Berlinisch als Dialekt. Eine Untersuchung des Berlinischen am Beispiel der B. Z.


Hausarbeit, 2014

19 Seiten, Note: 1,9


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Begrifflichkeiten: Dialekt, Umgangssprache, Varietät, Standard, Stadtsprache

3. Sprachgeschichte des Berlinischen
3.1 Berlinisch in der Stadtsprachenforschung
3.2 Einige Besonderheiten im Berlinischen
3.3 Phonetische und grammatische Besonderheiten im Berlinischen

4. Untersuchungen am Beispiel der B•Z•

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

„Jibt dir det Leben een Puff,

denn weine keene Träne!

Lach dir'n Ast und setz dir druff und baumle mit de Beene.“1

1. Einleitung

Die typische „Berliner Schnauze“ findet man selten noch auf den Straßen Berlins.

Charakteristisch verbinden viele mit dem Berlinischen Wörter wie „Schrippe“, „Molle“ oder „Bulette“. Darüber hinaus sind auch grammatische Merkmale kennzeichnend, wie die Verwechslung vom Dativ und Akkusativ. Heutzutage wird der Dialekt nicht nur von einem Großteil der 3,4 Millionen Berlinern benutzt, sondern ist weit bis in das Land Brandenburg verbreitet. Demnach ergibt sich für diese Arbeit eine Arbeitsdefinition; in der sich Berlinisch als Sprache der im Raum Berlins Aufgewachsenen charakterisieren lässt, welche auf allen sprachlichen Ebenen regelmäßig vom Standard abweicht. Doch worin bestehen die lexikalischen, phonetischen und syntaktischen Unterschiede? Diese Fragen sollen in der vorliegenden Hausarbeit beantwortet werden. Bekanntermaßen bestehen anders als in ländlichen Gebieten in der Großstadt entscheidende Unterschiede zwischen den individuellen Bedürfnissen, Lebensbedingungen und Lebensformen der Bevölkerung. Daher stehen sprachliche Entwicklungen immer in einem engen Zusam- menhang mit den jeweiligen sozioökonomischen Verhältnissen.2

Um den heutigen Stand des Berlinischen nachvollziehen zu können, soll zunächst ein kurzer Überblick über dessen Sprachgeschichte gegeben werden. Immerhin handelt es sich bei der Mundart um eine heterogene Sprachform, die sich aus einer Vielzahl von koexistierenden Varietäten zusammensetzt. Weiterhin wird betrachtet, warum es zu einer schichtabhängigen Trennung zwischen dem Gebrauch der Standardsprache und des Berlinischen kam, die noch Ende des 20. Jahrhunderts nachgewiesen werden konn- te. Im dritten Kapitel steht der Forschungsstand im Mittelpunkt, beginnend mit lexikali- schen Untersuchungen zu Beginn des Kaiserreichs, bis hin zu Arbeiten mit pragmati- schem bzw. soziolinguistischem Hintergrund seit 1980. Dabei ist auffällig, dass sich in erster Linie Linguisten mit dem Phänomen der sprachlichen Heterogenität der Städte beschäftigten. Nach dem Aufschwung der Stadtsprachenforschung in den USA im letz- ten Drittel des 20. Jahrhunderts sahen diese „gerade die Stadt, vor allem eine Großstadt und insbesondere jede Hauptstadt [als] ein besonders interessantes Untersuchungsfeld“3 an. Demgegenüber hielten Dialektologen Stadtsprachen für eine willkürliche Mischung aus verschiedenen Varietäten und klammerten sie lange Zeit aus der Betrachtung aus. Kapitel vier und fünf gehen weiter ins Detail und fassen die lexikalischen, phonetischen sowie grammatischen Besonderheiten des Berlinischen zusammen. Hier soll unter ande- rem geklärt werden, welche Bedeutung berlintypische Lexeme für einzelne Sprecher- gruppen haben. Dabei wird auch auf die sogenannte „Berliner Schnauze“ eingegangen, einer der lokalen Sprachvarietät nachgesagten Mischung aus Witz, Humor und Schlag- fertigkeit.

