In der vorliegenden Arbeit soll sich mit der Frage beschäftigt werden, welche Bedeutung die Literatur in Gottfried Kellers Novelle ,,Die mißbrauchten Liebesbriefe“ hat. In dem ersten Abschnitt wird der Inhalt der Novelle kurz dargestellt, um einen Überblick über die Situation und die Personen zu bekommen. Der Schwerpunkt der Arbeit liegt auf dem zweiten Abschnitt, der sich mit der Bedeutung der Literatur unter den Protagonisten beschäftigt. Zum Schluss wird aus den gewonnenen Erkenntnissen ein Fazit gezogen.
Die mißbrauchten Liebesbriefe ist ein Briefroman aus Kellers Novellenzyklus ,,Die Leute von Seldwyla“. Der erste Teil des Novellenzyklus umfasst fünf Novellen und ist Anfang 1856 beim Eduard Vieweg Verlag in Braunschweig erschienen. Alle Teile sind Varianten des ,,Grünen Heinrichs“. Der zweite Teil mit ebenfalls fünf Novellen erschien 1874 beim Göschenschen Verlag Ferdinand Weiberts. ( vgl. Kaiser 1981, S. 270 )
Nach der älteren Sprache bedeutet Seldwyla einen wonnigen und sonnigen Ort. Diese Stadt liegt irgendwo in der Schweiz, mitten zwischen grünen Bergen. Das Schicksal der Stadt zeichnet sich dadurch aus, dass die Gemeinde sehr reich ist, die Bürgerschaft jedoch sehr arm. ( vgl. Wysling 1990, S. 249 )
Alle zehn Novellen handeln von Menschen mit charakterlichen Schwächen und Sonderlingen, welche durch ihr Verhalten auffällig geworden sind. Zudem sind alle Novellen ironisch und humorvoll geschrieben. Auch die innere Form gleicht sich, denn es geht immer um seltsame Begebenheiten in der wenig ernsthaft lebenden Gesellschaft Seldwylas. Die Novellen können dem bürgerlichen Realismus zugeordnet werden, da es immer um Menschen aus dem Bürgertum geht. Das Leben dieser Menschen wird nicht von dem Schicksal geprägt, sondern von ihrem eigenen Verhalten. Die Personen in den Novellen sind einfache, ländliche Menschen, die keine Machtposition haben. Somit geht es in den Novellen auch um ganz menschliche Probleme, wobei im Vordergrund aber immer das Geld steht. In den Novellen ,,Die Leute von Seldwyla“ wird die Welt von einem allwissenden Erzähler beschrieben, welcher alles Erzählte zudem kommentiert und bewertet. ( vgl. Metz 1995 – Literaturwissen für Schule und Studium, S. 64 )
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Novelle
3. Die Bedeutung der Literatur unter den Protagonisten
3.1 Viktor Störteler und Gritli Störteler
3.2 Viktor Störteler und Kätter Ambach
3.3 Gritli und Wilhelm
3.4 Viktor Störteler und die Seldwyla
3.5 Gritli und Ännchen
4. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Rolle und Bedeutung der Literatur innerhalb von Gottfried Kellers Novelle „Die mißbrauchten Liebesbriefe“. Dabei wird analysiert, wie literarische Ambitionen, inszenierte Briefwechsel und die Abgrenzung von einer Scheinwelt das Verhalten der Protagonisten beeinflussen und zu zwischenmenschlichen Spannungen führen.
- Kritik am Literaturbetrieb und Pseudo-Schriftstellertum
- Dynamiken und Machtverhältnisse in Ehen und Beziehungen
- Die Funktion des Briefwechsels als Mittel der Inszenierung und Wahrheit
- Geschlechterdifferenzierung im gesellschaftlichen Kontext des 19. Jahrhunderts
- Gegensätzliche Lebensentwürfe von Protagonisten und deren Bewertung durch die Gesellschaft
Auszug aus dem Buch
Viktor Störteler und Gritli Störteler
Die Ehe zwischen Viktor, kurz Viggi, und Gritli Störteler beruht nicht auf Liebe, sondern auf der Tatsache, dass Gritli ein kleines Vermögen besitzt. An diesem Vermögen hat Viktor großes Interesse. Aber nicht nur dieses Vermögen, sondern auch Gritlis Art sind für Viktor von großem Nutzen. Er beschreibt sie als „[…] hübsches, gesundes und gutmütiges Weibchen“ zudem ist sie eine „[…] angenehme Person“, welche er „besaß“. ( Keller 1968 – die mißbrauchten Liebesbriefe, S. 3 ) Er ist der Meinung, dass Gritli ihm unterlegen ist und er sie noch so erziehen und formen kann, wie es ihm gefällt.
