Steht Postmodernismus im Postkolonialismus für eine Politik der Dekolonialisierung?

Zum Macht- und Subjektbegriff bei Michel Foucault und Edward Said


Hausarbeit, 2013

20 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Michel Foucault und die Macht
2.1 Macht, Wissen, Wahrheit und Diskurs
2.2 Das Subjekt im Netz der Macht
2.3 Foucault für eine Politik der Dekolonialisierung?

3. Edward Saids Orientalismus
3.1 Macht, Institutionen und der kolonialisierende Staat
3.2 Humanismus und der Wille des Subjekts

4. Macht und Subjekt im Vergleich

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Postkoloniale Theorie steht gegenwärtig methodisch sowie konzeptionell in enger Beziehung zu postmoderner Theorie. Beide Ansätze teilen zudem das Bestreben Universalismus und Normativität als Grundlage von Theoriebildung und Gesellschaftsanalyse zu dekonstruieren und stattdessen den wissenschaftlichen Fokus auf Repräsentation sowie die wechselseitige Beziehung von Konstruktion und Ausschluss zu lenken (vgl. Küster 1998: 207). Dennoch ist das Verhältnis von postkolonialer zu postmoderner Theoriebildung ambivalent. Antikolonialer Aktivismus stellte einen Ausgangspunkt für die postkoloniale Theorie dar (vgl. Dhawan/do Mar Castro Varela 2005: 25), diese entstand in engem Austausch mit real-politischen Zusammenhängen. Ein zentrales Ziel postkolonialer Theoriebildung besteht folglich traditionell darin, einen Prozess der Dekolonialisierung auch in der politischen Praxis voranzutreiben. Postmoderne Ansätze zielen im Gegensatz dazu auf die Abstraktion gesellschaftlich-politischer Themen und diskutieren diese auf einer Meta-Ebene (vgl. Villa 2004: 234, 238).

Während Vorläufer der postkolonialen Theoriebildung, wie Frantz Fanons Werk ‚Schwarze Haut, weiße Masken’ von 1952, vor allem durch politisch-interventionistische Ansätze geprägt waren, so zeichnet sich die postkoloniale Theoriebildung seit den 1970er Jahren durch eine stärker theoretisch- philosophische Ausrichtung aus (vgl. Bachmann-Medick 2006: 187) - insbesondere postmoderne Ansätze werden seitdem zunehmend rezipiert. Für die theoretische Offenlegung und Kritik an den Kontinuitäten kolonialer Herrschaftsbeziehungen und an westlichen Epistemologien als Grundlage derselben erweisen sich diese in der postkolonialen Theoriebildung als bereichernd (vgl. Dhawan/do Mar Castro Varela 2005: 8). In Bezug auf die politisch-interventionistischen Ziele postkolonialer Theorie scheint dies hingegen fraglich.

Insbesondere marxistische Kritikerinnen innerhalb der postkolonialen Theoriebildung haben postmoderne Ansätze hinsichtlich ihres real-politischen Potentials zur Umsetzung einer politischen Praxis der Dekolonialisierung1 problematisiert.2 Diese ist letztlich unter anderem angewiesen auf ein Subjektverständnis, welches dem Subjekt die Möglichkeit zugesteht willentlich, widerständig und zielgerichtet zu agieren sowie auf einen Machtbegriff, mit dem der subjektive Besitz, Gebrauch und Verlust von Macht gedacht werden kann.3 Postkoloniale Theorie als theoretischer Rahmen einer politischen Praxis der Dekolonialisierung muss diesen Anforderungen gerecht werden - inwieweit postmoderne Konzeptionen von Macht und Subjekt dies leisten können, ist umstritten.

