Begünstigt die Konsumgesellschaft das Entstehen von Kaufsucht? Eine konsumkritische Anschauung


Bachelorarbeit, 2009

56 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Konsumgesellschaft
2.1 Definition Konsum und Konsumgesellschaft
2.2 Merkmale einer Konsumgesellschaft
2.2 Geschichte der Konsumgesellschaft (17.-20.Jahrhundert)
2.4 Entwicklung der Konsumgesellschaft in Deutschland im 20. Jahrhundert
2.4.1 Ernährung
2.4.2 Bekleidung
2.4.3 Wohnen und Haushaltsgeräte
2.4.4 Freizeitgestaltung und Mobilität
2.5 Konsumverstärker
2.6 Begleiterscheinungen und Auswirkungen des Konsums
2.7 Konsumkritik

3 Kaufsucht
3.1 Definition Kaufsucht
3.2 Eingliederung der Kaufsucht in die Suchtkrankheiten
3.3 Entstehung der Kaufsucht
3.3.1 Genetische Ursachen
3.3.2 Neurotransmitter Dopamin und Serotonin
3.3.3 Erziehung und Elternhaus
3.3.4 Bestimmte Lebenssituationen und traumatische Erlebnisse
3.3.5 Gesellschaftliche und kulturelle Einflüsse
3.3.6 Geschlechtsspezifische Motivationen
3.4 Häufigkeit/Ausprägung
3.5 Symptome
3.6 Folgen für den Betroffenen
3.7 Behandlung/Therapie des Betroffenen

4 Fazit

Literatur-/Quellenangaben

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Die Bedürfnispyramide nach Abraham Harold Maslow (1908 - 1970)

Abbildung 2: Entwicklung der Tendenz zur Kaufsucht: Prozentuale Veränderungen des Anteils der Betroffenen im Jahre 2001 gegenüber 1991

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Der Hohenheimer Kaufsuchtindikator

1 Einleitung

Wir leben in einer Konsumgesellschaft und genießen die Vorteile, die sich dadurch bieten. Dieser Umstand beinhaltet das massenhafte Konsumieren vielfältiger und reichhaltiger Warengruppen und Dienstleistungen durch Einkaufen gehen zu jeder Zeit, an fast jedem Ort und in beliebiger Regelmäßigkeit. Die wenigsten von uns beschäftigen sich mit den Auswirkungen und Begleiterscheinungen, die das Massenkonsumverhalten mit sich bringen.

Als Beispiel dafür kann hier das pathologische zwanghafte Kaufverhalten genannt werden, das unter dem Begriff Kaufsucht, fachsprachlich Onimanie, bekannt ist. Die Betroffenen zeigen suchttypisches Verhalten hinsichtlich des Kaufaktes, da sie dadurch „rauschähnliche Zustände“ erleben. Die Ware an sich spielt hierbei keine Rolle, sondern die mit dem Kaufakt verbundenen symbolischen Assoziationen und Emotionen.

Kaufsüchtige verstehen es anfangs gut ihr Verhalten vor Angehörigen zu verstecken, dennoch kommt es oftmals zu Brüchen mit Familienmitgliedern, wodurch der Leidensdruck zusätzlich verstärkt wird. Die Folgen der Kaufsucht für den Betroffenen reichen von Einsamkeit über Schulden und Armut bis hin zum Gefängnisaufenthalt wegen nicht nachgegangenen Zahlungsverpflichtungen oder Betrugsfällen.

Die Kaufsucht ist ein in der Öffentlichkeit bekanntes, aber zum Großteil verkanntes Phänomen. So ist vielen Menschen nicht bewusst, dass es sich dabei um eine ernsthafte psychische Störung handelt, die einer Behandlung bedarf. Es existiert die landläufige Meinung, dass jeder der gerne „shoppen“ geht, ein bisschen kaufsüchtig ist. Diese Ansicht bezieht sich vor allem auf das weibliche Geschlecht.

Dies konnte ich in meinem persönlichen Umfeld anhand einiger Aussagen selber erfahren.

Als ich in meinem Familien- und Freundeskreis erzählte, dass das Thema meiner BachelorThesis „Kaufsucht in der Konsumgesellschaft“ ist, bekam ich sofort unzählige Angebote für Fallstudien. „Cooles Thema, ich BIN kaufsüchtig. Also, wenn Du noch jemanden für ein Interview brauchst, stehe ich gerne zur Verfügung“, bekam ich von einigen, meist weiblichen Personen in meinem Umfeld zu hören.

