Das Tier als der Andere. Derridas tierethische Auseinandersetzung mit Heidegger in "Das Tier, das ich also bin"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2014

19 Seiten, Note: 1,3

Alexander Meyer (Autor)


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung: Derridas tierethische Auseinandersetzung mit Heidegger

2. Hauptteil:
2.1. Heideggers „Welt“: Zur Weltarmut des Tieres
2.2. Derridas Auseinandersetzung mit Heidegger in Das Tier, das ich also bin

3. Schluss: Das Tier als der Andere

4. Literaturverzeichnis

1. Einleitung: Derridas tierethische Auseinandersetzung mit Heidegger

Obwohl es viele offensichtliche Gemeinsamkeiten[1] zwischen Mensch und Tier gibt, wird der Mensch in der philosophischen Tradition zumeist als etwas Anderes, als etwas Besonderes bestimmt. Er allein besitze den Logos, also den Verstand und die Sprache. Allerdings kann man sich die Frage stellen, ob der Mensch tatsächlich etwas ganz Anderes als ein Tier ist. Oder ist vielleicht das Tier der ganze Andere? Vielleicht besteht eine Fremdheit zwischen Tier und Mensch, die nicht überwunden werden kann? Die vielleicht gar nicht überwunden werden muss?

Die Tierphilosophie will Antwort auf solche und noch weitere Fragen geben, und hierbei bewegt sie sich zumeist zwischen zwei extremen Positionen. Entweder sie spricht den Tieren menschliche Eigenschaften zu, z.B. Denkvermögen und Sprachfähigkeit, oder aber sie macht die Unterschiede, die neben den vielen Gemeinsamkeiten zwischen Mensch und Tier bestehen, besonders stark.[2]

Letztere Position wird auch von Martin Heidegger in seiner Vorlesung 1929/30 Die Grundbegriffe der Metaphysik eingenommen. Diese Vorlesung soll zunächst hinsichtlich der Frage nach dem Tier in einem ersten umfangreicheren Kapitel in dieser Arbeit zur Sprache kommen. Dadurch soll gezeigt werden, wie Heidegger das Tier versteht, nämlich als weltarmes Seiendes. Um dies zu zeigen, muss also vor allem die Frage leitend sein, was Heidegger unter Weltarmut versteht.

In einem zweiten Kapitel soll Jacques Derridas Auseinandersetzung mit Heideggers Weltarmut des Tieres in seinem Text Das Tier, das ich also bin thematisiert werden. Hierdurch soll deutlich werden, dass Derrida weder der einen tierphilosophischen Position noch der anderen zuzuordnen ist. Vielmehr wird deutlich werden, dass Derrida das Tier jenseits dieser beiden Positionen verorten möchte, indem er die anthropologische Differenz selbst hinterfragt.[3] Es wird also deutlich werden, dass Derrida die Fremdheit des Tieres deutlich hervorhebt, also das Tier als den Anderen in den menschlichen Blick rückt, was gleichsam als ein tierethisches Moment verstanden werden kann.

2. Hauptteil:

2.1. Heideggers „Welt“: Zur Weltarmut des Tieres

Die Vorlesung Die Grundbegriffe der Metaphysik. Welt – Endlichkeit – Einsamkeit, im Wintersemester 1929/30 in Freiburg gehalten, thematisiert im zweiten Teil die Frage: Was ist Welt?[4] Wie aber soll diese Frage gefasst werden, fragt sich Heidegger, wie ist sie in den Griff zu bekommen? Um Zugang zu ihr zu gewinnen, wählt Heidegger den Weg über die wesenhafte Differenz[5] zwischen Tier und Mensch, die er – wie sich noch zeigen wird – deutlich sichtbar bekräftigt.[6] Heidegger legt also einen Schwerpunkt seiner Vorlesung auf die „ Zugangshaftigkeit des Tieres und des Menschen zu anderem“[7], d.h. er, Heidegger, möchte das In-der-Welt-Sein, also die grundlegende Struktur von Dasein – wie sie in Sein und Zeit (1927) herausgearbeitet wurde –, auch in Bezug auf das Tier[8] bestimmen, oder anders formuliert: Heidegger stellt sich die Frage, ob nur der Mensch Welt hat oder auch das Tier. Und falls ja, in welcher Weise – sowohl hinsichtlich des Menschen als auch hinsichtlich des Tieres. Überdies fragt sich Heidegger, ob es vielleicht eine „Andersheit“[9] zwischen Tier und Mensch gibt und falls ja, wie ist sie zu beschreiben?