Edward Said, der von Robert Young zusammen mit Gayatri C. Spivak und Homi Bhaba als heilige Dreifaltigkeit der postkolonialen Theorie bezeichnet wird (vgl. Young 1995: 163), verwendet in seinem Werk ‚Orientalismus’ Foucaults Methode der Diskursanalyse und rekurriert dadurch auf dessen postmoderne Konzeptionen von Macht und Subjekt. Saids Rezeption Foucaults in ‚Orientalismus’ zeichnet sich jedoch in entscheidenden Aspekten durch Differenzen zu dessen Macht- und Subjektbegriff aus. Insofern kann sein Werk als Versuch gewertet werden, Foucaults postmoderne Konzeptionen von Macht und Subjekt mit den theoretischen Anforderungen einer Politik der Dekolonialisierung vereinbar zu machen.

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit der Beziehung zwischen Macht und Subjekt sowie den sich daraus ergebenden Konsequenzen für die Handlungs- und Widerstandsfähigkeit des Subjekts bei Foucault und bei Said im Vergleich. Die zentrale Fragestellung dabei ist, ob es Said gelingt den postmodernen Subjekt- und Machtbegriff Foucaults mit einer Politik der Dekolonialisierung vereinbar zu machen. Dabei konzentriert sich die Untersuchung in erster Linie auf die Möglichkeit zu gezieltem Widerstand des Subjekts einerseits und zum bewussten Machterwerb, Machtgebrauch und Machtverlust des Subjekts andererseits als zentrale Anforderungen an den theoretischen Rahmen einer Politik der Dekolonialisierung.

Im ersten Teil des Hauptteils der Arbeit möchte ich zunächst Foucaults Machtbegriff erläutern und in Folge seine Subjektkonzeption darlegen. Danach wird es zentral um die Frage gehen, welche Probleme sich aus dem postmodernen Zugriff auf Subjekt und Macht Foucaults für die Umsetzbarkeit einer politischen Praxis der Dekolonialisierung ergeben. Im zweiten Teil der Arbeit liegt der Fokus auf Edward Saids Macht- und Subjektbegriff. Der dritte Teil der Arbeit widmet sich dem Vergleich des Macht- und Subjektbegriffs von Foucault und Said. Im Schlussteil werde ich nach einer kurzen Zusammenfassung der wesentlichen Aspekte der Arbeit darauf eingehen, ob Saids Rezeption von Foucault die Probleme lösen kann, welche sich aus dessen Konzeptionen für die Umsetzbarkeit einer Politik der Dekolonialisierung ergeben. Dabei werde ich mich auf jene Probleme beziehen, welche im ersten Teil der Arbeit bereits diskutiert wurden.

2. Michel Foucault und die Macht

Wenngleich sich Michel Foucault explizit dagegen aussprach, dass sein Werk als Entwurf einer Theorie der Macht aufgefasst wird (vgl. Foucault 2005: 240-241), so erweist sich die Macht dennoch als zentrales Element seiner Analysen. Die unterschiedlichen Machttypen, welche Foucault im Verlauf seines Werks darlegt, sind nicht konträr zu verstehen, sondern schließen aneinander an und resultieren aus seinem Bestreben, eine Analyse der Weiterentwicklungen und Verschiebungen von Machtmechanismen in der Geschichte vorzulegen. Für die Beantwortung der Fragestellung der vorliegenden Hausarbeit ist insbesondere das Verständnis der Macht als produktiv und dezentral bedeutend, welches in ‚Der Wille zum Wissen’ und ‚Überwachen und Strafen’ zum Ausdruck kommt. Daneben spielt der Zusammenhang von Macht, Diskurs, Wahrheit und Wissen eine bedeutende Rolle. Diese Aspekte von Foucaults Machtbegriff sollen im Folgenden näher erläutert werden. Foucaults Subjektbegriff beruht auf seiner Konzeption der Macht und wird daher im Anschluss thematisiert.

2.1 Macht, Wissen, Wahrheit und Diskurs

In ‚Der Wille zum Wissen’ beschreibt Foucault die Macht als „ die Vielf ä ltigkeit von Kr ä fteverh ä ltnissen, die ein Gebiet bev ö lkern und organisieren (Foucault 2012: 93).

