Die Ideen von 1914. Deutsche und britische Gelehrte zu Beginn des Ersten Weltkriegs


Facharbeit (Schule), 2015
29 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1) Die Bedeutung und Notwendigkeit einer intellektuellen Betätigung durch Gelehrte in einem Staat

2) Verhalten und Ideen deutscher und britischer Gelehrter zu Beginn des ersten Weltkriegs
2.1) Deutsche Kriegsunterstützer
2.1.1) Ausgangslage und Aktionen
2.1.2) „Das gewaltigste Erlebnis jenes unvergeßlichen August“ Die „Ideen von 1914“
2.1.2.1) Das friedliebende „Volk in Waffen“ Die positive Bestimmung des deutschen Selbstbilds
2.1.2.2) Cant und Krämerseele – Die negative Selbstbestimmung mittels eines Feindbildes am Beispiel Englands
2.1.2.3) Legitimation des Krieges
2.1.2.4) „Die schmerzliche Aussaat trägt eine köstliche Frucht“ - Kriegsbild
2.2) Britische Kriegsunterstützer
2.2.1) Ausgangslage und Aktionen englischer Kriegsunterstützer
2.2.2) Gutes Deutschland, böses Deutschland - Die Zwei-Deutschland-Theorie
2.2.3) „Peacefulness of being at war“ - Das britische Selbstbild

3) Wissen und Einfluss der Akademiker als Maxime zu kritischem Denken

4) Anhang
4.1) „Europa brennt!“ – Pazifisten in Deutschland
4.2) „This war is trivial, for all its vastness“- Der Pazifist Bertrand Russell
4.3) Zeitleiste von Eingaben und Veröffentlichungen deutscher und britischer Akademiker 1914

5) Bibliographie
5.1) Primärquellen
5.2) Sekundärquellen

1) Die Bedeutung und Notwendigkeit einer intellektuellen Betätigung durch Gelehrte in einem Staat

Das Wort „Intellektueller“ leitet sich von dem lateinischen Verb „intellegere“ ab, was so viel wie „verstehen“ bedeutet. Im heutigen Sprachgebrauch manifestiert sich dies nach wie vor, von Intellektuellen spricht man bei Autoren, Künstlern und „Denkern“ aller Art, die Einblick und Verständnis in bestimmte Themenbereiche haben oder zumindest den Anspruch darauf stellen und sich zu diesen kritisch äußern. Also beschränkt sich die Befähigung zur intellektuellen Betätigung nicht nur auf eine bestimmte Berufsgruppe, da das wesentliche Moment eines Intellektuellen eine Kritik1 aktueller gesellschaftlicher oder politischer Konstellationen ist. Somit kann sich theoretisch jeder Mensch in einem Staat „intellektuell“ betätigen. Nun ist eine Reflexion von politischen Entscheidungen ein notwendiger Schritt in den nationalen Diskursen, die zur Optimierung von politischen Entscheidungen dienen. In der folgenden Arbeit soll nun die Frage nach einer intellektuell-politischen Betätigung durch Professoren und Gelehrte Deutschlands und Englands angesichts des als „Urkatastrophe“ titulierten Kriegsausbruchs im Europa des Jahres 1914 gestellt werden. Gerade auf Professoren der Geisteswissenschaften, die nicht in den Krieg zogen, sondern an der „Heimatfront“ blieben, soll ein besonderes Augenmerk liegen, da sie einerseits als Forscher über Einblicke und Kontexte – etwa als Historiker oder Politikwissenschaftler – verfügten und somit laufende politische Veränderungen, wie den Kriegsausbruch unter Berücksichtigung seines Hergangs, besonders kompetent kritisieren und andererseits als Lehrende ihre Erkenntnisse mit Studenten und allen interessierten Bürgern teilen konnten. Daher soll nun im Folgenden geklärt werden inwiefern deutsche und britische Professoren und Gelehrte zu Beginn des ersten Weltkriegs in Erscheinung traten. Danach sollen gemeinsame, sich wiederholende Topoi ihrer Argumentationen, gegenseitiger Darstellungen und Ideen angesichts der abzeichnenden „Urkatastrophe“ beleuchtet werden.

