Römische Elegien. Analysen zu Goethes Italienischer Reise


Wissenschaftlicher Aufsatz, 2015
45 Seiten

Leseprobe

Goethes Italienische Reise, Rom[1]

»Römische Elegien«

Inhalt

I. Einleitung ... 2

II. Die zwanzig offiziell in den Horen veröffentlichten Elegien ... 10

I. Elegie ... 10
II. Elegie ... 11
III. Elegie ... 12
IV. Elegie ... 13
V. Elegie ... 15
VI. Elegie ... 16
VII. Elegie ... 17
VIII. Elegie ... 19
IX. Elegie ... 20
X. Elegie ... 20
XI. Elegie ... 20
XII. Elegie ... 21
XIII. Elegie ... 23
XIV. Elegie ... 25
XV. Elegie ... 25
XVI. Elegie ... 28
XVII. Elegie ... 28
XVIII. Elegie ... 28
XIX. Elegie ... 29
XX. Elegie ... 32

Literatur zu den Elegien ... 35

Weitere notwendige Begriffserläuterungen zum Verständnis der Elegien ... 37

I. Einleitung

„Inspiriert von der antiken römischen Liebeselegie (Catull, Tibull, Properz und Ovid) greift Goethe in seinem ersten Gedichtzyklus »Römische Elegien« (1788/90) deren Form, Motive der Mythologie und Tonfall auf, um sowohl sein eigenes Rom-Erlebnis als auch die frisch aufkeimende Liebe zu der von der Weimarer Gesellschaft verachteten Christiane Vulpius[2] dichterisch so zu verarbeiten, daß Tradition und Innovation, Form und Erleben miteinander verschmelzen.

Die »Römische Elegien« sind ein Zeugnis der persönlichen ‚Befreiung’ Goethes aus der Enge deutscher Verhältnisse. Wie schon im palindromischen Wortspiel »Roma – Amor« angedeutet, spiegeln die Elegien Goethes Erfahrungen sowohl der Antike als auch des römischen Volkslebens, des befreienden mediterranen Lebensstils voll Genuß und sinnlicher Erfüllung wider. So ist es nicht der Liebesschmerz, sondern der Abschiedsschmerz von Rom, der Goethe tiefe Trauer bereitet. Während Friedrich Schiller das Werk aufs Höchste lobt und in seinen »Horen« (gegen viel Widerstand und Umwandlung von „Erotica Romana“ Goethes in „Römische Elegien“, Anm.) publiziert, löst die Freizügigkeit der »Erotica Romana« bei den Zeitgenossen jedoch einen veritablen Skandal aus. Seit Goethes klassischem Werk »Die italienische Reise« (1786) datiert das Ideal der modernen Bildungsreise. Denn Goethes Italienerlebnis vereinigt beide Strömungen, die Liebe zur Natur und zur antiken Kunst. Goethe überhöht sie jedoch im Credo der großen Persönlichkeit, die sich am Reiseerlebnis bilden und – frei von den Zwängen des Berufslebens – die angeborenen Anlagen entfalten und entwickeln will. Also eine Bildungsreise, die nicht bloß dem Kennenlernen historischer und künstlerischer Sehenswürdigkeiten, sondern vor allem der Selbstbildung, der Kultivierung der Persönlichkeit des Reisenden zugutekommt. Das heißt, er differenzierte die klassische enzyklopädische Italienreise zur individuelleren sensualistischen Italienreise. Und gab den normativ kritischen Blick der Aufklärer auf, um ein ästhetisiertes Italienbild zu schaffen. Winckelmanns und Rousseaus gegenständliche Wahrnehmung, also der alleinige Erwerb und die Verarbeitung von Fakten und Wissen, erscheint nun durch eine innengeleitete Zweckbestimmung ergänzt und vertieft. Natur- und Kunststudium dienen Goethe der Persönlichkeitsbildung, der Vervollkommnung des Ichs. In der Hoffnung, seine Weimarer Konflikte im Süden überwinden zu können und hier die harmonische Übereinstimmung von Kunst und Leben in Italien zu finden, entflieht er den Zwängen der Heimat. Das Schlagwort von der »geistigen Wiedergeburt« durchzieht seitdem zahlreiche Reiseberichte, Briefe und Tagebuchaufzeichnungen deutscher Italienfahrer.“[3]

Ergänzende Betrachtung nach dem Besuch des Literatursommers 2012 vom 11.-15. Juni 2012 auf dem Campus der Fernuniversität Hagen mit dem Schwerpunktthema „Klassiker lesen“, wo unter anderen auch dieses Werk zur Diskussion stand, fasse ich in nachfolgender Notiz zusammen:

Römische Elegien: Die Ausbeute Goethes Italienischer Reise 1786-1788, bezeichne ich mal als Beginn der Weimarer Klassik: zeitlos gültig, vorbildhaft, humanistisch, schöpferisch orientiert an antiken Stil- und Formenmustern:

Der Referent führt uns, behutsam, engagiert und gefühlvoll, die Reiseroute Goethes entlang über Venedig, Bologna, Florenz bis nach Rom, aber nicht weiter bis nach Sizilien: Roma aeterna, wie die Auguren bei der Gründung voraussagen, ist 1786 nicht so leicht als Mittel- und Glanzpunkt der Welt „urbi et orbi“ zu erkennen.[4] Goethe muß schon mit viel Energie den Genius loci beschwören, damit ihm erwünschte Erkenntnis wird[5]: „Nun sprecht doch, ihr Straßen und hohen Paläste - Genius – regst du dich nicht?“ (I.) Und schließlich regt er sich doch, der Geist der Antike voll „stiller Einfalt und edler Größe“: Ich „Sehe mit fühlendem Aug’, fühle mit sehender Hand“ (V.), sagt er uns mit diesem herrlichen Chiasmus, wenn auch zunächst Amor, der Schalk als Gebieter und die „ Göttin der Gelegenheit“ [6] Augen, Hand und Seele führen. Aber es kommt der Geist der Antike ins Bewußtsein, die „stille Einfalt und edle Größe“ des Johann Joachim Winckelmann, päpstlicher Kommissar für alle Altertümer im Vatikanstaat, von dem Goethe sagt, daß er noch lange Zeit in den weiten Kreisen altertümlicher Überbleibsel herumgetastet hätte, hätte das Glück ihn nicht zugleich mit Anton (Raphael) Mengs, dem begnadeten Künstler in der Villa Albani[7], zusammen gebracht, wie die Münchener Kunsthistorikerin Steffi Roettgen berichtet [8]. Und dann geht Goethe durch Rom, nicht wie ein „bedächtiger“ Mann, der schicklich die Reise benutzt“ (I.) also nicht wie einer der gewöhnlichen oder der vielen „verunglückten“ Bildungsreisenden des 18. Jhd.[9], sondern von Amor und der Göttin Gelegenheit begleitet und geführt, entdeckt er das Rom des antiken Geistes, aber nicht ohne die Liebe, denn ohne die Liebe ist Rom weder Rom noch die Welt. (I. – Roma/Amor als Palindrom). Und gleichzeitig sagt er dem grauen Norden, seiner Heimat, einstweilen ade, aus der er geflohen ist, um dem alten Streit um Sitten und Gebräuche dort, der bizarren Bigotterie der feudal-adligen und auch der revolutionären (1848), an die Macht strebenden bürgerlichen Gesellschaft des ausgehenden 18. Jhd., unter denen er zu der Zeit besonders leidet, zu entfliehen [10]: Und hier in Rom versteckt er sich in „seinem Asyle“, das ihm „Amor, der Fürst, königlich schützend verlieh“. (II.) So wandelt Goethe durch eine geistig antikisierte Landschaft, genießt Liebe, Kunst und sorgenfreies Leben ohne nordische Last, das heisst der Abgefallenheit der Menschen vom „Stand der Natur“ (Gerhard Kaiser),[11] bis sich sein Horizont erweitert und klärt, bis er erkennt, daß man Amor, dem Schalk, nicht unbedingt trauen soll: „Amor bleibt ein Schalk und wer ihm vertraut, ist betrogen“ (XIII.). Da hilft es auch nicht, daß sich der Gott rechtfertigt: »Diesmal nur traue mir noch. Redlich mein’ ich’s mit dir: du hast dein Leben und Dichten, dankbar erkenn’ ich es wohl, meiner Verehrung geweiht.“ (XIII). Es nützt ihm nichts: Goethe wechselt auch von der Göttin der Gelegenheit, um nicht Opfer der Fama zu werden, zur Göttin der „Verschwiegenheit, Fürstin der Völker“ (XX.), die bereits Plinius der Jüngere kurz nach der Zeitenwende als Römische Göttin des ältesten Kreises – Angerona – kennt und in seinen Briefen erwähnt: „Zieret Stärke den Mann und freies mutiges Wesen, / O, so ziemet ihm fast tiefes Geheimnis noch mehr.“ (XX.) – die Forderung nach „Klassischer Dämpfung der Affektdarstellung“ wird hier von Goethe deutlich ausgesprochen: Das Apollinische (Geordnete) gewinnt die Oberhand über das Dionysische (rauschhaft Chaotische) der Sturm- und Drang-Zeit, im Sinne der Schelling ´schen Begriffsdeutung: Goethe will „im Bewußtsein der eigenen Modernität dem antiken Vorbild nahekommen“ (Reiner Wild [12]). Der Begriff der Exclusionsindividualität als klassisches Erziehungs- und Humanitätsideal mit modernen Bezügen scheint hier durch, wie ihn Christoph Martin Wieland im Roman: „Die Geschichte des Agathon“. [13] beschreibt. Und das alles von Anfang an in Distichen, dem Versmaß des klassischen Griechenlands: elegeion, elegeia, élegos: Als Vorlage die Werke der „Triumvirn“ Goethes: Des Neoterikers[14] Catull sowie der Elegiker Tibull und Properz, Sänger der augusteischen Zeit, die sich aber nicht von Amor lösen wollen („…. da Amor den nämlichen Dienst seinen Triumvirn getan…“ (IV.)); dem Dionysischen verhaftet bleiben, die Wirklichkeit aus „Ekel vor dem Treiben der Mächtigen“ gegen eine Idylle vertauschen [15]; eine elegante literarische Sprache der alexandrinischen Griechen, ständig fortentwickelt und verfeinert von Kallimachos[16] pflegen, die Goethe übernimmt und „… in vorher und nachher nie gekannter Weise dem natürlichen Rhythmus des deutschen Sprachflusses und der Geschmeidigkeit der lyrischen Sprache…“ (Reiner Wild, aaO) anpasst. Aber die Moral bzw. moralische Bigotterie des 18. Jhd.?: „Properz durfte es laut sagen, daß er eine glückliche Nacht bei seiner Freundin zugebracht habe“, schreibt der Dichter Johann Baptist von Alxinger im kalten Norden in einem Brief an den Philologen und Pädagogen der Aufklärungszeit, Karl August Böttiger pikiert, „aber Herr von Goethe ?“ Hätte man Goethe eine römische Liaison weniger verübelt als eine weimarische? Fragt Horst Rüdiger [17], zum Beispiel die Frau von Stein? Und der Moralist Karl August Böttiger fürchtet gar um die „erhabene Frau“ des Nordens, die dort aber ganz und gar nicht erhaben behandelt wird.[18] Sie haben, wie viele ihrer Landsleute im kalten, nebligen Norden, wohl wenig empfunden und erahnt, was Goethe von seiner italienischen Reise mitbringt: „ Nur der Künstler kann lieben, wie hier geliebt wird: ganz sinnenhaft, in einem Kult schöner Körperlichkeit, und doch geistig…“ , formuliert es Gerhard Kaiser und Horst Rüdiger nennt es, „die sinnliche Lust mit künstlerischer Gestaltungskraft zu vereinen“, Friedrich Schiller würde sagen: eine vollkommene Vereinigung von Pflicht und Neigung: Und so sei die Liebe nicht zu einer Frau, sondern zum Geist der Antike gesagt in verschwiegenen Distichen: „Keinem Freund, keiner Freundin“, nur dem lyrischen Ich und „dir, Hexámeter, dir, Pentámeter, sei das Geheimnis vertraut“ (XX.), das in mythologischen Zeiten trotz Krone und phrygischer Mütze noch der Wind den Binsen des Midas entlockt und ungeniert der Öffentlichkeit offenbart: »Midas! Midas, der Fürst, trägt ein verlängertes Ohr! « (XX.)