Diese leichtfertigen Äußerungen spiegeln die Meinung vieler Mitbürger wider und lassen darauf schließen, dass Einkaufen zumeist mit dem weiblichen Geschlecht verbunden wird und dass normales Kaufverhalten mit pathologischem Kaufverhalten gleichgesetzt wird ohne die Problematik der Kaufsucht zu erkennen.

Mittlerweile rückt die Krankheit jedoch immer mehr in das Licht der Öffentlichkeit und der Medien, da zunehmend mehr Menschen davon betroffen sind und das Thema vermehrt an Aktualität und Brisanz gewinnt. So berichten Fernsehreportagen- und Dokumentationen in regelmäßigen Abständen über Kaufsüchtige und deren Alltag und machen damit auf diese psychische Störung und ihre Folgen aufmerksam.

Es stellt sich die Frage, wie die moderne Konsumgesellschaft und die Kaufsucht zusammenhängen und inwiefern, die Konsumgesellschaft in diesem Zusammenhang das Entstehen der Kaufsucht begünstigt.

Mit diesen Fragestellungen beschäftigt sich die vorliegende Bachelor-Thesis „Kaufsucht in der Konsumgesellschaft“.

Dazu wird zunächst im ersten Teil auf das Thema Konsumgesellschaft eingegangen, um sich auf der Grundlage dessen mit der Kaufsucht im zweiten Teil auseinandersetzen zu können.

In Kapitel 2 werden die Anfänge der Konsumgesellschaft und deren Entwicklung bis in das 21. Jahrhundert in Deutschland dargestellt. Die in dieser Hinsicht vier wichtigsten Konsumfelder Ernährung, Bekleidung, Wohnen und Haushaltsgeräte sowie Freizeitgestaltung und Mobilität werden ebenso erörtert wie Merkmale und Auswirkungen der Konsumgesellschaft.

Des Weiteren wird herausgearbeitet, welche Konsumverstärker es gibt und wie sie dazu beitragen, Menschen zum Kaufen und Konsumieren anzuregen.

In Kapitel 3 wird die psychische Störung Kaufsucht mit ihren Ausprägungen in der Gesellschaft, ihren Ursachen, ihren Symptomen, den Folgen für den Betroffenen und den Therapiemöglichkeiten beschrieben.

Im abschließenden Fazit werden die wichtigsten Aspekte der Thesis zusammenfassend dargestellt und ein Ausblick gegeben, wie sich die Konsumgesellschaft und die Kaufsucht in Zukunft (weiter-) entwickeln werden.

2 Konsumgesellschaft

2.1 Definition Konsum und Konsumgesellschaft

Zunächst sollten die wichtigen Begriffe Konsum und Konsumgesellschaft definiert werden, um sich dem Thema nähern zu können.

Der Begriff Konsum stammt vom lateinischen Wort ´consumere´ ab und bedeutet übersetzt verbrauchen, verzehren und verwenden. Hiermit sind der „Verzehr und Verbrauch materieller und immaterieller Güter und Dienstleistungen durch den Endverbraucher“ gemeint (Kleinschmidt 2008, S.13).

Der Terminus Konsumgesellschaft bezeichnet eine Gesellschaft oder Lebensform, in der Konsum ein wichtiger Aspekt ist: „In einer Konsumgesellschaft erfolgt der Verbrauch und Verzehr von Gütern und Dienstleistungen über die Bedürfnisbefriedigung hinaus. Dies setzt Wahlmöglichkeiten und eine ausreichende Produktion der Angebotsseite voraus. Die Konsumgüter und Dienstleistungen sind einem Großteil der Bevölkerung durch zunehmende Marktintegration zugänglich“ (Kleinschmidt 2008, S.13).

Produktion und Konsumtion bedingen und fördern sich gegenseitig, da ein Element ohne das jeweils andere nicht bestehen würde. Es wäre sinnlos etwas zu produzieren, was von niemandem konsumiert würde und man kann nur etwas konsumieren, das die Produktion hergestellt hat (König 2008, S. 13).

