Hexenprozesse gegen Männer. Die Hexenverfolgungen im genderspezifischen Kontext


Seminararbeit, 2014

24 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 EINLEITUNG

2 WAS IST EINE HEXE? KULTURGESCHICHTLICHE BEGRIFFSBESTIMMUNG

3 HEXEREI UND DER HEXENHAMMER
3.1 KETZEREI & DER PAPST
3.2 „MALLEUS MALEFICARUM“ ODER DER „HEXENHAMMER“

4 HEXENPROZESSE IN AUSGEWÄHLTEN ÖSTERREICHISCHEN LÄNDERN
4.1 HEXENVERFOLGUNGEN IN DER STEIERMARK
4.2 HEXENVERFOLGUNGEN IN SALZBURG ODER DIE „ZAUBERER-JACKL-PROZESSE“
4.3 HEXENVERFOLGUNGEN IN KÄRNTEN

5 SCHLUSSWORT

ABSTRACT

1 Einleitung

Das Wort „Hexe“ ist im Deutschen eindeutig weiblich besetzt, obwohl mittlerweile bekannt ist, dass auch Männer eine nicht unwesentliche Rolle in den Hexenverfolgungen spielten, nicht nur lediglich als Obrigkeiten, Gerichtsherren, Scharfrichter, Inquisitoren oder Juristen, sondern sehr wohl auch als Opfer. Manche Holzschnitte des 16. und 17. Jahrhunderts, die den Pakt mit dem Teufel darstellen, zeigen ebensoviele Männer wie Frauen.1 In vielen Ländern des frühneuzeitlichen Europas war die Zahl der männlichen Opfer sogar höher als die der Frauen, wie etwa in Island, Estland und Finnland.2 Aber sowohl Männer als auch Frauen wurden vieler Taten beschuldigt, die nach unserem heutigen Verständnis als fiktives Konstrukt erscheinen und dementsprechend unbeweisbar sind, dennoch wurden viele Menschen, die der Hexerei beschuldigt waren, aufgrund der damalig herrschenden Überzeugungen hingerichtet. Man schätzt, dass 20-25 Prozent der Angeklagten in Europa Männer waren.3

Diese Arbeit behandelt insbesondere den genderspezifischen Kontext der Hexenverfolgungen, vor allem den Raum des heutigen Österreichs. Zunächst werden der Beginn der mittelalterlichen Hexenverfolgungen ab dem 15. Jahrhundert und die kulturelle Geschichte des Begriffs „Hexe“ näher erläutert, danach wird anhand einiger Fallbeispiele männlicher Opfer aus Österreich das Typische der Verfolgungen demonstriert. Anhand der aus der Fachliteratur gewonnenen Erkenntnisse soll eruiert werden, ob es tatsächlich Unterschiede in der Behandlung von Männern und Frauen im Zuge der Hexenprozesse gab.

2 Was ist eine Hexe? Kulturgeschichtliche

Die Angst vor bösen Mächten, der Glaube an Hexen und üble Schadenszauber sind schon fast so alt wie die Menschheit selbst. Bereits auf den Gesetzestafeln des babylonischen „Codex Hammurabi“ wird Hexerei erwähnt, und auch im „Exodus“ Kapitel 22, Vers 17 heißt es: „ Eine Hexe sollst du nicht am Leben lassen4. Auch in der Bibel werden Hexen mehrmals erwähnt, wie etwa die Hexe von En-Dor5 oder Lilith, die Urverführerin in der altjüdischen Überlieferung.6 Im Bündnis mit diesen sogenannten Hexen waren oft Teufel und Dämonen, von deren Existenz der Theologe und Kirchenvater Augustinus von Hippo (354-430) fest überzeugt war.7 Er ordnete die nicht-christliche Vorstellung der Zauberei, Wahrsagerei und des Aberglaubens unter die Idolatrie, also unter den Götzendienst, ein, ebenso wie alle Theologen nach ihm.8 Diese erwähnten Dämonen sollen besonders Frauen dazu befähigt haben, zahlreiche übernatürlicher Kräfte zu erhalten, welche sie zum Zwecke der Schadensverursachung verwendet haben sollen. Die „Hexe“ entstand aus mehreren Sagengruppen und nahm die Züge einer Zauberin an. So entstanden beispielsweise aus den alten Gewitterdämonen die Wind- und Wetterhexen. In den meisten Sagen werden Hexen meist als weibliche Personen dargestellt, die ihre Macht und ihre Fähigkeiten einem Bündnis mit Satan verdanken. In den Überlieferungen seit der Antike war die Frau - aus der Perspektive des Mannes gesehen - eher der Versuchung ausgesetzt, Magie (vor allem schwarze Magie) auszuüben. Schließlich galt die Frau als unkontrollierbar, geheimnisvoll und insbesondere als nicht vollwertiger Mensch und war somit prädestiniert dafür, Magie für ihre Zwecke auszunutzen.9