Um diese Absicht zu verwirklichen, also um die suggerierte Andersheit bzw. den Wesensunterschied zwischen Mensch und Tier aufzuzeigen, wählt Heidegger als Methode den dritten[10] Weg, also den Weg „einer vergleichenden Betrachtung[11], der gegenüber den ersten beiden Denkwegen durch seine „große Beweglichkeit“[12] ausgezeichnet ist.

Drei radikale Thesen werden im Folgenden von Heidegger formuliert, um die offensichtlichen Unterschiede in der Welt festzuhalten. Diese Thesen dienen dabei gleichsam als Leitthesen für die weiteren Überlegungen hinsichtlich der Frage „Was ist Welt?“. Die Thesen lauten: „1. der Stein (das Materielle) ist weltlos; 2. das Tier ist weltarm; 3. der Mensch ist weltbildend[13].

Wie sind diese drei Thesen nun genau zu verstehen? Weltlos kann als ein Nichthaben von Welt verstanden werden. Demnach ist es dem Stein offensichtlich gleichgültig, in welcher Beziehung er zur Welt steht, d.h. wo er in der Welt liegt, ob im Schnee oder in der Sonne. Es macht für den Stein im Grunde keinen Unterschied. Für das Tier sieht es jedoch anders aus. Ihm macht es offensichtlich etwas aus, ob es in der Sonne (Wärme) oder im Schnee (Kälte) liegt, schließlich hat es dem Begriff nach Welt, wenngleich in einer verarmten Weise. Dies wird durch Bezugnahme zur Weltbildung des Menschen sofort deutlich, schließlich spricht Heidegger dem Mensch aufgrund der reichhaltigen „Bezüge des menschlichen Daseins“[14] einen Reichtum, ein Mehr, zu. D.h. der Mensch „erfährt und erschafft (s)eine Welt“[15] selbst. Demnach ist unter Weltarmut ein Weniger an Welt, ein Weniger jener Bezüge zu verstehen.[16] Aber was heißt dieses Weniger genau? Wovon weniger? Offensichtlich von „solchem, das ihm [dem Tier] zugänglich ist, von solchem, womit es als Tier umgehen kann, wovon es als Tier angegangen werden kann, wozu es als Lebendiges in Beziehung steht“[17].

Um dieses Weniger der Bezüge zu verdeutlichen, wählt Heidegger das Beispiel der Biene: „Die Bienenwelt ist beschränkt auf ein bestimmtes Gebiet und fest in ihrem Umfang.“[18] Hierbei steht für Heidegger interessanterweise nicht nur fest, dass die Welt eines jeden Tieres nicht nur in ihrem Umfang beschränkt ist, „sondern auch in der Art der Eindringlichkeit in das, was dem Tier zugänglich ist“[19]. So würde die Biene z.B. die Staubgefäße der Blüten, die sie anfliegt, nicht als Staubgefäße erfassen.[20] D.h. die Biene kann zwar die Blüten als Nahrungsquelle erfassen, aber sie erfasst sie nicht als etwas, das sie im eigentlichen Sinn benutzen kann, um Honig zu produzieren.

