Förderung der Resilienz. Wie können pädagogische Einrichtungen die Stärke und Widerstandsfähigkeit von Heranwachsenden unterstützen?


Hausarbeit, 2015
25 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Begriffsklärung

3 Charakteristika des Resilienzkonzepts

4 Risiko- und Schutzfaktoren
4.1 Das Risikofaktorenkonzept
4.2 Das Schutzfaktorenkonzept

5 Fünf Stadien der psychosozialen Entwicklung nach Erikson
5.1 Urvertrauen vs. Urmisstrauen (1. Lebensjahr)
5.2 Autonomie vs. Scham und Zweifel (2. bis 3. Lebensjahr)
5.3 Initiative vs. Schuldgefühl (4. bis 6. Lebensjahr)
5.4 Werksinn vs. Minderwertigkeitsgefühl (6. Lebensjahr bis Pubertät)
5.5 Identität vs. Identitätsdiffusion (Jugendalter)

6 Möglichkeiten pädagogischer Einrichtungen
6.1 Physiologische Grundbedürfnisse
6.2 Sicherheit und soziale Bindungen
6.3 Selbstachtungs- oder Ich-Motive bis hin zur Selbstverwirklichung

7 Zusammenfassung und Fazit

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1 Einleitung

Die Menschen stehen im Leben vielen Herausforderungen gegenüber. Unsere Resilienz ist maßgeblich dafür, wie erfolgreich wir mit belastenden Situationen umgehen und wie tolerant Körper, Geist und Seele sich dabei erweisen. Während bis in die 70er Jahre die Wissenschaft noch hauptsächlich kausale Zusammenhänge für die Entstehung psychischer Störungen oder Verhaltensauffälligkeiten erforschte, führten Langzeitstudien dazu, eher die Schutzfaktoren zu untersuchen, die sich positiv auf körperliche, geistige und seelische Funktionen auswirken. Insbesondere die Langzeituntersuchungen der Entwicklungspsychologin Emmy Werner an 696 Heranwachsenden ab dem Jahr 1955 auf der Hawaii-Insel Kauai zeigen diesen Paradigmen-Wechsel. Ihre Forschung führte u.a. zu der Erkenntnis, dass das Aufwachsen unter erschwerten Bedingungen nicht zwangsweise bedeutet, dass Heranwachsende sich schlecht entwickeln. Werner erkannte, dass hierfür gewisse Schutzfaktoren verantwortlich sind. Dem Wissen über Schutz- und Risikofaktoren und über die daraus resultierenden Möglichkeiten pädagogischer Einrichtungen zur Resilienzförderung bei Heranwachsenden darf daher eine hohe Bedeutung beigemessen werden, zumal die Resilienzförderung über die jeweilige aktuelle Lebenssituation hinaus in den weiteren Lebenslauf nachwirkt. Berücksichtigt man, dass Heranwachsende sich in unterschiedlichen Phasen der psychosozialen Entwicklung und damit wechselnden Herausforderungen abhängig von ihrer jeweiligen Entwicklungsphase gegenüberstehen, erscheint es sinnvoll zu untersuchen, wie pädagogische Einrichtungen Heranwachsende in diesen unterschiedlichen Phasen präventiv zu Stärke und Widerstandsfähigkeit befähigen können. Bis heute hat sich dafür das Phasenmodell der psychosozialen Entwicklung nach Erik Erikson durchgesetzt, dessen ersten fünf Stadien zugrunde gelegt werden. Diese Hausarbeit untersucht somit folgende konkrete Fragestellungen:

1. Was ist Resilienz und wie wird sie charakterisiert?
2. Welche Risiko- und Schutzfaktoren lassen sich identifizieren?
3. Wie können pädagogische Einrichtungen unter Berücksichtigung der identifizierten Risiko- und Schutzfaktoren und der ersten fünf Stadien der psychosozialen Entwicklung nach Erikson zur Resilienzförderung beitragen?

Nach dem zweiten Kapitel mit einer Erklärung des Begriffs Resilienz werden im dritten Kapitel Charakteristika des Resilienzkonzepts vorgestellt. Das vierte Kapitel bietet wesentliche Erkenntnisse über identifizierte Risiko- und Schutzfaktoren. Im fünften Kapitel werden die ersten fünf Stadien der psychosozialen Entwicklung nach Erikson vorgestellt. Kapitel sechs untersucht die Frage, wie pädagogische Einrichtungen die Erkenntnisse aus den Kapiteln vier und fünf zur Resilienzförderung nutzen können. Das siebte Kapitel schließt mit einer Zusammenfassung und einem Fazit.

