Zum Verhältnis von Risiko, Glück und Moral. Das Gauguin-Problem bei Bernhard Williams


Essay, 2012

6 Seiten, Note: 3,0


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Der folgende Essay soll eine Analyse des Gauguin-Problems, welches Bernard Williams in seinem Buch „Morality. An Introduction to Ethics“1 kurz erwähnte und später in seinem Essay „Moral Luck“2 vertiefte, beinhalten. Bei dieser Problematik handelt es sich um eine Tat, die ihre Rechtfertigung nur durch den Erfolg erhält, da sie im Normalfall moralisch verwerflich wäre. Paul Gauguin, dessen Biographie als abgewandelte Vorlage für dieses Problem dient, trennte sich von seiner Frau und seinen Kindern, um seiner Berufung, der Malerei, auf Tahiti zu widmen. Der Schwerpunkt dieser Schrift liegt nicht in der Beantwortung dieser Frage, da ich mich nicht anmaße, eine Lösung für dieses Problem zu kennen, aber dieser Essay soll ein Bild davon zu vermitteln, was es heißt, moralisch Glück gehabt zu haben und wie das Verhältnis von Risiko und der Moral ist. Gauguin ging dieses Risiko ein und hatte Erfolg, doch dies ist nicht zwangsläufig der Fall, da sehr viele Faktoren im Spiel sind, welche diesen Erfolg leicht hätten verderben können. Er ist diesem inneren Impuls gefolgt, den Lawrence3 als sehr wichtig und menschlich erachtete und konnte sich durchsetzen. Dennoch setzt die Moral sehr hohe Maßstäbe und auch Bayertz hat sich mit dem Gauguin-Problem befasst, die in diesem Fall strikte Moral verworfen und sie angezweifelt4.

Das Kernthema dieses Essays ist das von Williams konstruierte GauguinProblem. Dieses führt er in seinem Werk „Morality“ als Gegenentwurf zu dem aristotelischem Versuch ein, „das Gute für den Menschen aus dem Wesen des Menschen abzuleiten“5. Dieser Versuch scheitert jedoch, da Aristoteles nur die intellektuelle Fähigkeit des Menschen einblendet, während anderes außen vor bleibt. Und genau dort setzt das GauguinProblem ein. Dieses impliziert nämlich eine Selbstverwirklichung eines Künstlers, auch wenn dessen moralisches Vorgehen zweifelhaft ist. Auch Williams hakt dort nach, indem er Aristoteles kritisiert, weil dieser den Anspruch auf ein „richtiges Leben“6 ohne die Künstlerkaste definiert. Denn obwohl sie durch ihr Verhalten und ihren kreativen Drang wenig Potenzial für eine moralische Grundlage schaffen, können sie nicht ausgeklammert werden, da sie einer höheren Bestimmung folgen. Und auch diese muss mitbedacht werden, da sich die Moral nicht nur aus der theoretischen Vernunft ableiten kann. Während sich Williams sich jedoch dann mit der platonischen Sichtweise auf ein künstlerisches Leben beschäftigt, führt er den Gedanken später weiter, als er nämlich auf den Impuls, der tief im Menschen verankert ist, eingeht und rät, sich diesem nicht zu verschließen7. Vielmehr soll man diesen Impuls ernst nehmen und auch das damit verbundene Risiko akzeptieren, da diese Berufung dem Menschen näher liegt als das Streben nach Glück.

