Zuwanderung als Herausforderung

Ursachen, Versäumnisse, Chancen, Perspektiven


Fachbuch, 2015
128 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Inhaltsverzeichnis ... 5

Vorwort ... 7

Grundproblematik und Versäumnisse der Vergangenheit ... 9
Eine Hypothek für die heutige Wirklichkeit

Aktuelle Situation als zu bewältigende Gegebenheit ... 17
Eine alternativlose Herausforderung

Handlungsbedarf in Staat, Wirtschaft, Gesellschaft und Ehrenamt ... 23
Notwendigkeit aus Eigeninteresse

Aktueller Aufwand aus Mitverantwortung ... 29
Zur ethisch-moralischen Seite der Gegebenheiten

Gemeinsame Bewältigung als Option ... 35
Gemeinsamkeit in Grundausrichtung, Bemühen um Lösungen und Handeln

Teilaufgabenfelder im Rahmen von asylbedingter Zuwanderung ... 41
Umriss des zu Leistenden

Hilfsmöglichkeiten durch das Ehrenamt ... 47
Differenzierte Ansätze und bedarfsgerechter Beitrag in Ergänzung zu staatlichem Handeln

Positive Perspektiven durch Zuwanderung ... 53
Die Perspektive für die Zukunft

Problemfelder im Zusammenhang mit Zuwanderung ... 59
Zu vermeidende vorhandene Risiken

Ursachen für Widerstände in der Gesellschaft ... 65
Zu den Defiziten in der Vermittlung und Einbindung

Lösung der Verteilungsproblematik ... 71
Gemeinsamkeit der Anstrengung als erfolgversprechender Ansatz

Mitnehmen und Einbinden der Bürger ... 77
Mitbürger als Teil der Lösung und nicht des Problems

Außenwirkung und Folgen von Ablehnung ... 83
Zu berücksichtigende Nebenaspekte

Grenzen der Aufnahmefähigkeit ... 89
Zur Diskrepanz zwischen Wollen und Können

Zuwanderung, Angstmache und Abzocke ... 95
Geschäftemacher am Werk

Integration – eine komplexe Aufgabe ... 101
Bedarfsgerechte Differenzierung als Orientierunghilfe

Gesamtzusammenfassung ... 107

Anhang ... 113
Offene Fragen, Raum für eigene Anmerkungen, Positionen sowie Informationen über den Autor

Vorwort

Wenn die Wohlfahrts- und Sozialarbeit sich um Mitmenschen kümmert, die der Hilfe bedürfen, so ist aktuell Zuwanderung ein Teil der zu bewältigenden Problematik und eine echte Herausforderung. Sie kommt nicht von ungefähr und ist nicht überraschend. Zumeist wird dabei übersehen, dass unser Land durch Zuwanderung mittel- und langfristig profitiert. Und doch fühlen sich einzelne vom Auftreten dieses Phänomens Zuwanderung überrumpelt und mit deren Bewältigung überfordert.

Dies ist Grund genug, über die Ursachen, Versäumnisse, Herausforderungen und Perspektiven nachzudenken und diese im größeren Zusammenhang einer Reflexion zu unterziehen.

Schließlich

- vollzogen und vollziehen sich Wanderungsbewegungen nicht einfach aus Spaß,

- sind diese auch das Resultat von gravierenden Versäumnissen im In- und Ausland,

- stellen diese eine soziale, ein ethisch-moralische, ein logistische und wirtschaftliche Herausforderung dar und

- lassen sich mit dem Phänomen für alle Betroffenen und Beteiligten auch Perspektiven erkennen, die es zu bedenken gilt.

So wenden wir uns aus grundsätzlicher Sicht nachfolgend den mit der Themenstellung verbundenen relevanten Einzelaspekten zu und bemühen uns darum, von der Vernunft geleitet den bestehenden Erfordernissen gerecht zu werden. Dass mit der Zuwanderung zunächst auch Ungereimtheiten und Belastungen ver­bun­den sind und ein nicht geringer Handlungsbedarf zu befriedigen ist, kann nicht verwundern.

Ein Verharren in der Untätigkeit würde jedenfalls sowohl für die Gesellschaft wie für Menschen mit dem Wunsche nach Zuwanderung keine Lösung brin­gen und ein Negieren der bestehenden Herausforderung verzögert nur erforderliche Schritte. Letztlich ist die Zuwanderung eine gesamtgesellschaftliche Thematik, eine Frage von überragender Bedeutung – für uns und andere. Sie stellt einzelne gesellschaftliche Gruppen unter besonderen Zugzwang. Dazu zählt nicht zuletzt den Staat und die Wohlfahrts- und Sozialarbeit.

Im Einzelnen gehen wir von der Grundproblematik und den Versäumnissen der Vergangenheit aus, betrachten die aktuelle Situation als zu bewältigende Gegebenheit, bemühen uns den Handlungsbedarf in Staat, Gesellschaft und Ehrenamt festzustellen, wenden uns dem aktuellen Aufwand aus Mitverantwortung zu, thematisieren die gemeinsame Bewältigung als Option, beleuchten Teilaufgabenfelder, denken über Hilfsmöglichkeiten durch das Ehrenamt nach, wenden uns den positiven Perspektiven durch Zuwanderung zu, befassen uns mit Problemfeldern und den Ursachen für Widerständen in der Gesellschaft, der Lösung der Verteilungsproblematik sowie der notwendigen Aufteilung der Lasten und beleuchten das erforderliche Mit­nehmen und Einbinden der Bürger, aber auch die Außenwirkung und Folgen eines unangemessenen Verhaltens. Ferner blicken wir auf die objektiv gegebenen Grenzen der Aufnahmefähigkeit, die Instrumentalisierung der Zuwanderung in Form eines Angstmachens und Abzockens, sowie auf Integration als komplexe Aufgabe.

All jenen Personen, welche mich mit Offenlegung ihrer Ansichten und mit Rat beim Erstellen der vorliegenden Publikation unter­stützt haben, danke ich an dieser Stelle herzlich. Ohne ihre Unterstützung wäre diese Schrift nicht entstanden. Sie ist allerdings nur eine Momentaufnahme und es bedarf weiter­ge­hender Überlegungen und Maßnahmen. Im gemeinsamen Bemühen können wir in der Lage sein, die bestehende Herausforderung zu meistern – davon ist auszugehen.

Alle anderen Optionen ließen negative Konsequenzen befürchten und verbieten sich daher von selbst. Auch wenn derzeit noch nicht alles klar ist, bedarf es des unverzüglichen Handelns in allseitigem Interesse. Ein ggf. erforderliches Nachsteuern ist dem Warten auf den großen Wurf zweifelsohne vorzuziehen.

Fürth / Plauen, den 15. Nov. 2015

Prof. Dr. mult. Alfons Maria Schmidt

Grundproblematik und Versäumnisse der Vergangenheit

Eine Hypothek für die heutige Wirklichkeit

Hinführung, Abgrenzung, Zielbestimmung

Zuwanderung ist für die Bundesrepublik Deutschland seit Jahrzehnten ein Faktum, das lange Zeit bestritten wurde. Menschen sind in diesem Zusammenhang aus recht unterschiedlichen Beweggründen ins Land gekommen. So treffen wir im Einzelnen auf Gastarbeiter, Aus- und Übersiedler, Asylbewerber, EU-Bürger und sonstige Zuwanderer wie Nachzügler. Und erst in jüngster Zeit wurde öffentlich erkannt, dass es einer Willkommenskultur sowie eines gezielten Integrationsbemühens bedarf.

In besonderer Art und Weise wird die sich ergebende Grundproblematik der Integration in den östlichen Bundesländern deutlich, in denen wenig Erfahrungen mit ausländischen Mitbürgern bestehen und bei einem Teil der Bevölkerung erhebliche Vorurteile, sowie Berührungs- und Verlustängste vorhanden sind. Verstärkend kommt hier hinzu, dass durch Verlust der aus der Ideologie gespeisten vermeintlichen Klarheit und Sicherheit sowie eines Wegfalls glaubensmäßiger Bindung ein partieller Rückfall in den Nationalismus stattgefunden hat.

Doch lässt sich nicht leugnen, dass angesichts der gegebenen demographischen Entwicklung ohne Zuwanderung ein Aufrechterhalten des Netzes sozialer Sicherheit nicht zu gewährleisten sein wird. Will man sich den Pelz waschen, ohne sich nass zu machen? Da wird man bei rationaler Betrachtung wohl von Wunschträumen Abschied nehmen und neu über das Erforderliche nachdenken müssen.

Der hier vorliegende Beitrag soll dazu verhelfen, zu sensibilisieren und Rationalität gegen bestehende Ängste zu stellen. Er soll helfen, die Grundproblematik zu erkennen und Versäumnisse der Vergangenheit als Herausforderung zu begreifen. Mit ihm soll ein Einstieg in die uns gerade heute aus gutem Grund beschäftigende Thematik zu finden, der sich weitere Betrachtungen anschließen werden.