Heutzutage spricht man auch von einer Massenkonsumgesellschaft. Diese Definition gründet sich auf die drei Grundvoraussetzungen: Massenkonsummöglichkeit, Konsumfreiheit und Konsumbedürfnis.

Diese drei Voraussetzungen konnten in ihrer perfekten Form nur in dem realisiert werden, was wir als moderne Gesellschaft bezeichnen.

2.2 Merkmale der Konsumgesellschaft

Bedeutende Kennzeichen für die Konsumgesellschaft sind industrielle Massenproduktion und Massenabsatz von kurzlebigen Verbrauchs- und Gebrauchsgütern, Herstellung von Wegwerfprodukten und minderwertiger Billigware sowie eine auf den Geltungsnutzen einer Ware gerichtete Werbung.

Die Aufgabe des Menschen in der Konsumgesellschaft scheint nicht mehr nur produktive Arbeit, sondern auch der Kauf und Verbrauch von kurzlebigen Sachgütern zu sein.

Es lassen sich sechs charakteristische Merkmale der Konsumgesellschaft nennen:

- „das Vorhandensein eines reichhaltigen Warensortiments für breite Schichten der Gesellschaft, wobei entscheidend ist, dass es sich um Angebote handelt, die im Sinne von Adam Smith als „decencies“ zu bezeichnen sind, sich also auf die Erfüllung von Konsumwünschen auf der Basis bereits befriedigter Grundbedürfnisse richten
- die Ausdifferenzierung spezialisierter Kommunikationssysteme (z.B. Werbewirtschaft und Marktforschung), die beständig differenzierte Arrangements von Symbolen kreieren und Produkte und Dienstleistungen mit Bedeutung versehen und dadurch das Bedürfnis nach ihnen stimulieren und steuern
- Sets von als zusammengehörig geltenden Waren und Dienstleistungen, die dazu dienen, Sphären des Geschmacks, der Mode und des Stils zu schaffen und zu demonstrieren. Damit wird sichergestellt, dass über Konsum, trotz der Massenproduktion und dem Massenkonsum immanenten Tendenz zur Nivellierung, soziale Distinktion ausgedrückt werden kann
- die Betonung und Wertschätzung von Freizeit und Konsum als eigenständigen Wert und Lebensbereich gegenüber von Arbeit und Produktion. Freizeit und Konsum werden dabei v.a. mit Freiheit, Kreativität und Selbstverwirklichung in Zusammenhang gebracht
- die Existenz des „Konsumenten“ als individuelle Rolle und als soziale Kategorie. Als soziale Kategorie wird der Konsument durch darauf spezialisierte soziale Systeme geschützt, umworben, informiert, erforscht und beeinflusst. Durch das Individuum wird die Rolle des Konsumenten in die eigene Person integriert; sie prägt dessen Selbstverständnis und dessen Lebensgefühl. Konsument zu sein ersetzt unter Umständen einstige Zugehörigkeiten zu Klassen, Verwandschaftsverbänden oder Heimatregionen. Diese Entwicklung führt dazu, dass neue Vergemeinschaftsformen entstehen, wie z.B. die „Ikea family“ oder die „Tupper Party“ und das Leben einen neuen Sinn enthält, wie es etwas der Sticker am Revers „born to shop“ zum Ausdruck bringt.
- eine institutionalisierte Konsumkritik als Ausdruck einer tiefen Ambivalenz gegenüber Konsummentalität und Massenkonsum und als Menetekel der aus dem Massenkonsum erwachsenden Gefahren für Mensch, Natur und Gesellschaft. Falls Schadensfälle eintreten, sind „Reparatureinrichtungen“ vorhanden, um die Folgen zu mildern. Beispiele dafür sind Schuldnerberatungsstellen und Therapieeinrichtungen für Kaufsüchtige“ (Brewer 1998, zitiert nach: Schneider 2000, S. 12/13).

2.3 Geschichte der Konsumgesellschaft (17.-20. Jahrhundert)

Die Konsumgesellschaft und das damit einhergehende Konsumieren von Waren und Dienstleistungen existieren schon seit Beginn der Menschheitsgeschichte.

Der Konsumhistoriker Wolfgang König formuliert dazu, dass die frühen Menschen mit Hilfe von Werkzeugen Erzeugnisse herstellten, die sie dann selber konsumierten. Im Laufe der Geschichte nahmen Arbeitsteilung und Spezialisierung zu und Produktion und Konsumtion traten auseinander. Die Marktversorgung löste die Selbstversorgung ab (König 2008, S. 14).

