Die Landnahme Lakoniens durch die Dorier. Das dreiteilige System als Frucht der Zuwanderung?


Hausarbeit (Hauptseminar), 2014

26 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Eroberung Lakoniens durch die Dorier
2.1. Der Mythos der Eroberung Lakoniens durch die Dorier
2.2. Die Eroberung Lakoniens durch die Dorier in der Forschung

3. Das System in Sparta: Spartiaten, Heloten, Periöken
3.1. Die Spartiaten
3.2. Die Bürgerschaft als Homoioi
3.3. Die Heloten
3.4. Die Periöken

4. Lykurg und die Landverteilung

5. Fazit

6. Quellen- und Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Sparta, ein Begriff, mit dem jeder sofort etwas assoziieren kann. Neben Athen und Rom zeigt man keiner weiteren Stadt in der Antike ein so großes Interesse. Begeisterung für diese Stadt basiert nicht nur auf die Sitten und Bräuche Spartas, sondern auch insbesondere auf deren Gründung und gesellschaftliches System. Denn keine andere griechische Stadt konnte in den ersten Jahrhunderten des ersten Jahrtausends so bedeutende militärische Triumphe aufweisen wie Sparta selbst. Dabei lassen sich diese insbesondere durch das gesellschaftliche System erklären. Dieses System als Produkt der Gründung Spartas war dreiteilig und bestehend aus den Spartiaten, Heloten und Periöken. Aus der Quellenlage kann dieses sehr schlüssig rekonstruiert werden. Dabei bezog sich dieses gesellschaftliche Konstrukt und insbesondere das spartanische Herrschaftsterritorium nicht nur auf Sparta selbst, sondern auf ganz Lakonien und im 7. Jahrhundert v. Chr. sogar auf Messenien. Ursprung dieses Imperiums bildet dabei die Gründung des Machtzentrums Sparta, das als unmittelbarer Teilaspekt der dorischen Wanderung gesehen werden muss. Denn gerade diese Wanderung gilt als Ausgangspunkt für das Entstehen des Kosmos Spartas. Dabei gehen Mythos und Forschung weit auseinander. Die dorische Wanderung und die Eroberung Lakoniens in Forschung und Mythos werde ich in den folgenden Abschnitten thematisieren. Das Untersuchen des Produkts dieser Eroberung, das dreiteilige gesellschaftliche System Spartas, bildet dabei den Schwerpunkt dieser Arbeit.

2. Die Eroberung Lakoniens durch die Dorier

Die Eroberung Lakoniens und insbesondere Spartas sind in der Forschung noch kein abgeschlossener Bereich. Die uns zugrundeliegenden Quellenbefunde reichen nicht aus, um die Eroberung Lakoniens durch die Dorier in allen Einzelheiten herauszuarbeiten. Interessanterweise zeigen diese Quellen unterschiedliche Perspektiven. Zum einen existiert der Mythos der Eroberung Lakoniens durch die Dorier. Auf der anderen Seite spricht die Forschung von einer gewaltsamen Landeinnahme der Dorier in Lakonien. Mythos und Forschung bilden an dieser Stelle einen bedeutenden Kontrast, welcher im Verlauf dieser Arbeit noch verdeutlicht wird.