2) Verhalten und Ideen deutscher und britischer Gelehrter zu Beginn des ersten Weltkriegs

2.1) Deutsche Kriegsunterstützer

2.1.1) Ausgangslage und Aktionen

Zunächst bleibt zu klären, welches Verhalten die akademische Elite Deutschlands zu Beginn des Krieges an den Tag legte. Als Gemengelage der akademischen Weltöffentlichkeit steht vor allem ein intensiver internationaler Austausch zwischen Universitäten, deutsche Universitäten wurden etwa von Studenten aus ganz Europa häufig besucht. Dies war auch auf den außerordentlich guten Ruf der deutscher Wissenschaft und des deutschen Universitätssystems zurückzuführen2, so wurden von den 49 Nobelpreisen, die bis 1914 verliehen wurden, 14 an Wissenschaftler und Schriftsteller deutscher Staatsangehörigkeit vergeben. 1914 lehrten noch 33 Deutsche in Oxford, dem Kaiser Wilhelm II. selbst wurde 1907 die Ehrendoktorwürde in Oxford verliehen, womit er zu der Mehrheit der deutschen Ehrendoktoren an dieser Universität zählte3. Dementsprechend globalisiert war die akademische Welt bereits um 1914, es gab Austauschprogramme für Professoren und auf Kongressen fand ein reger Austausch statt, sodass zusammenfassend festgehalten werden kann, dass „im Zeitalter des Imperialismus […] die internationale Gelehrtenvernetzung das verbindende Element“4 war.

Bei Kriegsausbruch fühlten sich die nicht eingezogenen Professoren der Geisteswissenschaften5 nun „dazu aufgerufen, die Kriegsanstrengung der Nation mit geistigen Waffen zu unterstützen, der deutschen Kriegspolitik eine zusätzliche moralische Legitimation zu verschaffen“6 ; sie widmeten sich also dem „Kriegsdienst an der Feder“7. Das politische Engagement der Professoren ging auf den Vormärz zurück, wobei sich nach der Reichsgründung 1871 die deutsche akademische Gemeinschaft vorwiegend als „Legitimationssystem des Bestehenden“8 „völlig in das Gefüge des 2. Reichs integriert“9 hatte. Dieses eher sekundär von eigenen Ideen geprägte Engagement ist vermutlich darauf zurückzuführen, dass die Einigung des deutscher Gebiete in ein deutsches Reich nicht aufgrund der bürgerlichen Revolution 1848, sondern durch den Erfolg des Militärs 1870/71 gelang. Daraus entsprang der Militarismus des deutschen Reiches, dem sich auch die Professorengemeinschaft beugte und es von da an zu festigen und zu stützen suchte, Fritz Ringer etablierte für dieses Verhalten den Ausdruck der „german mandarins“10. Dennoch schafften sich Akademiker im Bild öffentlicher Wahrnehmung einen Platz und wurden zunehmend „politische Mentoren ihres Volkes“11. Diese Berufung nahmen Gelehrte nun selbstständig wahr, zentrales Medium war hier die Kriegsrede, zumeist in Universitäten und an öffentlichen Plätzen gehalten, wo ein großer Andrang zu verzeichnen war. Der 68-jährige Rudolf Eucken12 etwa, der es als Aufgabe der Intellektuellen sah, „die weiteren Kreise des Volkes ermutigend zu stärken und zu beleben“13, hielt nach eigenen Angaben im ersten Kriegsjahr „etwa 36 Vorträge an verschiedenen Orten“14, was zwei Reden pro Woche entsprach, „vor teilweise mehreren tausend Zuhörern“15. Eine der bekanntesten Sammlung von Reden sind die „Deutsche Reden in schwerer Zeit“16, eine Reihe von Vorlesungen und Reden, die 1914 an Berliner Universitäten gehalten wurde. Sämtliche Reden wurden später als Broschüren und Flugschriften verteilt, um 1914 stieg die Zahl der „Kriegsschriften, vaterländische Kundgebungen, Ringvorlesungen oder Grußbotschaften an die Studenten im Felde“ deutscher Akademiker enorm an.

