Entstehung und Verbreitung römischer Tafelgeschirrsupplemente. Feinware und frühe glasierte Keramik von der Republikanischen Zeit bis zum Ende des ersten Jahrhunderts nach Christus


Bachelorarbeit, 2014
44 Seiten, Note: Sehr gut

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1. FEINWARE (DÜNNWANDIGE KERAMIK)
1.1. FORSCHUNGSGESCHICHTE
1.2. FABRIKATE UND WARE
1.3. GENESE DER FEINWARE IN REPUBLIKANISCHER ZEIT
1.4. FORMENSCHATZ
1.4.1. DÜNNWANDIGE TRINKBECHER
1.4.2. RIPPENBECHER
1.4.3. ACO-BECHER
1.4.4. FALTENBECHER
1.4.5. Schalen und SCHÄLCHEN
1.4.6. DÜNNWANDIGE KERAMIK AUS DEM MEDITERRANEN OSTEN
1.5. OBERFLÄCHENMERKMALE
1.5.1. ÜBERZUG
1.5.2. DEKOR
1.6. VERBREITUNGSGEBIETE UND REGIONALE PRODUKTIONSZENTREN
1.7. RESÜMEE

2. FRÜHE GLASIERTE KERAMIK
2.1. FORSCHUNGSGESCHICHTE
2.2 HERSTELLUNG GLASIERTER WARE: ARBEITSABLÄUFE, GLASUR UND BRANDFÜHRUNG
2.3. ENTSTEHUNG UND VERBREITUNG
2.4. RESÜMEE

3. BIBLIOGRAFIE

4. ABKÜRZUNGEN

5. ABBILDUNGSNACHWEIS

1. FEINWARE (DÜNNWANDIGE KERAMIK)

Neben Metallgefäßen (aus Silber, Bronze und Messing) und Glasutensilien gehörte auch irdene Ware zum Tafelgeschirr. Der Bedarf an Trink- und Speiseutensilien wurde – wie sich anhand von Fundvergesellschaftungen nach-weisen lässt – in ganz erheblichem Maße durch „dünnwandige Keramik“ ergänzt.[1] Grosso modo lässt sich ein Verhältnis von Terra Sigillata zu pareti sottili zwischen zirka 1:10 und 1:25 feststellen.

Diese Bezeichnung für Tafelgeschirr, welches sich durch seine geringe Wand-stärke von ca. 0,1 bis maximal 0,5 cm von der Gebrauchskeramik abhebt, hat sich in den letzten Jahrzehnten als brauchbarer Arbeitsbegriff in der Fachwelt durchgesetzt.[2] Aufgrund der Formen erscheint eine Ver-wendung bei Tisch als gesichert. Über die Qualitätskriterien, nach denen in römischer Zeit Keramikprodukte beurteilt wurden, lässt sich derzeit noch keine Aussage treffen. Ebenso fehlen definitive Hinweise, dass es etwaige Geschirrsätze für diese Keramikart – so wie bei Terra Sigillata nachgewiesen – gegeben hat. Nichts spricht gegen ein Set aus einem hohen Becher und einer gleichartigen, halbkugeligen Schale. Dennoch überwiegt der Eindruck von ausschließlich aus Einzelteilen bestehenden Ergänzungen zum übrigen Tafelgeschirr.[3]

Generell handelt es sich dabei um Becher und Schälchen beziehungsweise kleine Töpfe (Näpfe)[4], die vom Ende des 2. Jhs. v. Chr.[5] bis in die Spätantike sehr variantenreich – jeweils dem Zeitgeist entsprechend – produziert wurden. Flaschen und Krüge sind als Tafelgeschirrsupplement meist aus einem anderen Material hergestellt worden.[6]

Aufgrund der unterschiedlichen chemischen Zusammensetzungen der Tone, Varianz der Brenntemperatur und verschiedenartigen Oberflächenbehandlungen variiert die Farbe des Endproduktes von rotgelb bis schwarz. Daran lässt sich erkennen, dass es nicht leicht war einen adäquaten Oberbegriff für diese Keramikgattung zu finden, denn die Oberflächen-beschaffenheit als abgrenzendes Kriterium festzulegen, verlief in einer Sackgasse.[7] Auch andere Kriterien erwiesen sich als nicht sehr praktisch bei der Erstellung einer Klassifi-zierung.