2 Begriffsklärung

Der Begriff Resilienz leitet sich aus dem lateinischen „resilire“ ab und bedeutet ursprünglich zurückspringen, Spannkraft, Widerstandsfähigkeit und Elastizität (vgl. Duden 2014; Schodritz 2013, S. 26). In zahlreichen unterschiedlichen Fachbereichen wird der Begriff Resilienz verwendet und kann übergreifend verstanden werden als „[…] die Fähigkeit eines Systems oder einer Organisation, die Wahrscheinlichkeit von möglichen schädigenden Ereignissen zu minimieren, die Auswirkungen eintretender schädigender Ereignisse zu tolerieren und für eine rasche Wiederherstellung zu sorgen“ (Jachs 2011, S. 76).

In der Literatur werden zahlreiche Definitionen zum Begriff Resilienz in der Entwicklungspsychologie angeboten, die alle auf die psychische Widerstandskraft eines Menschen abzielen, insbesondere die Kompetenz, schwierige Situationen ohne nachhaltige Beeinträchtigung durchzustehen. So definiert die Diplom-Pädagogin Corina Wustmann Resilienz beispielsweise wie folgt: „Resilienz meint eine psychische Widerstandsfähigkeit von Kindern gegenüber biologischen, psychologischen und psychosozialen Entwicklungsrisiken“ (Wustmann 2011, S. 18). Im Sinne der o.g. Definition von Jachs ist für Wustmann das Ziel ebenfalls der Erhalt oder die Wiederherstellung der Funktionsfähigkeit des Systems, in diesem Fall des Heranwachsenden (vgl. Ebd., S. 19).

Nach Ansicht der Entwicklungspsychologin Emmy Werner ist Resilienz „[…] das Endprodukt von Pufferungsprozessen, welche Risiken und belastende Ereignisse zwar nicht ausschließen, es aber dem Einzelnen ermöglichen, mit ihnen erfolgreich umzugehen“ (Werner 2011, S. 33). Eine dritte Definition der Schweizer Psychotherapeutin Welter-Enderlin beschreibt Resilienz als „[…] Fähigkeit von Menschen […] Krisen im Lebenszyklus unter Rückgriff auf persönliche und sozial vermittelte Ressourcen zu meistern und als Anlass für Entwicklung zu nutzen“ (Welter-Enderlin 2006, S.13).

Alle vorangestellten Definitionen setzen für Resilienz eine bestehende Risikosituation und ein Individuum voraus, das diese mittels bereits vorhandener Fähigkeiten und Kompetenzen bewältigt bzw. abpuffert. Die letzte Definition berücksichtigt insbesondere, dass Krisen Chancen für Resilienzförderung und im ganzheitlichen Sinne für die gesamte Persönlichkeitsentwicklung bergen. Hierbei spiegelt sich die allgemein verbreitete und durch Erikson postulierte Erkenntnis wider, dass es erst die Krisen und ihre Bewältigung sind, die maßgeblich die psychosoziale Entwicklung von Menschen fördern (vgl. Erikson 1995).

3 Charakteristika des Resilienzkonzepts

Wie die Sozialisation entwickelt sich auch die Resilienz variabel innerhalb eines dynamischen Interaktionsprozesses zwischen Heranwachsenden und ihrer Umwelt und ist daher als dynamischer Anpassungs- und Entwicklungsprozess zu verstehen. Der Grad der Resilienz kann abhängig von Zeit oder Beschaffenheit der Herausforderung variieren, d.h. hoch oder niedrig sowie steigend, statisch oder fallend sein (vgl. Wustmann 2011, S. 28 ff.).

Die Resilienz beeinflussende Faktoren nennen sich Risiko- und Schutzfaktoren, die sich innerhalb und außerhalb des Heranwachsenden befinden. Sie beeinflussen, dass sich für Heranwachsende entweder schützende Ressourcen oder beeinträchtigende Belastungen in einer Risikosituation aufzeigen lassen. Dabei lässt sich ein Einflussfaktor nicht immer einer einzigen Gruppe zuschreiben, da er in verschiedenen Situationen unterschiedliche Einflüsse haben kann. Beispielsweise hilft der Einflussfaktor Intelligenz zum planvollen Umgang mit Situationen im positiven Sinne, gleichzeitig begründet Intelligenz aber auch eine stark differenzierte Wahrnehmung der Umwelt und dadurch eine sensiblere Anfälligkeit auf Stress im negativen Sinne (vgl. Lösel et al. 2008, S. 60).