Dies wollten sich auch die deutschen Befehlshaber zu Nutzen machen, um durch die öffentlichkeitswirksamen, weltbekannten und geschätzten Persönlichkeiten ein positives Bild von Deutschland zu zeichnen. Die Verletzung der belgischen Neutralität, sowie über angebliche deutsche Gräueltaten des deutschen Militärs an der belgischen Zivilbevölkerung, sowie das „Strafgericht über Löwen“ rief eine negative Berichterstattung über Deutschland hervor und lieferte „die eigentliche Initialzündung für die polemische Konfrontation der Gelehrten“17. Denn ihre Überparteilichkeit sowie „ihr Streben nach Objektivität im wissenschaftlichen Bereich galt als Garantie für eine weitgehende Objektivität in der Beurteilung politischer Fragen.“18

Dieser entgegenzuwirken und sich gegen sie zu verteidigen war, in der damaligen Ermangelung einer eigens für Propaganda zuständigen Institution, Aufgabe des „Nachrichtenbureaus des Reichsmarineamtes“. Die Möglichkeiten einer Gegenpropaganda wurden aber auch noch durch das Kappen des Überseekabels durch Großbritannien fast unmöglich gemacht19. Eine der letzten Möglichkeiten, die Weltöffentlichkeit, beziehungsweise vor allem die neutralen USA zu erreichen und – den Ententemächten gleich – eine Rechtfertigung des Krieges durch jeweilige kulturelle Werte zu erreichen und so nicht „die Deutungshoheit über den Krieg zu verlieren“20, war über die internationale Plattform der Gelehrten, aufgrund ihrer polylateralen Beziehungen. Doch auch im Inneren des Reiches sollte Zusammenhalt gewährleistet werden, wozu sich auch die Professorenschaft selbst als „politische Mentoren“ ihres Volkes berufen sah.

Deshalb begann im Reichsmarineamt die Arbeit an einer Reaktion auf die, teilweise von der Feindpropaganda gezielt gesteuerte, Kritik aus dem Ausland unter der Leitung der Schriftsteller Ludwig Fulda und Hermann Sudermann, welche den Text verfassten und anschließend ein Telegramm an führende Köpfe der deutschen Kulturwelt unterschrieben, in dem „die Angesprochenen […] aufgefordert wurden, sich einem Protest gegen die Verleumdung Deutschlands anzuschließen“21. Das Reichsmarineamt wurde somit als Initiator verschwiegen, wie auch der wortwörtliche Inhalt des „Protests“. Dennoch unterschrieben letztendlich mit Fulda und Sudermann 93 weitere Schriftsteller und Gelehrte, unter ihnen namhafte Professoren verschiedener Fächer, wie Rudolf Eucken, Ernst Troeltsch, Ulrich Wilamowitz-Moellendorff22, Ernst Roentgen oder Max Planck, obwohl vielen von ihnen der Inhalt nicht bekannt war23. Der Text erschien unter dem Titel „Aufruf an die Kulturwelt!“ zwischen dem 1. und dem 5. Oktober 1914 in verschiedenen in- und ausländischen Zeitungen Sein Inhalt umfasst größtenteils die Verneinung und Widerlegung der „Lügen und Verleumdungen“24 der Feinde Deutschlands. Durch ein sechsmaliges apodiktisches „Es ist nicht wahr“ in Bezug auf die Kriegsschuld Deutschlands, die Verletzung der Neutralität Belgiens, Gräueltaten deutscher Soldaten an der belgischen Zivilbevölkerung die Zerstörung Löwens, die Völkerrechtswidrigkeit deutscher Kriegsführung, sowie die Zwei-Deutschland-Theorie (dieser Punkt wird unten noch geklärt) werden diese Anschuldigungen, wohlgemerkt ohne empirische Gegenbeweise, verneint. Dieser Reaktionscharakter des Manifests zeigt deutlich, dass die Rolle der Intellektuellen in Deutschland zunächst eine defensive, nur auf den Feind reagierende war. So entstand der „Aufruf Bonner Historiker“ aus Enttäuschung über den Kriegseintritt Großbritanniens, dem „Manifest der 93“ war die Veröffentlichung des Artikels „Britain's Destiny and Duty. Declaration by Authors. A Righteous War“ britischer Autoren in den englischen „Times“ sowie den amerikanischen „New York Times“, in der diese den Kriegseintritt Englands als Reaktion auf die Grausamkeit des deutsch-preußischen Militarismus durch den Überfall auf Belgien darstellten.