Da es in den dörflichen

Lebensgemeinschaften den Frauen zustand, sich um die existenzsichernden Bereiche wie Nahrungsbeschaffung, Viehhaltung, usw. zu kümmern, wurden Schädigungen in diesen Bereichen als Schadenszauber gedeutet und den jeweiligen Aufsichtspersonen zur Last gelegt.

Der Begriff „Hexe“ ist also ein Sammelbegriff. Die Entwicklung der Begriffsbestimmung als Grundlage für die Hexenverfolgungen des 15. bis 17. Jahrhunderts erfolgte einerseits durch die Theologen des Mittelalters, war andererseits aber auch als Aberglaube tief im Volk verwurzelt.10

Die Vorstellungen über Hexen sowie die Mythen und der Volksaberglaube wurden in der frühen Neuzeit mit durch die Folter erpressten Geständnissen ergänzt und weitergegeben. Der Terminus „Hexe“ war jedoch bei weitem nicht die einzige Bezeichnung für eine Person, die sich der angeblichen Zauberei schuldig gemacht hatte. Theologen des Mittelalters prägten hierfür neue Namen wie haeretici fascinarii, Valdenses idolatrae, strigimagae; zum Teil übernahmen sie auch ältere Namen (Gazarii, Waudenses, lamiae, strigae oder maleficae), wobei „lamia“ (Dämonin), „striga“ (alte Hexe, griechisch „Eule“) oder das Synonym „Unholde“ in den Quellen am häufigsten auftauchen.11 Das Wort „Hexe“, das eine schädigende Zauberin beschreibt, entstand erst im 13. Jahrhundert. Die einer Hexe zugeschriebenen Kräfte waren auch stark kulturabhängig. Beispielsweise wurde den nordischen Hexen nachgesagt, durch Ekstase zur Seelenwanderung und Tierverwandlung fähig zu sein, während italienischen Hexen die Wirkung von Liebeszaubern zugeschrieben wurde. Der Hexenmythos ist bei weitem kein europäisches Phänomen, da „ Folter und Tötung von Hexen ( … ) auch außerhalb des christlichen Kulturkreises “ vorkamen.12

Die Vorstellung einer „Striga“ und des „maleficiums“ (Schadenszauber) waren durchaus verschieden und die Verschmelzung beider Elemente fand erst im 14. Jahrhundert statt. Eine „Striga“ ist die lateinische Bezeichnung der Vorstellung eines weiblichen Nachtgespenstes, das nach dem Volksglauben als Gespenst umherfliegen konnte, entweder in Form eines Vogels oder auf einem Stecken, um Gelage zu feiern und dabei kleine Kinder und Erwachsene zu verspeisen.

