Der Einfluss von Kultur und Strukturen auf die Demokratie


Seminararbeit, 2004

31 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Theorien der Vergleichenden Politikwissenschaft
2.1. Der strukturalistische Ansatz
2.2. Der kulturalistische Ansatz

3. Einfluss der Faktoren auf die Demokratie
3.1. Wirtschaft als strukturalistischer Faktor
3.1.1. Wirtschaftskraft als Grundlage für Demokratie
3.2. Religion als Schlüsselvariable für Kultur
3.2.1. Einfluss der Religion auf die Demokratie

4. Schluss

5. Abstract

6. Anhang

7. Literaturverzeichnis

8. Erklärung

1. Einleitung

In der Vergleichenden Politikwissenschaft gibt es schon seit langem die Diskussion, welche Faktoren einen entscheidenden Einfluss auf die Demokratie haben. Spätestens seit den 1990er Jahren wird nicht nur den strukturalistischen, sondern vielmehr auch wieder den kulturalistischen Faktoren ein entscheidender Einfluss im Demokratisierungsprozess zugeschrieben (Huntington 2000: xiii).

Mit Blick nach Afghanistan und in den Irak, wo angestrengt an einer demokratischen Grundordnung gearbeitet wird, ist die Frage welche Faktoren eine Demokratie bedingen, heute noch immer hoch aktuell.

In der vorliegenden Hausarbeit wird untersucht, inwieweit ein Einfluss strukturalistischer und kulturalistischer Faktoren auf die Demokratie messbar ist. Folgende Fragen sollen geklärt werden: Welchen Einfluss hat die wirtschaftliche Situation des Landes auf die Demokratie? Welchen Einfluss haben Religionen auf die Demokratie im Land?

Im ersten Abschnitt der Arbeit werden in einer grundlegenden und kurzen theoretischen Abhandlung der strukturalistische und der kulturalistische Ansatz betrachtet. Anschließend werden 50 Staaten der Welt[1] empirisch untersucht und die Ergebnisse der Arbeit nochmals in einer Zusammenfassung am Ende der Arbeit dargelegt.

Für die Untersuchung wird Demokratie als ein politisches System aufgefasst, in dem die gesamte Bevölkerung eine ganze Reihe von bürgerlichen und politischen Rechten in Anspruch nehmen kann (Almond u.a. 2000: 29). Die erklärte oder abhängige Variable ist deshalb der Freedom House Index, der genau diese bürgerlichen und politischen Rechte und Freiheiten innerhalb von Staaten erfasst[2]. Als unabhängige Variable wurden das reale Bruttoinlandsprodukt pro Kopf als struktureller Faktor und die Anteile der unterschiedlichen Religionen an der Gesamtbevölkerung des jeweiligen Staates als kulturellere Faktoren in die Untersuchung aufgenommen.

Besonders bei der Variable Religion kam es zu den bekannten Problemen bei großen Datenerhebung. Die Daten variierten hinsichtlich ihrer Genauigkeit, dem Zeitpunkt der Erhebung und ihrer Verfügbarkeit zum Teil stark zwischen den unterschiedlichen Nationen (Perry/Robertson 2002: 20). Die Daten beruhen hier zum größten Teil lediglich auf Schätzungen der Anzahl der Religionsanhänger (Baratta u.a. 2003: 1437). Für eine bessere Analyse wurden die unterschiedlichen Religions-gemeinschaften daher einer der fünf Weltreligionen (Islam, Christentum, Buddhismus, Hinduismus, Judentum) zugeordnet[3].

Die Ergebnisse der Analyse zeigen, dass eine gewisse wirtschaftliche Leistungsfähigkeit einer Nation die Freiheit und Demokratie im Land fördert. Der Einfluss von Religion auf die Demokratie ist hingegen recht unterschiedlich ausgeprägt. Es zeigt sich, dass bestimmte Religion offensichtlich eine Demokratie im Land mehr fördern als andere[4]. In dieser Richtung bedarf es jedoch noch weiterer und differenzierterer Forschung.