Was aber mit den zwanzig Elegien an die Öffentlichkeit kommt, ist keine Binsenweisheit, sondern der Beginn einer neuen Dichtung: vorbildhaft und zeitlos, stark im Inhalt, schön und elegant in der Form, humanistisch in der Gesinnung, der Versuch einer Rückführung des Menschen zu seinen kulturellen Wurzeln, zur Harmonie mit der Natur, mit der göttlichen Schöpfung.

Das, was Friedrich Schiller in seinen Briefen zur humanistischen Erziehung des Menschengeschlechts konzipiert, was er über Anmut, Würde und Schönheit sagt, der Balance zwischen Neigung und Pflicht, fasst Goethe hier in den 20 Elegien zusammen.

Hat der Satz von Friedrich Nietzsche aus dem 18. Jhd. heute noch Gültigkeit, daß Goethe an den Deutschen spurlos vorübergegangen ist, oder Schillers bittere Feststellung über das Ergebnis der Aufklärung: „Warum sind wir immer noch Barbaren….“?Vieles, was wir heute als Äußerungen von selbsternannten Repräsentanten der Menschheitskultur wahrnehmen, spricht leider dafür. Die Zeiten haben sich geändert, aber leider nicht die geistigen Substanzen: Der Abstand zwischen Zivilisation und Kultur scheint sich sogar ständig zu Lasten der Kultur zu vergrößern. Nach Karl Theodor Jaspers braucht der Mensch in einer sinnlosen Wirklichkeit, in der die Naturwissenschaften keine Hilfe bei der Selbstvergewisserung bieten, eine illusionslose Sicht seiner Existenz als Grundlage seiner Handlungs-Entscheidungen. Eine „sinnlose Wirklichkeit“ ist für Jaspers gegeben, wenn „im Zeitalter der Massenordnung Technik und Ökonomik, diese Unausweichlichkeiten, verabsolutiert werden, wenn der Staat sich dem logisch ableitbaren System zuordnet und jeden Bezug auf echtes Schicksal verloren hat.“[19] Somit gehören die 20 Elegien dringend in den Kanon einer Bildungsreform, auch als eine Hoffnung, daß es vielleicht einmal gelingen wird, was vor 200 Jahren Wilhelm von Humboldt als preußischer Kultusminister, dem Innenminister unterstellt, angestrebt hat, nämlich ein Bildungssystem als ein Instrument des Bildungserwerbs aufzubauen und nicht ausschließlich als Instrument des Wissenserwerbs und des Erwerbs rational notwendiger Fähigkeiten im Arbeitsprozess: Der Satz von Friedrich Nietzsche über die deutschen Bildungs-Anstalten des 19. Jhd.: „Also, meine Freunde, verwechselt mir diese Bildung, diese zartfüßige, verwöhnte, ätherische Göttin nicht mit jener nutzbaren Magd, die sich mitunter auch die ‚Bildung’ nennt, aber nur die intellektuelle Dienerin und Beraterin der Lebensnot, des Erwerbs, der Bedürftigkeit ist, "[20] den der Kölner Literaturwissenschaftler Wilhelm Voßkamp als Mahnung an die Gegenwärtigen in den Satz zusammenfasst: „Bildung ist mehr als Wissen“[21], ist heute aus Äußerungen „gesellschaftlicher Kräfte“ durchaus noch oft, zu oft für meine Verhältnisse, als immer noch gültig nachvollziehbar: Eine „ästhetische Revolution“ (Schiller) muß her, nach der die Schönheit der Freiheit und Nützlichkeit vorausgeht:[22]

„Wer wird nicht einen Klopstock loben? Doch wird ihn jeder lesen? – Nein Wir wollen weniger erhoben, und fleißiger gelesen sein.“

Mit diesen Gedanken im Kopf sollten wir die nun folgenden 20 Elegien mit großem Gewinn und auch großer Freude lesen – Getreu der Aufforderung Goethes: „In Eurem Weinberg liegt ein Schatz, grabt nur danach“ und nicht lediglich mit drögem literaturwissenschaftlichen Zergliederungswahn, der vor lauter Zergliederung das Wesentliche aus den Augen verliert oder und im Übrigen nur den Wissenschaftler anspricht: Dann sagen sie uns auch heute noch – oder gerade wieder einmal – eine ganze Menge.

