseninternen Bezugsrahmens

5 Zusammenfassung der Ergebnisse

6 Schlussbetrachtungen

Quellenverzeichnis

Einleitung

Die Schule stellt eine Institution dar, die innerhalb einer Gesellschaft bestimmte Funktionen erfüllen muss. Neben der Qualifizierung von Schüler und Schülerinnen anhand der Vermittlung von Fähigkeiten, Fertigkeiten und Wissen, soll Sie die Schüler in die Gesellschaft integrieren. Auch die Selektion gehört zur Aufgabe der Schule und dient zur Klassifizierung der Kinder hinsichtlich der beruflichen Position. Die Notengebung stellt bei dieser Leistungsbewertung das zentrale Instrument dar.1

Bereits in der Grundschule wird den Schülern vermittelt, dass Zensuren über die schulische und berufliche Laufbahn entscheiden. Nur wer gute Noten hat, besitzt zukünftig die Möglichkeit, eine weiterführende Schule zu besuchen und gegebenenfalls zu studieren. Es wird also deutlich, dass die Leistungsbeurteilung die freie Entfaltung der Persönlichkeit von Kindern und Jugendlichen, als auch die freie Wahl von Beruf und Ausbildungsstätte einschränken kann.2 Angesichts des enormen Stellenwertes der Zensuren in der heutigen Leistungsgesellschaft, kommt es nicht selten vor, dass Schüler eine Angst vor Leistungsversagen entwickeln oder die schulische Leistung gar verweigern.3 Diese beiden Faktoren tragen unter anderen dazu bei, dass die Leistungsbeurteilung in der heutigen Zeit ein vieldiskutiertes Thema darstellt. Seit einigen Jahren wird sowohl in der Politik, als auch in der pädagogischen und erziehungswissenschaftlichen Praxis, das Verständnis von Leistung und deren Methoden kritisch diskutiert.4

Diese Arbeit soll sich mit den Vor- und Nachteilen der Notengebung an deutschen Schulen befassen und die Frage klären, ob die Notengebung in der Schule sinnvoll ist. Hierfür wird im Vorfeld die Definition von Leistung und Notengebung untersucht. Danach erfolgt eine ausführliche Analyse von Vor- und Nachteilen der heutigen Leistungsbeurteilung. Im Schlussteil werde ich die Ergebnisse dieser Arbeit zusammenfassen und mit eigenen Überlegungen zur zukünftigen Benotungspraxis versehen. Aufgrund der kurzen Bearbeitungszeit, war es mir nicht möglich eigene Untersuchungen zur kritischen Analyse der Notengebung zu realisieren. Aus diesem Grund stützt sich meine Ausarbeitung überwiegend auf wissenschaftliche Fachliteratur.

1 Definition des pädagogischen Leistungsbegriffs in der Schule

Der Begriff Leistung wir in unserer Gesellschaft in vielen Bereichen verwendet und kann demnach unterschiedliche Bedeutungen annehmen. Trotz der unterschiedlichen Auffassung von Leistung, gibt es viele gemeinsame Punkte. So ist Leistung stets mit den Faktoren Arbeit und Zeit verbunden. „Hervorzuheben ist vor allem die Tatsache, dass jedes Verhalten und Ergebnis erst dann als Leistung verstanden werden kann, wenn es als solches bewertet wurde.“5

Bereits in der Grundschule versucht man mit der Leistungserziehung die Schüler auf ihr zukünftiges gesellschaftliches Leben vorzubereiten. Dabei dürfen sich Leistung und Bildung nicht ausschließen. Bei der Vorbereitung der Schüler auf das gesellschaftliche Leben orientiert man sich neben den sozialen Dimensionen des Lernens und den Grundsätzen des Ermutigens und Förderns auch an den individuellen Lern- und Entwicklungsprozessen des Kindes. Die gesellschaftliche Anpassung des Schülers sollte dabei jedoch unter der Berücksichtigung seiner Möglichkeiten und Bedürfnisse vollzogen werden.

Die Umsetzung des pädagogischen Leistungsbegriffs an deutschen Grundschulen gestaltet sich schwieriger als geplant. So nimmt die Grundschule anhand von verschiedenen Entscheidungen, wie zum Beispiel Zurückstellung oder Nichtversetzung, eine Auslesefunktion wahr und verteilt mit den Zensuren nicht nur Möglichkeiten zur Selbsteinschätzung, sondern auch Lebenschancen.6

2 Definition des Begriffs Zensurengebung

Seit vielen Jahrzehnten sind Zensuren ein fester Bestandteil von Unterricht und Schule und sind nichts anderes, als eine Skala von Einheiten, die zur Information und Bewertung von Schülerleistung dient. Für die Anwendung der Zensuren gibt es bundeseinheitliche Vorschriften, welche dem Beschluss der Kultusministerkonferenz zugrunde liegen. Die Skala der Leistungsbeurteilung in Deutschland besteht aus den Ziffern 1-6. Die Note 1 beschreibt demnach eine sehr gute Leistung, die den Anforderungen in einem besonderen Maß entspricht. Die Note 6 hingegen beschreibt eine ungenügende Leistung, die den Anforderungen nicht entspricht.7 Die Zensuren werden am Ende eines Schulhalbjahres zu Zeugnissen zusammengefasst. Diese Zeugnisse geben Aufschluss über den aktuellen Leistungsstand der Schüler und ermöglichen den Eltern regelmäßig Einblick in die Leistungen ihres Kindes zu erhalten.