Anders verhält es sich jedoch in Bezug auf den Menschen und seine Welt. Die Welt des Menschen ist „reich, größer an Umfang, weitergehend an Eindringlichkeit, ständig nicht nur umfänglich vermehrbar (man braucht nur Seiendes hinzuzubringen[21] ), sondern auch hinsichtlich der Eindringlichkeit mehr und mehr zu durchdringen“[22]. Auf den ersten Blick wirkt es doch so, als würde nur der Mensch Welt bilden, aber Heidegger selbst erkennt wohl, dass auch das Tier weltbildend sein kann, freilich in einem geringeren, ärmeren Maß. Deshalb spricht er von einem „Gradunterschied der Stufen der Vollkommenheit im Besitz des jeweils zugänglichen Seienden“[23].

Hieraus leitet Heidegger – das ist offenbar das Ziel seiner ganzen Überlegungen hinsichtlich der Weltarmut bzw. der Weltbildung – eine erste vorläufige Definition der Welt ab: „Welt bedeutet zunächst die Summe des zugänglichen Seienden, sei es für das Tier oder für den Menschen, veränderlich nach Umfang und Tiefe der Durchdringung.“[24] Hierbei ist allerdings zu beobachten, dass Heidegger, was im Grunde schon durch die Begriffe Armut und Reichtum angezeigt wird, deutlich hierarchisiert[25]: Weltarmut ist in den Augen Heideggers zunächst weniger wert als Weltbildung. Diese Feststellung zeigt, dass sich Heidegger mit seinem Denken zunächst in der scheinbar klaren Unterscheidung von Tier und Mensch bewegt, wobei der Mensch – gemäß der Tradition – als höherwertig angesehen wird. Aber warum soll das eigentlich so sein? Diese Frage stellt sich Heidegger auch selbst und er konstatiert, dass die Unterscheidung von Mensch und Tier als „Scheinklarheit“[26] zu bezeichnen ist. Nichts ist hierbei klar, alles ist fragwürdig geworden. Ist Armut denn tatsächlich und notwendigerweise das Geringere gegenüber dem scheinbaren Reichtum? Oder ist Armut vielleicht sogar das Höherstehende?[27]

[...]


[1] Viele Gemeinsamkeiten zwischen Mensch und Tier lassen sich finden, z.B.: Beide sind irdisch und vergänglich. Beide sind an die Schwerkraft gebunden. Beide kümmern sich – mehr oder weniger – um ihre Nachkommenschaft (Pinguine). Beide bilden Gruppen, mitunter sogar Staaten (Ameisen). Beide bauen sich Behausungen (Vögel). Beide können mit Artgenossen kommunizieren (Wale). Vgl. U. Guzzoni, „Tier-Blicke. Begegnung des Menschen mit sich und dem Anderen“, in: Schneider, M. (Hrsg.), Den Tieren gerecht werden. Zur Ethik und Kultur der Mensch-Tier-Beziehung, Witzenhausen 2001, S. 125-134, hier: S. 129.

[2] Vgl. M. Wild, Tierphilosophie zur Einführung, Hamburg 2008, S. 210.

[3] Vgl. ebd., S. 152.

[4] Vgl. M. Heidegger, Die Grundbegriffe der Metaphysik: Welt – Endlichkeit – Einsamkeit. Vorlesung Wintersemester 1929/30, in: Ders., Gesamtausgabe, Bd. 29/30, hrsg. von Friedrich-Wilhelm von Herrmann, Frankfurt a. M. 1983, § 42, S. 261. [Im Folgenden als Heidegger GA 29/30]

[5] Heidegger möchte in seiner Vorlesung offensichtlich nicht Auskunft über den Unterschied des Tieres bzw. des Menschen geben – dieser Unterschied ist ja evident, sondern er möchte vielmehr das Wesen der Tierheit des Tieres und das Wesen der Menschheit des Menschen unterscheidend bestimmen. Vgl. Heidegger GA 29/30, § 43, S. 265.

[6] Vgl. Wild, Tierphilosophie, S. 152.

[7] Heidegger GA 29/30, § 49, S. 295.