Das maleficium, also die Vorstellung, dass Menschen mit Hilfe des Teufels oder von Dämonen Schaden verursachen können, war sehr vielgestaltig. Es konnte dazu angewendet werden, den Menschen sowohl körperlich als auch geistig zu schwächen oder gar zu töten. Gerade geistige Schäden wurden als „Behexung“ bezeichnet und betrafen meistens die sexuelle Beziehung zwischen Mann und Frau. Diese „Behexung“ konnte angeblich Impotenz beim Mann oder Unfruchtbarkeit bei der Frau,13 auch in Form von speziellen Tränken, hervorrufen. Eine wichtige Rolle spielte auch das veneficium, das Giftmischen und der Giftmord, wobei dies nichts mit teuflischen Pakten zu tun hatte, sondern mehr mit Wissen über Kräuter, die eine „herbaria“, eine Kräuterfrau, hatte. Diese Schadenszauber gegen Mensch, aber auch Tier, konnte ebenso in der Form einer zauberischen Fernwirkung durch Beschwörung (incantatio) und durch Anwendung von Ligaturen auftreten, z. B. das Nestelknüpfen, den bösen Blick und durch das Anfertigen von Bildern und Figuren.14 Die angedichtete Flugfähigkeit der Hexen, genauer: der „strigae“, konnte eine Hexe alleine nicht bewältigen, vielmehr brauchte sie dafür eine Art Zaubersalbe, die sie selbst nicht herstellen konnte, sondern vom Teufel bekam, um sich in einen Vogel zu verwandeln. Der Flug oder das Reiten durch die Luft stand mit einem weiteren Hexenmythos in Zusammenhang, nämlich dem „Hexensabbat“, einem jährlichen Treffen an abgelegenen Orten. Die Bezeichnung des Sabbats stammt vermutlich von den Ketzerversammlungen.15

Weit verbreitet war auch die Vorstellung der Verwandlung vom Menschen zum Tier. Eine dieser Verwandlungen ist der Werwolf, die sogenannte Lykantrophie, die uns schon zu Zeiten des Herodot und Platon begegnet. Dieses Wesen ist ein Mensch, der sich von Zeit zu Zeit in einen Wolf verwandelt und Menschen frisst. Auffallend ist, dass besonders Männer der Lykanthropie beschuldigt wurden, aufgrund der Etymologie des Wortes „Werwolf“.16 Im germanischen bedeutet wer „Mann“ und mit dem Wort Wolf zusammengesetzt wurde im althochdeutschen der Werwolf „Mannwolf“ genannt.

Im Mittelalter flossen die Bestandteile einzelner Überlieferungen von Mythen zusammen; so verschmolzen germanische und orientalische Vorstellungen und führten schließlich zu einer systematischen Hexenlehre. Verschriftlicht wurde die Hexenlehre des Spätmittelalters erst im „Malleus maleficarum“ (1487), oder auch der „Hexenhammer“ genannt, in dem die verschiedenen Vorstellungen zu einem Begriff vereint wurden.

3 Hexerei und der Hexenhammer

3.1 Ketzerei & der Papst

In den Zeitraum von zirka 1230 bis 1430, in welchem der Begriff der „Hexe“ seine „wissenschaftliche“ Festlegung erfuhr, fielen die großen Ketzerverfolgungen im christlichen Europa. In dieser Zeit, da den Kirchenvätern das Heiden- und Ketzertum als Produkt des Teufels erschien, musste eine Hexe, welche als die Dienerin des Satans betrachtet wurde und sich somit ebenfalls ketzerischer Taten schuldig machte, zwangläufig mit diesem in Verbindung stehen und umgekehrt.

Was die Glaubensfrage und dem Glauben an Teufelspakte betrifft, gab es doch wesentliche Unterschiede zwischen Männern und Frauen.

„ Männliche Hexen verkehrten nicht in gleichem Maße wie ihre weiblichen Pendants sexuell mit dem Teufel, sondern liefen wegen gestörter Glaubensfähigkeit in das Lager des Teufelsüber. Sie wurden nicht wie Frauen auf Körper und Sexualität reduziert, sondern auch noch als Hexenmänner mit der männertypischen Kategorie Geist assoziiert. “ 17

Daraus könnte man den Schluss ziehen, dass man zwischen beiden Geschlechtern geistige Unterschiede machte und ihnen folglich auch unterschiedliche Kräfte und Delikte zuschrieb.