Neuerdings gliedert die frankophone Keramikforschung das hier behandelte Trinkgeschirr systematisch in céramique à glaçure plombifère, céramique à parois fines, céramique engobée und céramique métallescente.[8]

1.1. FORSCHUNGSGESCHICHTE

Die systematische Erforschung der dünnwandigen Keramik hat erst vor ca. 70 Jahren begonnen. Der erste Wissenschaftler, der den Begriff pareti sottili[9] verwendet hatte, war Nino LAMBOGLIA. 1943 schrieb er eine Rezension zu der Arbeit von Christoph SIMONETT über die „Tessiner Gräberfelder“ und modifizierte dabei den dort gewählten Ausdruck.[10] „Terra Nigra“[11] als Gattungsbezeichnung für die gesamte dünnwandige Warengruppe festzulegen, griff etwas zu kurz.

1973 erschien eine erste Monographie über thin walled pottery . Maria Teresa MARABINI MOEVS untersuchte das in der römischen Kolonie Cosa an der etrurischen Küste von 1948-1954 ergrabene Material und erstellte einen Formenkatalog.[12] Der Frage nach den Produktionszentren ist sie nicht näher nachgegangen, jedoch lässt die Analyse ihrer Arbeit den Schluss zu, dass die meisten Funde aus der näheren Umgebung stammen und somit eine ursprüngliche etrurische Provenienz befürworten. Bestätigt wird diese These durch die Arbeit von Marie-Hélène und Jacques SANTROT über die Citerne 5 in Bolsena.[13]

Einen anderen Ansatz für die parois fines wählte Françoise M AYET 1975, indem sie Fund-stücke der iberischen Halbinsel analysierte und ihnen mögliche Produktionszentren zuwies.[14] Die Forscherin adaptierte dabei die Typologie von M ARABINI MOEVS , deren Formen sie teilweise vereinheitlichte, andere aber wieder zusätzlich zu unterscheiden versuchte.

Richtungsweisend für die Erforschung der Produktionsstätten und damit der, für Keramiktransporte genützten Handelswege in den zentraleuropäischen Provinzen, ins-besondere für Zentral- und Südgallien, war die Publikation von Kevin G REENE 1979.[15] Zwar widmet sich die Studie nicht ausschließlich der thin walled pottery, da das komplette Fundspektrum der Grabung 1965-1976 des Legionslagers an der Mündung des Usk im Südwesten von Wales erfasst werden sollte, sie bietet aber neben wirtschaftshistorischen Überlegungen die erste provenienzorientierte Typochronologie.

Einen tiefen Einblick in das Formenspektrum norditalischer Werkstätten gewähren die Ausgrabungen auf dem Magdalensberg (1948-2012) in Kärnten, da es sich bei den Fundstücken größtenteils um dorthin importiertes Tafelgeschirr handelt. Trotz kurzer Belegdauer der Stadt von circa 50 v. Chr. bis 50 n. Chr. konnte Eleni S CHINDLER -K AUDELKA 1975 eine chronologische Abfolge der knapp 150 Formen erstellen, die sie – aufgrund fehlender Provenienzanalysen in den vermuteten Herkunftsgebieten – nach Fabrikaten gliederte.[16] Ergänzt mit Überlegungen zur Herkunft, Verwendungszweck und Herstellungs-verfahren gehören das Buch „Die dünnwandige Gebrauchskeramik vom Magdalensberg“ und der typologisch weiterführende zweite Teil 1998 sowie der kontextuell aufgebaute dritte Teil 2012 mit zur Basislektüre zu diesem Thema.[17]

Mit dem Ziel eines, für das gesamte Römische Reich, gültigen Corpus auf formenkundlicher Grundlage zu erstellen, veröffentlichte Andreina RICCI 1985 im „Atlante delle Forme“ eine Typologie, die sich auf zwei Grundformen reduzierte: Becher (Form 1) und Schalen (Form 2).[18] Morphologische Charakteristika werden der Form, getrennt durch einen Schrägstrich, mittels Codierung hinzugegeben. Aus praktischen Gründen ist bis heute eine kontextuale Klassifizierung nach fabrics[19], wie Verena GASSNER bereits 1991 für die, in Carnuntum[20] vertretene, italische und pannonische Ware vorgeschlagen hatte und mit den online verfügbaren „Provenance Studies on Pottery in the Southern Central Mediterranean from the 6th to the 2nd c. B. C.“[21] umgesetzt hat, eine gangbare Alternative. Aufbauend auf der von David Peacock[22] definierten Scherben-klassifikationsmethodik, konnten so den Keramikgruppen in vielen Fällen einzelne Produktionsorte zugewiesen und durch petrographisch-mineralogische Analysen oder anhand von Vergleichen mit Referenzstücken, deren Herkunft durch Dekor, Töpferstempel, Töpfereiabfall etc., eindeutig eruierbar war, bestimmt werden.[23]