Bei unseren Überlegungen bewegen wir uns im Hier und Jetzt ausgehend von der Metaebene. Dies dient dazu, den Überblick zu behalten und Zusammenhänge zu erkennen. Dass dieser Zugang der Ergänzung bedarf, sei unbestritten. So bleibt es der Leserin und dem Leser überlassen, über das Vorgestellte hinaus zu denken und den Brückenschlag zur konkreten recht differenzierten Lebenswirklichkeit im Alltag vor Ort herzustellen.

So wenden wir uns nachfolgend der Grundproblematik zu, betrachten die Differenzierung der Zuwanderung und stellen Überlegungen zum erforderlichen Gleichgewicht im Rahmen bestehender Verhältnisse an.

Grundproblematik

Zuwanderung ist für uns Chance und Risiko zugleich. Eine davon abweichende Sicht und Einschätzung erscheint für seriöse Betrachter zumindest blauäugig, denn

- ohne Zuwanderung wird die demographische Entwicklung uns durch Alterung und Schrumpfen der Gesellschaft gerade im Bereich des Sozialen, der Beschäftigung und des Lebensstandards vor grundlegende Umwälzungen stellen.

- Andererseits bedeutet Zuwanderung ein Hinzukommen von Menschen mit einem abweichenden kulturellen Hintergrund, differierenden Erfahrungen, Erwartungen, Lebensentwürfen, aber auch Hoffnungen und legitimen Zielen.

So gilt es, einerseits den gesellschaftlichen Erfordernissen Rechnung zu tragen und die Leistbarkeit der Integration, sowie eine Vermeidung von Überforderung der Bevölkerung zu gewährleisten, andererseits aber auch ein selbstbestimmtes, sicheres und erfülltes Leben der Neubürger im Rahmen der bestehenden Rechtsordnung zu ermöglichen. Dies wird nicht ohne ein wechselseitiges aufeinander zugehen von Zuwanderern und Bodenständigen zu erreichen sein. Dies wird auch zu einer Weiterentwicklung der aktuellen bundesdeutschen Kultur führen und führen müssen – einer Entwicklung, die nie still stand.

Stufenweise Fortentwicklung gesellschaftlicher Verhältnisse wird damit zu einem Schlüsselbegriff und zur unverzichtbaren Notwendigkeit, zumal wenn wir die Rolle Deutschlands im Rahmen der Weltwirtschaft und die Globalisierung mit ihren positiven, aber auch negativen Folgewirkungen näher betrachten. Liegt hier nicht in der Öffnung zur Welt hin der Schlüssel für die Sicherung von Konkurrenz- und Zukunftsfähigkeit?

Im Rückzug auf das vom Gestern her bestimmte Etablierte und der Verzicht auf die Inspi­ra­tion durch andere Ideen, Sicht- und Denkweisen wird kaum gelingen können, den zunehmend komplexer werdenden Herausforderungen zu begegnen. Dies bedeutet allerdings nicht, die eigene geschichtlich geprägte christlich-abendländische Kultur aufzugeben oder gering zu schätzen. Sie gilt es unter Bewahrung des Bewahrenswerten bedarfsgerecht weiter zu entwickeln.

Dieser Prozess wird nicht reibungslos von statten gehen. Zum einen treffen wir auf Beharrungsvermögen und Ablehnung des Fremden, andererseits auf übersteigerte Ausrichtung auf die Moderne, das Andere und Neue. So wird man die einen bremsen und die anderen mitnehmen müssen beim Weg in die Zukunft, so wird man über Information, Enkulturation bei zunächst Fremden, aber auch durch Schaffen von Wissen, Begegnung und Erfahrung bei den Einheimischen Ängste abbauen und ein Miteinander fördern müssen.

Differenzierung der Zuwanderung

Differenzierung bei der Betrachtung der Zuwanderung öffnet den Blick für die Erfordernisse der einzelnen Gruppen.

- Gastarbeiter wurden mit Billigung durch den Gesetzgeber seit über fünfzig Jahren von der Wirtschaft ins Land geholt, um einen bestehenden Arbeitskräftebedarf zu decken. Sie wurden angeworben und Menschen sind gekommen. Und sie haben Deutschland in erheblichem Maße bereichert, zu deren wirtschaftlichem Erfolg maßgeblich beigetragen. Das Land wurde flexibler und offener und hat insoweit ein deutlich höheres qualitatives Niveau erreicht.

- Als Aus- und Übersiedler kamen Menschen deutschstämmiger Abstammung aus dem Osten in die Bundesrepublik. Dies war einerseits eine Anerkennung der bestehenden Blutlinie, andererseits aber auch ein Instrument im Wettbewerb der Blöcke während des kalten Krieges. Dass hier für die Betroffenen ein Mehr an Freiheit einerseits, aber auch die wirtschaftliche Besserstellung ausschlaggebend waren, kann hier wohl unterstellt werden.

- Bei den Asylbewerbern handelt es sich um Nutzer eines im Grundgesetz eingeräumten Rechtes, das bewusst aufgrund der Erfahrungen im und mit dem Dritten Reich geschaffen wurde. Hier wird Verfolgten, Kriegs- und Bürgerkriegsflüchtigen aus ethisch-moralischen Gründen Schutz für Leib und Leben gewährt. Und dieser Anspruch stellt ein unverzichtbares konstitutives Element des Gemeinwesens der Bundesrepublik Deutschland, aber auch ein zu bewältigendes Problem dar.

- EU-Bürger haben aufgrund der geschlossenen vertragsrechtlichen Regelungen zwischen den EU-Staaten Freizügigkeit innerhalb der Europäischen Union. Diese Freiheit ist eine der vier Freiheiten, welche die zusammenwachsende größere Gemeinschaft bietet und von der gerade die Bundesrepublik in hohem Maße wirtschaftlich profitiert hat. (Vier Freiheiten, d.h. freier Personenverkehr, freier Dienstleistungsverkehr, freier Warenverkehr, freier Kapitalverkehr)

- Sonstige Zuwanderer umfasst all Jene, die aufgrund von Familienzusammenführung oder anderen anzuerkennenden berechtigten Interessen ei­nen Aufenthaltsstatus zugebilligt erhalten. Hier können sowohl soziale, wirtschaftliche, aber auch verantwortungsbedingte Gründe ausschlaggebend sein (z.B. Aufenthaltsrecht für lokale Helfer bei Auslandseinsätzen der Bundeswehr). Zu verweisen ist in diesem Zusammenhang auch auf die „Bluecard“ und auf die „Greencard“, bei denen der Übergang zu Gastarbeitern fließend sein dürf­te.

So vielfältig wie die Gruppen an Zuwanderern sind die sich mit ihnen verknüpfenden Chancen und Risiken. Aber auch innerhalb der einzelnen Gruppen ergeben sich erhebliche Unterschiede angesichts des jeweiligen kulturellen Hintergrundes, der bisherigen Lebensumstände und der gemachten Erfahrungen der Neubürger, sowie der individuellen Wertgebundenheit des Handelns. Da wird man mit viel Sensibilität, Verständnis und Empathie, aber auch Klarheit an die längerfristige Aufgabenstellung der zu bewerkstelligenden Integration herangehen müssen.

Diese kann durchaus als eine Investition in die Zukunft des Landes interpretiert werden und nicht einfach als eine Gefahr und Belastung. Man wird dies den Einheimischen ebenso deutlich machen müssen, wie es gilt, gegen Rassenhass und Gewalt vorzugehen. Deren Folgewirkungen im Hinblick auf den Ruf Deutschlands und dessen wirtschaftliche Entwicklung (Fremdenverkehr, Außenhandel, Beschäftigung) wären letztlich katastrophal.

Zuwanderung ist im Übrigen der Abwanderung gegenüber zu stellen. Und hier halten sich Zu- und Abwanderung – auch unter Berücksichtigung der derzeitig großen Anzahl an Asylbewerbern – etwa die Waage. Insoweit ist festzustellen, dass die Bevölkerung innerhalb der Bundesrepublik Deutschland in den nächsten beiden Jahrzehnten deutlich absinken wird und damit eine grundlegende Veränderung der aktuellen gesellschaftlichen Verhältnisse verbunden sein wird.

Mit Hilfe der Zuwanderung wird insoweit das Absinken der Zahl der Bewohner der Bundesrepublik Deutschland aus quantitativer Sicht abgemildert, aber auch in qualitativer Hinsicht findet eine Bereicherung und Fortentwicklung statt, wie an vielen Einzelfaktoren abzulesen ist. Verwiesen sei hier nur auf die zunehmende Offenheit und Flexibilität, auch wenn sich daneben zunächst zusätzlich auftretende Probleme zeigen.

