Bildungsgerechtigkeit durch Betreuungsgeld? Das Spannungsverhältnis zwischen öffentlicher und privater Verantwortung

Kritische Reflexionen


Hausarbeit (Hauptseminar), 2013
23 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Die Einführung des Betreuungsgeldes

3. Erziehung zwischen öffentlicher und privater Verantwortung

4. Bildung als Privileg?!
4.1 Abbau von Bildungsungleichheiten: Familienpolitik zwischen Traditionalismus und Moderne?
4.2 Auswirkungen frühkindlicher Betreuung auf spätere Bildungsmöglichkeiten im Kontext des Betreuungsgeldes
4.3 Betreuungsgeld Hemmnis oder Förderung von Bildungsgleichheit? Progressivismus vs Konservatismus
4.3.1 Die Befürworter, die Wahlfreiheit und die Bindungstheorie
4.3.2 Chancengleichheit, Volkswirtschaft und Frauenemanzipation

5. Fazit: Familiäre und öffentliche Qualität stärken

6. Abschluss

1. Einleitung

„Das Betreuungsgeld ist schädlich. Das Betreuungsgeld ist teuer. Das Betreuungsgeld will niemand - außer der CSU.“1

Mit diesen Worten wird man auf der Homepage des Aktions-Bündnis gegen das Be- treuungsgeld, begrüßt. Es lässt sofort deutlich werden, dass enormer Widerstand gegen das Betreuungsgeld herrscht und dass mit großer Bereitschaft dagegen vorgegangen werden soll. Diesem Aktionsbündnis gehören unter anderem wichtige Parteien und Or- ganisationen an, wie beispielsweise die SPD oder die „AWO“ (Arbeiterwohlfahrt).

Seit 1. August 2013 ist das Betreuungsgeld jedoch Realität in der deutschen Familien- politik. Jede/r erhält es, der für sein unter dreijähriges Kind keinen Kitaplatz in An- spruch nehmen möchte. Wie mit dem einleitenden Zitat gezeigt wird, trifft das Betreu- ungsgeld auf enorm hohe Gegenwehr aus Politik und Bevölkerung. Polemische Beina- men wie „Herdprämie“, durch die die antifeministischen Effekte des Betreuungsgeldes deutlich gemacht werden sollen, entflammten die öffentliche Diskussion um das Be- treuungsgeld. Befürworter, meist aus konservativen Kreisen, argumentieren mit der Wahlfreiheit der Eltern, der Wertschätzung der Erziehung und der Wichtigkeit der Bin- dung zwischen Kind und Bezugsperson.2 Gegner dagegen protestieren und erklären das Betreuungsgeld fördere soziale Ungleichheit und ein veraltetes Familienmodell bzw. ein rückständiges Frauenbild.3

Nicht sofort wird klar warum diese Diskussion mit so vielen Emotionen, Widerständen und Kampfgeist geführt wird. Offenkundig geht es doch lediglich um 100 bzw. später 150 € pro Monat für Eltern, die ihr Kind nicht öffentlich betreuen lassen möchten. 100 bzw. 150 € sehen im Verhältnis zu sonstigen staatlichen Förderungen wie Elterngeld oder Ehegattensplitting relativ gering aus. Warum also diese große Bandbreite an Dis- kussion?

Anscheinend geht es also um mehr als nur vermeintlich 100 bzw.150 Euro pro Monat für Eltern. Es geht um die Sichtweise von verschiedenen (ideologischen) Familienmodellen, um die Frage der Frauenemanzipation, um Volks- und Betriebswirtschaft, um Humankapital und um das Verhältnis von frühkindlicher Betreuung und späterer Bildung und um dessen Chancengleichheit. Auf letzteren Punkt soll in der vorliegenden Arbeit vertieft eingegangen werden, ohne die anderen zu vernachlässigen. Es soll untersucht werden inwieweit frühkindliche Bildung Effekte hat auf spätere Bildungschancen und welche Rolle hierbei das Betreuungsgeld spielt. Wirkt es förderlich oder hemmend für Chancengleichheit in Deutschland. Was spricht dafür, was dagegen? Gibt es klare Antworten und Lösungsvorschläge für die Diskussion oder müssen weitere Reformen in der Familien-/Bildungspolitik durchgeführt werden?

Im zweiten Kapitel wird ein kurzer Überblick über das Betreuungsgeld gegeben. Wann wurde es eingeführt und welche Wünsche und Hoffnungen sind mit ihm verbunden. Im nächsten Kapitel wird auf das Dilemma der Familien- und Bildungspolitik eingegangen, die stets zwischen öffentlicher und privater Verantwortung in der Erziehung agieren muss. Was soll öffentlich gefördert und gefordert werden, welche Gelder sollen direkt ins Private der Erziehung fließen? Welche Ursachen und Folgen hat dies für die Bildung und die Chancen auf Bildung?