2. Theorien der Vergleichenden Politikwissenschaft

In der Vergleichenden Politikwissenschaft existieren, wie in nahezu jedem wissenschaftlichen Bereich, unzählige Theorien. Die Einteilung oder Klassifizierung dieser Theorien ist aber meist nicht einwandfrei möglich. Neben der Einteilung in Makro-, Meso- oder Mikrotheorien[5] kann man auch versuchen, die unterschiedlichen Theorien gewissen theoretischen Ansätzen zuzuordnen. Besonders in der amerikanischen Politikwissenschaft hat sich der strukturalistische, der kulturalistische und der so genannte Rational Choice Ansatz herausgebildet und etabliert (Lichbach/Zuckerman 1997: 5). Die Zuordnung der Theorien zu den einzelnen Ansätzen erfolgt mittels der Bestimmung der wissenschaftlichen Grundposition der Theorie und der Methoden und Hypothesen, die in der Forschung angewendet werden (Schmidt 1995: 957-958). Im Folgenden wird nun auf den, für die Arbeit und die Analyse wichtigen strukturalistischen und kulturalistischen Ansatz näher eingegangen. Abschließend sei angemerkt, dass bisher keine der Theorien oder Ansätze die ausreichende Möglichkeit bietet, alle politischen Ereignisse, Erscheinungen oder politisches Verhalten vollständig zu erklären (Peters 1998: 109).

2.1. Der strukturalistische Ansatz

Theorien des strukturalistischen Ansatzes sind ausschließlich Makroebenentheorien. Sie versuchen in politischen Systemen real existierende Strukturen zu beschreiben und deren Funktionsweise zu erklären. Hierfür werden auf institutioneller Ebene Beziehungen und Interdependenzen zwischen den verschiedenen Akteuren untersucht und daraus Gesetzmäßigkeiten abgeleitet.

Ziel jeder Theorie des strukturalistischen Ansatzes ist es, für jedes politische System bedeutungsvolle Aussagen über den Aufbau und die Funktionsweise des Systems treffen zu können (Peters 1998: 114) und so die Möglichkeit zu schaffen, politische Systeme untereinander qualifiziert zu vergleichen.

Strukturen, die sich in nahezu jedem politischen System finden lassen, sind zum Beispiel: politische Parteien, Interessensgruppen, Legislative, Exekutive, Gerichtshöfe und Bürokratie (Almond u.a. 2000: 39). Auch soziale und ökonomische Strukturen sind in jedem politischen System vorhanden und eignen sich für eine Untersuchung.

Die Gemeinsamkeit aller strukturalistischen Theorien ist, dass der Mensch als Individuum, innerhalb dieser Strukturen lediglich als Rollenspieler ohne Identität betrachtet wird[6].

2.2. Der kulturalistische Ansatz

Theorien des kulturalistischen Ansatzes sind in den meisten Fällen ebenfalls Makroebenentheorien. Allerdings wird in der modernen Politikwissenschaft zum Teil auch auf der Mikroebene geforscht um so persönliche, kulturelle Einstellungen von Individuen zu untersuchen (Behr 2002: 81). Vertreter des kulturalistischen Ansatzes sehen in der Kultur die Basis der sozialen und politischen Identität der Menschen und das Gefüge für die Organisation der Welt (Ross 1997: 42). Ziel der Theorien des kulturalistischen Ansatzes ist es, die Auswirkungen von kulturellen Einflüssen auf die Politik zu erfassen und zu beschreiben. Mit Hilfe solcher Theorien können zum Beispiel geopolitische Landkarten angefertigt, oder bestimmte Wertewandel innerhalb einer Gesellschaft erklärt werden. Das Problem hierbei ist, dass Kultur sehr schwer zu operationalisieren ist und häufig nur indirekt auf die Politik wirkt.

3. Einfluss der Faktoren auf die Demokratie

Nach der theoretischen Betrachtung des strukturalistischen und des kulturalistischen Ansatzes folgt nun die Untersuchung der 50 ausgewählten Länder[7] um den Einfluss von Kultur und wirtschaftlichen Stukturen auf die Freiheit festzustellen.

