Das Ideal der Imitatio Christi in Georg Büchners Erzählung "Lenz". Ein Instrument der Dsziplinarmacht?


Hausarbeit (Hauptseminar), 2013

19 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Ausführung
1. Lebensideale als Instrument der Disziplinarmacht
2. Die Imitatio Christi in der Lenz-Erzählung
2.1. Das Wandermotiv als Symptom und Strafe
2.2. Religiöse Medien und pietistisches Umfeld
3. Religionskritische Ausarbeitung der Imitatio Christi

III. Zusammenfassung

IV. Literaturliste

I. Einleitung

In seinem Aufsatz „ ‚Leyden sey all mein Gewinnst‘ Zur Aufnahme und Kritik christlicher Leidenstheologie bei Georg Büchner“1 stellt Heinrich Anz die „para- doxe Zusammenfügung von Leid und Gewinn“2 und deren Einbettung in eine pietistische Lebensweise anhand einer Liedtextstelle in Georg Büchners Erzäh- lung Lenz dar. Auch wird kurz der Anschluss an eine „Christusnegation“3 erläu- tert, wobei aber der oben erwähnte Argumentationszusammenhang um den Lei- densbegriff in den Vordergrund gestellt wird. Dabei fällt auch der Begriff „Chris- tusimitation“4, der im Folgenden als Imitatio Christi zusammengefasst wird. Auf- fällig dabei ist, dass dieses Glaubenskonzept in der Lenz-Erzählung gegenläufig dargestellt5 ist, so die These von Anz. Jedoch lässt sich diese Interpretation nicht nur auf den Leidensbegriff des Textes anwenden, sondern kann für die Krankheit von Lenz umfassend gebraucht werden.

Ich möchte mit dieser Analyse zeigen, dass dieses Lebensideal an der Generierung des Wahnsinns von Lenz nicht nur beteiligt ist, sondern darüber hinaus ein derart paradoxes Machtgefüge produziert, welches den geistig Kranken immer mehr umschließt und zu Grunde richtet. Freilich wird dies keine Gesamtanalyse des Textes auf diesen Aspekt hin - was sicherlich den Rahmen dieser Arbeit sprengen würde - vielmehr gehe ich nur auf die Textstellen ein, die für mich erkennbar die Imitatio Christi beinhalten und behandeln.

Um das Entstehen eines solchen Machtgefüges beschreiben zu können, muss ich zunächst zeigen, wie ein entworfenes Lebensideal, sich in das Begriffssystem der Disziplinarmacht von Foucault6 einordnen lässt. Ich stelle dabei die Begriffe Norm beziehungsweise Normalisierung auf eine Ebene mit der Wirkung von Idea- len, wodurch dieses als Instrument und somit Teil der Disziplin hervorgeht. Dar- aus ergeben sich dann spezifische Eigenschaften in Bezug auf die Disziplin, die als zu zeigende Machtwirkungen und -verhältnisse hervorgehen.

Als nächstes werde ich das Glaubenskonzept Imitatio Christi näher erläutern und diskutieren. Ich gehe dabei vor allem auf dessen Inhalte, wie auch auf die problematische Zusammensetzung dieses Ideals ein. Danach werde ich zeigen, an welchen Stellen die Imitatio Christi in der Lenz-Erzählung hervortritt und welche Machtverhältnisse dadurch sichtbar werden. Dieses Glaubenskonzept wird so im Ganzen als Disziplin nach Foucault aufgefasst.

Darüber hinaus gehe ich auch auf das pietistische Umfeld von Lenz und dessen Rolle bei der Generierung dieser Disziplin ein. Dabei werde ich das Krankheitskonzept der religiösen Melancholie7 heranziehen, um zu beschreiben, wie eine Fixierung auf ein Lebens- und Glaubensideal funktioniert.

Schließlich behandle ich im letzten Punkt die negative Ausarbeitung der Glaubenskonzeption Imitatio Christi in der Lenz-Erzählung unter dem Aspekt, dass der Disziplin Imitatio Christi eine pathogene Wirkung zugeschrieben wird.

1. Das Lebensideal als Instrument der Disziplinarmacht

Das Ideal im Allgemeinen gilt als „das Vollkommenste einer jeden Art und der Urgrund aller Nachbilder“8 ist aber „zugleich Leitbild menschlichen Strebens. Das Ideal ist eine spezifische Abbildung des Möglichen und bezeichnet Aufgaben oder Ziele und motiviert bzw. stimuliert das Handeln“9. Wichtig sind an dieser Stelle der Begriff Leitbild und der Aspekt, dass Ideale das Handeln motivieren, demnach von außen einwirken, oder vielmehr noch als Lenkmechanismus funktionieren. So gesehen kann ein Ideal sich in die Produktion von Wahrheiten nach Foucault ein- gliedern10:

Schließlich werden wir beurteilt, verurteilt, klassifiziert und zu Aufgaben gezwungen, wird uns eine bestimmte Art zu leben oder zu sterben entspre- chend wahrer Diskurse mit spezifischen Machtwirkungen auferlegt11.