Im 4. Kapitel wird weiter der Zusammenhang zwischen Bildung und sozialer Herkunft erörtert und dargestellt welchen Einfluss frühkindliche Förderung darauf hat bzw. haben könnte. Die Befürworter und deren Argumente des Betreuungsgeldes werden vorgestellt sowie die Gegner und deren Sichtweise. Anschließend wird ein Fazit gegeben und er- klärt welche weiteren Maßnahmen sinnvoll sein könnten um in der kontroversen Päda- gogik zwischen Öffentlichkeit und Privatheit förderlich für Bildung, zu agieren. Es folgt ein Resümee der Arbeit.

2. Die Einführung des Betreuungsgeldes

Bereits im Jahr 2007 wurde beim sogenannten „Krippengipfel“ zwischen Bund, Ländern und Kommunen der Ausbau von Kindertagesstätten entschieden. Ziel war es Krippenplätze für unter dreijährige Kinder zu schaffen. Hier lag ebenfalls die Entscheidung für die Einführung des Betreuungsgeldes für Familien, die keine öffentliche Betreuung für ihre unter dreijährigen Kindern in Anspruch nehmen möchten.

Seit dem 1. August 2013 ist dies auch gesetzlich verankert. Eltern haben seitdem einen Anspruch auf einen Krippenplatz bzw. auf das Betreuungsgeld (vgl. BMFSFJ 2012). Laut dem Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) dient das Betreuungsgeld dazu, Familien eine umfassende und bestmögliche Wahlfreiheit in Sachen Erziehung ihrer Kinder zu garantieren. Sie sollen frei entscheiden können, ob sie die Erziehung ihrer Kinder ganz privat gestalten möchten oder ob sie öffentliche Einrichtungen zur Hilfe heranziehen. Des Weiteren wird auf die „Anerkennungs- und Unterstützungsleistung“ der Eltern, die ihre Kinder ausschließlich „selbst“ erziehen, verwiesen. Mit dem Betreuungsgeld eröffne sich ein „Gestaltspielraum“ und „Wahlfreiheit“ der Betreuung. Ansonsten würden Eltern, die den Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz nicht in Anspruch nehmen, benachteiligt werden (vgl. bmfsfj.de).

Anspruch auf Betreuungsgeld haben alle Eltern, deren Kind nach dem 30.07.2012 geboren wurde und die keine frühkindliche Betreuungseinrichtung (Kita) in Anspruch nehmen möchten. Das Betreuungsgeld kann ab dem 15. bis zur Vollendung des 36. Lebensmonats bezogen werden und beträgt zunächst 100 Euro pro Monat. Ab dem 01.08.2014 sogar 150 Euro pro Monat. Das BMFSFJ betont, dass die Erwerbsbeteiligung nicht beeinflusst werden solle und erklärt, dass das Betreuungsgeld auch während der Erwerbstätigkeit bezogen werden kann, da von den 100 € bzw. 150 € beispielsweise auch ein Aupairmädchen/junge o.ä. finanziert werden könnte (vgl. ebd.). Die hier erläuterte Vereinbarung zur Einführung des Kinderförderungsgesetzes und damit auch des Betreuungsgeldes ließen eine heftige politische und öffentliche Diskussion beginnen. Die damalige Opposition der 17. Legislaturperiode aus SPD, Linke und Grüne fing heftig an gegen das Betreuungsgeld zu wettern. Es wurde als Ergebnis eines „Kuhhandels“ zwischen CDU und FDP bezeichnet und bekam den polemischen Beinahmen „Herdprämie“. Jürgen Trittin (Grüne) bezeichnete es als „kinderfeindlich, frauenfeindlich, familienfeindlich“4. Diese, mit Emotionen geladene Debatte, scheint deutlich werden zu lassen, dass es um mehr geht als nur um die Einführung einer vermeintlich geringen Familienunterstützung. Es geht viel mehr um eine Grundsatzentscheidung in der Familienpolitik. Das Betreuungsgeld wird hier als Symbol für die grundsätzliche Frage nach öffentlicher oder privater Förderung von Bildung und Erziehung gesehen (vgl. Hurrelmann et.al. 2012, S. 17f). Die Familienpolitik und damit auch das Wohlfahrtsstaatssystem der BRD sind an einem Scheideweg. Die Frage um das Betreuungsgeld lautet, wie hängen frühkindliche Betreuung und spätere Bildung im Sinne einer verantwortungsvollen, leistungsfähigen und gesunden Persönlichkeitsentwicklung zusammen. Und wie kann dieser Zusammenhang optimal genutzt und gefördert werden? Sollen staatliche Leistungen stärker in die öffentliche Bildung z.B. den Ausbau der Kitas fließen oder sollten direkt die Eltern diese Leistungen beziehen?