Erste Nennungen des Begriffs Konsumgesellschaft gehen zurück ins 17. Jahrhundert zur Zeit des Merkantilismus. Die damalige Form der Konsumgesellschaft war umfangreichen staatlichen Interventionen und Regulierungen ausgesetzt und die Interessen der Konsumenten spielten nur eine untergeordnete Rolle. So führte die Einführung einer Akzise zur Verteuerung von zahlreichen Lebens- und Konsumgütern und verringerte dadurch deren Verbrauch (Kleinschmidt 2008, S. 63).

Den Beginn der heutigen Form der Konsumgesellschaft sehen viele Wissenschaftler im Großbritannien des frühen 18. Jahrhunderts, angestoßen durch die industrielle Revolution. Sie beschreiben die Entwicklung als Prozess, der sich im Laufe des 19. und 20. Jahrhunderts auch außerhalb Englands durchsetzte, da die Industrialisierung in den anderen Ländern erst später begann und etwa ein Jahrhundert brauchte, um die Wirtschaft umzugestalten (König 2008, S.23).

Die aufkommende Industrialisierung in England führte Anfang des 18. Jahrhunderts dazu, dass Möglichkeiten der Massenproduktion entstanden. Durch die Erfindung von neuen Produktionstechniken wurde das Handwerk von Maschinenarbeit abgelöst und die Herstellung von Produkten wurde zum einen erleichtert und zum anderen vereinheitlicht, sodass größere Mengen des gleichen Gutes produziert werden konnten.

Die Städte wuchsen und eine neue Gesellschaftsschicht entstand. Die in der Industrie tätigen Arbeiter verfügten über mehr Einkommen als vorher und die Kaufkraft und Nachfrage nach Massenverbrauchsgütern stiegen an. Gleichermaßen entwickelte sich auch eine Abhängigkeit der Arbeiter von der Fabrikarbeit, da sie auf ihre Löhne angewiesen waren um ihre Familie versorgen zu können (König 2008, S.42).

Andere europäische Länder wie Frankreich, Deutschland und Holland wurden im Laufe der Zeit von der Konsumrevolution eingeholt und entwickelten sich ähnlich wie Großbritannien.

Aufgrund der stärker werdenden Emanzipation des Bürgertums und der wachsenden Kaufkraft waren Prestigeobjekte nicht mehr allein dem Adel vorbehalten. Auch den einfachen Bürgern wurden Lebensmittel und Getränke sowie Kleidung zum Hervorheben ihres Standes wichtig.

Das Verhalten der Menschen wandelte sich vom bedarfsorientierten Konsum hin zum Modekonsum mit dem Wunsch etwas zu besitzen und darzustellen (www.planet-wissen.de). Luxusgüter, die nur für die Adeligen erschwinglich waren, verwandelten sich im Laufe der Zeit in Güter des alltäglichen Gebrauchs für jedermann. Als ein Beispielprodukt hierfür kann Kaffee genannt werden.

Während um das Jahr 1720 Kaffee nur von bürgerlichen Familien in der Mitte und im Norden Deutschlands getrunken wurde, erfreute sich dieses Getränk bereits 30 Jahre später bei ärmeren Menschen in den Dörfern großer Beliebtheit. Auch andere vormalige Luxusgüter, wie Tee und Schokolade fanden im 18. Jahrhundert ebenso Verbreitung in Europa (Jäckel 2000, S.76).

Die ersten Massenprodukte, wie zum Beispiel Kleidung aus Baumwolle kamen auf den Markt und 1786 wurde in Weimar die erste Modezeitschrift, das „Journal des Luxus und der Moden“ herausgebracht. Es folgten weitere Zeitschriften und diese wurden zum wichtigsten Kommunikationsmittel und Medium zur Förderung von Konsumbedürfnissen. Konsum wurde schon zu dieser Zeit bewusst gesteuert.

Ab dem 19. Jahrhundert spielte Werbung als Mittel zur Absatzsteigerung eine immer größere Rolle. Marktausrufer wurden durch Annoncen in Zeitschriften und Zeitungen sowie Plakaten ersetzt und diese entwickelten sich von einer textreichen zur visuellen Darstellungsform, bei der vermehrt auf die Abbildung der Produkte wertgelegt wurde.