Nach Veröffentlichung des „Manifests“ begann ein akademischer Kampf, in dem immer wieder Professoren deutscher, englischer und französischer Universitäten gegen die Darstellungen der anderen Parteien ihre eigene, für das jeweilige Land positive, Sichtweise zu etablieren versuchten. Der Versuch von deutscher Seite, mit derartigen Kundgebungen die Weltöffentlichkeit zu erreichen schlug jedoch fehl, die Publikationen fanden international kaum Beachtung. Neben dem auch als „Manifest der 93“ bekannt gewordenen Aufruf gab es weitere von mehreren Gelehrten unterzeichnete Kundgebungen, etwa den „Aufruf Bonner Historiker“ am 1. September 1914, als Höhepunkt sei ferner die von Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff verfasste „Erklärung der Hochschullehrer des Deutschen Reiches“ genannt die von 3016 Hochschullehrern unterzeichnet wurde25, was einem Anteil von etwa 80% an allen Hochschullehrern entspricht26. Zu dieser großen Unterstützung äußert der Historiker Stefan Meineke, dass „der Zusammenbruch des eigenen nationalen Selbstbildes vollständig gewesen wäre, wenn nach dem Bekanntwerden des völkerrechtswidrigen Vorgehens der deutschen Truppen auch noch die Überzeugung preisgegeben worden wäre, die eigene Kriegsführung sei nicht durch eine höhere Notwendigkeit zu solchen verwerflichen Maßnahmen gezwungen worden.“ Deshalb „lag in der kollektiven Abwehrreaktion der deutschen Gelehrten wohl ein hohes Maß an Zwangsläufigkeit.“27

Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass die überwältigende Mehrheit der außerordentlich stark mobilisierten Akademikerschaft28, ihre Aufgabe darin sah, sowohl für die nationale als auch die internationale Öffentlichkeit zu erarbeiten und hervorzuheben, „worum eigentlich gekämpft wird“29, also aktiv als Intellektuelle in Erscheinung traten, wobei sich für Müller diese Verlagerung des Fronterlebnisses auf den eigenen Schreibtisch und die geistige Intervention als „eine Art geistiger Ersatzbefriedigung“30

2.1.2) „Das gewaltigste Erlebnis jenes unvergeßlichen August“ - Die „Ideen von 1914“

Diese Gedanken der Professoren und Schriftsteller sind als die „Ideen von 1914“ in die Geschichte eingegangen. Angestoßen vom „Geist von 1914“, also einer Mobilmachungseuphorie in Verbindung mit neuen Zukunftsvisionen, entstanden neue Ordnungsideen für die Zukunft, angesichts der neuen Einigung, die der Kriegsausbruch nötig machte. Ernst Troeltsch31 beschrieb diesen Geist folgendermaßen: „Unter diesem ungeheueren Druck schmolz das deutsche Leben zu jener unbeschreiblichen herrlichen Einheit des Opfers, der Brüderlichkeit, des Glaubens und der Siegesgewissheit zusammen, die das gewaltigste Erlebnis jenes unvergeßlichen [sic!] August war und es noch bis heute ist.“32 Mit Blick auf den Krieg folgert Rudolf Eucken in seiner Rede „Die sittlichen Kräfte des Krieges“, dass die Zwänge und Nöte des Krieges in allen Deutschen die „sittlichen Kräfte“ zur Einigung wecken und dadurch eine dauerhafte Gemeinschaft entsteht33 Da der Krieg ein Kampf „eines ganzen Volkes für seine Selbsterhaltung und für die Wahrung seiner heiligsten Güter“34 sei wird „jeder […] aufgerufen, das Heil des ganzen als seine einzige Aufgabe zu begreifen, daran seine ganze Kraft, ganze Seele, sein Leben zu setzen, unbekümmert darum, was aus ihm in seiner Besonderheit wird.“35 Johann Plenge36 sah ganz in diesem Geiste die „Ideen von 1914“ in der „Realisierung der Ideen eines nationalen Sozialismus“37 Der Historiker Steffen Bruendel folgert nun, dass „der „Geist von 1914“ […] die retrospektive Beschreibung einer bestimmten, gemeinschaftsorientierten emotionalen Grundhaltung [sei] – die „Ideen“ aber symbolisierten die zukunftsgerichtete Umsetzung des Geistes in ein politisches Reformprogramm, das es noch zu entwerfen galt.“38 Den Krieg deutete Plenge nun als den „Konflikt der neuen deutschen Idee des Staatssozialismus“, den „Ideen von 1914“ „und der Organisation mit den alten liberalen Ideen der französischen Revolution“39, den „Ideen von 1789“. Wesentlich war also das Erlebnis einer Einigung des deutschen Volkes, aus der die Aussicht auf eine neue, dauerhafte Volksgemeinschaft ermöglicht wurde. Eine wirklich konsistente Vorstellung von diesen Ideen bestand aber offensichtlich nicht, der bekannte deutsche Soziologe Max Weber spottete bereits 1916: „Geistreichen Personen haben sich zusammengetan und die „Ideen von 1914“ erfunden, aber niemand weiß, welches der Inhalt dieser „Ideen“ war“40. Dennoch soll im Folgenden durch eine Betrachtung des Selbstbildes, des Feindbildes und des Kriegsbildes genauer eingegrenzt werden, was diese Ideen genau beinhalteten.