Gleichgewicht

Idealtypisch ergibt sich ein Gleichgewicht der Gestalt, dass die Zuwandernden nahtlos in die Mehrheitsgesellschaft integriert werden, bei dieser Akzeptanz finden und doch ihre kulturelle Identität bewahren können. Dies fordert sowohl von den Mitgliedern der Mehrheitsgesellschaft, wie von den Zuwanderern die Bereitschaft zu Verständnis, zu einem aufeinander Zugehen und zu Anpassungsleistungen.

Weder ein zu viel, noch ein zu wenig an Zuwanderung wird für die einzelnen Teile der Gesellschaft hilfreich sein.

- So besteht einerseits die subjektiv von Teilen der Bevölkerung wahrgenommene Gefahr einer zu großen Überfremdung, andererseits der nicht hinreichenden Absicherung einer positiven gesellschaftlichen Zukunft.

- So besteht andererseits die Gefahr einer Parallelgesellschaft und unzureichender Integration, bzw. eines Abdrängens in die undankbare Rolle von nützlichen Bürgern zweiter Klasse.

Gleichgewicht bedeutet hier, dass legitime Interessen und Bedürfnisse aller einer Berücksichtigung bedürfen – die Interessen und Bedürfnisse der Mehrheitsgesellschaft und ebenso die der Zuwanderer. Letztere sollen Teil des Gemeinwesens dieses Landes werden und sie haben Anspruch darauf, entsprechend den konstitutionellen Grundlagen der Verfassung, welche die Wahrung der unveräußerlichen Menschenwürde vorsieht, bei Anerkennung und Berücksichtigung der geltenden Rechtsordnung hier einen neuen Lebensmittelpunkt zu finden, wenn sie als Asylberechtigte anerkannt sind.

Im Zuge des Bemühens um dieses Gleichgewicht wird zu leisten sein, sowohl bei angestammten Bundesbürgern, wie auch bei den unterschiedlichen Zuwanderern durch erhellende Informationen und stichhaltige Begründungen, Einsichten zu erzeugen und gemeinschaftsförderliche Verhaltensweisen zu stärken. Bereitgestellte praktische Lebenshilfen, Konfliktvermeidungsstrategien und Bewältigungsmechanismen könnten dies hilfreich unterstützen.

Letztlich setzt Gleichgewicht auf Ausgleich und Akzeptanz. Diese ist der Boden für ein konstruktives Miteinander, der bei entsprechender Realisierung allen Beteiligten und Betroffenen Erfolg und Nutzen bringt. So sei hier beispielsweise auf die Vielzahl der durch die Zuwanderung geschaffenen neuen Beschäftigungschancen verwiesen und auf den dadurch sich ergebenden wirtschaftlichen Vorteil.

Offene Fragen

Mit der Zuwanderung verbinden sich naturgemäß zukunftsbezogen offene Fragen. Sie wird man im Hier und Jetzt nicht mit letzter Klarheit und Sicherheit beantworten können. Doch die Offenheit einer Gesellschaft und deren Zukunftszugewandtheit erfordert Flexibilität und auch das Eingehen von begrenzten Risiken. Ansonsten würden wir uns an der Vergangenheit festklammern und im Kräftespiel der Volkswirtschaften zu Verlierern werden – auch hinsichtlich der Bedeutung und des erreichten Lebensstandards.

So erscheint angemessen danach zu fragen, wie Chancen durch Zuwanderung genutzt und Risiken begrenzt werden können, sodass sich für die Gesellschaft und die in ihr lebenden Menschen ein realer Gewinn ergibt. So erscheint angemessen danach zu fragen, wie der Prozess der Integration für alle Betroffenen und Beteiligten förderlich gestaltet werden kann, sodass so wenige Reibungsverluste wie möglich auftreten.

Offen ist die Frage, wie wechselseitige Akzeptanz zwischen den einzelnen gesellschaftlichen Gruppen gestärkt werden kann und wie mit Menschen umzugehen ist, die sich einem notwendigen gesellschaftlichen Konsens verweigern. Das Strafrecht und das Ausländerrecht bieten hier allenfalls eine letzte Rückfallposition zur Wahrung des gesellschaftlichen Friedens an, wenn sanftere Ansätze zur Stärkung eines Miteinanders versagt haben.

Es verbietet sich in diesem Zusammenhang erst dann aktiv zu werden, wenn das Kind bereits in den Brunnen gefallen ist. Insoweit sind vorbeugende Maßnahmen angezeigt, die sowohl von Seiten des Staates, der Wirtschaft, aber auch der Gesellschaft zu leisten sind. Dankenswerterweise helfen hier die sozial eingestellten Mitbürgerinnen und Mitbürger, wo der Staat und die Wirtschaft überfordert scheinen.

Manche Frage wird erst im Laufe des Prozesses der Integration der Zuwandernden auftreten, manche Frage erscheint heute noch gar nicht vorstellbar, manche künftig aber auch überflüssig, wenn sich die Dinge eingespielt haben werden. Da wird man mit Geduld schrittweise Lösungen näher zu kommen suchen und Verbesserung zu bewirken bemüht sein müssen. Hinreichende Geduld und Ambiguitäts- oder Frustrationstoleranz erscheinen dabei unverzichtbar.

Versäumnisse der Vergangenheit

Hinsichtlich Willkommenskultur und einem klaren Integrationskonzept bestanden in der Bundesrepublik Deutschland lange Zeit deutliche Defizite.

- Zunächst wurde vehement bestritten, ein faktisches Einwanderungsland zu sein,

- sodann wurde bestritten, deutlicher Integrationsanstrengungen zu bedürfen.

- Bei der Zuständigkeit fand ein Weiterschieben der Verantwortung statt und

- erst die unübersehbare Notwendigkeit ließ Aktivitäten erwachsen, mit der Herausforderung planvoll umzugehen.

Seit den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts bilden Gastarbeiter eine wichtige Stütze der bundesdeutschen Wirtschaft. Aus- und Übersiedler trugen ebenfalls zur Überwindung des Arbeitskräftemangels bei. Arbeitskräfte wurden gesucht und haben mit ihren Familien einen neuen Lebensmittelpunkt in unserem Lande gefunden. Den durch sie geschaffenen Aufbruch und die durch sie angestoßene kulturelle Weiterentwicklung können wohl unbestritten als faktischer Fortschritt bezeichnet werden. Wenn Teile der Politik dies erst heute anerkennen, so fällt dies letztlich auf jene Teile der Politik zurück.

Integration geschieht nicht einfach von selbst. Hier sind Anstrengungen aller Beteiligten erforderlich – Anstrengungen der Zuwandernden, aber auch der Mehrheitsgesellschaft. Schließlich gilt es, auf allen Seiten Nutzen zu schaffen und Zufriedenheit zu erzeugen. Über ein planvolles Vorgehen lassen sich letztlich die erforderlichen Schritte bei der Integration erleichtern und dies für alle beteiligten Seiten – für Zuwanderer, Unternehmen, Staat und Mehrheitsgesellschaft. Es gilt: Ohne eine den Prozess fördernde Anstrengung kein Preis, ohne aufgewandte Mühe kein Erfolg. Bei fehlender Mitnahme eines Teils der Bevölkerung sind Widerstände vorgezeichnet.

Ein Verschiebebahnhof bei den Zuständigkeiten zwischen Bundes-, Landes- und Kommunalebene, sowie zwischen Staat, Wirtschaft und Gesellschaft konnte nicht überzeugen, wo doch eine gemeinsame Anstrengung angezeigt gewesen wäre. So verständlich auch die Vermeidung von Kosten erscheinen mag, kann diese Begründung bei unabweisbaren Notwendigkeiten kaum aus der Sackgasse führen. Eine Lastenteilung wäre hier der vernünftigere Ansatz gewesen. Er hätte Reibungsverluste vermeiden und Integration deutlich erleichtern können.

Von der unabweisbaren Not getriebene Aktivitäten haben letztlich zwangsläufig den Charakter eines suboptimalen Krisenmanagements, das zwar mit besten Willen betrieben wird, aber doch primär Notlösungen anzubieten hat. Längerfristige Vorsorge hätte hier – ungeachtet aller Unwägbarkeiten – kurzfristig erforderliche Gewaltanstrengungen vermeiden, ein planvolles Vorgehen Aufregungen, Belastungen und Frustrationen minimieren können. Im Zuge der Einheit Deutschlands wäre in dieser Herausforderung im Übrigen auch der östliche Teil der Republik einzubinden und mitzunehmen gewesen.

Abb. 1: Aufbau des Beitrages

[Abbildungen sind in dieser Leseprobe nicht enthalten.]