Die Auswahl der Nationen orientiert sich dabei an der Arbeit von Robert L. Perry und John D. Robertson in ihrem Buch Comparative Analysis of Nations: quantitative approaches. Auch wenn die 50 Staaten nur annährend 28 Prozent aller souveränen Länder der Welt darstellen[8] (Perry/Robertson 2002: 21), bilden sie dennoch eine sehr gute Grundlage und Möglichkeit für eine aussagekräftige Analyse.

Tabelle 1: geopolitische Klassifikation der 50 untersuchten Länder

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Hinweis: Bei den osteuropäischen Ländern sind ebenfalls Länder der ehemaligen Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken (UdSSR) mit aufgeführt. Die arabischen Länder befinden sich im mittleren Osten und in Nordafrika.

Quelle: Robert L. Perry/John D. Robertson, 2002: Comparative Analysis of Nations: quantitative

approaches, Oxford, 23 (nach eigener Übersetzung von TABLE 1.3)

Der Grund dafür ist zum einen, dass diese 50 ausgewählten Länder zusammen rund 74,2 Prozent der weltweiten Landfläche[9], 81,6 Prozent der Weltbevölkerung von 1997 und 88,4 Prozent der weltweiten Wirtschaftskraft[10] von 1997 umfassen (Perry/Robertson 2002: 21).

Zum anderen lassen sich die 50 Länder, wie Tabelle 1 zeigt, in sechs verschiedene geopolitische Regionen klassifizieren, so dass auch Länder mit erheblichen kulturellen und wirtschaftlichen Unterschieden, die auf Grund der unterschiedlichen geographischen Lage existieren, berücksichtig werden können. Des Weiteren kommt es bei dieser kleineren Auswahl von Fällen, im Gegensatz zu einem Datensatz, in dem die Daten aller Länder der Welt erfasst wären, zu weit aus weniger Problemen bei der Datenerhebung[11].

Als abhängige Variable wurde der Demokratieindex von Freedom House für alle 50 Länder erfasst. Der Freedom House Index bewertet die bürgerlichen Rechte und die politischen Freiheiten, die die Bevölkerung eines Landes besitzt. Mit Hilfe einer Skala[12] von 1 bis 7 werden die Länder in nicht frei, partiell frei oder frei klassifiziert. Bei der Untersuchung des Freiheitsstatus der 50 Länder ergab sich, dass mit 23 Ländern nicht einmal die Hälfte der untersuchten Fälle vom Freedom House Index als frei deklariert worden sind. 18 Länder wurden als partiell frei und 9 Länder sogar als nicht frei bezeichnet[13].

Es stellt sich also die Frage, welche Faktoren zu diesen unterschiedlichen Ergebnissen führen. Dazu wird in den nächsten Kapiteln untersucht, welchen Einfluss strukturelle und kulturelle Faktoren auf die Freiheit und somit auch auf die Demokratie ausüben.

3.1. Wirtschaft als strukturalistischer Faktor

Wirtschaftliche Leistungsfähigkeit ist ein klassischer strukturalistischer Faktor. Wirtschaftskraft und wirtschaftliche Entwicklung führen zu Veränderungen der Sozialstruktur einer Gesellschaft (Inglehart 2000: 92) und üben, wie im weiteren Verlauf der Untersuchung darlegt wird, auch einen Einfluss auf das Maß der Freiheit in einer Nation aus.

Um die Wirtschaftskraft eines Landes für einen Vergleich mit anderen Ländern zu messen, gibt es verschiedene Möglichkeiten.

[...]


[1] Die Begründung für diese Auswahl erfolgt im 3. Kapitel.

[2] Der Freedom House Index ist nur einer von vielen Indizes, der versucht Demokratie zu messen. Alle diese Indizes werten, beziehungsweise urteilen, auch wenn sie lediglich einen Zustand beschreiben wollen (Beetham 1994: 35). Ein Bias bei der Festlegung der Kriterien der Indizes um die Demokratie zu messen, kann nicht ausgeschossen werden.