Diese Kräfteverhältnisse stützen einander, indem sie sich zu strategischen Systemen verbinden (vgl. Foucault 2012: 93). Daraus ergibt sich die Macht als Netz, welches unterschiedliche Machtmechanismen hervorbringt, die miteinander in Beziehung stehen. Die Macht hat folglich keinen zentralen Ausgangspunkt, sie wird vielmehr in jedem Punkt zu jeder Zeit erzeugt - sie ist allgegenwärtig. Macht wirkt nicht von außen auf gesellschaftliche Verhältnisse ein, sondern ist diesen immanent (vgl. Foucault 2012: 94). Jedes Subjekt ist in jedem Handeln durchzogen von Macht, dennoch wird diese nicht vom subjektiven Interesse einer oder weniger Personen geleitet. Die Macht ist zwar nicht subjektiv steuerbar, aber dennoch intentional - sie ist mit klaren Zielsetzungen und Absichten verbunden, diese gehen aber von keinem Subjekt aus, sondern entwickeln sich aus den anonymen und dezentralen Machtbeziehungen selbst (vgl. Foucault 2012: 95).

Entgegen der Vorstellung einer Negativmacht, welche lediglich verdrängt, verbietet, ausschließt und unterdrückt, ist Foucault von der produktiven Kraft der Macht überzeugt. In ‚Der Wille zum Wissen’ zeichnet Foucault die historische Entwicklung von repressiver Macht hin zu produktiver Macht nach: Während die Macht in vormodernen Gesellschaften darauf ausgerichtet war, Subjekte physisch zu bestrafen und mit dem Tod zu bedrohen, so artikuliert sich die Macht in modernen Gesellschaften weitaus komplexer. Es geht nicht mehr vorrangig darum, über Leben und Tod zu entscheiden, sondern darum, das Leben zu organisieren und zu kontrollieren (vgl. Foucault 2012: 135). Diese neue Form der Macht, welche Foucault Bio-Macht nennt, zeichnet sich gerade durch ihre produktive Wirkungsweise aus.

Die Produktivität der Macht manifestiert sich nicht zuletzt in ihrer Fähigkeit Wissen zu erzeugen und dadurch die Zugriffs- und Kontrollfelder der Macht selbst zu erweitern (vgl. Foucault 2008: 39). Macht und Wissen beschreiben ein wechselseitiges Verhältnis, da [...] es keine Machtbeziehung gibt, ohne dass sich ein entsprechendes Wissensfeld konstituiert, und kein Wissen, das nicht gleichzeitig Machtbeziehungen voraussetzt und konstituiert (Foucault 2008: 39).“

Die Bio-Macht beruht auf der Wissensproduktion der Humanwissenschaften. Eine Organisation und Kontrolle der Bevölkerung - des „Gesellschaftskörpers“ - wurde durch die Konstituierung von Wissen über das Leben des Menschen möglich (vgl. Foucault 2012: 31-32).

Der Nexus von Macht und Wissen als zentrales Element von Foucaults Machtbegriff wirkt durch Diskurse. Die Macht strukturiert Diskurse und legitimiert sowie artikuliert sich diskursiv. Diskurse sind folglich Ausdruck sowie „Werkzeug“ der Macht und erzeugen in dieser Funktion Wirklichkeit. Sie kanalisieren und strukturieren Wissen über einen bestimmten Bereich - sowie diesen Bereich selbst (vgl. Foucault 2012: 72). Diskursen kommt demzufolge die Fähigkeit zu, Beziehungen zwischen "Institutionen, ö konomischen und gesellschaftlichen Prozessen, Verhaltensformen, Normsystemen, Techniken, Klassifikationstypen und Charakterisierungsweisen herzustellen (Foucault 1997: 68)“.

In Foucaults Konzeption sind Diskurse - ähnlich der Macht selbst - anonym und dezentral und können nicht subjektiv gesteuert werden. Jedes Subjekt, das sich an einem bestimmten Diskurs beteiligen möchte, muss den Regeln des Diskurses folgen, sich also diesen entsprechend artikulieren, um Teil des Diskurses zu sein (vgl. Foucault 1991: 22).