Zusammenfassung, Reflexion, Ausblick

So stehen wir heute vor der Situation, dass sich im Zuge von Zuwanderung für dieses Land eine Grundproblematik ergibt, mit der man sich erst notgedrungen auseinandergesetzt hat. Im Zuge dieser Grundproblematik sind die Situation und die Notwendigkeiten in der Bundesrepublik ebenso zu bedenken, wie die Erwartungen und Hoffnungen der Zuwandernden, aber auch die Folgewirkungen für die Mitbürger in unserem und den abgebenden Staaten.

Zu berücksichtigen ist nicht zuletzt die Differenziertheit der Neubürger, deren abweichende Biographien und kulturelle Hintergründe, aber auch deren unterschiedlich langer Integrationszeitraum in das wirtschaftliche und gesellschaftliche Leben im Lande. Gastarbeiter, Aus- und Übersiedler, Asylbewerber, EU-Bürger und sonstige Zuwanderer standen und stehen mit einem mehr oder weniger stark ausgeprägten Geschick neuen Herausforderungen und Zumutungen gegenüber, die zu bewältigen sind.

Durch Versäumnisse der Vergangenheit wurde bislang die Integration sowohl für die Zuwanderer, wie für die Mehrheitsgesellschaft eher dem Zufall überlassen, obwohl gezielte Integrationsmaßnahmen für beide Seiten deutliche Erleichterungen hätten bringen können. So bleiben offene Fragen, das Erfordernis eines flexiblen Vorgehens, von Veränderungsbereitschaft und Zukunftszugewandtheit mit begrenzten Risiken. Da uns das Morgen nur schemenhaft erkennbar ist bleiben Unsicherheiten, die es auszuhalten gilt.

Hier kann nur die Bereitschaft helfen, auf die Herausforderungen zuzugehen und mit den sich verändernden Gegebenheiten Schritt zu halten. Hier zählt das aktive Handeln, das sich jedoch nicht in blindem Aktionismus erschöpfen darf, die wechselseitige Ergänzung und Bereicherung, nicht aber die grundlegende Abgrenzung und Abschottung gegenüber dem Fremden. Dies wird wohl nur in Reife, Freiheit und mit Einsicht angemessen zu bewerkstelligen sein.

Realistisch betrachtet sind wir bestenfalls auf dem Weg zur Angemessenheit des Vorgehens in Verantwortung für die Gesellschaft und alle Betroffenen. Insoweit ist fortlaufend darüber nachzudenken, mit welchen Hilfen erforderliche Zuwanderung gesteuert und unterstützt und notwendige Integration erleichtert werden kann, wo aber Grenzen bestehen, die nicht überschritten werden sollten.

Aktuelle Situation als zu bewältigende Gegebenheit

Eine alternativlose Herausforderung

Hinführung, Abgrenzung, Zielbestimmung

Wenn wir im Zusammenhang mit Zuwanderung von der aktuellen Situation sprechen, so erscheint vor allem die große Anzahl an Asylbewerbern als eine zu bewältigende Herausforderung. Sie ist das Resultat von Verwerfungen, die machtpolitischen, wirtschaftlichen, aber auch zugehörigkeits- und abgrenzungsbezogenen Ursprungs sind. Regionale Aspekte melden sich hier, Ideologien beanspruchen Vorrang und auch die Weltpolitik kämpft um bestimmenden Einfluss.

So sind die vorgeschobenen Gründe für Auseinandersetzungen, die zu Not, Krieg und Vertreibung führen nicht unbedingt die entscheidenden, da im Hintergrund ganz andere Ursachen den Ausschlag geben und fehlende Hoffnung auf Besserung Menschen nach Alternativen suchen lässt. „Sorgt dafür, dass der Krieg aufhört und wir bleiben zuhause“ ist hier das Statement eines Dreizehnjährigen. Es ist beschämend und herausfordernd zugleich.

Soweit man Deutschland an den konstitutiven Grundprinzipien misst, gibt es keine Alternative zur Aufrechterhaltung des Asylanspruchs und der Anerkennung der Würde des Menschen. Gleichzeitig erscheinen alle Anstrengungen und Unterstützungen bedenkenswert, die in den Herkunftsländern von Flüchtlingen Fluchtgründe bekämpfen und ein lebenswertes Leben ermöglichen helfen.

Das Erfassen der aktuellen Situation ist die eine Seite, die langfristige Entwicklung die andere. Wir werden uns nicht der einen Seite auf Kosten der anderen zuwenden können, auch wenn die Nothilfe im Augenblick zwangsläufig Vorrang besitzt. Sich mit der aktuellen Situation auseinandersetzen ist insoweit ein Einstieg in die sich ergebende umfassendere Herausforderung, die sich uns letztlich stellt.

Wenn wir auch hier im Grundsätzlichen bleiben, so ist dies der komplexen Problematik geschuldet. Unser kleiner Überblick erhebt insoweit nicht den Anspruch auf Vollständigkeit, sollte aber doch in der Lage sein zu helfen, Realität in ihrer Vielschichtigkeit wahrzunehmen und einem Propagieren von einfachen Lösungen argumentativ entgegentreten.

Aktuelle Situation

Eine Beschreibung der aktuellen Situation rückt notgedrungen den zentralen Problembereich ins Blickfeld. Dies ist im Zusammenhang mit der Zuwanderung unbestritten die stark angestiegene Anzahl an Asylbewerber(innen). Hier kann von einem „Run“ gesprochen werden, der sowohl in der Bundesrepublik Deutschland, wie auch in den Herkunftsländern der Bewerber Probleme aufwirft.

In Mitteleuropa bestehen faktisch durchaus Integrationsmöglichkeiten auf Grund

- der Wirtschaftskraft,

- der demographischen Entwicklung,

- des Fachkräftemangels,

- des kulturellen Anspruchs und

- weiterer relevanter Gegebenheiten.

Gleichzeitig ergeben sich unbestimmte Aversionen gegen das Fremde und ein Auftreten jener mit dem Fremden verbundenen Ängste gerade bei Menschen, die ihren eigenen Standort und ihre eigene Position in der Gesellschaft noch nicht gefunden haben. Eigene Unsicherheit und fehlendes Wertigkeitsempfinden zeigen sich dann mitunter in Form von blinder Aggression, welche die Situation verschlimmert und die Lage verschärft.

Für die Herkunftsländer ist ein „Ausbluten“ festzustellen, welches eine kurzfristige Rückkehr zur Normalität deutlich erschwert. Nach Zerstörung, Verfolgung und Vertreibung wird bei Friedensschluss in diesen Ländern eine gewaltige Aufbauarbeit beginnen müssen, die langfristig angelegt den Verbliebenen eine neue Perspektive schafft und ferner einen Teil der Geflohene zur Rückkehr bewegt.

Hier zeigt sich die Wahrnehmung der weltweiten Mitverantwortung, auch angesichts der durch die weltwirtschaftlichen Verhältnisse und unverkennbaren Ungerechtigkeiten verursachten Probleme, sowie der Lieferung von Waffen in Spannungsgebiete. Auch deutsche Firmen verdient insoweit direkt und indirekt am Elend anderer. Die offizielle Entwicklungshilfeleistung ist da nur ein kleines Trostpflaster und wir sind in diesem Bereich weit vom postulierten Ziel und der eingegangenen Verpflichtung entfernt.

Zu verweisen ist an dieser Stelle schließlich auf die Mitverantwortung der arabischen Welt. Alleine in Saudi-Arabien stehen klimatisierte Unterbringungsmöglichkeiten für drei Millionen Menschen fast das ganze Jahr über leer und auch die Vereinigten Staaten von Amerika sollten sich als Mitverursacher der Fluchtbewegung im Nahen und Mittleren Osten ebenfalls stärker in die Pflicht nehmen lassen.

Kurzfristige Bewältigungsansätze

Wenn wir auf kurzfristige Bewältigungsansätze blicken, so stehen in erster Linie die aktuelle Nothilfe und die geordnete Abwicklung im Zentrum der Betrachtungen. Es gilt, das Nötigste sicher zu stellen und im Rahmen des Erforderlichen all jenes bereit zu halten, was für die jeweilig Betroffenen ein menschenwürdiges Leben und Überleben gewährleistet.

In diesem Zusammenhang ist an die Sicherung von wetterfester Unterkunft und an die Versorgung mit benötigten Gütern wie Lebensmittel, Getränke, Kleidung, Grundausstattung und gesundheitlichen Dienstleistungen zu denken. Dies erwächst aus der bestehenden weltweiten sozialen Mitverantwortung, auch wenn unser Land nicht in erster Linie für einzelne der bewaffneten Konflikte ausschlaggebend ist.

Kurzfristig ist an eine Beschleunigung von Anerkennungsverfahren zu denken, die sowohl den Bewerbern wie auch der Bevölkerung Frustrationen erspart und in vertretbarer Zeit hinreichende Klarheit und Gewissheit schafft. Damit wird einerseits die konkrete Belastung reduziert, den Betroffenen eine Perspektive aufgezeigt und andererseits dem Unverständnis von Einheimischen vorgebeugt.