[8] Da Heidegger selbst immer nur von dem Tier spricht, also von einem Singular, soll auch in diesem Kapitel, das sich mit den Überlegungen Heideggers auseinandersetzen möchte, nur der Tier-Singular benutzt werden; wissend, dass ein Singular eine Abstraktion ist, die das Individuum übersieht. Inwiefern hieran Anstoß genommen werden kann, wird im nachfolgenden Kapitel deutlich werden, in welchem Derrida zur Sprache kommen wird.

[9] Heidegger GA 29/30, §42, S. 263.

[10] Heidegger formuliert drei Wege, auf welchen die Frage „Was ist Welt?“ thematisiert werden kann. Der erste Weg wird als ein historischer Zugriff auf die Frage gekennzeichnet, also durch die Geschichte des Weltbegriffes könnte die Frage geklärt werden, und der zweite Weg wäre im Grunde der Weg des alltäglichen Weltverständnisses. Vgl. ebd., § 42, S. 261-263.

[11] Ebd., § 42, S. 263. Eine solche vergleichende Betrachtung ist natürlich nur deshalb möglich, weil Heidegger der Ansicht ist, dass man je schon über ein Vorwissen über die wesenhafte Unterschiede zwischen den einzelnen Dingen verfügt. Vgl. ebd., § 43, S. 265.

[12] Heidegger GA 29/30, § 42, S. 264.

[13] Ebd., § 42, S. 263.

[14] Ebd., § 46, S. 285. Das Dasein, das u.a. durch den Grundvollzug des Verstehens vor allem anderen Seienden ausgezeichnet ist, kann, weil es sich auf sein Sein und damit auch auf die Welt versteht, in der es sich je schon vorfindet, Bezüge zur Welt herstellen. Vgl. Wild, Tierphilosophie, S. 153.

[15] Ebd., S. 159. Die vom Menschen selbst erschaffene Welt wird von Wild auch als ökologische Nische klassifiziert.

[16] Vgl. Heidegger GA 29/30, § 46, S. 284.

[17] Ebd., § 46, S. 284.

[18] Ebd., § 46, S. 285.

[19] Ebd., § 46, S. 285.

[20] Vgl. ebd., § 46, S. 285.

[21] Da offensichtlich allein dem Menschen das Vermögen zukommt, dasjenige zu vermehren, zu dem er sich je schon verhält, spricht Heidegger von Weltbildung in Bezug auf den Menschen. Es stellt sich hierbei jedoch die Frage, ob Heidegger bei diesem Gedanken nicht übersieht, dass auch die tierliche Welt von den Tieren selbst um Seiendes vermehrt werden kann, z.B. wird doch auch eine Bienenwelt, ein Bienenstock, durch Produktion von Honig um Seiendes vermehrt.

[22] Heidegger GA 29/30, § 46, S. 285.

[23] Ebd., § 46, S. 285.

[24] Ebd., § 46, S. 285.

[25] Dieses Moment der binären hierarchischen Opposition wird, wie sich im nachfolgenden Kapitel zeigen wird, für Derridas Überlegungen entscheidend sein.

[26] Heidegger GA 29/30, § 46, S. 286.

[27] Vgl. ebd., § 46, S. 286.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Das Tier als der Andere. Derridas tierethische Auseinandersetzung mit Heidegger in "Das Tier, das ich also bin"
Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg  (Philosophisches Seminar)
Veranstaltung
Derrida: Das Tier, das ich also bin
Note
1,3
Autor
Jahr
2014
Seiten
19
Katalognummer
V309751
ISBN (eBook)
9783668080287
ISBN (Buch)
9783668080294
Dateigröße
451 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
tier, andere, derridas, auseinandersetzung, heidegger
Arbeit zitieren
Alexander Meyer (Autor), 2014, Das Tier als der Andere. Derridas tierethische Auseinandersetzung mit Heidegger in "Das Tier, das ich also bin", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/309751

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