2.1. Der Mythos der Eroberung Lakoniens durch die Dorier

Der griechische Mythos der Eroberung Lakoniens reicht zurück bis zu Lakedaimon, der Sohn der Nymphe Taygete.[1] Das Taygetos-Gebirge, welches nach dieser Nymphe benannt ist, bildet und markiert zudem die Grenze Lakoniens.[2] Lakedaimons Gattin Sparte lässt bereits die Bedeutung des Zentrums Sparta erahnen, das nach ihr benannt wurde.[3] Die Stadt Amyklai dagegen wurde nach deren gemeinsamen Sohn Amyklos benannt.[4] Der Mythos reicht ebenfalls bis zu den Vorfahren Spartas; diese waren Eurotas, welcher für die Expansion des Staates nach Süden bis zum Lakonischen Golf stand, Myles („die Mühle“), welcher für den fortschreitenden Getreidebau und die Kultivierung des Landes stand, und zuletzt Lelex, welcher als Stammvater der Leleger bekannt war.[5] Diese galten als die Vorfahren der Hellener, sodass sie allesamt an zahlreichen Orten auf der Peleponnes festzumachen sind.[6] Hieraus resultiert die Einordnung der Spartaner durch den Vorfahren Lelex in einen gesamtgriechischen Kontext. Zur Zeit des Herakles waren Ikarios und Tyndareos die Herrscher Spartas.[7] Deren Herrschaft und Dynastie hatten jedoch Konkurrenz erhalten. Herakles verteidigte sie gegen Hippokoon und dessen Söhne, die die spartanischen Herrscher vertrieben hatten.[8] Herakles tötete sowohl Hippokoon als auch all seine zwanzig Söhne und verhalf den spartanischen Königen wieder auf den Thron.[9] Diese Tat war so bedeutend, dass nicht nur Herakles, sondern auch dessen Nachkommen, den Herakliden, Ansprüche auf der Peleponnes zustanden. Diese Ansprüche konnten jedoch vorerst nicht in Taten umgesetzt werden, da die Herakliden von der Peleponnes vertrieben wurden. Sie fanden Unterschlupf in Attika bei König Aigimios, währenddessen auf der Peleponnes die Atriden Menelaos, Agamemnon und dessen Sohn Orest die Herrschaft übernommen hatten.[10] Der Rückkehrversuch der Herakliden unter der Führung von Eurysthenes und Prokles war erfolgreich und konnte die Dynastie des Agamemnon beenden. Durch die Eroberung der Peleponnes konnten die Herakliden eine neue Herrschaft mit Eurysthenes und Prokles als die beiden ersten spartanischen Könige etablieren. Diese teilten mit Temenos und Kresphontes die Peleponnes in drei Teile auf: Lakonien, Argos, Messenien.[11] Die Heraklidensage half den Doriern dabei ihre Herrschaft zu legitimieren. Der Mythos besagt, dass diese Landeinnahme gegen allen Vermutungen nach keine gewaltsame Eroberung war. Vielmehr lief sie friedlich ab. Die beiden Könige Prokles und Eurysthenes nahmen Lakonien in Besitz. Sie teilten das Land Lakonien in sechs Teile auf: Sparta, Amyklai, Pharis, Las, Helos und Aigys. Diese Bezirke werden bereits in der Ilias von Homer erwähnt. Das Königreich Lakedaimon unter der Herrschaft des Menelaos hatte ebenfalls diese Gebiete inne und darüber hinaus noch Messe, Bryseiai und Oitylos.[12] Sparta bildete jeweils die Residenzstadt und somit das Zentrum beider Herrschaftsterritorien. Wie wurde nun diese vordorische Herrschaft beendet? Die Dorier bzw. die Herakliden eroberten dem Mythos zufolge Lakonien nicht, sondern erhielten das Land als Geschenk von den Vordoriern.