Gauguin hat dieses Risiko in Kauf genommen und ist nach Tahiti gezogen, um zu malen, anstatt sich um seine Familie zu kümmern. Er hätte bei dieser Tat leicht scheitern können, doch er war erfolgreich und hatte somit moralisch Glück gehabt. Doch was bedeutet das überhaupt, moralisch Glück gehabt zu haben? Dazu äußert sich Williams in seinem Aufsatz „Moral Luck“. Um diese Frage zu klären, muss jedoch erst einmal die Biographie Gauguins umrissen werden. Der Gauguin, den Williams konstruiert, entspricht nur in Grundzügen dem wahren Maler, denn Williams tat dies nicht, um eine Biographie zu schreiben, sondern um seine These anhand eines Beispieles zu erläutern. Gauguin verließ seine Familie, um auf Tahiti seiner Bestimmung zu folgen und zu malen. Williams' Gauguin ist jedoch kein Amoralist, der aus einer Laune heraus seine Familie verlässt und lieber einem egoistischen Ziel folgt. Vielmehr wird er als jemand dargestellt, „who is concerned about these claims“8. Er kümmert sich also um die Bedürfnisse anderer, dennoch geht er nach Übersee. Ihm ist bewusst, was er tut, da er keinem niederen Instinkt folgt, sondern vielmehr einem höheren Ziel, einem Impuls aus seinem Inneren. Hätte er diese Bestimmung ignoriert, so hätte er sein Ideal verraten, allerdings wäre es dann eine moralisch korrekte Tat gewesen.9 Doch er entschied sich bewusst dagegen, brach sein Versprechen, das er beim Eheschluss gegeben hat und beförderte sich damit aus der moralisch korrekten Sphäre. Bayertz sieht die Moral in diesem Fall sehr kritisch. Für ihn steht die Moral häufig im Widerspruch zu den eigenen Interessen und vereinnahmt die Menschen zu sehr. Denn obwohl Gauguin einem höheren Motiv folgte, verwirft die Moral diese Lebensweise. Wäre der Maler seinem Impuls nicht gefolgt, so müssten spätere Generationen auf seine Bilder verzichten, doch auch dies akzeptiert die Moral nicht als Einwand. Während jedoch Bayertz diese Dominanz der Moral ablehnt und keinen Grund erkennt, sich ihr zu unterwerfen, wenn sie keinen Anreiz dazu bietet10, so ist Williams anderer Auffassung. Er vertritt die These, dass das Risiko, welches Gauguin in Kauf genommen hat, sich trotzdem im Rahmen des Moralischen bewegt hat11, während die Auffassung Bayertz' eher darauf hindeutet, dass sich ein Mensch, der diesem Impuls folgt, außerhalb der Moral befindet. Doch dies ist gar nicht Williams Hauptaugenmerk, vielmehr will er seine These erläutern, dass nur der Erfolg die Tat rechtfertigt.12 Sollte derjenige scheitern, dann wird ihm damit automatisch die Grundlage für eine Rechtfertigung entzogen. Die Rechtfertigung jedoch kann nicht, im Falle Gauguins, sofort erfolgen, sondern muss retrospektiv sein. Direkt nach der Abfahrt aus Frankreich ist es nicht möglich, dass Gauguin seine Tat relativiert. Erst später, mit steigendem Erfolg, kann er sein Handeln moralisch rechtfertigen. Die Vorwürfe seitens seiner Familie jedoch sind berechtigt, irrelevant zu welchem Zeitpunkt. Es gibt mehrere Optionen, die Gauguin leicht scheitern lassen können. Williams spricht das Beispiel der Handverletzung an, welche es unserem Maler unmöglich macht, sich künstlerisch zu betätigen. In diesem Fall hätte er keine Möglichkeit, sein Handeln zu rechtfertigen. Allerdings liegt er nicht vollkommen im Unrecht, da er nicht wissen kann, ob er mit der Malerei Erfolg gehabt hätte. Die zweite Variante des Scheiterns wäre die, dass er auf Tahiti Bilder gemalt hat, mit denen jedoch erfolglos blieb. In diesem Szenario hätte er sich moralisch auf dünnes Eis begeben und wäre dann gescheitert, weil ihm der Erfolg, der notwendig für eine Legitimationsbasis gewesen wäre, versagt blieb.