1.2. FABRIKATE UND WARE

Die Werkstättenzuordnung anhand einzelner Fabrikate[24] hat sich in den letzten Jahrzehnten häufig als Fehlerquelle erwiesen, da im Gegensatz zur Terra Sigillata die Feinware in der Regel nicht in der Formschüssel getöpfert wurde[25] und somit keine „stereotype“ Uniformität in der Ausführung zeigt, was sich als hilfreiches Zuordnungskriterium bewährt hat.

Gruppiert der Begriff fabric den Scherben nach optischen und mineralogisch-petro-graphischen Eigenschaften, konzentriert sich die Fabrikatsgliederung, neben Spezifika des Materials, auch auf technologische Besonderheiten und die Formgebung[26].

Fabrikat ist ein Ausdruck unter dem eine Gruppe von Gefäßen subsummiert wird, die eine Reihe von ähnlichen Merkmalen aufweisen. Dazu gehört der makroskopische Befund (Ton

Farbe, Härte, Struktur, spezifisches Gewicht, etc.) sowie eine allfällige Oberflächen-behandlung (Überzug, double dipping, polieren, glätten, etc.); weiters technische und formale Besonderheiten (Herstellungstechnik, naturwissenschaftliche Befunde, Größenmarge und Proportionen, Henkelanbringung, Standringfaconnierung, etc.). Hinzu kommen kontextuelle Eigenschaften wie Auftreten in zeitgleichen Horizonten, geographische und sonstige Hinweise. Ebenso kam es vor, dass verschiedene fabrics in derselben Tongrube gestochen wurden. Der Rohstoff hatte ursprünglich die gleiche Zusammensetzung und bildete erst bei seiner Weiterverarbeitung (Schlämmung, Magerung, sowie Varianz in der Brennatmosphäre und -temperatur), die, für den Scherbentyp, charakteristischen Eigenschaften aus.[27] Daraus folgt, dass die Bezeichnung Fabrikat nicht zwingend mit einer Produktionsstätte gleich-zusetzen ist.[28]

Auf dem Magdalensberg ließen sich zehn verschiedene Fabrikate unterscheiden, die nicht für ganz Noricum, geschweige denn für den gesamten Westen des Römischen Imperiums als praktisches Ordnungskriterium fungieren können. Die untenstehende Auflistung soll eine Gliederungsmöglichkeit aufzeigen; sie ist aber – aufgrund ihrer eingeschränkten Allgemein-gültigkeit – auf die aussagekräftigsten, relevantesten Tontypen im italischen Raum (mit angrenzenden Regionen) reduziert.

TONGRUNDIGE WARE, Fabrikat A:

In diese Rubrik, die den Großteil des pareti sottili Spektrums abdeckt, fällt die gesamte nicht überzogene Feinware. Ihr Ton ist fein geschlämmt, oxidierend gebrannt und sehr variantenreich in der Formgebung und Dekoration. Im Fundmaterial des Magdalensberg stechen zwei Formen besonders heraus: der konische Steilrandbecher mit versetzten Reliefstreifen (Abb. 1 / Form 2) und das halbkugelige Schälchen (Abb. 1 / Form 28). Etrurische Provenienz wird ebenso angenommen, wie die Entwicklung in mittelitalischen Werkstattkreisen, der Padana und der Campana. Häufig kommt die tongrundige Feinware auch in spanischen und balearischen Produktionen vor. Grob einzuordnen ist das Fabrikat A in augusteische Zeit.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

OXIDIEREND GEBRANNTE RAUE WARE, Fabrikat B:

Da diese Keramik nicht ganz so dünne Wandungen aufweist, bereitet sie „im Feld“ oft Probleme bei der Zuordnung. Als Grundcharakteristika kann man zusammenfassen, dass sie aufgrund des sehr sauerstoffhaltigen Brand eine lebhafte Varianz in der Farbgebung – von orange- bis rosabraun – aufweisen. Oft wirken die Tone fleckig und sind mit einer rauen Körnung ausgestattet. Die Magerungspartikel sind mit freiem Auge nur bei einem frischen Bruch zu erkennen. Formspezifisch fallen alle leicht, hart und kompakt wirkenden – meist undekorierten – Schalen und Becher in diese Kategorie. Die Blütezeit der oxidierend gebrannten rauen Ware kann man mit tiberischer Zeit ansetzen, und klingt mit dem Ende des 1. Jhs. n. Chr. langsam aus.