Nachdem das Berlinische damit auf allen grundlegenden sprachlichen Ebenen charakterisiert worden ist, wird der Bogen zu einer der beliebtesten und bekanntesten Berliner Zeitung gespannt. Die B•Z•, welche im Jahr 2010 mit einer Sonderausgabe das Berlinische feierte, wird für Untersuchungen herangezogen. Anhand dieser Zeitung sollen die typischen lexikalischen, phonetischen sowie grammatischen Besonderheiten des Berlinischen analysiert und nachgewiesen werden.

2. Begrifflichkeiten: Varietät, Dialekt, Umgangssprache, Standard, Stadtsprache

Der Begriff Varietät ist als Oberbegriff zu verstehen, unter dem sich die unterschiedlichsten Ausprägungen des Deutschen zusammenfassen lassen. Die Summe der Charakteristika, welche spezifisch für eine Sprache sind, ermöglichen eine Unterscheidung zwischen verschiedenen Sprachformen.4

Von Dialekt spricht man, wenn man eine Ausdrucksweise einer Sprachgemeinschaft eines Ortes, in Bezug auf die lokale Verwendung, bezeichnet. Zu erkennen ist ein Dialekt an der Aufhebung der Differenzen zum hochsprachlichen System und der Notwendigkeit von einer maximalen Anzahl von Regeln.5

Die Entstehung der Umgangssprache als Mischform von Dialekt und Standard wurde durch die Entwicklung des Standards, also der Schriftsprache, vorangetrieben. Als die vorhandenen Existenzformen, wie der Dialekt, den Bedürfnissen der Gesellschaft nicht mehr genügten, kam es zur Umgangssprache.6 Daher wird Umgangssprache auch als „eine an bestimmte informelle, dialogische Kommunikationssituation gebundene Re- deweise verstanden.“7

Der Begriff Standard kam erst seit dem 19.Jahrhundert mit dem Duden auf. Standard ist eine Bezeichnung für eine historisch legitimierte, überregionale, mündliche oder schrift- liche Sprachform, die meist von der Mittel- oder Oberschicht gesprochen wird.8 Zur Stadtsprache wurden bereits um 1962 Untersuchungen angestrengt, in denen der Begriff Stadtsprache als sprachliche Existenzform innerhalb einer Stadt und Sprach- schicht verwendet wurde. In jüngster Zeit versteht man darunter alle sprachlichen For- men einer Stadt, demzufolge alle sprachlichen Varietäten, wie Subsprachen und Teil- sprachen und deren Regeln, innerhalb der Sprache in einer Stadt.9 Die Stadtsprache kann demnach als Ortssprache aufgefasst werden.10 Beeinflusst wird diese durch die unterschiedlichsten Faktoren: der Schriftsprache, der gesprochenen Sprache und durch die sozialen und ökonomischen Verhältnisse der Stadt.11 Demzufolge handelt es sich bei der Stadtsprache nicht um einen Dialekt, sondern eher um einen Metrolekt, welcher typisch für großstädtische Zentren ist.12

3. Sprachgeschichte des Berlinischen

Das Land zwischen Elbe und Oder wurde von slawischen Stämmen seit dem Ende des 6. Jahrhunderts bevölkert. Mit dem Aufstieg der Askanier, einem deutschen Uradelsge- schlecht, als Markgrafen in Brandenburg ließen sich Kolonisten aus oberdeutschen Gebieten, der Vorharzgegend und vom Niederrhein nieder. Die Doppelstadt Ber- lin/Cölln, welche erstmals 1237 urkundlich erwähnt wurde, muss in dieser Zeit ge- gründet worden sein.