Das Ideal erweist sich dabei als eine Art Skala zur Messung und zugleich Ab- richtung des Individuums und reiht sich dabei in einen „Komplex von Instrumen- ten, Techniken, Prozeduren, Einsatzebenen, Zielscheiben“12 ein. Diesen Zusam- menschluss nennt Foucault die Disziplin, wobei damit „Methoden, welche die peinliche Kontrolle der Körpertätigkeiten und die dauerhafte Unterwerfung ihrer Kräfte ermöglichen und sie gelehrig / nützlich machen“13, gemeint sind. Das Ideal kann damit als Teil einer Disziplin, das ein Individuum nach seinem Ziel ausrich- tet, betrachtet werden.

Letzteres geschieht durch „Strafapparate“14, welche „einen Kodex, der nicht jener des Gesetzes, sondern jener der Normalisierung sein wird“15, definieren. Sie gelten damit „wesentlich korrigierend“16. Das heißt das Individuum wird an die- sen Normen gemessen und ausgerichtet17. Die Normalität wird zum Imperativ der Disziplin, das Ideal zum Lenkinstrument beziehungsweise Leitfaden der Strafe.

So ist es nicht verwunderlich, dass Strafe und Disziplin nahezu deckungsgleich sind. Nach Foucault ist die Disziplinarmacht [ist] zu einem Gutteil mit der Verpflichtung selbst identisch. Sie ist weniger die Rache des verletzten Gesetzes als vielmehr seine Wiederholung, seine nachdrückliche Einschärfung. Der erwartete Besserungseffekt resultiert weniger aus Sühne und Reue als vielmehr direkt aus der Mechanik der Dressur. Richten ist Abrichten.18

Die Strafe für das Individuum soll folglich der intensivierten Wiederholung des Ideals und dessen Inhalten folgen. Zusätzlich kann auch durch das Verleihen von Rängen und Plätzen diese Macht wirken, indem dadurch Belohnung und Strafe erzielt wird19.

Als Ergebnis zeigt sich, dass diese Macht produktiv ist20. „Sie produziert Ge- genstandsbereiche und Wahrheitsrituale“21, indem die Disziplin durch das Indivi- duum durchgesetzt und verwirklicht wird22. Es ist daher oftmals schwierig, die Ursache, also die Disziplin selbst, von ihrer Wirkung, demnach die Umsetzung der Disziplin, zu unterscheiden.

Diese Einordnung des Ideals in das Disziplinarmachtsystem wirft die Frage auf, was passiert, wenn die Ideale unerreichbar und nicht umsetzbar sind, die Normalisierung sich demnach nicht einstellen kann?

Bei obiger Beschreibung wird angenommen, dass Ideale als etwas Erreichba- res gelten23, jedoch wird dem Idealbegriff auch die Eigenschaft der „Unerreich- barkeit“24 zugeschrieben. Dieser Aspekt erweist sich nicht nur bei meinem Defini- tionsversuch als problematisch, vielmehr werde ich zeigen, dass dies zu einem schwierigen und fragwürdigen Machtgefüge führen kann, indem die Unumsetz- barkeit eines Ideals völlig fesseln und fixieren kann. Gleich einer Spirale, die nie das Ziel erreicht, pendelt das Individuum in diesem Strafsystem zwischen Ideali- sierungen und Verfehlungen um das Unerreichbare, das paradoxe Ziel des Ideals.

Dass dies bei der Imitatio Christi der Fall ist, möchte ich im Folgenden darstellen. Zusätzlich stelle ich die einzelnen Aspekte dieses Glaubensideals heraus und ordne diese bestimmten Textstellen in der Lenz-Erzählung zu.

2. Die Imitatio Christi in der Lenz-Erzählung

„Wer mir nachfolgt, wandelt nicht im Dunkel“25, so heißt es im Johannesevan- gelium, wobei die hier genannte Nachfolge auch als gänzliches Nachahmen oder Imitieren interpretiert und übersetzt werden kann. So meint die Imitatio Christi ein „Lebens- und Glaubensideal“26, welches in die oben allgemein gehaltene De- finition von Idealen eingeordnet werden kann. Die Imitatio Christi bildet damit eben jenen Komplex beziehungsweise jene Methode, welche charakteristisch für die oben beschriebene Disziplin27 ist. Hierdurch entsteht ein Machtgefüge, wobei ein Individuum an einem Ideal ausgerichtet wird. Das Leitbild wird prägend für die Disziplin.