REDUZIEREND GEBRANNTE RAUE WARE OHNE ÜBERZUG, Fabrikat C:

Die Bezeichnung umfasst alle pareti sottili (von halbkugeligen Schälchen bis schlanke Becher) die reduzierend gebrannt, keine Beschichtung aufweisen und somit in den unterschiedlichsten Grautönen vorkommen. Teilweise zeigt sich die Tonqualität dieses Fabrikats feiner als ihr reduzierend gebranntes Pendant B. Nur selten erkennt man helle Einschlüsse im Bruch. Markant für C und D ist ein zarter Blauschimmer, jedoch blieb die raue Ware i. d. R. ohne Dekor. Nur wenige Gefäße tragen eine Barbotinebeschichtung, Ritzlinien oder eine Kammstrichverzierung. Zeitlich bewegen wir uns vermehrt in den tiberischen Regierungsjahren.

REDUZIEREND GEBRANNTE „EIERSCHALENWARE”, Fabrikat D:

Diese extrem dünnwandige und sehr harte Keramik tritt in Fundkomplexen meist ohne Überzug auf. Nach dem reduzierend geführten Brand werden die Gefäße – meist sind es Schälchen – seidig glatt, poliert und hauptsächlich in Zonengliederung mit sehr feinen Rädchenkerben verziert. Die Bezeichnung Terra Nigra ist heutzutage irreführend, zumal der aktuell gültige Fachausdruck die dunkel gebrannte, belgische Ware und ihre Verwandten bezeichnet. Als grobe Datierungsrichtlinie kann man die spättiberische Regentschaft annehmen.

GRAUE WARE MIT SCHWARZEM ÜBERZUG UND BARBOTINEDEKOR, Fabrikat E:

Es sind dies halbkugelige bis zylindrische Schälchen und Becher aus reduzierend gebrannten, feinen dünnen und leichtem Ton mit dunkelgrauer bis schwarzer Engobe. Charakteristisch ist die große Variationsbreite des vegetabil anmutenden Dekors oft in Kombination mit Rädchenverzierung oder Grießbewurf im unteren Teil der Oberfläche. Große lagerungs-bedingte Qualitätsunterschiede fallen auf. Teilweise treten weiche, kreidige Gefäße mit blättrigen Überzug und flüchtig aufgetragener vegetabler oder ornamentaler Pinselbarbotine auf. Vor allem waren gezahnte Schuppen sehr gefragt. Ebenso trifft man aber auf Stücke mit klingend harten und metallisch glänzenden Überzügen. Die Engobenaufbringung ist ein Indiz für die 2. Hälfte des 1. Jhs. n. Chr. In dieser Zeit wurde Fabrikat E an vielen Orten produziert und weiträumig gehandelt. Die Funde streuen von Norditalien bis in den Osten des Imperiums, und von den Tessiner Gräberfeldern über Slowenien bis an die untere Donau.

ROTTONIGE ITALISCHE „FIRNISWARE“, Fabrikat F:

Der Begriff fungiert als Sammelbezeichnung für alle oxidierend gebrannten Feinwaren-formen mit Überzug. Statistisch gesehen, kann – neben (Falten-)Bechern – das halbkugelig-zylindrische Schälchen als Leitform gelten. Inhomogenität stellt ein eindeutiges Indiz für verschiedene Werkstätten dar. Dies fällt speziell auf, wenn man in direkten Vergleich mit ihren reduziert gebrannten Verwandten tritt. Als Dekoration sticht hier besonders Grieß-bewurf hervor; jedoch ebenso voll im Trend ab tiberischer Zeit waren Omegaschuppen. Italische Produktionsstätten können in Mittel- oder Süditalien, inklusive Sizilien verortet werden. Neben umfangreichen Produktionen in Gallien, von Lyon über die großen Sigillatabetriebe bis hin zu kleinen Töpfereien wurde Grießbewurfware auch im östlichen Mittelmeerraum sowie auf der iberischen Halbinsel ebenso wie im Süden von Pannonien hergestellt.

GELBTONIGE „FIRNISWARE“, Fabrikat H:

Es handelt sich bei dieser Keramik um einen hart gebrannten und recht dichten Scherben. Durch die schwache Magerung ist die Ware eher seifig in der Berührung. Obwohl sie typologisch der dünnwandigen Keramik zuzurechnen ist, tritt sie etwas dicker geformt und in der Machart etwas gröber, oft auch mit Schuppen und Netzwerkdekor auf. Allein auf makroskopischer und formenkundlicher Grundlage kommt Lyon la Muette, trotz nicht eindeutig auswertbarer Analysen, als Herkunft in Frage.