Beschleunigung wird man wohl kaum ohne eine Entbürokratisierung bei Regelungen und Vorgängen erreichen können. Weniger ist manchmal einfach mehr und eine Konzentration auf das Wichtige und Dringliche dem Perfektinismus und Reglementierungswahn vorzuziehen. Vielleicht lassen sich auch über Rahmenregelungen Öffnungen schaffen, um mit der großen Anzahl an Vorgängen zeitnah fertig werden zu können.

Schließlich steht nicht zuletzt die Förderung kurzfristiger pragmatischer Lösungen auf dem Programm. Nicht die Bedenkenträger aus Justiz und Bürokratie sind gefragt, sondern Menschen, die bestehende Erfordernisse sehen, anpacken und dadurch helfen, die Problematik im Interesse aller zu vermindern.

Längerfristige Notwendigkeiten

Wenn wir die längerfristigen Notwendigkeiten betrachten, so steht in erster Linie die Sprach- und die berufliche Handlungskompetenz im Raum. Sich verständlich machen, für sich selbst sorgen und einen Beitrag zum gemeinsamen Wohl leisten zu können erscheint als eine unverzichtbare Brücke zwischen den Menschen.

Längerfristig wird die Wohnraumproblematik zu lösen sein. Wenn schon heute in Ballungsgebieten bezahlbarer Wohnraum extrem knapp ist, so wird dies durch erhöhte Zuwanderung in Teilen des Landes zu einem echten Problem. Hier ist der Staat im Hinblick auf die Wohnraumförderung gefordert, die Bürokratie, aber auch die Bauträger, die Bauwirtschaft und nicht zuletzt die Bevölkerung insgesamt.

Gesellschaftliche Aufnahme und Integration erfordert Offenheit und Unvoreingenommenheit. Gerade Deutschland hat hier angesichts der Vergangenheit positive Zeichen zu setzen und eine Willkommenskultur unter Beweis zu stellen, die ihrerseits auf das gesamte Gemeinwesen und sein Erscheinungsbild ausstrahlt. Hier gilt es nach wie vor Schuld der Vergangenheit abzutragen, auch wenn keine persönliche Verantwortung für die erbrachten früheren Fehlleistungen besteht.

Im Zusammenwachsen bedarf es der Wahrung der kulturellen Identität und der erfolgreichen Einbindung in die Gemeinschaft. Die Wahrung der kulturellen Identität gilt sowohl für die deutsche Kultur, wie für die Kultur, welche die Zuwanderer aus dem Ausland mitbringen. Sie ist Teil der individuellen Persönlichkeit und insoweit Teil des personalen Selbstverständnisses, das es zu achten gilt.

Nicht zuletzt sind klar geregelte Hilfen bei der Option einer Rückkehr in die Herkunftsländer erforderlich. Weder dürfen dort allerdings – ausgehend von der Würde des Menschen – gravierende Gefahren für Leib und Leben bestehen, noch unzumutbare Härten und Ungewissheiten. Dabei wird allerdings nicht mit letzter Sicherheit zu quantifizieren sein, in welchem Umfange faktische Sicherheit und notwendige Entfaltungschancen bestehen.

Multiple Nucleus Strategie: die Lösung und der zu leistende Auftrag

Mit der Multiple Nucleus Strategie finden wir eine Lösung, die gleichermaßen den Ínteressen der direkt oder indirekt Betroffenen entgegen kommt. Zum Wesen dieser Strategie zählt, dass sie gleichzeitig an mehreren Stellen ansetzt und so den Boden bereitet

- für eine rasche Bewältigung der mit der Zuwanderung verbundenen Herausforderungen,

- für die Überwindung der zunächst hinzunehmenden Notprogramme, die nach Katastrophenschutzgesichtspunkten gestaltet sind,

- für langfristige Lösungen und überzeugende Antworten auf Anfragen, sowie angemeldete, aber auch unangemeldet auftretende Erfordernisse,

- für die Bewältigung im Innern, aber auch für die Entwicklung in den Herkunftsregionen.

Dies erfordert die Integration im Inland, die Bewältigung der Sonderproblematik Jugendliche, Bildung und Berufsförderung, die Entwicklungshilfe im Ausland und die heimatliche Reintegration. Inländische Integration geht davon aus, dass zumindest ein Teil der Zuwanderer dauerhaft in Deutschland bleiben wird. Er benötigt Hilfe zur Selbsthilfe und zur Etablierung im Staat, der Arbeitswelt und der Gesellschaft. Menschen sind in diesem Zusammenhang bei ihrem heutigen Stand der Entwicklung abzuholen und Fortzuentwickeln.

Eine Sonderproblematik ergibt sich – wie angesprochen – bei den Jugendlichen, sowie bei der Bildung und der Berufsförderung.

- Jugendliche lassen sich bei gezielter Förderung und Unterstützung leichter in den Sprachraum, die Kultur und die Arbeitswelt integrieren, als ältere Zuwanderer. Sie bedürfen allerdings jugendgemäßer Hilfen in einem schrittweisen Entwicklungsprozess.

- Bildung steht hier nicht nur für Wissenserwerb. Er steht auch für die Vermittlung von Einsicht in Erfordernisse und ein aufeinander zugehen von Alt- und Neubürgern, einschließlich notwendiger Kompromisse beiderseits.

- Berufsförderung setzt letztlich bei der Integration in den Arbeitsprozess an. Sie umfasst die Vermittlung von Kompetenzen, Fähigkeiten und Fertigkeiten, aber auch von Einstellungen, Tugenden und der Zuverlässigkeit in der Aufgabenerfüllung.

Mit der Entwicklungsförderung in den Herkunftsländern wird deren Situation verbessert und die Zahl der Auswanderungen vermindert. Dies ist eine unverzichtbare Notwendigkeit, will man erreichen, dass einzelne Länder nicht über Jahrzehnte von der Entwicklung anderen Orts abgehängt werden und aus eigener Kraft – zumal bei der bestehenden Weltwirtschaftsordnung – kaum mehr auf die Beine kommen, sodass sich die Konflikte verschärfen.

Reintegration in die Heimatländer wird wohl erst dann eine realistische Perspektive sein, wenn dort für die Rückkehrer sich neue Chancen für eine bessere Zukunft ergeben. Hier Qualifizierte könnten ein Beitrag dazu sein, dort eine raschere positive Entwicklung zu erreichen und damit die jeweilige Länder zu befrieden.

Grenzen der Aufnahmefähigkeit

Bei allem guten Willen bestehen auch Grenzen der Aufnahmefähigkeit. Diese sind für die Bundesrepublik Deutschland global betrachtet jedoch nicht erreicht. Bei ca. 2500 Asylbewerbern auf 1 Million Bundesbürger bleiben wir weit hinter Schweden (mehr als 8000) zurück, auch wenn unser Platz bei der Aufnahme unter den fünf Ländern mit der höchsten Aufnahmequote in Westeuropa liegt. Im Nahen Osten werden diese Quoten weit übertroffen (z. B. in der Türkei mit ca. 2,5 Mio. Flüchtlingen).

Grenzen bestehen aber nicht nur von der quantitativen Anzahl her. Grenzen sind auch gegeben

- bei der örtlichen Verteilung. z.B. angesichts der Wohnraumsituation in Ballungsgebieten bzw. der Integrierbarkeit in kleinen ländlich strukturierten Gebieten,

- bei der Fähigkeit und Bereitschaft der Zuwanderer zur Integration in die Mehrheitsgesellschaft und Akzeptanz der hier bestehenden gesellschaftlichen Ordnung,

- bei der zu vermittelnden Einsicht und der Akzeptanz der Notwendigkeit zu Solidarität bei Teilen der Mehrheitsgesellschaft, die nicht zurückgelassen werden sollen, sowie

- die zeitliche Häufung der kurzfristig zu bewältigenden Herausforderungen. Dankenswerterweise haben hier ehrenamtlich tätige Freiwillige bislang in erheblichem Umfange geholfen, die Herausforderung zu meistern.

Insoweit geht es darum, durch hinreichende logistische Vorarbeiten, Schaffen von Flexibilität, kluger bedarfsgerechter Begleitung des Prozesses, sowie Information und Mitnahme der Bevölkerung das Leistbare zu ermöglichen, aber im Interesse des Gemeinwesens wo nötig und vertretbar auch klare Grenzen zu setzen.

Letztlich wird ein Bündel von Maßnahmen sowie ein Zusammenwirken aller Ebenen erforderlich sein, eine gemeinsame langfristige Anstrengung zur Bewältigung der bestehenden Herausforderungen. Und es sollte aufgrund der unabweisbaren Notwendigkeit zu Lösungen zu kommen, die dem Parteienstreit entzogen werden.