II. Die zwanzig offiziell in den Horen veröffentlichten Elegien

I. Elegie

Saget, Steine, mir an, o sprecht, ihr hohen Paläste!
Straßen, redet ein Wort! Genius,[24] regst du dich nicht?
Ja, es ist alles beseelt in deinen heiligen Mauern,
Ewige Roma ; [25] nur mir schweiget noch alles so still.
O wer flüstert mir zu, an welchem Fenster erblick ich
Einst das holde Geschöpf, das mich versengt und erquickt?
Ahn’ ich die Wege noch nicht, durch die ich immer und immer,
Zu ihr und von ihr zu gehn, opfre die köstliche Zeit?
Noch betracht’ ich Kirch’ und Palast, Ruinen und Säulen,
Wie ein bedächtiger Mann schicklich die Reise benutzt.
Doch bald ist es vorbei; dann wird ein einziger Tempel,
Amors [26] Tempel nur sein, der den Geweihten empfängt.
Eine Welt [27] zwar bist du, o Rom; doch ohne die Liebe
Wäre die Welt nicht die Welt, wäre denn Rom auch nicht Rom.

„Die Liebe erst erschließt die „Ewige Roma“. So ist das Thema der Liebe von vornherein mit dem der Erfahrung der Antike verbunden; im abschließenden Distichon wird diese Verbindung im palindromischen Wortspiel Roma / Amor nachdrücklich ausgesprochen.“(Wild 1999; S. 44)

[...]


[1] Auszug aus der Projektskizze „Goethezeitportal“ der Ludwig Maximilian Universität München (LMU), gefördert durch das Bayerische Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst mit ergänzenden Anmerkungen ( Text ab Seite 2 und Insbesondere alle Fußnoten) von Klaus Peter Kraa

[2] Neben der Wortführerin der nordischen Fama, ich nenne sie mal Charlotte von Stein (Horst Rüdiger berichtet: Caroline von Beulwitz, Schillers Schwägerin, am 24.10.1789 an Schiller: „Die Stein sprach mir heute lange von Goethe. Es sind böse Reminiszenzen in ihr geblieben“) gehörte wegen Christiane Vulpius auch Charlotte Schiller , geborene von Lengenfeld, zur bösen Fama von Weimar, obwohl deren Schwester Caroline, früh verwitwete von Beulwitz, später mit dem Sohn von Schillers Gönnerin Caroline von Wolzogen, Wilhelm von Wolzogen, verheiratet (1763 – 1847), sich als Roman-Schriftstellerin (auch dank einer lebenslangen Freundschaft mit der voll emanzipierten Caroline von Dacheröden, der Frau Wilhelm von Humboldts), als eine der wenigen Frauen in der bigotten Gesellschaft des 18./19. Jhd. emanzipieren konnte: „Hoher Ernst und anmutige, geistreiche Leichtigkeit des offenen, reinen Gemüts waren in Schillers Umgang immer lebendig; man wandelte wie zwischen den unwandelbaren Sternen des Himmels und den Blumen der Erde in seinen Gesprächen.“, gibt einen guten Eindruck einer vom Humanismus geprägten Frau: 1792 erscheint In Schillers Zeitschrift »Thalia« ihr erstes Drama »Der leukadische Fels«. 1796 dann in Schillers Zeitschrift »Horen« Bruchstücke aus ihrem Roman »Agnes von Lilien«. Dieses zunächst anonym veröffentlichte Werk – weil Schriftstellerinnen von der bigotten Moral im 18.Jhd. zumindest mit Hetären gleichgesetzt werden – wird zunächst Goethe oder Schiller zugeschrieben. Neben Caroline von Wolzogen gibt es nur wenige Frauen, die sich in dieser Gesellschaft des 18.Jhd. emanzipieren können, erwähnenswert noch Sophie von la Roche ("Die Geschichte des Fräuleins von Sternheim"), die Großmutter Bettine von Arnims, geborene von Brentano, die selbst auch Briefromane schreibt und auch: Rahel Varnhagen, geb. Levin (1771-1833) und Dorothea Schlegel, geb. Mendelssohn (1763-1839).

[3] Text: Goethezeitportal, aaO.

[4] Die Zeit des „Risorgimento“, der Wiedergeburt des Königreichs Italien mit Rom als Hauptstadt ab der Mitte des 18. Jhd. wird hauptsächlich von den übrigen europäischen Mächten mit wenig Rücksicht auf Geschichte und Kultur des Landes gestaltet: Bereits Anfang des 18. Jahrhunderts kommt es in Italien zu einer Neuverteilung der Macht. Innerhalb weniger Jahrzehnte sterben sämtliche einheimischen Dynastien mit Ausnahme der savoyischen aus und ein Ringen zwischen dem französischen Herrscherhaus der Bourbonen und der deutsch-österreichischen Linie der Habsburger um das spanische Erbe in Italien beginnt. Dieses wird zugunsten der neu entstandenen Macht Österreich entschieden. Zum Ende des 18. Jhd. übernimmt aber das nachrevolutionäre Frankreich (Napoleon I.) für kurze Zeit die Macht in Italien. Rom ist zu dieser Zeit der Bedeutung nach eher einer Provinzstadt vergleichbar („ein melancholisches Ruinenpathos“, schreibt Horst Rüdiger, Unbeschreiblich öde und melancholisch, meint August von Platen, aber: Reste antiker Schönheit waren auch in der Gegenwart noch zu erblicken: Günter E. Grimm, aaO) als der glänzenden Hauptstadt eines Reiches wie dem der Römer bis um die Jahrtausendwende, dem Untergang der Republik und Beginn der Kaiserzeit (27 v.Chr. mit der Selbstprokuration des „Erhabenen“). Kaiser Napoleon nimmt 1798 Rom ein und dekretiert es wieder zur Hauptstadt Italiens. Nach dem Wiener Kongress zur Neuaufteilung Europas wird Rom als letztes Gebiet Italiens am 20. September 1870 von den Truppen Garibaldis erobert und dem wieder vereinigten Italien hinzugefügt. 1871 wird die Stadt als Residenz des piemontesischen, jetzt italienischen Königs Vittorio Emmanuele II. Hauptstadt des Königsreichs Italien.