3. Erziehung zwischen öffentlicher und privater Verantwortung

Nach Artikel 6 Absatz 1 des Grundgesetzes hat die elterliche Verantwortung für die Erziehung klar die Priorität. Im juristischen Sinne spricht man auch vom „Gebot staatlicher Familienförderung“ (Brosius-Gersdorf, S. 443). Gleichzeitig muss der Staat für die Rahmenbedingungen sorgen, damit Eltern ihre Verantwortung wahrnehmen können (vgl. Grundgesetz Art. 6). Die freie Gestaltung des Familienlebens soll gewährleistet werden, um dadurch Fürsorge und Verantwortung der Eltern, die die Priorität in der Erziehung haben, zu fördern. Mit Art. 6 des Grundgesetzes hat der Staat auch die Neutralität gegenüber verschiedenen Familienmodellen (Alleinverdiener Modell, Doppelverdiener Modell u.a.) zu gewähren und darf keines bevorzugen oder benachteiligen. Das heißt, die konkrete Wahl des Familienmodells sollte durch finanzielle Leistungen unbeeinflusst bleiben (vgl. Brosius-Gersdorf S. 444-446).

Mit dem Wandel der Gesellschaft in die Moderne, und seit einigen Jahrzehnten zur so genannten Wissensgesellschaft, vollzog sich in der Pädagogik und damit in der Familien- und Bildungspolitik ein anscheinender Wandel von privater hin zur öffentlichen Verantwortung in der Erziehung. Die Wohlfahrtsstaaten der EU mussten auf den Wandel der Familienstrukturen reagieren. Es folgten Maßnahmen der Defamiliarisierung, und Kinderbetreuung wurde zunehmend aus der Familie genommen (vgl. Pfau-Effinger und Saxonberg 2013, S. 61).

In der frühen Betreuung/Bildung sieht man einen der wichtigsten Faktoren für die Zukunftsfähigkeit der Gesellschaft. Daher soll diese besonders gefördert und unterstützt werden (vgl. BMFSFJ 2013, S. 5-10). Noch nicht klar scheint jedoch zu sein, wie stark und mit welchen Mitteln Familien bzw. öffentliche Bildungs- und Erziehungsträger unterstützt werden sollen. Der Streit um das Betreuungsgeld scheint gerade in diesem Konflikt zwischen öffentlicher und privater Verantwortung und dessen Grenzziehung zu liegen.

Da es Ziel der Bundesregierung ist, soziale Ungleichheiten abzubauen, Bildungspotentiale zu aktivieren und Benachteiligungen abzubauen, gewinnen staatliche Interventionen in der Pädagogik an Bedeutung für gesamtgesellschaftliche Prozesse. Eine (post)moderne Gesellschaft lebt von der oben genannten öffentlichen Verantwortung in der Erziehung. Die neusten Reformen der Bildungspolitik zielen darauf ab, mehr öffentlichen Einfluss auf Erziehung und Bildung zu gewinnen, um auf den Wandel der Gesellschaft angemessen zu reagieren. Beispiele hierfür sind die Einführung der Ganztagsschulen, der Ausbau der Kitas und die „frühen Hilfen“ des KJHG (vgl. ebd., S 37f).

Mit dieser Verschiebung hin zur öffentlichen Verantwortung kommen gleichzeitig „Rückwärtstrends“, wie z.B. das Betreuungsgeld, auf, die den Fokus wieder auf das Private legen. Ein Dilemma zwischen Familialisierung und Defamilialisierung ist entstanden.

Nicht nur im Kinder- und Jugendbericht wird gezeigt, dass das Wohlbefinden von Kindern und Jugendlichen maßgeblich von wirtschaftlicher, sozialer und kultureller Lage der Eltern abhängig ist. Durch eine schlechte Lage der Eltern in den drei genannten Bereichen folgt eine schlechte Leistungs- und Sozialentwicklung der Kinder. Will nun der Staat im Sinne eines Wohlfahrtstaates reagieren, muss er hier intervenieren, um die Gesellschaft am Leben zu erhalten.