Mit Augenmaß und Verantwortungsbewusstsein handeln und das Handeln anderer einfordern steht insoweit auf dem Programm. Mit gutem Beispiel vorangehen und die Dinge nicht einfach treiben lassen ist gefordert. Da gehört auch dazu, in Ausnahmesituationen besonnen vorzugehen und bestehende bürokratische Regelungen, die für den Normalfall gedacht sind, nicht als Verhinderungs- und Vermeidungsstrategie gegenüber Hilfsbedürftigen einzusetzen.

Zusammenfassung, Reflexion, Ausblick

Wenn wir bemüht sind, das Vorgenannte zusammenzufassen, so lässt sich festhalten, dass

- Deutschland einen Beitrag zur Bewältigung der Flüchtlingsproblematik leisten kann – aber nicht alleine,

- sich zeigende Erfordernisse von außen und im Innen aufeinander abzustimmen sind,

- auch die sich ergebende Problematik für jene Länder mit hohem Aufkommen an Flüchtlingen zu bedenken sind und

- eine Einbindung aller Kräfte erforderlich erscheint.

Man wird zwischen kurzfristigen Bewältigungsansätzen und längerfristigen Notwendigkeiten differenzieren müssen und im Rahmen einer Multiple Nucleus-Strategie sowohl hier wie in den Herkunftsländern der Flüchtlinge ansetzen müssen. Gerade die Gleichzeitigkeit unterschiedlicher Ansätze zur Bewältigung der Problematik erscheint unverzichtbar. Bei realistischer Betrachtung werden wir auch Grenzen des Leistbaren anerkennen müssen. Sie sind aktuell allerdings nicht erreicht. Ungeachtet dessen bedarf es hinreichender Vorsorge um dem gesellschaftlichen Anspruch und der ethisch-moralischen Grundlage des Gemeinwesens auch künftig gerecht werden zu können.

Das Notwendige und Dringliche tun und dabei Angemessenheit zu gewährleisten erscheint als Gratwanderung zwischen unterschiedlichen Ansprüchen. Da wird nach einem Austausch der Argumente wohl nur im Rahmen eines gesellschaftlichen Konsens darüber zu befinden sein, was letztlich zu leisten ist und was geleistet werden kann. In jedem Falle ist Gewalt als Mittel der Durchsetzung von mehr oder weniger sinnvollen Überzeugungen abzulehnen. Die sich auftuende Zuwanderungsproblematik wird uns wohl noch längere Zeit beschäftigen. So erscheint unrealistisch, von einer die Öffentlichkeit nur kurzfristig beschäftigenden Thematik auszugehen. Über den Tag hinaus zu denken erscheint insoweit auch für die Politik unverzichtbar. Widrigenfalls hätten wir alle in der Zukunft die Zeche für Versäumnisse zu zahlen.

Handlungsbedarf in Staat, Wirtschaft, Gesellschaft und Ehrenamt

Notwendigkeit aus Eigeninteresse

Hinführung, Abgrenzung, Zielbestimmung

Im Zusammenhang mit Zuwanderung ergibt sich sowohl für Staat, Wirtschaft, aber auch für Gesellschaft und Ehrenamt ein unabweisbarer Handlungsbedarf. Gerade angesichts der aktuellen Wanderungsbewegungen aufgrund von Krieg und Vertreibung gilt es den Notwendigkeiten Rechnung zu tragen und dies alleine schon aus Eigeninteresse.

So erscheint es angebracht, dem Handlungsbedarf in den einzelnen gesellschaftlichen Bereichen nachzuspüren, um die Ansatzpunkte zu identifizieren, die ein angemessenes Handeln zur Bewältigung der Herausforderung erkennen lassen. Von ihnen ausgehend Aktivitäten zu entfalten erscheint allemals sinnvoller, als ein planloses unkoordiniertes Vorgehen.

Wir wenden uns nachfolgend dem staatlichen Handlungsbedarf zu, da der Staat den Rahmen setzt für das innergesellschaftliche themenkreisbezogene Geschehen. Dass hier Anpassungen vorzunehmen sind, erscheint zwingend geboten – sowohl im Interesse der Betroffenen, der Gesellschaft als auch des Staates selbst. Aber auch bei der Wirtschaft besteht Handlungsbedarf. Er resultiert einerseits aus der erforderlichen Deckung des Mitarbeiterbedarfs, andererseits aus der Mitverantwortung der Wirtschaft im Rahmen des gesamtgesellschaftlichen Geschehens.

Nicht zuletzt wird die Gesellschaft selbst und in ihr das Ehrenamt Aktivität entfalten müssen, damit Integration gelingen kann. Dies ist nicht nur eine aktuelle Herausforderung, sondern eine Aufgabe über einen längeren Zeitraum, da Integration einen Prozess darstellt der Anpassungsleistungen erfordert – und dies sowohl von den einzelnen Zuwanderern wie von der Gesellschaft selbst.

Unsere Betrachtung kann nur einen Umriss der Handlungserfordernisse aufzeigen und dem Bemühen dienen, gebotene Sensibilität zu stärken. Nur wenn alle Seiten ihren angemessenen Beitrag leisten, dann wird es gelingen, alle Beteiligten zufrieden zu stellen. Dann findet eine Bereicherung dieser Gesellschaft statt, die wünschenswert erscheint und gleichzeitig Hilfe bietet.

Staatlicher Handlungsbedarf

Staatlicherseits wird auf ein geordnetes Verfahren zur Aufnahme zu setzen sein. Dies bedeutet im Zuge eines Massenanfalls an Zuwanderung sowohl die Sicherstellung der erforderlichen Ordnung, als auch eine rasche, effiziente und effektive Integration in das Gemeinwesen nach klaren Grundprinzipien, die ihrerseits einer fortlaufenden Überprüfung bedürfen.

Das geordnete Verfahren soll gewährleisten, dass die staatlicherseits zu erbringenden Aufgaben auf der Basis erforderlicher Informationen und gegebener Notwendigkeiten geleistet werden können. Insoweit sichert Staatlichkeit erforderliche Ordnung, Rechtmäßigkeit und Angemessenheit, aber auch Abwehr von unerwünschten Erscheinungen.

Mit Hilfe einer raschen, effektiven und effizienten Integration in das Gemeinwesen wird dem gegenüber erreicht, dass

- Hilfe zum jeweiligen Bedarfszeitpunkt in hinreichendem Maße zur Verfügung gestellt wird,

- diese Hilfe angemessen angelegt ist, sodass sie die Antwort auf die bestehenden Notwendigkeiten darstellt und

- bei der Bereitstellung der Hilfe auf den wirtschaftlich sinnvollen Einsatz der knappen Ressourcen geachtet wird.

Hier wird man angesichts der Vielzahl der Fälle von bürokratischen Verfahrensweisen Abschied nehmen und zu mehr Flexibilität kommen müssen. Dies kommt auch der wünschenswert raschen Bewältigung der Herausforderung entgegen und der Bewahrung und Aufrechterhaltung der gesellschaftlichen Ruhe und des sozialen Friedens.

Wenn sinnvolle Lösungen – auch beruflicher Integration – gegen den Willen der Wirtschaft an bürokratischen Hemmnissen und langen Bearbeitungszeiten von Anträgen scheitern, so wird der Staat entgegen seiner Aufgabenstellung zur einer ernsthaften gesellschaftlichen Belastung, die kontraproduktiven Charakter besitzt und so die bestehende staatliche Ordnung selbst in Frage stellt.

Hier ist auf die Grenzen planwirtschaftlichen Vorgehens zu verweisen und auf die Kraft des Ideenreichtums und der Flexibilität. Perfektionsstreben in Situationen, die keine Perfektion zulassen erfordern nun einmal Kreativität und das Überschreiten von tradierten Regelungsmechanismen. Es zählt nicht zuerst das Erfüllen des Formalen, sondern die soziale Bewältigung des Inhaltlichen.

Handlungsbedarf in der Wirtschaft

Die bundesdeutsche Wirtschaft hat deutlichen Bedarf an möglichst qualifizierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern auch aus dem Ausland angemeldet. Alle einschlägigen Verbände verweisen auf die Auswirkungen der demographischen Entwicklung und den sich verschärfenden Fachkräftemangel im Lande.

Da wird man bei der Zuwanderung sicherlich differenzieren müssen hinsichtlich der vorhandenen beruflichen Befähigung und Einsatzfähigkeit der Neubürger. Wir treffen sowohl auf

- hochqualifizierte Experten und ausgebildete Fachkräfte, bei denen eine Eingliederung in den Arbeitsprozess unproblematisch erscheint,

- auf Minder- und Unqualifizierte, denen zunächst erst eine entsprechende Qualifikation zu vermitteln sein wird. Gerade bei jungen Asylbewerbern mit der Hoffnung auf eine neue Perspektive wird hier sehr viel zu erreichen sein.