2.1.2.1) Das friedliebende „Volk in Waffen“ - Die positive Bestimmung des deutschen Selbstbilds

Von großer Wichtigkeit ist die Betrachtung des Deutschlandbildes, das bei dieser Argumentation vorherrschte, denn ein geeintes Selbstbild war notwendig zur inneren Stabilität, vor allem in Form einer dadurch ermöglichten bewussten Abgrenzung vom Feind41. Einige gemeinsame Topoi sollen daher im Folgenden aufgezeigt werden, wobei dabei Programmatischer Leitgedanke Adolf Lassons42 Satz ist: „Der Deutsche ist von vornherein auf den Idealismus angelegt, sein Handeln wie sein Denken trägt eben diesen Stempel.“43 44

Wesentlich in den Reden und Kundgebungen der Gelehrten ist eine Verallgemeinerung in Bezug auf die in Deutschland lebenden Menschen, die in fast allen Reden und Manifestationen zum Ausdruck kommt: Es wird nicht zwischen Individuen in Deutschland unterschieden, sondern das ganze deutsche Volk steht als organische Einheit, als Volksgemeinschaft. Ihre Entscheidungen und Kundgebungen seien also freiwillig und einstimmig, geeint durch die Ausrufung des Burgfriedens45 durch den Kaiser46, der durch den Kriegsausbruch, wie oben erwähnt, nötig geworden war. Auch Professoren verwendeten zu Kriegsbeginn vermehrt die inkludierende, einen Eindruck von Einheit und Zugehörigkeit stiftende Anrede „Volksgenossen“. Diese Einigkeit und Geschlossenheit wird vor allem mit Tugenden begründet, die Deutschland angeblich charakteristisch prägen: „die starke Monarchie, die strenge Zucht, die Zähigkeit der altpreußischen Tradition, den starken Staat, die Volkstümlichkeit der Staats- und Rechtsordnung, ferner preußische Zucht, preußischer Drill, straffe Organisation, deutsche Mannes- und Staatszucht.“47

Ein weiteres, oft angeführtes Moment ist „die Tiefe der deutschen Seele“ und die „deutsche Innerlichkeit“, die nicht auf den blanken Materialismus ausgerichtet ist48: Durch eben diese „Innerlichkeit“ geschähen etwa sämtlichen Arbeiten, die das deutsche Volk vollbringe nicht von extrinsischen Motivatoren angestoßen, sondern „um der Sache willen“49 50. So auch der Kampf im Krieg: Das deutsche Heer sei „kein Söldnerheer“51, sondern „von den besten Söhnen des Landes geführt“52. Denn das deutsche Volk sei ein „Volk in Waffen“, was ebenfalls ein begrifflicher Rückgriff auf die Befreiungskriege war. Trotz eines kriegerischen Charakters sei das deutsche Volk aber stets friedliebend53.

[...]


1 Neutrale Bedeutung aus dem Griechischen, also „beurteilen“

2 Vgl. Piper, E.: Nacht über Europa: S. 221

3 Vgl. Hoeres, P.: Krieg der Philosophen: S. 99

4 Meyer-Rewarts, U.G.; Stöckmann, H.: „Das „Manifest der 93“ – Ausdruck oder Negation der Zivilgesellschaft?“, in: Klatt, J. (Hg.): Manifeste, Geschichte und Gegenwart des politischen Appells: S. 121

5 Ihre Kollegen im Bereich der Naturwissenschaften, die hier nicht Gegenstand sein sollen, widmeten sich derweil größtenteils der Kriegsforschung

6 Meyer-Rewarts, U.G.; Stöckmann, H.: „Das „Manifest der 93“ – Ausdruck oder Negation der Zivilgesellschaft?“, in: Klatt, J. (Hg.): Manifeste, Geschichte und Gegenwart des politischen Appells: S. 125

7 Wendung durch den Altphilologen Theodor Birt eingeführt (Vgl. Bruendel, Steffen: Volksgemeinschaft oder Volksstaat: S. 58)

