Das Modell der „Risikogesellschaft" von Ullrich Beck. Wie zeigt sich die Zunahme von Risiken?


Ausarbeitung, 2015

11 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Risiken der modernen Gesellschaft
2.1. Risikodefinition nach Beck
2.2. Aufbau und Zunahme von Modernisierungsrisiken
2.3. Interpretation und Anerkennung von Risiken
2.4. Verteilung von Modernisierungsrisiken
2.5. Von der Risiko- zur Weltrisikogesellschaft

3. Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Risikozunahme in der Risikogesellschaft

Abbildung 2: Abgrenzung klassischer Risiken zu Modernisierungsrisiken

Abbildung 3: Erweiterte Risikozunahme in der Weltrisikogesellschaft

1. Einleitung

In was für einer Gesellschaft leben wir? Diese Frage stellte sich der Sozio- loge Ulrich Beck Mitte der 1980er Jahre. Zu dieser Zeit wurde die Gesell- schaft noch als postindustriell bezeichnet, welches Beck als absolut unzu- reichend empfand. In seinem Buch „Risikogesellschaft- Auf dem Weg in eine andere Moderne“ von 1986 geht Beck auf die Risiken, welche die Modernisierung der Gesellschaft mit sich bringt und deren soziologische Bedeutung, ein. Das Buch, welches nur wenige Wochen vor der Tscherno- bylkatastrophe veröffentlicht wurde, traf den „Nerv der Zeit“ und wurde zu einem der wenigen soziologischen Bestseller. Ziel dieser Ausarbeitung ist es, die zentralen Merkmale der Risikogesellschaft herauszuarbeiten und insbesondere auf die Risikodefinition und - verteilung nach Beck einzuge- hen.

2. Die Risiken der modernen Gesellschaft

2.1. Risikodefinition nach Beck

Becks Konzept der Risikogesellschaft 1 lässt bereits am Titel erkennen, dass Risiko ein zentraler Punkt unserer Gesellschaft geworden ist. Dies wirft die Frage auf, was man unter einem Risiko zu verstehen hat. Diese Frage be- antwortet Beck 2007 in seinem Buch „Weltrisikogesellschaft“, in dem er den Begriff folgendermaßen definiert: „Risiko bedeutet die Antizipation der Katastrophe. Risiken handeln von der Möglichkeit künftiger Ereignisse und Entwicklungen, sie vergegenwärtigen einen Weltzustand, den es (noch) nicht gibt. [...] Risiken sind immer zukünftige Ereignisse, die uns be- vorstehen, uns bedrohen. Aber da diese ständige Bedrohung unsere Erwar- tungen bestimmt, unsere Köpfe besetzt und unser Handeln leitet, wird sie zu einer politischen Kraft, die die Welt verändert.“2 Ein Risiko ist also die Erwartung eines negativen, in der Zukunft eintretenden Ereignisses, wel- ches bereits unser gegenwärtiges Handeln beeinflusst. Nun stellt sich die Frage, warum gerade Risiko das charakteristische Merkmal der modernen Gesellschaft sein soll. Schließlich wurden auch zu früheren Zeiten Risiken immer in der Entscheidungsfindung der Menschen berücksichtigt. Nach Beck bestehen allerdings gravierende Unterschiede zwischen diesen „klassischen“ Risiken und jenen der Moderne, weshalb er sie auch als Modernisierungs- bzw. Zivilisationsrisiken bezeichnet.

2.2. Aufbau und Zunahme von Modernisierungsrisiken

Modernisierungsrisiken stellen ein Nebenprodukt des industriellen Fortschritts dar und wachsen in dem Maße an, in dem auch unsere technische Entwicklung fortschreitet (siehe Abb. 1).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1 - Risikozunahme in der Risikogesellschaft