- Unter den hier Zuflucht Suchenden befinden sich zweifelsohne auch Menschen, die von ihrem Schicksal so gezeichnet sind, dass erst erhebliche psychische Probleme aufzuarbeiten sind, bevor von ihnen ein nutzbringendes eigenverantwortliches Handeln erwartet werden kann.

- Nicht zuletzt dürften sich auch Problemfälle ergeben, bei denen letztlich eine Integration kaum gelingen wird.

Im Zuge von Initiativen der Wirtschaft wird bereits heute – auch gegen das hemmende Wirken der öffentlichen Verwaltung – einiges getan, den Prozess der Integration voran zu treiben. Er ist nicht nur aus Verantwortung den Menschen gegenüber geboten, sondern auch eine aus Eigeninteresse der Wirtschaft resultierende Notwendigkeit.

Problematisch erscheinen vor allem die Arbeitserlaubnis und die Beseitigung der Hemmnisse, Ausbildungsverträge einzugehen. Unternehmen bedürfen hier einer gewissen Planungssicherheit, die beispielsweise auch Zeiten nach Beendigung von Ausbildungen einschließt. Denn Qualifizierung ist eine Investition, die sich wirtschaftlich tragen soll und dies für alle Seiten.

Teile der Wirtschaft haben sich bereit erklärt und wiederholt gefordert, Erleichterungen zu schaffen, damit die heutige gesellschaftliche Problematik durch das Handeln von Unternehmen vermindert und der Vorteil für die Gesellschaft vermehrt wird. In diesem Zusammenhang dürfen allerdings nicht die bundesdeutschen Randgruppen der Nichtintegrierten und prekär Beschäftigten vernachlässigt werden.

Handlungsbedarf in Gesellschaft und Ehrenamt

Integration ist eine gesamtgesellschaftliche Herausforderung. Offenheit und Bereitschaft, eine gemeinsame Zukunft aufzubauen, wird hier auch dann unverzichtbar sein, wenn sich im Rahmen der Eingliederung Probleme und Reibungsverluste ergeben. Man wird hier nicht davon ausgehen können, dass alles beim Alten bleiben wird und sich keine Notwendigkeit zur Fortentwicklung gesellschaftlicher Gegebenheiten ergibt.

Sich auf Veränderungserfordernisse einzustellen und bestehende Chancen wahrzunehmen, aber auch Risiken zu minimieren, wird von allen Bewohnern der Bundesrepublik einzufordern sein. Sie mitzunehmen und auf dem Weg in die Zukunft einzubinden, ihnen aber auch hinreichende Unterstützung angedeihen zu lassen, gestaltet sich dabei als eine langfristige Aufgabe.

In diesem Zusammenhang kann das Ehrenamt gerade dort Aktivität entfalten, wo sich im sozialen Bereich Schwachstellen auftun und ergänzende Maßnahmen angezeigt erscheinen. Der Staat alleine wird diese nicht beseitigen können. Auch wird über positive Entwicklungen jener Teil der Gesellschaft zu überzeugen sein, der heute skeptisch dem Themenkreis Zuwanderung gegenüber steht.

Von entscheidender Bedeutung wird die Entwicklung des gesellschaftlichen Klima sein. Ist es auch längerfristig von Solidarität und Hilfsbereitschaft geprägt, oder schlägt die Stimmung angesichts auftretender Probleme eines Tages um? Hier Realismus an den Tag zu legen, den humanitären Grundprinzipien zu folgen, aber auch die Grenzen des Leistbaren zu erkennen und zu berücksichtigen, wird die Kunst des Möglichen darstellen.

Keinesfalls wird es gelingen, im Rahmen der Gesellschaft durch Ignoranz und Verweigerung die bestehende Herausforderung der Zuwanderung zu bewältigen. In diesem Zusammenhang hat auch Presse, Funk und Fernsehen, aber auch das Ehrenamt eine hohe Mitverantwortung, damit nichts aus dem Ruder läuft und sich eine von Emotionen her geprägte Aversion breitmacht, die letztlich den eigenen Interessen der Gesellschaft zuwider läuft.

Wechselseitige Ergänzung als zwingendes Erfordernis

Erst in der wechselseitigen Ergänzung von Staat, Wirtschaft, sowie Gesellschaft und Ehrenamt wird es gelingen, die aktuellen Herausforderungen zu meistern. Insoweit sind die wechselseitige Ergänzung und die Anstrengung aller Kräfte zwingende Erfordernisse und Voraussetzung für den angestrebten Erfolg.

Jedes Glied der Kette trägt dann dazu bei, das Gebotene zu leisten und Befriedigung aus dem gemeinsamen Wirken zu ziehen. Diese Befriedigung erwächst

- aus dem Zusammenwachsen und der Stärkung der Gemeinschaft im Zuge gemeinsamer Anstrengung,

- aus der Erfahrung und dem Wissen um die Bewältigung des Notwendigen,

- aus dem erkennbar erzielten Ergebnis des Bemühens um angemessene Lösungen.

Wechselseitige Ergänzung verhindert eine Überforderung des Einzelnen. Es bedeutet nicht für Alle ein gleiches Ausmaß und einen gleichen Ansatzpunkt. Es bedeutet vielmehr ein Zusammenstehen im Bemühen und in der Wahrnehmung von Verantwortung angesichts der sich zeigenden Herausforderungen und Notwendigkeiten.

Zwingend erscheint nicht in erster Linie der rechtliche Druck, sondern die ethisch-moralische Verpflichtung, die aus dem gesellschaftlichen Grundkonsens und den Grundwerten der Verfassung herrühren, aber auch aus der christlich-abendländischen Tradition, die für diese Gesellschaft – ungeachtet kirchlicher Bindung – nach wie vor prägenden Charakter besitzt.

Bei gemeinsamem Bemühen ist die unüberwindlich scheinende Last leichter tragbar und die Aussage „Wir schaffen das“ eine reale Perspektive. Planvolle Einbindung im Rahmen einer gemeinsamen Anstrengung wird dabei zu einem überzeugenden Beispiel von Mitmenschlichkeit und einer Zuwendung zu Hilfsbedürftigen, eine Kraft die ausstrahlt und sympathisch macht.

Zusammenfassung, Reflexion, Ausblick

So können wir zusammenfassend feststellen, dass sowohl staatlicher Handlungsbedarf gegeben ist, als auch Handlungsbedarf der Wirtschaft, der Gesellschaft, einschließlich des Ehrenamtes. Von Seiten des Staates ist der rechtlich-organisatorische Rahmen zu gewährleisten, innerhalb dessen Integration stattfinden kann. Dieser hat sowohl die Ordnung innerhalb des Gemeinwesens sicher zu stellen, als auch die erforderlichen Hilfen zu gewährleisten.

Abb. 2: Staat, Wirtschaft, Gesellschaft

[Abbildungen sind in dieser Leseprobe nicht enthalten.]

Seitens der Wirtschaft sind Anstrengungen zu unternehmen, Zuwanderer in den Arbeitsprozess zu integrieren und ihnen damit eine Perspektive zu eigenverantwortlicher Lebensgestaltung zu eröffnen. Diese Integration soll sowohl den Eigeninteressen der Wirtschaft, wie auch den Interessen der Zuwanderer dienen und damit Multiplikatoreffekte auslösen, von denen auch andere profitieren können.

Integration wird jedoch erst dann gelungen sein, wenn eine Einbindung der Einzubindenden in das Gemeinwesen erfolgt sein wird. Dazu bedarf es einer Willkommenskultur, der Offenheit und Bereitschaft, auf das Unbekannte und Ungewohnte zuzugehen, Brücken zu bauen und einen Vertrauensvorschuss zu leisten. Dies setzt in der Lage, kulturellen Diskrepanzen zu überwinden und voneinander zu lernen.

Das Ehrenamt kann hier gerade im Rahmen sozialer Unterstützung eine wichtige Funktion übernehmen. Es wird nicht nur in der ersten Phase der Integration als unverzichtbare Hilfe bei Erstversorgung und Unterbringung benötigt. Gerade die sich anschließende Phase der Einbindung in die Gesellschaft mit ihren spezifischen Strukturen, Verfahrensweisen, Gepflogenheiten, aber auch Widersprüchen wird eine begleitende Unterstützung erfordern.

So erscheint die gemeinschaftliche Anstrengung durch Staat, Wirtschaft und Gesellschaft geboten. Sie setzt das Gemeinwesen in die Lage, mit der Herausforderung auch einer großen Anzahl an Menschen fertig zu werden – zum angestrebten gemeinsamen Wohl der Betroffenen, der Wirtschaft und der Gesellschaft.

In diesem Zusammenhang wird man insoweit auf die Chancen setzen müssen und Risiken zu begrenzen haben. Eine grundlegende Ablehnung des Fremden und Unbekannten erscheint angesichts der Globalisierung und weltweiter Verflechtung als ein Ansatz von Vorgestern. Man wird sich nicht erfolgreich gegen einen sich vollziehenden grundlegenden Wandel stellen können, ohne Verlierer der Entwicklung zu werden.