Als zentrales Instrument der Leistungsbeurteilung unterliegen Noten einer Vielzahl von Aufgaben, die das Lehrpersonal bei der Benotung berücksichtigen müssen.8 „Die Grundfunktion der Zensuren ist die rangmäßig einstufende Beurteilung und Bewertung.“9 Diese Beurteilung, welche sich auf Leistungen und Verhaltensweisen bezieht, dient jedoch zusätzlich zur personalen Einstufung des Schülers. So werden der Notengebung in der Schule, neben der Beurteilung und Bewertung, auch die Funktionen der Auslese-, Berichts-, Kontroll- und Anreizfunktionen zugeordnet.10

3 Die Vorteile der Notengebung

Die Leistungsbewertung anhand der Notengebung besitzt viele Vorteile, welche im folgenden erläutert werden sollen. So sind Noten eine „wichtige Hilfe zur eigenen Leistungskontrolle, ein positiver Anreiz zum Arbeiten und ein Spiegel unserer gesellschaftlichen Realität, die auf Leistung und Konkurrenz aufgebaut ist.“11

3.1 Berichts-, Kontroll-, Orientierungs- und Anreizfunktion

Die Orientierungs- und Berichtsfunktion ist die wichtigste Funktion der Notengebung in der Schule. Sie verdeutlicht Schülern und Eltern den aktuellen Entwicklungs- und Leistungsstand des Kindes innerhalb des Unterrichts und erleichtert in diesem Zusammenhang die Entscheidung über den weiteren Bildungsweg.12 Anhand der regelmäßigen Auskunft über das Verhalten und die Leistungen des Kindes in der Schule, gewinnen Eltern neue Richtlinien für den Einsatz ihrer Erziehungsmaßnahmen. Sie nutzen die Zensurengebung als Hilfsmittel und versuchen die Anreizwirkung der Noten mit pädagogischen Maßnahmen zu unterstützen. Schüler selbst sehen die Benotung innerhalb der Schule als unlösbar verknüpfte Notwendigkeit und schätzen diese Form der Leistungsbeurteilung als Mittel der Selbstorientierung.13

Eine weitere wichtige Funktion der Zensurengebung ist die Kontrollfunktion. Diese Funktion dient sowohl für den Schüler, als auch für den Lehrer als Rückmeldung über gesetzte Lernziele und den Unterrichtserfolg. „Die Kontrollfunktion überschneidet sich mit der Orientierungsfunktion, da auch hier der Schüler die eigenen Leistungen einschätzen können soll.“14 Dabei sollte man jedoch beachten, dass der Schüler nur bei gerechter Beurteilung die Kontrollfunktion der Noten ernst nimmt.

Neben der Leistungskontrolle gewinnt die Zensur für die Schüler eine Anreizfunktion. Die Schüler entwickeln dabei anhand der Noten ein hohes Maß an extrinsischer Motivation, um sich mit den dargebotenen Lernstoff zu beschäftigen. „Nach der Ansicht von Weiss verlagert sich die ursprünglich intrinsische Lernmotivation von Kindern durch zunehmende Beschulung und Leistungsbeurteilung nahezu zwangsläufig zur extrinsischen Lernmotivation.“ Der Schüler verfolgt dann das Ziel der Erlangung von Lob aufgrund guter Noten.15

3.2 Rolle der Noten in der Gesellschaft

Für Rüdiger Meyenburg stellt die Notengebung ein amtlich begründetes und gesellschaftlich anerkanntes Mittel dar, welches innerhalb unserer Gesellschaft kaum zu ersetzen ist. „Die Gesellschaft hat Anspruch darauf, von der Institution Schule in präziser und verständlicher Weise Auskunft darüber zu erhalten, was Schülerinnen und Schüler zu leisten imstande sind.“16 Im Gegensatz zu anderen Formen der Leistungsbeurteilung, ist die Zensurengebung die einfachste Form der Beurteilung, da durch sie die Komplexität der Gesamtleistung der Schüler reduziert wird. Die Notengebung ist dadurch zeitsparender und ökonomischer als andere Formen der Leistungsbeurteilung. Die Noten, deren Informationsgehalt geringer als bei Lernberichten ist, geben dabei eine knappe Leistungsbeurteilung der pädagogischen Lehrkraft wieder. Schwank weist in diesem Zusammenhang darauf hin, dass Zensuren gnädiger als Lernberichte sind, da letztere dem Zwang der Ausformulierung unterliegen.17

