Das Bildungssystem der DDR

Alles aufgezwungen? Schülerbiografien in der DDR


Hausarbeit (Hauptseminar), 2013
19 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Allgemeine Aspekte des Bildungssystems der DDR
2.1 Die Erziehung zur sozialistischen Persönlichkeit
2.2 Aufbau und Differenzierung des Schulsystems

3 Das Prinzip der Gegenprivilegierung in der DDR
3.1 Gegenprivilegierung unter Walter Ulbricht
3.2 Gegenprivilegierung unter Erich Honecker

4 Erfolgreiches Überschreiten von Ideologieschwellen - Studenten in der DDR

5 Benachteiligte des Bildungssystems der DDR

6 Schluss

7 Literatur
7.1 Bibliografien
7.2 Internetquellen

1 Einleitung

In der Bundesrepublik Deutschland ist laut der Kulturhoheit der Länder das Ressort der Bildungspolitik eben diesen unterstellt. Ein übergeordnetes Organ - die Kultusministerkonferenz - beschränkt ihre Arbeit eher auf organisatorische denn auf inhaltliche Aspekte der Gestaltung einer deutschen Bildungslandschaft. Auch wenn sich aufgrund dieses Umstandes die Bildungssysteme in den unterschiedlichen Ländern teilweise erheblich voneinander unterscheiden, doktort und schustert jedoch ein Großteil der Länder an seinem jeweiligen Bildungssystem ständig herum. Hier sind einheitlichen Tendenzen der Umgestaltung zu erkennen: Zum einen wird konsequent daran gearbeitet, das gemeinsame Lernen der Schülerinnen und Schüler von teilweise nur vier oder sechs Jahren in der Primarstufe auf möglichst zehn Jahre zu verlängern. Als Vorbild dienen hier die skandinavischen Nachbarländer. Zum anderen wird in Ländern, in denen dies noch nicht der Fall ist, eine Verkürzung der Oberstufe von drei auf zwei Jahre angestrebt.

Gerade in den sogenannten neuen Bundesländern können diese teilweise radikalen Änderungen des Bildungssystems bei den Menschen, die zu Zeiten der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) in die Schule gegangen sind, nur Verwunderung hervorrufen. Während beispielsweise im Bundesland Brandenburg die eigenen Kinder dreizehn Jahre für die Erlangung der Allgemeinen Hochschulreife benötigten, werden die Enkelkinder nur noch zwölf Jahre benötigen. “Das hatten wir doch alles schon mal“, denkt sich der ein oder andere. Aber ist das wirklich der Fall? Tendiert das Bildungssystem der einzelnen Bundesländer durch die vielen Reformen tatsächlich dazu, dass Bildungssystem der DDR wiederaufleben zu lassen? Oder waren die Bildungspolitiker der DDR einfach nur schneller und haben das Schulsystem bereits in den 1950er Jahren den Bedingungen der Zeit angepasst, was die Bildungspolitiker der Bundesrepublik Deutschland (BRD) heute erst tun?

Das Bildungs- und Erziehungssystem der DDR ist seit jeher einer der am besten erforschten Bereiche in der Wissenschaft um die Aufarbeitung der DDR-Geschichte. In nur wenigen Bereichen offenbart sich die Ideologie und Struktur des Staates so offensichtlich wie in dem des Bildungs- und Erziehungswesens.

Als problematisch bei der Erforschung der DDR-Geschichte insgesamt und der des Bildungsund Erziehungswesens im Besonderen stellt sich heraus, dass viele Betroffene - Menschen, die in der DDR selbst aufgewachsen sind, in und mit ihr gelebt haben - sich rege an der Diskussion um Effizienz und Menschlichkeit des Bildungs- und Erziehungssystems beteiligen.

Natürlich sollte die Meinung der Betroffenen nicht ausgeblendet werden, aber mit Vorsicht sind sie allemal zu genießen, vor allem die Berichte derer, die keine Nachteile durch das Bildungs- und Erziehungssystem erfahren haben.

In der vorliegenden Arbeit sollen nun einige Aspekte des Bildungssystems der DDR thematisiert werden.

Zu Beginn wird auf die allgemeinen Aspekte des Bildungssystems eingegangen: Die Erziehung zur sozialistischen Persönlichkeit (siehe Kapitel 2.1) und der Aufbau des Schulsystems (siehe Kapitel 2.2).