1.3. GENESE DER FEINWARE IN REPUBLIKANISCHER ZEIT

Dünnwandige Keramik als eine eigene Keramikklasse und Ausdruck eines kleinasiatischen Modegeschmacks zu identifizieren, der dann zu Beginn des 2. Jh. v. Chr das westliche Mittelmeer erobert haben soll, konnte bisher nicht nachgewiesen werden.[29] Vice versa deutet vieles auf eine europäische im speziellen italische Entwicklung hin, die sich einerseits durch einen Feinwaremangel in hellenistischen Fundkontexten, beispielsweise in Ephesos[30], bemerkbar macht, andererseits aber Belege in frühen Zentren wie Rom, Sutri, Pollentia, Numantia, aber auch aus Funden in Schiffswracks wie den Grand Congloué liefert. Im Osten herrschten andere Sitten und Gebräuche. Dort erfüllten vor allem die modelgeformten megarischen Becher funktionell das, was später im westlichen Mittelmeerraum die Feinware ausmachte.[31]

Eine mögliche Hypothese wäre, die Entstehung der Ceramica a pareti sottili in republi-kanischer Zeit als das Resultat technischer Adaption töpferischer Fertigkeiten unter-schiedlicher Strömungen anzusehen. Eine stellt das kulturelle Erbe eines prähistorischen Europas dar und auf der anderen Seite nimmt sie, mit der Übersetzung scharfer Konturen metallischer in irdene Formen, eine hellenistische Tradition auf.[32] Zu Beginn des 2. Jh. v. Ch. haben bestimmte historische Geschehnisse dazu geführt, dass diese unterschiedlichen Kulturstränge zusammen stießen.[33]

Markant für die Oberfläche der Feinware in republikanischer Zeit ist, dass sie keinen Glanztonüberzug aufweist, wie es bei schwarz- oder rotfiguriger Vasenmalerei[34] üblich war. In seltenen Fällen stößt man auf geprägte Werkstättenstempel, was für Feinware sehr unüblich war. Die Sitte des Stempelns wurde vom megarischen Becher übernommen, der jedoch gefirnist war.[35]

Der Grund für die Überzugaufbringung bei den pareti sottili hängt mit der Qualität der vorhandenen Tone zusammen. Dort, wo die Tonbeschaffenheit ausreichend war, sah man von einer Beschichtung ab, und der Werkstoff blieb tongrundig. Jedoch nicht immer konnte der Töpfer auf einen derart geeigneten Rohstoff zurückgreifen, sodass man Maßnahmen treffen musste, um die geforderte, geringe Porosität zu erreichen. Eine Möglichkeit die vermehrte Überzugsaufbringung in der frühen Kaiserzeit zu erklären, wäre, dass die Notwendigkeit zu einer Modeerscheinung avancierte. Verantwortlich für die Farbe des Endprodukts, die von rötlich bis grau mit allerlei Zwischentönen reichte, war der Feuerungsprozess.[36]

Schwarze Glanztonkeramik besitzt im hellenistischen Osten eine lange Tradition, die sich in der Formgebung oftmals, den Modetrends folgend, an metallischen Vorbildern orientierte.[37] Auch im griechisch geprägten Süden Italiens wurde solche Kerami[38] seit Jahrhunderten hergestellt, die von Nino LAMBOGLIA Campana benannt wurde.

Das fortschreitende Desinteresse an Vasen mit bemalten Oberflächen – das, durch das Herausbilden einer völlig neuen Esskultur mit neuen Trinksitten nur noch schneller vorangetrieben wurde – hat die Töpfer der hellenistischen Welt wahrscheinlich zum Experimentieren mit neuen Formen und Dekorationen gebracht. Zum Teil griffen die Professionisten dabei auf toreutische Silbervorbilder zurück, die dann zur Herstellung des halbkugelförmigen, henkel- und fußlosen Reliefbechers mit Ornamentdekor – des sogenannten Megarischen Bechers[39] – führte. Farbe und Dichte des Überzuges variierte stark von schwarzem, rotem und scheckigem sowie glänzendem bis mattem Überzug. Die Produktion dieser raffiniert ausgeführten Feinwarengattung begann in der zweiten Hälfte des 3. Jhs. v. Chr. in Athen, weitete sich aber bald auf mehrere Zentren in Griechenland, in der Ägäis und im westlichen Kleinasien aus und dauerte bis ins späte 1. Jh. v. Chr. an.