Im Jahr 1855 wurde in Berlin die erste Litfaßsäule aufgestellt, die eine breite Fläche für Werbeplakate bot und auch die Gestaltung von Schaufenstern der Läden gewann zunehmend an Bedeutung um die ausgestellten Produkte ins rechte Licht zu rücken.

Durch technische Innovationen der fortlaufenden Industrialisierung wie Dampfschiffe, Eisenbahnen und Telegraphen entstanden in Europa und der ganzen Welt weit verzweigte Transport-, Produktions- und Informationswege, die es möglich machten, Waren über Landesgrenzen hinaus zu handeln.

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts entstanden die ersten großen Kaufhäuser. Einer der ersten Kaufhausgründer war Rudolf Karstadt. Dieser eröffnete am 14. Mai 1881 sein erstes Kaufhaus namens „Tuch-, Manufactur- und Confectionsgeschäft Karstadt“ in Wismar.

Neben der Größe und Ausstattung der Kaufhäuser war ein Merkmal dieser neuen Geschäftsstätten, dass nicht wie vorher gehandelt werden konnte, sondern dass es feste Preise gab und man in bar bezahlen musste (www.wikipedia.de/karstadt).

Durch das erhöhte Angebot an Waren und Gütern wuchsen in dieser Zeit die Kauflust und die Wünsche der Konsumenten. Dieser Umstand brachte auch erste negative Seiten des Konsums mit sich: Die Verschuldung der Bevölkerung sowie die Zahl der Kleptomanen stiegen an und erste Vorläufer der Kaufsucht entwickelten sich (www.planet-wissen.de).

Der deutsche Psychiater und Mitbegründer der modernen Psychiatrie Emil Kraepelin beschrieb schon im Jahr 1909 in seinem Lehrbuch für Studierende und Ärzte eine „krankhafte Kauflust, die den Kranken veranlasst, sobald sich ihm die Gelegenheit dazu bietet, ohne jedes wirkliche Bedürfnis in großen Mengen einzukaufen“ (http://internet.magnus.de).

Manche Forscher sehen ein Ansetzen der Konsumgesellschaft im 19. Jahrhundert oder früher für zu unbestimmt an, da es in dieser Zeitepoche aufgrund der Einkommensverteilung nur Minderheiten möglich war, im größeren Stil und über die Grundbedürfnisse hinaus zu konsumieren. Sie verwenden den Begriff erst auf die Zwischenkriegszeit in den 1930er Jahren in den USA (König 2008, S.23/24).

Einig sind sich die Wissenschaftler darüber, dass sich das Konsumverhalten nach einschneidenden historischen Ereignissen im 20. Jahrhundert wie dem Ersten Weltkrieg, der Weltwirtschaftskrise und dem Zweiten Weltkrieg hin zum heutigen Massenkonsumverhalten entwickelt hat. In dieser Zeit hält die Globalisierung des Konsums Einzug und internationale Produkte, im Anfang meist ausgehend von den USA, erobern den weltweiten Markt. Zudem eröffneten sich auch durch den neuen finanziellen Wohlstand ab den 1950er Jahren neue Konsummöglichkeiten (www.planet-wissen.de).

Laut König entstand die Konsumgesellschaft zuerst in den USA und verbreitete sich von da aus in die ganze Welt. Die anderen Länder wurden durch die amerikanischen Konsumformen beeinflusst, übernahmen diese teilweise, gestalteten sie um oder verbanden sie mit eigenen Traditionen. Daraus entstanden „nationale Konsumkulturen als Mischformen“ (König 2008, S.10).

In den folgenden Kapiteln wird auf die Entwicklung der Konsumgesellschaft in Deutschland näher eingegangen.

2.4 Entwicklung der Konsumgesellschaft in Deutschland im 20. Jahrhundert

In Deutschland hat sich die Konsumgesellschaft vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg stetig (weiter-)entwickelt. Auf die Mangelerfahrungen während des Krieges bis zur Währungsreform 1948 folgten das Wirtschaftswunder und die Wohlstandsgesellschaft. Die hiermit verbundenen Faktoren wie steigende Einkommen, neue Budgetmöglichkeiten, Herausbildung unterschiedlichen Haushaltstypen und mehr Freizeit führten zu einer Umstrukturierung des Konsumverhaltens (Kleinschmidt 2008, S. 136).