[3] Die Religionstypologien und die Zuordnung der verschiedenen Religionsgemeinschaften sind im Anhang auf Seite 18 angeführt. Religionsgemeinschaften, die keiner Weltreligion eindeutig zugeordnet werden konnten (Sikhs, Shinto, Batai, Anhänger von diversen Naturreligionen, sowie Anhänger chinesischer Religionen) wurden aufgrund geringer prozentualer Anteile an der Gesamtbevölkerung und/oder sehr geringer Fallzahl nicht mit in die Untersuchung aufgenommen. In Ländern, in denen hohe Prozentanteile der Gesamtbevölkerung dadurch nicht mit in die Untersuchung aufgenommen wurden (Japan, China), sollte es durch das hohe Vorkommen von Mischreligionen und zahlreichen Menschen, die mehreren Religions-gemeinschaften angehören, zu keinen ausschlaggebenden Verzerrungen des Analyse-ergebnisses kommen.

[4] Diese Meinung wird oft als elitär angesehen und im Gegenzug behauptet, dass faktisch jede Kultur mit ihrer Religion demokratiefähig sei (Inglehart 2000: 92). Der Autor will damit auch keiner Religionsgemeinschaft die grundsätzliche Fähigkeit für Demokratie absprechen.

[5] Auch diese Klassifizierung von Theorien kann nicht in jedem Fall eindeutig erfolgen.

[6] Dieser Fakt wird besonders von Vertretern des Rational Choice Ansatzes oftmals kritisiert.

[7] Tabelle 1 auf der folgenden Seite zeigt alle 50 Länder nach der geopolitischen Klassifikation. Eine tabellarische Übersicht aller Länder in alphabetischer Reihenfolge befindet sich im Anhang auf Seite 21-22. Eine Weltkarte als Übersicht über die geographische Lage der 50 Länder befindet sich ebenfalls im Anhang auf Seite 20.

[8] Stand: 1997

[9] in Quadratkilometern gemessen

[10] am Bruttoinlandsprodukt gemessen

[11] Es gestaltet sich oftmals schwierig von einigen Ländern Daten zu bekommen, die die nötige

Reliabilität und Validität aufweisen können. Die Erhebung von bestimmten Daten ist für manche Länder zu aufwendig und zu kostenintensiv oder liegt teilweise gar nicht im Interesse der jeweiligen Regierung (Perry/Robertson 2002: 20).

[12] Auf der Freedom House Skala von 1 bis 7 ist die 1 der Wert für den höchsten und die 7 der Wert für den niedrigsten Freiheitsstatus. In der weiteren Analyse wurden diese Werte für eine stärkere Erklärungskraft in ihrer Bedeutung genau umgedreht. Folglich ist die 7 nun der höchste Wert für den Freiheitsstatus und die 1 der niedrigste Wert. Das heißt, umso höher der erreichte Wert eines Landes, desto mehr Rechte und Freiheiten besitzen die Bürger.

[13] Für diese Klassifikation wurden die umkodierten Werte der bürgerlichen Freiheiten und politischen Rechte addiert und anschließend durch zwei dividiert. Lag dieser Durchschnitt bei 1,0 bis 2,5 wurden die Länder als nicht frei, bei Werten von 3,0 bis 5,0 als partiell frei und bei Werten von 5,5 bis 7,0 als frei eingestuft. Diese Einteilung entspricht im Ergebnis selbstverständlich der Klassifizierung der Länder von Freedom House aus dem Jahr 2001.

Ende der Leseprobe aus 31 Seiten

Details

Titel
Der Einfluss von Kultur und Strukturen auf die Demokratie
Hochschule
Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald  (Institut für Politikwissenschaft)
Note
1,7
Autor
Jahr
2004
Seiten
31
Katalognummer
V31384
ISBN (eBook)
9783638324144
ISBN (Buch)
9783656599234
Dateigröße
881 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Einfluss, Kultur, Strukturen, Demokratie
Arbeit zitieren
Tilo Siewert (Autor), 2004, Der Einfluss von Kultur und Strukturen auf die Demokratie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/31384

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