Indes steht die Mehrheit der Formen, die mit pareti sottili in Verbindung gebracht werden kann, in italischer Tradition, die den einen oder anderen formalen Einfluss aus dem südlichen Latène aufgriff.[40]

[...]


[1] HAYES 1997, 67-71.

[2] LAMBOGLIA 1950.

[3] Dünnwandige Teller sind bisher noch nicht nachgewiesen worden. Was gehenkelte Formen betrifft, könnte es sich dabei auch um kleine Krüge handeln, die aus der hellenistischen Tradition stammen. Für weitere Aspekte und Ideen über mögliche Nutzung der einzelnen Typen siehe SCHINDLER-KAUDELKA 1975, 177-185.

[4] Näpfe unterscheiden sich von den Bechern durch ihre etwas größeren Dimensionen sowie durch ihren im Verhältnis zur Höhe größeren Randdurchmesser. In dieser Arbeit wird jedoch nicht näher auf kleine Töpfchen eingegangen.

[5] MAYET 1975, 11. Vor allem findet man pareti sottili in Fundzusammenhängen des 1. Jhs. v. und 1. Jhs. n. Chr.

[6] GASSNER 1997, 156. Gehenkelte dünnwandige Keramik hat im gesamten Mittelmeerraum Tradition. Jedoch war das Produktionsspektrum breiter, als, dass jedes Fragment mit Henkel zwingend ein Krug sein müsste.

[7] CARANDINI 1977, 25.

[8] BRULET ET ALII 2011, 286-358.

[9] Die extreme Dünnwandigkeit als Abgrenzungskriterium zu anderen Keramikgattungen hat sich besonders im frankophonen Sprachraum festgesetzt: Céramiques à parois fines, Cerâmica de paredes finas oder im Englischen thin walled pottery.

[10] N. LAMBOGLIA, Recensione a Ch. Simonett, Tessiner Gräberfelder. Monographie zur Ur- und Frühgeschichte der Schweiz 3 (Basel 1941), in: RSL 9 (1943) 180-183.

[11] Bei Terra Nigra handelt es sich nur selten um dünnwandige Keramik, die reduzierend schwarz gebrannt und i. d. R. mit einem Glanztonüberzug versehen wurde. Diese Feinkeramik, die auch als Belgische Ware bezeichnet wird, nimmt zum Teil Terra Sigillata Formen auf; greift aber ebenso auf keltische Traditionen zurück. Vgl. X. DERU, La céramique belge dans le Nord de la Gaule: caractérisation, chronologie, phénomènes culturels et économique. Publications d’histoire de l’art et d’archéologie de l’Université Catholique de Louvain 89 (Louvain -la-Neuve 1996).

[12] M. T. MARABINI MOEVS, The Roman Thin Walled Pottery from Cosa (1948-1954). MemAmAc 32 (Roma 1973).

[13] M.-H. u. J. SANTROT (Hrsg.), Fouilles de l’Ecole Française de Rome à Bolsena (Poggio Moscini) 7. La Citerne 5 et son mobilier. Production, importations et consommation IIIe siecle/debut Ier siecle av. J.-C. et deuxieme tiers du Ier siecle ap. J.-C. (Paris 1995).

[14] Die untersuchten Gegenstände stammten aus meist kontextlosen Museumsbeständen. Siehe dazu F. MAYET, Les céramiques à parois fines dans la Péninsule Ibérique. Publications du Centre Pierre Paris 1 (Paris 1975).

[15] K. GREENE, The Pre-Flavian Fine Wares. Report on the Excavations at Usk 1965-1976 (Cardiff 1979). Zur Feinwaren-Typologie siehe 106-130.

[16] E. SCHINDLER-KAUDELKA, Die dünnwandige Gebrauchskeramik vom Magdalensberg. Archäologische Forschungen zu den Grabungen auf dem Magdalensberg 3. Kärntner Museumsschriften 58 (Klagenfurt 1975).

[17] DIES., Die dünnwandige Gebrauchskeramik vom Magdalensberg 2. Die pareti sottili vom Südhang des Magdalensberges. Die Ausgrabungen auf dem Magdalensberg 1980 bis 1986. Magdalensberg-Grabungsbericht 16 (Klagenfurt 1998). Eine aktualisierte Zusammenfassung des Forschungsstandes bietet DIES., La ceramica a pareti sottili del Magdalensberg 1975-1998-2011, in: I. Lazar - B. Županek (Hrsg.), Emona: med Akvilejo in Panonijo (Koper 2012) 323-366.