Diskurse formieren sich entlang der binären Codierung in Vernunft und Wahnsinn beziehungsweise in wahr und falsch. Wesentlich ist daher auch die Rolle der Wahrheit in diesem Zusammenhang: Wissen erscheint in Form von Diskursen und unterliegt deren binärer Codierung in wahr und falsch, welche ein diskursives Ausschließungsprinzip darstellt (vgl. Foucault 1991: 10-12). Die Festlegung bestimmter Wissensinhalte als wahr bedingt dabei die Verwerfung anderer als falsch und schließt letztere aus dem Kanon des „wahren Wissens“ und damit aus dem entsprechenden Diskurs aus (vgl. Foucault 1992: 11-12). Dieser Prozess erfolgt anonym und nicht subjektiv gesteuert durch die Macht. Wahrheit befindet sich folglich niemals außerhalb der Macht. Sie selbst fungiert als diskursives Ausschließungsprinzip und damit als Machtmechanismus. Demzufolge stellt Wahrheit niemals einen Gegenpol zur Macht dar; sie kann nicht dafür genutzt werden, die Macht radikal zu kritisieren oder zu bekämpfen (vgl. Foucault 2005: 293).

Wesentlich in Bezug auf Foucaults Machtverständnis ist nicht zuletzt die Unterscheidung zwischen Macht und Herrschaft. Macht ist für Foucault nicht per se negativ, sondern stellt die neutrale Grundlage aller gesellschaftlichen Beziehungen dar, ist veränderbar und flexibel. Herrschaft hingegen drückt sich gerade durch die Verfestigung einer bestimmten Konstellation von Machtverhältnissen aus, wodurch die Flexibilität und Veränderbarkeit der Machtbeziehungen stark reduziert wird und ein Unterdrückungsverhältnis entsteht (vgl. Foucault 2005: 288-289).

[...]


1 Politik bzw. politische Praxis der Dekolonialisierung meint hier und im Folgenden eine kritische Intervention in gegenwärtige politische Praxen mit dem Ziel den Prozess einer Dekolonialisierung der Gesellschaft voranzutreiben. Zum einen geht es dabei um konkrete Befreiungskämpfe von Kolonialisierten. Zum anderem ist es notwendig „ widerst ä ndige Methoden, Darstellungsformen und Kommunikationsstile hervorzubringen (Dhawan/do Mar Castro Varela 2005: 138) um in formal unabhängigen Staaten sowie ehemaligen kolonialisierenden Staaten die tiefe Verwurzelung des Kolonialismus in alltäglichem und politischem Denken und Handeln schrittweise aufzulösen.

2 siehe dazu beispielsweise Ahmad, Aijaz 2000: In Theory. Classes, Nations, Literatures, 3. Auflage, London

3 Weitere Aspekte, die sich in diesem Zusammenhang ebenfalls als relevant erweisen, werden hier nicht angeführt, da diese auf Grund des eingeschränkten Rahmens in der vorliegenden Arbeit nicht näher berücksichtigt werden konnten.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Steht Postmodernismus im Postkolonialismus für eine Politik der Dekolonialisierung?
Untertitel
Zum Macht- und Subjektbegriff bei Michel Foucault und Edward Said
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Otto-Suhr-Institut)
Veranstaltung
Postkoloniale Kritik an der Politik Portugals und Frankreichs
Note
1,0
Autor
Jahr
2013
Seiten
20
Katalognummer
V314170
ISBN (eBook)
9783668128071
ISBN (Buch)
9783668128088
Dateigröße
620 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Michel Foucault, Edward Said, Postkoloniale Theorie, Poststrukturalismus, Macht, Subjekt, Widerstand
Arbeit zitieren
Nicola Nagy (Autor:in), 2013, Steht Postmodernismus im Postkolonialismus für eine Politik der Dekolonialisierung?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/314170

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