8 Böhme, K.; Wunderer, H.: Aufrufe und Reden deutscher Professoren im Ersten Weltkrieg: S. 4

9 Böhme, K.; Wunderer, H.: Aufrufe und Reden deutscher Professoren im Ersten Weltkrieg: S. 6, zitiert: H. P: Bleuel: Deutschlands Bekenner. Professoren zwischen Kaiserreich und Diktatur: S. 6

10 Vgl. Meyer-Rewarts, U.G.; Stöckmann, H.: „Das „Manifest der 93“ – Ausdruck oder Negation der Zivilgesellschaft?“, in: Klatt, J. (Hg.): Manifeste, Geschichte und Gegenwart des politischen Appells: S. 125, zitiert: Ringer, Fritz K.: The decline oft he German mandarins. The German academic community 1890-1933, Harvard 1969

11 Böhme, K.; Wunderer, H.: Aufrufe und Reden deutscher Professoren im Ersten Weltkrieg: S. 4

12 Professor für Philosophie an der Universität Jena, 1874-1920, ist ein gutes Beispiel für die Bekanntheit und Beliebtheit deutscher Professoren im Ausland, in den USA bildete sich nach der Literaturnobelpreisverleihung an Eucken 1908 etwa eine „Eucken Association“ oder der „Eucken Club“, 1912 war Eucken als Austauschprofessor in Harvard tätig, seine Werke wurden in sämtliche Sprachen übersetzt (in der französischen Version mit einem Vorwort des späteren extremen Deutschlandkritikers Henri Bergson), wodurch er in Schweden, Ungarn und sogar in China bekannt wurde. (Vgl. Hoeres, Peter: Krieg der Philosophen: S. 214)

13 Hoeres, P.: Krieg der Philosophen: S. 216, zitiert: Eucken, R.: Lebenserinnerungen. Ein Stück deutschen Lebens, Leipzig, 1922, S. 99

14 Bruendel, S.: Volksgemeinschaft oder Volksstaat: S. 37

15 Hoeres, Peter: Krieg der Philosophen: S. 216

16 Der Titel dieser Reihe von Vorlesungen und Reden lehnt sich an die 1808, also während der Befreiungskriege, gehaltenen „Reden an die deutsche Nation“ des Philosophen und Begründers des deutschen Idealismus Johann Gottlieb Fichtes, die als die deutsch-nationalen Reden par excellence galten. Dazu der Philosoph Alois Riehl am 23. Oktober 1914: „Der Geist, der die Befreiungskriege führte“, sei „wieder lebendig geworden“. (Riehl, A.: 1813: S. 194 f.)

17 Hoeres, P.: Krieg der Philosophen: S. 123

18 Böhme, K.; Wunderer, H.: Aufrufe und Reden deutscher Professoren im Ersten Weltkrieg: S. 5

19 Vgl. Vom Bruch, R.: Geistige Kriegspropaganda: S. 1.

20 Meyer-Rewarts, U.G.; Stöckmann, H.: „Das „Manifest der 93“ – Ausdruck oder Negation der Zivilgesellschaft?“, in: Klatt, J. (Hg.): Manifeste, Geschichte und Gegenwart des politischen Appells: S. 113

21 Piper, E.: Nacht über Europa: S. 221

22 Professor für Altphilologie an der Universität Berlin

23 Unter den Unterzeichnern fanden sich außerdem die vier Liternaturnobelpreisträger Deutschlands Theodor Mommsen, Rudolf Eucken, Paul Heyse und Gerhart Hauptmann

24 Böhme, K.; Wunderer, H.: Aufrufe und Reden deutscher Professoren im Ersten Weltkrieg: S. 47

25 Vgl. Böhme, K.; Wunderer, H.: Aufrufe und Reden deutscher Professoren im Ersten Weltkrieg: S. 13

26 Vgl. Piper, E.: Nacht über Europa: S. 222

27 Stefan Meineke: Friedrich Meinecke und der „Krieg der Geister“, in: Mommsen, Wolfgang J. . Wissenschaftliches Kolloquium: Kultur und Krieg, Die Rolle der Intellektuellen, Künstler und Schriftsteller im Ersten Weltkrieg: S. 109

28 Vgl. Piper, K.: Nacht über Europa: S. 222

29 Böhme, K.; Wunderer, H.: Aufrufe und Reden deutscher Professoren im Ersten Weltkrieg: S. 12, zitiert: Natorp, P.: Deutscher Weltberuf. Band 2. 1918: S. 36

30 Müller, S.: Die Nation als Waffe und Vorstellung: S. 85

31 Evangelischer Theologe, Philosoph, Historiker, 1894-1914 Professor für systematische Theologie an der Universität Heidelberg

32 Verhey, J.: Der „Geist von 1914“ und die Erfindung der Volksgemeinschaft: S. 218, zitiert: Troeltsch, E.: Der Kulturkrieg: S. 25 f.