[18] A. RICCI, Ceramica a pareti sottili, in: G. Pugliese Carratelli (Hrsg.), EAA 2 (Roma 1985) 231-357.

[19] Der Begriff dient, um den Scherbentyp festzulegen und umfasst – abgesehen von der Zusammensetzung (Textur) des gebrannten Tons – auch Farbe und Struktur des Materials. Es handelt sich jedoch hierbei um ein Kriterium, das sich ausschließlich auf die Qualität des Scherbens bezieht. Siehe dazu V. GASSNER, Materielle Kultur und kulturelle Identität Eleas in spätarchaisch-frühklassischer Zeit. Untersuchungen zur Gefäss- und Bau-keramik aus der Unterstadt (Grabungen 1987-1993). Velia-Studien 2 (Wien 2003) 26.

[20] V. GASSNER, Mittelkaiserzeitliche glasierte Ware aus Pannonien. CarnuntumJb (Wien 1991) 9-55.

[21] www.facem.at (zuletzt konsultiert am 8.3.2014).

[22] D. PEACOCK, Pottery and early commerce. Characterization and trade in Roman and later ceramics (London 1977) 21-34.

[23] Rückschlüsse auf bestimmte Werkstätten sind deshalb möglich, da Scherbentypen mit gleichen mineralogisch-petrographischen Eigenschaften die Verwendung desselben lokal verarbeiteten Rohstoffes nahe legen. Vgl. GASSNER 2003, 27.

[24] Zur Unterscheidung Fabrikat vs. fabric in allen Einzelheiten GASSNER 2003, 26 f.

[25] Relativiert wird die Aussage durch eine Reihe modelgeformter pareti sottili (z. B. Aco-Becher oder ephesischer Becher).

[26] Zwar haben sich insgesamt acht Grundformen (SCHINDLER-KAUDELKA 1998, Abb. 14) innerhalb der Fabrikate herauskristallisiert, jedoch soll der ernormen Formenvielfalt im Detail damit nicht entgegen gearbeitet werden.

[27] Zu den grundlegenden Unterscheidungskriterien des Scherbentyps siehe ORTON 1993, 67-70, 132 f.

[28] Die Beschreibung der einzelnen Fabrikate und ihre Definition erfolgte nach der von Eleni Schindler-Kaudelka für den Magdalensberg erarbeiteten Einteilung, die für Importe aus Italien – aufgrund regelmäßiger Updates – auch heute noch repräsentativ ist. Siehe dazu SCHINDLER-KAUDELKA 1975, 29-36; DIES. 1998, 396-402; DIES. 2012, 323-335. Ergänzungen zu den Fabrikaten, speziell ihrer Herkunft betreffend: RICCI 1985, 343-353; BALZANO 1995, 104-111; LOPEZ MULLOR 2008, 343-380; MAYET 1980, 202-229; FAGA 2007, 127-141; GASSNER 1991 b, 253-292, besonders für Fabrikat F 261; DIES. 1992, 445-463.

[29] MARABINI MOEVS 1973, 35-45. Anders als im Westen fehlen jedoch umfassende Untersuchungen zur Frühzeit der Feinware in Kleinasien und Griechenland.

[30] JAPP 1999, 312. Bei den spärlichen Fundstücken scheint es sich um Importstücke aus Italien und Baetica zu handeln, die sich ab späthellenistisch-augusteischer Zeit mehren und eine Übernahme römischer Trinksitten im griechisch geprägten Osten verdeutlichen. Siehe dazu auch HAYES 2008, 96.

[31] RUTH-RUBI 2006, 60-63; VEGAS 1975, 4.

[32] Zwar ist dieser Ansatz nur schwer verifzierbar, und wenn, dann nur sehr simplifizierend, wie z. B. Luigi Pedroni die Implantation der arretinischen Werkstätten darstellt. Vgl. L. PEDRONI, Riflessioni sulla nascita dell'Aretina. Ostraka 4.1 (1995) 195-204.