Der Psychologe Klaus Fröhlich-Gildhoff meint, die Resilienzforschung sei „[…] ressourcen- und nicht defizitorientiert ausgerichtet. Sie geht davon aus, dass Menschen aktive Bewältiger und Mitgestalter ihres Lebens sind und durch soziale Unterstützung und Hilfestellungen die Chance haben, mit den gegebenen Situationen erfolgreich umzugehen und ihnen nicht nur hilflos ausgeliefert zu sein. Es geht dabei nicht darum, die Schwierigkeiten und Probleme zu ignorieren, sondern die Kompetenzen und Ressourcen eines Kindes zu nutzen, damit es besser mit Risikosituationen umzugehen lernt“ (Fröhlich-Gildhoff et al. 2014, S. 30).

4 Risiko- und Schutzfaktoren

Der im ersten Kapitel beschriebene Paradigmen-Wechsel weg von einer Betrachtung von Risikoeinflüssen hin zu Schutzfaktoren wurde durch 19 Längsschnittstudien in den USA, Europa, Australien und Neuseeland unterstützt (vgl. Werner 2006, S. 91 ff.). Forschungsergebnisse aus der Entwicklungspsychologie, der empirischen Säuglingsforschung sowie der Bindungs- und Lernforschung führten zu der Erkenntnis, dass insbesondere Schutzfaktoren in Bezug auf die Lebenssituation, Lernmöglichkeiten und Beziehungserfahrungen bei Heranwachsenden sich maßgeblich auf ihre kognitiven, sozialen und emotionalen Kompetenzen auswirken (vgl. Fröhlich-Gildhoff et al. 2014, S. 19). Dem gegenüber stehen Risikofaktoren, welche die Entwicklung von Heranwachsenden gefährden können.

Die Resilienzforschung spricht von einem dynamischen Wechselwirkungsprozess zwischen Risiko- und Schutzfaktoren, welche in einem komplexen Interaktionszusammenspiel in Abhängigkeit ihrer Quantität, Qualität, Dauer, Abfolge sowie zahlreicher weiterer korrelierender Faktoren (z.B. Alter, Entwicklungsstand, Geschlecht, Nähe zum Geschehen, Stärke von Überraschungen, Art der Beobachtung, Beziehung zu den Betroffenen, Ausmaß des Selbsterlebten sowie insbesondere die subjektive Bewertung des Heranwachsenden) unterschiedliche Wirkungsgrade haben (vgl. Wustmann 2011, S. 38 ff.; Petermann et al. 2004). Hierbei ist zu beachten, dass Risiko- und Schutzfaktoren die Entwicklung des Heranwachsenden beeinflussen, während Vulnerabilität und Resilienz als Ergebnis der oben beschriebenen Wechselwirkung dieser Faktoren verstanden werden können (vgl. Ball et al. 2007, S. 133).

Wesentliche Erkenntnisse zu Risiko- und Schutzfaktoren werden in den folgenden Kapiteln zusammengefasst. Für einen besseren Überblick werden diese in Abbildung 1 schematisch dargestellt. Hierbei ist festzustellen, dass es keine allgemein gültige Liste von Faktoren gibt und sowohl hierarchische Struktur als auch Inhalt bei unterschiedlichen Autoren Unterschiede aufweisen. Daher handelt es sich um eine Zusammenstellung ausgewählter Merkmale nach gründlicher Sichtung aktueller Literatur.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Darstellung von Risiko- und Schutzfaktoren (eigene Darstellung nach Fröhlich-Gildhoff et al. 2014, S. 21 ff.; Wustmann 2011, S. 38 ff.)

4.1 Das Risikofaktorenkonzept

Risikofaktoren sind krankheitsbegünstigende, risikoerhöhende und entwicklungshemmende Merkmale, die auf Grundlage identifizierter Korrelationsgrade mit einer erhöhten Wahrscheinlichkeit kausal für die negative Entwicklung oder unerwünschte Verhaltensweisen sein können (vgl. Wustmann 2011, S. 36; Holtmann et al. 2004). Anzumerken ist, dass Risikofaktoren selten isoliert auftreten, sondern sich tendenziell häufen. So besteht z.B. grundsätzlich ein quantitativer Zusammenhang zwischen den Risikofaktoren Arbeitslosigkeit, chronische Armut, beengte Wohnverhältnisse sowie erhöhte Gesundheitsgefährdung. Besonders stark gefährdet in ihrer Entwicklung sind daher Heranwachsende mit multipler Risikobelastung (vgl. Kipker 2008, S. 38). Das Risikofaktorenkonzept umfasst zwei Merkmalsgruppen, zum einen die kindbezogenen Vulnerabilitätsfaktoren und zum anderen umweltbedingte Risikofaktoren bzw. Stressoren. Hierbei ist zu beachten, dass letztere sich deutlich gravierender auf die menschliche Entwicklung auswirken (vgl. Kipker 2008, S. 38 ff.).