Daran schließt sich ein wichtiges Charakteristikum des Bildungswesens der DDR an: Das Prinzip der Gegenprivilegierung (siehe Kapitel 3).

Eine gesellschaftliche Gruppe, die für das weiterführende Bildungssystem eine wichtige Rolle spielt, ist die der Studenten (siehe Kapitel 4).

In einem letzten Punkt werden die ÄVerlierer“ des Bildungssystems thematisiert - jene, die aus unterschiedlichen Gründen benachteiligt wurden.

In einem abschließenden Kapitel soll die Frage aufgeworfen werden, ob das Bildungssystem der DDR tatsächlich wieder so reaktiviert werden sollte, wie es an einigen Stellen anklingt.

2 Allgemeine Aspekte des Bildungssystems der DDR

Nachdem im Juni 1945 die Sowjetische Militäradministration in Deutschland (SMAD) die oberste Besatzungsbehörde in der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) wurde, wurde zielstrebig an der Wiederherstellung eines Bildungssystems gearbeitet. Hierbei flossen die bildungspolitischen Ideale und Ziele von Sozialdemokraten, Kommunisten, Liberalen und auch Christdemokraten ein. Einigkeit bestand über folgende Ziele: Die Entnazifizierung des Schulsystems, der Aufbau eines organisch gestalteten staatlichen Schulwesens, die Trennung von Schule und Kirche und die Herstellung sozialer, schulstruktureller und auch politischer Bedingungen für den chancengleichen Bildungswettbewerb. Die Übereinstimmung bestand nicht nur bei den Ideengebern des Bildungssystems untereinander, sondern auch mit der SMAD, welche ein großes Interesse an der Umsetzung von Reformplänen im staatlichen Schulwesen hatte.[1] Im Juni 1946 entstand das ÄGesetz zur Demokratisierung der deutschen Schule“, welches für alle Länder der SBZ galt. Da zu diesem Zeitpunkt die Sozialistische Einheitspartei Deutschlands (SED) noch keine gefestigten Machtstrukturen aufweisen konnte, wurden viele Positionen im staatlich-zentralistischen Schulwesen an Mitglieder der Sozialdemokratischen Partei Deutschland (SPD) vergeben. Die zügige und konzentrierte Arbeit und Umsetzung an dem staatlichen Schulsystem in der SBZ lässt Ingrid Miethe zu folgendem Schluss kommen: ÄBildungspolitik hatte in der DDR von Anfang an einen ungleich höheren gesellschaftlichen Stellenwert als in der alten Bundesrepublik.[2]

Nach der Gründung der DDR 1949 wuchs der politische Einfluss der SED zunehmend. Die Prioritäten bei der Gestaltung des Bildungssystems verschoben sich in eine bestimmte Richtung: die proklamierte Herstellung der proportionalen Chancengleichheit.[3] Hierbei sollte vor allen Dingen die Förderung von sogenannten Arbeiter- und Bauernkindern in den Mittelpunkt rücken (siehe Kapitel 3: Das Prinzip der Gegenprivilegierung). So bildete sich eine für die deutsche Schulgeschichte neuartige Bildungspolitik ab 1949 heraus. Im Mittelpunkt standen unter anderem die Durchsetzung einer gesamtstaatlichen Kompetenz für das Bildungssystem zur Stärkung des Zentralismus, der Abbau regionaler Traditionen bezüglich der Differenzierung des Schulwesens und die Einschränkung der pädagogischen Handlungs- und Gestaltungsmöglichkeiten hin zu einheitlichen Vorgaben und der zentralistischen Kontrolle von Themen, Inhalten, der Lehrerausbildung und der pädagogischen Arbeit.[4] Im Februar 1965 wurde das ÄGesetz über das einheitliche sozialistische Bildungssystem“ verabschiedet. Hier wurden sowohl die Organisation als auch die Inhalte des Bildungssystems der DDR bis zum damals unabsehbarer Ende ihres Bestehens festgelegt. Ein neuer Schwerpunkt lag in der Verbindung von schulischem Lernen und produktiver Tätigkeit in Betrieben. Im Zentrum lag die Vermittlung mathematisch-naturwissenschaftlicher und technischer Lerngegenstände, welche durch die Einrichtung der zehnklassigen allgemeinbildenden Polytechnischen Oberschule (POS) realisiert werden sollte. Zur Hochschulreife gelangten Schüler über die Erweiterte allgemeinbildende (polytechnische) Oberschule (EOS). Der Besuch der POS war für alle Kinder und Jugendlichen verpflichtend, so dass jedes Kind einer zehnjährigen Schulpflicht unterlag. Das Charakteristikum dieser Schulen - der polytechnische Unterricht setze mit dem siebten Schuljahr ein.