Zum ältesten regierenden Hochadel zählte das deutsche Uradelsgeschlecht der Aska- nier. Albrecht der Bär wurde im Jahr 1157 Markgraf von Brandenburg. Mit dem Auf- stieg der Askanier ließen sich Kolonisten aus den oberdeutschen Gebieten, der Vor- harzgegend und vom Niederrhein nieder. Cölln wurde erstmals 1237 urkundlich er- wähnt.

Berlin jedoch erst im Jahr 1244. Im Jahr 1307 schloss sich Berlin mit Cölln zusammen, um ihre Rechte gegenüber dem Landesherrn zu sichern und auch auszuweiten.

Schallplatten- oder Tonbandaufnahmen liegen erst für das 20. Jahrhundert vor und die schriftlichen Überlieferungen sind von unterschiedlicher Qualität, daher kann über die vorherrschende lokale Sprachvarietät lediglich spekuliert werden. Als Berlin Mitte des 14. Jahrhunderts Mitglied der Hanse wurde, kam es zur Festigung des Niederdeutschen und zu einem ersten wirtschaftlichen und politischen Aufschwung. Verbunden mit dem hohen Ansehen der Hansesprache verdrängte das Niederdeutsche zunehmend das La- teinische und wurde in den Stadtkanzleien bis ins 15. Jahrhundert zur alleinigen Schriftsprache.13

Durch den Verlust der wirtschaftlichen und politischen Macht der Hanse, unter dem Einfluss der Reformation, verlor ab dem 16. Jahrhundert die Hanse an Bedeutung. Durch die Aufnahme von Handelsbeziehungen zu den Städten des ostmitteldeutschen Sprachgebietes - insbesondere zu Meißen, Dresden und Leipzig - kam es zu einer Sprachdynamik und einer Veränderung der Sprache. Nun begannen die Berlinersich an der Mundart der Meißner, beziehungsweise an die dort gebräuchliche Schriftsprache, zu orientieren. Dementsprechend entstand eine Mischung aus dem niederdeutschen Dialekt - auch Platt oder Plattdeutsch -, hochdeutscher Schriftsprache - die vor allem von den Angehörigen der höheren Schichten benutzt und dann auch im Buchdruck genutzt wurde - und der obersächsischen Umgangssprache. Niederdeutsch wurde fast nur noch von den unteren Schichten gesprochen. Aufgrund der Bevölkerungspolitik Ende des 17. Jahrhunderts siedelten immer mehr Menschen nach Berlin um, dadurch entwickelte sich das Berlinische immer mehr als Alltagssprache. Den entscheidenden Einfluss machten nicht zuletzt aber Hugenotten und Juden aus, deren Sprachen wie- derum Einfluss auf das Berlinische nahmen.14

Ende des 18. Jahrhunderts kam es erstmals zu einem teilweise rückläufigen Gebrauch der Mundart. Die immer deutlichere Trennung zwischen dem Hochdeutschem und dem Berlinischem ist mit der Konsolidierung der überregionalen Schriftsprache und der gleichzeitig einsetzenden Standardisierung der gesprochenen Sprache zu erklären. Folglich distanzierten sich die oberen Schichten zunehmend von der lokalen Sprachva- rietät und bewerteten diese als wenig prestigebesetzt bzw. fehlerhaft. Andererseits er- höhte sich durch die Industrialisierung, die Bevölkerungsexplosion und die Zuwande- rung von Menschen aus unteren Schichten der Kreis derjenigen, die die Stadtsprache benutzten. Sie bekam bald ein so hohes Ansehen, dass sich selbst Besucher und Gastarbeiter grundlegende Bestandteile aneigneten und in ihr Sprachrepertoire aufnahmen. Dadurch verbreitete sich das Berlinische seit Mitte des 19. Jahrhunderts über die Stadtgrenze hinaus in die umliegenden Gebiete.15