[13] Eine besondere Bedeutung hat in diesem Akt das Gebiet Amyklai. In Strabons Geographika zitiert derselbe Ephoros, der sagt, dass die Dorier den Vordoriern ausgerechnet dieses Gebiet als Ehrengeschenk überließen. Es ist bekannt, dass nach der Landnahme Lakoniens durch die Dorier Amyklai unter vordorischer Herrschaft blieb. Der naheliegende Grund wäre, dass die Dorier dieses Gebiet nicht unter ihre Herrschaft bringen konnten. Vielmehr trafen sie dort auf Widerstand. Somit wurde der Mythos des Ehrengeschenkes kreiert, den Ephoros deutlich hervorhebt.[14] Desweiteren besagt die Quelle, dass die Vordorier überredet wurden das Land zu verlassen und nach Ionien auszuwandern.[15] An dieser Stelle wird ebenfalls die friedliche Eroberung betont, sodass die Dorier nicht als Barbaren dargestellt oder gar mit ihnen vergleichen werden konnten. Dass eine Eroberung jedoch niemals friedlich verläuft, zeigen uns zahlreiche Beispiele in der Geschichte. Die Auswanderung vordorischer Gruppen bezog sich nicht nur auf Ionien. Es existieren Belege dafür, dass vordorische Gruppen nach Zypern vertrieben wurden. Dieses Territorium zeigt um 1050 v. Chr. ein plötzliches Abbrechen der Besiedlung, das darauf zurückzuführen ist, dass damals neu ins Land gekommene griechische Zuwanderer hier die Herrschaft für sich gewannen.[16] Ein weiterer Beleg dafür, dass diese Auswanderer Vordorier gewesen waren, zeigen archäologische Funde in Form von Eisenschwertern und Gefäßen, die auf Zypern gefunden wurden. Sie weisen dieselbe Form wie die Funde in Hellas auf, was auf eine Auswanderungsbewegung nach Zypern rückschließen lässt.[17] Diese Bewegung wird jedoch in Strabons Geographika als friedlicher Akt dargestellt. Die Quelle dient in allererste Linie dazu, die Verhältnisse in Sparta zu legitimieren. Sparta, das sich aus den Dörfern Limnai, Pitane, Kynosura und Mesoa zusammenschloss, wurde somit zur Residenzstadt der beiden Könige. Einige der übrigen Gebiete hatten ebenfalls eine Funktion. Las diente als Hafenstadt, Aigys als Festung für die Kriege und die Gebiete Hellas und Pharis dienten vermutlich ebenfalls als Festungsstadt und Verteidigungsbasis Spartas.[18] Die vordorische Bevölkerung war den Doriern, sie seien in diesem Kontext Spartiaten genannt, untertan.[19] Der Begriff Spartiaten wird im weiteren Verlauf der Arbeit noch erörtert. Obwohl die Vordorier Untertanen waren, besaßen sie alle Rechte und Privilegien, die auch den Spartiaten zustanden.[20] Somit hatten sie sowohl das spartanische Bürgerrecht, als auch den Zugang zu diversen Ämtern.[21] Um jedoch die Spartiaten von den Umwohnern, sie seien Periöken genannt, zu unterscheiden aber auch hervorzuheben, wurde den Periöken das spartanische Bürgerrecht entzogen und Abgaben auferlegt.[22] Somit wurde die Gleichberechtigung abgeschafft. Auch hier wird der Charakter der friedlichen Eroberung hervorgehoben. Denn die Periöken hätten ohne Widerstand zu leisten gehorcht und freiwillig auf ihre Privilegien verzichtet. Die, die sich widersetzten, sie seien Heloten genannt, wurden in einem Krieg unterworfen und zu Sklaven erklärt worden.[23] An dieser Stelle versucht der Text die Sklaverei der Heloten zu rechtfertigen. Durch ihren Widerstand hätten sie den Krieg gegen die Spartiaten verursacht und als Konsequenz ihre Freiheit verloren.