Die Ausbreitung und Entfaltung des Konsums seit den 1950er Jahren erfolgte in Deutschland in vier großen Konsumwellen: Ernährung - Kleidung - Wohnen und Haushaltsgeräte - Freizeitgestaltung und Mobilität. Diese Wellen markieren den Weg in die Massenkonsumgesellschaft. Im Folgenden wird die Entwicklung und Verbreitung der vier Konsumwellen beschrieben und aufgezeigt, wie die gegenwärtige Vielfalt an Konsummöglichkeiten in diesen Bereichen entstanden ist und durch welche Faktoren sie begünstigt wurde.

2.4.1 Ernährung

Essen und Trinken bilden die Grundlage der menschlichen Existenz und haben deshalb schon immer einen hohen Stellenwert im Denken und Handeln der Menschen eingenommen.

In einem langen Prozess entwickelte sich der Lebensmittelkonsum zur heutigen Vielfalt und Reichhaltigkeit im Lebensmittelbereich. Es wird angenommen, dass die Wurzeln der heutigen Ernährungsweise in der Zeit der Industrialisierung begründet sind.

Dabei spielten Faktoren wie die Einkommensentwicklung, der Wechsel von der Selbstversorgung zur Fremdversorgung und neue Lebensmittelgruppen eine Rolle, dass aus der hungerstillenden Nahrungsaufnahme, der Massenkonsum an Lebensmitteln auch aus anderen Beweggründen wie z.B. Langeweile und Frust wurde.

Der Faktor Einkommensentwicklung und die damit verbundene Änderung der Lebensmittelausgaben können als Gradmesser herangezogen werden um den wachsenden Wohlstand der deutschen Bevölkerung zu messen.

Bis zum Wiederaufbau Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg war es vielen Teilen der Bevölkerung nicht möglich über ihre Grundbedürfnisse hinaus zu ´essen´.

Teilweise mussten sie für die Ernährung bzw. Nahrungsmittelerstellung fast ihr ganzes Einkommen aufbringen und Missernten und Hungersnöte gehörten zu ständigen Bedrohungen.

So gaben im Jahr 1800 deutsche Familien bis zu 90 Prozent des Einkommens für Nahrungsmittel aus, ein Jahrhundert später etwa die Hälfte und im Vergleich dazu sind es heutzutage zwischen 10 und 15 Prozent (König 2008, S. 97).

Diese Beobachtungen werden durch das Engel´sche Gesetz bestätigt, dass besagt, dass der Anteil des Einkommens, den ein Privathaushalt für Nahrungsmittel ausgibt mit steigendem Einkommen sinkt.

Weitere Untersuchungen haben gezeigt, dass 1800 10% und 1900 ein Viertel der Bevölkerung über ein ausreichendes Einkommen verfügten um sich einen Konsum von Waren über die Grundbedürfnisse hinaus leisten zu können (Kleinschmidt 2008, S. 41).

Ein weiterer Faktor ist der Wechsel von der Selbstversorgung der Haushalte zur Fremdversorgung durch Lebensmittelindustrie- und Handel. Im Laufe des 20. Jahrhunderts kauften die Menschen bedingt durch gestiegene Einkommen und dem Wandel in der Lebensmittelherstellung nicht mehr beim Erzeuger, sondern in weiterverarbeitenden Betrieben wie Bäckereien und schließlich in großen Kaufhäusern ein (König 2008, S. 105).

Zu den Hauptnahrungsmitteln gehörten bis zum Zweiten Weltkrieg in erster Linie Kartoffeln, Getreide, Brot und Fleisch und bei den Getränken Wasser, Wein, Bier und Milch.

Anhand des gestiegenen Fleischkonsums seit dem 19. Jahrhundert kann ebenso wie beim Einkommen der aufkommende Wohlstand in Deutschland nachvollzogen werden. Dennoch gab es in dieser Hinsicht weiterhin Unterschiede zwischen den Gesellschaftsschichten, da Bratenstücke der oberen Schicht und Nieren oder Därme der unteren Schicht vorbehalten waren (Kleinschmidt 2008, S.41/42).

Im 20. Jahrhundert kam es vor allem in den Nachkriegsphasen des Ersten und Zweiten Weltkriegs vermehrt zu Mangel- und Hungererfahrungen aufgrund von Versorgungsengpässen in der deutschen Bevölkerung.

Der schnelle Wiederaufbau und die Währungsreform 1948 führten zu einem wirtschaftlichen Aufschwung Deutschlands und ermöglichten den Bürgern einen steigenden Lebensmittelkonsum und eine neue Esskultur, die auch als „Fresswelle“ bezeichnet wird.

Kennzeichnend hierfür waren

- Globalisierung der Lebensmittelversorgung durch neue Transportwege
- Vielfältigeres und reichhaltigeres Warenangebot; insbesondere neue Lebensmittelproduktgruppen (z.B. Kellog´s Cornflakes) und Surrogate (z.B. Margarine für Butter)
- neue Zubereitungs- und Verarbeitungstechniken; Industrialisierung und Technisierung der Lebensmittelherstellung, Einsatz von Zusatz- und Konservierungsstoffen, Gentechnik
- Haltbarmachung von Lebensmitteln durch neue Konservierungs- und Kühlmethoden; Einführung von Kühlschränken und Gefriertruhen in Deutschland
- verändertes Ernährungsverhalten; Verzehr von Fast Food und Convenience- Produkten, Kultur des Essens unterwegs
- „die Ubiquität und Omnitemporalität der Nahrungsaufnahme; Essen zu einer Tätigkeit an einem beliebigen Ort und zu einer beliebigen Zeit“ (König 2008, S. 120/121).
- Einführung neuer Markenprodukte; standardisierte und gleich bleibende Qualität, Markenzeichen und aufwendig gestaltete Verpackungen, z.B. Coca-Cola
- vermehrte und zielgruppengerechte Werbung für Lebensmittel (König 2008, S. 96 - 121).

Im Laufe der Massenkonsumentwicklung kristallisierte sich heraus, dass nicht mehr Mangel, sondern Überfluss von Nahrungsmitteln Problem der deutschen Bevölkerung war und bis heute ist.

Das Überangebot von Lebensmitteln, die industrielle Herstellung dieser, der Einsatz von Zusatzstoffen und die unkontrollierte Nahrungsaufnahme führten zu einem Anstieg von ernährungsbedingten Erkrankungen wie Adipositas, Bluthochdruck und Hypercholesterinämie.

Zudem stiegen aufgrund der zunehmenden Lebensmittelverpackungen auch die Müll- und Abfallmengen und erste Lebensmittelskandale traten auf.

Dieser Zustand rief Kritiker des modernen Essverhaltens auf den Plan und in den 1980er Jahren entstand eine „Öko-Bewegung“, in dessen Zuge erste Bioläden öffneten und die Produktion von Bio-Lebensmitteln an Bedeutung gewann. Es entwickelten sich kritische und umweltorientierte Konsumenten, die weg vom Massenkonsum wollen (www.planet- wissen.de).

2.4.2 Bekleidung

Auch die Kleidung gehört zu den menschlichen Grundbedürfnissen, da der Mensch ohne sie nackt ist und sie eine Schutzfunktion inne hat (Kleinschmidt 2008, S. 44).

Bis weit in das 20. Jahrhundert hinein entstand Kleidung vorwiegend in Eigenproduktion und ärmere Menschen besaßen in der Regel zwei Garnituren für den Alltag und eine bessere Garnitur für Sonntags. Die Alltagskleidung wurde einmal in der Woche gewechselt und gewaschen um dem allzu schnellen Verschleiß vorzubeugen.

Hauswirtschaftliche Fähigkeiten wie Schneidern, Ausbessern und Stopfen gehörten zur typischen Mädchenerziehung, damit die hauseigene Herstellung und Reparatur der Bekleidung gewährleistet war.

Im Zuge der Industriellen Revolution kam es zu Differenzierungen in Arbeits- und Freizeitbekleidung, die Kleidung wurde farbenfroher und der Wechsel der Kleidung nahm aus Gründen der Hygiene und Mode zu. Baumwolle, ein ehemaliges Luxusgut, wurde aufgrund verbesserter Transportwege, Maschinisierung und Massenfertigung zu einem beliebten Gewebe für Alltags- und Arbeitsbekleidung breiter Bevölkerungsschichten (Kleinschmidt 2008, S. 45/46).