[5] Ihm geht es da vermutlich wie dem englischen Historiker Edward Gibbon (1737-1794), der 1764 nach Rom reiste, um das Ewige zu entdecken und die Vergänglichkeit fand, schreibt Alexander Demandt in seiner „ Geschichte der Spätantike“- Das Römische Reich von Diocletian bis Justinian; 284-565 n.Chr., Seite XIV; C. H: Beck-Verlag

[6] Personifizierung einer besonders erotischen Gottheit – etwa Faustine (die Beglückende, der weibliche Faust, Anm.) - Christiane? meint Horst Rüdiger, „Goethes Römische Elegien und die antike Tradition“, Seite 180; Gerhard Kaiser schreibt in der Zyklusbetrachtung „Wanderer und Idylle“ daß die Göttin der Gelegenheit als Flüchtige zum Bleiben aufgefordert wird: „Goethe und die Phänomenologie der Natur in der deutschen Dichtung…“. Seite 163;. Horst Rüdiger verweist in seinem Aufsatz: "Göttin Gelegenheit – Gestaltwandel einer Allegorie“ auf die auf Kairos (das rechte Maß, Anm.) bezogene Redewendung "die Gelegenheit beim Schopfe packen" (Arcadia. Zeitschrift für vergleichende Literaturwissenschaft, Hrsg. Horst Rüdiger. Bd. 1. 1966, S. 121-166). In der lateinischen Dichtung verwandelt sich Kairos in eine Frau? ("Occasio"- Okkasion oder die Göttin der Gelegenheit) und betont in besonderem Maße den Aspekt des richtigen Augenblicks. Als jüngster Sohn von Zeus tritt die Gottheit erstmals im V. Jahrhundert als Jüngling auf. Der Jüngling personifiziert die Vorstellung von "Kairos", dem rechten Maß, vor allem aber des günstigen Zeitpunktes. Auffällig ist die Frisur von Kairos: Während sein Haar an Scheitel und Hinterkopf glatt anliegt, fällt es in langen Locken über Wange und Nacken und bis auf die Schulter hinab oder zieht sich in einem freien Büschel über die Stirn: Die „Gelegenheit“ ist also „beim Schopfe zu packen“, wenn man Gestalt und Zeitpunkt richtig erkennt, ansonsten flüchtig und diffus.

[7] Albani und Falconieri sind römische Familien, die hohe katholische Geistliche, auch Päpste, hervorbringen. Kardinal Allessandro Albani ist besonders an Kunst interessiert und errichtet 1760 die Villa Albani in Rom, in der er römische und griechische Kunst sammelt. Zur Finanzierung der Villa muss er einen Teil seiner umfangreichen Sammlung verkaufen, der sich heute in den Kapitolinischen Museen befindet. Die künstlerische Ausgestaltung der Villa Albani wird vonJohann Joachim Winckelmann und Anton Raphael Mengs vorgenommen, der auch Bibliothekar des Kardinals Albani ist.

[8] Steffi Roettgen, Goethezeitportal, aaO: „Winckelmann, Mengs und die deutsche Kunst“

[9] Gunter E. Grimm, Goethezeitportal, aaO: „Von der Kunst zum Leben“; Lessing – Herder – Heine – Seume in Italien, Winckelmann setzt aber nur auf Künstler als Romreisende:“ denn alle Cavalier kommen als Narren hier und gehen als Esel wieder weg.“; Günter E. Grimm, Goethezeitportal, aaO: „Deutsche Schriftsteller in Rom“, Seite 5.

[10] Georg Büchner sagt zu seinem Drama: „Dantons Tod“, daß die Aufklärung eben nicht zu einer wesentlichen Änderung der Kondition der Menschen geführt hat, sondern nur zu einem Austausch der Machtverhältnisse: Wie es im Lied vom Wasserrad bei Bertolt Brecht später heissen wird: „Freilich dreht das Rad sich immer weiter/ Daß, was oben ist, nicht oben bleibt./ Aber für das Wasser unten heisst das leider/ Nur: das es das Rad halt ewig treibt“. Für Schiller ist eine revolutionäre Umgestaltung der Gesellschaft, wie die Französische Revolution, zum Scheitern verurteilt. Politische Veränderungen im humanistischen Geiste können erst erreicht werden, wenn der Mensch seine Harmonie mit der Natur, mit Gottes Schöpfung, wiedergefunden hat. Horkheimer und Adorno formulieren nach dem 2. Weltkrieg, also rd. 150 Jahre später: „Solange die Geschichte ihren logischen Gang geht, dient sie menschlichen Interessen nicht"

[11] „Schöne Welt, wo bist du? Kehre wieder, / Holdes Blütenalter der Natur! / Alle jene Blüten sind gefallen / Von des Nordens schauerlichem Wehn...“ klagt Schiller, der als einer der wenigen im Heiligen römischen Reich deutscher Nationen die Genialität der Römischen Elegien empfindet, in „Die Götter Griechenlands“, was im kalten Norden auch der religiösen Bigotterie ebenso auf Ablehnung stößt (Vorwurf der Vielgötterei) wie die Römischen Elegien der moralischen Bigotterie zum Opfer fallen.