Viktor ist ein erfolgreicher Kaufmann, bis sein Erfolg ihm zu Kopf steigt. Er fühlt sich zum Schriftsteller berufen und ruiniert somit seinen Erfolg und seine Beziehung zu Gritli. Durch das Schreiben möchte Viggi mehr Ansehen in der Gesellschaft und bei Gritli erhalten, zudem glaubt er, eine Menge Geld damit verdienen zu können. Den Seldwylern gegenüber fühlt er sich erhaben und sammelt allerlei Literatur: ,,Hiervon brachte Viggi Störteler die Liebe für Bildung und Belesenheit nach Seldwyla zurück; vermöge dieser Neigung aber fühlte er sich zu gut, die Sitten und Gebräuche seiner Mitbürger zu teilen; vielmehr schaffte er sich Bücher an, abonnierte in allen Leihbibliotheken und Lesezirkeln der Hauptstadt, hielt sich die »Gartenlaube« und unterschrieb auf alles, was in Lieferungen erschien, da hier ein fortlaufendes, schön verteiltes Studium geboten wurde.“ ( ebd. S.3 )
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung stellt die Fragestellung zur Bedeutung der Literatur in der Novelle vor und gibt einen kurzen Überblick über den Aufbau der Arbeit sowie den literaturhistorischen Kontext.
2. Die Novelle: Das Kapitel bietet eine Inhaltsangabe sowie eine Analyse der drei Hauptaspekte der Novelle: die Meta-Ebene des Literaturbetriebs, die Geschlechterdifferenzierung und Viggis Versuche, seine Frau programmatisch zu beeinflussen.
3. Die Bedeutung der Literatur unter den Protagonisten: Der Hauptteil analysiert detailliert die verschiedenen zwischenmenschlichen Konstellationen und wie der Umgang mit Literatur und Sprache die Charaktere definiert oder ihre Beziehungen belastet.
3.1 Viktor Störteler und Gritli Störteler: Fokus auf die von Machtstreben und mangelnder emotionaler Bindung geprägte Ehe sowie Viggis gescheiterte Versuche, seine Frau literarisch zu formen.
3.2 Viktor Störteler und Kätter Ambach: Betrachtung einer zweckorientierten Ehe, die auf gegenseitigem Geltungsbedürfnis und Geldgier basiert.
3.3 Gritli und Wilhelm: Analyse der echten Zuneigung zwischen den Protagonisten, die durch den fingierten Briefwechsel zunächst eine Krise durchläuft, aber schließlich in einer stabilen Verbindung mündet.
3.4 Viktor Störteler und die Seldwyla: Untersuchung der ablehnenden Haltung der Seldwyler Bevölkerung gegenüber Viggis literarischem und gesellschaftlichem Gehabe.
3.5 Gritli und Ännchen: Auseinandersetzung mit der unreifen und egoistischen Freundschaft von Ännchen und ihrer Rolle als vermeintliche Ratgeberin in Gritlis Liebesleben.
4. Fazit: Das Fazit fasst zusammen, wie Keller durch die gegensätzlichen Charaktere zeitlose negative Eigenschaften wie Geldgier und Selbstverliebtheit kritisiert.
Schlüsselwörter
Gottfried Keller, Die mißbrauchten Liebesbriefe, Novelle, Seldwyla, Literaturkritik, Literaturbetrieb, Briefroman, Geschlechterrollen, Viktor Störteler, Gritli Störteler, Identität, Schein und Sein, bürgerlicher Realismus, Ehe, zwischenmenschliche Beziehungen.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Bedeutung der Literatur und das literarische Treiben innerhalb der Novelle „Die mißbrauchten Liebesbriefe“ von Gottfried Keller.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die zentralen Themen sind der parodierte Literaturbetrieb, die Geschlechterdifferenzierung, Machtverhältnisse in Ehen und die gesellschaftliche Wahrnehmung der Protagonisten.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage der Arbeit?
Ziel ist es zu klären, welche Rolle das Schreiben und die Literatur für die Entwicklung und die Beziehungen der handelnden Figuren in der Novelle spielen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Analyse, die sich auf den Text der Novelle sowie auf fachspezifische Sekundärliteratur stützt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert die unterschiedlichen Paarkonstellationen (Viggi/Gritli, Viggi/Kätter, Gritli/Wilhelm) sowie die Interaktionen der Hauptfiguren mit ihrem Umfeld in Seldwyla.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich vor allem mit Begriffen wie Identitätsfindung, literarischer Parodie, sozialen Rollenbildern und dem bürgerlichen Realismus beschreiben.
Warum spielt der fingierte Briefwechsel eine so große Rolle?
Der Briefwechsel dient sowohl als Mittel zur Manipulation durch Viktor Störteler als auch als Ausdruck einer inneren Krise, die letztlich zur notwendigen Distanzierung und Wahrheitsfindung führt.
Wie unterscheidet sich die Beziehung zwischen Gritli und Wilhelm von der Ehe der Störtelers?
Während die Ehe der Störtelers auf Macht, Geld und Schein basiert, zeichnet sich die Verbindung zwischen Gritli und Wilhelm durch gegenseitige Zuneigung und die Überwindung literarischer Scheinwelten aus.
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- Kathryn Metzner (Author), 2011, Gottfried Kellers "Die missbrauchten Liebesbriefe". Welche Rolle spielt die Literatur in der Novelle?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/311985