Innerhalb unserer Gesellschaft besitzt die Notengebung als sozial-gesellschaftliche Positionszuweisung eine sehr zweckdienliche Funktion. So funktionieren die Schulzeugnisse in ihrer Grundkonzeption nicht nur als Hilfsmittel innerhalb der Schule, sondern primär als Auslese in einer bürokratisierten, nationalstaatlich organisierten Gesellschaft. Das Zeugnis, welches nach J. Kutscher von der Gesellschaft auferlegt wurde, wendet sich dabei an einen Dritten außerhalb des pädagogischen Bereichs.18 Ingenkamp fasst diesen Ausleseprozess als Zuteilungsfunktion der Note zusammen. Diese Funktion erleichtert den auslesenden Instanzen die Auswahl der Bewerber. „Die Prüfung als Mittel zur Feststellung der Eignung wäre ohne das Zeugnis bei jeder Instanz immer neu wieder erforderlich.“19 Den Schülern wird anhand der oben genannten Zuteilungsfunktion die Berechtigung zum weiteren sozialen Aufstieg vergeben oder verwehrt. Diese Auslese beginnt bereits in der Grundschule, bei der die Schüler in verschiedene Bewertungsklassen eingeteilt werden. Diese Zuteilung bildet die Grundlage für die verschiedenen Fördermaßnahmen der pädagogischen Lehrkraft.

Zensuren haben zusätzlich eine Chancenausgleichsfunktion, bei der auch besonders benachteiligte Schüler die Möglichkeit bekommen bessere Noten zu erhalten, als es die objektiven Leistungen rechtfertigen würden. Diese Funktion gibt den benachteiligten Schülern die Möglichkeit, unabhängig von Ihrer Herkunft oder anderen Faktoren, Ihre Chancen bei einem zukünftigen Arbeitgeber zu erhöhen.20

3.3 Positive Effekte für das pädagogische Lehrpersonal

Zensuren üben mit ihrer Kontrollfunktion für das pädagogische Lehrpersonal wichtige Funktionen aus. So stellen die Zensuren für die Lehrkraft ein zeitsparendes und kompaktes Hilfsmittel dar, mit dem sie neue Richtlinien über den Einsatz verschiedener Erziehungsmaßnahmen gewinnen können.21 Der individuelle Verhaltensvergleich innerhalb einer Klasse steht bei diesem Einsatz im Mittelpunkt der Benotungspraxis. Diese Praxis ist nichts anderes als „eine rangmäßige Einstufung individuellen Verhaltens im Vergleich zur jeweils aktuellen Lerngruppe.“22

Die Zensuren stellen für den Lehrenden eine wichtige Grundlage dar, mit welcher er die gezielte pädagogische Förderung verschiedener Lerngruppen oder individueller Schüler einleiten kann. Mit dieser Förderung kann die pädagogische Lehrkraft Lernbemühungen bei den Schülern entwickeln und Lerndefiziten entgegenwirken.23

[...]


1 Jachmann, 2003, S. 26

2 Meyenberg, 1997, S.7

3 Bartnitzky, 1992, S.10

4 Lübke, 1996, S.16

5 Holmeier, 2013, S. 95 ff.

6 Bartnitzky, 1979, S. 7 ff.

7 Meyenburg, 1997, S.21

8 Keck, 2004, S. 524

9 Ingenkamp, 1976, S. 56

10 Ingenkamp, 1976, S. 56

11 Lübke, 1995, S. 22

12 Meyenburg,1997, S.9

13 Ingenkamp, 1976, S. 14 ff.

14 Jürgens, 1992 , S. 24

15 Lintorf, ,2012 S.31

16 Meyenburg, 1997, S.9

17 Schwank, 1986, S. 37

18 Kutscher, 1997, S.37

19 Ingenkamp, 1976, S. 52

20 Jürgens, 1992, 49 f.

21 Ingenkamp, 1976, S.62

22 Ingenkamp, 1976, S.18

23 Ingenkamp, 1976, S. 19

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Vor- und Nachteile der Notengebung an Schulen. Ein Beitrag zur aktuellen Diskussion
Hochschule
Technische Universität Chemnitz  (Pädagogik)
Veranstaltung
Seminar
Note
2,5
Autor
Jahr
2015
Seiten
17
Katalognummer
V308645
ISBN (eBook)
9783668068506
ISBN (Buch)
9783668068513
Dateigröße
514 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
vor-, nachteile, notengebung, schulen, beitrag, diskussion
Arbeit zitieren
Viviane Urland (Autor), 2015, Vor- und Nachteile der Notengebung an Schulen. Ein Beitrag zur aktuellen Diskussion, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/308645

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