[12] Römische Elegien in: Goethe-Handbuch; Bd.1: Gedichte; Regine Otto und Bernd Witte (Hrsg.); Stuttgart und Weimar, Metzler 1996

[13] „Quid Virtus, et quid Sapientia possit / Utile proposuit nobis exemplar » - Was Tugend und Weisheit vermögen, hat uns nützlich ein Beispiel gezeigt: Zur künstlerischen Zyklusbetrachtung des römischen Werdegangs Goethes von 1786- 1788 siehe: Gerhard Kaiser; Die zyklische Ordnung der römischen Elegien, in derselbe: Wanderer und Idylle – Goethe und die Phänomenologie der Natur in der deutschen Dichtung von Geßner bis Gottfried Keller; Göttingen; Vandenbroeck & Ruprecht 1977

[14] gr. neóteroi = Erneuerer, lat. poetae novi (Cicero) im Rom der augusteischen Zeit um 1 v.Chr., die mit der Dichtungsform der zeitgenössischen Dichtung brachen: Sie bevorzugten kleine Formen wie Epyllion, Elegie, Epigramm statt des großen historischen Epos (zur Elegie „führt kein breiter Weg“, sagt Properz, méga biblíon = méga kakón – großes Buch = großes Übel, schreibt Kallimachos); eine gelehrte und anspielungsreiche Diktion und orientierten sich dabei am Stil des Hellenisten Kallimachos. Zu den überlieferten Hauptvertretern gehört Catull, der deshalb auch als poeta doctus – wie vor ihm schon Kallimachos und nach ihm der Engländer John Milton – bezeichnet wird. Von anderen Vertretern sind nur noch Fragmente erhalten. Die übrigen römischen Lyriker um Catull, wie Properz, Ovid und Tibull werden nicht als Neoteriker, sondern als Elegiker bezeichnet, meines Erachtens etwas haarspalterisch – siehe auch Horst Rüdiger, aaO, Seite 184, mit weiteren Hinweisen.

[15] „Schon Catull und seine Freunde, die Neoteriker, haben – aus Ekel vor dem Treiben der Mächtigen – den Inhalt ihrer Dichtung in Sphären fern der Politik gesucht.“, Schreibt Manfred Fuhrmann in Geschichte der römischen Literatur; Reclam; Seite 271; Später müssen sie Ergebenheitsadressen schreiben, schon aus Gründen der Lebenshaltung, denn der Dichter genießt in Rom einen höchst zweifelhaften Stellenwert, dem Staatswesen nützt er nicht viel und angesichts seiner meist fragwürdigen (oft eben auch nichtrömischen) Herkunft stehen ihm die angesehenen Karrierewege auch nicht offen und mit weiterem Fortschreiten der „Erhabennendynastie“ des Augustus wird es immer schlimmer: schon beim ersten Adoptivsohn Tiberius ist das Leben eines Künstlers per se mit dem Tode bedroht und bei dem mit menschlichen Maßen nicht mehr berechenbaren Nero ist man des Todes, wenn man besser ist als der dilettantische Fürst, wie zum Beispiel Seneca, sein Erzieher. Vergil, den Augustus in das Geschiebe seiner tyrannischen Herrschaft, die mit ihrer Begründung und festgelegten Geschlechterfolge auch gleich den Untergang (zumindest den kulturellen) des römischen Reiches einleitet, mit seiner römischen Geschichte „Aeneas“ mit Gewalt einbindet, büßt seinen Widerstand gegen diese Einvernahme mit der Vorführung vor dem römischen Pöbel und seinem erzwungenen Selbstmord: „Sterbend habe der römische Dichter Vergil (70-9 v.Chr.) sein Epos „Äneis“ vernichten wollen, erzählt eine Legende. Zu diesem Entschluss trieb ihn die Enttäuschung, daß seiner Version humaner Weltgestaltung durch Rom der Wirklichkeit im römischen Weltreich nicht entsprach und das seine Dichtungen dazu herhalten mußten, der Realität den Anschein des schicksalhaft Notwendigen zu verleihen.“ Die posthume Veröffentlichung hat übrigens Augustus „befohlen“, weil sie genau in seine Strategie passte. Vergil dagegen lässt er vom Pöbel als lebenden Leichnam schmähen, der das zurückschleppen von Athen nach Italien nicht wert sei, wie Hermann Broch in seinem Roman „ Der Tod des Vergil“ berichtet. Und Ovid muss seine angeblich „frivole Haltung im sexuellen Bereich“ (Manfred Fuhrmann, aaO, Seite 272; vor allem mit „Amores“; „Ars amatoria“ und „Remedia amoris“) dem machtbesessenen Puritaner Augustus, der sich selbst „der Erhabene“ nennen, wie ein Gott verehren lässt, aber wie eine Ausgeburt der Hölle waltet, mit ewiger Verbannung am Schwarzen Meer büßen.