[33] Im Zuge des 2. Makedonischen Krieges (200-196 v. Chr.) und den darauf folgenden militärischen Expeditionen stieg das Imperium Romanum zur Hegemonialmacht in Griechenland, dem Ägäisraum und großen Teilen Kleinasiens auf. Auch in Norditalien betrieben die Römer spätestens ab dem 2. Punischen Krieg (218-201 v. Chr.) eine planmäßige, politische Erschließung der Poebene, die von gallischen Stämmen der Cenomanen, Insubrer und Boier besiedelt war. Als entscheidender Faktor für die militärische, wirtschaftliche und auch kulturelle Durchdringung Italiens erwies sich der Straßenbau, der ab etwa 200 v. Chr. forciert wurde und somit den Handel zu Lande in eine neue Ära führte. Siehe dazu ausführlich H.-J. GEHRKE - H. SCHNEIDER (Hrsg.), Geschichte der Antike. Ein Studienbuch 3(Stuttgart 2010) 284-288. 291 f.

[34] Bereits im 5. Jh. v. Chr. entstanden in der Magna Graecia bedeutende Werkstätten, die sich der Glanztontechnik bedienten und in Konkurrenz zu attischen Werkstätten traten. Sicherlich wird versucht worden sein den genuin griechischen Stil zu kopieren, womit man aber – aufgrund von marginaler Ausbreitung – nur lokale Bedeutung erlangt hatte. Vgl. T. MANNACK, Griechische Vasenmalerei. Eine Einführung (Darmstadt 2002) 129-133 (Schwarzfigurige Vasen in Italien), 160-167 (Unteritalische Vasen).

[35] Zu „Fine Wares Forerunners“ siehe HAYES 1997, 37-41.

[36] MANTOVANI 2002, 217-240.

[37] GASSNER 1997, 39-58. Damit werden alle mit einem „gut deckenden Tonüberzug“ versehene Gefäße bezeichnet, deren Oberfläche sich – im Gegensatz zur Terra Sigillata – nicht glatt, sondern meist körnig und nur matt glänzend präsentieren. Glanzton im englischen slip, im französischen engobe, im italienischen vernice ist der Überbegriff, auch Sigillata hat einen Glanztonüberzug. Dort ist er aber systemimmanent und wird nicht extra erwähnt; JAPP 1999, 303 f. Behältnisse, die sich durch eine cremefarbene, mattglänzende Oberfläche auszeichnen und deshalb als „Eierschalenware“ bezeichnet werden, stammen u. a. aus Pergamon; Die Form Mayet 34 aus der Baetica überschwemmte das gesamte Imperium. Im Hausrat des 1. Jhs. an der Donau wirkt das Artefakt eher exotisch und unerwartet. Siehe zuletzt E. SCHINDLER-KAUDELKA - E. RUPRECHTSBERGER, Das Fundmaterial aus zwei frührömischen Erdkellern auf der Keplerwiese in Linz/Römerberg. ÖJH 81 (Wien 2012) 233-276, besonders 259; Abb. 7 a. b, 1-6.

[38] PEACOCK 1982, 115. Die Campana stieg in den letzten drei Jahrhunderten v. Chr. zu einem der wichtigsten italischen Keramikproduktionszentren auf. Die überwiegende Zahl der ab dem 2. Jh. v. Chr. in den gallischen Norden gelangten schwarzen Glanztonware stammt allerdings aus den im Anschluss daran entstandenen Produktionen in Mittel- und Norditalien.

[39] Zur Definition, Herstellungstechnik und Forschungsgeschichte mit Angaben weiterführender Literatur siehe A.-U. KOSSATZ, Funde aus Milet 1. Die megarischen Becher (Berlin 1990) 1-7.

[40] MARABINI MOEVS 1973, 35-45.

Ende der Leseprobe aus 44 Seiten

Details

Titel
Entstehung und Verbreitung römischer Tafelgeschirrsupplemente. Feinware und frühe glasierte Keramik von der Republikanischen Zeit bis zum Ende des ersten Jahrhunderts nach Christus
Hochschule
Universität Wien  (Klassische Archäologie)
Veranstaltung
Römisches Tafelgeschirr
Note
Sehr gut
Autor
Jahr
2014
Seiten
44
Katalognummer
V314668
ISBN (eBook)
9783668134133
ISBN (Buch)
9783668134140
Dateigröße
862 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
entstehung, verbreitung, tafelgeschirrsupplemente, feinware, keramik, republikanischen, zeit, ende, jahrhunderts, christus
Arbeit zitieren
Alexander Schobert (Autor), 2014, Entstehung und Verbreitung römischer Tafelgeschirrsupplemente. Feinware und frühe glasierte Keramik von der Republikanischen Zeit bis zum Ende des ersten Jahrhunderts nach Christus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/314668

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