Vulnerabilitätsfaktoren beschreiben die Empfindlichkeit eines Heranwachsenden gegenüber Risikofaktoren und umfassen unveränderbare kindsbezogene biologische und psychologische Merkmale. Dabei sind primäre Vulnerabilitätsfaktoren (siehe Abbildung 1: a) Defekte oder Schwächen, die kurz vor, während oder unmittelbar nach der Geburt auftreten (z.B. Frühgeburt, Komplikationen, geringes Gewicht, Ernährungsdefizit, Erkrankungen), neuropsychologische Mängel, psychophysiologische Faktoren (z.B. geringe Aktivität), genetische Merkmale (z.B. ungewöhnliche Chromosomenzusammensetzung), chronische Krankheiten, abweichendes Temperament, frühes impulsives Verhalten, starke Ablenkbarkeit sowie geringe kognitive Fähigkeiten (z.B. in Bezug auf Intelligenz, Wahrnehmung oder Informationsverarbeitung). Zu den sekundären Vulnerabilitätsfaktoren (siehe Abbildung 1: b), die in Interaktion mit der Umwelt erworben werden, zählen eine unsichere Bindungsorganisation sowie Schwierigkeiten bei der Eigenregulation von Anspannung und Entspannung (vgl. Wustmann 2011, S. 38; Fröhlich-Gildhoff et al. 2014, S. 20).

Risikofaktoren bzw. Stressoren umfassen umweltbedingte Faktoren. Im Gegensatz zu den Vulnerabilitätsfaktoren handelt es sich bei den ihnen um durch Einflussnahme Dritter, also auch durch präventive pädagogische Maßnahmen, grundsätzlich veränderbare bzw. beeinflussbare Faktoren. Diese lassen sich unterteilen in diskrete Faktoren (siehe Abbildung 1: c), die unmittelbar zu einer Veränderung führen, und kontinuierliche Faktoren (siehe Abbildung 1: d), deren Ausmaß und Auswirkungen über längere Zeit variieren können. Diskrete Faktoren umfassen beispielsweise kritische Lebensereignisse wie die Trennung und Scheidung der Eltern oder den Verlust einer nahen Bezugsperson, beispielsweise eines Geschwisters oder engen Freundes. Zu den kontinuierlichen Faktoren zählen eine geringe Qualität der Beziehung zu den Eltern, ein niedriger sozialer und/oder ökonomischer Status, Isolation, die Wohngegend, familiäre Probleme, Alkohol- und Drogenmissbrauch, psychische Störungen, Erkrankungen, Kriminalität, eine geringe Bildung oder Abwesenheit eines oder beider Elternteile, Obdachlosigkeit, Erziehungsdefizite (z.B. Inkonsequenz, Zurückweisung oder Inkonsistenz), körperliche Strafen, geringe Beaufsichtigung, Desinteresse gegenüber dem Heranwachsenden, mangelnde Sensibilität und Empathie, geringes Alter, häufige Umzüge und Schulwechsel, Migrationshintergrund, Geschwister mit einer Behinderung, Lern- oder Verhaltensstörung, fünf oder mehr Geschwister, Mobbing bzw. Ablehnung durch Peers sowie eine Unterbringung außerhalb der Familie (vgl. Wustmann 2011, S. 38; Fröhlich-Gildhoff et al. 2014, S. 21 ff.).

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Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Förderung der Resilienz. Wie können pädagogische Einrichtungen die Stärke und Widerstandsfähigkeit von Heranwachsenden unterstützen?
Veranstaltung
Entwicklungspsychologie
Note
1,3
Autor
Jahr
2015
Seiten
25
Katalognummer
V310515
ISBN (eBook)
9783668092921
ISBN (Buch)
9783668092938
Dateigröße
774 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Resilienz, Kindheitspädagogik, Pädagogik, frühkindliche Erziehung, Sozialisation, Risiko- und Schutzfaktoren, Erikson, Resilienzförderung
Arbeit zitieren
Katharina Plate (Autor), 2015, Förderung der Resilienz. Wie können pädagogische Einrichtungen die Stärke und Widerstandsfähigkeit von Heranwachsenden unterstützen?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/310515

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