[16] Kallimachos zu Kyrene – heute Libyen, aufgewachsen am alexandrinischen Hofe – ist zu seiner Zeit (ca. 320-245) und in der römischen Antike einer der meistgelesenen Autoren (Christine Walde (Hrsg.): Kallimachos, Die Rezeption der antiken Literatur, Supplement No. 7 zu „Der neue Pauly“, Seite 407ff) sowie Begründer der wissenschaftlichen Philologie: Pinakes, Verzeichnisse = erstes bibliographisches Literaturverzeichnis stammt von ihm. Er ist ein poeta doctus, gelehrter Dichter. Markus Asper bescheinigt Kallimachos „wilde Lust am Fabulieren, am Re-Kontextualisieren, am listigen Verfremden bekannter und am stolzen Einbau neuer Elemente“ und den Aitia (Ursprungsgedichte, elegische Distichen, über die Entstehung kultischer Bräuche oder politische Satiren u.a., z.B. „Locke der Berenike“, in Originalteilen und der Übersetzung Catulls erhalten, Anm.) „eine merkwürdige Art von Humor oder Ironie.“ (Markus Asper: Einleitung, in: Ders. (Übers.): Kallimachos. Werke. Griechisch und deutsch, Darmstadt 2004, S. 22). Auf die Dichtung der römischen Neoteriker sowie auf Properz und Ovid hat er großen Einfluss, sie griffen ihn mit Übersetzungen und Nachdichtungen auf. Ezra Pound (1885-1972) bezeichnete in seiner Homage to Sextus Propertius diesen als Shades of Callimachus (Christine Walden, aaO. Seite 407/408). Zum Verhältnis römischer und griechischer kultureller Lebensart siehe auch das Stichwort „Römische Kultur“ in den Begriffserläuterungen.

[17] Horst Rüdiger; Goethes „Römische Elegien“ und die antike Tradition; In Goethe- Jahrbuch 95 (1978); Seite 174-198

[18] Im Einzelnen: Astrid Reuter; Briefwechsel - Frauenbilder der Romantik. Als Einzelnachweis auch das tragische Schicksal der Schwester Goethes, Cornelia (1750 – 1777), im puritanischen Vaterhaus Goethe. Cornelia durfte als Frau trotz ihrer sorgfältigen Ausbildung und weit überdurchschnittlichem Wahrnehmungsvermögen (Intellektualität) nicht wie der Bruder studieren und bleibt, als Johann Wolfgang 1765 in Leipzig sein Studium aufnimmt, zu Hause in Frankfurt. Sie bemerkt, wie die Einstellung des Bruders zu Frauen sich in Leipzig ändert, wie er sich in die damals vorherrschende männliche Vorrangstellung einlebt. Seine Briefe spiegeln die Unterschiede wider, die damals zwischen den Geschlechtern bestehen: Er verweist sie darin auf ihre weiblichen Pflichten wie „die Haushaltung, wie nicht weniger die Kochkunst zu studieren“ (Vom Vater hat er die Statur und des Lebens „ernstes“ Führen, auch die adlig-bürgerliche Bigotterie?). Sie wird 1776, nach einer schweren ersten Geburt, wieder schwanger und notierte in einem Brief: „Da schleiche ich denn ziemlich langsam durch die Welt, mit einem Körper der nirgend hin als ins Grab taugt.“ Ihre zweite Tochter Catharina Elisabeth wird am 10. Mai 1777 geboren. Cornelia stirbt nur vier Wochen später im Alter von nur 26 Jahren, mutlos und entkräftet, von der bigotten Moral der Herren Alxinger, Böttiger und Co. „erledigt“. Im Einzelnen u.a. auch.: Gerlinde Kraus: „ Cornelia Goethe – Ein typisches Frauenleben im 18. Jahrhundert? Porträt einer Frankfurter Bürgerin.“ Schroeder Verlagsbuchhandlung, Mühlheim am Main 2010

[19] Karl Jaspers; „Die geistige Situation der Zeit“, im Sommer 1932 bearbeitet als Ergebnis der Eindrücke aus der Entwicklung von 1871-1918, den Wirren der Weimarer Zeit, den Jahren des Kommunismus in Rußland und dem aufkommenden Nationalsozialismus seit 1925: 1946 und 1999 von de Gruyter in der Sammlung Göschen wieder aufgelegt als Mahnung an die Kommenden. Siehe auch Max Horkheimer und Theodor W. Adorno, die in ihrer „Kritischen Theorie – Dialektik der Aufklärung“ 1947 schreiben: "Seit je hat Aufklärung im umfassenden Sinn fortschreitenden Denkens das Ziel verfolgt, von den Menschen die Furcht zu nehmen und sie als Herren einzusetzen. Aber die vollends aufgeklärte Erde strahlt im Zeichen triumphalen Unheils.", ferner: In seiner berühmten Kulturdiagnose von 1957 versucht einer der Mitbegründer der philosophischen Anthropologie in Deutschland, Arnold Gehlen, trotz oder gerade wegen seiner unrühmlichen nationalsozialistischen Vergangenheit, die langfristigen Wirkungen der industriellen „Superstruktur“ von Naturwissenschaft, Technik und Kapitalismus auf die seelisch-geistige Verfassung der Individuen zu analysieren. Er beschreibt sie als fortschreitende Entsinnlichung bzw. Intellektualisierung, als Ausbreitung der experimentellen Denkart, als Primitivisierung und als Eindringen technischer und ökonomischer Denkmuster in die zwischenmenschlichen Beziehungen.