Der Mythos der Landnahme Lakoniens durch die Dorier stützt sich insbesondere auf die Heraklidensage. Durch den Anspruch der Herakliden auf der Peleponnes wird die Eroberung Lakoniens legitimiert. Insbesondere wird versucht die Dorier als friedliche Bevölkerung darzustellen, um sie von Barbaren abzugrenzen. An dieser Stelle kann ein erster Eindruck des dreiteiligen Systems Spartas, welches die Spartiaten, Periöken und Heloten bilden, gewonnen werden. Dem Mythos zufolge war diese Teilung der Bevölkerung notwendig, um die Herakliden von den Vordoriern und den Aufsässigen abzugrenzen und eine hierarchische Ordnung zu schaffen.

2.2. Die Eroberung Lakoniens durch die Dorier in der Forschung

Die ältesten Spuren der Siedlung Spartas stammen aus dem ausgehenden 10. Jahrhundert v. Chr., sodass diese historische Zeitspanne auch als Zeit des dorischen Spartas gesehen werden kann. Desweiteren kann anhand gefundener Keramik im Heiligtum der Artemis Orthia in Sparta die Gründung in Mitte des 10. Jahrhunderts eingeordnet werden.[24] Aus der geographischen Lage Spartas entspringt die These, dass die sich hier niedergelassenen Einwanderer aus dem Norden kamen.[25] Die Annahme liegt nahe, dass sie von Argos aus, über den Klisura-Pass auf der Route Tegea-Selasia an den Eurotas gelangt sind.[26] Sie wanderten sicherlich nicht in großen Gruppen als Teile einer bereits in ihrem Ursprungsgebiet organisierten Stammesgemeinschaft.[27] Vielmehr waren die Wandergruppen eher klein. Zu diesen Wandergruppen gehörten die dorischen Phylen der Dymanen, Hylleer und Pamphyler, die sich als urdorische Stammesvereinigung beweisen könnten.[28] Denn sie haben denselben Dialekt, diesen Punkt jedoch werde ich später erörtern. Die Phylen galten als Relikte stammesstaatlicher Vereinigungen vor und während der Wanderungszeit, was jedoch voraussetzt, dass Stämme stets Abstammungsgemeinschaften sind.[29] Diese Annahme ist jedoch fragwürdig, denn Stämme können sich auch durch Zusammenschlüsse, Aufnahmen und Ausgliederungen von Personengruppen bilden.[30] Wie bereits erwähnt sind die Dorier bzw. ihre Vorfahren nicht in ihrer Gesamtheit abgewandert. Denn die Phylen der Dymanen und Hylleer waren vor dem Zusammenschluss vermutlich eigenständige Völker.[31] Desweiteren waren die logistischen Voraussetzungen zur Versorgung großer Wanderungseinheiten nicht gegeben.[32] Gegen die These, dass die Dorier als Gesamtheit abgewandert sind, spricht auch die Tatsache, dass im 11. bzw. 10. Jahrhundert v. Chr. in den dorischen Siedlungsgebieten keine auffällig starke Bevölkerungszunahme stattgefunden hat.[33] Die Dorier müssen demnach in kleinen Gruppen abgewandert sein, die den drei Phylen angehörten. Kann es denn jedoch sein, dass die Vorfahren der Dorier aus drei eigenständigen Verbänden sich zusammengeschlossen haben? Es ist sehr unwahrscheinlich, dass sich zur Zeit der dorischen Wanderung dieser Zusammenschluss zugetragen hat. Die Vorfahren der Dorier sind in Nordwest-Griechenland lokalisiert. Wenn Mitglieder dieser Phylen abgewandert sind, müssten sie ihren Zusammenhalt über einen längeren Zeitraum bewahrt haben.[34] Doch wie das System der Phylen in Athen zeigt, ist diese Vermutung undenkbar. Denn es ähnelt dem System der dorischen Verbände und kann nicht aus einer alten Stammesorganisation abgeleitet werden.[35] An dieser Stelle kann man jedoch festhalten, dass die Dorier aus dem Norden bzw. Nordwesten Griechenlands kamen.

[...]


[1] Vgl. Thommen, 2006, S. 17

[2] Ebd.

[3] Ebd.

[4] Vgl. Kiechle, 1963, S. 60

[5] Vgl. Thommen, 2006, S. 17

[6] Ebd.

[7] Ebd.

[8] Ebd.

[9] Ebd.

[10] Ebd. S. 18

[11] Ebd.

[12] Ebd. S. 22

[13] Vgl. Strabon, 8,5,4

[14] Ebd.

[15] Ebd.

[16] Vgl. Kiechle, 1963, S. 68

[17] Ebd.

[18] Vgl. Strabon, 8,5,4

[19] Ebd.

[20] Ebd.

[21] Ebd.

[22] Ebd.

[23] Ebd.

[24] Vgl. Eder, 1998, S. 138

[25] Vgl. Kiechle, 1963, S. 55

[26] Ebd. S. 56

[27] Vgl. Welwei, 2004, S. 21

[28] Ebd.

[29] Ebd.

[30] Ebd.

[31] Ebd.

[32] Ebd. S. 22

[33] Ebd.

[34] Ebd.

[35] Ebd.

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Die Landnahme Lakoniens durch die Dorier. Das dreiteilige System als Frucht der Zuwanderung?
Hochschule
Universität Duisburg-Essen  (Geisteswissenschaften)
Veranstaltung
Verfassung und Gesellschaft Spartas
Note
2,0
Autor
Jahr
2014
Seiten
26
Katalognummer
V313556
ISBN (eBook)
9783668124868
ISBN (Buch)
9783668124875
Dateigröße
468 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
landnahme, lakoniens, dorier, system, frucht, zuwanderung
Arbeit zitieren
Sevgi Bozkurt (Autor:in), 2014, Die Landnahme Lakoniens durch die Dorier. Das dreiteilige System als Frucht der Zuwanderung?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/313556

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