[...]


1 Vgl. Brian P. Levack, Hexenjagd, Die Geschichte der Hexenverfolgungen in Europa, (München 42009), S. 133.

2 Vgl. Walter Rummel, Rita Voltmer, Hexen und Hexenverfolgung in der Frühen Neuzeit, (Darmstadt, 22012), S. 79.

3 Vgl. Alison Rowlands (Hg.), Witchcraft and Masculinities in Early Modern Europe, (Basingstoke 2009), S. 2.

4 Österreichisches Katholisches Bibelwerk (Hg.), Die Bibel, Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift, (Klosterneuburg 1980), S. 85.

5 Die Hexe von En-Dor ist eine Totenbeschwörerin aus dem 1. Buch Samuel, die von Saul aufgesucht wurde, um den verstorbenen Propheten Samuel heraufzubeschwören.

6 Vgl. Waltraut Jilg, Georg Schwaiger (Hg.), „Hexe“ und „Hexerei“ als kultur- und religionsgeschichtliches Phänomen, In: Teufelsglaube und Hexenprozesse, (Hamburg42007), S 37.

7 Vgl. Wolfgang Behringer, Hexen - Glaube, Verfolgung, Vermarktung, (München,52009), S. 9.

8 Vgl. Wolfgang Behringer (Hg.), Hexen und Hexenprozesse in Deutschland, (München72010), S. 11.

9 Vgl. Eva Labouvie, Zauberei und Hexenwerk, Ländlicher Hexenglaube in der frühen Neuzeit, (Frankfurt am Main 1991), S 60.

10 In den Dorfgemeinschaften herrschten Vorstellungen von Dämonen, Geistern, Werwölfen und Zauberern vor.

11 Vgl. Waltraut Jilg, Georg Schwaiger (Hg.), „Hexe“ und „Hexerei“ als kultur- und religionsgeschichtliches Phänomen, In: Teufelsglaube und Hexenprozesse (Hamburg42007), S 41.

12 Wolfgang Behringer, Hexen - Glaube, Verfolgung, Vermarktung, (München,52009), S. 8.

13 Vgl. Heinrich Kramer/Institoris, Jakob Sprenger, Günther Jerouschek (Hg.), Der Hexenhammer (München102013), S. 103.

14 Vgl. Waltraut Jilg, Hexe“ und „Hexerei“ als kultur- und religionsgeschichtliches Phänomen, In: Georg Schwaiger (Hg.), Teufelsglaube und Hexenprozesse (Hamburg42007), S 46.

15 Diese Ketzer, der Name kommt von den Katharern des 12./13. Jahrhunderts, schlossen einen Pakt mit dem Teufel und trafen sich an abgelegenen Orten, um an Orgien teilzunehmen. Vgl. Paul Mikat, Inquisition, Lexikon für Theologie und Kirche (Freiburg 1959) S 698 - 702.

16 Vgl. Rolf Schulte, Man as Witch: males witches in Central Europe, (Basingstoke 2009), S. 3 & 19f.

17 Rolf Schulte, Hexenmeister: Die Verfolgung von Männern im Rahmen der Hexenverfolgung von 1530-1730 im Alten Reich, (Frankfurt22001), S. 265.

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Hexenprozesse gegen Männer. Die Hexenverfolgungen im genderspezifischen Kontext
Hochschule
Universität Wien  (Geschichte)
Veranstaltung
Politische Gewalt. Aufstand – Freiheitsentzug – Minderheitenverfolgung – Ahndung (in Österreich)
Note
1,0
Autor
Jahr
2014
Seiten
24
Katalognummer
V312036
ISBN (eBook)
9783668108042
ISBN (Buch)
9783668108059
Dateigröße
605 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
hexenprozesse, männer, hexenverfolgungen, kontext
Arbeit zitieren
Nathalie Altrichter (Autor), 2014, Hexenprozesse gegen Männer. Die Hexenverfolgungen im genderspezifischen Kontext, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/312036

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