[20] Friedrich Nietzsche, Über die Zukunft unserer Bildungsanstalten. Vierter Vortrag. In: F. Nietzsche, Werke in drei Bänden. Hg. v. Karl Schlechta. Band 3. München 1956, S. 231

[21] DIE ZEIT Nr. 38, 16. September 1999, S. 51; Zwei weitere Bücher mit sehr unterschiedlichem Akzent haben im vergangenen Jahr die Diskussion über "Bildung" zusätzlich belebt: Manfred Fuhrmann, Der europäische Bildungskanon des bürgerlichen Zeitalters. Frankfurt/Main 1999 (eine historische Darstellung traditioneller Bildungswerte) und Dietrich Schwanitz, Bildung. Alles, was man wissen muss. Frankfurt/Main 1999 (ein problematischer Verschnitt von Bildungswissen aus unterschiedlichen Bereichen der Philosophie, Literatur und Geistesgeschichte).

[22] Zur Frage; Was ist Wahrheit; schreibt Platon in: Politeia (Staat): „Der griechi­sche Weise blickt aus dem verwirrenden Treiben der Welt auf das ewige Reich der Ideen. Wo alles seine Ordnung hat und ewig in gleicher Weise sich verhält, weder sich gegenseitig Unrecht tut noch Unrecht empfängt, wo alles wohlge­fügt und nach Verhältnissen da ist. Ihm folgt er nach und macht sich ihm so ähnlich, als er vermag. Oder glaubst du, man könne in Bewunderung mit et­was verkehren, ohne es nachzuahmen. Ihre (der Wahrheit, Anm.) Schönheit macht sie anziehend und erweckt Sehnsucht – Eros“ – Von der Schönheit eines Phänomens zur Idee der Schönheit, wie es im „Symposion“ vorgeführt wird.

[23] Siehe Fußnote in Erläuterungen zur mythologischen Bedeutung des Begriffs. Hier: eine von Friedrich Schiller ins Leben gerufene Literatur-Zeitschrift. Die Horen erscheinen erstmals 1794 monatlich in der Cotta’schen Verlagsbuchhandlung in Tübingen. Durch die Mitarbeit führender Vertreter der Kultur in Deutschland gelten sie als ein Gründungselement der Weimarer Klassik und haben großen Einfluss auf die deutsche Geistesgeschichte. Als Mitarbeiter kann Schiller nicht nurGoethe, sondern auchJohann Gottlieb Fichte,Wilhelm von Humboldt, Karl Ludwig von Woltmann u.a. gewinnen. 1797 wird die Publikation eingestellt, doch bleiben die Horen das Modell für anspruchsvolle Zeitschriften-Projekte. Nicht selten finden sich in Journalen Vergleiche oder Anspielungen auf Schillers Zeitschrift.

[24] Genius, ursprünglich Schutzgeist, hier im Sinne von Genius loci, also eine diesem Ort (Rom) innewohnende Inspiration, aber hier auch als der Genius bzw. Geist der Antike zu verstehen. Aber in der VII. Elegie (obwohl Jupiter-Xenius mahnt: „Dichter, Wohin versteigst du dich“) und der XI. Elegie (göttliche Ebenbürtigkeit fordernd als Erzeuger) beschwört er einen anderen Genius, den des Dichters, den des Sturm und Drang, den desAnthony Ashley-Cooper, 3. Earl of Shaftesbury (*26. February1671 in London; †4. February1713 in Neapel); desWilliam Shakespeare (Stratford-upon-Avon,Warwickshire,Reino Unido c.26 de abril de1564jul.ibídem, 23 de abriljul./3 de mayo de1616) und des John Milton (*9. Dezember1608 in London; †8. November1674 in Bunhill bei London): „Man sollte die Poesie weder Kunst noch Wissenschaft nennen, sondern Genius, auch Schöpfender und Zeugender, Priapus“, schreibt er als alter Mann in den „Maximen und Reflektionen“: diese Aphorismendichtung (gr. aphorismós = Abgrenzung, Definition, Lehrsatz, Sentenz) enthält zentrale Themen von Ästhetik und Ethik. Sie widmet sich philosophischen, theologischen und naturwissenschaftlichen Fragestellungen gleichermaßen. Doch alle Denkarten weisen zurück auf einen Geist, der durchdrungen ist von klassisch-antiker Weltweisheit. Es gilt das allgemein Gültige, das bleibende Wesen der Dinge (to ti ên einai: Aristoteles), das Wesenhafte, die Grundbedeutung der Phänomene zu ergründen, der Ideen Platons: „Der griechische Weise blickt aus dem verwirrenden Treiben der Welt / auf das ewige Reich der Ideen… heisst es in Politeia ( Staat)

[25] Ewige Roma, roma aeterna, klassische Bezeichnung Roms als ewige Stadt, die sich aus der mythologischen Gründungssage speist, nach der Rom von den Auguren (augur = weissagen, prophezeien) ewiges Bestehen prophezeit wurde – siehe III. Elegie

[26] Römischer Liebesgott, Sohn von Venus und Mars, das heisst auch kriegerisch, gewalttätig, chaotisch: siehe auch Ovid – Metamorphosen, rückwärts gelesen – palindromisch - Roma

[27] Welt, vergleichbar in der Bedeutung dem katholische Segen „urbi et orbi“ – der Stadt (Rom) und dem Erdkreis

Ende der Leseprobe aus 45 Seiten

Details

Titel
Römische Elegien. Analysen zu Goethes Italienischer Reise
Autor
Jahr
2015
Seiten
45
Katalognummer
V313165
ISBN (eBook)
9783668119130
ISBN (Buch)
9783668119147
Dateigröße
751 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
römische, elegien, goethes, italienische, reise
Arbeit zitieren
Klaus Peter Kraa (Autor), 2015, Römische Elegien. Analysen zu Goethes Italienischer Reise, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/313165

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