Schon seit Beginn der Industrialisierung gingen mit ihr negative Nebener- scheinungen einher, wie beispielsweise ein verstärktes Armuts- und Ge- sundheitsrisiko breiter Bevölkerungsteile. In der heutigen Zeit sind die Ri- siken (laut Beck) wesentlich umfassender, da sie nicht mehr nur an den Ort ihrer Entstehung gebunden sind. Im Gegenteil: „Ihrem Zuschnitt nach gefährden Sie das Leben auf dieser Erde, und zwar in all seinen Erschei- nungsformen.“3 Als Paradebeispiel für ein Modernisierungsrisiko diente 1986 die Tschernobylkatastrophe, welche ein Risiko für ganz Europa dar- stellte, obgleich ihr Entstehungsort in Tschernobyl lag. Eine weitere Diffe- renz stellt die Wahrnehmung dar, so war beispielsweise Armut ein konkret wahrnehmbares Risiko, welches die obere Gesellschaftsschicht jedoch fast komplett meiden und ausgrenzen konnte. Im Gegensatz dazu sind die Modernisierungsrisiken kaum sinnlich wahrnehmbar und treten meist in latenter Form auf (Radioaktivität, Elektromagnetische Strahlung, Ozonlö- cher). Sie betreffen alle gesellschaftlichen Schichten gleichermaßen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2 - Abgrenzung klassischer Risiken zu Modernisierungsrisiken

Die Risiken der heutigen Zeit gestalten sich also anders als die „klassi- schen“ Risiken (siehe Abb. 2) und jene, welche es zu Beginn der Industria- lisierung gab. Die genannten Punkte sollten ausreichen um deutlich zu machen, welche Risiken für Beck kennzeichnend für die heutige Gesell- schaft sind und unser Handeln damit nachhaltig beeinflussen. Es sind in erster Linie ökologische Gefährdungen, beispielsweise die zunehmende Verschmutzung der Gewässer und der Luft, die steigenden Giftgehalte in den Nahrungsmitteln, die ständige atomare Bedrohung (sowohl durch die Lagerung von Nuklearabfällen als auch durch mögliche Unfälle in Kern- kraftwerken) sowie, die mit ihnen verbundenen Folgen (Waldsterben, Ar- tensterben, Volkskrankheiten etc.).4

2.3. Interpretation und Anerkennung von Risiken

Auch wenn ein Risiko im oben beschriebenen Sinne „objektiv“ besteht, bedeutet dies jedoch nicht, dass es auch als solches wahrgenommen wird. Die oben angesprochene latente Wahrnehmung schränkt eine einheitliche Definition der Modernisierungsrisiken deutlich ein, welche sie dadurch im besonderen Maße „offen für soziale Definitionsprozesse“5 macht. Diese Prozesse nehmen in der Risikogesellschaft einen enormen Stellenwert ein:

„Ins Zentrum rücken mehr und mehr Gefährdungen, die für die Betroffenen oft weder sichtbar noch spürbar sind, […] in jedem Fall Gefährdungen, die der »Wahrnehmungsorgane « der Wissenschaft bedürfen - Theorien, Expe- rimente, Meßinstrumente -, um überhaupt als Gefährdungen »sichtbar«, interpretierbar zu werden.“6 Die Deutung der Risiken obliegt der Wissen- schaft, genauer gesagt den Naturwissenschaften. Ihre Aufgabe ist es Stoffe als gefährdend einzustufen und Belastungsgrenzen festzulegen. Diese Tat- sache führt jedoch dazu, dass eigene Werte und Interessen bei der Risiko- bewertung einfließen können, welche zu einer heterogenen Bewertung von Risiken führt. „Es kommt sozusagen zu einer Überproduktion von Risi- ken, die sich teils relativieren, teils ergänzen, teils wechselseitig den Rang ablaufen. Jeder Interessenstandpunkt versucht sich mit Risikodefinitionen zur Wehr zu setzen und auf diese Weise Risiken, die ihm selbst ins Porte- monnaie greifen, abzudrängen.“7 Risiken werden also als Mittel zur Wert- schöpfung Instrumentalisiert. Dieses Geflecht macht es unmöglich, einen alleinigen Akteur für ein bestimmtes Risiko verantwortlich zu machen. Letztendlich werden nur jene Risiken anerkannt, welche alle dafür vorge- sehenen Definitionsinstanzen (Naturwissenschaften in Verbindung mit Po- litik und Wirtschaft) durchlaufen haben und von ihnen auch als solche be- wertet wurden.