1871 wurde Berlin Hauptstadt des Deutschen Reiches und somit zum kulturellen und geistigen Mittelpunkt. Mit dem Fortschreiten der Industrialisierung zählte die Stadt um 1900 bereits zwei Millionen Einwohner. Über die Hälfte der Einwohner, ca. 50 % bis 60 %, gehörten der Unterschicht an. Womit die hervorgerufenen sozia- len Gegensätze sich wiederum auf den Sprachgebrauch auswirkten. Berlinisch wurde zu einem „Stempel sozialer Klassenlage, zum Jargon der Arbeiter“16, was die schichtabhängige Trennung zwischen Standardsprache und lokaler Sprachvarietät ver- stärkte. Der Gebrauch der Mundart galt nunmehr als Zeichen von geringer Bildung und der Zugehörigkeit zur Unterschicht. Um 1920 gab es einen weiteren bedeutenden Wandel in der Bevölkerungsstruktur, die Städte und Gemeinden aus dem Umland wurden zu Groß-Berlin. Aufgrund erheblicher Unterschiede in der Wirtschafts- und Sozialstruktur standen nun Orte mit überwiegend landwirtschaftlicher Struktur, großin- dustriell geprägte Stadtteile und Arbeiterdörfer den Villenvierteln gegenüber. Wie dar- gelegt wurde bei der in wirtschaftlich besseren Verhältnissen lebenden Bevölkerung weiterhin ein der Standardsprache näher stehendes Berlinisch gewählt als in Arbeiter- vierteln. Auch die ländliche Bevölkerung in den Vororten hielt noch stärker an der Mundart fest.

3.1 Berlinisch in der Stadtsprachenforschung

Berlinisch gilt als eine der am besten untersuchten Stadtsprachen im deutschsprachigen Raum. Wörterbücher und Zusammenstellungen Berliner Redensarten, insbesondere im populärwissenschaftlichen Bereich, liegen in großer Auswahl vor. Die erste Samm- lung berlinischer Wörter und Redensarten wurde 1873 von CHARLES FRANÇOIS TRACHSEL veröffentlicht. Hierbei handelt es sich um eine Zusammenfassung von alphabetisch geordneten „Ausdrücken und Redensarten, welche mir theils selbst zu Ohren kamen, theils von zahlreichen Freunden aus allen Klassen der Gesellschaft [...]

[...]


1 URL: http://www.aphorismen.de/zitat/10550 [Stand: 27.04.2014].

2 Vgl. Schönfeld 2001, S. 14.

3 Beneke1989, S. 22.

4 Vgl. Berner 2009, S. 130.

5 Vgl. Berner 2009, S. 130.

6 Vgl. Schönfeld1989, S. 64.

7 Siebenhaar 2000, S. 19.

8 Vgl. Berner 2009, S. 130.

9 Vgl. Schönfeld 1989, S. 15 f.

10 Vgl. Schönfeld 1989, S. 16.

11 Vgl. Schönfeld 1989, S. 18 f.

12 Vgl. Berner 2009, S. 131.

13 Vgl. Butz 1988, S. 4-14.

14 Vgl. Butz 1988, S. 15-26.

15 Vgl. Butz 1988, S. 27 f.

16 Schlobinski 1987, S. 9.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Berlinisch als Dialekt. Eine Untersuchung des Berlinischen am Beispiel der B. Z.
Hochschule
Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald  (Institut für Deutsche Philologie)
Veranstaltung
Zur Binnendifferenzierung des Deutschen - Schwerpunkt areale Differenzierung
Note
1,9
Autor
Jahr
2014
Seiten
19
Katalognummer
V310485
ISBN (eBook)
9783668091818
ISBN (Buch)
9783668091825
Dateigröße
662 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
berlinisch, dialekt, eine, untersuchung, berlinischen, beispiel
Arbeit zitieren
Franziska Haimann (Autor), 2014, Berlinisch als Dialekt. Eine Untersuchung des Berlinischen am Beispiel der B. Z., München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/310485

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Berlinisch als Dialekt. Eine Untersuchung des Berlinischen am Beispiel der B. Z.



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden