Die Informationsgesellschaft nach Manuel Castells. Soziale Beschleunigung und Entschleunigung in Portugal


Hausarbeit, 2015
28 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.Einleitung

2. Die Informationsgesellschaft nach Castells
2.1 Die Konzeption einer Netzwerkgesellschaft
2.1.1 Das Erwachen eines Informationszeitalters
2.1.1.1Industrielle Revolution X Informationstechnologische Revolution
2.1.1.2 Die neuen Informationstechnologien
2.1.1.3 Charakteristika des neuen Informationstechnologischen Paradigmas
2.1.2 Die neue Wirtschaftsform
2.1.2.1 Reestrukturierung des Kapitalismus
2.1.2.2 Das Netzwerk-Unternehmen.
2.1.2.3 Transformation von rbeit und Beschäftigung
2.1.3 Die Kultur der realen Virtualität
2.2 Polarisierung in der Gesellschaft: Soziale Ungleichheit nach Castells
2.2.1 Einführung in die Analyse der sozialen Ungleichheiten
2.2.2 Soziale Ungleichheit in der Informationsgesellschaft
2.2.2.1 Die Nachinsdustrielle Gesellschaft von Daniel Bell
2.2.2.2 Soziale Ungleichheit in der Netzwerkgesellschaft von Maneul Castells

3. Soziale Beschleunigung und soziale Entschleunigung

4. Portugal im Hintergrund der Weltwirtschaftskrise ab 2007/
4.1 Das soziale und wirtschaftliche System Portugals
4.2 Die Europäische Krise aus portugiesischer Perspektive
4.3 Die Auswirkungen auf das soziale und wirtschaftliche System Portugals

5. Ausblick

6. Quellen

1.Einleitung

Es ist unbestritten, dass das Leben im 21.Jahrhundert im Vergleich zu den Jahrhunderten davor an Tempo zugenommen hat. Wir arbeiten anders, wir kommunizieren anders, wir lie- ben anders, wir produzieren anders. Auslöser dieser Transformationen sind zweifellos die Informationstechnologien, die die Gesellschaft gegen Ende des 20.Jahrhunderts revolutio- niert haben. Ihre Bedeutung für die gesellschaftliche Struktur und ihr Ursprung sind uns eini- germaßen unbekannt. Institutionen und Individuen passen sich an diese Veränderungen an, ohne deren Auswirkung für sich oder für die gesamte gesellschaftliche Struktur infrage zu stellen. Anhand des Ansatzes von Manuel Castells über das Informationszeitalter wird dieser Beitrag sich mit diesem Thema beschäftigen. Was passiert mit den gesellschaftlichen Struk- turen im Zeitalter der Information? Wie formieren sich die sozialen Ungleichheiten in diesem neuen Konstrukt? Mit welchen Implikationen müssen die Staaten der Welt rechnen? Diese und weitere Fragestellungen werden hiermit betrachtet. Der Versuch soll hier sein, das Ver- ständnis über diese umfangreiche und komplexe Thematik zu expandieren.

Im ersten Teil der Arbeit wird Castellsˈ Konzept einer Netzwerkgesellschaft ausführlich erläu- tertet. Zunächst skizziert diese Arbeit die Struktur der sozialen Ungleichheit und deren Reichweite in der Informationsgesellschaft. Darüber hinaus werden die Folgen der neuen Strukturierung durch Heranziehung von Hartmut Rosas Gedanken über die soziale Be- schleunigung und Entschleunigung analysiert. Schließlich beschäftigt sich der letzte Ab- schnitt mit den Folgen der Weltwirtschaftskrise ab 2007/8 am Beispiel von Portugal.

2. Die Informationsgesellschaft nach Castells

2.1 Die Konzeption einer Netzwerkgesellschaft

Im ersten Teil seines drei bändigen Mammutwerkes „Das Informationszeitalter“ beschäftigt sich Manuel Castells mit der Entstehung einer neuen Gesellschaftsordnung, die er als Netz- werkgesellschaft bezeichnet. Dabei handelt es sich um ein neues Modell, wo laut Castells „die zentralen Funktionen und Prozesse der Gesellschaft […] in instrumentellen Netzwerken organisiert werden“ (Steinbicker 2001, S. 80). Seine Beobachtungen und Analysen eines Wandels der Gesellschaftsstruktur wurden Ende des 20. Jahrhunderts durchgeführt und be- reits zur Jahrtausendwende ist diese neue Struktur des Ganzen deutlich spürbar. Besonders in dieser neuen Ära ist u.a. eine noch nie da gewesen substanzielle Anstellung von Wissen in allen gesellschaftlichen Prozessen und sozialer Ordnungen, was zur einen enormen Zu- nahme an Informationen geführt hat.

Für die Formierung der informationellen Gesellschaft war nicht nur das Auftreten isolierter Phänomene verantwortlich, sondern das Zusammenwirken verschiedener Faktoren hat den Wandel in Gang gesetzt. Einer von den ausschlaggebenden Bestandteilen für die Entste- hung dieser neuen Ordnung ist die „Informationstechnologische Revolution“. Diese kam erst in Kalifornien in den USA in den 70er Jahren zum Vorschein aber breitete sich in kurzer Zeit über einen beträchtlichen Teil des Globus aus. Dabei handelte es sich u.a. um die Innovatio- nen in den Bereichen der Informationsverarbeitung und der Kommunikation. Sie haben er- möglicht, dass der Informationalismus1 als neue materielle Basis der Gesellschaft gelten konnte (Vgl. Steinbicker 2001,S.81). Die neuen Informationstechnologien waren das Zentrum dieser Revolution, ebenso wie neue Energiequellen den Ausschlag für vergangene Revoluti- onen gegeben haben. (Vgl. Castells 2001, S.33). Gemeinsam mit den Informationstechnolo- gien geht die Restrukturierung des Kapitalismus einher, die durch die Wirtschaftskrise der 70er Jahren ausgelöst wurde. Sie war eine treibende Kraft des Wandels in den gesellschaft- lichen Strukturen. Die Entstehung eines globalen Kapitalismus hat das Ende einer bipolaren Welt Ost/West markiert und für die Verflechtung der nationalen Ökonomien gesorgt. Ein drit- tes Phänomen hat im Zusammenwirken mit den anderen erwähnten Ereignissen die informa- tionelle Gesellschaft begünstigt und das sind das Aufkommen von neuen sozialen Bewegun- gen im Westen, u.a. die Frauenbewegung und die Umweltbewegung. Bevor die Charakteris- tika der Netzwerkgesellschaft detailliert dargestellt werden, wird zunächst eine Aufzählung der Faktoren, die die Neugestaltung der materiellen Basis der Gesellschaft ermöglicht ha- ben, durchgeführt.

2.1.1 Das Erwachen eines Informationszeitalters

2.1.1.1 Industrielle Revolution X Informationstechnologische Revolution

Das Wissen hat schon in früheren Ordnungen eine wichtige Rolle gespielt, aber bei der Informationstechnologischen Revolution unterscheidet sich seine Bedeutung von den vorherigen Revolutionen. Es geht nicht darum Wissen einzusetzen um mehr Produktivität zu schaffen, sondern es geht um den Einsatz von Wissen auf Wissen mit dem Vorhaben neue Technologien in sämtlichen Bereichen zu entwickeln. Castells verdeutlicht in seinem Beitrag die Relevanz von Wissen in der informationellen Gesellschaft:

„Das Charakteristische der gegenwärtigen technologischen Revolution ist nicht die zentrale Bedeutung von Wissen und Information, sondern die Anwendung dieses Wissens und dieser Information zur Erzeugung neuen Wissens und zur Entwicklung von Geräten zur Informationsverarbeitung und zur Kommunikation, wobei es zu einer kumulativen Rückkopplungsspirale zwischen der Innovation und ihrem Einsatz kommt.“ (Castells2001, S.34)

Technologie definiert Castells in Anlehnung an Brooks und Bell als der „Einsatz wissen- schaftlicher Kenntnisse zur Bestimmung von Mittel und Wege, etwas auf wiederholbare Wei- se zu tun“ (Castells 2001, S.31f). Dementsprechend ist eine technologische Revolution kein einmaliges Phänomen in der Geschichte der Menschheit. Auch in anderen Epochen wurden Technologien eingesetzt, die zu einer Revolution in den Produktionsweisen der Gesellschaft geführt haben. Castells zählt in seinem Buch die erste industrielle Revolution Ende des 18. Jahrhunderts als Beispiel auf, darin wurden die handwerklichen Fertigungen allmählich durch Maschinen ersetzt (Vgl. ebd. S.37). Möglich war dies nur, durch die Innovationen im Bereich der Produktionsprozesse, u.a. die Erfindung der Dampfmaschine. Diese Revolution zeigte noch keine wissenschaftliche Basis, jedoch zeigt sie eine „intensive Nutzung von Information sowie der Anwendung und Weiterentwicklung zuvor bestehenden Wissens.“ (ebd., S.34). Die folgende industrielle Revolution kam erst ein Jahrhundert später, nachdem eine neue Ener- giequelle entwickelt wurde, die Elektrizität. Diesmal ist die industrielle Revolution durch die Nutzung der Wissenschaft gekennzeichnet, indem Entwicklungs- und Forschungslabore ent- standen sind (Vgl. ebd., S.34). Ausgangsort der ersten industriellen Revolution war England, jedoch hat sie sich über große Teile Europas verbreitet, aber langsam und hochselektiv. Schon in der zweiten industriellen Revolution bestimmten überwiegend Deutschland und die USA das Szenario neuer Erfindungen in Bereichen der Naturwissenschaft und Kommunika- tion (Vgl. ebd., S.38). Die Lebensbedingungen und das Wirtschaftswachstum haben immens von den neuen Technologien profitiert. „Dies waren wirklich „Revolutionen“ in dem Sinne, dass eine plötzlich auftretende Welle technologischer Anwendungen die Prozesse der Pro- duktion und Distribution veränderte , eine Flut neuer Produkte schuf und in entscheidender Weise die Orte von Reichtum und Macht auf dem Planeten verschob.“ (Castells 2001, S. 37). Die Transformationskapazität der neuen Technologien war deutlich bemerkbar in den Orten der Erfindungen. Diejenigen die in der Lage waren die neuen technologischen Innovationen anzuwenden, haben über Macht und Einfluss verfügt. Hingegen blieb ein wesentlicher Teil des Globus von der industriellen Revolution ausgeschlossen und somit auch von Wohlstand und Macht. Allerdings wird der Gedanke einer polarisierten Welt erst im einen weiteren Ab- schnitt aufgegriffen. Im Gegensatz zu den früheren Revolutionen umfasst die Informations- technologische Revolution nur eine kurze Periode, die aber sämtliche Transformationen für alle gesellschaftlichen Bereiche mit sich brachte. „Unsere materielle Kultur wurde […] trans- formiert.“ (ebd., S.31). Nicht nur die Produktions- und Distributionsweise wurden komplett neu definiert, sondern Wirtschaft, Kultur und Gesellschaft haben eine neue Entwicklungswei- se aufgenommen, und ab diesem Punkt hat sich das informationstechnologische Paradigma etabliert. Ein weiterer Unterschied ist, dass die Informationstechnologien in einer kurzen Zeit Anwender auf der ganzen Welt gefunden haben, während in den vorherigen Revolutionen einen viel größeren Zeitraum für die Ausbreitung benötigt wurde. Jedoch soll das nicht be- deuten, dass alle Regionen und Individuen am System der Informationstechnologien Teil haben.

2.1.1.2 Die neuen Informationstechnologien

Wenn Manuel Castells über Informationstechnologien spricht, meint er die Innovationen im Bereich der Elektronik- und in der Gentechnik. Er fasst drei fundamentale Bereiche der Elekt- ronik zusammen, die Mikroelektronik, Computer (Software und Hardware) und zuletzt den Bereich der Kommunikation. Schließlich hat das 20. Jahrhundert als Szenario großer Innova- tionen in diesen Bereichen gedient. Der wichtigste Fortschritt in der Elektronik ist für Castells die Erfindung des ersten programmierbaren Computers und des Transistors im Jahr 1941, während des Zweiten Weltkriegs. Nach einer Zeit weiterer Entwicklungen im elektronischen Bereich schafften die Informationstechnologien den Durchbruch durch die Erfindung des Mik- roprozessors im Jahr 1971. Bald danach wurde der erste Computer, der Altair hieß, von ei- nem amerikanischen Ingenieur Namens Ed Robert erfunden. Dieser erste Prototyp eines Personal-Computers diente als Stütze für Entwicklungen der Firma Apple (Vgl. Castells 2001, S.46f). Das Modell Apple II eroberte den Markt und initiierte eine Ära der Massenher- stellung des Computers, was aus der in einer Garage gegründeten Firma eines der erfolg- reichsten Unternehmen von Amerika machte. Parallel zu diesen Entwicklungen liefen außer- dem die Erfindungen von Betriebssystemen für Computer. Immer mehr wurde die Mikroelekt- ronik in den Alltag miteinbezogen z.B. in Haushaltgeräte und Autos. Die Computer-Modelle wurden zunehmend ausgereifter und erhielten außer der Möglichkeit Informationen zu spei- chern und zu verarbeiten zusätzlich die Kapazität sich mit anderen Rechnern zu vernetzen und zu interagieren. Entscheidend dafür ist die Entstehung des Internets, was Castells als „das vielleicht revolutionärste technologische Medium des Informationszeitalters“ klassifiziert (Castells 2001, S.49). Das Internet entstand aus dem Wunsch heraus sich vernetzen zu können. Der wesentliche Faktor für dessen Popularität war die Entwicklung des „World Wide Web“, also ein weltweites Netz, das in Frankreich 1990 entwickelt wurde. Dadurch wurde dem User ein vereinfachter Umgang mit dem Internet ermöglicht. Zugleich verfügt die Ent- wicklung der Mikroelektronik über eine zerstörerische Macht, da die Firmen die sich an das neue System nicht angepasst haben, schnell nach der Verbreitung dieser neuen Informati- onstechnologien verschwunden waren. Man sollte also die neuen Informationstechnologien nicht als Hilfsmittel ansehen, „sondern als Prozesse, die entwickelt werden müssen. Anwen- der könnte Entwickler werden.“ (ebd., S.34). Jedoch war für den immensen Fortschritt in der Elektronik keine isolierten Gruppen verantwortlich, sondern ein Netz von Wissenschaftlern und Usern, die auf die bereits entwickelten Technologien neues Wissen und Fortschritte auf- gesattelt haben. Es brachte junge innovative Talente hervor, die das Potential neuer Techno- logien erkannt und darin investiert haben. Dabei darf die entscheidende Rolle des Militärs in den USA bis zum Jahre 1970 nicht unerwähnt bleiben. Das Militär und das Verteidigungsmi- nisterium zeigten seit dem Zweiten Weltkrieg besonderes Interesse an die Forschungen im Bereich der Telekommunikation. Jedoch war die Triebfeder der Innovationen in den Staaten unterschiedlich. Im Allgemeinen lässt sich aber sagen, dass es die Regierungen der nationa- len Staaten und die Wirtschaft diejenigen waren, die ab den 70ern die Parameter für den Durchbruch der Informationstechnologischen Innovationen gesetzt haben (Vgl. ebd., S.73f).

2.1.1.3 Charakteristika des neuen informationstechnologischen Paradigmas

Die Gesellschaft begann sich Ende des 20. Jahrhunderts zu wandeln, und dies in Richtung einer informationellen Gesellschaft. Vor allem gilt die Technologische Revolution der 60er und 70er Jahre als Auslöser dieses Wandels. Innovationen in informationstechnologische Bereiche, die von der Telekommunikationstechnologie bis zur Gentechnologie reichten, haben den Durchbruch geschafft und schließlich interagierten sie sich direkt mit der Gesellschaft und Wirtschaft, was zu einer neuen Strukturierung sozialer Prozesse und Ordnungen geführt hat. Der Informationalismus fasste Fuß: „die Wertschöpfung ebenso wie Machtausübung oder die Erzeugung kultureller Codes wurden zunehmend anhängig von den neuen technischen Möglichkeiten.“ (Steinbicker 2001, S.81). Darin geben die neuen Informationstechnologien den Rahmen für die gesellschaftlichen Ereignisse und das neue informationstechnologische Paradigma wird als neuer Wegweiser propagiert.

Ein Paradigmawechsel passiert laut Castells nur unter bestimmten Umständen. Eine Vo- raussetzung dafür sind u.a. die gewinnbringenden Eigenschaften eines neuen Paradigmas (Vgl. Ebd., S.75). Die Nutzung von Informationen als Rohstoff und die technologischen Ent- wicklungen haben schließlich den Einsatz billiger Energie als Quelle der Produktivität ersetzt. Und das ist ein Charakteristikum des neuen Paradigmas. Informationen stehen im Zentrum und dienen der Schaffung neuer Informationen oder ihrer Bearbeitung. Zusätzlich weist das neue Paradigma eine starke Durchdringungskraft, es gilt nicht nur für einen gesellschaftli- chen Bereich, sondern umfasst die Gesellschaft als Ganzes, da die Informationen zur Ge- sellschaft allgemein gehören (Vgl. Steinbicker 2001, S.84). Darüber hinaus verfügt das aktu- elle Paradigma über eine Netzwerk-Logik. Die zunehmende Komplexität der Interaktion und Entwicklungen werden in Netzwerke organisiert, dies sorgt für Flexibilität und Sichtbarkeit. Die Netzwerklogik ist im diesem Zusammenhang unverzichtbar, „Ohne sie wäre die Vernet- zungslogik zu mühsam zu handhaben“ (Castells 2001, S.76). Im Anschluss daran, ist die Flexibilität unabdingbar. Dennoch im Sinne einer Fähigkeit zur Umstrukturierung von Gestal- tungen: „Prozesse sind reversibel, Organisationen und Institutionen können modifiziert oder tiefgreifend verändert werden“ (Steinbicker 2001, S. 84). Zuletzt werden die Technologien zunehmend mit einander interagieren, was zu einem hochgradigen integrierten System füh- ren wird. Nicht nur die Bereiche der Mikroelektronik und Kommunikation sind verflechtet, sondern allmählich wird laut Castells die Biologie an diesem System teilnehmen, wie im Fall der Forschung bzw. der Dekodierung des menschlichen DNA durch die Anwendung neuer Informationstechnologien.

2.1.2 Die neue Wirtschaftsform

2.1.2.1 Restrukturierung des Kapitalismus

Das Erwachen eines Informationszeitalters und somit die Entstehung einer neuen globalen Ökonomie ist nicht nur dank der neuen technologischen Innovationen möglich, sondern wurde außerdem durch die neue Gestaltung des Kapitalismus ermöglicht. Dies hat eine neue Wirtschaftsform hervorgebracht. Ihr Charakter zeichnet sich durch drei bestimmenden Merkmale aus: informationell, global und vernetzt. „Informationell“ ist die neue Wirtschaftsform, weil die Entwicklungsweise der Unternehmen, Regionen und Staaten mit ihrem Potential zur Informationserzeugung, -Verarbeitung und -Anwendung verbunden ist. Das Merkmal „global“ kommt aus der globalen Organisation der Prozesse und Komponenten der neuen Ökonomie. Demzufolge sind u.a. die Produktion, Management, Rohstoff, Kapital und Märkte auf einer globalen Ebene verbreitet. Möglich ist dies vor allem durch die neuen Kommunikations- und Transporttechnologien. Und zuletzt ist die neue Wirtschaft „vernetzt“, d.h. ihre wirtschaftlichen Akteure organisieren sich in Interaktions-Netzwerke (Vgl. Castells a 2001, S.83). Castells definiert die neue Wirtschaftsform als „eine Wirtschaft, deren Kernkomponenten die institutionelle, organisatorische und technologische Fähigkeit besitzen, als Einheit oder in gewählter Zeit auf globale Ebene zu funktionieren.“ (Castells 2001, S.109).

Die Wurzeln der Restrukturierung des Kapitalismus und somit der Entstehung einer neuen Wirtschaftsform liegen an der wirtschaftlichen Krise der 70er Jahren. Vor allem ist es eine Krise des Staatsmanagement gewesen. Die Regierungen verloren die Fähigkeit die Wirtschaft weiter zu fördern, ohne dass ungewollte Wirkungen, wie zum Beispiel Inflation, hervorgerufen wurden. Castells bezeichnet die Situation als eine Rentabilitätskrise. Nun mussten die Unternehmen selbst handeln um ihre Profitabilität nicht zu verlieren. Kurzfristige Strategien wurden gesucht, u.a. wurde Arbeiterschaft freigesetzt und eine Minderung des Lohns erfolgte. Jedoch die größte Herausforderung lag an der Expansion der Märkte und an der Eroberung neuer Märkte. Was nur durch eine langfristige Planung zu erreichen war (Vgl. Castellsa 2001, S.100f). Die Märkte wurden dereguliert und die neuen Informationstechnologien haben die Bedingung für die Vernetzung der Ökonomien auf einer globalen Ebene geschaffen. Folglich ist eine zunehmende Trennung zwischen den

Kapitalströmen und den nationalen Staaten zu beobachten, indem eine massive Steigerung des Außenhandelns und einen gewaltigen Zuwachs an den Auslandsdirektinvestitionen konstatiert wurden. Dabei haben die Regierungen der nationalen Staaten zwar an Autonomie verloren, aber nicht an Bedeutung. Sie sind an der Entwicklung der wirtschaftlichen Aktivitäten beteiligt. Sie sorgen dafür, dass ihre Wirtschaft bzw. die Unternehmen ihre Wettbewerbsfähigkeit im Zeitalter der Globalisierung beihalten. Die Aufgabenpalette reicht von der Liberalisierung und Deregulierung der Märkte bis zu den Investitionen in Bildung und Technologien.

Die neue Ökonomie ist zwar global, informationell und vernetzt, aber auch selektiv. Sie umfasst den Globus, jedoch werden Regionen und Gruppen von ihr ausgeschlossen. Ihre Hauptakteure befinden sich in der Triade „USA - Europa -Asiatischer-Pazifischer Raum“. Sie weist eine hochgradige Struktur auf, die eine internationale Arbeitsteilung von vier Komponenten enthält. Darin sind die Positionen „high value“, was die informationelle Arbeit angeht, „high volume“ korrespondiert die billigen Arbeitskräfte, dazu sind noch die Zulieferer von Rohstoff und die unwirksamen Fabrikanten (Vgl. Steinbicker 2001, S. 87). Diese Positionen korrespondieren nicht mit einem spezifischen Land, sondern eher mit Regionen. Also Gebiete innerhalb eines entwickelten Landes können davon ausgeschlossen sein, sowie bestimmte Regionen innerhalb eines Kontinentes, wie im Falle in Afrika südlich der Sahara. Aufgrund dieser Tatsache ist die neue globale Wirtschaft gekennzeichnet durch eine grundlegende Asymmetrie, entsprechend der Wettbewerbsfähigkeit, der Integration am System und der Beteiligung am Gewinn.

2.1.2.2 Das Netzwerk-Unternehmen

Die Unternehmen mussten sich an das neue wirtschaftliche Modell und Anforderungen der Märkte anpassen, was Ende des 20. Jahrhunderts zu einer grundlegenden Veränderung an den Unternehmensstrukturen impliziert hat. Die neue Wirtschaft erforderte mehr Flexibilität beim Anblick einer globalisierten, vernetzten Welt, die eine internationale Konkurrenz, tech- nischen Wandel und starker Auf und Ab bei der Nachfrage mit sich brachte. Im Anschluss daran zeigte sich die noch hoch vertikalhierarchisierte patriarchale Unternehmensstruktur und die standardisierte Massenproduktion als nicht adäquates Modell für die äußerst unsi- chereren und unüberschaubaren internationalen Märkte. Zum Beobachten war, dass stan- dardisierte Massenproduktionen allmählich durch neue Tendenzen u.a. durch flexiblere Pro- duktionsmodelle ersetzt wurden. Vor allem hat sich das japanische Modell der „lean-produc- tion“ durchgesetzt. Darin sind u.a. folgende Merkmale zu finden: flache Hierarchien, starke Automation im Produktionsprozess, Bildung von Teams und eine Auslagerung von Kompe- tenzen (Vgl. Steinbicker 2001, S.87f).

[...]


1 Dieser Begriff wird in einem weiteren Abschnitt näher erläutert.

Ende der Leseprobe aus 28 Seiten

Details

Titel
Die Informationsgesellschaft nach Manuel Castells. Soziale Beschleunigung und Entschleunigung in Portugal
Hochschule
Universität Vechta; früher Hochschule Vechta
Note
1,3
Autor
Jahr
2015
Seiten
28
Katalognummer
V312620
ISBN (eBook)
9783668118096
ISBN (Buch)
9783668118102
Dateigröße
1235 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Netzwerkgesellschaft von Manuell Castells, Soziale Beschleunigung und Entschleunigung, Soziale Ungleichheiten
Arbeit zitieren
Jackelinne Gomes de Alvarenga (Autor), 2015, Die Informationsgesellschaft nach Manuel Castells. Soziale Beschleunigung und Entschleunigung in Portugal, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/312620

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