Im konservativen Wohlfahrtsstaatsmodell der BRD gilt wie oben erläutert die Familie als Keimzelle des Staates. Erst wenn nichts anderes mehr greift und die Not groß ist, soll der Staat, im Sinne eines Erziehers, Intervention betreiben. Dieses, für manche veraltete Modell, basiert auf der Idee der bürgerlichen Familie, in der der Mann außer Haus arbeitet und die Frau das Häusliche pflegt. Der Mann ist der klassische Ernährer der Familie, er bringt das Geld nach Hause und trägt in der Öffentlichkeit Sorge um sie. Die Frau dagegen kümmert sich um das Private im Haus, um den Haushalt, die Kindererziehung und das innerliche Wohlergeben der Familie (vgl. Nave-Herz 2013). Familien, die nach diesem Modell agieren und leben, werden vom Staat getragen und unterstützt. In Deutschland liegt der Fokus, trotz neuer öffentlicher Pädagogisierung, nach wie vor auf der direkten Förderung der Familie, was sich durch die enormen Ausgaben durch das Elterngeld oder das Ehegattensplitting zeigt (vgl. Berth und Rauschenbach 2013). Abweichende Familien wie beispielsweise Alleinerziehende, Hartz-4 Familien oder sonstige Patchwork Familien werden somit benachteiligt. Durch den Anstieg dieser „alternativen“ Familien in den letzten Jahrzehnten, ist auch die Benachteiligung einiger Kinder in Deutschland gestiegen. Noch nie war soziale Herkunft so ausschlaggebend für Bildungschancen oder eben für keine Chancen. Lässt sich hieraus schließen, dass direkte staatliche Subventionen für Eltern nur die „bürgerliche“ Familie fördert und den Rest ausschließt und somit ein Teil der Kinder die Chance auf Bildungsmöglichkeiten verwehrt bleibt? (vgl. Hurrelmann und Schultz 2013). Man ist in einem Dilemma, das einerseits Gelder in die öffentlichen Bildungseinrichtungen und deren Reformen wie z.B. der Ausbau der Ganztagsschule fließen, auf der anderen Seite aber das konservative Modell rund um die „klassische Familie“ wirken soll. Aufgabe von Familien- und Bildungspolitkern/innen ist es in dieser kontroversen Situation zu agieren.

Die veralteten Strukturen der Familien- und Bildungspolitik der BRD werden deutlich und die feurige Diskussion um das Betreuungsgeld, als Stellvertreter in dieser Weichenstellung der Familienpolitik wird in diesem Kontext klar. Es geht mehr als nur um das Betreuungsgeld, sondern vielmehr um die Zukunft und die Gestaltung der Familien-/Bildungspolitik in der BRD.

Inwieweit das bisherige Modell nicht mehr greift und defizitär zu sein scheint und wie stark die soziale Herkunft ausschlaggebend für Bildungschancen ist, wird im Folgenden näher erläutert werden. Wie können soziale Ungleichheiten vermindert werden, welche Reformen können wirklich Erfolge bringen und inwieweit sind Kompromisse nötig bzw. sinnvoll?

[...]


1 Abzurufen online unter: http://neinzumbetreuungsgeld.de/ (abgerufen am 20.12.2013)

2 So beispielsweise auf dem Werbeflyer zum Betreuungsgeld der CSU, online unter:

http://www.csu.de/common/csu/content/csu/hauptnavigation/dialog/infomaterial/flyer_betr euungsgeld.pdf (abgerufen am 20.12.2013)

3 So beispielsweise bei einer Stellungnahme der Bundesfraktion DIE LINKE, online unter: http://www.linksfraktion.de/themen/betreuungsgeld/ (abgerufen am 20.12.2013) 3

4 Der Bundestag beschließt die Einführung des Betreuungsgeldes online unter: http://www.bundestag.de/dokumente/textarchiv/2012/41446253_kw45_de_betreuungsg eld/index.html (abgerufen am 20.12.2013)

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Bildungsgerechtigkeit durch Betreuungsgeld? Das Spannungsverhältnis zwischen öffentlicher und privater Verantwortung
Untertitel
Kritische Reflexionen
Hochschule
Universität Trier
Note
2,0
Autor
Jahr
2013
Seiten
23
Katalognummer
V314034
ISBN (eBook)
9783668131965
ISBN (Buch)
9783668131972
Dateigröße
800 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Betreuungsgeld, Emanzipation, Kinder, Familienpolitik
Arbeit zitieren
Stephan Schmider (Autor), 2013, Bildungsgerechtigkeit durch Betreuungsgeld? Das Spannungsverhältnis zwischen öffentlicher und privater Verantwortung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/314034

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