33 Vgl. Eucken, R.: Die sittlichen Kräfte des Krieges: S. 7

34 Eucken, R.: Die sittlichen Kräfte des Krieges: S. 3

35 Eucken, R.: Die sittlichen Kräfte des Krieges: S. 4

36 Volkswirt, Soziologe, 1913-1935 Professor für Wirtschaftliche Staatswissenschaften

37 Verhey, J.: Der „Geist von 1914“ und die Erfindung der Volksgemeinschaft: S. 221

38 Bruendel, S.: Volksgemeinschaft oder Volksstaat: S. 71

39 Flasch, K.: Die geistige Mobilmachung: S. 153

40 Müller, S.: Die Nation als Waffe und Vorstellung: S. 86, zitiert: Weber, M.: Politik: S. 660

41 Vgl.: Bruendel, Steffen: Volksgemeinschaft oder Volksstaat, Die "Ideen von 1914" und die Neuordnung Deutschlands im Ersten Weltkrieg: S.90

42 Zu Beginn des Krieges bereits emeritierter Professor für Philosophie

43 Lasson, A.: Deutsche Art und deutsche Bildung. Rede am 25. September 1914: S. 20 f.

44 Dies bedeutet, dass der Deutsche fähig ist, auch Entitäten nichtmaterieller Art anzuerkennen und anzustreben, wie in diesem Fall etwa Einigkeit.

45 „Burgfrieden“ meint die zeitweilige Niederlegung innenpolitischer und gesellschaftlicher Konflikte im Kaiserreich während des ersten Weltkrieges. (Definition durch: Meyer-Rewarts, U.G.; Stöckmann, H.: „Das „Manifest der 93“ – Ausdruck oder Negation der Zivilgesellschaft?“: S. 114)

46 Dabei stammte auch die Rede Kaiser Wilhelms II. mitsamt ihrem bekannten, programmatischen Satz „Ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur noch Deutsche“ von dem Berliner Theologieprofessor Axel von Harnack. (Vgl. Bruendel, S.: Volksgemeinschaft oder Volksstaat: S. 68)

47 Flasch, K.: Die geistige Mobilmachung: S. 91

48 Vgl. Fries, H.: Die große Katharsis: S. 192

49 Flasch, K.: Die geistige Mobilmachung: S. 91 f., zitiert: Lasson, A.: „Deutsche Reden“: S. 133

50 Beachtenswert hier die geistige Nähe zu der später sich noch entwickelnden nationalsozialistischen Ideologie, die die Arier ebenfalls von den Nichtariern, bzw. Juden durch ihr Verhältnis zur Arbeit bestimmten

51, Kellermann, H.: Der Krieg der Geister. Eine Auslese deutscher und ausländischer Stimmen zum Weltkrieg S. 86-88, zitiert: Kundgebung deutscher Universitäten

52, Kellermann, H.: Der Krieg der Geister. Eine Auslese deutscher und ausländischer Stimmen zum Weltkrieg: S. 86-88, zitiert: Kundgebung deutscher Universitäten

53 Vgl. Bruendel, S.: Volksgemeinschaft oder Volksstaat: S. 73

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Details

Titel
Die Ideen von 1914. Deutsche und britische Gelehrte zu Beginn des Ersten Weltkriegs
Autor
Jahr
2015
Seiten
29
Katalognummer
V312980
ISBN (eBook)
9783668117013
ISBN (Buch)
9783668117020
Dateigröße
599 KB
Sprache
Deutsch
Reihe
Aus der Reihe: e-fellows.net schüler-wissen
Schlagworte
ideen, deutsche, gelehrte, beginn, ersten, weltkriegs
Arbeit zitieren
Leopold Lampelsdorfer (Autor), 2015, Die Ideen von 1914. Deutsche und britische Gelehrte zu Beginn des Ersten Weltkriegs, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/312980

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