Ausgehend von dem Fall, dass all diese Möglichkeiten in die Kategorie Glück bzw. Zufall fallen, unterscheidet Williams zwischen Glück, welches, bezogen auf die Entscheidung, dieser innewohnt und solches, welches eher äußerlich liegt13. Bezogen auf den Erfolg sind beide Arten von Zufall relevant, bei der Rechtfertigung ist jedoch das innewohnende entscheidend. Im Falle des Scheiterns durch externe Begebenheiten bleibt Gauguin die Möglichkeit, sich zwar nicht vor seiner Familie zu rechtfertigen, da sein Entschluss umsonst war, aber ihm ist es nicht gegönnt, völlig im Unrecht zu sein. Ist jedoch seine Entscheidung von Beginn an zum Scheitern verurteilt, weil er sein Talent überschätzt oder keine Meisterwerke kreieren kann, dann bleibt ihm auch keine Grundlage zur Rechtfertigung. Williams benennt in seinem Buch das Beispiel Anna Kareninas und vergleicht es mit dem Gauguins, um einen Aspekt, welcher von tragender Bedeutung für den Essay ist, zu verdeutlichen. Sowohl Anna Karenina, als auch Gauguin werden zu freiwilligen Akteuren in ihrer jeweiligen Situation14. Doch den entscheidenden Faktor, welcher ihre Tat rechtfertigen kann, liegt außerhalb ihrer Macht. Dieser Ohnmacht sind sich beide bewusst, dennoch entschließen sie sich zu ihren Taten und geben damit die Entscheidungsgewalt an eine höhere Instanz ab, die Moral. Und dieses Risiko, welches Gauguin eingegangen ist, wurde belohnt, indem seine Bilder bekannt wurden und er somit retrospektiv moralisch gerechtfertigt wurde. Dies ist der Kernaspekt des moralischen Glücks. Obwohl Gauguins Tat auf den ersten Blick rücksichtslos erscheint, so folgt er nur seinem inneren Impuls und geht ein Risiko ein. Da er ein höheres Motiv verfolgt und sich der Kunst verschrieben hat15, kann er sein Handeln nur über den Erfolg rechtfertigen.Weil seine Bilder erfolgreich werden, wird nachträglich die Grundlage für eine Rechtfertigung seiner Tat geschaffen. Die menschliche Natur benötigt eine Welt mit Risiken, in der es möglich ist zu Scheitern und die Zukunft mit Ungewissheit zu betrachten. Niemand, auch nicht die Moral kann das Kommende vorhersehen, aber sie versucht, voreilig mögliche Spielräume des menschlichen Handelns zu unterdrücken, die von der Norm abweichen. Durch den moralischen Zufall jedoch ist der Mensch imstande, sich aus der Klammer der Moral zu lösen und sich nicht dem ethischen Urteil, sondern dem der Gesellschaft hörig zu sein. Dies bedeutet nicht, wie es Bayertz formulierte, dass die Moral keinen Anreiz bietet, weil sie für die eigenen Interessen konträre Ziele verfolgt16, sondern dass der Vereinnahmung aller Handlungen durch die Moral schlichtweg falsch ist. Es muss zwischen vielen individuellen Interessen unterschieden werden und ebenso darf das Motiv der Person nicht vernachlässigt werden. Wenn ein Mensch ein Risiko eingeht, um einem edlen Ideal zu folgen, und scheitert, so ist dies unerfreulich, besoders wenn Andere davon betroffen sind. Wenn diese Person jedoch Erfolg hat, so wäre es nur falsch, sich nicht für sie zu freuen.

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass das moralische Glück ein Gegenstück zu der allumfassenden und zu sehr vereinnahmenden Moral ist, welche die Individualität zu sehr marginalisiert. Die gängige Moral steht einem Risiko, wie es Gauguin einging, negativ gegenüber, dennoch ist es möglich, durch den Erfolg eine retrospektive moralische Rechtfertigung seiner Tat zu erhalten. Die kreative Komponente eines Künstlers lässt sich in jedem Fall schwer für die Moral vereinnahmen, sodass sie es erfordert, die Zügel der Moral zu lockern, um den Individuen einen Freiraum im Rahmen der Moral zu schaffen, sodass sie sich nicht von ihr abwenden und lieber ihren eigenen Interessen nachgehen.

Literaturverzeichnis:

Bayertz, Kurt: Warum überhaupt moralisch sein?. München 2004. S. 51- 53.

Williams, Bernard: Moral Luck. Philosophical Papers 1973-1980. Cambridge 1980. S. 20-40.

Williams, Bernard: Der Begriff der Moral. Eine Einführung in die Ethik. Stuttgart 1978.

[...]


1 Deutsche Ausgabe: Williams, Bernard: Der Begriff der Moral. Eine Einführung in die Ethik. Stuttgart 1978.

2 Williams, Bernard: Moral Luck. Philosophical Papers 1973-1980. Cambridge 1980. S. 20-40.

3 Williams: Der Begriff der Moral. S. 90

4 Bayertz, Kurt: Warum überhaupt moralisch sein?. München 2004. S. 53

5 Williams: Der Begriff der Moral. S. 65

6 Ders. S. 66

7 Ders. S. 90

8 Williams: Moral Luck. S. 22

9 Bayertz: Warum überhaupt moralisch sein?. S. 52

10 Ders. S. 53

11 Williams: Moral Luck. S. 38

12 Ders. S. 22

13 Ders. S. 26

14 Ders. S. 30

15 Bayertz: Warum überhaupt moralisch sein? S. 52

16 Ders. S. 52

6 von 6 Seiten

Details

Titel
Zum Verhältnis von Risiko, Glück und Moral. Das Gauguin-Problem bei Bernhard Williams
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Note
3,0
Autor
Jahr
2012
Seiten
6
Katalognummer
V311365
ISBN (Buch)
9783668100794
Dateigröße
397 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
verhältnis, risiko, glück, moral, gauguin-problem, bernhard, williams
Arbeit zitieren
Maximilian Wilms (Autor), 2012, Zum Verhältnis von Risiko, Glück und Moral. Das Gauguin-Problem bei Bernhard Williams, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/311365

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