Die preiswerte Massenproduktion von Kleidung machte es zunehmend schwieriger die unterschiedlichen Schichten anhand ihrer Kleidung auseinander halten zu können (König 2008, S. 122).

Die Besonderheiten des Massenmarktes begünstigten in den USA zuerst die Herrenkonfektion und gegen Ende des 19. Jahrhunderts die Damenkonfektion. In den1870er Jahren wurden erste Konfektionsgrößen festgelegt und in den 1950er Jahren entstand das heute noch gebräuchliche 3-Größen-System (König 2008, S. 126).

Spätestens seit der Zeit nach dem 2. Weltkrieg ist Mode allgegenwärtig und Trends entwickeln sich rasant. Was heute angesagt ist, kann morgen schon aus der Mode sein.

Als ein Beispiel für die rasante Entwicklung von Trends kann hier die Jeans genannt werden. Diese Baumwollhose wurde Ende des 19. Jahrhunderts von Levi Strauss erfunden und entwickelte sich von der Nutzung als Arbeitshose über die ´Blue Jeans´ als Ausdruck des Protests gegen Traditionen bei Jugendlichen in den 1950er Jahren zum Alltagskleidungsstück in der Gegenwart. Man kann sie heute an jedem Tag und zu jedem gesellschaftlichen Anlass tragen, dennoch hat sie im Symbolgehalt eingebüßt, da im Laufe der Zeit viele neue Hosentrends die Kleidermärkte erobert haben (www.wikipedia.de/jeans).

Kunstfasern, wie Nylon und Polyacryl komplementierten die Naturfasern in der Kleidungsherstellung. Aus Nylon hergestellte Waren enthielten eine hohe Elastizität und Scheuerfestigkeit und es wurde ab den 1940er Jahren für die Fertigung von Damenstrümpfen und später Strumpfhosen eingesetzt. Es gab Pullover aus Acryl oder mit einem Acrylanteil und diese waren waschmaschinenfest und formbeständig (König 2008, S. 133).

Auch der Kleidungsstil von Mann und Frau glich sich immer mehr an. Während in Frankreich schon nach der Französischen Revolution einige Frauen Hosen trugen, dauerte es bis in die 1960/70er Jahre bis dies in Deutschland für Frauen und Mädchen zur Selbstverständlichkeit wurde (Kleinschmidt 2008, S. 45).

Heutzutage stehen den Konsumenten eine große Vielfalt an verschiedenen Materialien, Farben, Verarbeitungs- und Veredelungstechniken, Schnitten und Funktionen der Kleidung zur Verfügung.

„Der Rückgang der Kleidungspreise und der gewachsene Wohlstand haben Kleidung zu einem Massenkonsumgut gemacht. Kleidung veraltet in der Regel nicht mehr durch Verschleiß, sondern durch den sich zwar immer unübersichtlicher, aber dennoch stetig vollziehenden Gang der Mode“ (König 2008, S. 135).

Dennoch sind auch heute trotz der Vereinheitlichung und Ähnlichkeit der Kleidung noch oder wieder Distinktionen zwischen den sozialen Schichten erkennbar. Unterschiede in der Qualität der Kleidung, Markenorientierung und erhebliche Preisspannen machen dies deutlich (Kleinschmidt 2008, S. 47).

Kleidung ist zu einem Mittel geworden mit dem man seine Identität unterstreichen und zeigen kann, welchen gesellschaftlichen Status man hat oder gerne hätte. Da sich die Trends schnell ändern, ist dies oftmals mit einem hohen finanziellen Einsatz verbunden und vor allem Frauen sind hinsichtlich dem Kauf neuer Kleidung leicht verführbar.

[...]

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Details

Titel
Begünstigt die Konsumgesellschaft das Entstehen von Kaufsucht? Eine konsumkritische Anschauung
Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen  (Institut für Wirtschaftslehre des Privathaushalts und Familienwissenschaft)
Veranstaltung
Konsummuster privater Lebensformen
Autor
Jahr
2009
Seiten
56
Katalognummer
V312506
ISBN (eBook)
9783668117976
ISBN (Buch)
9783668117983
Dateigröße
1177 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Konsumgesellschaft, Kaufsucht
Arbeit zitieren
Theresa Maas (Autor), 2009, Begünstigt die Konsumgesellschaft das Entstehen von Kaufsucht? Eine konsumkritische Anschauung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/312506

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