Dies wird auch jenen zu vermitteln sein, die noch im Gestern verharren und am Leitbild einer geschlossenen Kultur festhalten wollen. Freiheit steht letztlich auch für Vielfalt – eine Vielfalt, die in Verantwortung für die Freiheit zu gestalten ist. Wir kennen schließlich auch in der Mehrheitskultur eine zunehmende kulturelle Differenzierung, die als Bereicherung begriffen werden kann.

Insoweit stehen wir vor der Notwendigkeit dazu zu lernen, Hilfe zu gewähren und Hilfe zu empfangen, auch wenn Einzelfälle einen Misserfolg der Integrationsbemühungen suggerieren. Unter dem Strich wird die Bundesrepublik Deutschland durch Zuwanderung letztlich Gewinner sein.

Aktueller Aufwand aus Mitverantwortung

Zur ethisch-moralischen Seite der Gegebenheiten

Hinführung, Abgrenzung, Zielbestimmung

Handeln geschieht auf der Grundlage von Überzeugungen und für unabweisbar gehaltenen Verantwortlichkeiten. So hat sich in der konkreten Herausforderung des Alltags unser Verhalten im Tun und Lassen zu bewähren. Philosophische Überlegungen bilden für die sich zeigende Kultur den Orientierungsmaßstab.

Eine Gesellschaft ohne Grundkonsens hätte keinen Bestand. Ungeachtet der Pluralität in der Bundesrepublik Deutschland steht diese doch auf dem Fundament christlich-abendländischer Tradition. Sie ist konstitutiver Bestandteil des Grundgesetzes und der daran zu messenden gesetzlichen Regelungen sowie des Handelns nicht nur der staatlichen Organe.

Sich diese ethisch-moralische Ausrichtung immer wieder bewusst zu machen, zählt zu den Erfordernissen verantwortungsbewusster Wahrnehmung von Freiheit und Sicherung des Zusammenhalts des Gemeinwesens. Insoweit erscheint angemessen, die Frage nach der ethisch-moralischen Seite im Zuge der Beschäftigung mit Zuwanderung aufzugreifen.

Wir tun dies, indem wir auf gesellschaftliche Ansprüche und gesellschaftliches Selbstverständnis eingehen, daraus resultierende Konsequenzen betrachten, abzuleitende Handlungserfordernisse thematisieren und uns darum bemühen, den aktuellen Stand und die absehbare Entwicklung anzusprechen.

Dass dies nur vom Grundsätzlichen her geschieht und noch auf die Konkretheit des Augenblicks anzuwenden ist, erscheint von der Sache her durchaus berechtigt. Immerhin wird damit das Bewusstsein geschärft und die Bereitschaft zu einem reflektierten und abgewogenen Verhalten in seiner Bedeutung deutlich gemacht.

Gesellschaftliche Ansprüche und gesellschaftliches Selbstverständnis

Unsere gesellschaftliche Ordnung braucht einen weitgehenden Grundkonsens. Er bildet das Selbstverständnis des Gemeinwesens ab. In ihm werden zentrale Aussagen getroffen zu unveräußerlichen Rechten des Einzelnen und zu unverzichtbaren Werten, die das Sozialgefüge bestimmen sollen. Nachzulesen sind diese zentralen Bestimmungsfaktoren in den ersten Artikeln des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland.

So gilt als grundlegend, die Unantastbarkeit der Würde des Menschen, das Recht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit, auf Leben und körperliche Unversehrtheit, auf Glaubensfreiheit und das Recht seine eigene Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern. Ehe und Familie stehen unter dem Schutz des Staates und das Schulwesen unter staatlicher Aufsicht. Versammlungsfreiheit ist ebenso gewährleistet wie das Recht sich zu organisieren, Vereine und Gesellschaften zu bilden.

Briefgeheimnis, räumliche Freizügigkeit, freie Berufswahl und Unverletzlichkeit der Wohnung, des Besitzes und Erbrechts, des Asylrecht sowie vieler weiterer Festlegungen sind zu beachten. Allenfalls auf gesetzlicher Grundlage oder richterlicher Ermächtigung ist ein Eingriff in Grundrechte zulässig. Hier kommen Lehren aus der NS-Zeit zum Tragen, die nicht ohne Not relativiert werden dürfen.

Gerade der erste Artikel impliziert, dass sich Menschenwürde nicht nur auf Menschen einer bestimmten Nationalität, Hautfarbe, Religion oder ethnischen Zugehörigkeit bezieht und damit letztlich das christliche Gebot der Nächstenliebe für die bundesdeutsche Gesellschaft in den Verfassungsrang erhoben wird.

Bei aller Vorsicht im Zusammenhang mit heeren Vorsätzen liegt hier die Problematik zweifelsohne in der konkreten Umsetzung. Ungeachtet dessen gelten die unzweideutigen Vorgaben als Orientierungsmaßstab in und für unsere Gesellschaft. Sie zeigen uns an, dass Rassenhass, Diskriminierung, Einschüchterung und Gewalt nicht zu akzeptierende Tatbestände sind.

Letztlich ist hier auch auf die Charta der Menschenrechte zu verweisen, auf jene Rechte, die als Naturrecht jedem Einzelnen unveräußerlich zustehen und im Rahmen des Völkerrechts und internationaler Abkommen abgesichert wurden.

Resultierende Konsequenzen

Aus dieser Grundorientierung ergeben sich Konsequenzen, die nicht nur die staatliche Ordnung sondern jeden Einzelnen bindet. Denn in der festgelegten Grundorientierung wird letztlich eine von Toleranz und Menschenfreundlichkeit geprägte Grundeinstellung deutlich, die sich auch am kategorischen Imperativ Kant´s orientiert und ein von diesem abgeleitetes sozial vertretbares Handeln einfordert und verpflichtend macht.

Wer insoweit Intoleranz und Rassenhass propagiert, wendet sich gegen die Grundprinzipien der bundesdeutschen Gesellschaft, deren Eckpfeiler und tragendes Fundament. Würde Staat und Gesellschaft dies hinnehmen, wären die Grundfesten des Gemeinwesens erschüttert, das gesellschaftlich verbindende Band zerrissen, der Bestand und die Zukunft des Staates gefährdet.

Hier kann nicht einfach auf die Verantwortung von Organen der Rechtspflege verwiesen werden. Hier ist die Bürgergesellschaft gefordert, der Intoleranz, der Abschottung, der Fremdenfeindlichkeit und totalitären Ansprüchen entgegen zu treten. Insoweit sind bürgerliche Initiativen gegen rechtsextremistische Kreise unverzichtbar und das Hinnehmen von Terror und Gewalt als Desinteresse am Gemeinwesen, zum Teil auch als insgeheime Unterstützung für dessen Überwindung zu werten.

Wehrhafte Demokratie muss sich in der Verteidigung der Grundwerte zeigen. Sie muss bereit und in der Lage sein, eine Aushöhlung und Aushebelung der Grundprinzipien des Gemeinwesens angemessen entgegen zu treten, bis hin zu rechtlichen Maßnahmen zur Sicherung der Rechtsordnung und des Friedens im Lande. Hierzu bedarf wohl auch die offenkundige Sehschwäche auf dem rechten Auge bei der Strafverfolgung einer Behandlung.

Dass eine Erhöhung der Anzahl an Kräften bei der Bearbeitung von Asylantragsfällen und in der Rechtspflege nötig ist, bedarf wohl keiner näheren Erläuterung. Schließlich soll rasche Klarheit für Betroffene und Gesellschaft Unsicherheit vermeiden helfen und eine rasche und konsequente Verfolgung von Straftaten, insbesondere auch von Hass-Straftaten, die generalpräventive Wirkung verstärken und die Erosion des Rechtsgefüges verhindern helfen.

[...]

Ende der Leseprobe aus 128 Seiten

Details

Titel
Zuwanderung als Herausforderung
Untertitel
Ursachen, Versäumnisse, Chancen, Perspektiven
Veranstaltung
Wohlfahrts- und Sozialarbeit
Autor
Jahr
2015
Seiten
128
Katalognummer
V309970
ISBN (eBook)
9783668081734
ISBN (Buch)
9783668081741
Dateigröße
1421 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Im Anhang finden sich nicht nur Fragen an die Leserin und den Leser, sondern auch eine Aufgabe, sowie die Darstellung von Positionen relevanter Kreise.
Schlagworte
zuwanderung, ursachen, versäumnisse, perspektiven, flüchtlinge, migranten, flüchtungsstrom, flüchtlingsdebatte, asyl, asyldebatte, herausforderung, herausforderungen, asylantrag, migration
Arbeit zitieren
Prof. Dr. mult. Alfons Maria Schmidt (Autor), 2015, Zuwanderung als Herausforderung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/309970

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