Dieses setzt sich aus Christi „Leben, seine[n] Tugenden, seine[n] Handlungen, Verhaltensweisen, Gefühle[n] und Empfindungen“28 zusammen, jedoch sind Formen der Verwirklichung und Grad der Intensität, wie dieses Ideal ausgelebt wird, stark historisch abhängig29, dennoch kann man die einzelnen Aspekte so zusammenfassen: Zur Imitatio Christi gehören ebenso das Dasein als Wanderpre- diger / -mönch (Peregrinatio propter Christum), welches von demütiger Askese, Familienlosigkeit und Keuschheit bestimmt wird30, wie das als „höchste Form“31 benannte „Martyrium, die Nachfolge Christi in der Passion“32. Ziel der Auslebung dieser Normen soll das „Einswerden mit Gott“33 sein, wobei stets die körperliche Nachahmung der in der Bibel beschriebenen Leiden Christi gemeint ist34. Jedoch sollen die Nachahmer Christi auf Erden (imitatores) dies nur in einem ihnen mög- lichen Rahmen ausführen. Ein „umfassende[n]s und uneingeschränkte[n]s ‚Gleichsein‘ mit dem Vorbild Christus ist fest in der unerschütterlichen Gewißheit verankert, daß zwischen diesem Vorbild und seinen irdischen ‚Nachfolgern‘ eine substantielle, absolut unaufhebbare Differenz besteht“35 und demnach unerreich- bar ist. Hier zeigt sich die oben benannte problematische Konzeption der Imitatio Christi.

Obschon dieser „verbindliche[n] Normkanon“36 stark an mittelalterliche beziehungsweise frühneuzeitliche Glaubensauffassungen erinnert und auch dort als „historisch spezifisches, sich verhältnismäßig langsam wandelndes Paradigma“37 zu verorten ist, möchte ich im Folgenden zeigen, dass einzelne Aspekte des Lebens- und Glaubensideals in der Erzählung Lenz eingearbeitet sind.

[...]


1 Anz (1981).

2 ebd., S. 163.

3 ebd., S. 165.

4 ebd., S. 165.

5 vgl. Soboth (2008), S. 158.

6 vgl. dazu Foucault (1999).

7 Dieser Begriff wird von den Autoren Seling-Dietz (2000) und Neumeyer (2012) im Zusammenhang mit Lenz Wahnsinn verwendet.

8 Templer (2006).

9 Lehmann (1986).

10 vgl. Foucault (1999), S. 32.

11 ebd..

12 Foucault (1977), S. 276 f..

13 Foucault (1977), S. 175.

14 ebd., S. 36.

15 ebd., S. 45.

16 Foucault, S. 232.

17 vgl. ebd., S. 232, S. 236, S. 237.

18 ebd., S. 232.

19 vgl. ebd., S. 234.

20 vgl. ebd., S. 250.

21 ebd., S. 250.

22 vgl. ebd., S. 249 f..

23 besonders bei Anm. 9.

24 Mertel (2007), S. 338.

25 Johannes 2,18. Im Literaturverzeichnis aus Die Bibel.

26 de Rentiis (1998), S. 296.

27 Im Folgenden wird deshalb vereinfachend von der Disziplin Imitatio Christi gesprochen.

28 de Rentiis (1998), S.296.

29 vgl. ebd. Zur uneinheitlichen Auslegung der Imitatio Christi siehe auch Thomas von Kempten (Thomas a Kempis): Hier wird an keiner Stelle erwähnt, welche Taten Jesu konkret ͣnachgeahmt“ werden sollen.

30 vgl. de Rentiis (1998), S. 297.

31 vgl. Tholen (2007), S. 344.

32 ebd..

33 Hörner, S. 54.

34 vgl. de Rentiis (1996), S. 38 f..

35 ebd..

36 ebd..

37 de Rentiis (1998), S. 296.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Das Ideal der Imitatio Christi in Georg Büchners Erzählung "Lenz". Ein Instrument der Dsziplinarmacht?
Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
Note
1,7
Autor
Jahr
2013
Seiten
19
Katalognummer
V314235
ISBN (eBook)
9783668134232
ISBN (Buch)
9783668134249
Dateigröße
796 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
ideal, imitatio, christi, georg, büchners, erzählung, lenz, instrument, dsziplinarmacht
Arbeit zitieren
Jonas Schreiber (Autor), 2013, Das Ideal der Imitatio Christi in Georg Büchners Erzählung "Lenz". Ein Instrument der Dsziplinarmacht?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/314235

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