2.4. Verteilung von Modernisierungsrisiken

Wie bereits in Punkt 2.2. geschrieben, betreffen die Modernisierungsrisi- ken alle gesellschaftlichen Schichten gleichermaßen. Im Gegensatz dazu war es der gesellschaftlichen Oberschicht bei der Bedrohung von „klassi- schen“- und anfänglichen Risiken der Industrialisierung möglich, sich von ihnen durch Reichtum abzugrenzen. Daher stellt sich die Frage ob die Risi- koverteilung innerhalb der Risikogesellschaft immer noch abhängig von der Reichtumsverteilung ist. Hierzu schreibt Beck „Art, Muster und Medien der Verteilung von Risiken unterscheiden sich systematisch von denen der Reichtumsverteilung. Das schließt nicht aus, daß viele Risiken schicht- oder klassenspezifisch verteilt sind.“8 Diese Beschreibung lässt zunächst den Schluss zu, dass die oberen Klassenschichten weniger von den Risiken be- troffen sind. Dieses trifft am Rande auch zu. Beispielsweise können diese, qualitativ höherwertige Lebensmittel kaufen, welche einer geringeren Pes- tizidbehandlung ausgesetzt sind. Jedoch sind auch sie gleichermaßen, wie alle anderen gesellschaftlichen Schichten von einer Atomkatastrophe, der globalen Erwärmung, oder Luftverschmutzung betroffen. Dies bringt Beck zu folgender Schlussfolgerung: „Not ist hierarchisch, Smog demokratisch.“9 Die Zugehörigkeit zu einer bestimmten gesellschaftlichen Schicht ist im Modell der Risikogesellschaft also wesentlich weniger handlungsrelevant, als zu früheren Zeiten. Statt der Klassenkonflikte treten nun Konflikte über die Definition von Risiken in den Vordergrund. Dies sorgt für eine verstärk- te internationale Ungleichheit, da nicht alle Länder an den Modernisie- rungsprozessen der Industriestaaten teilhaben, jedoch alle von ihren Risi- ken betroffen sind.

2.5. Von der Risiko- zur Weltrisikogesellschaft

21 Jahre nach der Publikation des Buches „Risikogesellschaft“ veröffentlichte Beck 2007 das Werk „Weltrisikogesellschaft- Auf der Suche nach der verlorenen Sicherheit“. In seinem ersten Werk war sein Blick hauptsächlich auf die wesentlichen Gesellschaften, teilweise sogar explizit der deutschen Gesellschaft, gerichtet. In seinem neuen Buch vertritt er eine wesentlich globalere Sicht auf Risiken. Hierbei unterteilt er unter dem Begriff Globalisierungsrisiken folgende 4 Risikotypen:

-Ökologische Risiken, -Globale Finanzrisiken,

-Terroristische Risiken, -Biographische Risiken,

wobei die biographischen Risiken aus globaler Sicht zu vernachlässigen sind.

[...]


1 Vgl. NEUREITER (2009), S.4ff.

2 BECK (2007), S.29.

3 BECK (1986), S.29.

4 Vgl. BECK (1986), S.40.

5 BECK (1986), S.30.

6 Ebd., S.265.

7 Ebd., S.40.

8 BECK (1986), S.46.

9 Ebd., S.48.

Ende der Leseprobe aus 11 Seiten

Details

Titel
Das Modell der „Risikogesellschaft" von Ullrich Beck. Wie zeigt sich die Zunahme von Risiken?
Hochschule
Technische Fachhochschule Georg Agricola für Rohstoff, Energie und Umwelt zu Bochum
Note
1,3
Autor
Jahr
2015
Seiten
11
Katalognummer
V312299
ISBN (eBook)
9783668129320
ISBN (Buch)
9783668129337
Dateigröße
1538 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Ulrich Beck, Risikogesellschaft, Risiken
Arbeit zitieren
Emanuel Ibing (Autor), 2015, Das Modell der „Risikogesellschaft" von Ullrich Beck. Wie zeigt sich die Zunahme von Risiken?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/312299

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