Der Zugang auf die EOS wurde bereits ab dem Schuljahr 1951/52 staatlich geregelt und war an verschiedene Bedingungen geknüpft (siehe Kapitel 3: Das Prinzip der Gegenprivilegierung und Kapitel 5: Benachteiligte des Bildungssystems der DDR).[5] Diese teilweise sehr strikte Zulassungspolitik wurde bereits ab dem Schuljahr 1958/59 wieder liberalisiert. Das Prinzip der proportionalen Chancengleichheit wurde mit dem Gesetz von 1965 bereits wieder vernachlässigt. An seine Stelle trat das des Leistungsprinzips, welches zunehmend über die politische Loyalität gegenüber dem sozialistischen System der DDR definiert wurde. So blieb zwar das Abitur als Zugangsvoraussetzung zu einem Hochschulstudium geltend, wurde jedoch sekundär politisch überformt: es zählten nicht nur die schulischen Leistungen, sondern auch das politische Verhalten.[6]

[...]


[1] Vgl.: Geißler, Gert/ Ulrich Wiegmann: Schule und Erziehung in der DDR. Studien und Dokumente, Neuwied; Kriftel; Berlin: Luchterhand, 1995, S.7. Im Folgenden: Geißler/Wiegmann: Schule und Erziehung in der DDR.

[2] Miethe, Ingrid: Bildung und soziale Ungleichheit in der DDR. Möglichkeiten und Grenzen einer gegenprivilegierenden Bildungspolitik, Opladen; Farmington Hills: Verlag Babara Budrich, 2007, S.33 Im Folgenden: Miethe: Bildung und soziale Ungleichheit in der DDR.

[3] Ingrid Miethe unterscheidet drei verschiedene Arten von Chancengleichheit in einer Gesellschaft: Die Chancengleichheit als Gleichheit im Ergebnis, die leistungsbezogene Chancengleichheit und die proportionale Chancengleichheit. Bei letzterem besteht das Ziel darin, alle Bevölkerungsschichte entsprechend ihrem Anteil in der Gesamtbevölkerung in den weiterführenden Bildungseinrichtungen anzutreffen. Vgl.: Miethe: Bildung und soziale Ungleichheit in der DDR, S.37 ff.

[4] Vgl.: Tenorth, Heinz-Elmar: ÄDie Bildungsgeschichte der DDR - Teil der deutschen Bildungsgeschichte?“, in: Häder, Sonja/ Heinz-Elmar Tenorth (Hgg.): Bildungsgeschichte einer Diktatur. Bildung und Erziehung in SBZ und DDR im historisch-gesellschaftlichen Kontext, Weinheim: Deutscher Studienverlag 1997, S.75-77. Im Folgenden: Tenorth: ÄDie Bildungsgeschichte der DDR“.

[5] Vgl.: Borowski: ÄBildungspolitik“ , in: www.bpb.de (URL: http://www.bpb.de/ publikationen/0884827 7605002510500926090697269,6,0,Die_DDR_in_den_sechziger_Jahren.html), Zugriff am 20.März 2012.

[6] Vgl.: Tenorth: ÄDie Bildungsgeschichte der DDR“, S.81.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Das Bildungssystem der DDR
Untertitel
Alles aufgezwungen? Schülerbiografien in der DDR
Veranstaltung
Wie schmeckte die DDR?
Note
1,3
Autor
Jahr
2013
Seiten
19
Katalognummer
V310405
ISBN (eBook)
9783668090378
ISBN (Buch)
9783668090385
Dateigröße
1031 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
bildungssystem, alles, schülerbiografien
Arbeit zitieren
Annegret Jahn (Autor), 2013, Das Bildungssystem der DDR, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/310405

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